Aus der Phrasendrescherei. Heute: Male Privilege

Dass Männer in unserer Gesellschaft entgegen anderslautender Vermutungen nicht privilegiert sind, habe ich unlängst in Zusammenarbeit mit einer feministisch inspirierten Website bewiesen. Wobei übrigens der Begriff „Zusammenarbeit“ möglicherweise etwas spezifiziert werden muss angesichts der Tatsache, dass diese Website selbst nichts von der Kooperation weiß. Die Website bietet eine Checklist an, mit Hilfe derer jeder überprüfen kann, inwieweit er von ungerechtfertigten männlichen Privilegien („Male Privilege“) profitiert – sie orientiert sich an einer 1990 von Peggy McIntosh veröffentlichten Checklist zu Privilegien für Weiße in der US-amerikanischen Gesellschaft („White Privilege“).

Kurzentschlossen habe ich die Gelegenheit ergriffen, dass hier endlich einmal (möglicherweise, weil ein Mann diese Checklist zusammengestellt hat und sich selbst Klarheit über seine Privilegiertheit verschaffen wollte) nicht allgemeinwolkig von „patriarchalen Strukturen“, “Herrschaftsstrukturen“, der „patriarchalen Herrschaft“ oder gleich wolkig-knackig vom „Rechtsstaatlichkeitsprinzip, Aufklärung und all dem Rotz“ die Rede ist – sondern dass endlich einmal Kriterien angegeben werden, nach denen die fröhliche Einordnung von Männern als „Privilegienpenisse“ überprüft werden kann.

Ich präsentiere hier eine völlig willkürlich getroffene, also sauber randomisierte und dann von mir kommentierte Auswahl aus der Checklist.

Überbewertet „If I do the same task as a woman, and if the measurement is at all subjective, chances are people will think I did a better job.“ – Sicher. Wenn die Leistung eines Mannes als “besser” wahrgenommen wird, kann das nur an der Subjektivität der Kriterien liegen. Während bei besseren Bewertungen von Frauen die Kriterien selbstredend tadellos sind (Jungen, beispielsweise, werden nachweislich bei gleicher Leistung schlechter bewertet als Mädchen – aber das ist etwas ganz anderes und gehört hier eigentlich nicht her).

Keine Vergewaltigungen „If I’m a teen or adult, and if I can stay out of prison, my odds of being raped are relatively low.“ – Das stimmt. Man muss allerdings darüber hinwegsehen, dass in allen anderen Bereichen als der sexuellen Gewalt Gewaltopfer in der weit überwiegenden Mehrzahl männlich sind.  Der gern an dieser Stelle zur Verfügung gestellte Hinweis, dass auch die Täter häufig männlich seien, hilft den Opfern ja nicht weiter – man kann die Tat schließlich nicht als eine Art von Selbstverletzung werten, nur weil Opfer und Täter beide männlich sind.
Natürlich wird hier die Situation in Gefängnissen ausgeschlossen – aber gerade dass sie explizit ausgeblendet wird, macht immerhin das Problem der Vergewaltigungen von Männern in Gefängnissen erkennbar. In Krimiserien ist es ein häufiges Motiv (ich kann mich hier beispielsweise an Folgen von „The Closer“ oder „Lie to Me“ erinnern), dass die ermittelnden Sympathieträger männliche Zeugen und Verdächtige mit dem beiläufigen Hinweis unter Druck setzen, dass sie im Gefängnis als „Frischfleisch“ gelten würden. Ich möchte nicht wissen, was los wäre, wenn das andersherum geschähe – wenn in netten Familien-Krimis immer mal wieder Frauen durch die freundlichen Kommissare mit Vergewaltigungsdrohungen zum Reden gebracht würden.
Nicht einmal dieser eindeutige Punkt ist also eindeutig.

Männlichkeit und Kinderlosigkeit „If I choose not to have children, my masculinity will not be called into question.“ – Wenn ein Mann sich entscheidet, keine Kinder zu haben, könnte das auch daran liegen, dass seine rechtliche Position als Vater einfach zu prekär ist.

Frauen kümmern sich um Kinder „If I have children with my girlfriend or wife, I can expect her to do most of the basic childcare such as changing diapers and feeding.“ – Nein, das stimmt nicht. Das Windelwechseln ist Männersache (hat uns die Hebamme schon beigebracht), und das “feeding” ist nur insoweit Frauensache, als “breastfeeding” gemeint ist. Auch auf die Gefahr hin, dass mir das als Biologismus ausgelegt wird – dass meine damalige Partnerin unser Kind gestillt hat und nicht ich, hatte nichts mit gesellschaftlichen Geschlechterkonstruktionen und dem „Male Privilege“ zu tun.
Im Übrigen wäre ich froh, wenn ich mich mehr um unser Kind kümmern könnte, und dürfte.

Frauen geben ihre Karriere auf „If I have children with my wife or girlfriend, and it turns out that one of us needs to make career sacrifices to raise the kids, chances are we’ll both assume the career sacrificed should be hers.“ – Naja…ich musste nach ein paar Monaten Elternzeit in den Beruf zurück, weil wir das von mir erwirtschaftete Geld brauchten – mit dem Geld, das meine ehemalige Partnerin verdiente, wären wir nicht über die Runden gekommen.
Aber gewiss ist das ihr Opfer…zum Beispiel, weil die aufdringliche finanzielle Versorgung durch den Mann der Frau den Anreiz nimmt, sich selbst um einen finanziell einträglicheren Job zu bemühen.

Ich suche übrigens noch die Checklist-Punkte zum Sorgerecht. Was aber nur daran liegt, dass mein Privilegienhirn immer noch nicht begriffen hat, dass die nichts mit Privilegien zu tun haben.

Väter werden überbewertetIf I have children and provide primary care for them, I’ll be praised for extraordinary parenting if I’m even marginally competent.“ – Oder ich werde einfach für einen parasitären Deppen gehalten, der von der Arbeit seiner Frau lebt.

Männer auf allen Machtpositionen „My elected representatives are mostly people of my own sex. The more prestigious and powerful the elected position, the more this is true.“ – Das täte Angela Merkel nun bestimmt Unrecht. Die Quoten, insbesondere bei SPD und Grünen, sorgen dafür, dass eine Frau statistisch eine deutlich größere Chance als ein Mann hat, auf eine prestigeprächtige Position zu kommen.

Keine Männerklischees im Jungenspielzeug „As a child, I could choose from an almost infinite variety of children’s media featuring positive, active, non-stereotyped heroes of my own sex.“ – Wunderbar. Wer das behauptet, hat allerdings seit ca. vierzig Jahren kein Spielzeuggeschäft mehr von innen gesehen. Oder seit hundert Jahren. Oder überhaupt noch nie.

Sexualisierte Frauenkleidung „I do not have to worry about the message my wardrobe sends about my sexual availability.“ – Eben. Von Männern nehmen viele Frauen schließlich ohnehin an, dass sie ständig auf der Suche nach Sex – und also selber sexuell verfügbar – sind, da kommt es auf Signale durch die Kleidung gar nicht mehr an.

Überteuerte Frauenkleidung „My clothing is typically less expensive and better-constructed than women’s clothing for the same social status. While I have fewer options, my clothes will probably fit better than a woman’s without tailoring.“ – Dieser Punkt ist für mich natürlich hochrelevant, weil ja alle Welt weiß, wie gut, elegant und aus dem Ei gepellt Lehrer in der Regel gekleidet sind. “Fewer options” ist übrigens eine nette Umschreibung dafür, dass Männer die Wahl zwischen “grau”, “taubengrau” und „dunkelblau“ haben.
In den Kaufhäusern und Innenstädten sind nach seriösen Schätzungen (von mir) die Verkaufsflächen für Frauenkleidung etwa drei Mal so groß wie die für Männerkleidung. Das ist, wenn die Geschäftsleute ihren Job auch nur halbwegs verstehen, ein deutliches Signal dafür, dass Frauen wesentlich mehr Zeit, Engagement und Geld für die Zusammenstellung ihrer Garderobe verwenden als Männer. Was natürlich auch höhere Preise ermöglicht.
Und worin lag jetzt nochmal genau das „männliche Privileg“? Darin, dass die Herrenabteilungen kleiner sind und man es daher mit den Klamotten unterm Arm nicht so weit zur Kasse hat?

Einen hässlichen Mann entstellt nichts „If I’m not conventionally attractive, the disadvantages are relatively small and easy to ignore.“ – Vorausgesetzt natürlich, ich habe einen guten Job, ein sicheres Einkommen und einen entsprechenden sozialen Status. Und ich bin nicht alt, sonst werde ich als „grapschender Tattergreis“ beschrieben, wenn ich eine Frau auch nur anspreche, oder gar mit Brüderle verglichen.

Schutz der Männer vor Gewalt „I can ask for legal protection from violence that happens mostly to men without being seen as a selfish special interest, since that kind of violence is called “crime” and is a general social concern. (Violence that happens mostly to women is usually called “domestic violence” or “acquaintance rape,” and is seen as a special interest issue.)“ – Hier musste ich ca. drei Mal lesen, bevor ich verstanden habe, was eigentlich gemeint ist. Die Aussage bezieht sich darauf, dass die meisten Gewaltopfer im öffentlichen Raum männlich sind (siehe oben) und dass häusliche Gewalt, auch wenn Männer zu gleichen Teilen Opfer sind, vorrangig als Gewalt gegen Frauen wahrgenommen wird (siehe unten). Was DAS nun mit „männlichem Privileg“ zu tun haben soll, hat sich mir noch nicht vollständig erschlossen.

Häusliche Gewalt ist Gewalt gegen FrauenIf I am heterosexual, it’s incredibly unlikely that I’ll ever be beaten up by a spouse or lover.“ Dass Männer von häuslicher Gewalt in heterosexuellen Partnerschaften (ein kleiner Seitenhieb gegen Schwule, den sich der Autor sicher gern gegönnt hat) nicht betroffen seien, ist toll für Männer, hat allerdings den klitzekleinen, kaum erwähnenswerten Nachteil, dass es nicht stimmt.

Männer dürfen ausreden „On average, I am not interrupted by women as often as women are interrupted by men.“ – Vorausgesetzt natürlich, ich komme überhaupt erstmal zu Wort und bin unerschrocken, hartleibig oder dickfällig genung, andere mit meiner “Manpain”, meinem “Mansplaining”, meinen Menz-Banalitäten skrupellos zu konfrontieren.

Männer kennen ihre Privilegien nicht „I have the privilege of being unaware of my male privilege.“ – Das ist nun wirklich trickreich. Wenn ein Mann seine Privilegien kennt, sind sie damit bestätigt. Wenn er sie nicht kennt, bestätigt das hingegen seine Privilegien. In jedem Fall braucht ein Mann gar nicht mitzureden, weil eh klar ist, was dabei rauskommt.

Selbst wenn die Kriterien also noch so sehr verzerrt sind, um auf jeden Fall lediglich ein „male privilege“ (und ganz bestimmt kein „female privilege“) anzeigen zu können – wenn sorgfältig alle Bereiche ausgeblendet werden, in denen Männer Nachteile erfahren, die Kindessorge, die Gesundheitsfürsorge, gesundheitsgefährliche Berufe, Bildung, … – gibt man bzw. frau erst einmal Kriterien zur Überprüfung eigener Behauptungen an,  können sie sofort von hinterhältigen Zeitgenossen dazu missbraucht werden, diese Kriterien auch tatsächlich anzulegen.  Und möglicherweise festzustellen, dass die Rede vom „Male Privilege“ nicht haltbar ist. Deshalb ist es sehr weise, dass gemeinhin auf Kriterien verzichtet wird – wen interessiert schon so genau, wie Privilegienpenisse en detail aussehen.

Irritierend ist jedoch zumindest die Selbstverständlichkeit, mit der männliche Privilegien und weiße Privilegien parallel geschaltet werden (wie McIntosh das stilbildend schon 1988 tut). Natürlich könnten Männer das Spiel umdrehen – etwa darauf verweisen, dass die Praxis des willkürlichen Kindesentzugs eine Praxis der amerikanischen Sklavenhaltergesellschaft war, aber auch, beispielsweise, eine bis in die siebziger Jahre des vorangegangenen Jahrhunderts etablierte rassistische Praxis in Australien. Ein solcher „Ich-bin-schwarzer-als-du“-Wettbewerb macht aber schon deutlich: Wenn weiße Mittel- und Oberschichtsfrauen sich selbst in der Situation schwarzer (männlicher und weiblicher) Amerikaner spiegeln, um ihre eigene Situation als benachteilt darzustellen – dann zementiert das nicht nur eine programmatische Blindheit gegenüber den spezifischen Nachteilen für Jungen und Männer, sondern es beutet die Situation Schwarzer auch rhetorisch aus.

Insofern ist die Rede vom „Male Privilege“ nicht nur unehrlich, indem sie andere mit dem Verweis auf ihre vorgebliche „Privilegiertheit“ aus dem Gespräch ausschließt, sondern auch unterschwellig rassistisch.
  1. So etwas sollte häufiger zu lesen sein – auch in einschlägigen Print-Medien. Verfängt sich dann aber wohl mit hoher Wahrscheinlichkeit in der Zensur.

    Menschen oder auch Gesellschaft der Moderne als Pokerspieler. Der geschickte Bluff als allumfassende verinnerlichte und überlegene Lebensstrategie (solange das niemand wirklich merkt bzw. sich eingesteht, dass da etwas dran sein könnte) – mit dem Feminismus als eine der heutzutage nützlichsten Ausbeutungsideologien bzw. -Strategien. Vielleicht verstehen Frauen das am ehesten und passen sich entsprechend an. Dazu gehören vielleicht auch dann die sog. männlichen Feministen.

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  2. Pokerspieler – das passt. Zumindest manche, nämlich sehr negative feministische Zuschreibungen lassen Männern eigentlich nur zwei Möglichkeiten (wenn sie nicht sofort das Gespräch beenden oder in offenen Konflikt treten wollen): Entweder zuzustimmen, sich selbst aber offen oder unterschwellig als guten Mann und Ausnahme zu präsentieren (eine Variante, die sich eigentlich von selbst ausschließen sollte) – oder aber kulissenhaft Zustimmung zu signalisieren und sich insgeheim zu denken: „Lass sie doch reden.“

    Beides keine angenehmen Möglichkeiten.

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