Betoniert gute Gewissen, oder: Wie ich einmal versuchte, einen Artikel bei Spiegel-Online zu kommentieren

Bei Spiegel-Online vertritt Gregor Peter Schmitz die Meinung, dass „der Fall Brüderle“ in den USA unmöglich wäre – da die USA emanzipierter seien als Deutschland, wäre Brüderle dort nämlich erledigt. Bill Clinton habe den Lewinsky-Skandal nur überstanden, weil die Menschen trotz allem den Eindruck gehabt hätten, er würde Frauen nicht herablassend zum Objekt degradieren.
Ich habe keine Ahnung, was zwischen der Stern-Journalistin Himmelreich und Brüderle
an dem von ihr beschriebenen Abend geschehen ist, finde Brüderles Verhalten (wenn es denn so war wie von Himmelreich geschildert) peinlich und übergriffig, habe bei der journalistischen Aufarbeitung aber trotzdem ein ungutes Gefühl (eine breite Diskussion dazu findet sich hier auf „Alles Evolution“ – dort habe ich auch einige der hier verwendeten Informationen her).
Da Studienräte ja, wie allgemein bekannt, gerne überall ungefragt zu allen möglichen und unmöglichen Themen ihre Meinung äußern, hab ich im Forum zum Spiegel-Artikel einen Kommentar dazu geschrieben, der aber – aus was für Gründen auch immer –  für die Veröffentlichung nicht frei gegeben wurde. Den hier:

Betoniert gute Gewissen
Clintons Affäre mit einer Praktikantin des Weißen Hauses und seine irreführenden öffentlichen Aussagen dazu waren sicherlich gravierender als das Verhalten, das jetzt Brüderle vorgeworfen wird. Wenn Clinton die Affäre einigermaßen überstanden hat, dann liegt das nicht an dem Eindruck, er würde Frauen trotz allem schätzen und nicht zum Objekt machen – sondern daran, dass seine Verfehlungen völlig offenkundig zum Anlass einer gewaltigen Kampagne gegen ihn genutzt wurden. Clinton wurde auch von Menschen verteidigt, die sein Verhalten ablehnten. Die Situation wurde nun einmal nicht im Sinne eines simplen Gut-Böse-Schemas interpretiert, in dem die Verfehlungen der einen Seite zwangsläufig eine moralische Überlegenheit der anderen Seite implizieren.

Eben das fehlt in Deutschland, jedenfalls in der journalistischen Darstellung. Himmelreich hat ja durchaus gegen grundlegende journalistische Fairnessregeln verstoßen (Brüderles eigene Version des Geschehens spielt keine Rolle, und nach einem Jahr hat er auch kaum die Gelegenheit, mögliche Entlastungszeugen aufzutreiben). Mit diesem Regelbruch etabliert sie einen Belästigungsvorwurf – und dieser Vorwurf wiederum rechtfertigt ihren Regelbruch. Eine sich beständig selbst legitimierende Politik des betoniert guten Gewissens.
Am Weitesten geht dabei in meinen Augen Patricia Dreyer hier bei Spiegel-Online. Sie prangert engagiert und enragiert den alltäglichen Sexismus an und verliert kein Wort darüber, wie immens sie selbst während ihrer Bildzeitungs-Tätigkeit daran beteiligt war. Besonders schlimm war dort die öffentliche Pornografisierung der Schauspielerin Sibel Kekilli, als diese gerade mit ihrem Film „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären gewonnen hatte. Für die Bild-Kampagne war Dreyer mitverantwortlich. Dazu nun kein Wort von ihr – während sie andere scharf moralisierend angreift, akzeptiert sie für sich selbst noch nicht einmal basale Kohärenzerwartungen. Auch dies ist ein Beispiel für das Agieren in simplen Gut(ich)-Böse(die anderen)-Schemata.
Liest sich tatsächlich etwas studienrathaft, wenn ich es mir jetzt so anschaue – aber wenn das ein Grund für die Nicht-Veröffentlichung wäre, dann würden bei Spiegel-Online kaum noch Kommentare stehen.
 
  1. „Dazu nun kein Wort von ihr – während sie andere scharf moralisierend angreift“

    Ja, ein „Auch ich habe damals Mist gemacht“ wäre nicht verkehrt gewesen. Aber es hätte eben die Dynamik des Textes verändert und die ganze schöne Empörungsstimmung zerstört

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  2. Ja…ein zerknirschtes „Ich habe mich gewandelt, Ihr könnt das auch“ wär vielleicht möglich – aber der Text Dreyers lebt nun einmal davon, dass er klare Fronten aufbaut und verlässlich auf der guten Seite steht.

    Heute, Alltagsbeispiel: Ich steh an der Kasse, eine mir unbekannte Frau geht vorbei und fasst mir beim Vorübergehen ungefragt, aber wohl freundlich gemeint in die Seiten. Ein Thema für #aufschrei? Das nun wirklich nicht.
    Aber so klar wie bei Dreyer sind die Fronten nunmal auch nicht.

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  3. Wieso denn „öffentliche Pornografisierung“? SK hat sich doch nun mal für alle sichtbar durchorgeln lassen. Ob und was Brüderle gemacht hat, müsste jedoch erst mal geklärt werden – so sind es lediglich Anschuldigungen und Aufbauschungen.

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  4. „Wieso denn „öffentliche Pornografisierung“?“ Berühmt wurde Kekkeli ja als seriöse Darstellerin, von ihren Hardcore-Filmen wusste ja kaum jemand. Gerade der Goldene Bär schaffte wohl die nötige Fallhöhe, um ihre Vergangenheit als Pornodarstellerin bekannt und zur Sensation machen zu können. Das hat die Bild genutzt, zu einer genüsslichen Bloßstellung, die für Kekkeli selbst eine „Hetzkampagne“ war.

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  5. Dann hätte sie halt die Beine nicht vor der Kamera breit machen sollen. Was für n Quatsch!

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  6. Ein Nachtrag: Ich hatte nicht oft, aber ab und zu, bei Spiegel-Online Artikel kommentiert, fast immer problemlos. Vor Kurzem war ein Kommentar von mir zum Artikel von Annett Meiritz nicht freigeschaltet worden – in diesem Artikel hatte Meiritz über einige grenzverletzende Äußerungen durch Mitglieder der Piratenpartei geschrieben und daraufhin auf „den“ Sexismus der gesamten Partei geschlossen. Ich hatte natürlich nicht in Kraftworten kommentiert, aber geschreiben, dass ich das nicht seriös fände. Bei anderer Gelegenheit hatte ich einmal einen Artikel von Jakob Augstein kommentiert, bei dem ich fand, dass er durchaus mit antisemitischen Stereotypen gespielt hatte. Dieser Kommentar war anstandslos freigeschaltet worden.

    Ich weiß nicht, was zur Nicht-Freischaltung führt – man bekommt nur die Nachricht, dass der Kommentar noch geprüft werden müsse, und merkt dann irgendwann, dass er nicht veröffentlicht wurde. Warum nicht – das ist spekulativ. Es ist trotzdem ein seltsamer Eindruck, dass das Thema „Sexismus“ sogar belasteter ist und rigider gehandhabt wird als das Thema „Antisemitismus“.

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  7. Für ihre Porno-Vergangenheit war sie selbst verantwortlich, nicht die Bild-Zeitung. Die „Bild“, und damit auch die nun als wackere Ant-Sexistin auftretende Dreyer, ist aber dafür verantwortlich, dass sie diesen Sachverhalt so sensationell wie möglich vermarktet hat. Diwe Zeitung ist dafür auch vom Presserat gerügt worden.

    Nach eigenen Angaben wurde Kekkeli dabei auch mit Drohungen, sonst die Eltern zum Thema der „Berichterstattung“ zu machen, unter Druck gesetzt, mit der „Bild“ zu kooperieren (was sie verweigerte).

    http://www.bildblog.de/1238/sensation-bild-veroeffentlicht-kekilli-ruege/

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  8. Über die BILD müssen wir uns nicht streiten, ich teile jegliche Verachtung.
    Trotzdem dneke ich, das SK damit leben muss – sie hat ihre Entscheidung getroffen. Die niederzumachen, die sich daran erinnern, wenn sie es selbst gerade als nicht mehr so schick empfindet, steht ihr nicht zu.

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  9. Der Name ist Kekilli, nicht Kekkeli.

    @ Anonym: Nimm mal zur Kenntnis, dass ein Gericht festgestellt hat, dass die Berichterstattung über Kekilli eine Verletzung der Menschenwürde darstellt. Es stand ihr also offensichtlich doch zu. Die Bild wollte Kekilli zu einem Interview erpressen, mit der Androhung, sonst ihre Eltern zu interviewen. Sie hat abgelehnt, die Bild ist zu ihren Eltern gegangen. Unter anderem wurde ein Artikel zu Kekillis Bambi für „Gegen die Wand“ mit einem Filmstill aus einem der Pornos bebildert usw.
    Nimm mal zur Kenntnis, dass die die Kampagne von Frau Dreyer und Co. abartig war.

    ichichich

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  10. PS: Man könnte meinen, du findest es verwerflicher, in einem Porno mitzuspielen, als Hetz“journalismus“ zu betreiben.

    ichichich

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  11. „Der Name ist Kekilli, nicht Kekkeli.“ Danke für den Hinweis.

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  12. Längere Kommentare bei SPON einfach vorher speichern und, falls sie nicht erscheinen, noch mal absenden. Meistens klappt es dann. Während die ZEIT ganz klar zensiert, scheint bei SPON das reine Zufallsprinzip zu herrschen.

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  13. Danke für den Tipp. Ich probier das beim nächsten Mal.

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