Warum es immer noch verantwortungslos ist, in Deutschland Vater zu werden

Heute hat der Bundestag ein neues Gesetz zur Kindessorge bei nichtverheirateten Eltern verabschiedet. Die Rechte von Vätern werden minimal gestärkt – und auch diese winzige Änderung ist bekanntlich nicht Resultat einer größeren Väter- und Kinderfreundlichkeit im Parlament, sondern war durch Urteile des Europäischen Gerichtshofs und des Verfassungsgerichts nötig geworden. Selbst die kleinen Änderungen, mit denen das Gesetz noch immer Ewigkeiten von einer Gleichberechtigung der Väter und Mütter entfernt ist, ging der SPD schon zu weit – ihre Fraktion stimmte dagegen.
Doch auch mit der neuen Gesetzgebung ist es weiterhin verantwortungslos, in Deutschland Vater zu werden.
 
 
„Wenn ich jungen Männern einen Rat geben würde, wäre es der: sich frühzeitig sterilisierten zu lassen.“ Diesen Ratschlag gab mir einmal ein erfahrener, auf das Familienrecht spezialisierter Anwalt gab. Er ist nicht ist absurd – wenn auch etwas radikal.

Tatsächlich  ist es, auch nach dem neuen Gesetz zur Sorge nichtverheirateter Eltern, verantwortungslos, in Deutschland Vater zu werden. Das ist mir nicht klar gewesen, bevor ich selber Vater war – ich hatte tatsächlich nicht gewusst, wie ungleich väterliche und mütterliche Rechtspositionen und wie erbärmlich die Aussichten für Väter sind, wenn Mütter nicht mit ihnen zusammenarbeiten wollen. Es ging mir ähnlich wie den meisten anderen Menschen, die ich kenne – ich hatte mich, wie sie, naiv darauf verlassen, dass das Grundgesetz gilt und eine geschlechtsspezifische Benachteiligung verbietet – wusste wohl, dass Väter etwas schlechter gestellt sind als Mütter – hatte aber den ganzen Irrwitz der deutschen Verhältnisse nicht überblickt. Ich finde es auch noch immer n recht skurril, dass ein Mann in Deutschland sich zunächst einmal durch Berge juristischer Fachliteratur wälzen und genauestens die Verhältnisse in örtlichen Jugendämtern und Gerichten eruieren sollte, bevor er tollkühn den ungeschützten Geschlechtsverkehr mit einer Frau wagen kann.

Verantwortung und Gnade Das Problem ist: Wenn ich Vater werde, habe ich dem Kind gegenüber eine Verantwortung. Diese Verantwortung kann ich nur übernehmen, wenn ich davon ausgehe, dass ich diese Verantwortung auch werde tragen können.

Eben das aber kann ich nicht, auch nicht nach dem neuen Gesetz. Die Möglichkeit der väterlichen Sorge – darauf haben die Gegnerinnen und Gegner einer ernsthaften Reform großen Wert gelegt, und damit haben sie sich auch durchgesetzt – ist noch immer abhängig vom Willen der Mutter. Ob ich also meine Verantwortung tragen kann oder nicht, hängt gar nicht von mir ab, sondern von der durchaus willkürlichen Entscheidung eines anderen Menschen. Das gilt auch für die Fälle, in denen es gut geht, in denen Väter bei ihren Kindern leben und für sie sorgen können –  in fast allen dieser Fällen hängt die Möglichkeit der väterlichen Sorge vom guten Willen, gleichsam der Gnade der Mutter ab.

Natürlich: Es ist auch immer möglich, zu erkranken oder durch einen Unfall daran gehindert zu werden, die eigene Verantwortung dem Kind gegenüber zu tragen. Diese Risiken aber sind so klein, dass sie vernachlässigt werden können. Dass aber Väter durch Mütter, die mit ihnen – warum auch immer – nicht kooperieren möchten, an der Sorge für ihr Kind gehindert werden, ist ein Normalfall: Nicht jeder Vater ist davon betroffen, aber jeder Vater muss damit rechnen, einmal davon betroffen zu sein.

Und jedes Kind.

Victim blaming Warum ich hier so viel über meine Situation preisgegeben habe, hat mich eine Freundin gefragt (und bezog sich auf das Ende dieses Textes). Tatsächlich kenne ich eine Reihe von Fällen, in denen Väter in einer noch schlechteren Situation sind als ich – ich hatte bisher, den Umständen entsprechend, Glück: Ich sehe unser Kind regelmäßig; ich verdiene genug, um das finanzieren zu können; ich bin finanziell nicht ruiniert; ich bin auf Mitarbeiterinnen im Jugendamt gestoßen, mit denen ich reden konnte und die mich unterstützt haben, als ich mich um Ausweitungen des Umgangs bemüht habe, ich hatte mich Familienrichtern zu tun, die sich der Bedeutung des Vaters für ein Kind bewusst waren. Für mich ist es immer noch einfacher, meine Situation offen zu präsentieren, als für viele andere Väter, die ich kenne.

Darunter sind auch Väter, die verheiratet waren – das hat ihnen nicht geholfen, womöglich sogar (da die Ex-Partnerin nach der Erfahrung einer gescheiterten Ehe womöglich im Gefühl lebt, noch Rechnungen begleichen zu wollen) geschadet. Zu heiraten und dann – zunächst – am gemeinsamen Sorgerecht beteiligt zu sein, bringt den Mann nicht in eine sichere Position.

Beliebt ist auch die Vorhaltung, eine Frau würde sich dem Ex-Partner gegenüber nur ausgrenzend verhalten, wenn er ihr irgend etwas getan habe. Das schiebt nicht nur die Verantwortung für das Verhalten der Frau auf den Mann (im umgekehrten Fall würden feministisch inspirierte Frauen das als „victim blaming“ bezeichnen), es schafft auch die Illusion einer männlichen Handlungsmacht, die ein Vater schlicht nicht hat.

Handlungsmächtig ist ein Vater nur dann, wenn er sich entscheidet, nichts mehr mit seinem Kind zu tun zu haben – dann gewinnt er auf einen Schlag die Autonomie zurück, die er fast vollständig verliert, solange er sein Kind noch sehen möchte, die Mutter sich jedoch querstellt. Die Bedingungen der deutschen Gesetzgebung und Rechtsprechung prämieren es also regelrecht, wenn ein Vater seine Verantwortung seinem Kind gegenüber verweigert.

Wie man mit Gesetzen verrückte Situationen basteln kann Woran liegt das? Der deutsche Gesetzgeber geht noch immer von der autoritären Vorstellung aus, dass klar sein müsse, wer das Sagen hat – so müsse auch die Mutter nach der Geburt eine Schonfrist der Alleinsorge haben, in der sie von Mitentscheidungsrechten des Vaters unbehelligt ist – damit sichergestellt sei, dass im Konfliktfall überhaupt Entscheidungen getroffen werden könnten. Das ist offensichtlich ein vorgeschobenes Argument, schließlich könnte man ebenso gut, oder besser, argumentieren, dass gerade die gemeinsame Sorge die Entscheidungsfähigkeit garantiere, weil damit ja immer ein zweites Elternteil da ist, falls das erste aus irgend einem Grund ausfällt. 

Die Alleinsorge stärkt die Position des alleinsorgenden Elternteils – die gemeinsame Sorge stärkt die Position des Kindes. In der gemeinsamen Sorge muss sich nämlich jeder Erwachsene, der Entscheidungen über das Kind und sein Leben trifft, mit einem anderen Erwachsenen abstimmen, beide müssen Argumente abwägen und müssen sich darüber einigen, was zum Wohl des Kindes ist. Die Alleinsorge hingegen berechtigt zu unabgestimmten Willkürentscheidungen, bei denen das Wohl des Kindes auf sehr schlichte Weise definiert wird – zum Wohl des Kindes ist immer gerade das, was das alleinsorgende Elternteil, in der Regel die Mutter, will.

„Wenn Du mit jemandem einen Konflikt hast, sieh zu, dass dieser Mensch verschwindet – und der Konflikt ist gelöst.“ Ein Lehrer, der das Kindern allen Ernstes beibringen würde, käme wohl in Schwierigkeiten. Im Kindschaftsrecht aber wird eben diese alberne Logik als alternativlos präsentiert.
 

Dabei kann es alle möglichen Gründe haben, wenn eine Mutter den Vater ausgrenzt – die Unlust, sich mit jemand anderem abstimmen zu müssen; finanzielle Vorteile durch die Unterhaltszahlungen (während Mütter, die mit den Vätern kooperieren, sich mit diesen ja auch über die finanzielle Versorgung der Familie einigen und gegebenenfalls auch schon in den ersten Jahren selbst arbeiten müssen); der Wunsch, das Kind für sich allein zu haben; der Wunsch, dem Ex-Partner weh zu tun, undsoweiter…. Eine befreundete Familienanwältin erzählte mir einmal, dass nach ihrer Erfahrung der wichtigste Grund für die mütterliche Verweigerung der gemeinsamen Sorge die Angst sei, dass andernfalls nach einer Trennung die Kinder womöglich beim Vater bleiben könnten. Dieses Kalkül von Müttern ist nachvollziehbar, das Kalkül des Gesetzgebers dahinter aber ist irrational. Denn eine Mutter hat so schließlich ein besonders starkes Motiv, auf der Alleinsorge zu bestehen, wenn sie Zweifel an ihrer eigenen Sorgefähigkeit hat – und sie hat ein besonders großes Motiv, dem Vater die gemeinsame Sorge zu verweigern, wenn sie den Eindruck hat, dass dieser in der elterlichen Sorge womöglich kompetenter ist als sie.

So steht ein Vater unter den deutschen Bedingungen womöglich vor der paradoxen Situation, dass er gerade dann aus der Sorge für sein Kind ausgegrenzt wird, wenn er darin besonders engagiert und kompetent ist. Seiner Verantwortung gerecht zu werden ist ein Grund, ihm die Verantwortung zu entziehen. Das ist kein bloßes Gedankenspiel – ich kenne Situationen, die offenkundig nach eben dieser verrückten, durch die deutsche Gesetzgebung und Rechtsprechung aber durchaus befeuerten Logik funktionieren.

An diesen Bedingungen ändert das neue Gesetz nichts. Die Mutter wird sogar regelrecht aufgefordert, Gründe zu nennen, die gegen ein Recht zur väterlichen Sorge sprechen – und ihr wird durch die Frist, die sie nach dem väterlichen Sorgerechtsantrag hat, auch die Möglichkeit eingeräumt, vollendete Tatsachen zu schaffen. Je stärker sie den Vater aus dem Leben der Kinder ausgrenzt, je konflikthafter sie das Verhältnis zu ihm gestaltet – desto schlechter werden seine Chancen auf die Teilhabe an der Kindessorge sein.

Es könnte einfach sein. Wenn beide von Beginn an gleichberechtigt wären und beiden damit klar wäre, dass sie nur gemeinsam sinnvoll für ihr Kind sorgen können. Wenn klar wäre, dass die Ausgrenzung des anderen Elternteils das Kindeswohl gefährdet – anstatt sie mit dem alleinigen Recht auf elterliche Sorge zu belohnen.


Autoritäre Traditionen
So leben wir noch immer unter Bedingungen, unter denen Gesetzgebung und Rechtssprechung bei Männern wie bei Frauen ausgerechnet das Verhalten züchten, fördern und unterstützen, das den Kindern schadet – und dies ausgerechnet mit dem Interesse am Kindeswohl begründen. Das steht in der Tradition der autoritären Pädagogik, als Eltern ihre Kinder grün und blau schlugen und ihnen versicherten, dies geschähe nur zu ihrem Besten.

Während Mütter, die mit den Vätern kooperieren wollen, im Regen stehen, sobald der Vater nicht will – haben Mütter, welche die Kooperation verweigern, de facto weithin die Unterstützung staatlicher Institutionen. Während Väter, die sich ihrer Verantwortung entziehen, dies völlig unbehelligt tun können – werden Vätern, die ihre Verantwortung ihren Kindern gegenüber wahrnehmen wollen, mit Engagement und Begeisterung Steine in den Weg gelegt.

Einen wichtigen Unterschied aber gibt es. Mütter müssen in vielen Fällen zuschauen, wie sich Väter ihrer Verantwortung entziehen – sie werden jedoch gemeinhin nicht daran gehindert, ihre eigene Verantwortung zu tragen. Bei Vätern ist das anders. Für Männer gilt weiterhin, dass Vaterschaft, Verantwortung und Deutschland schlecht zueinander passen – immer einer dieser drei Faktoren gehört nicht zu den anderen, und man muss sich entscheiden, welchen von ihnen man über Bord wirft.

Über den Rhein? Für mich ist Deutschland ohne Zweifel der verzichtbarste dieser drei Aspekte. Natürlich – in keinem westlichen Land ist Vaterschaft der Mutterschaft real gleich gestellt, und in vielen Ländern haben Väter große Probleme, wenn sie ihrer Verantwortung gerecht werden wollen. Nirgendwo aber – mit Ausnahme Österreichs – sind diese Probleme so groß wie in Deutschland. „Viele Staaten des Europarats haben längst eine weit modernere Sorgerechtspraxis: In Belgien, Bulgarien, Estland, Frankreich, Lettland, Litauen, Malta, Monaco, Polen, Rumänien, Russland, Slowakei, Slowenien, Ukraine, Ungarn und Zypern erhalten nichteheliche Väter mit der Anerkennung ihrer Vaterschaft ohne weitere Prüfung das gemeinsame Sorgerecht“, schreibt der vafk. Frankreich, beispielsweise, wäre eine Alternative.  Wer an gleichen Rechten interessiert ist, muss also, wie schon vor zweihundert Jahren, noch immer neidisch über den Rhein hinweg nach Westen schauen.

Ich bedauere es, dass ich mir über die deutschen Bedingungen nicht in Klaren war, bevor es zu spät war. Ich bedaure es, dass ich nicht rechtzeitig auf den Gedanken gekommen bin, woanders als in Deutschland zu leben. Ich bedauere es insbesondere für unser Kind, das weitgehend ohne Vater aufwachsen muss – obwohl ich tatsächlich alles tun würde, um bei ihm zu sein.

Die Sterilisation ist also, für mich, tatsächlich keine vernünftige Alternative. Wer aber als Mann in Deutschland lebt und mit dem Gedanken spielt, irgendwann einmal ein Kind zu haben, sollte rechtzeitig damit beginnen, Fremdsprachen zu lernen.

  1. Sterilisation ist die perfekte Verhütung für jeden Mann.Ab 18 Jahren in Deuutschland,Schweiz,Niederlande,

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