Jungen

Autoritäre Pädagogik mit gutem Gewissen: Die antisexistische Jungenarbeit

Bild zeigt zwei Jungen am Tisch.
geschrieben von: Lucas Schoppe

Als ich gestern über den Text Edgar Forsters und sein eigenwilliges Verhältnis zu Gewalt und Männlichkeit schrieb, stachen mir zwei weitere Aspekte in die Augen – zwei Trigger, sozusagen (auch wenn mich natürlich mal wieder keiner warnte). Einerseits Forsters Engagement in der Jungenpädagogik, das für mich schon beruflich interessant ist. Andererseits seine häufige Zusammenarbeit mit Anita Heiliger auf diesem Gebiet. Heiliger ist nämlich eine der wichtigsten deutschen Theoretikerinnen alleinerziehender Mutterschaft und macht sich sehr für die Ausgrenzung von Vätern stark  – was ich durchaus persönlich nehme (ist ja auch sehr persönlich).

Die besten Voraussetzungen also, um unbefangen und offen Forsters und Heiligers Beiträge zur Jungenpädagogik – nämlich zur „antisexistischen Jungenarbeit“ – anzuschauen.

Jungen als Herrscher und Defizitbündel In ihrem Text „Antisexistische Jungenarbeit als Bestandteil mädchengerechter Arbeit“ (auf Heiligers Homepage als Download erhältlich) aus dem Jahre 2002 spielt Anita Heiliger ein Suchspiel. „Jungenarbeit, die sich in eine mädchengerechte Jugendhilfe einfügt hat die Aufgabe, (…) den Dialog zwischen Jungen und Mädchen zu fördern, in dem Jungen lernen können, Bedürfnisse und Interessen von Mädchen zu erfragen, um diese in ihrem Verhalten berücksichtigen zu können.“  Und weiter: „Im kontrollierten und geschützten Dialog lernen auch die Mädchen, ihre Bedürfnisse den Jungen in einer Weise zu vermitteln, die von den Jungen verstanden wird.“ Also: Mädchen lernen etwas (ihre Bedürfnisse zu artikulieren), Jungen lernen etwas (die Bedürfnisse der Mädchen zu erfragen und zu berücksichtigen) – fehlt noch etwas? Irgend etwas?
Diese eigenwillige Vorstellung eines Dialogs, in dem es jeweils nur um die Bedürfnisse der einen Seite geht, übersieht natürlich nicht die Bedürfnisse der Jungen, auch wenn es für unvorgebildete Beobachter zunächst so scheinen mag. Heiliger geht lediglich guten Gewissens von patriarchalen Männlichkeitskonzepten aus, in denen Jungen ohnehin schon immer ihre Bedürfnisse äußern könnten und Mädchen, selbstverständlich, ohnehin schon immer alle Sensibilität für Jungen mitbrächten.
Ganz ähnlich sieht das Edgar Forster in seinem Text „Jungenarbeit als Männlichkeitskritik“. „Feministische Mädchenarbeit kämpft gegen den Sexismus der Männer, gegen patriarchale Strukturen und den phallozentrischen Rahmen, der Sexismus und Homophobie ermöglicht. Jungenarbeit unterstützt feministische Mädchenarbeit, wenn sie zeigt, wie Jungen und Männer im Verhältnis der Geschlechter, in Sexualität und Partnerschaft, Macht, Vorherrschaft, normstiftende und realitätserzeugende Definitionsmacht sowie Gewalt immer wieder reproduzieren.“ (S. 5) Jungen imaginiert Forster also gemeinsam mit Männern als Täter in der patriarchalen Ordnung, grundsätzlich assoziiert mit Gewalt, mit Sexismus, Homophobie, Macht. Wie kann eine pädagogische Arbeit darauf bauen?

Das erläutert Forster in dem 2009 gehaltenen Vortrag ’Boy Turn’, Geschlechterpolitik und neue Ungleichheitsstrukturen“ für die Friedrich-Ebert-Stiftung. „Schüler sollen gelehrt werden, wie sie zu einer demokratischen Struktur in der Klasse beitragen können. Das schließt ein, dass Belästigung, Sexismus und Homophobie in der Klasse nicht geduldet werden. Wenn Jungen Schwierigkeiten in der Kommunikation haben und dies mit unterschiedlichen Formen von Dominanz einhergeht, dann müssen nicht Schule und Unterricht verändert werden, dass sie den eingeschränkten Kommunikationsstilen von Jungen gerecht werden (wie von Jungen-Lobbies gefordert), sondern Kommunikationsprobleme müssen angesprochen und Kommunikationsfähigkeiten vermittelt werden.“ (S. 7) Forster beginnt also mit Selbstverständlichkeiten – welcher halbwegs vernünftige Mensch träte schon für Belästigung, Sexismus und Homophobie ein – und endet mit einem höhnischen, feindseligen Bild der Jungen. Sie stehen als kommunikationsunfähige Simpel da (ohne dass Forster auch nur auf die Idee kommen würde, zu fragen, ob nicht möglicherweise irgend etwas, oder jemand, sie zum Verstummen bringt – möglicherweise gar er selbst), die aufgrund ihrer eigenen Probleme anderen – den Mädchen – Probleme machen. Nicht die Schulen also sind falsch, sondern die Kinder – Forster stimmt eine alte Weise der autoritären deutschen Schulpädagogik an und interpretiert sie neu, nämlich sexistisch.

Die Kritik, dass Jungen in der „antisexistischen“ Jungenpädagogik nur als Defizitwesen vorkämen, ist natürlich naheliegend, und Heiliger begegnet ihr auch schon. „Selbstverständlich werde in der Praxis antisexistischer Pädagogik empathischer Bezug auf Jungen genommen, jedoch im Konzept die Auseinandersetzung mit und der Ausgangspunkt der neuen Jungenarbeit in der Kritik an patriarchaler Männlichkeit als Anspruch auf Herrschaft und Dominanz über Frauen mit seinen dramatischen Folgen klar benannt.“ (S. 4) Das klingt sehr kompliziert und bedeutet im Klartext schlicht, einmal grob formuliert: Jungen werden in dieser Pädagogik nicht nur als Täter („Herrschaft“, „Dominanz“, „dramatische Folgen“) angesprochen, sondern auch als Idioten, die nicht merken, dass sich hinter einer „empathischen“ Ansprache tatsächlich eine ausgesprochen misstrauische, unterstellende und auch feindselige Haltung ihnen gegenüber mehr schlecht als recht verbirgt. Forster dazu: „Erfahrungen der Machtlosigkeit von Jungen werden im Kontext männlicher Privilegiertheit angesprochen.“ („Boy Turn“, S. 7) Eine Äußerung von Empathie kann selbstverständlich nicht auf den Hinweis verzichten, dass die Jungen eigentlich ja Herrscher in der patriarchalen Ordnung seien.

Das ist wohl eben auch der Grund, warum Heiliger und Forster ihre tiefe Feindseligkeit gegenüber den Jungen, die sie für die pädagogische Arbeit disqualifiziert, gar nicht auffällt. Sie imaginieren die Jungen als Teilhabende an einer Herrschaft, von der sie (als Frau) distanziert sind oder sich (als guter Mann) distanziert haben – und sie vertuschen so das wesentliche Herrschaftsverhältnis, um das es in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen geht: nämlich das Herrschaftsgefälle zwischen Erwachsenen und Kindern.

Väter? Nehmt doch einfach die Mütter! Deutlich wird dies insbesondere in der Selbstverständlichkeit, mit der sie den Jungen männliche erwachsene Bezugspersonen verweigern – soweit diese unter Verdacht stehen, der Reproduktion hegemonialer Männlichkeit Vorschub zu leisten. Natürlich würden den Jungen – auch denen, die bei alleinerziehenden Müttern aufwachsen – keine Väter fehlen. Heiliger zitiert Forster: „Das Problem der häuslichen Gewalt [das Heiliger übrigens selbstverständlich und wie nebenbei durch die Gefahr des sexuellen Missbrauchs durch Männer ergänzt] werde dabei völlig ausgeblendet, und die Betonung des Vaters diskriminiere erneut z.B. alleinerziehende Mütter.“ (S. 4) Natürlich ist hier keine Rede davon, dass Gewalt auch von Frauen ausgeübt wird – der Schutz der Kinder vor Gewalt ist Heiliger immer nur gerade dann ein Anliegen, wenn damit die Ausgrenzung von Vätern begründet werden kann. Deutlich aber wird, dass hier Erwachsene – die Mütter nämlich – im Fokus stehen und nicht die Kinder: Entscheidendes Argument gegen eine Kritik der Ideologie einer mütterlichen Alleinerziehung ist nicht etwa, dass diese Kritik unbegründet sei (denn das ist sie nicht), sondern dass sie Mütter diskriminiere.

Regelrecht komisch aber wird die Nonchalance, mit der Jungen (und übrigens auch Mädchen) ihre Väter vorenthalten werden, wenn Forster zur Begründung Judith Butler bemüht. „Selbstredend, so als greife hier die Analyse von Judith Butler nicht, werden Vater und Mutter mit biologischen Geschlechtsunterschieden identifiziert.“ (Jungenarbeit, S. 11) Was kann er denn dafür, wenn die Jungen – befangen in den essentialistisch-biologistischen Zuschreiben der hegemonial-männlichen Ordnung – zu dämlich sind, um ganz einfach ihre Mütter als Väter zu akzeptieren – obwohl doch jeder vernünftige Mensch sehen müsste, dass das die einfachste Lösung wäre?

Autoritäre Traditionen Jede halbwegs vernünftige und humane pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen setzt voraus, sie grundsätzlich erst einmal zu akzeptieren, wie sie sind – und ihnen nicht zu signalisieren, dass sie so, wie sie sind, falsch sind. Forster und Heiliger aber versagen Jungen Empathie, führen sie höchstens kulissenhaft vor, versagen ihnen auch erwachsene Verantwortung, ziehen ihnen das enge Korsett eine enorm reduzierten Männlichkeit (Herrschaft! Gewalt! Dominanz!) über – und nehmen das nicht einmal als ihr eigenes Problem wahr, sondern  schieben dieses reduzierte Bild einer hegemonialen Männlichkeit unter Zuhilfenahme eines fleißigen Gebrauchs Connell’scher Phrasen  den patriarchalen Strukturen der Gesellschaft unter. Anders gesagt: Sie produzieren durchaus konsequent bei den Jungen eben das Verhalten, das sie zu bekämpfen vorgeben, und finden so immer weitere Gründe für ihren wackeren Kampf. Diese Selbstbezüglichkeit wäre ja eher komisch, wenn sie nicht auf Kosten von Kindern ausgetragen würde – im festen Vertrauen darauf, dass der, der die Gesellschaft verändern möchte, tunlichst bei denen anfangen sollte, die sich am wenigsten dagegen wehren können.

In der pädagogischen Machtphantasie, dass die Jungen so, wie sie sind, nicht akzeptiert werden können und neu aufgebaut werden müssen, passt sich das Konzept nahtlos in die Tradition einer tief autoritären, tief kinderfeindlichen Pädagogik ein – die keineswegs besser wird, wenn man sie zu allem Überfluss auch noch sexistisch interpretiert.

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16 Comments

  • Interessant: „Homophobie [darf] in der Klasse nicht geduldet werden.“
    Was soll man denn dann mit Kindern machen, die Angst vor Homosexuellen haben? Ihnen diese Angst verbieten? Sie aus der Klasse verweisen?

  • Ja, das stimmt. Ich möchte auch keine Homophobie in der Klasse, aber man kann eben nicht alles durch Verbote regeln.

    Forster geht es aber wohl nicht wirklich um die Angst (Phobie), sondern um schwulenfeindliche Äußerungen, die er als Ausdruck „hegemonialer Männlichkeit“ betrachtet. Solche Äußerungen kann man sich ja sehr wohl verbitten, da hat er recht.

    Allerdings kann man den Spieß auch mal umdrehen – Forsters Misstrauen und Unterstellungsbereitschaft gegenüber Jungen trifft natürlich auch schwule Jungen.

  • Nein, schwule Jungen sind eben keine Vertreter des von Forster kritisierten Männlichkeitsbildes, sie sind eben Opfer durch die herrschende Schwulenfeindlichkeit, die durch das Männlichkeitsbild, an dem sich die anderen Jungen „orientieren“, hervorgerufen wird. Deshalb muss ja der Vater auch vom Kind ferngehalten werden und Frauen (wie in den letzten 1000 Jahren und übrigens in der NS Zeit auch) die Erziehung der Kinder allein übernehmen, damit sich da dann endlich mal was ändert… Ist doch logisch, oder?

    Genau aus dieser Logik heraus ist es auch klar, das ein FDP Politiker einer Journalistin auf den Busen geschaut hat, obwohl diese gar nicht erkennen kann wo er hingeschaut hat. Es braucht auch nicht gefragt werden, weil es klar ist, es kann nur der Busen sein… Das ist natürlich nicht sexistisch, sondern tägliche weibliche Realität. Ich Täter, Frau Opfer! Und natürlich braucht niemand darüber zu diskutieren wer in diesem Spiel mehr Macht hat, der FDP Politiker, der der Journalistin nichts anhaben kann, oder die Opferfrau, die mit irgendwelchen Behauptungen einen Aufschrei in diesem Land veranstalten kann. Gleiches war zu sehen bei Kachelmann, Molath und den vielen anderen Männern, die sich einer evtl. falschen Behauptung einer Frau ausgesetzt sehen. Warum sollte die Frau lügen? Ist es doch fast erwiesen das Männer so sind wie sie sind… Auch bei Molath glaubt man lieber eher an eine Verschwörung durch „Männerpolitik“ anstatt der Frau, die im Ehekrieg alle Register zieht um mit maximalem Gewinn aus der Beziehung heraus zu kommen…

  • Stimmt, so funktioniert Forsters und Heiligers Logik.

    Und wenn ich als Lehrer schwule Jungs in meiner Klasse habe, ansonsten gerne mal meine Verachtung gegenüber der hegemonialen Männlichkeit der typischen Jungs klarstelle, dabei die schwulen Jungs aber jeweils sorgfältig ausnehme („Für euch gilt das natürlich nicht, ihr seid ja lieb und bezieht keine patriarchale Dividende!“) – dann werden die mir sicher sehr dankbar sein für die faire und unsexistsiche Behandlung.

  • Mir kommen die beiden vor, als würden sie neurotisch ausgebildete Kastrationsphantasien hegen.
    Eine Bekannte erzählte mir unlängst, dass ihr 12jähriger Junge für eine Schulaufführung ein Tutu tragen sollte. Als sich die Mutter dieserart Verweiblichung ihres Jungen verbat, tat die Lehrerin so, als könnte sie den Widerstand der Mutter überhaupt nicht verstehen, wo sie doch nur das beste für den Jungen wollte.
    Servus Matthias Mala

  • Diese „antisexistische“ Jungenarbeit ist übrigens schon uralt; von Juli 1986 bis Juli 1988 fand z.B. bei der Heimvolkshochschule „Alte Molkerei Frille“ ein mit Geldern des Bundesjugendplans (so hieß der Kinder- und Jugendplan des Bundes bis 1994) gefördertes Projekt zur „parteilichen Mädchenarbeit & antisexistischen Jungenarbeit“ unter dem Motto „Was Hänschen nicht lernt ….. verändert Clara nimmer mehr!“ (ja, das heißt wirklich so; ich habe gerade den Abschlussbericht vor mir) statt. Dort wird von anderen Autoren im Wesentlichen dasselbe gesagt. Und genau wie damals erhalten solche Sexistinnen und Sexisten öffentliche Gelder, heute sogar noch mehr als damals.
    Dr Bericht von der Alten Molkerei Frille scheint mir in der deutschsprachigen „antisexistischen“ Jungenarbeit übrigens sehr einflußreich gewesen sein. Wird wahrscheinlich auch in den von dir genannten Werken zitiert.

  • Ja, Heiliger ist voll des Lobes darüber, und über die „vorbildliche Umsetzung“ des Plans. Wobei es natürlich schon ausgesprochen ideenreich und fortschrittlich war, aus Bundesmitteln Geld in die „Jungenarbeit“ zu investieren, damit Frauen später ihre Männer nicht mehr erziehen müssen.

  • Das ist ja einfach nur gruselig. Es fällt mir ausgesprochen schwer, nachzuvollziehen, wie man zu einer solchen Pädagogik kommen kann. Auf welcher Art Wissenschaft fußen eigentlich diese sehr mutigen Thesen, dass bereits Jungen schon Herrschende seien?

    Wer so konsequenzenreich Geltung für seine Thesen behauptet, sollte doch ein wirklich festes Fundament besitzen. Ich als Soziologe kann mir aber nicht vorstellen, welcher Erziehungswissenschaftler tatsächlich zweifelsfreies Wissen, geradezu Kenntnisse von gesetzlichen Zusammenhängen besitzt. Das ist im Grunde nicht möglich. Aber wenn man einsieht, dass Sozial-, Geistes- und Humanwissenschaften mehr interpretieren, als beweisen, sollte auch mehr Demut zeigen und zurückhaltender mit praktischen Konsequenzen des eigenen Denkens sein. Die Härte der vermeintlichen „Jungenpädagogik“ ist unglaublich anmaßend.

  • Das ist ja einfach nur gruselig. Es fällt mir ausgesprochen schwer, nachzuvollziehen, wie man zu einer solchen Pädagogik kommen kann. Auf welcher Art Wissenschaft fußen eigentlich diese sehr mutigen Thesen, dass bereits Jungen schon Herrschende seien?

    Diese „Wissenschaft“ fußt auf den verdrängten Kindheitserfahrungen dieser männlichen Feministen. Sie mußten sich schon als Kind gegenüber ihren Müttern als minderwertig fühlen und vor allem lernen, daß ihre natürlichen Gefühle eine Bedrohung darstellen. Ein Mensch kommt doch als Erwachsener nicht aus Jux auf solche Phantasien. Diese Aussagen spiegeln symbolisch das reale Martyrium eines Kindes wider. Ich würde mir wünschen, daß man mehr versucht, den Sinn hinter diesen Dingen zu suchen, statt sie einfach als arbiträren Blödsinn abzutun.

    Auch die männerfeindlichen Vorstellungen von Feministinnen wurzeln in deren Vatererfahrungen.

  • Ich finde es gar nicht unplausibel, von verdrängten Kindheitserfahrungen auszugehen – aber es lässt ich an den Texten nicht nachweisen. Zudem ist es eine schlechte Position für eine Diskussion, wenn man einem anderen, auch einem Kontrahenten, nicht in der Sache begegnet, sondern ihn (z.B.) auf die offenkundige Reaktivierung von Kindheitstraumata verweist.

    Was klar ist, bei Forster wie bei Heiliger: Ihre Thesen fußen gar nicht (@Michael Lohmann) auf der pädagogischen Erfahrung und ihrer wissenschaftlichen Überprüfung, sondern beide wenden ganz schlicht ein bestehendes Modell der Gesellschaft als patriarchaler Herrschaft – hier ist insbesondere Connell ein wichtiger Bezugspunkt – auf die Jungenpädagogik an, und sie lassen sich durch offenkundige Unplausibilitäten dabei überhaupt nicht irritieren.

    Würden Lehrer tatsächlich auf die Dauer so handeln, wie Forster und Heiliger das empfehlen, dann würden sie permanente Konflikte und Schwierigkeiten produzieren. Deshalb würden wohl auch wenige Lehrer und Lehrerinnen tatsächlich nach diesen Vorgaben handeln – nicht, weil sie allesamt so kinderfreundlich wären, sondern weil dien Vorgaben in pragmatischer Hinsicht, für den Alltagsbetrieb allzu irreal sind.

  • Meine Frage war teilweise rhetorisch gemeint. Natürlich handelt es sich um ein der Realität übergestülptes Modell. Wirklich wundern tue ich mich über die Naivität oder Anmaßung, mit der man eben unbeweisbare Modelle zum Maßstab eines folgenreichen pädagogischen Handelns macht. Ich wundere mich über den Mangel an Ethik dieser Leute, ihren Mangel an Zurückhaltung angesichts der prinzipiellen Unsicherheit ihrer Modelle.

    Immerhin nehmen sie für sich auch hohe moralische Maßstäbe in Anspruch und behaupten, im Namen des Guten zu handeln. Aber ein solcher Anspruch müsste auch eine intensivere Reflexion des eigenen Handeln nach sich ziehen: Handle ich wirklich moralisch? Wie sind die Folgen meines Handelns zu bewerten? Was gibt mir das Recht zu solch starken Eingriffen in das Leben der mir schutzbefohlenen Kindern, über die ich als Pädagoge unzweifelhaft Macht ausübe?

    Es ist aus ethischer Sicht ungenügend, dann auf ein Modell zu verweisen, nachdem die Benachteiligung der Jungen ja gut sei, weil sie den Mädchen hülfe. Schließlich ist es nur ein Modell. Es dürfte nur Handlungsmaßstab sein, wenn es unbeschränkt gültig wäre und andere Perspektiven auf das Geschlechterverhältnis ausschlösse. Aber solange das nicht möglich ist, muss die eigene Moral auch im Lichte anderer theoretischer Modelle auf Stimmigkeit geprüft werden. Dies schon, um zu zeigen, dass man sich nicht einfach beliebig ein für passend gehaltenes Modell ausgesucht hat, sondern dass man dessen Wahl gut begründen kann. Dazu muss man aber andere Modelle in die Diskussion einbeziehen. Das sehe ich aber bei dieser Art der Pädagogik nicht.

  • Einiges an dieser Sicht auf Jungs kommt mir wahnsinnig konservativ vor. Jedenfalls denke ich da an meine eigenen Komplexe, deren Wurzeln in den 70er und 80er Jahren liegen. Ich hatte und habe immer dieses schlechte Gewissen, dass ein ungebremstes Männerhandeln automatisch egoistisch sei und Frauenbedürfnisse radikal ignoriere. Folge ist, dass ich mich pausenlos selbst kontrolliere und letzten Endes mehr auf das Wohl und Wehe der Frau achte als auf mich selbst.

    Ich weiß nicht, über welche Kanäle dieser Komplex in meinem Kopf gelangt ist. Ich kann also keinen Schuldigen direkt benennen. Als Erinnerung habe ich nur, dass hier und da schon öffentlich dem Manne ein quasi natürlicher Egoismus unterstellt worden ist – sei es in der vor Jahrzehnten geführten Debatte um die Kompliziertheit des weiblichen Orgasmus oder sei es in der Frage der Hausarbeit (Männer faule Paschas, die auf Kosten der Frauenarbeit leben).

    Jedenfalls sehe ich in diesem Ziel, schon die Jungs auf Zurückhaltung und auf Aufmerksamkeit gegenüber weiblichen Bedürfnissen zu trimmen, eine Fortsetzung dieses Komplexes. Vermutlich ist das alles andere als neu, denn es gehörte doch noch nie so recht zum Männerbild, eigene Bedürfnisse zu haben.

    Im Internet fand ich dazu, bezogen auf das Schlafzimmer, den Slogan: Good Boys finish last. Sprich: Sex ist dann gut, wenn der Mann sich selbst dabei solange ignoriert, bis die Frau zufrieden ist. Erst dann darf er auch Vergnügen haben. Irgendwie steckt eine ähnliche Verhaltensaufforderung in dieser oben beschriebenen Jungenpädagogik.

  • Hallo Schoppe,

    ich wollte Ihnen auf diese Sache noch antworten. Es geht mir nicht darum, auf solch eine Weise zu argumentieren, wie ich es beschrieb, sondern darum, auf nur zu offensichtlichen Zusammenhänge hinzuweisen, die hinter der Gender-Ideologie stecken.

    Mich stört, daß man so wenig den Sinn hinter dem Irrsinn erkennen möchte.

    Ich habe hierzu mal etwas auf meiner Homepage geschrieben:
    http://www.gender-ideologie.de/empfehlungen/feminismus-marxismus-und-kindheit.html

    Das ist ein Kommentar zu einem Text von Alice Miller.

    Letztendlich ist aber diese Herangehensweise eben doch elementar in der Auseinandersetzung mit Feminismus und Gender-Ideologie. Neben dem direkten Entlarven von Widersprüchen, Lügen und Konstruktionen gilt es eben, die verborgenen Motivationen und persönlichen Komplexe hinter dem Irrsinn aufzuzeigen.

  • Ich hab Alice Miller noch im meinem Zivildienst gelesen, damals hat sie mich sehr beeindruckt. Und ich finde es plausibel, was Sie in dem Artikel schreiben – tatsächlich kann man oft feministische Stellungnahmen als Re-Inszenierungen von Kindheitssituationen lesen (insbesondere dann, wenn Frauen als hilflos und schutzbedürftig beschrieben werden).

    Bei Miller aber hab ich mich immer gefragt: Wenn doch erwachsenes Verhalten durch Kindheitstraumata verursacht wird, die wiederum durch traumatisierte Erwachsene verursacht werden, die selbst wiederum als Kinder … etc. – wo ist eigentlich mal der Anfang? Es leuchtet mir heute nicht mehr ein, dass das Verhalten Erwachsener so determiniert sein soll. Und was die erwähnten Kindheits-Reinszenierungen angeht, sind sie vielleicht oft auch einfach nur Rhetorik – Erwachsene können durch Infantilisierungen manchmal ziemlich viel erreichen…

  • @ suwasu „Ich hatte und habe immer dieses schlechte Gewissen, dass ein ungebremstes Männerhandeln automatisch egoistisch sei und Frauenbedürfnisse radikal ignoriere. Folge ist, dass ich mich pausenlos selbst kontrolliere und letzten Endes mehr auf das Wohl und Wehe der Frau achte als auf mich selbst.“

    Das sehe ich ähnlich. Ich habe neulich mal mit einen Freund, auch Lehrer, gesprochen, und wir haben darüber geredet, worauf man eigentlich als Lehrer achten müsste, um in der Schule Jungen gerecht zu werden. Eine Antwort war: Es wäre ganz sinnvoll, die Ko-Edukation phasenweise zu beenden und in geschlechtergetrennten Gruppen zu arbeiten. Zum Beispiel im Sportunterricht, in dem die Jungen manchmal wieder und wieder darauf hingewiesen werden, nicht so wild zu sein, Rücksicht auf die Mädchen zu nehmen, etc.

    Ich kenne das, was Sie beschreiben, gut (glaube ich) – interessant ist aber, dass nach meiner Erfahrung viele Frauen Männern dieses Gefühl, Rücksicht nehmen zu müssen, schlicht nicht abnehmen – in ihrer Wahrnehmung sind es dann immer die Frauen gewesen, die Rücksicht auf männliche Interessen nehmen mussten (was ich in manchen Fällen verstehe, und glaube, in manchen aber – überhaupt nicht).

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