Geschlechterdebatte

Warum es in der Frauenförderung immer nur um Sex geht (Geschlechter als soziale Konstruktionen? – Teil 1)

Bild zeigt Reklame eines Sexshops
geschrieben von: Lucas Schoppe
Bruce Reimer wurde 1965 im kanadischen Winnipeg geboren. Nachdem ihm im Alter von acht Monaten bei einer missglückten Beschneidung der Penis irreperabel verbrannt worden war, folgten die Eltern einem Ratschlag des Psychologen John Money des John Hopkins Hospitals in Baltimore, der davon ausging, dass geschlechtsspezifisches Verhalten keineswegs angeboren wäre, sondern im sozialen Umfeld erlernt werde und daher auch veränderbar sei. Er überzeugte die Eltern davon, Bruce seinen Penis vollständig entfernen zu lassen, ihm Hormone zu verabreichen und ihn als Mädchen, als Brenda aufzuziehen.
Bruce/Brenda allerdings identifizierte sich niemals mit der weiblichen Rolle, hatte schon mit dreizehn Jahren  Depressionen, bis seine Eltern ihm schließlich 1980 erzählten, dass er eigentlich als Junge geboren war.
Er nahm wieder eine männliche Rolle an, nannte sich David – versuchte, über Operationen und abermalige Hormoneinnahmen die Geschlechtsumwandlung rückgängig zu machen – litt aber sein Leben lang unter Depressionen und verübte schließlich mit 38 Jahren Selbstmord.
Der Fall wird heute häufig als ein Beispiel dafür angeführt, dass die Idee, Geschlechter seien lediglich soziale Konstruktionen, nicht nur absurd, sondern potenziell auch inhuman sei (z.B. hier).
Für eben diese Idee, dass „Geschlecht“ lediglich eine soziale Konstruktion sei, wird häufig und durchaus zurecht auf die  amerikanische Philosophin Judith Butler verwiesen. In ihrem 1990 erschienen Buch Gender Trouble (dt: Das Unbehagen der Geschlechter, 1991) greift sie die Unterscheidung zwischen sex – dem biologischen Geschlecht – und gender – der sozialen Geschlechterrolle – auf und spielt den Gedanken durch, dass „das ‚Geschlecht’ (sex) selbst eine kulturell generierte Geschlechter-Kategorie (gendered category) ist“ (S. 24). Mit anderen Worten: Nicht nur das soziale, auch das biologische Geschlecht sei sozial konstruiert.
Natürlich kann diese Idee absurd wirken. Die biologischen Geschlechterunterschiede sind schließlich offenkundig – ein Penis, eine Vagina oder Brüste sind offensichtlich wirklich Teile des Köpers und nicht einfach sozial herangebastelt. Darum allerdings geht es auch nicht – eher um die Frage, warum denn ausgerechnet diese Körperteile „Geschlechtsmerkmale“ sind, und warum nicht beispielsweise die Schuhgröße oder die Haarfarbe als entscheidend für den Unterschied Frau-Mann gewertet würden.
Tatsächlich können Geschlechtsunterschiede, auch im biologischen Sinne, als soziale Konstruktionen verstanden werden – wie auch sonst? Begriffe wie „Mann“ und „Frau“ haben sich schließlich in der sozialen Interaktion entwickelt und werden nicht einfach von Bäumen gepflückt. Insofern ist die Idee, dass Geschlechter soziale Konstruktionen seien, keineswegs absurd oder skandalös – allerdings möglicherweise ein wenig banal.
Sehr problematisch allerdings ist eine Schlussfolgerung daraus: dass nämlich Geschlechter, weil sie soziale Konstruktionen seien, auch beliebig veränderbar seien. Dieser Gedanke ist sicherlich falsch, und mehr noch, er ist tatsächlich potenziell ausgesprochen inhuman. Wirklichkeit, wie wir sie bewusst erleben, lässt sich durchaus als soziale Konstruktion verstehen – was für uns Wirklichkeit ist, ist immer auch Ergebnis unserer Interaktion mit anderen,  des Erlebens gemeinsamer Konzepte, aber auch des Erlebens von Unterschieden. Allerdings sind soziale Konstruktionen keineswegs beliebig veränderbar, und dafür gibt es, soweit ich es sehe, drei gewichtige Gründe.
Soziale Konstruktionen erfüllen wichtige Funktionen. Natürlich ließen sich die Begriffe „Mann“ und „Frau“ auch anhand der Schuhgröße oder Haarfarbe von Menschen unterscheiden – allerdings wäre diese Unterscheidung wesentlich weniger funktional als die Unterscheidung nach der Rolle in der Fortpflanzung und der entsprechenden körperlichen oder genetischen Ausstattung. Diese Unterscheidung erlaubt differenzierte Beschreibungen menschlichen Sozialverhaltens, mannigfache Anschlussforschungen, unübersehbar viele literarische, musikalische oder bildnerische  Bearbeitungen, und vieles vieles mehr. Eine Unterscheidung anhand der Schuhgröße hingegen wäre höchstens für Schuhverkäufer funktional.
Dies ist der erste wichtige Grund, warum soziale Konstruktionen nicht beliebig modellierbar sind: Sie sind funktional. Auch Grundlagen der Wissenschaft lassen sich als soziale Konstruktionen begreifen, als Ergebnis jahrhundertelanger sozialer Interaktion – aber sie sind deshalb eben nicht beliebig. Natürlich ließe sich beispielweise das Kriterium der Validität (zu gewährleisten, dass das, was gemessen wird, auch das ist, was gemessen werden soll) durch das der politischen Opportunität ersetzen, und de facto wird dies möglicherweise auch schon oft getan. Es ist aber offenkundig, dass das Kriterium der Validität für eine seriöse wissenschaftliche Forschung, welche die Handlungsmöglichkeiten von Menschen sinnvoll erweitert, wesentlich funktionaler ist.
Auch „traditionelle“ Geschlechterkonstruktionen, etwa die der bürgerlichen Ehe, erfüllen Funktionen, und wer sie verändern möchte, muss eben dafür Sorge tragen, dass diese Funktionen auf andere Weise erfüllt werden können. Die Ehe ist  beispielsweise eine sinnvolle Versorgungsgemeinschaft, und sie gewährleistet Kindern den alltäglichen Kontakt zu beiden Eltern. Wer  – mit womöglich guten Gründen – Alternativen dazu sucht, aber diese Funktionalität nicht beachtet, wird den Beteiligten (insbesondere den Kindern) eher Schaden zufügen, als dass er „modernere“ Familienformen kreiert.
Soziale Konstruktionen sind komplex. Soziale Konstruktionen sind nicht nur funktional, sondern dabei zugleich auch komplex. Diese Komplexität wird beispielsweise durch eine Politik ignoriert, die große Anstrengungen unternimmt (und erhebliche öffentliche Mittel einsetzt), um die Position von Frauen im Erwerbsleben zu stärken – und die sich zugleich dagegen sperrt, die rechtlichen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Väter ebenso wie Mütter ihre Verantwortung für ihre Kinder tragen können. Selbst ein einfacher und offensichtlicher Zusammenhang – dass Männer und Frauen im Berufsleben die gleichen Männer und Frauen sind wie im Familienleben – wird ausgeblendet, um die Illusion zu bewahren, in einem Bereich die Wirklichkeit beliebig steuernd verändern zu können, ohne die damit verknüpften Bereiche beachten zu müssen.
Ein anderes Beispiel: Ich lese gern, und häufig, den Blog Alles Evolution. Christian, der diesen Blog betreibt, diskutiert männliches und weibliches Verhalten aus einer evolutionsbiologischen und evolutionspsychologischen Perspektive, und er steht, wie viele der dortigen Kommentatoren, sozialkonstruktivistischen Ansätzen sehr kritisch gegenüber. Obwohl ich diese Kritik nicht teile, finde ich sie nachvollziehber. Nicht zufällig wird ja beispielsweise auch in Deutschland der Anglizismus „Gender Studies“ (statt etwa „Geschlechterstudien“ oder „Geschlechterforschung“) verwendet – der Begriff „Gender“ signalisiert schon eine Konzentration auf das soziale Geschlecht und eine Abgrenzung von „biologistischen Zuschreibungen“, die eine Unveränderbarkeit der Geschlechterrollen signalisieren könnten. Es ist jedoch offenkundig anmaßend, zugleich aber auch albern, einen Wissenschaftszweig (oder was auch immer die Gender Studies sein mögen) eben dadurch zu definieren, dass er die reichhaltigen und offenkundig relevanten Ergebnisse einer bereits etablierten Wissenschaft, der Biologie nämlich, programmatisch ignoriert. Auch hier wird die Komplexität sozialer Konstruktionen – zu der, wenn man denn Wirklichkeit als soziale Konstruktion begreift, eben auch die der Biologie gehören – planvoll nicht wahrgenommen, und es werden absichtlich Aspekte ausgeblendet, die den eigenen Anspruch auf eine beliebige Veränderbarkeit der Wirklichkeit relativieren könnten.
Dabei ist die Kritik an „Biologismen“ durchaus willkürlich. In der öffentlichen Frauenförderung ist mit völliger Selbstverständlichkeit das biologische, und nicht etwa das soziale Geschlecht zentraler steuernder Faktor für die Vergabe von Mitteln oder Positionen. Sonst könnte es ja beispielsweise vorkommen, dass eine biologische Frau eine Professur besetzen soll, die Gleichstellungs- (also de facto Frauen-)beauftragte der Uni jedoch eingreift und darauf hinweist, dass ein Mitbewerber zwar biologischer Mann sei, aber ansonsten viel eher die Kriterien einer sozialen Konstruktion „Frau“ erfülle und daher die Professur erhalten müsse. Oder ein nichtverheirateter biologischer Vater könnte automatisch das alleinige Sorgerecht für seine Kinder erhalten, weil deutlich ist, dass er der sozialen Mutterkonstruktion viel eher entspricht, als die biologische Mutter dies tut. Niemand käme auf solche Ideen – es geht in der Frauenförderung und Frauenpolitik, sozusagen, ganz selbstverständlich immer nur um Sex, nicht um Gender (ohne dass irgendjemand in der Genderforschung daran ernsthaft Anstoß nehmen würde).
Mehr über Andrea Dworkin, grammatikalische Penetration, die pausenlose Entlarvung von Herrschaftsansprüchen sowie über Kinder, die sich einfach nicht gendergerecht benehmen wollen…morgen an dieser Stelle…
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