Geschichten

Ein Eisbär (Teil 1: Der Spinner)

Bild zeigt Eisbären in der Wildnis
geschrieben von: Lucas Schoppe

Die folgende Erzählung habe ich selbstverständlich nicht selbst geschrieben, sondern lediglich aus einer alten Handschrift übersetzt. Es geht darin, wenn ich es richtig sehe, um eine auch für die heutige Zeit interessante Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Frauen und Männern und der Kindererziehung, nebenbei aber auch um ein Kartoffelkatapult, die Erfindung des Beamens, ein freundliches Dorf, einen ausgesprochen langen Winter und natürlich einen Eisbären.

Es waren arbeitssame Menschen, die Bewohner dieses friedlichen Dorfes, in einem abseits des nervösen Weltgeschehen gelegenen Tal, das mit seinen steilen grauen Felsformationen, die nördlich und südlich der Häuser der einfachen Weg in die entfernte Welt hinaus versperrten, mit seinen dem unbefangenen Betrachter düster erscheinenden Fichtenwäldern, aber auch mit den sanften, im Frühling über und über mit Blumen bedeckten Wiesen entlang des Flusses eine ganz eigene Welt darstellte, die – davon zumindest waren die fleißigen Bewohner des Dorfes überzeugt – kaum Ähnlichkeit hatte mit der Welt dort draußen und die von deren Schrecknissen, soweit nur immer möglich, verschont geblieben war.
  Arbeitssam mussten sie sein, die Bewohner dieses Dorfes, da doch der Verkehr mit der Außenwelt nicht einfach war, da die technischen Errungenschaften der Zeit – es gab sehr wohl Fernseher in dem Dorf, aber noch niemandem mit Anschluss an das Internet – mit großer, aber ganz sicher auch weiser Skepsis beäugt wurden, da das Dorf nicht leicht erreichbar war und da also in einem Notfall, beispielsweise in einem der üblicherweise recht langen Winter, die Menschen dieses Dorfes weitgehend auf sich selbst gestellt waren und auf die Erfolge ihrer eigenen Arbeit zurückgreifen mussten.
  Aus eben diesem Grunde auch war das Verhältnis zwischen den Geschlechtern, das andernorts bekanntlich häufig Anlass zu allerlei Missstimmungen, Auseinandersetzungen und sogar heftigen Wortgefechten bot, bemerkenswert ungetrübt. Frauen wie Männer mussten arbeiten, gleichfalls zu Hause wie auf den Feldern, mit den Tieren, in den Einrichtungen des Ortes, an den Gebäuden, in der dörflichen Verwaltung, und auch die Kinder wurden nicht über lange Zeiträume (die andernorts, wie man sich im Dorf lachend und ungläubig erzählte, gar bis zum dreißigsten Lebensjahr andauern mochten) hin und her erzogen, sondern mussten ganz einfach mitarbeiten, so früh es eben ging.
  Natürlich glaubten auch die Menschen in diesem Dorf nicht, dass Frauen und Männer in jeder Hinsicht gleich waren, sie sahen aber auch keine Notwendigkeit, sich über dieses Thema allzu viele Gedanken zu machen. Ganz anders als in der Welt draußen war den meisten Menschen schlichtweg klar, dass Männer aufgrund ihrer im Allgemeinen größeren Körperkräfte die schwereren Arbeiten verrichten mussten, dass aber auch leider zu körperlichen Auseinandersetzungen neigten, da ihre verbalen Kompetenzen (so erzählte man sich) eingeschränkter waren als die der Frauen, dass daher der friedensstiftende weibliche Einfluss für das Gedeihen des Dorfes unverzichtbar war, wohl auch, weil die Frauen zudem ein größeres Talent und unbezweifelbar die geeignetere körperliche Ausstattung für den Umgang mit sehr kleinen Kindern hatten, dass also, allgemein gesprochen, die vornehmste Aufgabe der Männer eben darin bestand, für die Frauen zu sorgen, so wie diese schließlich für die Kinder respektive für das Wohlbefinden des gesamten Dorfes Sorge trugen.

  Insgesamt waren alle Menschen zufrieden und konnten einsehen, wie sinnvoll und nützlich das dörfliche Geschehen eingerichtet war.

Allein ein Mann stellte ein beständiges Ärgernis dar, das die Bewohnerinnen und Bewohner, von der klugen Bürgermeisterin bis hin zum umgänglichen Schankwirt, vom charismatischen Pastoren bis hin zur liebevoll-strengen Leiterin der Schule in einen konstanten, durchaus auch unbefriedigenden Zustand der Ratlosigkeit versetzte. Wenn andere frühmorgens auf die Felder gingen, saß er in seiner Scheune und bastelte mit Ausdauer und Begeisterung an Gerätschaften, deren Sinn und Nutzen durchaus nicht jedermann einsichtig sein konnte. Wenn die anderen Männer des Dorfes in den Fichtenwäldern und in den Steinbrüchen das Material für den Bau neuer und die Ausbesserung älterer Häuser zusammentrugen, stellte er lange Wanderungen in die Umgebung an, die keinerlei offensichtliches Ziel hatten. Während die Männer und Frauen des Dorfes abends zusammentraten, um mit großem Ernst und Verantwortungsbewusstsein und unter der Leitung der klugen Bürgermeisterin über die Belange des Dorfes zu beraten, saß er in seiner Kammer unter dem Dach seines Hauses und schrieb Hefte und Blätter mit Notizen und Texten voll, deren Bedeutung nicht einmal für seine Ehefrau nachvollziehbar war.
  Diese seine Frau, Anna mit Namen, war Gegenstand des Mitgefühls aller Bürgerinnen und Bürger. Um ihretwillen und um der Kinder Willen, des achtjährigen Albert und der neunjährigen Marie nämlich, halfen andere der Familie immer wieder aus, wenn etwas an dem Haus repariert werden musste, wenn das Getreide in dem dafür vorgesehenen Zeitraum noch nicht eingeholt war oder wenn Anna die Position der Familie auf den abendlichen dörflichen Beratungen ganz allein vertreten musste.
  Kopfschüttelnd stellten sich die Dörflerinnen und Dörfler bei diesen wie bei anderen Gelegenheiten die Frage, wie die kluge, arbeitssame, und – wie der Pastor zu sagen pflegte – patente, ansehnliche, schöne, liebevolle Frau ausgerechnet an einen solchen Kerl geraten war. Liebe mache blind, erläuterte der lebenserfahrene Wirt; gerade die im Schnitt wohl größere soziale Kompetenz der Frau, fügte der einfühlsame Pastor hinzu, verführe diese manchmal dazu, ausgerechnet Außenseiter attraktiv zu finden; genau dies, ergänzte die souveräne Bürgermeisterin, um ihnen gleichsam den Weg in die Gemeinschaft zu bahnen, den sie allein nicht finden könnten; um die Kinder allerdings müsse man sich doch ernsthafte Sorgen machen, betonte die umsichtige Schulleiterin. Tatsächlich war es wohl so, das gerade die Absonderlichkeiten des Spinners (wie der Mann, der übrigens eigentlich Karl hieß, in der Regel genannt wurde, wenn Anna nicht anwesend war) in Anna einen Ehrgeiz entfacht hatten, der verständlich, aber bei vernünftiger und ruhiger Betrachtung auch verhängnisvoll war, den Ehrgeiz nämlich, den verschrobenen Mann gerade zu biegen, ihm die Flausen aus dem Kopf zu treiben und so seine besonderen Eigenschaften, auf die seine ungewöhnlichen Verhaltensweisen in ihren Augen notwendig hindeuten mussten, sichtbar werden und sich zum Nutzen der Gemeinschaft entfalten zu lassen.
  Vielleicht war es aber auch so (das jedenfalls war eine Vermutung ihres Vaters, die er jedoch aus gutem Grunde mit niemandem teilte, auch nicht mit seiner Ehefrau), dass sie von Absonderlichkeiten schlichtweg angezogen und sogar selbst nicht frei war und in ihrem spinnerten Mann etwas entdeckte, was sie von jeher auf ungesunde Weise fasziniert hatte. Der Vater erinnerte sich gut daran, dass sie schon als Kind, während ihr jüngerer Bruder bereits verlässlich auf den Feldern half, manches Mal in einem träumerischen, versunkenen Zustand am Fluss, am Waldrand, auf den Wiesen oder vor den großen Felswänden saß und nur mit Mühe aus diesem Zustand zu erwecken war. Glücklicherweise hatte sich dieses irritierende Verhalten mit den Jahren ausgewachsen, so dass aus Anna die kluge, fleißige und ansehnliche Frau geworden war, als die sie jede und jeder im Dorf kannte.
  Doch so oder so, ob nun ein irregeleitetes pädagogisches Interesse oder eine irrationale heimliche Faszination der Grund für ihre Gattenwahl war – sie wurde überall bedauert, und sie nahm dieses Bedauern zunächst mit Empörung, dann mit Resignation, schließlich mit Dankbarkeit zur Kenntnis.
  Ihr Mann habe ein Gerät entwickelt, erläuterte sie eines Abends einer staunenden Dorfversammlung, mit dem Kartoffeln durch eine katapultartige Vorrichtung über weite Entfernungen hinweg geschossen werden konnten. Offensichtlich habe ihr Mann darauf gehofft, dass er sich und anderen den anstrengenden Transport der Ernte vom Feld bis zum Hof ersparen könnte, doch tatsächlich seien bei seinen Experimenten nicht nur ausnahmslos alle verwendeten Kartoffeln zerplatzt, sondern auch zwei Fensterscheiben des Hauses zerstört und ein Hahn versehentlich mit einer kleinen Frühlingskartoffel erschossen worden. „Da hätte wer weiß was passieren können, ebenso gut hätte es den kleinen Albert oder die kleine Marie erwischen können, es ist gar nicht auszudenken,“ erläuterte die Schulleiterin die möglichen Implikationen dieses absonderlichen Vorgehens, der Pastor fügte hinzu, dass man „sich kümmern“ müsse, und die Dorfgemeinschaft war rechtschaffen empört.
  Das sei ja noch nicht alles, berichtete Anna, nun für alle sichtbar mit Tränen (die sie allerdings schamhaft vor den mitleidigen Blicke zu verbergen versuchte) in den Augen…
(wird fortgesetzt, und zwar hier)
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