Schule, Tetris und der rasende Stillstand

Als es noch kein Zentralabitur gab und die Lehrer ihre Abiturarbeiten selber entwerfen und zur Absegnung an die Schulbehörde schicken mussten, von wo sie dann – wenn alles gut ging – pünktlich zum Abitur wieder zurück kamen, natürlich mit einem entsprechenden Vermerk, welcher der verschiedenen erarbeiteten Vorschläge gewählt worden sei – zu dieser Zeit also, die noch gar nicht lange her ist, trug sich folgende Geschichte zu. Ein Lehrer hatte seine Arbeit auf den langen Dienstweg verabschiedet – erst zum Fachprüfungsleiterleiter, dann zur Schulleitung, von dort auf ihrem Weg durch die verschiendenen Stationen der Verwaltung –,  erhielt sie aber vor der Zeit, auf demselben Dienstweg, nur eben rückwärts, wieder zurück. Er hatte ein Komma vergessen, und selbstverständlich konnte der zuständige Dezernent dieses Komma nicht einfügen, sondern schrieb eine entsprechende Bemerkung mit der Aufforderung an den Kollegen, das fehlende Komma ordnungsgemäß einzufügen – was dieser tat, um dann die Arbeit auf dem entsprechenden Dienstweg wieder nach oben zu senden.

Dies jedenfalls berichtete mir heute ein Kollege. Die Anekdote ist geeignet, um eine Frage zu einem ganz anderen Problem zu beantworten, die ein Schüler ebenfalls heute im Unterricht gestellt hat – warum sich eigentlich an der Schule so wenig verändere, obwohl es schon lange, seit weit über hundert Jahren, pädagogische Konzepte gäbe, die auf Veränderungen drängen.

Rasender Stillstand Aus der Perspektive von Lehrkräften sieht die Situation allerdings ein wenig anders aus. Schon wiederholt habe ich von Kollegen den Satz gehört, die beste Reform wäre es, wenn die Schule einfach einmal für eine Weile von Reformen verschont bleiben würde. Die Abiturvoraussetzungen beispielweise werden so regelmäßig verändert, das ich es als Lehrer schon erlebt habe, mit einem Jahrgang zum ersten Mal nach einer neuen Prüfungsordnung ins Abitur zu gehen – und zugleich zum letzten Mal, weil sich für das nächste Jahr die Prüfungsvoraussetzungen schon wieder geändert hatte. Unsere Sek-II- (also Oberstufen-) Leitung hat uns Lehrer gebeten, Schüler im Hinblick auf ihre Abiturbedingungen nicht mehr zu beraten – weil angesichts der beständigen Änderungen die Wahrscheinlichkeit zu groß sei, dass wir den Überblick verloren hätten und den Schülern dann falsche Ratschläge gäben.
Tatsächlich lässt sich die Einschätzung des Schülers, an den Schulen verändere sich nichts, und der Eindruck der Lehrer, den permanenten Veränderungen gar nicht mehr hinterher zu kommen, gut miteinander verbinden. Denn die Reformen, von denen nur für eine Weile verschont zu werden der Traum vieler Lehrer ist, entstehen ja nicht aus der täglichen Erfahrung mit dem Unterricht, mit den Schülern, mit ihren Erfolgen und Misserfolgen und den Erfolgen und Misserfolgen der Lehrkräfte – sondern kommen, mit immer wieder unerwarteten Wendungen, aus einem behördlichen Apparat. Für Lehrer ist der Umgang damit wie ein Tetris-Spiel – beständig fallen neue Formen, mit denen man mal mehr und mal weniger gerechnet hat, von oben herab, und man muss sie möglichst schnell drehen, wenden und verschieben, um sie unten irgendwo einbauen zu können – während oben schon wieder die nächsten Formen herabfallen.
Die beständigen Schulreformen sind also eben keine demokratischen Reformen, wie sie beispielweise der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey schon vor Jahrzehnten beschrieben hat – sie entstehen nicht aus der Auseinandersetzung mit alltäglicher Erfahrung, auch nicht aus der Distanzierung von ihr, dem Vergleich verschiedener Erfahrungen, der Orientierung an gemeinsamen Zielen, dem Entwerfen von Hypothesen für sinnvolle Wege, diese Ziele auch zu erreichen, des Handelns auf dieser Basis, der Überprüfung von Hypothesen, einer möglichen Neu-Einschätzung – sie sind, kurz gefasst, eben kein Bestandteil einer Entwicklung, in der etablierte Handlungsweisen aufgegriffen und verändert werden. Statt dessen verstärken sie eine Spaltung zwischen einer Praxis, in deren Rahmen wesentliche Entscheidungen nicht getroffen werden könne, und einer Entscheidungsebene, die kaum einen sinnvollen Zugang zur Praxis hat. Die beiden berühmtesten – und berüchtigsten – Reformen der letzten Jahre illustrieren dies.
Die milliardenteure Rechtschreibreform setzte die Kultusministerkonferenz durch, ohne sich auch nur kurz von der Tatsache irritieren zu lassen, dass sie die Art und Weise, wie Menschen in deutschsprachigen Ländern schreiben, bestenfalls mittelbar etwas angeht und dass sie schon gar nicht in der Position war, hier allen Ernstes Vorschriften entwickeln zu können. Sie verpflichtete die Schulen schlicht auf eine neue Rechtschreibung und nahm die Schüler damit gleichsam als Geiseln. Anstatt dass an den Schulen die Rechtschreibung unterrichtet wurde, die außerhalb der Schulen gängige Praxis war, wurde nun eine Kunstrechtschreibung gelehrt – und damit wurden die Sprachbenutzer außerhalb der Schulen unter Druck gesetzt, dass sie doch die Schüler völlig verwirren, ja ihnen schaden würden, wenn sie sich nicht auch an diese neue Schreibung anpassen würden.
Es passt dazu, dass die unter enormen medialen Einsatz installierte Rechtschreibreform mittlerweile in mehreren Schritten und fast klammheimlich wieder zurück genommen wurde – von ihr ist kaum mehr geblieben als der Umstand, dass wir jetzt statt „daß“ eben „dass“ schreiben, dass die Kommaregeln wesentlich komplizierter sind als früher und dass der Duden Konkurrenz bekommen hat. 
Ganz ähnlich die G8-Reform, die Verkürzung der Zeit bis zum Abitur um ein Jahr. Auch diese Entscheidung war keine Folge der Auseinandersetzung mit den Erfahrungen an den Schulen, sondern Ergebnis politischer Kalküle (die Hoffnung, dass die Eltern einer Verkürzung der Schulzeit ihrer Kinder applaudieren würden, verband sich mit dem Ziel, die Schüler schneller auf den Arbeitsmarkt zu bringen).

Schule als Tetris-Spiel So lässt sich dann auch der Eindruck erklären, dass sich an den Schulen trotz beständiger Reformen eigentlich nichts ändere. Der Begriff „trotz“ ist dabei falsch – gerade weil permanent, unter Ausnutzung der hierarchischen Strukturen im Bildungssystem, auf eine von der Schulpraxis abgekoppelte Weise in eben diese Praxis eingegriffen wird, ändert sich nichts. Die Routinen an den Schulen werden, soweit es geht (und ebenfalls schon routiniert) verteidigt, im Wissen, dass die jeweils gegenwärtige Reform vermutlich ohnehin nicht lange Bestand haben wird. Die Neuerungen hingegen haben vor allem eines gemeinsam: dass sie die hergebrachten Hierarchien bestätigen, in denen die Schulverwaltung nicht etwa dafür da ist, die Arbeit an den Schulen zu ermöglichen und zu erleichtern, sondern in denen umgekehrt eigentlich die Schulen dafür da sind, die Verwaltung möglich zu machen.

So lässt es sich dann auch leicht erklären, warum an den Schulen permanent etwas Neues geschieht und gerade deshalb alles beim Alten bleibt. Auch im Tetris-Spiel verarbeitet man  – wenn man geübt ist – eine neue Form nach der anderen, aber spielt dabei die ganze Zeit dasselbe Spiel.

  1. Das Essay sollte an die neue Kultusministerin von Niedersachsen gehen. “ Neue Besen kehren gut“sagt der Volksmund. Vielleicht besteht ja am Anfang der rot/grünen Regierungszeit die Möglichkeit, Wesentliches an dem verkrusteten Schulsystem und der weitgehend überflüssigen Schulverwaltung zu verändern. Da könnten manche hochdotierte Stellen eingespart werden. Das Geld sollte den Schulen zur Verfügung gestellt werden, z.B. für neue Lehrerstellen und Arbeitszeitverkürzung für Lehrer.
    Rübezahl

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  2. Danke – aber das finde ich sehr optimistisch… die Erfahrung mit sozialdemokratischer (oder auch rot-grüner) Bildungspolitik ist ja eher, dass sie nur dann offen für neue Ideen ist, wenn sie gerade in der Opposition steckt und Themen braucht, um die CDU vorzuführen.

    Was ich gut fände: Einerseits die etablierten Schützengrabenthemen bei Seite zu lassen – insbesondere die Systemdebatte Geamtschule vs. dreigliedriges Schulsystem, die eigentlich nur deshalb von beiden Seiten mit so großer Begeisterung geführt wird, weil sie weder Geld noch Grips kostet (schließlich sind die Argumente aller Seiten seit Jahrzehnten bekannt). Und statt dessen den Schulen mehr Möglichkeiten der selbstständigen Entwicklung zu geben.

    Ich glaube allerdings, dass eine rot-grüne Regierung dazu kaum bereit sein wird.

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