Warum es immer noch verantwortungslos ist, in Deutschland Vater zu werden

Heute hat der Bundestag ein neues Gesetz zur Kindessorge bei nichtverheirateten Eltern verabschiedet. Die Rechte von Vätern werden minimal gestärkt – und auch diese winzige Änderung ist bekanntlich nicht Resultat einer größeren Väter- und Kinderfreundlichkeit im Parlament, sondern war durch Urteile des Europäischen Gerichtshofs und des Verfassungsgerichts nötig geworden. Selbst die kleinen Änderungen, mit denen das Gesetz noch immer Ewigkeiten von einer Gleichberechtigung der Väter und Mütter entfernt ist, ging der SPD schon zu weit – ihre Fraktion stimmte dagegen.
Doch auch mit der neuen Gesetzgebung ist es weiterhin verantwortungslos, in Deutschland Vater zu werden.
 
 
„Wenn ich jungen Männern einen Rat geben würde, wäre es der: sich frühzeitig sterilisierten zu lassen.“ Diesen Ratschlag gab mir einmal ein erfahrener, auf das Familienrecht spezialisierter Anwalt gab. Er ist nicht ist absurd – wenn auch etwas radikal.

Tatsächlich  ist es, auch nach dem neuen Gesetz zur Sorge nichtverheirateter Eltern, verantwortungslos, in Deutschland Vater zu werden. Das ist mir nicht klar gewesen, bevor ich selber Vater war – ich hatte tatsächlich nicht gewusst, wie ungleich väterliche und mütterliche Rechtspositionen und wie erbärmlich die Aussichten für Väter sind, wenn Mütter nicht mit ihnen zusammenarbeiten wollen. Es ging mir ähnlich wie den meisten anderen Menschen, die ich kenne – ich hatte mich, wie sie, naiv darauf verlassen, dass das Grundgesetz gilt und eine geschlechtsspezifische Benachteiligung verbietet – wusste wohl, dass Väter etwas schlechter gestellt sind als Mütter – hatte aber den ganzen Irrwitz der deutschen Verhältnisse nicht überblickt. Ich finde es auch noch immer n recht skurril, dass ein Mann in Deutschland sich zunächst einmal durch Berge juristischer Fachliteratur wälzen und genauestens die Verhältnisse in örtlichen Jugendämtern und Gerichten eruieren sollte, bevor er tollkühn den ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer Frau wagen kann.

Verantwortung und Gnade Das Problem ist: Wenn ich Vater werde, habe ich dem Kind gegenüber eine Verantwortung. Diese Verantwortung kann ich nur übernehmen, wenn ich davon ausgehe, dass ich diese Verantwortung auch werde tragen können.

Eben das aber kann ich nicht, auch nicht nach dem neuen Gesetz. Die Möglichkeit der väterlichen Sorge – darauf haben die Gegnerinnen und Gegner einer ernsthaften Reform großen Wert gelegt, und damit haben sie sich auch durchgesetzt – ist noch immer abhängig vom Willen der Mutter. Ob ich also meine Verantwortung tragen kann oder nicht, hängt gar nicht von mir ab, sondern von der durchaus willkürlichen Entscheidung eines anderen Menschen. Das gilt auch für die Fälle, in denen es gut geht, in denen Väter bei ihren Kindern leben und für sie sorgen können –  in fast allen dieser Fällen hängt die Möglichkeit der väterlichen Sorge vom guten Willen, gleichsam der Gnade der Mutter ab.

Natürlich: Es ist auch immer möglich, zu erkranken oder durch einen Unfall daran gehindert zu werden, die eigene Verantwortung dem Kind gegenüber zu tragen. Diese Risiken aber sind so klein, dass sie vernachlässigt werden können. Dass aber Väter durch Mütter, die mit ihnen – warum auch immer – nicht kooperieren möchten, an der Sorge für ihr Kind gehindert werden, ist ein Normalfall: Nicht jeder Vater ist davon betroffen, aber jeder Vater muss damit rechnen, einmal davon betroffen zu sein.

Und jedes Kind.

Victim blaming Warum ich hier so viel über meine Situation preisgegeben habe, hat mich eine Freundin gefragt (und bezog sich auf das Ende dieses Textes). Tatsächlich kenne ich eine Reihe von Fällen, in denen Väter in einer noch schlechteren Situation sind als ich – ich hatte bisher, den Umständen entsprechend, Glück: Ich sehe unser Kind regelmäßig; ich verdiene genug, um das finanzieren zu können; ich bin finanziell nicht ruiniert; ich bin auf Mitarbeiterinnen im Jugendamt gestoßen, mit denen ich reden konnte und die mich unterstützt haben, als ich mich um Ausweitungen des Umgangs bemüht habe, ich hatte mich Familienrichtern zu tun, die sich der Bedeutung des Vaters für ein Kind bewusst waren. Für mich ist es immer noch einfacher, meine Situation offen zu präsentieren, als für viele andere Väter, die ich kenne.

Darunter sind auch Väter, die verheiratet waren – das hat ihnen nicht geholfen, womöglich sogar (da die Ex-Partnerin nach der Erfahrung einer gescheiterten Ehe womöglich im Gefühl lebt, noch Rechnungen begleichen zu wollen) geschadet. Zu heiraten und dann – zunächst – am gemeinsamen Sorgerecht beteiligt zu sein, bringt den Mann nicht in eine sichere Position.

Beliebt ist auch die Vorhaltung, eine Frau würde sich dem Ex-Partner gegenüber nur ausgrenzend verhalten, wenn er ihr irgend etwas getan habe. Das schiebt nicht nur die Verantwortung für das Verhalten der Frau auf den Mann (im umgekehrten Fall würden feministisch inspirierte Frauen das als „victim blaming“ bezeichnen), es schafft auch die Illusion einer männlichen Handlungsmacht, die ein Vater schlicht nicht hat.

Handlungsmächtig ist ein Vater nur dann, wenn er sich entscheidet, nichts mehr mit seinem Kind zu tun zu haben – dann gewinnt er auf einen Schlag die Autonomie zurück, die er fast vollständig verliert, solange er sein Kind noch sehen möchte, die Mutter sich jedoch querstellt. Die Bedingungen der deutschen Gesetzgebung und Rechtsprechung prämieren es also regelrecht, wenn ein Vater seine Verantwortung seinem Kind gegenüber verweigert.

Wie man mit Gesetzen verrückte Situationen basteln kann Woran liegt das? Der deutsche Gesetzgeber geht noch immer von der autoritären Vorstellung aus, dass klar sein müsse, wer das Sagen hat – so müsse auch die Mutter nach der Geburt eine Schonfrist der Alleinsorge haben, in der sie von Mitentscheidungsrechten des Vaters unbehelligt ist – damit sichergestellt sei, dass im Konfliktfall überhaupt Entscheidungen getroffen werden könnten. Das ist offensichtlich ein vorgeschobenes Argument, schließlich könnte man ebenso gut, oder besser, argumentieren, dass gerade die gemeinsame Sorge die Entscheidungsfähigkeit garantiere, weil damit ja immer ein zweites Elternteil da ist, falls das erste aus irgend einem Grund ausfällt. 

Die Alleinsorge stärkt die Position des alleinsorgenden Elternteils – die gemeinsame Sorge stärkt die Position des Kindes. In der gemeinsamen Sorge muss sich nämlich jeder Erwachsene, der Entscheidungen über das Kind und sein Leben trifft, mit einem anderen Erwachsenen abstimmen, beide müssen Argumente abwägen und müssen sich darüber einigen, was zum Wohl des Kindes ist. Die Alleinsorge hingegen berechtigt zu unabgestimmten Willkürentscheidungen, bei denen das Wohl des Kindes auf sehr schlichte Weise definiert wird – zum Wohl des Kindes ist immer gerade das, was das alleinsorgende Elternteil, in der Regel die Mutter, will.

„Wenn Du mit jemandem einen Konflikt hast, sieh zu, dass dieser Mensch verschwindet – und der Konflikt ist gelöst.“ Ein Lehrer, der das Kindern allen Ernstes beibringen würde, käme wohl in Schwierigkeiten. Im Kindschaftsrecht aber wird eben diese alberne Logik als alternativlos präsentiert.
 

Dabei kann es alle möglichen Gründe haben, wenn eine Mutter den Vater ausgrenzt – die Unlust, sich mit jemand anderem abstimmen zu müssen; finanzielle Vorteile durch die Unterhaltszahlungen (während Mütter, die mit den Vätern kooperieren, sich mit diesen ja auch über die finanzielle Versorgung der Familie einigen und gegebenenfalls auch schon in den ersten Jahren selbst arbeiten müssen); der Wunsch, das Kind für sich allein zu haben; der Wunsch, dem Ex-Partner weh zu tun, undsoweiter…. Eine befreundete Familienanwältin erzählte mir einmal, dass nach ihrer Erfahrung der wichtigste Grund für die mütterliche Verweigerung der gemeinsamen Sorge die Angst sei, dass andernfalls nach einer Trennung die Kinder womöglich beim Vater bleiben könnten. Dieses Kalkül von Müttern ist nachvollziehbar, das Kalkül des Gesetzgebers dahinter aber ist irrational. Denn eine Mutter hat so schließlich ein besonders starkes Motiv, auf der Alleinsorge zu bestehen, wenn sie Zweifel an ihrer eigenen Sorgefähigkeit hat – und sie hat ein besonders großes Motiv, dem Vater die gemeinsame Sorge zu verweigern, wenn sie den Eindruck hat, dass dieser in der elterlichen Sorge womöglich kompetenter ist als sie.

So steht ein Vater unter den deutschen Bedingungen womöglich vor der paradoxen Situation, dass er gerade dann aus der Sorge für sein Kind ausgegrenzt wird, wenn er darin besonders engagiert und kompetent ist. Seiner Verantwortung gerecht zu werden ist ein Grund, ihm die Verantwortung zu entziehen. Das ist kein bloßes Gedankenspiel – ich kenne Situationen, die offenkundig nach eben dieser verrückten, durch die deutsche Gesetzgebung und Rechtsprechung aber durchaus befeuerten Logik funktionieren.

An diesen Bedingungen ändert das neue Gesetz nichts. Die Mutter wird sogar regelrecht aufgefordert, Gründe zu nennen, die gegen ein Recht zur väterlichen Sorge sprechen – und ihr wird durch die Frist, die sie nach dem väterlichen Sorgerechtsantrag hat, auch die Möglichkeit eingeräumt, vollendete Tatsachen zu schaffen. Je stärker sie den Vater aus dem Leben der Kinder ausgrenzt, je konflikthafter sie das Verhältnis zu ihm gestaltet – desto schlechter werden seine Chancen auf die Teilhabe an der Kindessorge sein.

Es könnte einfach sein. Wenn beide von Beginn an gleichberechtigt wären und beiden damit klar wäre, dass sie nur gemeinsam sinnvoll für ihr Kind sorgen können. Wenn klar wäre, dass die Ausgrenzung des anderen Elternteils das Kindeswohl gefährdet – anstatt sie mit dem alleinigen Recht auf elterliche Sorge zu belohnen.


Autoritäre Traditionen
So leben wir noch immer unter Bedingungen, unter denen Gesetzgebung und Rechtssprechung bei Männern wie bei Frauen ausgerechnet das Verhalten züchten, fördern und unterstützen, das den Kindern schadet – und dies ausgerechnet mit dem Interesse am Kindeswohl begründen. Das steht in der Tradition der autoritären Pädagogik, als Eltern ihre Kinder grün und blau schlugen und ihnen versicherten, dies geschähe nur zu ihrem Besten.

Während Mütter, die mit den Vätern kooperieren wollen, im Regen stehen, sobald der Vater nicht will – haben Mütter, welche die Kooperation verweigern, de facto weithin die Unterstützung staatlicher Institutionen. Während Väter, die sich ihrer Verantwortung entziehen, dies völlig unbehelligt tun können – werden Vätern, die ihre Verantwortung ihren Kindern gegenüber wahrnehmen wollen, mit Engagement und Begeisterung Steine in den Weg gelegt.

Einen wichtigen Unterschied aber gibt es. Mütter müssen in vielen Fällen zuschauen, wie sich Väter ihrer Verantwortung entziehen – sie werden jedoch gemeinhin nicht daran gehindert, ihre eigene Verantwortung zu tragen. Bei Vätern ist das anders. Für Männer gilt weiterhin, dass Vaterschaft, Verantwortung und Deutschland schlecht zueinander passen – immer einer dieser drei Faktoren gehört nicht zu den anderen, und man muss sich entscheiden, welchen von ihnen man über Bord wirft.

Über den Rhein? Für mich ist Deutschland ohne Zweifel der verzichtbarste dieser drei Aspekte. Natürlich – in keinem westlichen Land ist Vaterschaft der Mutterschaft real gleich gestellt, und in vielen Ländern haben Väter große Probleme, wenn sie ihrer Verantwortung gerecht werden wollen. Nirgendwo aber – mit Ausnahme Österreichs – sind diese Probleme so groß wie in Deutschland. „Viele Staaten des Europarats haben längst eine weit modernere Sorgerechtspraxis: In Belgien, Bulgarien, Estland, Frankreich, Lettland, Litauen, Malta, Monaco, Polen, Rumänien, Russland, Slowakei, Slowenien, Ukraine, Ungarn und Zypern erhalten nichteheliche Väter mit der Anerkennung ihrer Vaterschaft ohne weitere Prüfung das gemeinsame Sorgerecht“, schreibt der vafk. Frankreich, beispielsweise, wäre eine Alternative.  Wer an gleichen Rechten interessiert ist, muss also, wie schon vor zweihundert Jahren, noch immer neidisch über den Rhein hinweg nach Westen schauen.

Ich bedauere es, dass ich mir über die deutschen Bedingungen nicht in Klaren war, bevor es zu spät war. Ich bedaure es, dass ich nicht rechtzeitig auf den Gedanken gekommen bin, woanders als in Deutschland zu leben. Ich bedauere es insbesondere für unser Kind, das weitgehend ohne Vater aufwachsen muss – obwohl ich tatsächlich alles tun würde, um bei ihm zu sein.

Die Sterilisation ist also, für mich, tatsächlich keine vernünftige Alternative. Wer aber als Mann in Deutschland lebt und mit dem Gedanken spielt, irgendwann einmal ein Kind zu haben, sollte rechtzeitig damit beginnen, Fremdsprachen zu lernen.

Luftwurzeln

Es gibt Pflanzen, erzählte er ihr, die Luftwurzeln schlagen. Sie sind nicht in der Erde verankert, aber ihre Wurzeln wachsen durch die Luft, bis sie auf etwas treffen, das ihnen Halt gibt. Manchmal…
Du dozierst schon wieder, antwortete sie. Sie stand vor dem Spiegel und sah sich missmutig an, er blickte aus dem Fenster und war augenblicklich ruhig.

Es ist praktisch, beweglich zu sein und nirgendwo fest zu stecken. Sieh mich an. Warum beispielsweise muss ich immer diese Haare hier tragen, sagte sie und zog einige Strähnen hoch, die sie abschätzig im Spiegelbild ansah. Wenn ich wählen könnte, hätte ich gern einmal blond und lockig, bitte.

Ich mag dich so, wie du bist, sagte er leise vom Fenster her, ohne sich umzudrehen.

Wie bin ich denn? Da weißt du mehr als ich. Lass mich überlegen…Eines kann ich ganz sicher sagen: Ich rede nicht gern mit Hinterköpfen.

Er drehte sich um, lachte leise, antwortete aber: Du musst nicht immer Streit suchen, wenn wir mal einen Abend weggehen.

Er erwartete, dass sie etwas entgegnen würde wie: Ich suche wenigstens irgendetwas. Aber sie blieb ruhig und ging hinaus auf den Balkon, um eine Zigarette zu rauchen. Er überprüfte vor dem Spiegel seine Krawatte, blickte sich lange an und überlegte etwas. Schließlich bemerkte er, dass sie hinter ihn getreten war und ihn im Spiegel ansah. So standen sie einige Augenblicke lang, bis sie sagte: Ich verstehe, was du meinst mit deinen Luftwurzeln.

Er lächelte und fragte: Was meinst du, würde mir ein Frank Zappa-Bart stehen?

Willst du eine ehrliche oder eine höfliche Antwort?

Er lachte, drehte sich zu ihr um und sagte: Eine höfliche, bitte.

Na gut, aber da muss ich scharf nachdenken. Sie fasste ihn an der Hand und zog ihn vorsichtig fort. Komm – wir sind spät dran.

Ich weiß, sagte er und blickte noch einmal kurz über die Schulter zurück aus dem Fenster und auf die Bäume, die dort schon gestanden hatten, als sein Vater ein Kind war.

(Zu Rene Magrittes La Reproduction Interdite)

"What about the menz?" – Warum Männer nicht aufschreien und Frauen wohl eh nicht zuhören würden

„Wenn ich lese, was so manche Frau ernsthaft als sexuelle Belästigung auffasst muss ich aufpassen, dass mir nicht die Hutschnur reisst.Jetzt sind solche Dinge ja individuell und jede/r hat seine eigene Schamgrenze, Humorgrenze, whatever. Ich will also niemandem das Recht absprechen, sich belästigt zu fühlen. Kann jede/r machen, wie er/sie/es möchte.

Ich bitte aber darum, sich bevor man aufschreit kurz hin zu setzen und zu überlegen, ob einem da jetzt wirklich eine schlimme Sache passiert ist, oder man einfach mal mit einer stinkenormalen Unannehmlichkeit konfrontiert war.“

Gegen die #aufschrei-Atmosphäre sind solche Sätze skandalös, sie würden bei Twitter (wenn es dort denn Platz für so viele zusammenhängende Wörter gäbe) wohl als Getrolle oder als „Derailing“ einer wichtigen Aktion bezeichnet … wenn sie nicht, erstens, von einer Frau stammen würden, und zweitens, wenn diese die Sätze nicht formuliert hätte, um den Unmengen an Tweets, die Alltagssituationen als Belästigung beschreiben, massive sexuelle Gewalterfahrungen gegenüberzustellen.

men's feelings

Mir als jemandem, der durchaus weiss, wie sich sexuelle und/oder sexualisierte gewalt so anfühlt und was das auf die Dauer gesehen mit einem machen kann wird nämlich bei so manchen Statement unter dem Hashtag #aufschrei speih übel.“

Aber auch die Autorin, thisis, ist sich unwohl bei diesen Äußerungen, findet wohl, dass sie derzeit keinen Platz haben, streicht am Ende ihren gesamten Text durch und lässt nur drei kurze Sätze stehen: „Nein. Ich sag einfach nichts dazu. Es ist mir zu blöd.“

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"Flirten ohne Creepen" – Der Text, den Brüderle nicht kannte

Flirten, oder überhaupt der Beginn einer Bekanntschaft, ist immer ein Spiel mit Unsicherheiten und Uneindeutigkeiten – das ist so selbstverständlich, dass es fast ein wenig peinlich ist, es aufzuschreiben.
  Eine moralische Bewertung aber baut auf Eindeutigkeiten. Natürlich gibt es die auch – bei klaren Übergriffen, bei Beleidigungen, gar bei Gewalt. Die Uneindeutigkeit des Flirts aber und die Eindeutigkeit der beständigen moralischen Bewertung passen nicht gut zusammen. Wenn man beides zusammen zu zwängen versucht, kann es leicht komisch oder gewaltsam werden – oder beides.
  Der Text, aus dem im Folgenden zitiert wird, ist möglicherweise wirklich gut gemeint. Er ist aber in meinen Augen eher ein Beispiel für ein tief sexistisches Denken als dafür, wie man sexistische Handlungsweisen vermeiden kann.
   Ich habe trotzdem Freude daran gehabt.



Viel Aufregung der letzten Tage hätte vermieden werden können, wenn der folgende Text, auf den ein #aufschrei-Tweet hinwies, schon eher erschienen und Rainer Brüderle zugänglich gemacht worden wäre: „Flirten ohne Creepen“ von „Feminismus 101“. (Am Besten lässt sich der Text übrigens würdigen, wenn man sich bei seiner Lektüre vorstellt, er würde vom Sprecher der „Sendung mit der Maus“ vorgelesen. Besonders gut geht das bei Passagen wie der folgenden:)
   „Viele Männer*, gerade die, die sich als Verbündete (Allie) betrachten – fragen sich, wie sie flirten oder direkt sexuelles Interesse bekunden können, ohne dabei zu objektifizieren oder aufdringlich zu sein. Sie möchten ihr Interesse an Frauen*, die sie ansprechend finden bekunden oder sie mit der Aussicht auf eine (sexuelle) Beziehung auf Dates einladen. Und warum sollten sie auch nicht? – Männer* und Frauen* die gerne miteinander Sex haben sind eine schöne Sache!“
   Natürlich ist es gut und wichtig, dass das mal gesagt wurde – obwohl es mir hier, wenn ich ehrlich sein soll, ein wenig zu heteronormativ klingt.

Und so bereitet man sich dann gedanklich sinnvoll auf ein Treffen vor:
   „Ich treffe viele Menschen und finde viele Menschen die ich kenne irgendwie attraktiv. Das Letzte was diese Personen von mir denken sollen ist, dass ich eine widerliche Arschnase bin.“
   Man stelle sich einen Mann vor, der beim ersten Rendezvous neben einer Frau sitzt und beständig „Keine widerliche Arschnase sein…keine widerliche Arschnase sein…“ vor sich her murmelt. Nun fragt der Unvorgebildete möglicherweise erstaunt: „Und das soll eine Methode sein, NICHT creepy zu wirken???“
   In der Tat!
   Sehen wir weiter:
   „Es kann sein, dass du dein Bestes gibst um so interessant, bezaubernd und lustig wie möglich zu sein – und trotzdem wie ein Creep auf andere wirkst. Ja, das ist echt scheiße für dich. Aber weißt du was? Für sie ist das noch beschissener, weil du sie belästigst und sie abgrundtief unglücklich machst und sie unwohl fühlen lässt.“
   Wenn Du merkst, dass sie nichts mit Dir anfangen kann; sie beginnt, Freunden und Freundinnen Textnachrichten zu schreiben, während Du ihr was erzählst; sie zum Klo geht und nicht wiederkommt; sich zu dem jungen Mann am Nebentisch setzt o.ä., mach Dir einfach klar: Das tut ihr mehr weh als Dir!

„Es ist nett wenn Leute dich wissen lassen, wenn und wie du dich daneben benimmst. Aber weißt du was? Das ist nicht deren Aufgabe.“
   Das stimmt. Man könnte nun meinen: Einfach dabei zuzuschauen, wie jemand sich zum Affen macht … sich immer mehr hineinreitet … nicht mal klar zu sagen, dass es reicht … und dann ein Jahr später einen großen Artikel darüber zu schreiben – das ist auch nicht sehr nett.
   Ist es auch nicht, aber es ist ja auch nicht ihre Aufgabe, nett zu Dir zu sein.

   „Stehe dazu, dass du für deine eigenen Taten verantwortlich bist.“
   Das ist wirklich ein guter Rat. Und warum er nicht für beide gilt, ist mir gerade entfallen.

Und wie geht es nun weiter?
   „Nicht anfassen. Echt mal. Du bist keine acht Jahre alt, und musst deine Finger nicht überall haben, noch hast du die Kontrolle über deine Muskeln verloren. Behalte deine Hände, Arme, Beine und alles andere bei dir. Das ist echt nicht schwer. Du willst eine Person anfassen? Lass sie entscheiden. Lass sie jede Art von physischem Kontakt beginnen, das Tempo des Kontaktes bestimmen“
   Achte bitte darauf, wie hier die geschlechtsneutrale Bezeichnung „Person“ gewählt wird, aber die Rollen natürlich klar verteilt sind – die „Person“ ist die Frau, nicht Du. Mach Dir das klar (aber sag es nicht zu laut). Sonst würden ja allüberall jeweils zwei geschlechtsneutrale Personen ungeduldig abwartend bis in alle Ewigkeit („Tu dies, wenn du sie schon 25 Mal getroffen hast.“) voreinander stehen, und die Überlebenschancen der Menschheit würden Schaden nehmen.
   „Auch als freundlichen Rat: Wenn du wen berührst und sie sagen “berühr mich nicht,” oder sonstwie klar machen, dass du sie nicht hättest anfassen sollen, ist die korrekte Antwort: “Entschuldige. Es tut mir leid dass ich dafür gesorgt habe dass du dich unwohl fühlst.” Dann zieh dich ganz schnell zurück, am besten ins nächste Bundesland.“
   Genau. Du darfst wahlweise auch mehrmals hart mit der Stirn auf den Tisch schlagen. Oder Dir langsam einen Becher heißen Kaffees über die böse Hand gießen. Aber achte bitte darauf, dass die andere Person sich dabei nicht unwohl fühlt (bzw. fühlen).

„Du bist (wahrscheinlich) ein voll-funktionsfähiger Erwachsener.“
   Voll-funktionsfähig, das klingt wie ein Begriff für eine Sache, nicht wie einer für einen Menschen?
   Stimmt.

Akzeptier das.

Betoniert gute Gewissen, oder: Wie ich einmal versuchte, einen Artikel bei Spiegel-Online zu kommentieren

Bei Spiegel-Online vertritt Gregor Peter Schmitz die Meinung, dass „der Fall Brüderle“ in den USA unmöglich wäre – da die USA emanzipierter seien als Deutschland, wäre Brüderle dort nämlich erledigt. Bill Clinton habe den Lewinsky-Skandal nur überstanden, weil die Menschen trotz allem den Eindruck gehabt hätten, er würde Frauen nicht herablassend zum Objekt degradieren.
Ich habe keine Ahnung, was zwischen der Stern-Journalistin Himmelreich und Brüderle
an dem von ihr beschriebenen Abend geschehen ist, finde Brüderles Verhalten (wenn es denn so war wie von Himmelreich geschildert) peinlich und übergriffig, habe bei der journalistischen Aufarbeitung aber trotzdem ein ungutes Gefühl (eine breite Diskussion dazu findet sich hier auf „Alles Evolution“ – dort habe ich auch einige der hier verwendeten Informationen her).
Da Studienräte ja, wie allgemein bekannt, gerne überall ungefragt zu allen möglichen und unmöglichen Themen ihre Meinung äußern, hab ich im Forum zum Spiegel-Artikel einen Kommentar dazu geschrieben, der aber – aus was für Gründen auch immer –  für die Veröffentlichung nicht frei gegeben wurde. Den hier:

Betoniert gute Gewissen
Clintons Affäre mit einer Praktikantin des Weißen Hauses und seine irreführenden öffentlichen Aussagen dazu waren sicherlich gravierender als das Verhalten, das jetzt Brüderle vorgeworfen wird. Wenn Clinton die Affäre einigermaßen überstanden hat, dann liegt das nicht an dem Eindruck, er würde Frauen trotz allem schätzen und nicht zum Objekt machen – sondern daran, dass seine Verfehlungen völlig offenkundig zum Anlass einer gewaltigen Kampagne gegen ihn genutzt wurden. Clinton wurde auch von Menschen verteidigt, die sein Verhalten ablehnten. Die Situation wurde nun einmal nicht im Sinne eines simplen Gut-Böse-Schemas interpretiert, in dem die Verfehlungen der einen Seite zwangsläufig eine moralische Überlegenheit der anderen Seite implizieren.

Eben das fehlt in Deutschland, jedenfalls in der journalistischen Darstellung. Himmelreich hat ja durchaus gegen grundlegende journalistische Fairnessregeln verstoßen (Brüderles eigene Version des Geschehens spielt keine Rolle, und nach einem Jahr hat er auch kaum die Gelegenheit, mögliche Entlastungszeugen aufzutreiben). Mit diesem Regelbruch etabliert sie einen Belästigungsvorwurf – und dieser Vorwurf wiederum rechtfertigt ihren Regelbruch. Eine sich beständig selbst legitimierende Politik des betoniert guten Gewissens.
Am Weitesten geht dabei in meinen Augen Patricia Dreyer hier bei Spiegel-Online. Sie prangert engagiert und enragiert den alltäglichen Sexismus an und verliert kein Wort darüber, wie immens sie selbst während ihrer Bildzeitungs-Tätigkeit daran beteiligt war. Besonders schlimm war dort die öffentliche Pornografisierung der Schauspielerin Sibel Kekilli, als diese gerade mit ihrem Film „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären gewonnen hatte. Für die Bild-Kampagne war Dreyer mitverantwortlich. Dazu nun kein Wort von ihr – während sie andere scharf moralisierend angreift, akzeptiert sie für sich selbst noch nicht einmal basale Kohärenzerwartungen. Auch dies ist ein Beispiel für das Agieren in simplen Gut(ich)-Böse(die anderen)-Schemata.
Liest sich tatsächlich etwas studienrathaft, wenn ich es mir jetzt so anschaue – aber wenn das ein Grund für die Nicht-Veröffentlichung wäre, dann würden bei Spiegel-Online kaum noch Kommentare stehen.
 

Ein Eisbär (Teil 4: Die Entscheidung)

Hier kommt nun der Schluss der Eisbären-Erzählung, in der ich versuche, die Themen dieses Blogs auf eine etwas andere Weise als in essayistischen Texten durchzuspielen. Mir hat das Spaß gemacht – ich hoffe, beim Lesen macht der Text das auch.
Er schließt direkt hier an.
 
Als sie dort angekommen waren, informierte Anna die Gruppe darüber, dass Karl nicht mitgekommen war. Doch da man sich versicherte, dass in der momentanen Lage niemand etwas für Karl tun könne, und da man nun selbst sehr dringende Geschäfte zu tätigen hatte, nämlich die Bevölkerung der Stadt über den Bären zu informieren, Obdach für die vielen frierenden Menschen zu finden und Decken, Fernseher sowie heiße Getränke zu besorgen, stellte Anna ihr Anliegen zurück.
  Dank der großen Hilfsbereitschaft der Menschen in der kleinen Stadt konnten alle in der Turnhalle des Ortes untergebracht und mit dem Nötigsten versorgt werden, so dass sie tatsächlich in derselben Nacht noch zur Ruhe kamen und einige von ihnen sogar in den Schlaf fanden.

  Kurz vor Anbruch des Tages wurden sie geweckt, als der erschöpfte Karl die Turnhalle betrat und von seinen Kindern mit lauten Rufen und von Anna mit einem stolzen Lächeln begrüßt wurde. Er habe den Bären, erzählte Karl, noch einige Zeit aufhalten können, sei dann zum Schrank gerannt, das hungrige Tier dicht hinter sich, und sei ihm knapp entkommen, wobei er sich jedoch keine Hoffnungen mache, dass die teure Gerätschaft, die ihnen allen das Leben gerettet habe, intakt geblieben sei.
  Entgegen den Erwartungen aller konnten alle noch am selben Tage in ihr Dorf zurückkehren. Die Bundespolizei, die noch in der Nacht informiert worden war, hatte den Bären, der, sich offenbar in einem Zustand höchster Verwirrung befindend, die Dorfstraße beständig auf und abgegangen, schon am Morgen erschossen. Alle halfen nun einander, sie lasen die sterblichen Überreste der durch den Bären gerissenen Tiere, soweit sie denn eben aufzufinden waren, mit der größtmöglichen Würde auf, sie richteten der zerstörten Schankraum in einer gemeinsamen Anstrengung wieder her, und schon nach wenigen Tagen hätte ein zufällig das Dorf betretender Gast den Eindruck gewinnen können, dass eigentlich gar nichts vorgefallen war.

Es dauerte ebenfalls nur wenige Tage, bis die Bürgermeisterin bei der Versammlung des Dorfes diejenige Frage stellte, die nun einmal gestellt werden müsse, ob nämlich das Dorf bei seiner Entscheidung bleibe, dass Karl gehen müsse. Zwar sei dieser nach Meinung einiger bei dem glücklichen Ausgang des dramatischen Geschehens nicht ohne Verdienste geblieben, doch müsse diskutiert werden, ob sich dadurch an der Sachlage, die zu dem ja immerhin einstimmig gefassten Beschluss geführt habe, etwas geändert hätte.
  Die Frauen des Dorfes stimmten, so zeigte sich schnell, weiterhin für einen Ausschluss von Karl, wenn sie auch nicht verhehlten, dass sie gegenüber Karl aufgrund seiner Mithilfe bei ihrer Rettung durchaus eine gewisse Verpflichtung empfanden, dass aber vernünftige Abwägungen im Interesse aller hier gleichwohl schwerer wiegen müssten. Von einem gewissen Einfluss war dabei sicher auch die von allen Beteiligten als wohltuend empfundene Erfahrung der Solidarität mit Anna, als diese erst vor wenigen Tagen angesichts der unverändert als fragwürdig zu erachtenden Verhaltensweisen ihres Mannes ganz in Tränen aufgelöst war. Vor allem aber waren sie weiterhin um das Wohl der Kinder in höchstem Maße besorgt.
  Warum auch die Männer geschlossen gegen Karl stimmten, wurde niemals vollständig geklärt. Möglicherweise gestanden sie ihren Frauen unwillkürlich ein schärferes Urteilsvermögen zu, wenn es um die sozialen Belange des Dorfes und insbesondere um das gedeihliche Aufwachsen der Kinder zu tun war. Wahrscheinlicher ist, dass viele sich im Stillen schämten, weil sie, anders als Karl, für die Rettung des Dorfes in jener verhängnisvollen Nacht nur wenig getan hatten und weil sie daran bei jeder zufälligen Begegnung mit Karl auf unangenehme Weise erinnert wurden.
  Zu der folgenden Versammlung wurde Karl ausdrücklich hinzugebeten. Sobald er dort Platz genommen hatte, erläuterte die Bürgermeisterin ihm den Beschluss des Dorfes. Er hole das Getreide nicht zum vorgesehenen Zeitpunkt ein, vernachlässige seinen Hof, halte sich vom Dorfgeschehen fern, sei summa summarum eine Belastung für seine Familie und eine Gefahr für alle Menschen des Dorfes, besonders für die jüngsten unter ihnen. „Karl, du lebst beständig auf Kosten anderer. Würden wir nicht immer wieder aushelfen, dann gäbe es deinen Hof schon nicht mehr, und deine Familie müsste in Armut leben. Ich weiß, dass einige dich vor einigen Tagen als Helden erlebt haben, aber,“ so fügte die belesene Bürgermeisterin, die selbstverständlich auch mit den Schriften Brechts vertraut war, hinzu, „ich sage: Wehe dem Land, das Helden nötig hat. Karl, das musst du doch einsehen: Wenn nicht gerade ein Eisbär durch unser Dorf spaziert, dann bist du zu nichts zu gebrauchen.“
  In das Gelächter hinein, das auf die abschließende Bemerkung folgte, begann Karl mit einer Antwort. Die Arbeit, die das Einbringen der Ernte erfordere, habe er keineswegs auf andere abschieben wollen, nach seinen Berechnungen sei es jedoch sinnvoller gewesen, noch ein paar Tage damit zu warten, was er aber nach der Aberntung natürlich nicht mehr habe belegen können. Dass er bei den Versammlungen gefehlt habe, möge ihm bitte als Zeichen seines vollen Vertrauens in die Urteilskraft der Anwesenden werten. Er habe zudem immer Sorge getragen, andere mit seinen Forschungen und Experimenten nicht zu gefährden, er sehe nun aber ein, dass er unterschätzt habe, welch eine Irritation diese Forschungen in den Augen vieler notwendig habe auslösen müssen. Dass er aber eine Belastung für seine Frau und Kinder dargestellt habe, vor allem das bedaure er zutiefst, er habe sich, wie er gestehen müsse, darüber niemals Gedanken gemacht, und dies sei ihm heute selbst kaum begreiflich, und ganz gewiss werde er dies ändern.
  „Zu spät!“ rief der Wirt, sichtlich erbost. „Als unser geliebter Pastor fast getötet wurde, war er gerade auf dem Weg zu dir. Und unsere geschätzte Schulleiterin: Sie tröstete gerade deine arme Frau, die, wie du dir ja wohl denken kannst, ganz verzweifelt war, und eben dies wurde ihr beinahe zum Verhängnis.“ Es war allerdings eine Freude zu sehen, dass die beiden dergestalt ins Gespräch Gebrachten dieses Gespräch selbst kaum verfolgten, weil sie, einander an den Händen haltend und vom stillen Wohlwollen der aufgeschlossenen und aufgeklärten Bürgerschaft begleitet, die Reden nur momenteweise verfolgen konnten. Angesichts des zwar nicht gemeinsam, aber doch gleichermaßen überstandenen und überlebten Schreckens hatten die beiden sanften Seelen zueinander gefunden, so dass der Eisbär, Böses wollend, tatsächlich Gutes getan hatte – wenn es denn überhaupt als böse bezeichnet werden kann, seinen natürlichen Impulsen zu folgen und zugleich zur Kontrolle des eigenen Agierens nicht mit den nötigen Voraussetzungen ausgestattet zu sein. Unter dem Applaus einer mittlerweile durchaus aufgebrachten Versammlung schloss also der Wirt seine Rede: „Ich spreche wohl für alle, wenn ich sage, dass es reicht!“
  Auch Anna verteidigte ihren Mann nicht. Ihr war nach intensiven, aber auch unterstützenden und positiven Gesprächen mit Freundinnen und Freunden deutlich geworden, dass man Menschen nicht ändern könne, dass Karl sich auf Dauer auch nicht ändern würde, ganz gleich, was er jetzt sage, da gäbe es unzählige vergleichbare Fälle. So habe die Episode mit dem Eisbären ihre Entscheidung für eine Trennung nur vertagen, nicht aber überflüssig machen können.
  Die tiefe Verständnislosigkeit, mit der Karl auf diese Worte reagierte, bestätigte Anna nur in der Richtigkeit dieser Entscheidung.
  So musste Karl denn am folgenden Tag das Dorf, seine Frau und auch seine Kinder, die mitnehmen zu können er eindringlich, doch selbstverständlich (in ihrem besten Interesse) ohne Erfolg er gebeten hatte. Dass sich bald darauf der Winter endlich zurückzuziehen begann, wurde von einigen Bürgern und Bürgerinnen des Dorfes heimlich wie eine Zustimmung der ganzen Natur zu ihrer Entscheidung empfunden.
  Karl kehrte in den kommenden Jahren einige Male zu Besuchen zurück, fühlte sich aber selten willkommen.

 
 
Das Dorf gibt es heute nicht mehr. Nur wenige Jahre nach den hier erzählten Ereignissen wurde es durch eine äußerst unwahrscheinliche Verkettung unglücklicher Umstände, mit denen vernünftigerweise niemand hätte rechnen können, vollständig zerstört. Es wären gewiss viele Menschenleben zu beklagen gewesen, hätten nicht Albert und Marie eingegriffen, die samt der anderen Dörfler dank einer zurückgelassenen Apparatur ihres Vaters entkamen, welche sie in den Sommerferien zufällig beim Spielen entdeckt hatten, als sie eigentlich mit ihrer Schullektüre hätten befasst sein sollen. Ihre Mutter, die von beiden Kindern als Erste gerettet wurde, fragte sich bei aller spontan empfundenen und verständlichen Dankbarkeit gleichwohl verwirrt und ohne eine  überzeugende Antwort zu erhalten, weshalb sich eigentlich die Kinder ohne ihr Wissen so eingehend mit dieser Hinterlassenschaft väterlicher Verschrobenheiten beschäftigt hatten.
  Die Kinder leben heute bei Karl in einer größeren Stadt, ihre Mutter, die im Nachbarort lebt, sehen sie regelmäßig, und wenn sie zwischen diesen Treffen ihre Mutter nicht ebenso vermissen würden, wie sie in den Jahren zuvor ihren Vater vermisst hatten, dann wären sie ganz zufrieden.

Wie ich einmal "Patriarchat" zum Unwort des Jahres machen wollte

Offene Briefe sind ausgesprochen peinlich und wichtigtuerisch. Aber da ich nun einmal gerade damit beschäftigt bin, ein Blog zu basteln, und mich gegen den Vorwurf der Wichtigtuerei daher eh nicht mehr wehren kann, kann ich auch gleich die Gelegenheit nutzen und einen offenen Brief formulieren – allein im Interesse der Leserinnen und Leser selbstverständlich, die dem Experiment zuschauen können, ohne sich selbst zum Affen machen zu müssen.
  Das Thema allerdings ist durchaus ernst. Dass der Vorwurf einer Vergewaltigung falsch sein kann, ist mit dem Kachelmann-Prozess zu einem offen und scharf diskutierten Thema geworden. Es ist ein Thema, das offenkundig für Männer wie für Frauen bedrohlich ist.
   Um so seltsamer, ärgerlicher und unseriöser fand ich die Gräben vertiefende Entscheidung der „Sprachkritischen Aktion“, die sich weitgehend aus universitären Sprachwissenschaftlern zusammensetzt, den Kachelmann-Begriff „Opfer-Abo“ zum „
Unwort des Jahres 2012“ zu erklären.  (mehr dazu auch hier, das Kachelmann-Interview, auf das sich die Jury bezieht, befindet sich hier). Ich dachte, ich schaue mal, was passiert, wenn ich das zum Anlass einer offenen Briefes nehme.

Sehr geehrte Frau Professorin Dr. Janich, sehr geehrter Herr Hebel, sehr geehrter Herr Dr. Roth, sehr geehrter Herr Professor Dr. Schiewe, sehr geehrter Herr Professor Dr. Wengeler,

die Entscheidung der „Sprachkritischen Aktion“, den Begriff „Opfer-Abo“ zum „Unwort des Jahres 2012“ zu erklären, ist zum Teil auf durchaus heftige Kritik gestoßen. Damit werden Sie vermutlich gerechnet haben – was aber ja nicht bedeutet, dass diese Kritik unberechtigt ist. Ich räume ein, dass ich mit dem Thema der Falschbeschuldigung bei Vergewaltigungen sicherlich weniger intensiv, ausführlich und umfassend beschäftigt habe als Sie  – gleichwohl hat mich Ihre Entscheidung sehr stutzig gemacht.  


Sie verurteilen Kachelmanns Wortschöpfung angesichts eines „dramatischen Tatbestands“ und beziehen sich dabei auf Zahlen des Familien- und Frauenministeriums, nach denen nur 5-8 % der Fälle sexueller Gewalt gegen Frauen angezeigt werden. Natürlich könnte man nun, falls man es genau nimmt und eine Vorliebe für Sprachkritik hat, mäkeln, dass dies eine auf Befragungen basierende Dunkelzifferabschätzung (von der es in beide Richtungen ja noch ganz andere gibt) und kein Tatbestand ist – gleichwohl haben Sie gewiss damit Recht, dass es für Frauen Hürden gibt, Vergewaltigungen anzuzeigen, und dass Frauen durch diese Hürden auch von Anzeigen abgehalten werden.

Allerdings ergibt sich daraus ja nicht der Umkehrschluss, dass bei allen Anzeigen einer Vergewaltigung die anzeigende Frau notwendig Recht haben müsse. Die Kachelmanns haben  schließlich nicht behauptet, dass sämtliche Vergewaltigungsvorwürfe haltlos seien – sie haben die Meinung ausgedrückt, dass einem Mann vor Gericht kaum geglaubt würde, auch dann, WENN der gegen ihn erhobene Vorwurf haltlos sei. Sie haben also überhaupt keine Aussage über das Anzeige- und Aussageverhalten von Frauen getroffen (abgesehen von der Selbstverständlichkeit, dass auch Frauen falsche Aussagen machen können), sondern nur über die Vertrauensbereitschaft der beteiligten Institutionen. Ob sie damit richtig liegen oder nicht, ist eine rechtspolitische Frage, der man beispielsweise durch die Beobachtung und Analyse von Gerichtsverhandlungen nachgehen könnte. Es ist jedenfalls keine Frage, die auf der Ebene der Sprachpflege zu beantworten wäre. Ihr Vorwurf, Kachelmann hätte „gegen die Menschenwürde der tatsächlichen Opfer“ verstoßen, lässt sich dabei schlicht nicht halten.

Natürlich ist es für Frauen erschreckend, wenn sie den Eindruck gewinnen, dass die Hürden für das Anzeigen einer Vergewaltigung höher und damit Vergewaltigungen womöglich wahrscheinlicher werden. Natürlich aber ist es auch für Männer erschreckend, den Eindruck zu gewinnen, ein Mann könnte allein aufgrund des bloßen Vorwurfs einer Vergewaltigung seine bürgerliche Existenz weitgehend verlieren und für längere Zeit inhaftiert werden, ohne dass ihm überhaupt eine Schuld nachgewiesen wurde. Man muss beide Ängste gar nicht für gleichgewichtig halten, um festzustellen, dass sie Menschen daran hindern können, die Ängste der jeweils anderen ernst zu nehmen. Gleichwohl schließen sich beide Positionen logisch ja keineswegs aus, und so wäre es eigentlich möglich und sinnvoll, Vermittlungen zwischen ihnen zu finden.

Sie aber konstruieren statt dessen, warum auch immer, eine harte Entweder-Oder-Entscheidung und erwecken den Eindruck, man könne nur entweder die Ängste von Frauen oder die von Männern ernst nehmen – und wer auf das Risiko von Falschbeschuldigungen hinweise, würde demnach zwangsläufig die Position von Frauen schwächen und Hürden für die Anzeige von Vergewaltigungen vergrößern.

So ist Ihre Entscheidung sehr rätselhaft. Der Begriff „Opfer-Abo“ wurde ja eigentlich kaum aufgegriffen und hat in der öffentlichen Diskussion (bevor Sie ihn zum Unwort erkoren haben) überhaupt keine Rolle gespielt – und auch Sie selbst interessieren sich in der Begründung Ihrer Wahl kaum für ihn, analysieren ihn nicht einmal. Ihnen geht es offenbar allein um die Diskreditierung der damit formulierten Position. Was also soll das?

Alice Schwarzer hatte in ihrer Emma nach dem von ihr publikumswirksam begleiteten Kachelmann-Prozess ja gefordert, den Begriff „Unschuldvermutung“ zum Unwort des Jahres zu erklären. Dieser durchaus rechtsstaatsfeindlichen Forderungen konnten Sie natürlich nicht einfach Folge leisten. Ihre tatsächliche Entscheidung aber kommt Schwarzers Position inhaltlich sehr nahe: Auch Sie skandalisieren es, wenn jemand öffentlich und allgemein thematisiert, dass ein der Vergewaltigung angeklagter Mann unschuldig, die beschuldigende Frau also tatsächlich gar kein Opfer und ihre Beschuldigung falsch sein könnte.

Warum aber stört Sie eigentlich der Eindruck nicht, Sie würden Entscheidungen Ihres sprachpflegerischen Amts ausgerechnet auf Zuruf einer Bildzeitungs-Kolumnistin treffen?

Es ist Ihnen ja unbenommen, Jörg Kachelmann mit Schwarzer für eine unangenehme Person, meinetwegen nach Ihrem Belieben auch für einen aufgeblasenen Hohlkopf zu halten. Wieso aber glauben Sie, Sie dürften ihm die Möglichkeit abzusprechen, nach Begriffen zu suchen, mit denen er seine Erfahrung einer erheblichen geschlechtsbedingten Diskriminierung artikulieren könnte?

Sicher, er könnte über diese Erfahrung auch sprechen, wenn er dieses eine Wort nicht verwenden würde – aber das sollte seine Entscheidung bleiben. Ein Beispiel: Der Begriff „Patriarchat“ sagt ja tatsächlich etwas ganz Ähnliches aus wie der Begriff „Opfer-Abo“, er wird nur gemeinhin mit anderer Akzentsetzung und Absicht verwendet. Es ist ein unscharfer Begriff, ganz sicher auch ein politischer Kampfbegriff – aber inhaltlich ist er, zumal in seiner ursprünglichen Bedeutung, nicht haltbar. In einer „Väterherrschaft“ leben wir nun wahrlich nicht – angesichts der Urteile des Europäischen Gerichtshofes und des Verfassungsgerichts, die feststellten, dass in Deutschland die Grund- und Menschenrechte zumindest nichtehelicher Väter in erheblicher Weise verletzt werden, lässt sich der Begriff gar als Verhöhnung der Opfer dieser Rechtsverletzungen und als Verschleierung tatsächlicher Gewaltverhältnisse verstehen. Wie groß ist also die Chance, dass im nächsten Jahr der Begriff „Patriarchat“ zum Unwort des Jahres wird? Sie könnten dann den Menschen, denen der Gebrauch dieses Begriffs lieb und teuer geworden ist, ja deutlich machen, dass sie selbstverständlich weiterhin ihre Position formulieren könnten, nur eben nicht mit diesem bösen Wort.

Der Sinn des Gedankenspiels ist wohl klar, aber sicherheitshalber erläutere ich ihn doch noch einmal. Es ist anmaßend, Menschen, die sich als diskriminiert und benachteilt wahrnehmen, Vorschriften machen zu wollen, wie sie diese Erfahrung bitteschön auszudrücken hätten – und wie nicht.

Ich kenne Zeitgenossen, die Ihre Entscheidung zum Unwort 2012 mit der Sprachpolitik in Orwells Roman 1984 vergleichen. Das ist sicher überzogen – wir leben immer noch in einer zu offenen Gesellschaft, als dass eine solche Sprachlenkung möglich wäre. In einem Punkt allerdings hinkt der Vergleich nicht. Bei Orwell geht es darum, dass es unmöglich gemacht werden soll, bestimmte Positionen formulieren, ja auch nur denken zu können, indem die Begriffe dafür zum Verschwinden gebracht werden. Eben darum geht es auch bei Ihnen – Sie stört die von Kachelmann bezogene politische Position, und sie benutzen die Diskreditierung seiner Sprache, um diese Position öffentlich unmöglich zu machen.

Was aber ist für Sie eigentlich so unerträglich daran, wenn ein Mann nach Begriffen sucht, um seine Erfahrung einer erheblichen geschlechtsbedingten Benachteiligung artikulieren zu können?
Das ist keine rhetorische Frage, die Antwort würde mich tatsächlich interessieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr……..

(Meinen Klarnamen möchte ich in diesem Blog nicht veröffentlichen. Mich selbst würde es nicht stören – aber es geht in vielen Texte eben auch um meine Position als Vater, und damit auch um unser Kind. Es ist noch jung – ich weiß aber nicht genau, wie es für unser Kind sein würde, irgendwann einmal seine Angelegenheiten hier, für alle erkennbar, verhandelt zu sehen – daher der Name „Schoppe“, der nicht mein richtiger ist.)