Jungen Schule

Warum es Jungen auf der Schule richtig gut geht (auch wenn es manchmal nicht so aussieht)

Bild zeigt Kinder in der Schule
geschrieben von: Lucas Schoppe
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Nachteile für Jungen im Bildungssystem springen ins Auge: Sie bleiben häufiger sitzen als Mädchen, sind häufiger auf Förderschulen und Hauptschulen, aber seltener im Gymnasium zu finden, werden bei gleichen Leistungen von Lehrkräften schlechter eingeschätzt, erwerben seltener als Mädchen eine Hochschulzugangsberechtigung, bleiben aber deutlich häufiger ganz ohne Schulabschluss. (Preuss-Lausitz 2008, S. 123f.)

Trotzdem: „Die oft gehörte Behauptung, es liege an der Überzahl von Lehrerinnen, halte ich für Unsinn.“ So Hanna Rosin im (hier bereits zitierten) Spiegel-Interview über die Bildungsnachteile von Jungen. Sie fährt fort, dass Jungen nun einmal das Lernen „uncool“ fänden und ihre Zeit lieber mit Computerspielen verbrächten.

Rosins kurze Äußerung bündelt zwei wichtige Positionen in Diskussionen über Bildungsnachteile von Jungen: Jungen seien im Bildungssystem, zumal in der Schule, gar nicht benachteiligt, und diese Nachteile (abgesehen davon, dass sie gar nicht existierten) seien schon gar nicht durch einen Mangel an Männern im Lehrerberuf begründet. Angesichts der deutlichen Daten und angesichts der sehr naheliegenden Überlegung, dass die schlechteren Ergebnisse von Jungen mit dem Fehlen von Männern an Schulen zusammenhängen könnten, sind solche entschiedenen Positionen überraschend – zumal sie gerade in der Erziehungswissenschaft weit verbreitet sind.

Grundlegend ist dabei natürlich die Behauptung, dass Jungen gar nicht benachteiligt seien.

Jungen sind in der Schule nicht benachteiligt, denn … Es ist schön zu sehen, wie viel Phantasie und Energie Erziehungswissenschaftler und Soziologen auf Jungen verwenden – besonders, seitdem es darum geht, nachzuweisen, dass Jungen im Bildungssystem benachteiligt werden. Eine ganze Menge  von Argumentationen ist dabei schon entstanden: Jungen sind in der Schule nicht benachteiligt, denn…

…sie sind selbst an ihren schlechten Ergebnissen Schuld. „Jungen sind insofern benachteiligt, als dass bestimmte gesellschaftliche Männlichkeitskonstruktionen sie in Konflikt mit bestimmten Anforderungen von Bildungsinstitutionen bringen.“ So Thomas Viola Rieske in seiner 2011 für die GEW erstellte Studie „Bildung von Geschlecht“ . (S. 73) Ähnlich wie Rieske und Rosin auch Forster und Rendtorff: „Die Vorstellung, dass es „uncool“ sei, etwas für die Schule zu tun, ist kein reines Jungenphänomen, ist aber bei männlichen Jugendlichen besonders verbreitet, und diese Distanz zur Schule hindert sie nicht zuletzt daran, ihre Neugier zu erhalten sowie ihre Anstrengungsbereitschaft und Lust an intellektueller Betätigung zu entwickeln.! (Forster/Rendtorff, S. 8f.)

Allerdings steht es unglücklicherweise in unguten, nämlich den autoritären Traditionen der Schulpädagogik, davon auszugehen, dass an Schulproblemen der Kinder ganz gewiss nicht die Bedingungen der Schule, sondern gewiss nur die Kinder selbst Schuld sein könnten. Keiner der Zitierten kommt auf die Idee, sich die Frage zu stellen, ob ein bei Jungen als störend empfundenes Verhalten nicht auch positive Funktionen erfüllen könnte (so wie zum Beispiel Allan Guggenbühl das in seinem Text „Die Schule – ein weibliches Biotop?“ tut, bes. S. 156f.) Sie fragen auch gar nicht, ob als ungünstig empfundene Verhaltensweisen von Jungen nicht möglicherweise auch an Bedingungen der Schule begründet sein könnten. Die Bildungsforscher stellen einfach sämtliche Überlegungen ein, sobald sie eine Möglichkeit gefunden haben, den Jungen selbst die Schuld an ihren schlechten Ergebnissen zu geben.

…es hat gute Gründe, wenn Jungen bei gleichen Leistungen schlechter bewertet werden. Das werden sie – wie z.B. jüngst auch die Studie „Herkunft zensiert“ gezeigt hat. Sie haben es auch schwerer als Mädchen, in der Grundschule Gymnasialempfehlungen zu bekommen. Dazu Forster: „Das ‚den‘ Mädchen attestierte schuladäquatere Verhalten wird hier sicherlich eine Rolle spielen, während den Jungen nur eine geringere Anpassungs- und Anstrengungsbereitschaft zugeschrieben wird. ‚Bereitschaft‘ ist nun aber, psychologisch wie pädagogisch besehen, keineswegs dasselbe wie ‚Fähigkeit‘ oder ‚Potenzial‘, verweist also weder auf Leistungsfähigkeit noch auf mangelnde schulische Förderung, sondern auf die Frage, warum sich viele Jungen die Angebote der Schule und ihre Forderungen nicht zu eigen machen können.“ (S. 8f.) Im Klartext: Auch wenn Jungen die gleichen Leistungen erbringen wie Mädchen, könne es gerechtfertigt sein, aufgrund ihres Verhaltens und ihres hartnäckigen Ablehnens schulischer Angebote (die doch sicherlich wohlwollend sind) von einer besseren Schulempfehlung abzusehen.

Kinder werden am Ende der Grundschule also nicht allein aufgrund nachprüfbarer Leistungen weiterführenden Schulen zugewiesen, sondern aufgrund der Einschätzung von Grundschullehrerinnen (viel seltener Grundschulehrern), dass diese Kinder sieben oder acht Jahre später wohl nicht die nötige Anstrengungsbereitschaft für das Abitur mitbrächten: Anstatt sich von solcher Voodoo-Pädagogik zu distanzieren und als fortschrittliche und kritische Erziehungswissenschaftler noch einmal auf die Probleme der frühen schulischen Selektion von Kindern hinzuweisen, finden Forster und Rendtorff das alles ganz in Ordnung – alles, bis auf die Jungen natürlich, die mit den schulischen Angeboten partout nicht richtig umgehen können.

… andere Benachteiligungen sind viel schlimmer als die Benachteiligung als Junge. Von den Bildungsnachteilen seien, so Rieske, insbesondere Jungen „mit Migrationshintergrund“ betroffen (S. 73) Tatsächlich stellt die oben schon zitierte Studie „Herkunft zensiert“ heraus, dass es in der Leistungsbewertung zwei klare Benachteiligungen gäbe: Jungen würden gegenüber Mädchen, aber in noch größerem Maße Kinder aus „bildungsfernen“ gegenüber Kindern aus „bildungsnahen“ Familien benachteiligt. Trotzdem ist es natürlich sinnlos, die eine Benachteiligung gegen die andere auszuspielen – schon weil sich ja beide Faktoren gegenseitig verschärfen können. So hat ein Junge aus einer bildungsbürgerlichen Familie vermutlich größere Möglichkeiten, seine Benachteiligungen als Junge zu kompensieren, als ein Junge aus einer armen Migrantenfamilie.

…Jungen sind im Berufsleben weiterhin erfolgreicher als Mädchen. Rieske z.B. stellt in seiner Studie mit dem Blick auf Mädchen fest, dass „das vermeintliche Potenzial, dass durch ihre höheren Schulabschlüsse entsteht, nicht ausgeschöpft wird.“ (S. 45) Auch mit schlechteren Schulabschlüssen würden sich Jungen beruflich und in der akademischen Bildung besser etablieren.

Dies könnte dem fortschrittlichen und kritischen Erziehungswissenschaftler nun natürlich Anlass zu der Frage sein, ob eigentlich die Schule vernünftig auf ein Leben außerhalb von ihr vorbereitet – wenn doch schließlich womöglich eben das, was in der Schule Erfolge sichert, außerhalb der Schule erfolglos macht. Es könnte auch Anlass sein, auf die Vitalität von Jungen und Männern hinzuweisen, die sich trotz relativ ungünstiger Startbedingungen weithin gut im Arbeitsleben etablieren. Zudem könnte man zumindest einmal erwähnen, dass Nachteile ja nicht urplötzlich gerecht und fair werden, sobald es jemandem gelingt, seine Nachteile auszugleichen. Aber nichts davon – wenn Rieske eine Möglichkeit gefunden hat klarzustellen, dass eher Mädchen als Jungen benachteiligt seien, stellt er unverzüglich alle Überlegungen ein (womit ich mich wiederhole, weiß ich – aber was soll ich machen…).

Immerhin ist Rieske zu Gute zu halten, dass er sein Argument nicht auf so überraschende Weise ins Absurde treibt, wie Michael Kimmel das für die USA tut. Der nämlich betont, dass es trotz fehlender höherer Bildung für junge Männer immer noch viele Möglichkeiten gäbe: Beispielweise „bleibt das Militär einer der wichtigsten Arbeitgeber für junge Männer von der High School. Allein die U. S. Army wirbt jedes Jahr 65 000 Männer mehr an als Frauen.“ (Kimmel 2011, S. 29) Jungen Männern auch ohne höheren Bildungsabschluss wird also die Chance geboten, sich im Irak, in Afghanistan und andernorts erschießen oder in die Luft sprengen zu lassen und vorher noch etwas von der Welt zu sehen. Doch auch diejenigen, die lieber im Lande bleiben, finden Möglichkeiten vor: „Schließlich (…) ist das Gefängnis eine beachtliche ‚Option‘ für viele junge Männer dieser Altersgruppe. Laut Angaben des U. S. Departments of Justice saßen im Jahr 2008 231 600 Männer im Alter von 18 bis 24 Jahren eine Gefängnisstrafe ab (verglichen mit 12 600 Frauen der gleichen Altersgruppe).“ Also, Jungs, wenn es mit der Bildung nichts wird, dann könnt Ihr immer noch in den Knast gehen. Ich frage mich allerdings, ob es nicht eine schwer erträgliche Diskriminierung von Frauen ist, dass Männer frech und mit typisch hegemonialem Verhalten einen Großteil der teuren Gefängnisplätze für sich beanspruchen.

Klammheimliche  Freude Es ist erstaunlich, welche Mühe Erziehungswissenschaftler und Soziologen darauf verwenden, nachzuweisen, dass die erheblichen Nachteile von Jungen keineswegs auf Benachteiligungen zurückzuführen seien. Besonders gravierend ist für mich dabei die Studie der GEW (schon allein deshalb, weil ich einmal GEW-Mitglied war…selber Schuld, ich weiß…ich red nicht gern drüber…). Es ist gar nicht nötig, hier zu zeigen, wie konsequent die Studie mit statistischen Daten irreführend umgeht (dazu nämlich hat Michael Klein hier schon ausführlich geschrieben). Problematisch ist auch nicht allein, dass wissenschaftliche Standards zugunsten politischer Zwecke außer Acht gelassen werden – problematisch ist vor allem, welche politischen Zwecke das sind.

Es geht der GEW offenkundig darum, den Verdacht der Jungenbenachteiligung einfach schon deshalb auszuräumen, weil sie befürchtet, dass ansonsten dieser Verdacht die Position von Kolleginnen in der Schule gefährden könnte. Tatsächlich ist der Bericht über die Studie zu den Bildungsnachteilen von Jungen in der GEW-Zeitung „Erziehung und Wissenschaft“ unter der Rubrik „Frauenpolitik“ erschienen – eine kleine Absurdität am Rande, die aber dokumentiert, wie sehr die Bildungsgewerkschaft auf die Bedürfnisse (weiblicher) Erwachsener fixiert ist und dabei die Interessen von (männlichen) Kindern ignoriert. Erstaunlich ist auch, wie selbstverständlich von GEW-Seite aus eigene Standard-Positionen vergessen werden – beispielsweise in der Kritik an der frühen Selektion der Schüler – , sobald es um mögliche Benachteiligungen von Jungen geht.

„In Zusammenfassung dieser verschiedenen Stränge kann die These, dass Jungen die neuen Bildungsverlierer sind und Frauen bzw. der Feminismus dies verursacht habe, in ihrem gesellschaftlichen Kontext und als Antwort auf die Verunsicherung männlicher Lebensentwürfe und Dominanzansprüche begriffen werden.“ (Rieske, 69) Ein Sozialwissenschaftler und eine „Bildungsgewerkschaft“ betrachten die Bildungsverluste von Jungen – Zuweisungen an Förderschulen, Abgang ohne Schulabschluss, Hindernisse bei höheren Abschlüssen – mit klammheimlicher Freude, und ihre Sorge besteht allein darin, dass irgend jemand Lehrerinnen für diese Situation verantwortlich machen könnte.

Was ist eigentlich so schlimm an Jungen?

Zum zweiten Teil geht es hier: …und warum Jungen in der Schule keine Männer brauchen (auch wenn das nun wirklich nicht so aussieht)

Texte, soweit nicht verlinkt:

Edgar Forster/ Barbara Rendtorff/ Claudiea Mahs, Jungenpädagogik im Widerstreit, Stuttgart 2011

Edgar Forster/ Barbara Rendtorff: “Einleitung: Jungenpädagogik im Widerstreit“, in: Forster et.al. , Jungenpädagogik im Widerstreit, Stuttgart 2011, S. 7-24

Allan Guggenbühl: „Die Schule – ein weibliches Biotop?“, in: Matzner/Tischner, Handbuch Jungenpädagogik, S. 150-167

Michael Kimmel: „Jungen und Schule: Ein Hintergrundbericht über die ‚Jungenkrise’“, in: Forster et.al, Jungenpädagogik im Widerstreit, Stuttgart 2011, S. 27-44 (zum Teil hier)

Michael Matzner/Wolfgang Tischner: Handbuch Jungenpädagogik, Weinheim Basel 2008

Ulf Preuss-Lausitz: „Voarausetzungen einer jungengerechten Schule“, in: Matzner, Tischner (Hrsg), Handbuch Jungenpädagogik, S. 122-135)w

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16 Comments

  • …Jungen sind im Berufsleben weiterhin erfolgreicher als Mädchen.

    Kevin, der „erfolgreich“ ins Prekariat hineindiskriminiert wurde, ist nicht Jürgen, der trotz der Benachteiligung das Abi schafft und dann durchstartet in einem MINT-Fach, während Sarah Kunstgeschichte studiert.

  • Diese Leute nehmen ihre Verantwortung als Pädagogen einfach nicht wahr. Ganz gleich, wie die Jungen gegenwärtig sind, sobald sie die Schule betreten, haben die Lehrer die Aufgabe, sie bestmöglich zu unterrichten. Sie können sich nicht dieser Aufgabe entledigen, indem sie sagen, die Jungen seien nicht nach ihrem Geschmack und entsprächen nicht ihrer Vorstellung von Schule. So geht das nicht. Aber ich kenne diese Haltung auch von der Universität, wo viele Dozenten auch eher denken, dass die Studierenden so sein müssten, wie sie es am liebsten hätten.

    Insgesamt ist dieser Vorwurf des „selber schuld seins“ aber ein roter Faden, der sich in der Behandlung von Männerproblemen durchzieht, ob das nun Gesundheit oder Bildung ist.

    Zynisch ist der Verweis auf den durchschnittlich höheren Berufserfolg von Jungen bzw. Männern. Denn damit werden die Schicksale der männlichen Bildungsverlierer weggerechnet. Die aber landen auf der Hauptschule, in der Arbeitslosigkeit oder in der Kriminalität. Das kann doch keinen Pädagogen wirklich zufriedenstellen.

  • Du scheinst auf Rieske (und auch auf das Bundesjugendkuratorium) reingefallen zu sein, wenn er die höhere Arbeitslosigkeit von jungen Männern bagatellisiert und nur kurz erwähnt. Die Fakten sprechen aber eine andere Sprache: Wenn man sich die Analyse des Arbeitsmarkts für Frauen und Männer ansieht (http://statistik.arbeitsagentur.de/Navigation/Statistik/Statistische-Analysen/Analytikreports/Zentral/Monatliche-Analytikreports/Analyse-Arbeitsmarkt-Frauen-Maenner-nav.html), so stellt man fest, dass (S. 25 und 26 von http://statistik.arbeitsagentur.de/Statischer-Content/Statistische-Analysen/Analytikreports/Zentrale-Analytikreports/Monatliche-Analytikreports/Generische-Publikationen/Analyse-Arbeitsmarkt-Frauen-Maenner/Analyse-Arbeitsmarkt-Frauen-Maenner-201301.pdf) im Januar 2013 in der Altersgruppe 15-25 Jahre der „Bestand“ (deren Wortwahl) von arbeitslosen Frauen 114.329, der der arbeitslosen Männer 169.222 beträgt. Der Anteil der letzteren ist also fast 60%. Nachdem der kurze Aufschwung dazu geführt hat, dass sich die Zahlen wieder anglichen (im März 2009 waren 62% der Arbeitslosen in dieser Altersgruppe männlich), driften sie nun wieder auseinander; während der gesamten Zwischenzeit war die männliche Arbeitslosigkeit immer wesentlich höher als die weibliche. Der Männeranteil an der Erwerbstätigkeit in dieser Altersgruppe ist übrigens nur 54%, ist also geringer als der Männeranteil an den Arbeitslosen, d.h. der hohe Männeranteil an den Arbeitslosen lässt sich nicht dadurch erklären, dass Männer generell einen höheren Erwerbstrieb haben.
    (Dummerweise weiß ich nicht, wie Personen im Übergangssystem gewertet werden.)
    Da Frauen nur 42% der Promotionensabschlüssen erbringen, sind sie laut Rieske in diesem Segment „deutlich unterrepräsentiert“ (S.44 und 45). Dann müsste man übrigens auch die Unterrepräsentanz von Jungen beim Abitur als „deutlich“ beschreiben, was aber m.W. bei Rieske nicht passiert.

  • Eine absolut offensichtliche Benachteiligung von Jungen hast du übrigens ignoriert (was auch, da du ja die feministischen Gegenargumente beschreibst, berechtigt ist, weil dies von diesen vollkommen ignoriert wird): Die Mädchenförderung hat nicht einmal ansatzweise ein analoges Gegenstück für Jungen. Während die Mädchenförderung den Mädchen häufig akademische Berufe zeigt (und zwar nicht nur Mädchen auf dem Gymnasium), macht die sog. „Jungenförderung“ genau das Gegenteil: Sie zeigt ihnen Berufe wie Alten-, Krankenpfleger, Erzieher etc., während akademische Berufe, die inzwischen überdurchschnittlich von Frauen gewählt werden, häufig außen vor bleiben. Z.B hat die Universität Gießen 2011 einen Girls' Day in der Veterinärmedizin durchgeführt, einem Fach, in dem der Frauenanteil jenseits der 80% ist (http://www.uni-giessen.de/cms/ueber-uns/pressestelle/pm/pm65-11). Auch in anderen Frauendomänen wie der Psychologie, Medizin, Veterinärmedizin, Zahnmedizin, Journalismus, Sprachen, Biologie, Life Sciences, Teile von Jura und Justiz gibt es (so gut wie) keine Projekte für Jungen, teilweise gibt es immer noch Projekte nur für Mädchen (z.B. http://www.biologiedidaktik.uni-koeln.de/11060.html; auch bei http://www.schuelerinnen-forschen.de sind oftmals solche Sachen dabei — es gibt noch haufenweise anderes Zeug), obwohl, wie gesagt, Jungen hier in der Minderheit sind. Ein dem Boys' Day äquivalenter Girls' Day würde sich auf die Müllabfuhr, die Kanalreinigung und auch noch die Sicherheitsbranche (denn Wachmänner sind schließlich schlecht bezahlt) beschränken. Damit sagt die derzeitige Geschlechterpolitik den Jungen eigentlich recht deutlich, dass sie nicht für akademische Berufe geeignet sind (übrigens wird der Boys' Day im Gegensatz zum Girls' Day nicht vom Bundesbildungsministerium, sondern lediglich vom Frauenministerium unterstützt); und danach wird Jungen von denjenigen, die diese Mädchenfördermaßnahmen entworfen haben und sie bejahen, auch noch der Vorwurf gemacht, sie entwickelten keine „Lust an intellektueller Betätigung“! Das ist ja wohl der Gipfel des Zynismus! (Übrigens dürften die schlechteren Noten bei gleicher Leistung ebenfalls die Motivation verschlechtern.) Die Mädchenförderung operiert übrigens auch häufig mit demselben negativen Jungenbild, welches schon von der antisexistischen Jungenarbeit her bekannt ist. Ein entsprechend negatives Mädchenbild gibt es bei keiner Strömung der Jungenarbeit (noch nicht einmal ansatzweise).

  • Zu diesen Fragen habe ich übrigens letztes Jahr eine Reihe von Abgeordneten befragt und durchwegs enttäuschende Antworten erhalten:
    – Das einzig Konkrete an Gysis (Die Linke) Antwort (http://www.abgeordnetenwatch.de/frage-575-37621–f331330.html#q331330) war, dass OP-Schwestern so viel Geld verdienen sollten wie Stahlarbeiter; er will also eine Gehaltserhöhung für erstere.
    – Annette Schavan (CDU) (immerhin Bundesbildungsministerin) erklärte, der Boys' Day falle nicht in die Bildungspolitik und ich solle mich deshalb an das Frauenministerium wenden. Warum man einen Boys' Day veranstaltet, der zur Zeit berechtigterweise (und das ist die Schweinerei!) nicht vom Bildungsministerium unterstützt wird, während der Girls' Day dies selbstverständlich wird, erklärt sie nicht. (http://www.abgeordnetenwatch.de/frage-575-37921–f331335.html#q331335)
    – Christian Lindner (FDP) war damals mit der NRW-Wahl beschäftigt und verwies mich deshalb an einen Kollegen, nämlich Patrick Meinhardt (http://www.abgeordnetenwatch.de/frage-575-37779–f331327.html#q331327).
    – Besagter Patrick Meinhardt (FDP) hat sich grundsätzlich für eine Verbesserung der Lesekompetenz von Jungen ausgesprochen, aber die eigentliche Frage danach, warum der Boys' Day Jungen nur ein ideologisch verengtes Berufsspektrum mit geringen Qualifikationsvoraussetzungen und niedrigen Löhnen anbietet, hat er nicht angesprochen (http://www.abgeordnetenwatch.de/frage-575-37806–f331539.html#q331539).
    – Beate Merk (CSU) (Bayerische Landesjustizministerin) hat auf die Frage, warum die Justiz sich nicht am Boys' Day beteiligt, obwohl in Bayern 63% der Amtsrichter auf Probe weiblich sind (und zwar gewichtet nach Stellen, d.h. unterstellt man einen höheren Teilzeitanteil bei Frauen, so bedeuten diese 63%, dass der Frauenanteil in Wirklichkeit sogar noch höher ist), geantwortet, dass die Einstellung in den Staatsdienst lediglich nach Leistung, Eignung und Befähigung erfolge und dass dies den verfassungsmäßigen Vorgaben entspreche (http://www.abgeordnetenwatch.de/frage-512-19193–f331270.html#q331270). Das ist zunächst einmal eine Themaverfehlung: Ich habe gar nicht nach Männerquoten gefragt; meine Frage bezog sich darauf, ob es einen Boys' Day geben sollte. Zweitens scheint für Frau Merck ein Boys' Day mit den verfassungsrechtlichen Vorgaben einer Einstellung nach Leistung, Eignung und Befähigung zu kollidieren — gilt das dann nicht auch für den Girls' Day an Universitäten und sonstigen Behörden? Und drittens ist Frau Merck eine Befürworterin einer Frauenquote für die Privatwirtschaft: „Eine solche Quote sei sowohl verfassungsrechtlich als auch europarechtlich möglich, so Merck.“ (Von http://anonym.to/?http://www.frauenrat.de/deutsch/infopool/nachrichten/informationdetail/browse/1/back/242/article/laender-lassen-frauenquote-fuer-die-wirtschaft-pruefen.html)

  • – Dorothee Bär (CSU) verweist in ihrer Antwort darauf, dass inzwischen ein eigenes Referat „Gleichstellungspolitik für Jungen und Männer“ eingerichtet wurde. Das zeigt, dass sie die Frage nicht gelesen/verstanden hat oder sie nicht verstehen wollte: Besagte Gleichstellungspolitik ist es doch, welche diesen ideologisch verengten Boys' Day ins Leben gerufen hat. (http://www.abgeordnetenwatch.de/frage-575-37455–f331331.html#q331331)
    – Auch Gerda Hasselfeldt ignoriert die eigentliche Fragestellung; am Ende erwähnt sie, dass Jungen nicht schulverträgliche Männlichkeitsnormen aufweisen — aber dann müsste sie doch gegen den derzeitigen Boys' Day sein? (http://www.abgeordnetenwatch.de/frage-575-37631–f331333.html#q331333)
    – Ludwig Spaenle (CSU) hat seine Antwort von einem Ministerialrat verfassen lassen. Dieser erwähnt durchaus interessante Initiativen, aber auch er ignoriert die eigentliche Fragestellung (http://www.abgeordnetenwatch.de/frage-512-11314–f331322.html#q331322).
    – Hans-Christan Ströbele ist nicht der Meinung, dass es im Bildungssystem Ungerechtigkeiten zu Ungunsten der Jungen gibt. Erst ist übrigens eigentlich sogar der einzige, der die eigentliche Frage — nämlich die Verengung des Boys' Days auf einige wenige Berufe — überhaupt anspricht. Und diese (für ihn „angebliche“) Verengung interessiert ihn nicht. (http://www.abgeordnetenwatch.de/frage-575-37994–f331328.html#q331328)

    Du kannst von mir aus aus diesen Kommentaren einen eigenständigen Beitrag machen und die Informationen hierin nach Belieben nutzen.

  • Du hast völlig recht. In dem Zusammenhang eine Anekdote: Ich erinnere mich, dass ich vor Jahren einmal die Arbeit einer Studentin gegengelesen habe, die sich mit der Langzeitarbeitslosigkeit bei Jugendlichen auseinandersetzte. Anhand ihrer Daten ließ sich eindeutig eine Riskikogruppe beschreiben: Jungen „mit Migrationshintergrund“, die waren weit überdurchschnittlich häufig und langandauernd arbeitslos. Sie kam jedoch zu dem Schluss, dass weiterhin eine gezielte Mädchenförderung vordringlich sei. Auf den Hinweis, dass das aus den Daten gar nicht hervorginge, antwortete sie, dass das aber der Schluss sei, den ihre Professorin erwarte, und dass sie da lieber nichts riskieren wolle.

    Mir ging es in dem Text einfach darum, dass Rieske selbst auf der Basis der Daten, mit denen er hantiert, seine Schlussfolgerungen nicht halten kann. Dass die Daten zudem unzureichend sind, ist ein völlig richtiger und wichtiger Hinweis.

  • Auch der Hinweis ist wichtig. Die Bezeichnungen „Girls' Day“ und Boys' Day“ suggerieren eine Gleichbehandlung, die damit gar nicht beabsichtigt ist.

    Der Hinweis auf die Mädchenförderung passt, zum Beispiel, gut zu dem Punkt, dass (etwa in der GEW-Studie) schichtenspezifische Benachteiligungen gegen geschlechtsspezifische Benachteiligungen von Jungen ausgespielt werden. Das war, soweit ich sehe, andersherum niemals ein Argument gegen eine spezifische MÄDCHENförderung – obwohl man es da natürlich ebenso hätte konstruieren können.

  • Ich hab auch manchmal den Endruck, das ist eie durchgehende Haltung – nicht bei allen natürlich, aber in allen bereichen gibt es Beispiele dafür. Ich frag mich, woran das liegt – und glaube, dass feministsiche Positionen nur ein teil des Problems sind. Allgemein werden Jungen, dafür gibt es beispiele bei Frauen wie bei Männern, im Vergleich zu Mädchen eher als störend wahrgenommen. Jungen mit Problemen, so der (durchaus auch klischeehafte) Eindruck von vielen Lehrkräften, agieren offensiv, Mädchen mit Problemen halten sich eher zurück – was für den Unterricht natürlich wesentlich einfacher ist.

    Es ist also wohl kein Zufall, dass jungenfeindliche und autoritäre Haltungen sich so problemlos verbinden – wer in der Schule an der strikten Aufrechterhaltung von Ordnungen interessiert ist, nimmt Jungen im Vergleich zu Mädchen eher als Bedrohung wahr.

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