Schmerzensmänner, ungebunden

Entsorgte Väter erschienen oft als Schmerzensgestalten unter den Menschen, die sich für eine Gleichberechtigung der Geschlechter aus männlicher Perspektive einsetzen. Noch immer in Erinnerung ist das Bild des Vaters als Opfer einer mütterorientierten Rechtslage, das der Schauspieler Mathieu Carrière im Jahr 2006 spektakulär inszeniertierte: Carrière, der um den Umgang mit seinen Töchtern kämpfen musste, ließ sich  öffentlich als Jesus an ein Kreuz binden . Die eigentliche Absicht, auf die Verlassenheit der Trennungskinder als Jesus am Kreuz aufmerksam zu machen, ging angesichts der pathetischen väterlichen Leidensgeste fast unter.
Ein Problem solcher Darstellungen ist, dass kaum jemand sich gern mit Opfern identifiziert, jedenfalls nicht mit männlichen. Passiv, hilflos, leidend, klagend – das ist eine Haltung, die eher Mitleid, Ärger oder auch Spott provoziert als eine ernsthafte Auseinandersetzung.
Dabei ist gerade die Situation entsorgter Väter und ihrer Kinder für eine solche Auseinandersetzung sehr gut geeignet. Der Kindes- und Vaterentzug ist, wenn man direkt betroffen ist, tatsächlich ein absorbierendes Problem. Wenn man aber von dem damit verbundenen Leid für eine Weile absehen kann und sich darauf konzentriert, wie die Situation funktioniert, dann die Lage entsorgter Väter und ihrer Kinder ganz einfach sehr interessant. Perversitäten des Verhältnisses von Frauen und Männern sowie von Erwachsenen und Kindern werden hier einprägsam deutlich, und es lässt sich auch gut zeigen, wie durch ein Zusammenspiel institutioneller Schwächen und ideologischer Verhärtungen offenkundige Diskriminierungen hergestellt und geduldet werden.

Ganz besonders gilt das für den absurden Umstand, dass ausgerechnet die große Bedeutung eines kontinuierlichen Kontakts und einer stabilen Bindung zwischen Kindern und Eltern gerichtlich und jugendamtlich häufig als Begründung angeführt wird, Kinder und ihre Väter auf Dauer voneinander zu trennen. Der zweite Teil der kleinen Reihe „Prima Gründe, Väter loszuwerden. No. 2: Kontinuität und Bindung“.


Bindung als Argument gegen Bindung Das ausgerechnet die Bedeutung der Eltern-Kind-Bindung als Grund für die Behinderung eines Eltern-Kind-Verhältnisses angeführt wird, müsste eigentlich – so würde ein unbefangener Beobachter, falls es den gäbe,  wohl überlegen – allen Beteiligten als widersinnig auffallen. Es ist aber durchaus gängige Praxis. Ich selbst hatte in den ersten Monaten durch die Elternzeit einen sehr engen Kontakt zu unserem Kind, aber nachdem sich seine Mutter sich von mir getrennt hatte, machte sie bald auch einen regelmäßigen Umgang sehr schwer. Als ich vor Gericht ging, um bessere Umgangsmöglichkeiten zu erstreiten, argumentierten sie und ihre Anwältin dann damit, dass aufgrund des geringen Kontakts zwischen Vater und Kind keine Bindung bestehe und eine Ausweitung des Umgangs daher dem Kindeswohl schaden würde.

Unser Kind und ich hatten das Glück, dass diese durchaus routinierte Argumentation weder beim Richter noch bei der zuständigen Mitarbeiterin des Jugendamts verfing – ich weiß aber, dass viele Väter und Kinder dieses Glück nicht haben. Die Väter versuchen einen besseren Kontakt zu ihren Kindern zu bekommen – und die Möglichkeit dazu wird ihnen mit dem Argument vewehrt, dass ihr Kontakt mit den Kindern nicht gut genug sei.
„Bindung“ wird dabei durchaus unterschiedlich interpretiert – mal als „Bonding“, wie das Hebammen gern für die Zeit direkt nach der Geburt, günstigstenfalls natürlich schon vorgeburtlich empfehlen – mal im Sinne von Bowlby und Ainsworth, nach denen typisches Bindungsverhalten erst später einsetze (was so übrigens nicht stimmt, aber gern als Argument verwendet wird: Die eine Definition kann gegen Väter ausgespielt werden, die sich nicht gleich nach der Geburt um ihre Kinder gekümmert haben, die andere gegen Väter, die später weniger Kontakt zu ihren Kindern hatten).
Der grundlegende Fehler ist aber wohl, dass eine sichere Bindung im Verhältnis des Kindes zu beiden Eltern nicht etwa als Ziel einer gerichtlichen, jugendamtlichen, vor allem aber elterlichen Auseinandersetzung betrachtet wird, sondern dass die Bedeutung von Kontinuität und Bindung als Kriterium verwendet wird, um zu entscheiden, bei welchem der Elternteile das Kind bleibt und welches Elternteil aus dem Spiel genommen werden kann. Den Eltern wird dadurch eine Bindungskonkurrenz nahe gelegt, bei der es für beide vorteilhaft ist, die Bindung des anderen Elternteils zum Kind zu stören – anstatt dass sie sich bemühen würden, „die Bindungen des Kindes an beide Elternteile aufrechtzuerhalten“ (so Wera Fischer schon 1997 über das Kindeswohl in Trennungssituationen).
Eben diese Orientierung an der Bindung von Kindern zu beiden Eltern wird  vom Alleinerziehendenverband, der natürlich mit erheblichen organistationstypischen Eigeninteressen betroffen ist, bekämpft und als  als „ideologisches Leitbild“ diffamiert – selbstverständlich ohne Sinn für den erheblichen ideologischen Überbau der eigenen Orientierung an der mütterlichen Alleinsorge und an der Konkurrenz der Eltern um das Recht am Kind. Hier wurzelt wohl auch die Kritik des Verbands daran, dass die Widerspruchsfrist für Mütter gegen ein gemeinsame Sorgerecht im neuen Gesetz zu kurz angesetzt sei (und die Kritik des Väteraufbruchs, dass es eine solche First überhaupt gebe) – wenn die Mutter in den ersten Wochen und Monaten der Alleinsorge den Kontakt zwischen Vater und Kind behindert, wird der Vater es vor Gericht womöglich schwerer haben, deutlich zu machen, dass die gemeinsame Sorge dem Kindeswohl nicht widerspreche.
Dabei ist es durchaus ein Problem, dass Richter und Richterinnen aufgrund ihrer professionellen Ausbildung ja ebenso gut oder schlecht begründete Urteile zum Kindeswohl treffen können, wie Architekten, Journalistinnen, Müllwerker oder Putzfrauen das könnten. Sie machen sich also häufig abhängig von den professionell Zuständigen des Jugendamts. Die Jugendämter sind dabei gar nicht in allen Fällen männer- oder väterfeindlich – wie alle Ämter aber treffen sie ihre Entscheidungen häufig so, dass die Entscheidung möglichst wenig weitere Arbeit nach sich ziehe. Nach einem solchen Ökonomisierungskalkül (das mit der Arbeitsbelastung und Arbeitslust der Ämter viel, mit dem Kindeswohl gar nichts zu tun hat) erscheint es dann eben oft günstiger, klare Verhältnisse zu schaffen und ein Elternteil bei Seite zu schieben, als eine längerfristige, stabile Kooperation zwischen den Eltern zu ermöglichen.
Josef, nicht Jesus Vor diesem Hintergrund wäre es nachvollziehbarer gewesen, wenn Carrière sich für seine Demonstration eine andere biblische Figur ausgesucht hätte. Jesus ist als Symbol für vaterlose Kinder wenig plausibel – aber in seinem Vater Josef wird die Situation überraschend deutlich. Er könnte sowohl für einen Kuckuchsvater stehen (dem seine Verlobte auch noch erzählt, das erwartete Kind hätten sie dem „heiligen Geist“ zu verdanken) wie für einen entsorgten Vater, der sich um sein Kind kümmert, für es arbeitet, um dann schließlich völlig bedeutungslos zu sein, weil es ganz im Mutter-Kind-Verhältnis aufgeht. So wie zudem Maria einen Über-Vater, nämlich Gott, für ihr Kind zur Verfügung hatte, kann auch die alleinerziehende deutsche Mutter einen Über-Vater gegen den realen Vater ausspielen – nämlich die Unterstützung durch staatliche Institutionen, durch Gerichte und Ämter.
Josef wäre natürlich wesentlich unspektakulärer darzustellen als der gekreuzigte Christus, ein weitgehend normaler Mann, der im Straßenbild vermutlich gar nicht weiter auffallen würde. Als Sinnbild für den entsorgten Vater wäre er aber wohl gerade deshalb besser geeignet als der Schmerzensmann Jesus.
  1. Ein äußerst aufschlussreicher Artikel, vor allem auch in den Quellen und Links. DANKE!

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  2. Ich habe mich sterilisieren lassen.Keine Verkehrunfälle,kein Alimente,keine Schwangerschaftserpressung ,dafür Libido,GV super.

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