Geschichten

Ein Eisbär (Teil 2: Ankunft des Ungeheuers)

Bild zeigt den Kopf eines Eisbärs.
geschrieben von: Lucas Schoppe
Hier kommt der zweite Teil der Geschichte vom Eisbären, der erste Teil ist hier. Ich hab sie auch deshalb in mehrere (vier) Teile verpackt, weil die ganze Geschichte auf einmal hier einfach nur — lang aussieht – und ich fand es zum Lesen schöner, kürzere Teile zu haben, anstatt ewig viel Text auf einmal vorgesetzt zu bekommen. Stimmt das so? Stört es, nicht alles auf einmal lesen zu können – oder ist die Länge so ganz angenehm?
Und wie findet Ihr, wenn Ihr hier lest, überhaupt die Mischung aus Gedichten, Geschichten und eher essayistíschen Texten? Mir ist sie wichtig, aber ich weiß nicht, wie es beim Lesen ist – eine angenehme Abwechslung oder eher irritierend?

Das sei ja noch nicht alles, berichtete Anna, nun für alle sichtbar mit Tränen (die sie allerdings schamhaft vor den mitleidigen Blicke zu verbergen versuchte) in den Augen, im vergangenen Jahr sei er plötzlich für drei Tage verschwunden, sei dann ebenso unerwartet wieder aufgetaucht und habe ihr stolz von einer langen Wanderung erzählt, auf der er beim Kartographieren der Umgebung einen Weg gefunden habe, der durch die Fichtenwälder am Felsrand entlang auf verschlungene Weise, aber am Ende doch bemerkenswert einfach über die Felsrücken hinaus führe, so dass die Menschen des Dorfes, falls einmal die gewöhnlich genutzte Straße entlang des Flusses versperrt war, auch auf diese Art die nächstgelegene kleine Stadt erreichen könnten. „Es tut mir leid, aber das ist schon keine harmlose Spinnerei mehr,“ erkläre sorgenvoll die auch auf dem Felde der Psychologie bewanderte Bürgermeisterin, „das ist paranoid, also ein Handeln auf der Grundlage irrationaler Ängste, verbunden übrigens mit deutlich regressiven Impulsen, also einer Rückentwicklung hin zum Empfinden eines kleinen Jungen, der sich in abenteuerlichen und phantastischen Geschichten verliert, aber keine reale Verantwortung tragen muss. Die Straße war, wie wir alle wissen, sei Menschengedenken niemals versperrt, und der Weg die Felsen entlang wird doch wohl aller Wahrscheinlichkeit nach gefährlich sein, so dass gerade die Kinder nichts davon erfahren dürfen.“ Der Pastor ergänzte, dass man „sich einmischen“ sollte, und als der Gemeinschaft nun klar wurde, dass die allzu lange als harmlos abgetanen ungewöhnlichen Verhaltensweisen Karls nicht nur seine eigenen Kinder, sondern gar sämtliche Kinder des Dorfes in Gefahr brachten, wuchs die Empörung nicht nur in erwartbarer Weise, sondern es wurde in den folgenden Äußerungen auch wiederholt herausgestellt, dass nun endlich etwas geschehen müsse.

Leider sei auch das noch nicht alles, deutete Anna an, während ihr die Tränen nun für alle sichtbar die Wangen herunterliefen, sie sprach aber widerstrebend erst weiter, als sie von mehreren Seiten ausdrücklich dazu aufgefordert worden war. Nach vielen Berechnungen, die sich wohl auf komplizierte Weise an Einsteins Relativitätstheorie anlehnten (nach dem von beiden Eheleuten bewunderten Wissenschaftler war übrigens der gemeinsame Sohn benannt worden), nach monate-und insgesamt vermutlich jahrelanger Arbeit habe ihr Mann aus Versatzstücken, die er sich für viel Geld (und dabei die Ersparnisse der Familie in erheblicher Weise belastend) von weit her, zum Teil sogar aus Amerika bestellt hatte, eine schrankartige Vorrichtung erbaut, deren Wirkungsweise sie in hohem Maße erschreckt habe. Diese Gerätschaft, so habe ihr Mann erläutert, verschaffe über minimale Stauchungen im Raum-Zeit-Kontinuum jedem, der sie betrete, die Möglichkeit, sich mit einem kleinen Schritt an einen beliebigen Ort seiner Wahl zu begeben, solange sich nur dieser Ort in der näheren Umgebung befinde. Sie habe sich über alle Maßen erschrocken, als ihr Mann, den sie im Schuppen (wo die Gerätschaft stand) wusste, ihr plötzlich im Wohnzimmer gegenübergetreten sei, ohne dass sie ihn kommen gehört habe. Schlimmer noch, bei seinen Experimenten mit dem Schrank habe sich ihr Mann, wie er ihr belustigt erzählt habe, aufgrund von Schwierigkeiten mit der Feinjustierung, die mittlerweile überwunden zu haben er übrigens versichere, das eine Mal auf der Toilette des Pastors (die gottlob in diesem Moment unbesetzt gewesen sei), ein anderes Mal im Schlafzimmer des Ehepaars Krummbiegel (das unglücklicherweise in diesem Moment von Herrn Krummbiegel und Frau Weizsäcker genutzt wurde) wiedergefunden habe, und er habe sich jeweils nur mit Mühe unbemerkt, aber beschämt entfernen können.
„Überlegen wir doch mal, wozu eine solche Höllenmaschine gut ist,“ forderte der Wirt und brachte damit wie gewöhnlich die Angelegenheit auf den Punkt. „Wer braucht so etwas? Na? Ich sag es euch: Diebe können es gut gebrauchen, und Gott bewahre, sogar noch schlimmeres lichtscheues Gesindel. Kein anständiger Mensch hat jedenfalls ein Interesse daran, vorsätzlich Verwirrung über seinen Aufenthaltsort zu stiften!“ Hier sei ganz gewiss „der Rubikon überschritten“, kommentierte der Pastor, und mit der Ausnahme von Frau Krummbiegel und Herrn Weizsäcker, die vor einer endgültigen Entscheidung gern noch einige weitere Informationen erhalten hätten, war damit die Sachlage für die Bürgerinnen und Bürger klar: Karl stellte eine Gefahr für die Kinder des Dorfes, aber eigentlich für alle dar. Schnell war auch der Entschluss gefasst, dass er zum Verlassen des Dorfes aufgefordert und, falls er dieser Aufforderung nicht aus freien Stücken nachkäme, gezwungen werden solle, dass aber seine tapfere Frau und die bedauernswerten Kinder allen Anspruch auf Unterstützung durch die Dorfgemeinschaft hätten. Anna weinte nun lauthals und wurde von vielen herbeigeeilten Freundinnen getröstet, während die Männer sich angeführt vom Pastor und unter dem Beifall der Frauen aufmachten (die Bürgermeisterin sah es als ihre Pflicht an, bei der völlig in Tränen aufgelösten Frau zu bleiben), dem Karl den Beschluss der Versammlung zu überbringen.
Bevor es jedoch dazu kommen konnte, geschah etwas Unerwartetes.

Der Winter war, offenbar als – einem meteorologisch wenig vorgebildeten Beobachter paradox erscheinender – Konsequenz des Treibhauseffektes selbst nach den Maßstäben dieses Dorfes ungewöhnlich lang und ungewöhnlich hart. Obgleich der April schon beinahe beendet war, lag weiterhin, wie seit Monaten schon, eine dichte Schneedecke auf den Feldern und zogen noch immer Winterstürme über den. Nicht wenige Dorfbewohner und Dorfbewohnerinnen hatten nun, nach Annas Erzählungen, den Gedanken, dass dieser endlos lange Winter möglicherweise die Folge eines fehlgeschlagenen Experiments des unglückseligen Karl war.
Tatsächlich war dies nicht der Fall – hätten die Menschen des Dorfs sich stärker für die Welt draußen interessiert, oder hätten sie im Fernsehen auch Nachrichtensendungen und nicht nur unterhaltsame Serien, Liebesgeschichten oder lehrreiche Ratgebersendungen über die Erziehung von Kindern verfolgt, dann hätten sie gewusst, dass ganz Europa seit Monaten von Schnee bedeckt war. Sie hätten auch gewusst, dass sich infolge der langen Kälte nicht nur die Flora, sondern auch die Fauna auffällig verhielt, dass die Tiere südwärts wanderten und dass zwei Wochen zuvor sogar ein Eisbär im Bayrischen Wald gesichtet worden war.
Es ist für den weiteren Verlauf unserer Geschichte wichtig zu wissen, dass ein Eisbär zwar ganz gewiss ein schützenswertes Tier ist, dass er, aus einiger Entfernung betrachtet, auch einen beeindruckenden und sogar schönen Anblick bietet und dass er im Rahmen seines herkömmlichen Ökosystens auch eine unverzichtbare Funktion erfüllt – dass ein Eisbär aber zugleich aufgrund einiger seiner Eigenschaften, zu denen eine enorme Aggressivität, ein erstaunlicher Hunger, beeindruckend große Zähne in einem überaus starken Kiefer, mächtige, mit scharfen Krallen versehene Tatzen sowie insgesamt eine ausgesprochen überlegene Körperkraft gehören, von einigen Kennern als ein durchaus unerfreulicher Zeitgenosse beschrieben wird.
Es ist zudem wichtig zu wissen, dass solch ein Eisbär, überdies ein ausgesprochen prächtiges Exemplar seiner Art, in eben dem Moment den westlichen Eingang des Dorfes betrat, in dem die Männer die Schänke verließen, um Karl den Beschluss der Versammlung zu überbringen.

(wird fortgesetzt, und zwar hier)

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