Nikolaus Zogg von männer.ch: „#AuchIch – für eine aufrichtige Auseinandersetzung von Männern mit Sexismus“

Nikolaus Zogg von männer.ch hat sich in einem Beitrag auf männer.ch für eine aufrichtige Auseinandersetzung von Männern mit Sexismus stark gemacht. Wieder einmal bei dieser Thematik ist der Duktus eher paternalistisch und inhaltlich bleibt der Text auf halbem Wege stecken: Männer als Opfer und Frauen als Täterinnen von Sexismus verbleiben ausserhalb des Sagbaren.

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Frauen sind Opfer und Männer Täter von Sexismus

Der Autor schreibt:

Man(n) muss kein Feminist sein, um Sexismus scheisse zu finden. Es reicht die einfache Einsicht: Ganz egal, ob Männer und Frauen «gleich» sind, gleichwertig sind wir in jedem Fall.

Ich frage mich bloß, weshalb hier, wenn es darum geht, auf Sexismus aufmerksam zu machen, auf den Feminismus rekurriert wird. Ist der Feminismus ein Garant dafür, dass es keinen Sexismus gegenüber Männern und Frauen gibt? Der Artikel erweckt den Eindruck, dass bei Sexismus nicht beide Geschlechter betroffen sein können und gewissermaßen nur Männer die Täter und Frauen die Opfer sind. Gibt es eigentlich keinen Sexismus gegen Männer? Sind Frauen nur Opfer und Männer nur Täter? Und wer behauptet beispielsweise, dass Männer und Frauen nicht gleichwertig sind?

Weshalb wird nur von Männern Verantwortung verlangt?

Der Autor schreibt:

Du benimmst dich anständig, sagst Dinge wie «Ich respektiere die Frauen» und glaubst, damit seist du fein raus? Irrtum! Männliche Verantwortung gegen Sexismus beginnt lange bevor du selbst sexistisch handelst.

Wo sind hier die Männer? Werden die alle respektiert? Sagen alle Menschen, sie würden die Männer respektieren? Und weshalb werden die Frauen ausgelassen, wenn es um die Verantwortung gegen Sexismus geht? Oder weshalb werden nur die Männer angesprochen?

Die Männliche Perspektive ist die Norm

Der Autor schreibt:

Das ist unfair, denn du selbst hast ja keine Privilegien und willst dir auch keine Erbschuld aufbürden lassen? So einfach ist es nicht. Als Männer haben wir Privilegien, ob wir sie wollen oder nicht. Wir haben allen voran das Privileg, uns in der Illusion sonnen zu können, unsere eigene Perspektive sei der Normalfall, die gesellschaftliche Mitte, die reine Vernunft. Und was Frauen und andere «Minderheiten» denken, können wir dann «interessant» oder «auch wichtig» finden, es bleibt immer eine Abweichung vom Nullpunkt, der durch unseren Standpunkt vorgegeben ist.

Weshalb weiss der Autor, dass alle Männer sich darin sonnen können, die eigene Perspektive sei der Normalfall oder die reine Vernunft? Gibt es diesbezüglich empirisch repräsentativ wissenschaftliche Untersuchungen, die genau das festgestellt haben oder ist das einfach die „gefühlte Wahrheit“ des Autors oder überträgt er gleichsam seine subjektive Sichtweise auf alle Männer? Und seit wann sind Frauen in der Schweiz oder z.B. in Deutschland eine Minderheit? Nummerisch sind Frauen in der Schweiz eine Mehrheit, was das Geschlecht anbelangt. Und wie kommt der Autor auf die Idee, dass die Population der Männer eine einheitliche Perspektive auf die Welt aufweist? Männer wählen unterschiedliche Parteien, lesen unterschiedliche Zeitungen und Bücher, schauen unterschiedliche TV-Programme etc.. Desgleichen ist die Population der Frauen mit ihren Präferenzen breitgefächert: Unterschiedliche Frauen wählen unterschiedliche Parteien und lesen unterschiedliche Bücher oder konsumieren unterschiedliche Medien etc. Weshalb sollte es folglich bloß eine männliche und eine weibliche Perspektive geben und diese Perspektiven sind dann auch noch vollends divergent?

Selbstkasteiung als Signum für Läuterung

Der Autor schreibt:

Wenn du kein Patriarsch sein willst, dann gibt’s nur eins: Hinschauen, bis es weh tut. Denn wenn es nicht weh tut, hältst du dich noch immer in der Komfortzone auf, dort wo du glaubst, irgendwie halt trotz allem dann doch noch ein gott- oder naturgegebenes Vorrecht in Anspruch nehmen zu können. Sorry, dieses Spiel ist vorbei.

Gibt es überdies auch eine Matriarsch? Und weshalb sollte das Hinschauen weh machen? Und warum hält sich ein Mann immer noch in der Komfortzone auf, wenn es nicht weh tut? Was genau sollte eigentlich weh tun? Geht es denn Menschen in Syrien, die vom Krieg betroffen sind, besser, wenn wir gleichsam in Depressionen verfallen? Geht es den Hungernden, Kranken, Behinderten, Invaliden, Kriegsbetroffenen in der Welt besser, wenn es uns schlecht geht oder wir in Depressionen verfallen?

Das hört sich alles ein bisschen nach religiöser Selbstkasteiung an: Wer Busse tut, wird innerlich rein und frei von seinen Sünden sein.

Und inwiefern sollten die Frauen nicht auch hinschauen, wenn Sexismus gegenüber Männern erfolgt oder ebenfalls gegen andere Frauen? Und von welchem gott- oder naturgegebenen Vorrecht spricht der Autor?

Echter, fehlender Respekt der Männer gegenüber den Frauen

Der Autor schreibt:

Jungs, jetzt haben wir 40 Jahre weibliche Emanzipation ausgesessen, ohne uns wirklich damit zu befassen oder uns zu bewegen. Wir haben vielleicht nachgegeben oder zumindest so getan. Aber wir haben es versäumt, echten Respekt zu zeigen, indem wir uns all diese Fragen wirklich nahe hätten kommen lassen. Die Schonfrist ist vorbei.

Das hört sich alles ein bisschen kryptisch an! Von welchem Respekt spricht der Autor? Und was genau meint er unter echtem Respekt? Und welche Fragen hätten sich die Männer näher an sich ran lassen sollen? Und was genau ist eigentlich mit den Frauen?

Der Autor schreibt:

Lasst uns in Würde vom Sockel treten, von dem wir sowieso gestossen werden. Lasst uns mit Respekt der Angst in die Augen schauen, die uns davor abhält. Lasst uns mit Stolz den Schmerz ertragen, den unsere Väter und Grossväter nicht zu ertragen wagten. Lasst uns mit Freude erkunden, was möglich wird, wenn wir in unserem tiefsten Inneren die Einsicht zulassen: #auchich bin nur ein Mensch.

Wer von den Männern ist eigentlich auf dem Sockel? Und was genau muss man sich eigentlich unter diesem Sockel vorstellen? Sind Männer mit spärlichem kulturellen, ökonomischen, symbolischen oder politischen Kapital auf einem Sockel? Könnte es nicht vielmehr sein, dass originär Männer und Frauen mit hohem kulturellen, ökonomischen,  symbolischen oder politischen Kapital auf einem Sockel stehen?

Fazit

Der gesamte Text des Autors hat m.E. einen sehr stark paternalistischen Duktus. Er ist quasi der Erleuchtete und weiss, was Sache ist und wie sich die Männer bisher verhalten haben und sich in Zukunft verhalten müssen, damit sich alles zum Besseren wendet.

Frauen sind Opfer von Sexismus, jedoch sicherlich nicht Täterinnen und umgekehrt sind Männer Täter und gewiss nicht Opfer von Sexismus. Für eine Organisation wie männer.ch, die sich ja hauptsächlich für Probleme und Anliegen von Männern einsetzen möchte, finde ich es schon sehr erstaunlich, dass ein geradeso einseitiges Bild gezeichnet wird und auf Grautöne und Differenzierungen verzichtet wird.

Ich werde diesen Text dem Autor von männer.ch zukommen lassen und ihn darum bitten, mir meine Fragen zu beantworten, und ich bin gespannt, ob sich männer.ch auf eine Diskussion einlässt oder nur proklamieren möchte?!

Die unmodernen Wurzeln einer modernen Geschlechterpolitik

Eine moderne Familienpolitik würde nicht etwa die sogenannte „Alleinerziehung“ fördern, sondern darum besorgt sein, dass Eltern – gerade auch nach Trennungen – gemeinsam die Verantwortung für ihre Kinder tragen. Mit dieser Feststellung endete der letzte Text hier im Blog. Dass die Politik des „Familienministeriums“ und die deutsche Gesetzgebung der mütterlichen Alleinerziehung faktisch Vorrang vor der gemeinsamen Erziehung durch beide Eltern einräumen, ist schädlich für Kinder, es ist schädlich für Väter, und es ist such schädlich für Mütter.

Wenn aber der Schaden so umfassend ist: Wem nützt denn dann eigentlich diese Politik?

Abgesehen von Lobbyistinnen profitieren ausgerechnet die Eltern von dieser Politik, die eben nicht im Interesse ihrer Kinder agieren: Mütter, die Väter aus der gemeinsamen Verantwortung ausgrenzen – und Väter, die sich auf Kosten der Kinder und der Mütter ihrer Verantwortung entziehen. In selteneren Fällen ist es auch umgekehrt.

Wie aber ist es möglich, dass uns eine Politik als ganz normal erscheint, die ein kindsschädigendes Elternverhalten fördert, ja sogar züchtet – während sie es Eltern beiderlei Geschlechts, die im Interesse ihrer Kinder agieren wollen, das Leben schwer macht?

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Ist das tatsächlich ein angemessenes Modell einer modernen Familienpolitik?

Wir haben uns offenbar in einem langen Prozess daran gewöhnt, destruktive familiäre Konstellationen als etwas ganz Normales wahrzunehmen, während uns konstruktivere Modelle als ungewöhnlich, riskant und als fragwürdig erscheinen. Weiterlesen

Alleinerziehend, alleinerzogen, alleingelassen

Was ist eigentlich so modern an der Alleinerziehung?

Vor drei Wochen war ich bei einem Familienkongress in Halle dabei, den der Väteraufbruch für Kinder gemeinsam mit dem Verband berufstätiger Mütter veranstaltete. Ich finde eine solche Zusammenarbeit sehr sinnvoll. Berufstätige Mütter haben schließlich ein offensichtliches Eigeninteresse an Vätern, die selbst für ihre Kinder sorgen wollen. Väter wiederum, die für ihre Kindern sorgen wollen, haben ein erhebliches Interesse an Müttern, die im Berufsleben stehen und die Verantwortung für die finanzielle Reproduktion der Familie nicht auf die Väter abwälzen.

Eine der Vortragenden war Alexandra Langmeyer-Tornier vom Deutschen Jungendinstitut in München. Sie berichtete über „kindliches Wohlbefinden“ in verschiedenen „Wohnarrangements nach Trennung und Scheidung“. Im Vortrag wurde klar, dass nach den bisherigen Ergebnissen in Deutschland die Doppelresidenz – also das sogenannte „Wechselmodell“, in dem Kinder wechselweise bei Vater und Mutter leben – dem Residenzmodell überlegen ist, in dem ein Kind bei nur einem Elternteil (normalerweise der Mutter) lebt.

Langmeyer-Tornier formulierte vorsichtig – die Datengrundlage in Deutschland ist schwach, weil hier nur knapp mehr als 4% der Kinder in einer Doppelresidenz leben, während sie beispielsweise in Belgien oder Italien mittlerweile Standardmodell ist. Trotzdem zeigt sich die Doppelresidenz in Studien im Hinblick auf das kindliche Wohlbefinden entweder überlegen, oder sie kommt dem Residenzmodell zumindest gleich. Im internationalen Vergleich werden die Ergebnisse noch deutlicher – hier gibt es Studien, aus denen hervorgeht, dass das Doppelresidenzmodell als einziges im Hinblick auf das kindliche Wohlbefinden nicht gegenüber dem Zusammenleben beider Eltern mit dem Kind abfällt.

Dass hingegen das kindliche Wohlbefinden im Residenzmodell, also in der Regel in der sogenannten „mütterlichen Alleinerziehung“, am größten wäre – das lässt sich an diesen Studien nicht belegen.

Trotzdem ist es ausgerechnet eben dieses Modell, das von der deutschen Politik und insbesondere von „Familienministerium“ gegenüber anderen Modellen erheblich bevorzugt wird. Das Ministerium unterrichtet Eltern beispielsweise nach Trennungen ausschließlich über das Betreuungsmodell der „Alleinerziehung“.

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Gerade haben daher sechs Verbände, darunter der Väteraufbruch und der Verband berufstätiger Mütter, mit einem offenen Brief  an Bundesministerin Schwesig gewandt und sie aufgeordert, die Bevorzugung der „Alleinerziehung“ zu beenden und die Resolution 2079 (2015)  des Europarats umzusetzen. Die nämlich fordert, unter anderem, eine völlige Gleichberechtigung der Eltern im Hinblick auf das Recht und die Möglichkeit zur Kindessorge sowie die Doppelresidenz als Standardmodell.

Warum aber hält die deutsche Politik, trotz eindeutiger wissenschaftlicher Ergebnisse und deutlicher Stellungnahmen auf europäischer Ebene, so verbissen an diesem Modell als Standardmodell nach Trennungen fest? Manche Mütter – nämlich Mütter mit zahlungskräftigen Vätern – können sich in der gegenwärtigen Gesetzeslage sogar ausrechnen, dass sie in der „Alleinerziehung“ Vorteile haben, die sie in der gemeinsamen Erziehung mit den Vätern nicht hätten: Der Staat lobt also regelrecht Prämien für Trennungen aus. Weiterlesen

Abschied von den Menschenrechten

Über die Ähnlichkeiten linker und rechter Identitätspolitik

„Ist das hier der Platz, an dem ich meinen Senf dazugeben sollte? Oder sollte ich an der Seite stehen und meinen Mund halten?“  (1)

Der weiße Rapper Macklemore beginnt seinen über acht Minuten langen Song „White Privilege II“  (die englischen Originalpassagen daraus unten im Anschluss an den Text) mit der Beschreibung einer Demonstration von Schwarzen, an der auch er teilnimmt. Die Zweifel, die er in dieser Situation hat, durchziehen den gesamten Text. „Schaue ich von außen herein, oder sehe ich von innen nach draußen?“ (1)

Er gehört nicht dazu, ist kein Schwarzer, macht aber eine schwarze Musik und ist damit auch noch erfolgreich: In seinen Augen ist er selbst damit ebenso Produkt einer „Vorherrschaft der Weißen“ (white supremacy) wie Darren Wilson, der weiße Polizist, der 2014 den achtzehnjährigen unbewaffneten Schwarzen Michael Brown erschossen hatte. (2)

Damit bleibt das Problem aus seinem ersten Lied zum Thema, „White Privilege“ aus dem Jahr 2005, bestehen: Eine „kulturelle Inbesitznahme“ (cultural appropriation) sei das, was er als Weißer mit der Musik der Schwarzen mache. Die Weißen  könnten von der Musik profitieren, ohne die dazugehörige Last tragen zu müssen, ein Schwarzer in einem weißen System zu sein.

Zu schweigen sei für Weiße aber ebenfalls keine Lösung des Dilemmas, weil eben auch die Möglichkeit, angesichts des Rassismus zu schweigen, Ausdruck eines weißen Privilegs sei („Your silence is a luxury, Hiphop is not a luxury“, White Privilege II).

Mehr noch: Natürlich kann auch eben diesen zerquälten, überlangen Überlegungen Macklemores der Vorwurf gemacht werden, dass er sich hier in den Vordergrund spiele – dass er einen Erfolg mit einem Thema habe, das weniger erfolgreich, aber auch wesentlich authentischer schon schwarze Künstler vor ihm angesprochen hätten – dass er sich gar anmaße, als Weißer für die People of Color zu sprechen, und damit sein Privileg nur zementiere, das er zu erschüttern vorgebe.

Macklemore begibt sich also in die Situation des Hasen in dem Märchen vom Hasen und dem Igel – wohin immer er sich auch wendet, ist sein Privileg immer schon da. Dass das, was er sagt, so grundlegend und unheilbar fragwürdig ist, liegt jedoch nicht etwa daran, dass es nicht ausreichend reflektiert wäre, dass es in sich nicht schlüssig wäre oder im Widerspruch zu längst anerkannten Erkenntnissen stünde. Es liegt überhaupt nicht an dem, was er sagt, sondern an dem, was er ist: ein Weißer eben. Was er ist, bestimmt sich daher wiederum nicht an seiner Person oder an seinen individuellen Eigenschaften, sondern allein an seiner Gruppenzugehörigkeit.

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Das sind Positionen einer politischen Bewegung in den USA, zunehmend auch in Europa, deren Stimmen Macklemore in vielen Sound-Schnipseln – einschließlich des Präsidenten Barack Obama – in seinen Song einbaut. Bernie Sanders, dessen Ausbootung durch die demokratische Partei Trumps Wahlsieg einleitete, hat ihre Politik eben gerade scharf angegriffen. Es ist eine Bewegung, die sich in ihrem Gestus des Einsatzes für Minderheiten ausdrücklich als „links“ versteht, die aber irritierende Ähnlichkeiten hat mit einer Bewegung, die sich zugleich auf der rechten Seite des politischen Spektrums entwickelt. Weiterlesen

Wie man einen Trump bastelt

Vom Verschwinden der demokratischen Linken

tl; dr: Ich habe mich in letzter Zeit, und sogar erfolgreich, darum bemüht, meine Texte hier kürzer zu halten. Mit dem folgenden Text ist mir das nicht gelungen – was aber auch am Thema liegt. Ich versuche darin, abweichend von den fast automatisierten Schuldzuweisungen an „weiße Männer“ Gründe für den Wahlsieg von Donald Trump zu beschreiben, die auch für Deutschland wichtig sein könnten.

Kurz: Trumps Wahlsieg interpretiere ich hier auch als Reaktion darauf, dass es keine demokratische Linke mehr gibt und dass sich die in Parteien organisierte Linke zu einem Instrument eben der sozialen Spaltungen gewandelt hat, die sie eigentlich einmal überwinden wollte.

„Die Rache der weißen Männer“ (Tagesspiegel)  – „Der Mann der weißen Männer“ (Süddeutsche Zeitung)  – „Alte weiße Männer wählten Donald Trump zum US-Präsidenten“ (Express) – „Wütende weiße Männer“ (Der Spiegel) – „Weiße Männer sind das Problem“ (Alice Schwarzer bei Maischberger, einen Gorilla nachahmend, der „den Mann an sich“ darstellen sollte): Deutschen und anderen Medien fiel es leicht, den Wahlsieg Donald Trumps zu erklären. Er habe rassistische und sexistische Hintergründe, sei ein Aufstand der Männer gegen die Frauen und der Weißen gegen die Schwarzen und Latinos.

Wer etwas genauer hinschaut, kann bei dieser Einschätzung kaum bleiben. Trump hat bei Weißen weniger Stimmen geholt als Mitt Romney, der vorherige republikanische Kandidat  – aber mehr Stimmen als Romney bei den „people of color“. 

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Was immer auch geschieht – wir können uns darauf verlassen, dass DER SPIEGEL die Situation mit Ruhe, Augenmaß und der nötigen Gelassenheit analysieren wird. Das ist sehr beruhigend.

Wenn die Republikaner mit Trump trotzdem gerade in einigen weitgehend von Weißen bewohnten Bezirken ihr Ergebnis deutlich verbessern konnten, dann liegt dies also offenbar daran, dass viele ehemalige weiße Wähler der Demokraten Clinton nicht gewählt haben. Das aber ist ja eben gerade nicht rassistisch: Denn schließlich haben diese Wähler, und zum guten Teil begeistert, für einen schwarzen Präsidenten gestimmt – nun aber nicht für eine weiße Kandidatin.

Bleibt also die Frauenfeindlichkeit – denn tatsächlich hat Clinton gegenüber Obama offenbar bei weißen Männern Stimmen verloren, nicht bei weißen Frauen. Allerdings stimmten immer noch 55% der weißen Frauen für Trump, insgesamt betrug Clintons Vorsprung bei Frauen 54-44: Ein sehr guter Wert, der aber trotzdem keineswegs dafür spricht, dass Frauen Trump rundweg als frauenfeindlich wahrgenommen hätten.

Tatsächlich ist es müßig zu spekulieren, welche rachsüchtigen, ressentimentgeladenen und rückständigen Wählergruppen denn nun dringend für den Sieg von Trump verantwortlich zu machen wären. Er hat nämlich weniger Stimmen geholt als sein Vorgänger Romney und auch etwas weniger als sein Vor-Vorgänger John McCain. Gewonnen hat er trotzdem, weil Hillary Clinton noch deutlich stärker einbrach: Sie holte knapp zehn Millionen Stimmen weniger als Obama bei seiner ersten und immer noch knapp 5 Millionen Stimmen weniger als bei seiner zweiten Wahl.

Der Grund für Trumps Sieg ist also keineswegs, dass er besonders viele Menschen auf besondere Weise begeistert und mobilisiert hätte – sondern dass die demokratische Kandidatin und ihre Partei auf eine wohl historische Weise versagt haben. Kurz: Nicht Trump hat die Wahl gewonnen, sondern Clinton hat sie verloren.

Die Wählerbeschimpfung – weiß! männlich! alt! ungebildet! – verdeckt diese Fehlleistung. Dabei ist es wichtig, sie zu analysieren, denn die Gründe für sie sind auch für die deutsche Politik sehr interessant. Weiterlesen

Ist Gleichberechtigung frauenfeindlich?

Ein Interview zur Verleihung der Sauren Gurke an den WDR-Film eMANNzipation

Die WDR-Sendung „eMANNzipation“ , die vor etwa einem Jahr den Anspruch der Gleichberechtigung aus einer männlichen Perspektive erhob, ist nun von der Organisation der Medienfrauen mit ihrem Negativ-Preis der Sauren Gurke ausgezeichnet worden. Die Medienfrauen sind Mitarbeiterinnen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten Deutschlands und Österreichs, und ihre Saure Gurke weist auf Sendungen hin, in denen Frauen „nur marginal erscheinen“.

Die Sendung berichtet etwa darüber, dass, so Arne Hoffmann in seinem oben verlinkten Text, „über 90 Prozent der tödlichen Arbeitsunfälle Männer betreffen“: Ist es wirklich das wesentliche Problem der Medienfrauen, so überlegte ich, dass dieser Umstand Frauen marginalisiert? Glücklicherweise hatte ich die Gelegenheit, eine Vertreterin der Organisation zu interviewen und ihr solche Fragen gleich selbst stellen zu können.

Nun hat allerdings die tagesschau ja vor wenigen Tagen über das Phänomen des Mansplaining berichtet: Männer reden nicht nur ständig selbst, sondern hören auch nicht zu – und sie gehen davon aus, jeweils besser zu wissen als eine Frau selbst, was sie eigentlich sagen möchte. Wenn ich daher im nun folgenden Interview nicht nur die Fragen, sondern auch die Antworten selbst geschrieben habe, dann war mein Ziel dabei keineswegs, ein Interview zu faken. Ganz im Gegenteil: Es ging mir darum, gleichsam die Essenz des Interviews freizulegen und zu erklären.

Daher konnte ich auch antizipieren, dass die interviewte Medienfrau in einem Blog wie man tau zum Schutz ihres Rufs ihren Namen nicht preisgeben möchte. Selbstverständlich respektiere ich diesen Wunsch, so sehr ich ihn auch bedauere, und bezeichne meine Interviewpartnerin daher im Folgenden schlicht als „Medienfrau“.

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Vital und frei und perspektivlos – Fatih Akins „Tschick“

Schon zu Beginn des Films blamiert sich der vierzehnjährige Maik Klingenberg (Tristan Göbel) nachhaltig, ohne recht zu verstehen, wodurch eigentlich. Für den Deutschunterricht an seinem Gymnasium in Berlin-Marzahn hat er eine Routine-Hausaufgabe mit ausufernder Ausführlichkeit gemacht und einen trockenen, unfreiwillig komischen Text über den Alkoholismus seiner Mutter geschrieben.

Er steht vor der Klasse, trägt vor – und als er endlich unterbrochen wird und der Lehrer ihn fragt, wie viele Seiten der Text noch habe, zählt Maik nach und stellt zum Entsetzen aller anderen Anwesenden fest, dass es noch etwa sechs eng beschriebene DIN-A-4-Seiten bis zum Ende sind. Der Lehrer bricht den Vortrag ab und versichert Maik nach der Stunde, dies sei der abstoßendste Text seiner ganzen Lehrerkarriere gewesen.

Einerseits ist das Mitteilungsbedürfnis von Maik gigantisch und so uferlos, dass andere davor in Deckung gehen. Andererseits resultiert deren Eindruck, der Junge würde mit einer ganz unpassenden Komik über den Alkoholismus seiner Mutter schreiben, aus einem Missverständnis.

Maik selbst nimmt seine familiäre Situation als ganz normal wahr und schreibt entsprechend lakonisch darüber, wie seine Mutter selbst in schwer angetrunkenem Zustand ein Tennis-Match gewinnt, hinterher offen im Tennisclub erzählt, nun für einige Wochen in eine Beauty-Farm zu gehen, und dies gleich selbst als Chiffre für eine ihrer regelmäßigen Entziehungskuren auflöst. Ganz selbstverständlich erscheint es Maik auch, dass er auf seine Mutter aufpasst und für sie sorgt – nicht umgekehrt.

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Natürlich bleibt der Platz neben Maik leer – neben diesem Psycho möchte keiner aus der Klasse sitzen. Die Handlung des Films beginnt dann damit, dass dieser Platz doch besetzt wird. Der Lehrer führt einen neuen Mitschüler in die Klasse, einen mongolisch aussehenden Jungen (Anand Batbileg) mit seltsamem Haarschnitt und schräg-prolliger Kleidung, dessen Namen er kaum aussprechen kann. „Andrej Tschichatschoff“, korrigiert der Junge, der offenkundig angetrunken neben dem Lehrer steht und kaum seine Augen offen halten kann. Schließlich sitzt dann der Asi neben dem Psycho, und Maik rückt von ihm und seiner Alkoholfahne weg, so weit wie möglich an den Rand des Tisches.

Fatih Akin hat die Geschichte dieser beiden Außenseiter  nach dem gleichnamigen und auch als Schullektüre erfolgreichen Kult-Roman Wolfgang Herrndorfs verfilmt. Der Film ist – wie im Roman schon angelegt – ein klassisches Road-Movie mit Wurzeln bis hin zu Mark Twains Huckleberry Finn. Zugleich ist er auch eine Bestandsaufnahme der Situation vieler Jugendlicher im heutigen Deutschland, und er ist damit auf den zweiten Blick viel beunruhigender, als es in seiner gelösten, oft komischen Atmosphäre auf den ersten Blick erscheint. Weiterlesen