Wie ich einmal "Patriarchat" zum Unwort des Jahres machen wollte

Offene Briefe sind ausgesprochen peinlich und wichtigtuerisch. Aber da ich nun einmal gerade damit beschäftigt bin, ein Blog zu basteln, und mich gegen den Vorwurf der Wichtigtuerei daher eh nicht mehr wehren kann, kann ich auch gleich die Gelegenheit nutzen und einen offenen Brief formulieren – allein im Interesse der Leserinnen und Leser selbstverständlich, die dem Experiment zuschauen können, ohne sich selbst zum Affen machen zu müssen.
  Das Thema allerdings ist durchaus ernst. Dass der Vorwurf einer Vergewaltigung falsch sein kann, ist mit dem Kachelmann-Prozess zu einem offen und scharf diskutierten Thema geworden. Es ist ein Thema, das offenkundig für Männer wie für Frauen bedrohlich ist.
   Um so seltsamer, ärgerlicher und unseriöser fand ich die Gräben vertiefende Entscheidung der „Sprachkritischen Aktion“, die sich weitgehend aus universitären Sprachwissenschaftlern zusammensetzt, den Kachelmann-Begriff „Opfer-Abo“ zum „
Unwort des Jahres 2012“ zu erklären.  (mehr dazu auch hier, das Kachelmann-Interview, auf das sich die Jury bezieht, befindet sich hier). Ich dachte, ich schaue mal, was passiert, wenn ich das zum Anlass einer offenen Briefes nehme.

Sehr geehrte Frau Professorin Dr. Janich, sehr geehrter Herr Hebel, sehr geehrter Herr Dr. Roth, sehr geehrter Herr Professor Dr. Schiewe, sehr geehrter Herr Professor Dr. Wengeler,

die Entscheidung der „Sprachkritischen Aktion“, den Begriff „Opfer-Abo“ zum „Unwort des Jahres 2012“ zu erklären, ist zum Teil auf durchaus heftige Kritik gestoßen. Damit werden Sie vermutlich gerechnet haben – was aber ja nicht bedeutet, dass diese Kritik unberechtigt ist. Ich räume ein, dass ich mit dem Thema der Falschbeschuldigung bei Vergewaltigungen sicherlich weniger intensiv, ausführlich und umfassend beschäftigt habe als Sie  – gleichwohl hat mich Ihre Entscheidung sehr stutzig gemacht.  


Sie verurteilen Kachelmanns Wortschöpfung angesichts eines „dramatischen Tatbestands“ und beziehen sich dabei auf Zahlen des Familien- und Frauenministeriums, nach denen nur 5-8 % der Fälle sexueller Gewalt gegen Frauen angezeigt werden. Natürlich könnte man nun, falls man es genau nimmt und eine Vorliebe für Sprachkritik hat, mäkeln, dass dies eine auf Befragungen basierende Dunkelzifferabschätzung (von der es in beide Richtungen ja noch ganz andere gibt) und kein Tatbestand ist – gleichwohl haben Sie gewiss damit Recht, dass es für Frauen Hürden gibt, Vergewaltigungen anzuzeigen, und dass Frauen durch diese Hürden auch von Anzeigen abgehalten werden.

Allerdings ergibt sich daraus ja nicht der Umkehrschluss, dass bei allen Anzeigen einer Vergewaltigung die anzeigende Frau notwendig Recht haben müsse. Die Kachelmanns haben  schließlich nicht behauptet, dass sämtliche Vergewaltigungsvorwürfe haltlos seien – sie haben die Meinung ausgedrückt, dass einem Mann vor Gericht kaum geglaubt würde, auch dann, WENN der gegen ihn erhobene Vorwurf haltlos sei. Sie haben also überhaupt keine Aussage über das Anzeige- und Aussageverhalten von Frauen getroffen (abgesehen von der Selbstverständlichkeit, dass auch Frauen falsche Aussagen machen können), sondern nur über die Vertrauensbereitschaft der beteiligten Institutionen. Ob sie damit richtig liegen oder nicht, ist eine rechtspolitische Frage, der man beispielsweise durch die Beobachtung und Analyse von Gerichtsverhandlungen nachgehen könnte. Es ist jedenfalls keine Frage, die auf der Ebene der Sprachpflege zu beantworten wäre. Ihr Vorwurf, Kachelmann hätte „gegen die Menschenwürde der tatsächlichen Opfer“ verstoßen, lässt sich dabei schlicht nicht halten.

Natürlich ist es für Frauen erschreckend, wenn sie den Eindruck gewinnen, dass die Hürden für das Anzeigen einer Vergewaltigung höher und damit Vergewaltigungen womöglich wahrscheinlicher werden. Natürlich aber ist es auch für Männer erschreckend, den Eindruck zu gewinnen, ein Mann könnte allein aufgrund des bloßen Vorwurfs einer Vergewaltigung seine bürgerliche Existenz weitgehend verlieren und für längere Zeit inhaftiert werden, ohne dass ihm überhaupt eine Schuld nachgewiesen wurde. Man muss beide Ängste gar nicht für gleichgewichtig halten, um festzustellen, dass sie Menschen daran hindern können, die Ängste der jeweils anderen ernst zu nehmen. Gleichwohl schließen sich beide Positionen logisch ja keineswegs aus, und so wäre es eigentlich möglich und sinnvoll, Vermittlungen zwischen ihnen zu finden.

Sie aber konstruieren statt dessen, warum auch immer, eine harte Entweder-Oder-Entscheidung und erwecken den Eindruck, man könne nur entweder die Ängste von Frauen oder die von Männern ernst nehmen – und wer auf das Risiko von Falschbeschuldigungen hinweise, würde demnach zwangsläufig die Position von Frauen schwächen und Hürden für die Anzeige von Vergewaltigungen vergrößern.

So ist Ihre Entscheidung sehr rätselhaft. Der Begriff „Opfer-Abo“ wurde ja eigentlich kaum aufgegriffen und hat in der öffentlichen Diskussion (bevor Sie ihn zum Unwort erkoren haben) überhaupt keine Rolle gespielt – und auch Sie selbst interessieren sich in der Begründung Ihrer Wahl kaum für ihn, analysieren ihn nicht einmal. Ihnen geht es offenbar allein um die Diskreditierung der damit formulierten Position. Was also soll das?

Alice Schwarzer hatte in ihrer Emma nach dem von ihr publikumswirksam begleiteten Kachelmann-Prozess ja gefordert, den Begriff „Unschuldvermutung“ zum Unwort des Jahres zu erklären. Dieser durchaus rechtsstaatsfeindlichen Forderungen konnten Sie natürlich nicht einfach Folge leisten. Ihre tatsächliche Entscheidung aber kommt Schwarzers Position inhaltlich sehr nahe: Auch Sie skandalisieren es, wenn jemand öffentlich und allgemein thematisiert, dass ein der Vergewaltigung angeklagter Mann unschuldig, die beschuldigende Frau also tatsächlich gar kein Opfer und ihre Beschuldigung falsch sein könnte.

Warum aber stört Sie eigentlich der Eindruck nicht, Sie würden Entscheidungen Ihres sprachpflegerischen Amts ausgerechnet auf Zuruf einer Bildzeitungs-Kolumnistin treffen?

Es ist Ihnen ja unbenommen, Jörg Kachelmann mit Schwarzer für eine unangenehme Person, meinetwegen nach Ihrem Belieben auch für einen aufgeblasenen Hohlkopf zu halten. Wieso aber glauben Sie, Sie dürften ihm die Möglichkeit abzusprechen, nach Begriffen zu suchen, mit denen er seine Erfahrung einer erheblichen geschlechtsbedingten Diskriminierung artikulieren könnte?

Sicher, er könnte über diese Erfahrung auch sprechen, wenn er dieses eine Wort nicht verwenden würde – aber das sollte seine Entscheidung bleiben. Ein Beispiel: Der Begriff „Patriarchat“ sagt ja tatsächlich etwas ganz Ähnliches aus wie der Begriff „Opfer-Abo“, er wird nur gemeinhin mit anderer Akzentsetzung und Absicht verwendet. Es ist ein unscharfer Begriff, ganz sicher auch ein politischer Kampfbegriff – aber inhaltlich ist er, zumal in seiner ursprünglichen Bedeutung, nicht haltbar. In einer „Väterherrschaft“ leben wir nun wahrlich nicht – angesichts der Urteile des Europäischen Gerichtshofes und des Verfassungsgerichts, die feststellten, dass in Deutschland die Grund- und Menschenrechte zumindest nichtehelicher Väter in erheblicher Weise verletzt werden, lässt sich der Begriff gar als Verhöhnung der Opfer dieser Rechtsverletzungen und als Verschleierung tatsächlicher Gewaltverhältnisse verstehen. Wie groß ist also die Chance, dass im nächsten Jahr der Begriff „Patriarchat“ zum Unwort des Jahres wird? Sie könnten dann den Menschen, denen der Gebrauch dieses Begriffs lieb und teuer geworden ist, ja deutlich machen, dass sie selbstverständlich weiterhin ihre Position formulieren könnten, nur eben nicht mit diesem bösen Wort.

Der Sinn des Gedankenspiels ist wohl klar, aber sicherheitshalber erläutere ich ihn doch noch einmal. Es ist anmaßend, Menschen, die sich als diskriminiert und benachteilt wahrnehmen, Vorschriften machen zu wollen, wie sie diese Erfahrung bitteschön auszudrücken hätten – und wie nicht.

Ich kenne Zeitgenossen, die Ihre Entscheidung zum Unwort 2012 mit der Sprachpolitik in Orwells Roman 1984 vergleichen. Das ist sicher überzogen – wir leben immer noch in einer zu offenen Gesellschaft, als dass eine solche Sprachlenkung möglich wäre. In einem Punkt allerdings hinkt der Vergleich nicht. Bei Orwell geht es darum, dass es unmöglich gemacht werden soll, bestimmte Positionen formulieren, ja auch nur denken zu können, indem die Begriffe dafür zum Verschwinden gebracht werden. Eben darum geht es auch bei Ihnen – Sie stört die von Kachelmann bezogene politische Position, und sie benutzen die Diskreditierung seiner Sprache, um diese Position öffentlich unmöglich zu machen.

Was aber ist für Sie eigentlich so unerträglich daran, wenn ein Mann nach Begriffen sucht, um seine Erfahrung einer erheblichen geschlechtsbedingten Benachteiligung artikulieren zu können?
Das ist keine rhetorische Frage, die Antwort würde mich tatsächlich interessieren.

Mit freundlichen Grüßen

Dr……..

(Meinen Klarnamen möchte ich in diesem Blog nicht veröffentlichen. Mich selbst würde es nicht stören – aber es geht in vielen Texte eben auch um meine Position als Vater, und damit auch um unser Kind. Es ist noch jung – ich weiß aber nicht genau, wie es für unser Kind sein würde, irgendwann einmal seine Angelegenheiten hier, für alle erkennbar, verhandelt zu sehen – daher der Name „Schoppe“, der nicht mein richtiger ist.)

 
  1. Ich vermute einmal, auf Deinen Brief erhieltest Du keine Antwort.

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  2. Nein, natürlich nicht. Da könnte ja jeder kommen…

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