Ein Eisbär (Teil 4: Die Entscheidung)

Hier kommt nun der Schluss der Eisbären-Erzählung, in der ich versuche, die Themen dieses Blogs auf eine etwas andere Weise als in essayistischen Texten durchzuspielen. Mir hat das Spaß gemacht – ich hoffe, beim Lesen macht der Text das auch.
Er schließt direkt hier an.
 
Als sie dort angekommen waren, informierte Anna die Gruppe darüber, dass Karl nicht mitgekommen war. Doch da man sich versicherte, dass in der momentanen Lage niemand etwas für Karl tun könne, und da man nun selbst sehr dringende Geschäfte zu tätigen hatte, nämlich die Bevölkerung der Stadt über den Bären zu informieren, Obdach für die vielen frierenden Menschen zu finden und Decken, Fernseher sowie heiße Getränke zu besorgen, stellte Anna ihr Anliegen zurück.
  Dank der großen Hilfsbereitschaft der Menschen in der kleinen Stadt konnten alle in der Turnhalle des Ortes untergebracht und mit dem Nötigsten versorgt werden, so dass sie tatsächlich in derselben Nacht noch zur Ruhe kamen und einige von ihnen sogar in den Schlaf fanden.

  Kurz vor Anbruch des Tages wurden sie geweckt, als der erschöpfte Karl die Turnhalle betrat und von seinen Kindern mit lauten Rufen und von Anna mit einem stolzen Lächeln begrüßt wurde. Er habe den Bären, erzählte Karl, noch einige Zeit aufhalten können, sei dann zum Schrank gerannt, das hungrige Tier dicht hinter sich, und sei ihm knapp entkommen, wobei er sich jedoch keine Hoffnungen mache, dass die teure Gerätschaft, die ihnen allen das Leben gerettet habe, intakt geblieben sei.
  Entgegen den Erwartungen aller konnten alle noch am selben Tage in ihr Dorf zurückkehren. Die Bundespolizei, die noch in der Nacht informiert worden war, hatte den Bären, der, sich offenbar in einem Zustand höchster Verwirrung befindend, die Dorfstraße beständig auf und abgegangen, schon am Morgen erschossen. Alle halfen nun einander, sie lasen die sterblichen Überreste der durch den Bären gerissenen Tiere, soweit sie denn eben aufzufinden waren, mit der größtmöglichen Würde auf, sie richteten der zerstörten Schankraum in einer gemeinsamen Anstrengung wieder her, und schon nach wenigen Tagen hätte ein zufällig das Dorf betretender Gast den Eindruck gewinnen können, dass eigentlich gar nichts vorgefallen war.

Es dauerte ebenfalls nur wenige Tage, bis die Bürgermeisterin bei der Versammlung des Dorfes diejenige Frage stellte, die nun einmal gestellt werden müsse, ob nämlich das Dorf bei seiner Entscheidung bleibe, dass Karl gehen müsse. Zwar sei dieser nach Meinung einiger bei dem glücklichen Ausgang des dramatischen Geschehens nicht ohne Verdienste geblieben, doch müsse diskutiert werden, ob sich dadurch an der Sachlage, die zu dem ja immerhin einstimmig gefassten Beschluss geführt habe, etwas geändert hätte.
  Die Frauen des Dorfes stimmten, so zeigte sich schnell, weiterhin für einen Ausschluss von Karl, wenn sie auch nicht verhehlten, dass sie gegenüber Karl aufgrund seiner Mithilfe bei ihrer Rettung durchaus eine gewisse Verpflichtung empfanden, dass aber vernünftige Abwägungen im Interesse aller hier gleichwohl schwerer wiegen müssten. Von einem gewissen Einfluss war dabei sicher auch die von allen Beteiligten als wohltuend empfundene Erfahrung der Solidarität mit Anna, als diese erst vor wenigen Tagen angesichts der unverändert als fragwürdig zu erachtenden Verhaltensweisen ihres Mannes ganz in Tränen aufgelöst war. Vor allem aber waren sie weiterhin um das Wohl der Kinder in höchstem Maße besorgt.
  Warum auch die Männer geschlossen gegen Karl stimmten, wurde niemals vollständig geklärt. Möglicherweise gestanden sie ihren Frauen unwillkürlich ein schärferes Urteilsvermögen zu, wenn es um die sozialen Belange des Dorfes und insbesondere um das gedeihliche Aufwachsen der Kinder zu tun war. Wahrscheinlicher ist, dass viele sich im Stillen schämten, weil sie, anders als Karl, für die Rettung des Dorfes in jener verhängnisvollen Nacht nur wenig getan hatten und weil sie daran bei jeder zufälligen Begegnung mit Karl auf unangenehme Weise erinnert wurden.
  Zu der folgenden Versammlung wurde Karl ausdrücklich hinzugebeten. Sobald er dort Platz genommen hatte, erläuterte die Bürgermeisterin ihm den Beschluss des Dorfes. Er hole das Getreide nicht zum vorgesehenen Zeitpunkt ein, vernachlässige seinen Hof, halte sich vom Dorfgeschehen fern, sei summa summarum eine Belastung für seine Familie und eine Gefahr für alle Menschen des Dorfes, besonders für die jüngsten unter ihnen. „Karl, du lebst beständig auf Kosten anderer. Würden wir nicht immer wieder aushelfen, dann gäbe es deinen Hof schon nicht mehr, und deine Familie müsste in Armut leben. Ich weiß, dass einige dich vor einigen Tagen als Helden erlebt haben, aber,“ so fügte die belesene Bürgermeisterin, die selbstverständlich auch mit den Schriften Brechts vertraut war, hinzu, „ich sage: Wehe dem Land, das Helden nötig hat. Karl, das musst du doch einsehen: Wenn nicht gerade ein Eisbär durch unser Dorf spaziert, dann bist du zu nichts zu gebrauchen.“
  In das Gelächter hinein, das auf die abschließende Bemerkung folgte, begann Karl mit einer Antwort. Die Arbeit, die das Einbringen der Ernte erfordere, habe er keineswegs auf andere abschieben wollen, nach seinen Berechnungen sei es jedoch sinnvoller gewesen, noch ein paar Tage damit zu warten, was er aber nach der Aberntung natürlich nicht mehr habe belegen können. Dass er bei den Versammlungen gefehlt habe, möge ihm bitte als Zeichen seines vollen Vertrauens in die Urteilskraft der Anwesenden werten. Er habe zudem immer Sorge getragen, andere mit seinen Forschungen und Experimenten nicht zu gefährden, er sehe nun aber ein, dass er unterschätzt habe, welch eine Irritation diese Forschungen in den Augen vieler notwendig habe auslösen müssen. Dass er aber eine Belastung für seine Frau und Kinder dargestellt habe, vor allem das bedaure er zutiefst, er habe sich, wie er gestehen müsse, darüber niemals Gedanken gemacht, und dies sei ihm heute selbst kaum begreiflich, und ganz gewiss werde er dies ändern.
  „Zu spät!“ rief der Wirt, sichtlich erbost. „Als unser geliebter Pastor fast getötet wurde, war er gerade auf dem Weg zu dir. Und unsere geschätzte Schulleiterin: Sie tröstete gerade deine arme Frau, die, wie du dir ja wohl denken kannst, ganz verzweifelt war, und eben dies wurde ihr beinahe zum Verhängnis.“ Es war allerdings eine Freude zu sehen, dass die beiden dergestalt ins Gespräch Gebrachten dieses Gespräch selbst kaum verfolgten, weil sie, einander an den Händen haltend und vom stillen Wohlwollen der aufgeschlossenen und aufgeklärten Bürgerschaft begleitet, die Reden nur momenteweise verfolgen konnten. Angesichts des zwar nicht gemeinsam, aber doch gleichermaßen überstandenen und überlebten Schreckens hatten die beiden sanften Seelen zueinander gefunden, so dass der Eisbär, Böses wollend, tatsächlich Gutes getan hatte – wenn es denn überhaupt als böse bezeichnet werden kann, seinen natürlichen Impulsen zu folgen und zugleich zur Kontrolle des eigenen Agierens nicht mit den nötigen Voraussetzungen ausgestattet zu sein. Unter dem Applaus einer mittlerweile durchaus aufgebrachten Versammlung schloss also der Wirt seine Rede: „Ich spreche wohl für alle, wenn ich sage, dass es reicht!“
  Auch Anna verteidigte ihren Mann nicht. Ihr war nach intensiven, aber auch unterstützenden und positiven Gesprächen mit Freundinnen und Freunden deutlich geworden, dass man Menschen nicht ändern könne, dass Karl sich auf Dauer auch nicht ändern würde, ganz gleich, was er jetzt sage, da gäbe es unzählige vergleichbare Fälle. So habe die Episode mit dem Eisbären ihre Entscheidung für eine Trennung nur vertagen, nicht aber überflüssig machen können.
  Die tiefe Verständnislosigkeit, mit der Karl auf diese Worte reagierte, bestätigte Anna nur in der Richtigkeit dieser Entscheidung.
  So musste Karl denn am folgenden Tag das Dorf, seine Frau und auch seine Kinder, die mitnehmen zu können er eindringlich, doch selbstverständlich (in ihrem besten Interesse) ohne Erfolg er gebeten hatte. Dass sich bald darauf der Winter endlich zurückzuziehen begann, wurde von einigen Bürgern und Bürgerinnen des Dorfes heimlich wie eine Zustimmung der ganzen Natur zu ihrer Entscheidung empfunden.
  Karl kehrte in den kommenden Jahren einige Male zu Besuchen zurück, fühlte sich aber selten willkommen.

 
 
Das Dorf gibt es heute nicht mehr. Nur wenige Jahre nach den hier erzählten Ereignissen wurde es durch eine äußerst unwahrscheinliche Verkettung unglücklicher Umstände, mit denen vernünftigerweise niemand hätte rechnen können, vollständig zerstört. Es wären gewiss viele Menschenleben zu beklagen gewesen, hätten nicht Albert und Marie eingegriffen, die samt der anderen Dörfler dank einer zurückgelassenen Apparatur ihres Vaters entkamen, welche sie in den Sommerferien zufällig beim Spielen entdeckt hatten, als sie eigentlich mit ihrer Schullektüre hätten befasst sein sollen. Ihre Mutter, die von beiden Kindern als Erste gerettet wurde, fragte sich bei aller spontan empfundenen und verständlichen Dankbarkeit gleichwohl verwirrt und ohne eine  überzeugende Antwort zu erhalten, weshalb sich eigentlich die Kinder ohne ihr Wissen so eingehend mit dieser Hinterlassenschaft väterlicher Verschrobenheiten beschäftigt hatten.
  Die Kinder leben heute bei Karl in einer größeren Stadt, ihre Mutter, die im Nachbarort lebt, sehen sie regelmäßig, und wenn sie zwischen diesen Treffen ihre Mutter nicht ebenso vermissen würden, wie sie in den Jahren zuvor ihren Vater vermisst hatten, dann wären sie ganz zufrieden.

Antwort

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s