Warum es Jungen auf der Schule richtig gut geht (auch wenn es manchmal nicht so aussieht)

Nachteile für Jungen im Bildungssystem springen ins Auge: Sie bleiben häufiger sitzen als Mädchen, sind häufiger auf Förderschulen und Hauptschulen, aber seltener im Gymnasium zu finden, werden bei gleichen Leistungen von Lehrkräften schlechter eingeschätzt, erwerben seltener als Mädchen eine Hochschulzugangsberechtigung, bleiben aber deutlich häufiger ganz ohne Schulabschluss. (Preuss-Lausitz 2008, S. 123f.)

Trotzdem: „Die oft gehörte Behauptung, es liege an der Überzahl von Lehrerinnen, halte ich für Unsinn.“ So Hanna Rosin im (hier bereits zitierten) Spiegel-Interview über die Bildungsnachteile von Jungen. Sie fährt fort, dass Jungen nun einmal das Lernen „uncool“ fänden und ihre Zeit lieber mit Computerspielen verbrächten.

Rosins kurze Äußerung bündelt zwei wichtige Positionen in Diskussionen über Bildungsnachteile von Jungen: Jungen seien im Bildungssystem, zumal in der Schule, gar nicht benachteiligt, und diese Nachteile (abgesehen davon, dass sie gar nicht existierten) seien schon gar nicht durch einen Mangel an Männern im Lehrerberuf begründet. Angesichts der deutlichen Daten und angesichts der sehr naheliegenden Überlegung, dass die schlechteren Ergebnisse von Jungen mit dem Fehlen von Männern an Schulen zusammenhängen könnten, sind solche entschiedenen Positionen überraschend – zumal sie gerade in der Erziehungswissenschaft weit verbreitet sind.

Grundlegend ist dabei natürlich die Behauptung, dass Jungen gar nicht benachteiligt seien.

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Das Ende der Frauen: und der Ausstieg der Männer

„Unter Jungs gilt es einfach als uncool und mädchenhaft, in der Schule aufzupassen, Hausaufgaben zu machen und zu lernen. Hinzu kommt die Flut von Ablenkungen, etwa durch Computerspiele, die Jungs tendenziell stärker ansprechen als Mädchen.“ So erklärt Hanna Rosin, die gerade mit ihrem Buch Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen in den Schlagzeilen und Beststellerlisten steht, im Spiegel-Interview  das schlechte Abschneiden von Jungen in den Bildungsinstitutionen. Kein Gedanke daran, dass auch die Institutionen selbst etwas zu diesen Nachteilen der Jungen beitragen könnten – die Jungen sind bei Rosin schlicht faul, oberflächlich, dünkelhaft und selber schuld.
Ihren Vortrag bei den TED-Talks, der Rosin vor zwei Jahren international bekannt machte, beginnt sie gleich mit dem stolzen Hinweis darauf, dass Frauen deutlich häufiger College-Abschlüsse machen würden als Männer – ebenso ihren Artikel „The End of Men“ aus dem Jahr 2010, der zur Grundlage ihres Bestsellers wurde.

Rosins durchaus auch hämische Gesten in die Richtung der erfolgloseren Jungen – Gesten, mit denen sie ja nicht allein steht – sind deplatziert, aber auch aussagekräftig. Wenn eine erwachsene Frau auf die Bildungsnachteile von Jungen nicht im Rahmen ihrer Verantwortung als Erwachsene reagiert, sondern statt dessen in Triumphposen erstarrt – dann ist das ja nicht allein erbärmlich, sondern auch ein Ausdruck eines tief verunsicherten Selbstverständnisses.

Wenn doch aber die Frauen, so wie Rosin das erfolgreich und stolz präsentiert, überall auf dem Vormarsch sind – warum sollte sie als Frauen dann verunsichert sein? Eine einfache Antwort: Was Rosin als Ende der Männer beschreibt, lässt sich ebenso als Ende der Frauen darstellen, zumindest als Ende einer Lebensweise, die Frauen wesentlich selbstverständlicher zur Verfügung steht als Männern.


In den Sturm pusten Es gibt keinen vernünftigen Grund mehr, warum Frauen nicht ebenso wie Männer für ihre und ihrer Familien finanzielle Versorgung zuständig sein sollten. Sicherlich – ein Großteil harter, auch gesundheitsbelastender körperlicher Arbeit wird weiterhin vorwiegend von Männern erledigt, aber mögliche oder tatsächliche Unterschiede der Körperkraft zwischen Männern und Frauen spielen in einem Großteil der weiteren Berufe keine  Rolle mehr. Zudem wurde die häusliche Arbeit durch technische Entwicklungen so weit erleichtert, dass die Hausarbeit heute kein Volltagsjob mehr sein muss. Wenn ein Paar Kinder hat, können sich beide Eltern darüber verständigen, wie sie die Betreuung aufteilen – es gibt keinen vernünftigen Grund, warum zwangsläufig die Frau den Großteil der Kindessorge leisten sollte. Ökonomisch ist es zudem schlicht unvernünftig, einen großen Teil der erwachsenen Bevölkerung (nämlich Frauen in einer klassischen bürgerlichen Rolle) ohne Not vom Arbeitsmarkt fernzuhalten.

Warren Farrell hat das in seinem Buch The Myth of Male Power (dt.: Mythos Männermacht) so dargestellt, dass ein Modell der Versorgung von Frauen durch Männer über lange Zeiträume hinweg funktional war – insbesondere unter Bedingungen knapper Ressourcen oder auch angesichts kriegerischer Bedrohungen. Es sei für das Überleben der Gruppe sinnvoll gewesen, dass durch Männer den Frauen gleichsam ein Raum freigesperrt wurde, in dem diese dann die Betreuung der Kinder – und damit eben die Zukunft der Gruppe – gewährleisten konnten. Unter Bedingungen der modernen Gesellschaft aber sei diese Struktur einer Versorgung von Frauen durch Männer (Versorgung mit Ressourcen und mit relativer Sicherheit vor Bedrohungen) nicht mehr funktional, sondern dysfunktional geworden.

Eben diese Aspekt ist, wie in einer Kippfigur, in Rosins Ausführungen enthalten, wird von ihr aber durch triumphalistische Gesten beständig überspielt. Das Ende der Männer –  der Ausstieg von Männern aus der Versorgerposition – bedeutet eben auch das Ende eines weiblichen Lebensmodells, nämlich des bürgerlichen Modells der durch ihren Mann versorgten Frau. Dabei spielen feministische Positionen  eine notorisch zwiespältige Role.

Wenn Feministinnen die beschrieben Veränderungen als ihr Verdienst darstellen, hat das etwas kurios Selbstbezogenes – ungefähr so, als würde ein Kind, wenn es stürmt, nach draußen laufen, einmal in die Luft blasen, sodann auf den Sturm zeigen und stolz verkünden: „Das war alles ich!“ Tatsächlich spielen feministische Positionsnahmen oft eine ganz andere Rolle als die progressiver Antreiber von Veränderungen.

An den beiden wichtigsten Konfliktfeldern der Geschlechterpolitik in Deutschland, der Quotendiskussion und dem Kindschaftsrecht, lässt sich zeigen, wie versucht wird, das dysfunktional gewordene Modell einer Mann-Frau-Versorgung durch politische Eingriffe aufrechtzuerhalten  – durch Eingriffe allerdings, deren eigentlich reaktionärer Charakter nicht deutlich wird, sondern die als Bestandteile eine modernen, an Gleichberechtigung orientierten Politik dargestellt werden.

Die Quote – erfolgreich erfolglos Als die SPD 1988 auf ihrem Parteitag in Münster die Frauenquote einführte, begrenzte sie deren Geltung auf 25 Jahre. Der Parteitag im Bochum allerdings hob diese Frist 2003 auf – die Quote gilt nun unbefristet (mehr dazu hier). Trotzdem: Der Frauenanteil in der SPD stagniert, trotz statistisch deutlich besserer Aufstiegsmöglichkeiten der Frauen, bei unter einem Drittel der Mitglieder. Auch bei den Grünen, einer anderen traditionellen Quotenpartei, hat sich der Frauenanteil trotz umfangreicher Unterstützungsmaßnahmen im „Frauenstatut“ der Partei bei nur etwas mehr als einem Drittel eingependelt.

Die Geltung der Frauenquote wurde in der SPD also nicht etwa deswegen verlängert, weil die Quote so erfolgreich gewesen wäre, im Gegenteil: Es gibt die Quote noch, weil sie ihre Ziele eben nicht erreicht und sich als ineffektiv erwiesen hat – und weil deswegen die Verteidigerinnen (und Verteidiger) der Quote behaupten können, dass sie immer noch gebraucht werde. Eine so auf Dauer gestellte Frauenquote aber ist  eben nicht mit einer Anschubfinanzierung vergleichbar – sie hat nicht die Funktion, Frauen in eine Position zu manövrieren, in der sie sich auch ohne Quote etablieren können. Die auf Dauer gestellte Quote ist bei Licht betrachtet schlicht ein Instrument der Versorgung von Frauen mit Parteipositionen auf der Basis der weit mehrheitlich von Männern geleisteten Arbeit. Sie überträgt gleichsam die Versorgungsstrukturen der bürgerlichen Ehe in den institutionellen Rahmen der Politik. Daher irritiert wohl auch die Erfolglosigkeit der Quote ihre Befürworter so wenig: Es geht eben weniger um reale Erfolge in der Partizipation (und der Übernahme parteipolitischer Basisarbeit) von Frauen, sondern um eine Aufrechterhaltung von Versorgungsstrukturen.

So ist es dann ebenso wenig irritierend, dass die in der Politik erfolglose Quote nun auch für Wirtschaftsunternehmen gefordert wird, obwohl kaum eine Handvoll ohnehin schon privilegierter Frauen von dieser Quote profitieren wird, während sie dem Gros der Frauen überhaupt nicht nützen kann – geschweige denn den Männern, denen der Druck, Versorgertätigkeiten auszuüben, ja eben nicht abgenommen wird. Immerhin gehören die Frauen, die sich in der Politik für eine Quote stark machen, zu der kleinen Gruppe von Menschen, die möglicherweise durch die Quote profitieren werden.

Während also die Debatte um die Quote durchaus farcehafte Anteile hat, ist die Situation im Familien- und Kindschaftsrecht sehr bitter.

Warum Väter gerade deshalb ausgegrenzt werden, weil man sie braucht Man stelle sich einen Staat vor, in dem folgende Regelung gilt: Menschen kann willkürlich, auf der Basis nirgendwo begründeter Entscheidungen, die Möglichkeit zur Sorge für ihre Kinder genommen werden. In einer zynischen Volte werden diese Menschen dann auch noch verpflichtet, große monatliche Summen für die Versorgung ihrer Kinder zu erarbeiten und zu bezahlen – weil sie ja schließlich die Sorge für ihre Kinder nicht selbst tragen würden.

Ganz gleich, wie unterschiedlich man den Begriff des Kindeswohls beurteilen mag, oder die Funktion von Müttern und Vätern – eigentlich müsste allen Beteiligten klar sein, dass sich eine solche Regelung wie die hier skizzierte verbietet. Gleichwohl sind solche Regelungen für nichtverheiratete Väter in Deutschland über viele Jahre hinweg Realität gewesen – und ob sich daran durch die neuen Gesetze etwas ändern wird, ist fraglich. Auch für geschiedene Väter sieht die Situation nicht viel günstiger aus, und natürlich hat das auch Konsequenzen für die Kinder.

Schon vor Jahrzehnten erhoben feministisch inspirierte Mütter – etwa Katja Leyrer in ihrem 1990 erschienen Buch Hilfe! Mein Sohn wird ein Macker – die Klage, dass ihre Kinder trotz aller Bemühungen um eine Erziehung außerhalb von Geschlechterklischees doch in alte Rollen zurückfielen. Der blinde Fleck dieser Klage ist offenkundig: Die Verhältnisse, unter denen Kinder heute aufwachsen, sind, was die Geschlechterrollen ihrer Eltern angeht, wesentlich starrer, als sie es vor vierzig Jahren waren. Die gesetzlich durchaus privilegierte mütterliche Alleinerziehung „überwindet“ keineswegs die Aufteilungen der traditionellen bürgerlichen Ehe, sondern spitzt sie auf absurde und reaktionäre Weise zu. In der konventionellen Aufteilung hat der Vater das Geld verdient, während die Mutter sich um die Kinder kümmerte – in der „Mutter-Kind-Familie“ aber kümmert sich die Mutter, und nur sie, um die Kinder, und vom Vater bleibt gar nichts anderes als die Pflicht, dies zu finanzieren.

Die gern und moralisierend erhobene Klage über eine angebliche Zahlungsunwilligkeit von Vätern verdeckt dabei, dass unterhaltspflichtige Mütter in wesentlich geringerem Maße zahlen als Väter (dazu z.B. diese Studie, bes. S. 143ff.). Wer als Vater alleinerziehend ist, muss sich darauf einstellen, dass er auch Alleinverdiener sein wird und keine Unterstützung der Mutter erhält – was natürlich auch damit zusammenhängt, dass Männer weiterhin den Löwenanteil der Erwerbsarbeit leisten.

Wer also, anstatt auf eine gleichberechtigte Verständigung der Eltern zu setzen, die Elternschaft in Sorgeberechtigte und Unterhaltsverpflichtete aufspaltet, muss zugleich ein Interesse daran haben, dass der Anteil der Unterhaltspflicht den Vätern zugewiesen wird. Das bedeutet: Väter werden auch gerade deshalb vom Recht zur Sorge für ihre Kinder ferngehalten, weil sie als Unterhaltszahler gebraucht werden.

Diese Praxis ist möglicherweise nicht einmal Folge bewussten Kalküls der Verantwortlichen, sondern ergibt sich schlicht aus politischen Entscheidungen, die an klassischen Strukturen der Versorgung von Frauen durch Männer festhalten und dies durch ein bewusst unscharf gehaltenes Berufen auf das Kindeswohl legitimieren.

Backlash? Welcher Backlash? Natürlich würde es nicht das Ende der Frauen bedeuten, wenn sich die Rolle der Frau als durch den Mann Versorgte auflöste und Männer weiter aus Versorgerrollen ausstiegen – ebenso wenig, wie die Änderungen, die Rosin beschreibt, tatsächlich ein Ende der Männer bedeuten. Auch viele Frauen würden von einer Auflösung der Versorgtenrolle profitieren – die Verhältnisse im Kindschaftsrecht beispielsweise schaden ja nicht nur Kindern und Männern, sondern auch Großeltern oder Müttern, die mit den Vätern zusammenarbeiten wollen. Es gibt  erhebliche Interessen an der Aufrechterhaltung von Versorgungsstrukturen  – aber es gibt eben auch handfeste Interessen an einer Änderung.

Klareren, gerechtern Änderungen steht auch, und gerade, eine feministisch inspirierte Geschlechterpolitik entgegen, die – nicht von ungefähr – im Kindschaftsrecht traditionell mit konservativen Familienpolitikern paktiert. Mit einem Begriff von Faludi lässt sich das so zuspitzen: Es gibt keinen Backlash gegen den Feminismus – der Feminismus ist der Backlash.

Autoritäre Pädagogik mit gutem Gewissen: Die antisexistische Jungenarbeit

Als ich gestern über den Text Edgar Forsters und sein eigenwilliges Verhältnis zu Gewalt und Männlichkeit schrieb, stachen mir zwei weitere Aspekte in die Augen – zwei Trigger, sozusagen (auch wenn mich natürlich mal wieder keiner warnte). Einerseits Forsters Engagement in der Jungenpädagogik, das für mich schon beruflich interessant ist. Andererseits seine häufige Zusammenarbeit mit Anita Heiliger auf diesem Gebiet. Heiliger ist nämlich eine der wichtigsten deutschen Theoretikerinnen alleinerziehender Mutterschaft und macht sich sehr für die Ausgrenzung von Vätern stark  – was ich durchaus persönlich nehme (ist ja auch sehr persönlich).

Die besten Voraussetzungen also, um unbefangen und offen Forsters und Heiligers Beiträge zur Jungenpädagogik – nämlich zur „antisexistischen Jungenarbeit“ – anzuschauen.

Jungen als Herrscher und Defizitbündel In ihrem Text „Antisexistische Jungenarbeit als Bestandteil mädchengerechter Arbeit“ (auf Heiligers Homepage als Download erhältlich) aus dem Jahre 2002 spielt Anita Heiliger ein Suchspiel. „Jungenarbeit, die sich in eine mädchengerechte Jugendhilfe einfügt hat die Aufgabe, (…) den Dialog zwischen Jungen und Mädchen zu fördern, in dem Jungen lernen können, Bedürfnisse und Interessen von Mädchen zu erfragen, um diese in ihrem Verhalten berücksichtigen zu können.“  Und weiter: „Im kontrollierten und geschützten Dialog lernen auch die Mädchen, ihre Bedürfnisse den Jungen in einer Weise zu vermitteln, die von den Jungen verstanden wird.“ Also: Mädchen lernen etwas (ihre Bedürfnisse zu artikulieren), Jungen lernen etwas (die Bedürfnisse der Mädchen zu erfragen und zu berücksichtigen) – fehlt noch etwas? Irgend etwas?
Diese eigenwillige Vorstellung eines Dialogs, in dem es jeweils nur um die Bedürfnisse der einen Seite geht, übersieht natürlich nicht die Bedürfnisse der Jungen, auch wenn es für unvorgebildete Beobachter zunächst so scheinen mag. Heiliger geht lediglich guten Gewissens von patriarchalen Männlichkeitskonzepten aus, in denen Jungen ohnehin schon immer ihre Bedürfnisse äußern könnten und Mädchen, selbstverständlich, ohnehin schon immer alle Sensibilität für Jungen mitbrächten.
Ganz ähnlich sieht das Edgar Forster in seinem Text „Jungenarbeit als Männlichkeitskritik“. „Feministische Mädchenarbeit kämpft gegen den Sexismus der Männer, gegen patriarchale Strukturen und den phallozentrischen Rahmen, der Sexismus und Homophobie ermöglicht. Jungenarbeit unterstützt feministische Mädchenarbeit, wenn sie zeigt, wie Jungen und Männer im Verhältnis der Geschlechter, in Sexualität und Partnerschaft, Macht, Vorherrschaft, normstiftende und realitätserzeugende Definitionsmacht sowie Gewalt immer wieder reproduzieren.“ (S. 5) Jungen imaginiert Forster also gemeinsam mit Männern als Täter in der patriarchalen Ordnung, grundsätzlich assoziiert mit Gewalt, mit Sexismus, Homophobie, Macht. Wie kann eine pädagogische Arbeit darauf bauen?
 
Das erläutert Forster in dem 2009 gehaltenen Vortrag ’Boy Turn’, Geschlechterpolitik und neue Ungleichheitsstrukturen“ für die Friedrich-Ebert-Stiftung. „Schüler sollen gelehrt werden, wie sie zu einer demokratischen Struktur in der Klasse beitragen können. Das schließt ein, dass Belästigung, Sexismus und Homophobie in der Klasse nicht geduldet werden. Wenn Jungen Schwierigkeiten in der Kommunikation haben und dies mit unterschiedlichen Formen von Dominanz einhergeht, dann müssen nicht Schule und Unterricht verändert werden, dass sie den eingeschränkten Kommunikationsstilen von Jungen gerecht werden (wie von Jungen-Lobbies gefordert), sondern Kommunikationsprobleme müssen angesprochen und Kommunikationsfähigkeiten vermittelt werden.“ (S. 7) Forster beginnt also mit Selbstverständlichkeiten – welcher halbwegs vernünftige Mensch träte schon für Belästigung, Sexismus und Homophobie ein – und endet mit einem höhnischen, feindseligen Bild der Jungen. Sie stehen als kommunikationsunfähige Simpel da (ohne dass Forster auch nur auf die Idee kommen würde, zu fragen, ob nicht möglicherweise irgend etwas, oder jemand, sie zum Verstummen bringt – möglicherweise gar er selbst), die aufgrund ihrer eigenen Probleme anderen – den Mädchen – Probleme machen. Nicht die Schulen also sind falsch, sondern die Kinder – Forster stimmt eine alte Weise der autoritären deutschen Schulpädagogik an und interpretiert sie neu, nämlich sexistisch.

Die Kritik, dass Jungen in der „antisexistischen“ Jungenpädagogik nur als Defizitwesen vorkämen, ist natürlich naheliegend, und Heiliger begegnet ihr auch schon. „Selbstverständlich werde in der Praxis antisexistischer Pädagogik empathischer Bezug auf Jungen genommen, jedoch im Konzept die Auseinandersetzung mit und der Ausgangspunkt der neuen Jungenarbeit in der Kritik an patriarchaler Männlichkeit als Anspruch auf Herrschaft und Dominanz über Frauen mit seinen dramatischen Folgen klar benannt.“ (S. 4) Das klingt sehr kompliziert und bedeutet im Klartext schlicht, einmal grob formuliert: Jungen werden in dieser Pädagogik nicht nur als Täter („Herrschaft“, „Dominanz“, „dramatische Folgen“) angesprochen, sondern auch als Idioten, die nicht merken, dass sich hinter einer „empathischen“ Ansprache tatsächlich eine ausgesprochen misstrauische, unterstellende und auch feindselige Haltung ihnen gegenüber mehr schlecht als recht verbirgt. Forster dazu: „Erfahrungen der Machtlosigkeit von Jungen werden im Kontext männlicher Privilegiertheit angesprochen.“ („Boy Turn“, S. 7) Eine Äußerung von Empathie kann selbstverständlich nicht auf den Hinweis verzichten, dass die Jungen eigentlich ja Herrscher in der patriarchalen Ordnung seien.

Das ist wohl eben auch der Grund, warum Heiliger und Forster ihre tiefe Feindseligkeit gegenüber den Jungen, die sie für die pädagogische Arbeit disqualifiziert, gar nicht auffällt. Sie imaginieren die Jungen als Teilhabende an einer Herrschaft, von der sie (als Frau) distanziert sind oder sich (als guter Mann) distanziert haben – und sie vertuschen so das wesentliche Herrschaftsverhältnis, um das es in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geht: nämlich das Herrschaftsgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern.

 

Väter? Nehmt doch einfach die Mütter! Deutlich wird dies insbesondere in der Selbstverständlichkeit, mit der sie den Jungen männliche erwachsene Bezugspersonen verweigern – soweit diese unter Verdacht stehen, der Reproduktion hegemonialer Männlichkeit Vorschub zu leisten. Natürlich würden den Jungen – auch denen, die bei alleinerziehenden Müttern aufwachsen – keine Väter fehlen. Heiliger zitiert Forster: „Das Problem der häuslichen Gewalt [das Heiliger übrigens selbstverständlich und wie nebenbei durch die Gefahr des sexuellen Missbrauchs durch Männer ergänzt] werde dabei völlig ausgeblendet, und die Betonung des Vaters diskriminiere erneut z.B. alleinerziehende Mütter.“ (S. 4) Natürlich ist hier keine Rede davon, dass Gewalt auch von Frauen ausgeübt wird – der Schutz der Kinder vor Gewalt ist Heiliger immer nur gerade dann ein Anliegen, wenn damit die Ausgrenzung von Vätern begründet werden kann. Deutlich aber wird, dass hier Erwachsene – die Mütter nämlich – im Fokus stehen und nicht die Kinder: Entscheidendes Argument gegen eine Kritik der Ideologie einer mütterlichen Alleinerziehung ist nicht etwa, dass diese Kritik unbegründet sei (denn das ist sie nicht), sondern dass sie Mütter diskriminiere.

Regelrecht komisch aber wird die Nonchalance, mit der Jungen (und übrigens auch Mädchen) ihre Väter vorenthalten werden, wenn Forster zur Begründung Judith Butler bemüht. „Selbstredend, so als greife hier die Analyse von Judith Butler nicht, werden Vater und Mutter mit biologischen Geschlechtsunterschieden identifiziert.“ (Jungenarbeit, S. 11) Was kann er denn dafür, wenn die Jungen – befangen in den essentialistisch-biologistischen Zuschreiben der hegemonial-männlichen Ordnung – zu dämlich sind, um ganz einfach ihre Mütter als Väter zu akzeptieren – obwohl doch jeder vernünftige Mensch sehen müsste, dass das die einfachste Lösung wäre?

Autoritäre Traditionen Jede halbwegs vernünftige und humane pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen setzt voraus, sie grundsätzlich erst einmal zu akzeptieren, wie sie sind – und ihnen nicht zu signalisieren, dass sie so, wie sie sind, falsch sind. Forster und Heiliger aber versagen Jungen Empathie, führen sie höchstens kulissenhaft vor, versagen ihnen auch erwachsene Verantwortung, ziehen ihnen das enge Korsett eine enorm reduzierten Männlichkeit (Herrschaft! Gewalt! Dominanz!) über – und nehmen das nicht einmal als ihr eigenes Problem wahr, sondern  schieben dieses reduzierte Bild einer hegemonialen Männlichkeit unter Zuhilfenahme eines fleißigen Gebrauchs Connell’scher Phrasen  den patriarchalen Strukturen der Gesellschaft unter. Anders gesagt: Sie produzieren durchaus konsequent bei den Jungen eben das Verhalten, das sie zu bekämpfen vorgeben, und finden so immer weitere Gründe für ihren wackeren Kampf. Diese Selbstbezüglichkeit wäre ja eher komisch, wenn sie nicht auf Kosten von Kindern ausgetragen würde – im festen Vertrauen darauf, dass der, der die Gesellschaft verändern möchte, tunlichst bei denen anfangen sollte, die sich am wenigsten dagegen wehren können.

In der pädagogischen Machtphantasie, dass die Jungen so, wie sie sind, nicht akzeptiert werden können und neu aufgebaut werden müssen, passt sich das Konzept nahtlos in die Tradition einer tief autoritären, tief kinderfeindlichen Pädagogik ein – die keineswegs besser wird, wenn man sie zu allem Überfluss auch noch sexistisch interpretiert.

Gewalt ist männlich, weil Gewalt männlich ist

Neulich fiel mir einmal das Buch Gewalt und Männlichkeit aus dem Jahre 2007 in die Hände. Neugierig las ich darin den Text „Gewalt ist Männersache“, den der Salzburger Professor für Erziehungswissenschaften Edgar J. Forster geschrieben hat, und war hinterher verwirrt. Selber Schuld, warum lese ich auch solche Sachen – werden nun vermutlich meine Leser und Leserinnen sagen, und sie haben ja recht. Trotzdem finde ich, dass die Lektüre sich gelohnt hat – eine so schlagende (Entschuldigung für das Wortspiel, es ließ sich kaum vermeiden) Argumentation dafür, warum Gewalt nicht anders als männlich sein kann, habe ich kaum jemals gelesen.

Forster zieht sie nostalgisch an einem alten preisgekrönten Mercedes-Werbespot aus den Neunzigern auf – ein Mann verspätet sich, entschuldigt sich bei seiner Frau, dass er eine Panne mit dem Auto gehabt habe, und sie gibt ihm eine Ohrfeige – wie wir alle wohl wissend, dass ein Mercedes natürlich niemals eine Panne haben kann. Für diejenigen, die in alten Fernseherinnerungen schwelgen möchten – hier ist er noch einmal:

Forster nun kommentiert: „Die Werbeagentur dieses preisgekrönten Werbespots hat betont, daß der Spot in umgekehrter Rollenbesetzung (Mann ohrfeigt Frau) nicht gezeigt werden könnte, da Werbeeinschaltungen mit gewalttätigem Inhalt nicht gezeigt werden dürfen.“ Nun dachte ich als unbefangener Leser natürlich, der Salzburger Professor für Erziehungswissenschaften, der sich insbesondere in der Jungenpädagogik engagiert, würde diese lustige Argumentation auseinandernehmen – er aber schlägt sich auf die Seite der Agentur und schreibt: „Der Werbespot zeigt, das ist die Schlußfolgerung, ein deutliches Gendering von Gewaltakten: Ein und dieselbe Praxis ist ein Gewaltakt, wenn sie von einem Mann ausgeführt und kein Gewaltakt, wenn sie von einer Frau verübt wird.“ Die einen nennen es Sexismus, die anderen nennen es Gendering – interessant ist, mit welcher Offenheit Forster seine doppelten Standards als Instrumente wissenschaftlicher Analyse verkauft. „Während männliche Gewaltakte gegenüber Frauen in der Regel weibliche Unterwerfungsverhältnisse repräsentieren und reproduzieren, positioniert sich die Frau mit diesem ‚Gewaltakt’, der als solcher nicht wahrgenommen wird und deswegen auch keiner ist, gegenüber dem Mann als Handlungsunfähige, als Verratene und Betrogene.“ Hää?? – mag nun manch unbefangener Leser sagen wollen, und ebenso manche Leserin. Wer sich jedoch hier verwirren lässt (so wie ich, übrigens), hat die schlichte Schönheit dieser Aussage noch nicht vollständig verinnerlicht: Wenn der Mann die Frau schlägt, ist er gewalttätig. Wenn die Frau den Mann schlägt, ist er auch gewalttätig. Und da er also in jedem Fall gewalttätig ist, ist es auch gerechtfertigt, ihn zu schlagen, was daher nicht gewalttätig ist.
Alles klar?

Dass die Gewalt gegen den Mann keine Gewalt sei, weil sie nicht als solche wahrgenommen werde, dementiert dabei in einem Nebensatz die Aufklärungsbemühungen vieler sozialer Bewegungen (auch, z.B., des Feminismus), die deutlich zu machen versuchten, dass als ganz normal wahrgenommene Zustände tatsächlich in hohem Maße gewalttätig sein könnten. Es ist ja eine durchaus etablierte Methode der Aufdeckung von Ungleichheiten, Rollen – seien es Geschlechterrollen oder andere – umzubesetzen, ad absurdum zu führen und so zu zeigen, dass das anscheinend Selbstverständliche gar nicht selbstverständlich ist. Dieser Methode setzt Forster ein fröhliches „Es ist so, weil es für mich so aussieht“ entgegen.

„Gewalt definiert sich nicht durch bestimmte Praktiken, sondern durch die Art und Weise, in der diese Praktiken für die (Geschlechts-)Identität wirksam werden.“ Wenn mir also ein Mann eine Ohrfeige gibt, weil er sich dadurch in seiner Männlichkeit konstituiert, ist das schlimm – wenn mir eine Frau eine Eisenstange über den Kopf zieht, weil sie sich damit als Handlungsunfähige positioniert, tut das fast gar nicht weh. „Umgekehrt dienen Gewaltpraktiken zur Resouveränisierung von Männlichkeit.“ (Wieso eigentlich nochmal „umgekehrt“? Ach, egal.) „Gewalt und Männlichkeit gehen hier eine Artikulation ein und produzieren wechselseitige Bedeutung.“ Gut, dass Forster die Formulierung „gehen hier eine Artikulation ein“ gefunden hat – hätte er geschrieben, dass „Gewalt und Männlichkeit sich hier unterhalten“, dann hätte der Satz sich nach einem schönen Blödsinn angehört.

Also: Gewalt definiert Männlichkeit, Männlichkeit definiert Gewalt. Was nicht männlich ist, ist auch nicht gewalttätig, und umgekehrt. Es mag auf manche ein wenig eigenwillig wirken, diese Zusammenhänge ausgerechnet an einer Geschichte zu verdeutlichen, in der eine Frau einen Mann schlägt – aber die haben die Pointe noch nicht verstanden. „In diesem Werbespot ist nicht die weibliche Ohrfeige, sondern der männliche Blick als Geste einer Kommunikationsverweigerung ein Gewaltakt.“ Aber wie üblich kann der Mann mit der weiblichen Kommunikationsbereitschaft nichts anfangen und intepretiert sie womöglich gar als Übergriff auf seine mühsam verweigernd konstituierte Souveränität.

Oder so.

Der Text ist kaum mehr als fünf Jahre alt. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass er schon als Beispiel dafür dienen kann, wie Verhältnisse in der öffentlichen Rede über Geschlechter sich verändern. Die von Forster herbeigeschleppte Phrasenmühle (Gendering, Unterwerfungsverhältnisse, Resouveränisierung, Artikulation, …) wirkt mittlerweile wohl selbst in akademischen Kontexten, vielleicht irgendwann sogar in den Erziehungswissenschaften nicht mehr einschüchternd, sondern albern und hohl. Und die selbstverständliche Verbindung von Männlichkeit und Gewalt, die tautologisch dadurch begründet wird, dass beides durch das jeweils andere definiert sei, lässt sich außerhalb enger Filterbubbles kaum noch aufrechterhalten.

Irgendwann wird man über Texte wie den von Forster lachen können.

"Ein Tyrann von wunderbarer Leuchtkraft" – Ruth Klügers Vaterfragmente

Ruth Klügers Autobiographie weiter Leben. Eine Jugend aus dem Jahr 1992 gehört zu den Texten, die mich am meisten beeindruckt haben. Klüger wurde 1931 als Tochter einer jüdischen Familie in Wien geboren, 1942 mit der Mutter zuerst nach Theresienstadt, dann nach Auschwitz deportiert. Sie floh, ging nach dem Krieg in die USA, wurde dort Professorin für deutsche Literatur und fing nach einer Gastprofessur in Göttingen an, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben – als „deutsches Buch“.

Klüger und ihre Mutter überlebten den Massenmord an den europäischen Juden, ihr Vater – der in Wien Frauenarzt gewesen war – und ihr Bruder nicht.

„Tyrann von wunderbarer Leuchtkraft“ Sie könne, schreibt Klüger in ihrer Autobiographie, nicht von den Lagern erzählen, als sei noch nicht davon erzählt worden – „politisch, ästhetisch und auch als Kitsch.“ (S. 79) Als Kitsch bezeichnet sie beispielsweise ein Schild in Buchenwald, dass die Rettung eines jüdischen Kindes feiert, sowie einen Roman über diese Rettung:

„Die Agitprop-Burschen, die das Schild vom geretteten Kind anbrachten, infantilisierten, verkleinerten und verkitschten damit den großen Völkermord, die jüdische Katastrophe im 20. Jahrhundert. Das ist mir der Inbegriff von KZ-Sentimentalität. Und der Roman über dieses Kind ist trotz der Achtung, die er genießt, ein Kitschroman.“ (74/75, der Roman ist Nackt unter Wölfen von Bruno Apitz)

Es ist wohl eben die durch das Schild und den Roman hergestellte Eindeutigkeit, welche die Erzählerin als Infantilisierung und Verkitschung beschreibt. Dass sie selbst Erinnerung nicht als eindeutiges und zusammenhängendes Ganzes präsentiert, sondern als etwas Mehrdeutiges und Disparates, wird insbesondere am Beispiel der Erinnerung an den ermordeten Vater deutlich und plausibel.

Im Rückblick sieht sie den Vater „als einen Menschen mit absoluter und doch falscher Autorität, ein Tyrann von wunderbarer Leuchtkraft, auf den man sich letzten Endes nicht verlassen konnte, denn er ist ja nicht wiedergekommen.“ (33) Dass es im Rückblick und aus erwachsener Perspektive ungerecht ist, dem Vater den Vorwurf zu machen, nicht zurückgekehrt zu sein, ändert nichts an ihrer Enttäuschung. Dass sie ihren ersten Sohn nicht nach ihrem Vater benannt hat, um ihn nicht den Namen eines „elend Ermordeten“ zu geben, kommt der Erwachsenen allerdings manchmal „wie ein Verrat vor. Und vielleicht wollte ich ihm tatsächlich den an mir begangenen Verrat heimzahlen, nämlich dass er wegfuhr und nicht zurückgekommen ist, indem ich ihm ein Weiterleben in den Enkeln verweigerte.“ (26)

Diese Passagen sind mir in besonderer Weise in Erinnerung geblieben. Der Vater schließlich ist von den Nationalsozialisten ermordet worden – in einer Gaskammer in Auschwitz, wie Klüger zum Zeitpunkt der Niederschrift glaubt. Natürlich weiß die erwachsene Frau, dass ihr Vater nicht freiwillig fortgeblieben ist, dass er vermutlich auch nichts lieber getan hätte, als zu seiner Familie zurückzukehren. Trotzdem sind der Groll, die Enttäuschung, die Verletzung noch erhalten. Für das unbedingte Bedürfnis des Kindes Ruth nach der Präsenz des Vaters spielt die erwachsene Logik, dass er an seinem Fernbleiben doch keine Schuld trage, keine Rolle – er müsste da sein, ist es aber nicht, und allein das zählt.

Vaterfragmente Dabei beschreibt Klüger ihren Vater noch nicht einmal uneingeschränkt als positiv, sie stellt ihn mehrfach ambivalent dar: Er besitzt absolute Autorität, die sich als falsch erweist, er ist tyrannisch, aber eben zugleich „von wunderbarer Leuchtkraft“. Der „letzte, starke Eindruck“ aber, den er bei seiner Tochter hinterlässt, ist „Schrecken, Gewalt, ein Gefühl von erlittenem Unrecht und Erniedrigung.“ (32) Beschuldigt, als Arzt eine Abtreibung vorgenommen zu haben, wird der Vater von der SS verhaftet. Bei einem großen Mittagessen nach der seiner Rückkehr aus dem Gefängnis wird seine Tochter Ruth, die seinen Kontakt sucht, ihm zu aufdringlich, er verprügelt sie vor den Augen einer Freundin und sperrt sie dann in ihr Zimmer. Auch als er vor seiner Abreise nach Frankreich einige Tage später vor ihrem Bett steht und sich verabschiedet, steht sie „noch ganz unter dem Eindruck des vorangegangenen Strafgerichts“, hat Angst vor ihm und kann sich nicht vorstellen, dass er sie ungern verlässt.

Zugleich hat sie ihn auch als vornehm und zurückhaltend in Erinnerung. Als sie nach ihrem Schultag aus dem Tor kommt, drängen sich dort die Eltern so, dass sie ihren Vater nicht sehen kann. „Er stand ganz hinten, angelehnt an ein Gitter, noch keine vierzig war er damals. Mein Gott, ich bin so viel älter geworden, als er es je war.“ (20) Auf die Frage der Tochter, warum er so weit vom Eingang entfernt stünde, antwortet er:

„’Warum sich drängen? Wir haben ja nix zu versäumen.’ Da schien er mir der Vornehmste von allen, und die anderen Eltern mit ihren Ellenbogen waren ordinär. Ich nahm ihm versöhnt das Stanitzel, österreichisch für Tüte, mit den Bonbons ab, legte meine Hand in seine und ging sehr zufrieden nach hause.“

Sehr viel später aber, „neulich am Telephon“, erzählt die Mutter der Autobiographin, der „Vater habe öfters behauptet, er habe keine Ellbogen, er könne sich nicht wehren, nicht drängen oder durchsetzen.“ (34) Das Motiv des fehlenden Ellbogeneinsatzes drückt also, wie eine Kippfigur, in der einen Perspektive Vornehmheit, in der anderen Schwäche aus.

Selbst die Feststellung, viel älter als der Vater geworden zu sein, ist mehrdeutig. Sie lässt sich als Ausdruck von Trauer lesen, aber auch als Ausdruck des Unglaubens, selbst mittlerweile viel älter zu sein als es der mit von der Tochter mit großem Respekt wahrgenommene Erwachsene jemals gewesen ist. Noch immer, so scheint es, erlebt sie ihren Vater auch aus der Perspektive des Kindes, das sie war, und kann die Position der Älteren nur mit Staunen einnehmen. Die Widersprüchlichkeiten seines Verhaltens bleiben nach dem plötzlichen Abbruch des direkten Kontaktes zu ihm ungelöst bestehen, und auch die Erinnerungen der Mutter an ihn erscheinen der Autobiographin nicht hilfreich, um die eigene Erinnerung zu klären. „Wenn sie wahrhaftiger wäre; aber sie biegt sich die Welt zurecht, so gut sie’s kann. (…) Ihr Bild ist einheitlich, meines konfus.“ In der englischen Version der Autobiographie ist die Bemerkung eingefügt, dass alles, was mit ihm zu tun habe, unbeendet und dass nichts jemals gelöst worden sei. (33)

 „Ich sehe meinen Vater in der Erinnerung höflich den Hut auf der Straße ziehen, und in der Phantasie sehe ich ihn elend verrecken, ermordet von den Leuten, die er in der Neubaugasse begrüßte, oder doch ihresgleichen. (…) Wie bei jener Zeichnung, die man sowohl als Ente oder als Geldbörse sehen kann, aber nicht als beides gleichzeitig, und an der sowohl der Kunsttheoretiker Gombrich wie der Philosoph Wittgenstein ihre Freude hatten, kann ich die richtigen Gefühle für den lebenden oder für den sterbenden Vater aufbringen, aber sie vereinigen für die eine, untrennbare Person kann ich nicht. (…). Keine Notwendigkeit hält diese disparaten Vaterfragmente zusammen, und so ergibt sich keine Tragödie daraus, nur hilflose Verbindungen, die ins Leere stoßen oder sich in Rührseligkeit erschöpfen.“ (29/30)

Feminismus, Vaterliebe und aufgeräumte Schubladen Klüger bezieht in ihrem Text ausdrücklich feministische Positionen, die zum Teil durchaus angreifbar sind – etwa wenn sie Täterschaft männlich bestimmt und beispielsweise „in Ermangelung von exaktem Material“ die These aufstellt, „daß es in den Frauenlagern im Durchschnitt weniger brutal zuging als in den Männerlagern“ (147) Frauen – als Freundinnen, aber auch als potenzielle Leserinnen – spielen bei ihr eine zentrale Rolle, und so mag es durchaus sein, dass sie dieses Buch ohne ihre feministische Orientierung nicht hätte schreiben können. Es ist aber auch eine der großen Qualitäten des Textes, dass er in den so nahegelgten Eindeutigkeiten nicht aufgeht. Die Beschreibung des Vaters als „Tyrann“ etwa lädt zu einer feministischen Zuspitzung regelrecht ein – und beispielsweise die Interpretin Irene Heidelberger-Leonard nimmt diese Einladung auch gern an, wenn sie räsonniert: „In der nazistischen, so in der jüdischen Infrastruktur waren es nie die jüdischen Frauen, die Machtpositionen innehatten, so dass sie selbst innerhalb der eigenen Reihen dem Überlebenstrieb ihrer männlichen Leidensgenossen ausgeliefert waren.“ (Eine weibliche Autobiographie nach Auschwitz?, S. 193) Das problematisiert also selbst noch den Wunsch jüdischer Männer, am Leben zu bleiben, und schaltet Nationalsozialismus und Judentum mit staunenswerter Selbstverständlichkeit parallel. Klüger selbst hingegen ordnet die Elemente ihres Textes – und ihres Lebens – keineswegs so sauber in die verschiedenen Schubladen ein, und das einheitliche Bild, das die Mutter etwa vom Vater hat, erscheint ihr eben deshalb unglaubwürdig.

Bei aller Widersprüchlichkeit deutlich aber ist die große Bedeutung des Vaters, die Liebe der Tochter zu ihm und ihre bleibende Sehnsucht – und eben selbst noch bei der längst erwachsenen Frau der stille Vorwurf an ihn, nicht zurück gekommen zu sein.

Dass sie mit der Erinnerung in ihn niemals fertig ist, zeigt sich auch in Klügers amerikanischer Ausgabe ihres Textes, die im Jahr 2001 erscheint. Sie berichtet von einer Leserin der französischen Übersetzung ihres Buches, die ihr neue Informationen über ihren Vater zukommen lässt.

„As if to prove how ongoing these stories, these deaths really are, just as I finish translating my lament for him into English, she e-mails me that she has the list of names from my father’s transport out of Drancy, transport number seventy-three of a total of seventy-nine. It was nine hundred men, and they didn’t go to Auschwitz, but to Lithunia and Estonia, and who knows how they were murdered. […] I should be relieved that he didn’t die that ultimate nightmare of a death, in a crowded gas chamber, that it was a different, and perhaps a slightly lesser, nightmare. But now my mental furniture has to be rearranged, and it feels as if I am running through my house in the dark, bumping into things. How did he die then?” (Still Alive, S. 39/40)

Ich habe nach einer Taschenbuchausgabe zitiert –  Ruth Klüger: weiter leben. Eine Jugend, München 1997
Das englische Zitat stammt aus Ruth Kluger: Still Alive. A Holocaust Girlhood Remembered, New York 2003

Schule, Tetris und der rasende Stillstand

Als es noch kein Zentralabitur gab und die Lehrer ihre Abiturarbeiten selber entwerfen und zur Absegnung an die Schulbehörde schicken mussten, von wo sie dann – wenn alles gut ging – pünktlich zum Abitur wieder zurück kamen, natürlich mit einem entsprechenden Vermerk, welcher der verschiedenen erarbeiteten Vorschläge gewählt worden sei – zu dieser Zeit also, die noch gar nicht lange her ist, trug sich folgende Geschichte zu. Ein Lehrer hatte seine Arbeit auf den langen Dienstweg verabschiedet – erst zum Fachprüfungsleiterleiter, dann zur Schulleitung, von dort auf ihrem Weg durch die verschiendenen Stationen der Verwaltung –,  erhielt sie aber vor der Zeit, auf demselben Dienstweg, nur eben rückwärts, wieder zurück. Er hatte ein Komma vergessen, und selbstverständlich konnte der zuständige Dezernent dieses Komma nicht einfügen, sondern schrieb eine entsprechende Bemerkung mit der Aufforderung an den Kollegen, das fehlende Komma ordnungsgemäß einzufügen – was dieser tat, um dann die Arbeit auf dem entsprechenden Dienstweg wieder nach oben zu senden.

Dies jedenfalls berichtete mir heute ein Kollege. Die Anekdote ist geeignet, um eine Frage zu einem ganz anderen Problem zu beantworten, die ein Schüler ebenfalls heute im Unterricht gestellt hat – warum sich eigentlich an der Schule so wenig verändere, obwohl es schon lange, seit weit über hundert Jahren, pädagogische Konzepte gäbe, die auf Veränderungen drängen.
 

Rasender Stillstand Aus der Perspektive von Lehrkräften sieht die Situation allerdings ein wenig anders aus. Schon wiederholt habe ich von Kollegen den Satz gehört, die beste Reform wäre es, wenn die Schule einfach einmal für eine Weile von Reformen verschont bleiben würde. Die Abiturvoraussetzungen beispielweise werden so regelmäßig verändert, das ich es als Lehrer schon erlebt habe, mit einem Jahrgang zum ersten Mal nach einer neuen Prüfungsordnung ins Abitur zu gehen – und zugleich zum letzten Mal, weil sich für das nächste Jahr die Prüfungsvoraussetzungen schon wieder geändert hatte. Unsere Sek-II- (also Oberstufen-) Leitung hat uns Lehrer gebeten, Schüler im Hinblick auf ihre Abiturbedingungen nicht mehr zu beraten – weil angesichts der beständigen Änderungen die Wahrscheinlichkeit zu groß sei, dass wir den Überblick verloren hätten und den Schülern dann falsche Ratschläge gäben.
Tatsächlich lässt sich die Einschätzung des Schülers, an den Schulen verändere sich nichts, und der Eindruck der Lehrer, den permanenten Veränderungen gar nicht mehr hinterher zu kommen, gut miteinander verbinden. Denn die Reformen, von denen nur für eine Weile verschont zu werden der Traum vieler Lehrer ist, entstehen ja nicht aus der täglichen Erfahrung mit dem Unterricht, mit den Schülern, mit ihren Erfolgen und Misserfolgen und den Erfolgen und Misserfolgen der Lehrkräfte – sondern kommen, mit immer wieder unerwarteten Wendungen, aus einem behördlichen Apparat. Für Lehrer ist der Umgang damit wie ein Tetris-Spiel – beständig fallen neue Formen, mit denen man mal mehr und mal weniger gerechnet hat, von oben herab, und man muss sie möglichst schnell drehen, wenden und verschieben, um sie unten irgendwo einbauen zu können – während oben schon wieder die nächsten Formen herabfallen.
Die beständigen Schulreformen sind also eben keine demokratischen Reformen, wie sie beispielweise der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey schon vor Jahrzehnten beschrieben hat – sie entstehen nicht aus der Auseinandersetzung mit alltäglicher Erfahrung, auch nicht aus der Distanzierung von ihr, dem Vergleich verschiedener Erfahrungen, der Orientierung an gemeinsamen Zielen, dem Entwerfen von Hypothesen für sinnvolle Wege, diese Ziele auch zu erreichen, des Handelns auf dieser Basis, der Überprüfung von Hypothesen, einer möglichen Neu-Einschätzung – sie sind, kurz gefasst, eben kein Bestandteil einer Entwicklung, in der etablierte Handlungsweisen aufgegriffen und verändert werden. Statt dessen verstärken sie eine Spaltung zwischen einer Praxis, in deren Rahmen wesentliche Entscheidungen nicht getroffen werden könne, und einer Entscheidungsebene, die kaum einen sinnvollen Zugang zur Praxis hat. Die beiden berühmtesten – und berüchtigsten – Reformen der letzten Jahre illustrieren dies.
 
Die milliardenteure Rechtschreibreform setzte die Kultusministerkonferenz durch, ohne sich auch nur kurz von der Tatsache irritieren zu lassen, dass sie die Art und Weise, wie Menschen in deutschsprachigen Ländern schreiben, bestenfalls mittelbar etwas angeht und dass sie schon gar nicht in der Position war, hier allen Ernstes Vorschriften entwickeln zu können. Sie verpflichtete die Schulen schlicht auf eine neue Rechtschreibung und nahm die Schüler damit gleichsam als Geiseln. Anstatt dass an den Schulen die Rechtschreibung unterrichtet wurde, die außerhalb der Schulen gängige Praxis war, wurde nun eine Kunstrechtschreibung gelehrt – und damit wurden die Sprachbenutzer außerhalb der Schulen unter Druck gesetzt, dass sie doch die Schüler völlig verwirren, ja ihnen schaden würden, wenn sie sich nicht auch an diese neue Schreibung anpassen würden.
 
Es passt dazu, dass die unter enormen medialen Einsatz installierte Rechtschreibreform mittlerweile in mehreren Schritten und fast klammheimlich wieder zurück genommen wurde – von ihr ist kaum mehr geblieben als der Umstand, dass wir jetzt statt „daß“ eben „dass“ schreiben, dass die Kommaregeln wesentlich komplizierter sind als früher und dass der Duden Konkurrenz bekommen hat. 
Ganz ähnlich die G8-Reform, die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur um ein Jahr. Auch diese Entscheidung war keine Folge der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen an den Schulen, sondern Ergebnis politischer Kalküle (die Hoffnung, dass die Eltern einer Verkürzung der Schulzeit ihrer Kinder applaudieren würden, verband sich mit dem Ziel, die Schüler schneller auf den Arbeitsmarkt zu bringen).

 
 
Schule als Tetris-Spiel So lässt sich dann auch der Eindruck erklären, dass sich an den Schulen trotz beständiger Reformen eigentlich nichts ändere. Der Begriff „trotz“ ist dabei falsch – gerade weil permanent, unter Ausnutzung der hierarchischen Strukturen im Bildungssystem, auf eine von der Schulpraxis abgekoppelte Weise in eben diese Praxis eingegriffen wird, ändert sich nichts. Die Routinen an den Schulen werden, soweit es geht (und ebenfalls schon routiniert) verteidigt, im Wissen, dass die jeweils gegenwärtige Reform vermutlich ohnehin nicht lange Bestand haben wird. Die Neuerungen hingegen haben vor allem eines gemeinsam: dass sie die hergebrachten Hierarchien bestätigen, in denen die Schulverwaltung nicht etwa dafür da ist, die Arbeit an den Schulen zu ermöglichen und zu erleichtern, sondern in denen umgekehrt eigentlich die Schulen dafür da sind, die Verwaltung möglich zu machen.

So lässt es sich dann auch leicht erklären, warum an den Schulen permanent etwas Neues geschieht und gerade deshalb alles beim Alten bleibt. Auch im Tetris-Spiel verarbeitet man  – wenn man geübt ist – eine neue Form nach der anderen, aber spielt dabei die ganze Zeit dasselbe Spiel.

Schmerzensmänner, ungebunden

Entsorgte Väter erschienen oft als Schmerzensgestalten unter den Menschen, die sich für eine Gleichberechtigung der Geschlechter aus männlicher Perspektive einsetzen. Noch immer in Erinnerung ist das Bild des Vaters als Opfer einer mütterorientierten Rechtslage, das der Schauspieler Mathieu Carrière im Jahr 2006 spektakulär inszeniertierte: Carrière, der um den Umgang mit seinen Töchtern kämpfen musste, ließ sich  öffentlich als Jesus an ein Kreuz binden . Die eigentliche Absicht, auf die Verlassenheit der Trennungskinder als Jesus am Kreuz aufmerksam zu machen, ging angesichts der pathetischen väterlichen Leidensgeste fast unter.
 
Ein Problem solcher Darstellungen ist, dass kaum jemand sich gern mit Opfern identifiziert, jedenfalls nicht mit männlichen. Passiv, hilflos, leidend, klagend – das ist eine Haltung, die eher Mitleid, Ärger oder auch Spott provoziert als eine ernsthafte Auseinandersetzung.
Dabei ist gerade die Situation entsorgter Väter und ihrer Kinder für eine solche Auseinandersetzung sehr gut geeignet. Der Kindes- und Vaterentzug ist, wenn man direkt betroffen ist, tatsächlich ein absorbierendes Problem. Wenn man aber von dem damit verbundenen Leid für eine Weile absehen kann und sich darauf konzentriert, wie die Situation funktioniert, dann die Lage entsorgter Väter und ihrer Kinder ganz einfach sehr interessant. Perversitäten des Verhältnisses von Frauen und Männern sowie von Erwachsenen und Kindern werden hier einprägsam deutlich, und es lässt sich auch gut zeigen, wie durch ein Zusammenspiel institutioneller Schwächen und ideologischer Verhärtungen offenkundige Diskriminierungen hergestellt und geduldet werden.
Ganz besonders gilt das für den absurden Umstand, dass ausgerechnet die große Bedeutung eines kontinuierlichen Kontakts und einer stabilen Bindung zwischen Kindern und Eltern gerichtlich und jugendamtlich häufig als Begründung angeführt wird, Kinder und ihre Väter auf Dauer voneinander zu trennen. Der zweite Teil der kleinen Reihe „Prima Gründe, Väter loszuwerden. No. 2: Kontinuität und Bindung“.


 Bindung als Argument gegen Bindung Das ausgerechnet die Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung als Grund für die Behinderung eines Eltern-Kind-Verhältnisses angeführt wird, müsste eigentlich – so würde ein unbefangener Beobachter, falls es den gäbe,  wohl überlegen – allen Beteiligten als widersinnig auffallen. Es ist aber durchaus gängige Praxis. Ich selbst hatte in den ersten Monaten durch die Elternzeit einen sehr engen Kontakt zu unserem Kind, aber nachdem sich seine Mutter sich von mir getrennt hatte, machte sie bald auch einen regelmäßigen Umgang sehr schwer. Als ich vor Gericht ging, um bessere Umgangsmöglichkeiten zu erstreiten, argumentierten sie und ihre Anwältin dann damit, dass aufgrund des geringen Kontakts zwischen Vater und Kind keine Bindung bestehe und eine Ausweitung des Umgangs daher dem Kindeswohl schaden würde.
Unser Kind und ich hatten das Glück, dass diese durchaus routinierte Argumentation weder beim Richter noch bei der zuständigen Mitarbeiterin des Jugendamts verfing – ich weiß aber, dass viele Väter und Kinder dieses Glück nicht haben. Die Väter versuchen einen besseren Kontakt zu ihren Kindern zu bekommen – und die Möglichkeit dazu wird ihnen mit dem Argument vewehrt, dass ihr Kontakt mit den Kindern nicht gut genug sei.
„Bindung“ wird dabei durchaus unterschiedlich interpretiert – mal als „Bonding“, wie das Hebammen gern für die Zeit direkt nach der Geburt, günstigstenfalls natürlich schon vorgeburtlich empfehlen – mal im Sinne von Bowlby und Ainsworth, nach denen typisches Bindungsverhalten erst später einsetze (was so übrigens nicht stimmt, aber gern als Argument verwendet wird: Die eine Definition kann gegen Väter ausgespielt werden, die sich nicht gleich nach der Geburt um ihre Kinder gekümmert haben, die andere gegen Väter, die später weniger Kontakt zu ihren Kindern hatten).
Der grundlegende Fehler ist aber wohl, dass eine sichere Bindung im Verhältnis des Kindes zu beiden Eltern nicht etwa als Ziel einer gerichtlichen, jugendamtlichen, vor allem aber elterlichen Auseinandersetzung betrachtet wird, sondern dass die Bedeutung von Kontinuität und Bindung als Kriterium verwendet wird, um zu entscheiden, bei welchem der Elternteile das Kind bleibt und welches Elternteil aus dem Spiel genommen werden kann. Den Eltern wird dadurch eine Bindungskonkurrenz nahe gelegt, bei der es für beide vorteilhaft ist, die Bindung des anderen Elternteils zum Kind zu stören – anstatt dass sie sich bemühen würden, „die Bindungen des Kindes an beide Elternteile aufrechtzuerhalten“ (so Wera Fischer schon 1997 über das Kindeswohl in Trennungssituationen).
Eben diese Orientierung an der Bindung von Kindern zu beiden Eltern wird  vom Alleinerziehendenverband, der natürlich mit erheblichen organistationstypischen Eigeninteressen betroffen ist, bekämpft und als  als „ideologisches Leitbild“ diffamiert – selbstverständlich ohne Sinn für den erheblichen ideologischen Überbau der eigenen Orientierung an der mütterlichen Alleinsorge und an der Konkurrenz der Eltern um das Recht am Kind. Hier wurzelt wohl auch die Kritik des Verbands daran, dass die Widerspruchsfrist für Mütter gegen ein gemeinsame Sorgerecht im neuen Gesetz zu kurz angesetzt sei (und die Kritik des Väteraufbruchs, dass es eine solche First überhaupt gebe) – wenn die Mutter in den ersten Wochen und Monaten der Alleinsorge den Kontakt zwischen Vater und Kind behindert, wird der Vater es vor Gericht womöglich schwerer haben, deutlich zu machen, dass die gemeinsame Sorge dem Kindeswohl nicht widerspreche.
 
Dabei ist es durchaus ein Problem, dass Richter und Richterinnen aufgrund ihrer professionellen Ausbildung ja ebenso gut oder schlecht begründete Urteile zum Kindeswohl treffen können, wie Architekten, Journalistinnen, Müllwerker oder Putzfrauen das könnten. Sie machen sich also häufig abhängig von den professionell Zuständigen des Jugendamts. Die Jugendämter sind dabei gar nicht in allen Fällen männer- oder väterfeindlich – wie alle Ämter aber treffen sie ihre Entscheidungen häufig so, dass die Entscheidung möglichst wenig weitere Arbeit nach sich ziehe. Nach einem solchen Ökonomisierungskalkül (das mit der Arbeitsbelastung und Arbeitslust der Ämter viel, mit dem Kindeswohl gar nichts zu tun hat) erscheint es dann eben oft günstiger, klare Verhältnisse zu schaffen und ein Elternteil bei Seite zu schieben, als eine längerfristige, stabile Kooperation zwischen den Eltern zu ermöglichen.

Josef, nicht Jesus Vor diesem Hintergrund wäre es nachvollziehbarer gewesen, wenn Carrière sich für seine Demonstration eine andere biblische Figur ausgesucht hätte. Jesus ist als Symbol für vaterlose Kinder wenig plausibel – aber in seinem Vater Josef wird die Situation überraschend deutlich. Er könnte sowohl für einen Kuckuchsvater stehen (dem seine Verlobte auch noch erzählt, das erwartete Kind hätten sie dem „heiligen Geist“ zu verdanken) wie für einen entsorgten Vater, der sich um sein Kind kümmert, für es arbeitet, um dann schließlich völlig bedeutungslos zu sein, weil es ganz im Mutter-Kind-Verhältnis aufgeht. So wie zudem Maria einen Über-Vater, nämlich Gott, für ihr Kind zur Verfügung hatte, kann auch die alleinerziehende deutsche Mutter einen Über-Vater gegen den realen Vater ausspielen – nämlich die Unterstützung durch staatliche Institutionen, durch Gerichte und Ämter.
 
Josef wäre natürlich wesentlich unspektakulärer darzustellen als der gekreuzigte Christus, ein weitgehend normaler Mann, der im Straßenbild vermutlich gar nicht weiter auffallen würde. Als Sinnbild für den entsorgten Vater wäre er aber wohl gerade deshalb besser geeignet als der Schmerzensmann Jesus.