Gewalt

Gewalt ist männlich, weil Gewalt männlich ist

Bild zeigt zwei Typen die kämpfen.
geschrieben von: Lucas Schoppe

Neulich fiel mir einmal das Buch Gewalt und Männlichkeit aus dem Jahre 2007 in die Hände. Neugierig las ich darin den Text „Gewalt ist Männersache“, den der Salzburger Professor für Erziehungswissenschaften Edgar J. Forster geschrieben hat, und war hinterher verwirrt. Selber Schuld, warum lese ich auch solche Sachen – werden nun vermutlich meine Leser und Leserinnen sagen, und sie haben ja recht. Trotzdem finde ich, dass die Lektüre sich gelohnt hat – eine so schlagende (Entschuldigung für das Wortspiel, es ließ sich kaum vermeiden) Argumentation dafür, warum Gewalt nicht anders als männlich sein kann, habe ich kaum jemals gelesen.

Forster zieht sie nostalgisch an einem alten preisgekrönten Mercedes-Werbespot aus den Neunzigern auf – ein Mann verspätet sich, entschuldigt sich bei seiner Frau, dass er eine Panne mit dem Auto gehabt habe, und sie gibt ihm eine Ohrfeige – wie wir alle wohl wissend, dass ein Mercedes natürlich niemals eine Panne haben kann. Für diejenigen, die in alten Fernseherinnerungen schwelgen möchten – hier ist er noch einmal:

 

 

Forster nun kommentiert: „Die Werbeagentur dieses preisgekrönten Werbespots hat betont, daß der Spot in umgekehrter Rollenbesetzung (Mann ohrfeigt Frau) nicht gezeigt werden könnte, da Werbeeinschaltungen mit gewalttätigem Inhalt nicht gezeigt werden dürfen.“ Nun dachte ich als unbefangener Leser natürlich, der Salzburger Professor für Erziehungswissenschaften, der sich insbesondere in der Jungenpädagogik engagiert, würde diese lustige Argumentation auseinandernehmen – er aber schlägt sich auf die Seite der Agentur und schreibt: „Der Werbespot zeigt, das ist die Schlußfolgerung, ein deutliches Gendering von Gewaltakten: Ein und dieselbe Praxis ist ein Gewaltakt, wenn sie von einem Mann ausgeführt und kein Gewaltakt, wenn sie von einer Frau verübt wird.“ Die einen nennen es Sexismus, die anderen nennen es Gendering – interessant ist, mit welcher Offenheit Forster seine doppelten Standards als Instrumente wissenschaftlicher Analyse verkauft. „Während männliche Gewaltakte gegenüber Frauen in der Regel weibliche Unterwerfungsverhältnisse repräsentieren und reproduzieren, positioniert sich die Frau mit diesem ‚Gewaltakt’, der als solcher nicht wahrgenommen wird und deswegen auch keiner ist, gegenüber dem Mann als Handlungsunfähige, als Verratene und Betrogene.“ Hää?? – mag nun manch unbefangener Leser sagen wollen, und ebenso manche Leserin. Wer sich jedoch hier verwirren lässt (so wie ich, übrigens), hat die schlichte Schönheit dieser Aussage noch nicht vollständig verinnerlicht: Wenn der Mann die Frau schlägt, ist er gewalttätig. Wenn die Frau den Mann schlägt, ist er auch gewalttätig. Und da er also in jedem Fall gewalttätig ist, ist es auch gerechtfertigt, ihn zu schlagen, was daher nicht gewalttätig ist.

Alles klar?

Dass die Gewalt gegen den Mann keine Gewalt sei, weil sie nicht als solche wahrgenommen werde, dementiert dabei in einem Nebensatz die Aufklärungsbemühungen vieler sozialer Bewegungen (auch, z.B., des Feminismus), die deutlich zu machen versuchten, dass als ganz normal wahrgenommene Zustände tatsächlich in hohem Maße gewalttätig sein könnten. Es ist ja eine durchaus etablierte Methode der Aufdeckung von Ungleichheiten, Rollen – seien es Geschlechterrollen oder andere – umzubesetzen, ad absurdum zu führen und so zu zeigen, dass das anscheinend Selbstverständliche gar nicht selbstverständlich ist. Dieser Methode setzt Forster ein fröhliches „Es ist so, weil es für mich so aussieht“ entgegen.

„Gewalt definiert sich nicht durch bestimmte Praktiken, sondern durch die Art und Weise, in der diese Praktiken für die (Geschlechts-)Identität wirksam werden.“ Wenn mir also ein Mann eine Ohrfeige gibt, weil er sich dadurch in seiner Männlichkeit konstituiert, ist das schlimm – wenn mir eine Frau eine Eisenstange über den Kopf zieht, weil sie sich damit als Handlungsunfähige positioniert, tut das fast gar nicht weh. „Umgekehrt dienen Gewaltpraktiken zur Resouveränisierung von Männlichkeit.“ (Wieso eigentlich nochmal „umgekehrt“? Ach, egal.) „Gewalt und Männlichkeit gehen hier eine Artikulation ein und produzieren wechselseitige Bedeutung.“ Gut, dass Forster die Formulierung „gehen hier eine Artikulation ein“ gefunden hat – hätte er geschrieben, dass „Gewalt und Männlichkeit sich hier unterhalten“, dann hätte der Satz sich nach einem schönen Blödsinn angehört.

Also: Gewalt definiert Männlichkeit, Männlichkeit definiert Gewalt. Was nicht männlich ist, ist auch nicht gewalttätig, und umgekehrt. Es mag auf manche ein wenig eigenwillig wirken, diese Zusammenhänge ausgerechnet an einer Geschichte zu verdeutlichen, in der eine Frau einen Mann schlägt – aber die haben die Pointe noch nicht verstanden. „In diesem Werbespot ist nicht die weibliche Ohrfeige, sondern der männliche Blick als Geste einer Kommunikationsverweigerung ein Gewaltakt.“ Aber wie üblich kann der Mann mit der weiblichen Kommunikationsbereitschaft nichts anfangen und intepretiert sie womöglich gar als Übergriff auf seine mühsam verweigernd konstituierte Souveränität.

Oder so.

Der Text ist kaum mehr als fünf Jahre alt. Trotzdem habe ich den Eindruck, dass er schon als Beispiel dafür dienen kann, wie Verhältnisse in der öffentlichen Rede über Geschlechter sich verändern. Die von Forster herbeigeschleppte Phrasenmühle (Gendering, Unterwerfungsverhältnisse, Resouveränisierung, Artikulation, …) wirkt mittlerweile wohl selbst in akademischen Kontexten, vielleicht irgendwann sogar in den Erziehungswissenschaften nicht mehr einschüchternd, sondern albern und hohl. Und die selbstverständliche Verbindung von Männlichkeit und Gewalt, die tautologisch dadurch begründet wird, dass beides durch das jeweils andere definiert sei, lässt sich außerhalb enger Filterbubbles kaum noch aufrechterhalten.

Irgendwann wird man über Texte wie den von Forster lachen können.

RSS
Follow by Email
Google+
https://man-tau.com/2013/02/22/gewalt-ist-mannlich-weil-gewalt-mannlich-ist/
PINTEREST
LINKEDIN
Whatsapp
Hat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann verpassen Sie keine Artikel mehr! Drücken sie auf den folgenden Link/Button und geben Sie Ihre Email-Adresse an, um über neue Artikel informiert zu werden.

20 Comments

  • Schöner Artikel, danke! Anders als mit einem Hauch von Sarkasmus kann man das Thema wirklich nicht behandeln.

    Jetzt verstehe ich übrigens auch, warum es (jedenfalls in der noch herrschenden öffentlichen Meinung) keinerlei Widerspruch darstellt, wenn Jennifer Aniston einerseits einem Mann lustvoll und heftig in die Einer tritt und sich andererseits öffentlich für die Anti-Gewalt-Initiative „Demand a Plan“ engagiert: Beides ist gegen Gewalt. Oder so.

    http://www.youtube.com/watch?v=ByFxn98wkVQ

    http://www.promiflash.de/selena-gomez-jennifer-aniston-und-co-gegen-gewalt-12122343.html

  • „Gewalt ist männlich, weil Gewalt männlich ist „

    Schon der Titel ist sehr intelligent. Da kann ich mir den Rest zu lesen verkneifen. Weiter so!

  • Danke für die Links, die kannte ich nicht. Jennifer Anistons Spot wäre eigentlich ganz lustig, und der unmotivierte Tritt macht das eher kaputt. Die Situation kann man schlecht umdrehen, aber bei einem völlig unmotivierten Gewaltakt eines Mannes gegen eine Frau würde man wohl kaum auf einen Lacher schielen. Für das Anti-Gewalt-Video erst recht peinlich.

  • Forster ist übrigens mittlerweile nicht mehr in Salzburg (wie zu dem Zeitpunkt, als er den Text geschreiben hat), sondern in Fribourg (Schweiz). Nur der Vollständigkeit halber.

  • Dat ist doch ein alter Hut…
    Gewalt kann nur von mächtigen ausgeführt werden, bei den ohnmächtigen ist das dann ein Zeichen von Unterdrückung…

    Genau so wie einige Tiefflieger glauben, das Rassimus gegen Inländer halb so wild ist, da diese ja in Deutschland an den Machstrukturen hängen. Gehe ich also mit einer ausländischen Freundin durch Hamburg und werde von Ausländern angemacht, ist das halb so wild, weil ich ja an den Machtstrukturen beteiligt bin. Die Frau ist natürlich doppelt betroffen, als Frau und Ausländerin und ein evtl. gemeinsames Kind ist zumindest zu 50% betroffen, ist es noch ein Mädchen ist es wieder schlimm. Das ganze mal kurz logisch und prägnant zusammengefasst.

  • Der Trick ist natürlich, dass man etwas ausschließlich auf der Ebene der Begriffsdefinition behandelt, die Ergebnisse aber als empirische Sachverhalte verkauft. Gewalt wird über Herrschaft definiert, Herrschaft als männlich (heißt ja schließlich auch HERRschaft) – also sind Frauen nicht gewalttätig. Nicht mal, wenn sie zuschlagen.

  • Auch dies ein bemerkenswert guter Text … wie fast alle anderen hier – soweit ich das finde und es überhaupt beurteilen kann. Sollte mehr in einschlägigen Print-Medien …(siehe meinen anderen Kommentar von heute.)

    Eine der in heutigen westlichen Gesellschaften zu beobachtende menschenverachtende Grundhaltung(?) … ist vielleicht die Verdrängung der – für mich sich tatsächlich aus all dem herauskristallisierende – (Ver)Achtung des Lebens auch von Männern. Eine seltsam anmutende soziale Regressionserscheinung? Männer selber Schuld? Oder haben Frauen auch einmal (Mit)Verantwortung für etwas?

    Am deutlichsten zeigt es sich an der Mißachtung des Lebens von Vater und Kind oder Kind und Vater. Dies lässt eigentlich gar keine Diskussion mehr zu, denn solange hier nicht einmal wirklich total grundsätzlich angesetzt wird, wird es wohl so bleiben. Und Frauen machen hier heutzutage tatsächlich keine gute Figur. Ein für jeden mühelos wahrnehmbares Odeur in dieser Richtung ist ja bereits vorhanden … wohl menschlich in der Selbstgefälligkeit die offenbar eben auch das weibliche Geschlecht in erheblichen (An)maße besitzt.

  • Zwei kleine Einwände:

    „wenn mir eine Frau eine Eisenstange über den Kopf zieht, weil sie sich damit als Handlungsunfähige positioniert, tut das fast gar nicht weh“

    Sind solche Übertreibungen eigentlich nötig?

    Man sollte sich in dem Spot die Handbewegung der Frau genauer ansehen: Sie zieht ihre Hand nicht fest und gerade durch, sondern lässt sie leicht abknicken. Ein typisch weibliche Bewegung. Der Mann sieht offenbar die Hand, wendet sich leicht zur Seite (weicht aber nicht zurück), schließt die Augen, hat den Mund zu einem etwas verlegenen Lächeln verzogen. Das kommt nicht wirklich als „Gewalt“ rüber, es wirkt jedenfalls nicht brutal.

    „In diesem Werbespot ist nicht die weibliche Ohrfeige, sondern der männliche Blick als Geste einer Kommunikationsverweigerung ein Gewaltakt.“

    Nein, es geht darum, dass der Mann die Frau belügt (indem er eine Panne vorgibt, was bei einem Mercedes eben nicht sein kann). So jedenfalls die Logik des Spots.

  • Hab mal 'ne frage zur Kommentarfunktion. Eigentlich wollte ich nicht anonym posten, aber ich habe nicht herausgefunden, wie man mit Name und Mail-Adresse weiterkommt. Kann das mal jemand beschreiben?

    Gravatar-Account funktioniert hier wohl nicht, oder sehe ich das falsch?

  • „Der Werbespot zeigt, das ist die Schlußfolgerung, ein deutliches Gendering von Gewaltakten: Ein und dieselbe Praxis ist ein Gewaltakt, wenn sie von einem Mann ausgeführt und kein Gewaltakt, wenn sie von einer Frau verübt wird.“

    ich würde genau das Gegenteil behaupten: der Autor kritisiert die Blindheit unserer Gesellschaft gegenüber der Gewalt durch Frauen; dass er hier das Wort Gendering benutzt, dürfte dann ein hübscher kleiner Skandal sein, wird das Wort Gender doch gerne als ein normatives Wort angesehen, mit dem sich (manche) Frauen ihre „Gleichberechtigung“ holen wollen: eine absolute Verflachung und Verfälschung des Gender-Konzepts, das analytisch zu denken ist (also zum Beispiel keine Vorschriften macht und sich auch nicht für eine Seite positioniert)

    Mich würde ja der ganze Artikel interessieren: es ist nun mal Praxis in der Wissenschaft, bei einer Interpretation in einer solchen Art und Weise, wie Sie das hier zitieren, zu sprechen (ohne dass man sofort hinschreibt: Achtung: Interpretation, Achtung: Satire), wodurch Missverständnisse auftreten können.

  • ich habe erst jetzt das Zitat aus dem anderen Artikel (von morgen) entdeckt: das ist allerdings tatsächlich eine Katastrophe
    und leider der typische Schwachsinn, der über Männer verbreitet wird

  • Tatsächlich bin ich mit meinem eigenen Gravatar-Account hier auch nicht hereingekommen, ich hab es über wordpress versucht. Offensichtlich ist blogspot nicht direkt mit gravatar verknüpft – das hab ich auch nicht gewusst, als ich vor eineinhalb Monaten hier zu bloggen anfing.

    Man kann aber über Name/Url einfach nur den eigenen Namen bzw. den eigenen Nick benutzen, ohne weitere Url, oder man kann diesen Namen dort noch mit einer Webadresse verbinden, auch mit der eigenen von Gravatar. Dann ist der Name dorthin sofort verlinkt.

    Aber die Avatare werden, soweit ich es bisher sehe, hier im Kommentarbereich nur angezeigt, wenn man sich über google meldet.

  • Ja, eine Ohrfeige ist etwas deutlich anderes als ein Schlag mit einer Eisenstange. Ich hab mich damit aber auch nicht direkt auf den Spot bezogen, sondern auf dieses Zitat: „Gewalt definiert sich nicht durch bestimmte Praktiken, sondern durch die Art und Weise, in der diese Praktiken für die (Geschlechts-)Identität wirksam werden.“ Und das wollte ich so überspitzen, dass es absurd wird – die „bestimmte Praktik“ möglichst krass zu wählen, um zu zeigen, dass wir natürlich Gewalt nicht einfach nur nach dem Wirksamwerden für die Geschlechtsidentität definieren (seltsame Idee), sondern auch nach dem, was jeamd tut.

    Beim anderen Punkt stimme ich zu – man weiß allerdings nicht, warum der Mann sie belügt und ob überhaupt zumindest so etwas ähnliches wie Gewalt (eine Affäre o.ä..) dahintersteckt.

  • Man kann ansonsten den ganzen Text von Forster auch über books.google lesen, ich habe das oben (unter dem Titel „Gewalt als Männersache“) verlinkt. Man landet dann auch gleich bei der hier besprochenen Passage.

  • Eine Ohrfeige ist zwar etwas deutlich anderes als ein Schlag mit einer Eisenstange – es ist aber eine Station auf dem Weg dort hin. Ich habe selber eine – von seiten der Frau! – gewalttätige Ehe hinter mir (Gottseidank schon lange her…), in der ich anfangs auch glaubte, so eine „harmlose“ Ohrfeige ähnlich demütig hinnehmen zu müssen wie der Mann in dem Spot. Später bin ich dann alle paar Wochen mit blutigen Fingernägel-Kratzern im Gesicht herumgelaufen und habe die ganze Gewaltpalette mitgemacht: vom versuchten Tritt in die Eier über Freiheitsberaubung (Autoschlüssel und Papiere versteckt – im Ausland!) bis hin zu tatsächlich ärztlich behandlungsbedürftigen Kopfverletzungen.

    Ich habe 20 Jahre gebraucht, um nach dieser traumatischen Erfahrung wieder einer Frau vertrauen zu können. Seit 6 Jahren bin ich nun erstmals glücklich mit einer Frau verheiratet. Aber wenn Barbara auch nur ein einziges Mal – und auch nur so „lasch“ wie in diesem Spot – die Hand gegen mich erheben würde, wäre auch diese Ehe für mich im Wortsinn schlagartig zu Ende. Sie weiß es und hält sich da konsequent zurück, obwohl eine gewisse, cholerische Veranlagung zu ihren weniger bewundernswerten Eigenschaften zählt…

    Das Entscheidende ist nicht die Stärke eines Schlages, sondern der Übergriff und Tabubruch an sich. Alles weitere ist nach einem solchen Dammbruch nur noch eine Frage der Zeit. Nicht umsonst darf ja ein Mann NIEMALS eine Frau ohrfeigen, auch nicht so „lasch“ wie in dem Spot. Mit Recht übrigens – bloß gilt das selbstverständlich auch umgekehrt.

Leave a Comment