Geschichten

Ein Eisbär (Teil 3: Hunger)

Bild zeigt einen Eisbären
geschrieben von: Lucas Schoppe
Der dritte Teil der Eisbären-Geschichte, der direkt an den zweiten anschließt. Es ist schon auch ein Experiment, ob es klappt, Themen, die mich hier beschäftigen – das Verhältnis von Männern und Frauen, die Konsequenzen für die Kinder, insebsondere im Vaterentzug – in der Form einer Geschichte anzugehen, die zudem noch nicht frei von grotesken Elementen ist.
Obgleich sich nun in diesem Teil die Ereignisse unserer Geschichte zuspitzen und die Lektüre deshalb gewiss starke Nerven erfordert, so kann ich doch versichern, dass Darstellungen von Gewalt auf ein Minimum reduziert sind (obgleich ich natürlich nicht weiß, ob das eher zur Erleichterung oder zur Enttäuschung meiner Leserinnen und Leser beitragen wird).
Es ist zudem wichtig zu wissen, dass solch ein Eisbär, überdies ein ausgesprochen prächtiges Exemplar seiner Art, in eben dem Moment den westlichen Eingang des Dorfes betrat, in dem die Männer die Schänke verließen, um Karl den Beschluss der Versammlung zu überbringen. Kurz bevor sie Karls und Annas Hof erreicht hatten, wurden sie daher durch ein kräftiges Brüllen aus ihren lebhaften Gesprächen gerissen, das nicht einmal die erfahrensten Jäger unter ihnen einer der ihnen bekannten Tierarten zuordnen konnten, und noch bevor sie sich Klarheit verschafft hatten, aus welcher Richtung dieses Gebrüll kam, war auch schon ein großes weißes Tier mit wenigen mächtigen Sprüngen und mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit mitten unter sie geraten und schlug, ausgerechnet als der Pastor die Männer zur Ruhe gemahnen wollte, mit der rechten Tatze dergestalt in Richtung seines Kopfes, dass keiner der Beobachter noch Hoffnung auf ein Überleben des verehrten Mannes hätte haben können, wäre er nicht im selben Moment glücklich ausgerutscht, auf sein Hinterteil gefallen und dem Schlag des Untiers also rettend ausgewichen. Da sich der riesige Bär, als den sie das große weiße Tier nun erkannt hatten, anstatt nach weiterer Beute zu suchen unsinnig erhob und zu einem allerdings furchteinflößenden Brüllen ansetzte, nutzten die Männer, den ob der Schmerzen an seiner Rückseite oder ob des überstandenen Schreckens wehklagenden Pastor mit sich ziehend, die Gelegenheit zur Flucht.
  Unglücklicherweise waren sie so unüberlegt, zur Dorfschänke zurückzulaufen, und unglücklicherweise führten sie den Eisbären damit auf direktem Wege zu ihren Frauen.
Diese hatten sich zuvor mit Erfolg darum bemüht, Anna zu trösten, sie standen ihr mitfühlend zur Seite und versicherten der armen, tapferen Frau, dass die gefundene Lösung die beste für alle, insbesondere für Albert und Marie, und dass Karl durchaus allein für die ihn nun erwartenden Unannehmlichkeiten verantwortlich sei. In diesem Moment rissen einige ihrer Männer die Tür auf, schrien Unzusammenhängendes und waren in einem so beklagenswerten Zustand, dass den Frauen sogleich angst und bange wurde. Die Schulleiterin fasste sich als Erste und fragte ruhig, aber bestimmt: „Was hat er getan? Was hat der Unglückselige getan?“
In diesem Moment vernahmen die Anwesenden einen dröhnenden Schlag an der zur Straße gelegenen Wand der Schänke, die, weil der Wirt ästhetisches Empfinden hatte und einen malerischen Eindruck seiner Wirtschaft erzielen wollte, ganz aus Holz gefertigt war. Das Dröhnen wiederholte sich mehrmals, Gläser und Flaschen kippten um, der Wirt ängstigte sich um die Unversehrtheit seines Mobiliars, durch das Fenster war eine große, in der Erregung allerdings nur schwer erkennbare Gestalt wahrzunehmen, bis die Wand schließlich unterhalb des Fensters brach, der Bär mit einem schnellen Satz mitten in den Raum sprang und sich direkt vor der bedauernswerten Schulleiterin, die sich unglücklicherweise an eben dieser Stelle befand, aufbaute. Diese begann nun, kreischende, zeternde, wütende, verzweifelte Laute von sich zu geben, schrie ohne Unterlass und in einer Weise, die dem unbefangenen Beobachter, den es in dieser Situation aus offenkundigen Gründen gewiss nicht geben konnte, durchaus geübt erschienen wäre, und es geschah schließlich etwas, das einige der Anwesenden hinterher noch lange als Wunder bezeichnen sollten, sich ungläubig davon berichtend, dass das Untier die Augen aufgerissen habe, die mächtigen Tatzen für einen Moment an die Ohren gelegt, den Kopf gesenkt und einige Schritte zurück getan habe, während die Schulleiterin, die offenkundig und wohl glücklicherweise nicht mehr Herrin ihres Handelns war, unablässig weiter schrie, als könne sie damit fortfahren, ohne jemals ein Ende finden zu müssen. Erneut flohen die Menschen voller Angst, nun in die eben entgegengesetzte Richtung. Sie rannten die Straße des Dorfes entlang, stürzten übereinander, schrien, rappelten sich auf, machten aufgeregt Halt an ihren Häusern, weil ihnen eingefallen war, dass ihre Kinder ahnungslos und dem Unheil ausgeliefert in den Betten lagen, rissen ihre Kinder aus dem Schlaf, trugen sie, schleppten sie hinter sich her, rannten weiter, den wehklagenden Pastor und die schreiende Schulleiterin immer in ihrer Mitte, bis sie, an Karls und Annas Hof vorbei, den östlichen Ausgang des Dorfes erreicht hatten. Hier aber hörten sie ein Geräusch von schnellen, mächtigen Sprüngen hinter sich, drehten sich angstvoll um, konnten nichts erkennen, wollten gerade weiter laufen, aus dem Dorf heraus, als von dort her ein gewaltiges Brüllen zu hören war und der Bär, der offensichtlich über einen Seitenweg an ihnen vorbei geeilt war, ihnen mit kräftigen, gleichwohl auch anmutigen Schritten entgegenkam und sie zurück in Richtung des Dorfes drängte.
Obgleich der Bär auf seinem Weg durch das Dorf, wie seiner leuchtend roten Schnauze zum großen Schrecken der Menschen unschwer anzusehen war, offenkundig eine Reihe der dort ansässigen, an friedlichere Bedingungen gewöhnten und daher bedauerlich chancenlosen Tiere verspeist hatte, war er noch immer auf der Suche nach Beute. Wären die Menschen des Dorfs auf dem Gebiet der Zoologie bewanderter gewesen, dann hätten sie gewusst, dass diese beeindruckende Gefräßigkeit eine ganz natürliche, ja in seinem heimischen Ökosystem sogar notwendige und sinnreiche Einrichtung im Verhalten des Bären war. Schließlich ist sein arktischer Lebensraum durchaus nicht mit einem übermäßigen Angebot der für ihn brauchbaren Nahrung gesegnet, so dass der Bär, wenn er denn Beute findet, die Gelegenheit nutzt und so viel frisst wie nur eben möglich, und dies ist bei einem ausgewachsenen Bären, wie leicht vorstellbar ist, recht viel.
Doch ob natürlich oder nicht, die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes sahen sich durch den gewaltigen Hunger des Bären verständlicherweise in eine missliche Lage versetzt. Sie konnten nach vorn nicht mehr weiter, weil ihnen dort das Untier den Weg versperrte, sie konnten aber auch nicht zurück, weil sie wussten, dass es sie beim Versuch der Flucht notwendig einholen musste, und so setzten sie in Ermangelung vernünftiger Alternativen zu einem erschütternden Wehklagen an, in das hinein allerdings bald eine andere Stimme zu vernehmen war: „Kommt! Kommt hierher! Kommt zu mir!“
Es war Karl, der von seinem Hof aus Zeuge des fürchterlichen Angriffs auf den Priester geworden war, der seitdem in großer Eile allerlei Vorkehrungen getroffen hatte und der nun die Menschen des Dorfes zu sich rief.
Im Innern des Hofes, der Karl und Anna gehörte, etwa zehn Meter von der Hofeinfahrt entfernt, hatte er ein großes Holzgestell aufgebaut und daneben einige Säcke voller Kartoffeln gestapelt. Die Menschen sahen zudem, dass der ganz in der Nähe gelegene Schuppen offenstand und dass sich darin ein ebenfalls geöffneter, großer, schrankartiger Gegenstand befand. Schnell erklärte Karl, was er sich zurecht gelegt hatte: „Geht in den Schrank, Anna weiß, wie er bedient wird. Ihr kommt heraus am Beginn eines Weges, der hoch zum Felsenkamm führt, ich gebe euch eine Karte mit. Ich bleibe und halte den Bären auf.“
Mit diesen Worten bediente er auch schon sein Katapult und schoss eine Ladung Kartoffeln auf den Bären ab, der den Menschen bis zur Hofeinfahrt gefolgt war.
Der Bär, dem Kartoffeln begreiflicherweise völlig unbekannt waren, zeigte sich nun in höchstem Maße irritiert, er versuchte, den Geschossen auszuweichen, tänzelte mal in die eine, mal in die andere Richtung, zögerte aber, weiter zum Hof hin vorzurücken, als Karl auch schon die nächste Ladung abschoss.
Es ist nur verständlich, dass die Menschen des Dorfes der Idee, die von Karl gebaute und gewiss unzuverlässige Maschinerie zu betreten, mit einer gewissen Reserviertheit gegenüberstanden, doch als der Bär nun wieder zu brüllen begann, rannten die ersten in den Schuppen hinein und dort in den Schrank, von wo aus sie mit äußerst erhobener Stimme Anna herbeiriefen, die ihnen die Gerätschaft bedienen sollte. Anna eilte zu ihnen, so dass Karl kaum Gelegenheit hatte, sich von seinen Kindern, die sie an der Hand hatte, zu verabschieden, und nun verschwand eine Gruppe nach der anderen in dem Schrank, bis schließlich nur noch Karl zurückblieb, der unablässig sein Kartoffel-Katapult bediente.
Tatsächlich traten die erstaunten Menschen am Rande des Fichtenwaldes und am Fuße eines Felshangs wieder aus dem Schrank heraus, wo ein schmaler, jedoch auch in der Dunkelheit und unter der Schneedecke klar sichtbarer Weg den Hang entlang in die Höhe führte. Als sie sichergestellt hatten, dass niemand vermisst wurde, betraten sie diesen Weg, der sie schon nach kurzer Zeit zum Felsenkamm führte, von wo aus sie nur noch wenige Kilometer weit den Berg hinab bis zur nächstgelegenen kleinen Stadt gehen mussten.
Als sie dort angekommen waren, informierte Anna die Gruppe darüber, dass Karl nicht mitgekommen war.

(wird fortgesetzt)

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