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„Ein Tyrann von wunderbarer Leuchtkraft“ – Ruth Klügers Vaterfragmente

geschrieben von: Lucas Schoppe

Ruth Klügers Autobiographie weiter Leben. Eine Jugend aus dem Jahr 1992 gehört zu den Texten, die mich am meisten beeindruckt haben. Klüger wurde 1931 als Tochter einer jüdischen Familie in Wien geboren, 1942 mit der Mutter zuerst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz deportiert. Sie floh, ging nach dem Krieg in die USA, wurde dort Professorin für deutsche Literatur und fing nach einer Gastprofessur in Göttingen an, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben – als „deutsches Buch“.

Klüger und ihre Mutter überlebten den Massenmord an den europäischen Juden, ihr Vater – der in Wien Frauenarzt gewesen war – und ihr Bruder nicht.

  1. „Tyrann von Wunderbarer Leuchtkraft“
  2. Vaterfragmente
  3. Feminismus, Vaterliebe und aufgeräumte Schubladen
 

„Tyrann von wunderbarer Leuchtkraft“

Sie könne, schreibt Klüger in ihrer Autobiographie, nicht von den Lagern erzählen, als sei noch nicht davon erzählt worden – „politisch, ästhetisch und auch als Kitsch.“ (S. 79) Als Kitsch bezeichnet sie beispielsweise ein Schild in Buchenwald, dass die Rettung eines jüdischen Kindes feiert, sowie einen Roman über diese Rettung:

Die Agitprop-Burschen, die das Schild vom geretteten Kind anbrachten, infantilisierten, verkleinerten und verkitschten damit den großen Völkermord, die jüdische Katastrophe im 20. Jahrhundert. Das ist mir der Inbegriff von KZ-Sentimentalität. Und der Roman über dieses Kind ist trotz der Achtung, die er genießt, ein Kitschroman. (74/75, der Roman ist Nackt unter Wölfen von Bruno Apitz)

Es ist wohl eben die durch das Schild und den Roman hergestellte Eindeutigkeit, welche die Erzählerin als Infantilisierung und Verkitschung beschreibt. Dass sie selbst Erinnerung nicht als eindeutiges und zusammenhängendes Ganzes präsentiert, sondern als etwas Mehrdeutiges und Disparates, wird insbesondere am Beispiel der Erinnerung an den ermordeten Vater deutlich und plausibel.

Im Rückblick sieht sie den Vater

als einen Menschen mit absoluter und doch falscher Autorität, ein Tyrann von wunderbarer Leuchtkraft, auf den man sich letzten Endes nicht verlassen konnte, denn er ist ja nicht wiedergekommen. (33)

Dass es im Rückblick und aus erwachsener Perspektive ungerecht ist, dem Vater den Vorwurf zu machen, nicht zurückgekehrt zu sein, ändert nichts an ihrer Enttäuschung. Dass sie ihren ersten Sohn nicht nach ihrem Vater benannt hat, um ihn nicht den Namen eines „elend Ermordeten“ zu geben, kommt der Erwachsenen allerdings manchmal

wie ein Verrat vor. Und vielleicht wollte ich ihm tatsächlich den an mir begangenen Verrat heimzahlen, nämlich dass er wegfuhr und nicht zurückgekommen ist, indem ich ihm ein Weiterleben in den Enkeln verweigerte. (26)

Diese Passagen sind mir in besonderer Weise in Erinnerung geblieben. Der Vater schließlich ist von den Nationalsozialisten ermordet worden – in einer Gaskammer in Auschwitz, wie Klüger zum Zeitpunkt der Niederschrift glaubt. Natürlich weiß die erwachsene Frau, dass ihr Vater nicht freiwillig fortgeblieben ist, dass er vermutlich auch nichts lieber getan hätte, als zu seiner Familie zurückzukehren. Trotzdem sind der Groll, die Enttäuschung, die Verletzung noch erhalten.

Für das unbedingte Bedürfnis des Kindes Ruth nach der Präsenz des Vaters spielt die erwachsene Logik, dass er an seinem Fernbleiben doch keine Schuld trage, keine Rolle – er müsste da sein, ist es aber nicht, und allein das zählt.

 

Vaterfragmente

Dabei beschreibt Klüger ihren Vater noch nicht einmal uneingeschränkt als positiv, sie stellt ihn mehrfach ambivalent dar: Er besitzt absolute Autorität, die sich als falsch erweist, er ist tyrannisch, aber eben zugleich „von wunderbarer Leuchtkraft“. Der „letzte, starke Eindruck“ aber, den er bei seiner Tochter hinterlässt, ist „Schrecken, Gewalt, ein Gefühl von erlittenem Unrecht und Erniedrigung.“ (32)

Beschuldigt, als Arzt eine Abtreibung vorgenommen zu haben, wird der Vater von der SS verhaftet. Bei einem großen Mittagessen nach der seiner Rückkehr aus dem Gefängnis wird seine Tochter Ruth, die seinen Kontakt sucht, ihm zu aufdringlich, er verprügelt sie vor den Augen einer Freundin und sperrt sie dann in ihr Zimmer. Auch als er vor seiner Abreise nach Frankreich einige Tage später vor ihrem Bett steht und sich verabschiedet, steht sie „noch ganz unter dem Eindruck des vorangegangenen Strafgerichts“, hat Angst vor ihm und kann sich nicht vorstellen, dass er sie ungern verlässt.

Zugleich hat sie ihn auch als vornehm und zurückhaltend in Erinnerung. Als sie nach ihrem Schultag aus dem Tor kommt, drängen sich dort die Eltern so, dass sie ihren Vater nicht sehen kann. „Er stand ganz hinten, angelehnt an ein Gitter, noch keine vierzig war er damals. Mein Gott, ich bin so viel älter geworden, als er es je war.“ (20) Auf die Frage der Tochter, warum er so weit vom Eingang entfernt stünde, antwortet er:

’Warum sich drängen? Wir haben ja nix zu versäumen.’ Da schien er mir der Vornehmste von allen, und die anderen Eltern mit ihren Ellenbogen waren ordinär. Ich nahm ihm versöhnt das Stanitzel, österreichisch für Tüte, mit den Bonbons ab, legte meine Hand in seine und ging sehr zufrieden nach hause.

Sehr viel später aber, „neulich am Telephon“, erzählt die Mutter der Autobiographin, der „Vater habe öfters behauptet, er habe keine Ellbogen, er könne sich nicht wehren, nicht drängen oder durchsetzen.“ (34) Das Motiv des fehlenden Ellbogeneinsatzes drückt also, wie eine Kippfigur, in der einen Perspektive Vornehmheit, in der anderen Schwäche aus.

Selbst die Feststellung, viel älter als der Vater geworden zu sein, ist mehrdeutig. Sie lässt sich als Ausdruck von Trauer lesen, aber auch als Ausdruck des Unglaubens, selbst mittlerweile viel älter zu sein als es der mit von der Tochter mit großem Respekt wahrgenommene Erwachsene jemals gewesen ist.

Noch immer, so scheint es, erlebt sie ihren Vater auch aus der Perspektive des Kindes, das sie war, und kann die Position der Älteren nur mit Staunen einnehmen. Die Widersprüchlichkeiten seines Verhaltens bleiben nach dem plötzlichen Abbruch des direkten Kontaktes zu ihm ungelöst bestehen, und auch die Erinnerungen der Mutter an ihn erscheinen der Autobiographin nicht hilfreich, um die eigene Erinnerung zu klären. „Wenn sie wahrhaftiger wäre; aber sie biegt sich die Welt zurecht, so gut sie’s kann. (…) Ihr Bild ist einheitlich, meines konfus.“

In der englischen Version der Autobiographie ist die Bemerkung eingefügt, dass alles, was mit ihm zu tun habe, unbeendet und dass nichts jemals gelöst worden sei. (33)

Ich sehe meinen Vater in der Erinnerung höflich den Hut auf der Straße ziehen, und in der Phantasie sehe ich ihn elend verrecken, ermordet von den Leuten, die er in der Neubaugasse begrüßte, oder doch ihresgleichen. (…) Wie bei jener Zeichnung, die man sowohl als Ente oder als Geldbörse sehen kann, aber nicht als beides gleichzeitig, und an der sowohl der Kunsttheoretiker Gombrich wie der Philosoph Wittgenstein ihre Freude hatten, kann ich die richtigen Gefühle für den lebenden oder für den sterbenden Vater aufbringen, aber sie vereinigen für die eine, untrennbare Person kann ich nicht. (…). Keine Notwendigkeit hält diese disparaten Vaterfragmente zusammen, und so ergibt sich keine Tragödie daraus, nur hilflose Verbindungen, die ins Leere stoßen oder sich in Rührseligkeit erschöpfen. (29/30)

 

Feminismus, Vaterliebe und aufgeräumte Schubladen

Klüger bezieht in ihrem Text ausdrücklich feministische Positionen, die zum Teil durchaus angreifbar sind – etwa wenn sie Täterschaft männlich bestimmt und beispielsweise „in Ermangelung von exaktem Material“ die These aufstellt, „daß es in den Frauenlagern im Durchschnitt weniger brutal zuging als in den Männerlagern“ (147)

Frauen – als Freundinnen, aber auch als potenzielle Leserinnen – spielen bei ihr eine zentrale Rolle, und so mag es durchaus sein, dass sie dieses Buch ohne ihre feministische Orientierung nicht hätte schreiben können. Es ist aber auch eine der großen Qualitäten des Textes, dass er in den so nahegelegten Eindeutigkeiten nicht aufgeht.

Die Beschreibung des Vaters als „Tyrann“ etwa lädt zu einer feministischen Zuspitzung regelrecht ein – und beispielsweise die Interpretin Irene Heidelberger-Leonard nimmt diese Einladung auch an, wenn sie räsonniert:

In der nazistischen, so in der jüdischen Infrastruktur waren es nie die jüdischen Frauen, die Machtpositionen innehatten, so dass sie selbst innerhalb der eigenen Reihen dem Überlebenstrieb ihrer männlichen Leidensgenossen ausgeliefert waren. (Irene Heidelberger-Leonhard, Eine weibliche Autobiographie nach Auschwitz?, S. 193)

Das problematisiert also selbst noch den Wunsch jüdischer Männer, am Leben zu bleiben, und schaltet Nationalsozialismus und Judentum mit staunenswerter Selbstverständlichkeit parallel. Klüger selbst hingegen ordnet die Elemente ihres Textes – und ihres Lebens – keineswegs so sauber in die verschiedenen Schubladen ein, und das einheitliche Bild, das die Mutter etwa vom Vater hat, erscheint ihr eben deshalb unglaubwürdig.

Bei aller Widersprüchlichkeit deutlich aber ist die große Bedeutung des Vaters, die Liebe der Tochter zu ihm und ihre bleibende Sehnsucht – und eben selbst noch bei der längst erwachsenen Frau der stille Vorwurf an ihn, nicht zurück gekommen zu sein.

Dass sie mit der Erinnerung in ihn niemals fertig ist, zeigt sich auch in Klügers amerikanischer Ausgabe ihres Textes, die im Jahr 2001 erscheint. Sie berichtet von einer Leserin der französischen Übersetzung ihres Buches, die ihr neue Informationen über ihren Vater zukommen lässt.

Wie um zu beweisen, wie sehr diese Geschichten immer weiter gehen, wie sehr diese Tode immer weiter gehen, schickt sie mir eine Email, gerade als ich meine Klage um ihn ins Englische übersetzt habe, und sie schreibt, dass sie eine Liste mit den Namen des Transports aus Drancy hat, meines Vaters Transport, Transport dreiundsiebzig von insgesamt neunundsiebzig.  Es waren hundert Männer, und sie wurden nicht nach Auschwitz gebracht, sondern nach Litauen und Estland, und wer weiß, wie sie gestorben sind. […] Ich sollte erleichtert sein, dass er nicht in diesem ultimativen Alptraum des Todes gestorben ist, in einer überfüllten Gaskammer, dass es ein anderer, und vielleicht etwas weniger alptraumhafter, Alptraum war. Aber jetzt muss meine mentale Inneneinrichtung neu arrangiert werden, und es fühlt sich an, als würde ich im Dunkeln durch mein Haus laufen, gegen irgendwelche Dinge stoßend. Wie starb er denn dann? (Still Alive, S. 39/40)

 

 

Ich habe nach einer Taschenbuchausgabe zitiert –  Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend, München 1997

Das englische Zitat stammt aus Ruth Kluger: Still Alive. A Holocaust Girlhood Remembered, New York 2003 Ich habe es für diesen Blogtext selbst übersetzt, dies ist der englische Originaltext:

„As if to prove how ongoing these stories, these deaths really are, just as I finish translating my lament for him into English, she e-mails me that she has the list of names from my father’s transport out of Drancy, transport number seventy-three of a total of seventy-nine. It was nine hundred men, and they didn’t go to Auschwitz, but to Lithunia and Estonia, and who knows how they were murdered. […] I should be relieved that he didn’t die that ultimate nightmare of a death, in a crowded gas chamber, that it was a different, and perhaps a slightly lesser, nightmare. But now my mental furniture has to be rearranged, and it feels as if I am running through my house in the dark, bumping into things. How did he die then?” 

Das Zitat von Irene Heidelberger-Leonard stammt aus: dies., Eine weibliche Autobiographie nach Auschwitz? Zu „weiter leben. Eine Jugend“ von Ruth Klüger, in: Heidy Margrit Müller, Das erdichtete Ich – eine echte Erfindung. Studien zu autobiographischer Literatur von Schriftstellerinnen, Aargau Frankfurt a.M. 1998, S. 187-200

Das Bild zum Beitrag stammt von der Entgegennnahme des Bayerischen Buchpreises im Jahr 2016.

Anmerkung: Ich habe aus aktuellem Anlass, dem Tod Ruth Klügers, diesen Beitrag etwas neu gestaltet, das Zitat zum Schluss ins Deutsche übertragen, aber ansonsten am Text nichts verändert. 12.10.2020

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