Geschlechterdebatte Geschlechterquote

Das Ende der Frauen: und der Ausstieg der Männer

Bild zeigt eine Familie mit Abenddämmerung.
geschrieben von: Lucas Schoppe
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„Unter Jungs gilt es einfach als uncool und mädchenhaft, in der Schule aufzupassen, Hausaufgaben zu machen und zu lernen. Hinzu kommt die Flut von Ablenkungen, etwa durch Computerspiele, die Jungs tendenziell stärker ansprechen als Mädchen.“ So erklärt Hanna Rosin, die gerade mit ihrem Buch Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen in den Schlagzeilen und Beststellerlisten steht, im Spiegel-Interview  das schlechte Abschneiden von Jungen in den Bildungsinstitutionen. Kein Gedanke daran, dass auch die Institutionen selbst etwas zu diesen Nachteilen der Jungen beitragen könnten – die Jungen sind bei Rosin schlicht faul, oberflächlich, dünkelhaft und selber schuld.

Ihren Vortrag bei den TED-Talks, der Rosin vor zwei Jahren international bekannt machte, beginnt sie gleich mit dem stolzen Hinweis darauf, dass Frauen deutlich häufiger College-Abschlüsse machen würden als Männer – ebenso ihren Artikel „The End of Men“ aus dem Jahr 2010, der zur Grundlage ihres Bestsellers wurde.

Rosins durchaus auch hämische Gesten in die Richtung der erfolgloseren Jungen – Gesten, mit denen sie ja nicht allein steht – sind deplatziert, aber auch aussagekräftig. Wenn eine erwachsene Frau auf die Bildungsnachteile von Jungen nicht im Rahmen ihrer Verantwortung als Erwachsene reagiert, sondern statt dessen in Triumphposen erstarrt – dann ist das ja nicht allein erbärmlich, sondern auch ein Ausdruck eines tief verunsicherten Selbstverständnisses.

Wenn doch aber die Frauen, so wie Rosin das erfolgreich und stolz präsentiert, überall auf dem Vormarsch sind – warum sollte sie als Frauen dann verunsichert sein? Eine einfache Antwort: Was Rosin als Ende der Männer beschreibt, lässt sich ebenso als Ende der Frauen darstellen, zumindest als Ende einer Lebensweise, die Frauen wesentlich selbstverständlicher zur Verfügung steht als Männern.

In den Sturm pusten Es gibt keinen vernünftigen Grund mehr, warum Frauen nicht ebenso wie Männer für ihre und ihrer Familien finanzielle Versorgung zuständig sein sollten. Sicherlich – ein Großteil harter, auch gesundheitsbelastender körperlicher Arbeit wird weiterhin vorwiegend von Männern erledigt, aber mögliche oder tatsächliche Unterschiede der Körperkraft zwischen Männern und Frauen spielen in einem Großteil der weiteren Berufe keine  Rolle mehr. Zudem wurde die häusliche Arbeit durch technische Entwicklungen so weit erleichtert, dass die Hausarbeit heute kein Volltagsjob mehr sein muss. Wenn ein Paar Kinder hat, können sich beide Eltern darüber verständigen, wie sie die Betreuung aufteilen – es gibt keinen vernünftigen Grund, warum zwangsläufig die Frau den Großteil der Kindessorge leisten sollte. Ökonomisch ist es zudem schlicht unvernünftig, einen großen Teil der erwachsenen Bevölkerung (nämlich Frauen in einer klassischen bürgerlichen Rolle) ohne Not vom Arbeitsmarkt fernzuhalten.Warren Farrell hat das in seinem Buch The Myth of Male Power (dt.: Mythos Männermacht) so dargestellt, dass ein Modell der Versorgung von Frauen durch Männer über lange Zeiträume hinweg funktional war – insbesondere unter Bedingungen knapper Ressourcen oder auch angesichts kriegerischer Bedrohungen. Es sei für das Überleben der Gruppe sinnvoll gewesen, dass durch Männer den Frauen gleichsam ein Raum freigesperrt wurde, in dem diese dann die Betreuung der Kinder – und damit eben die Zukunft der Gruppe – gewährleisten konnten. Unter Bedingungen der modernen Gesellschaft aber sei diese Struktur einer Versorgung von Frauen durch Männer (Versorgung mit Ressourcen und mit relativer Sicherheit vor Bedrohungen) nicht mehr funktional, sondern dysfunktional geworden.

Eben diese Aspekt ist, wie in einer Kippfigur, in Rosins Ausführungen enthalten, wird von ihr aber durch triumphalistische Gesten beständig überspielt. Das Ende der Männer –  der Ausstieg von Männern aus der Versorgerposition – bedeutet eben auch das Ende eines weiblichen Lebensmodells, nämlich des bürgerlichen Modells der durch ihren Mann versorgten Frau. Dabei spielen feministische Positionen  eine notorisch zwiespältige Role.

Wenn Feministinnen die beschrieben Veränderungen als ihr Verdienst darstellen, hat das etwas kurios Selbstbezogenes – ungefähr so, als würde ein Kind, wenn es stürmt, nach draußen laufen, einmal in die Luft blasen, sodann auf den Sturm zeigen und stolz verkünden: „Das war alles ich!“ Tatsächlich spielen feministische Positionsnahmen oft eine ganz andere Rolle als die progressiver Antreiber von Veränderungen.

An den beiden wichtigsten Konfliktfeldern der Geschlechterpolitik in Deutschland, der Quotendiskussion und dem Kindschaftsrecht, lässt sich zeigen, wie versucht wird, das dysfunktional gewordene Modell einer Mann-Frau-Versorgung durch politische Eingriffe aufrechtzuerhalten  – durch Eingriffe allerdings, deren eigentlich reaktionärer Charakter nicht deutlich wird, sondern die als Bestandteile eine modernen, an Gleichberechtigung orientierten Politik dargestellt werden.

Die Quote – erfolgreich erfolglos Als die SPD 1988 auf ihrem Parteitag in Münster die Frauenquote einführte, begrenzte sie deren Geltung auf 25 Jahre. Der Parteitag im Bochum allerdings hob diese Frist 2003 auf – die Quote gilt nun unbefristet (mehr dazu hier). Trotzdem: Der Frauenanteil in der SPD stagniert, trotz statistisch deutlich besserer Aufstiegsmöglichkeiten der Frauen, bei unter einem Drittel der Mitglieder. Auch bei den Grünen, einer anderen traditionellen Quotenpartei, hat sich der Frauenanteil trotz umfangreicher Unterstützungsmaßnahmen im „Frauenstatut“ der Partei bei nur etwas mehr als einem Drittel eingependelt.

Die Geltung der Frauenquote wurde in der SPD also nicht etwa deswegen verlängert, weil die Quote so erfolgreich gewesen wäre, im Gegenteil: Es gibt die Quote noch, weil sie ihre Ziele eben nicht erreicht und sich als ineffektiv erwiesen hat – und weil deswegen die Verteidigerinnen (und Verteidiger) der Quote behaupten können, dass sie immer noch gebraucht werde. Eine so auf Dauer gestellte Frauenquote aber ist  eben nicht mit einer Anschubfinanzierung vergleichbar – sie hat nicht die Funktion, Frauen in eine Position zu manövrieren, in der sie sich auch ohne Quote etablieren können. Die auf Dauer gestellte Quote ist bei Licht betrachtet schlicht ein Instrument der Versorgung von Frauen mit Parteipositionen auf der Basis der weit mehrheitlich von Männern geleisteten Arbeit. Sie überträgt gleichsam die Versorgungsstrukturen der bürgerlichen Ehe in den institutionellen Rahmen der Politik. Daher irritiert wohl auch die Erfolglosigkeit der Quote ihre Befürworter so wenig: Es geht eben weniger um reale Erfolge in der Partizipation (und der Übernahme parteipolitischer Basisarbeit) von Frauen, sondern um eine Aufrechterhaltung von Versorgungsstrukturen.

So ist es dann ebenso wenig irritierend, dass die in der Politik erfolglose Quote nun auch für Wirtschaftsunternehmen gefordert wird, obwohl kaum eine Handvoll ohnehin schon privilegierter Frauen von dieser Quote profitieren wird, während sie dem Gros der Frauen überhaupt nicht nützen kann – geschweige denn den Männern, denen der Druck, Versorgertätigkeiten auszuüben, ja eben nicht abgenommen wird. Immerhin gehören die Frauen, die sich in der Politik für eine Quote stark machen, zu der kleinen Gruppe von Menschen, die möglicherweise durch die Quote profitieren werden.

Während also die Debatte um die Quote durchaus farcehafte Anteile hat, ist die Situation im Familien- und Kindschaftsrecht sehr bitter.

Warum Väter gerade deshalb ausgegrenzt werden, weil man sie braucht Man stelle sich einen Staat vor, in dem folgende Regelung gilt: Menschen kann willkürlich, auf der Basis nirgendwo begründeter Entscheidungen, die Möglichkeit zur Sorge für ihre Kinder genommen werden. In einer zynischen Volte werden diese Menschen dann auch noch verpflichtet, große monatliche Summen für die Versorgung ihrer Kinder zu erarbeiten und zu bezahlen – weil sie ja schließlich die Sorge für ihre Kinder nicht selbst tragen würden.

Ganz gleich, wie unterschiedlich man den Begriff des Kindeswohls beurteilen mag, oder die Funktion von Müttern und Vätern – eigentlich müsste allen Beteiligten klar sein, dass sich eine solche Regelung wie die hier skizzierte verbietet. Gleichwohl sind solche Regelungen für nichtverheiratete Väter in Deutschland über viele Jahre hinweg Realität gewesen – und ob sich daran durch die neuen Gesetze etwas ändern wird, ist fraglich. Auch für geschiedene Väter sieht die Situation nicht viel günstiger aus, und natürlich hat das auch Konsequenzen für die Kinder.

Schon vor Jahrzehnten erhoben feministisch inspirierte Mütter – etwa Katja Leyrer in ihrem 1990 erschienen Buch Hilfe! Mein Sohn wird ein Macker – die Klage, dass ihre Kinder trotz aller Bemühungen um eine Erziehung außerhalb von Geschlechterklischees doch in alte Rollen zurückfielen. Der blinde Fleck dieser Klage ist offenkundig: Die Verhältnisse, unter denen Kinder heute aufwachsen, sind, was die Geschlechterrollen ihrer Eltern angeht, wesentlich starrer, als sie es vor vierzig Jahren waren. Die gesetzlich durchaus privilegierte mütterliche Alleinerziehung „überwindet“ keineswegs die Aufteilungen der traditionellen bürgerlichen Ehe, sondern spitzt sie auf absurde und reaktionäre Weise zu. In der konventionellen Aufteilung hat der Vater das Geld verdient, während die Mutter sich um die Kinder kümmerte – in der „Mutter-Kind-Familie“ aber kümmert sich die Mutter, und nur sie, um die Kinder, und vom Vater bleibt gar nichts anderes als die Pflicht, dies zu finanzieren.

Die gern und moralisierend erhobene Klage über eine angebliche Zahlungsunwilligkeit von Vätern verdeckt dabei, dass unterhaltspflichtige Mütter in wesentlich geringerem Maße zahlen als Väter (dazu z.B. diese Studie, bes. S. 143ff.). Wer als Vater alleinerziehend ist, muss sich darauf einstellen, dass er auch Alleinverdiener sein wird und keine Unterstützung der Mutter erhält – was natürlich auch damit zusammenhängt, dass Männer weiterhin den Löwenanteil der Erwerbsarbeit leisten.

Wer also, anstatt auf eine gleichberechtigte Verständigung der Eltern zu setzen, die Elternschaft in Sorgeberechtigte und Unterhaltsverpflichtete aufspaltet, muss zugleich ein Interesse daran haben, dass der Anteil der Unterhaltspflicht den Vätern zugewiesen wird. Das bedeutet: Väter werden auch gerade deshalb vom Recht zur Sorge für ihre Kinder ferngehalten, weil sie als Unterhaltszahler gebraucht werden.

Diese Praxis ist möglicherweise nicht einmal Folge bewussten Kalküls der Verantwortlichen, sondern ergibt sich schlicht aus politischen Entscheidungen, die an klassischen Strukturen der Versorgung von Frauen durch Männer festhalten und dies durch ein bewusst unscharf gehaltenes Berufen auf das Kindeswohl legitimieren.

Backlash? Welcher Backlash? Natürlich würde es nicht das Ende der Frauen bedeuten, wenn sich die Rolle der Frau als durch den Mann Versorgte auflöste und Männer weiter aus Versorgerrollen ausstiegen – ebenso wenig, wie die Änderungen, die Rosin beschreibt, tatsächlich ein Ende der Männer bedeuten. Auch viele Frauen würden von einer Auflösung der Versorgtenrolle profitieren – die Verhältnisse im Kindschaftsrecht beispielsweise schaden ja nicht nur Kindern und Männern, sondern auch Großeltern oder Müttern, die mit den Vätern zusammenarbeiten wollen. Es gibt  erhebliche Interessen an der Aufrechterhaltung von Versorgungsstrukturen  – aber es gibt eben auch handfeste Interessen an einer Änderung.

Klareren, gerechtern Änderungen steht auch, und gerade, eine feministisch inspirierte Geschlechterpolitik entgegen, die – nicht von ungefähr – im Kindschaftsrecht traditionell mit konservativen Familienpolitikern paktiert. Mit einem Begriff von Faludi lässt sich das so zuspitzen: Es gibt keinen Backlash gegen den Feminismus – der Feminismus ist der Backlash.

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5 Comments

  • Danke für den Hinweis. Der Emma-Satz ist auch ein Beispiel dafür, dass die Verhältnisse sich wandeln – als er Mitte der Achtziger publizert wurde, passte er in die Zeit, und vielen ist vermutlich gar nicht aufgefallen, was für eine brutale Äußerung das ist. Heute ist er weithin bekannt, und zurecht, als ein Beispiel für eine verantwortungslose Jungenfeindlichkeit. Ich wusste nie, von wem er stammt, aber zu Leyrer passt er tatsächlich gut.

  • Der Artikel zeigt übrigens auch sehr deutlich, dass der heutige Feminismus nichts mit Emanzipation zu tun hat. Eigentlich ist er sogar anti-emanzipatorisch.

  • Danke für den wohltuend nüchternen Text. Ich denke, dass man langfristig in der gesellschaftlichen Debatte nur dann erfolgreich Überzeugungsarbeit leisten kann, wenn man sachlich bleibt.

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