War Alice Schwarzer eine Vorkämpferin der Väterrechtsbewegung?

„Es bleibt ein ebenso gefährliches wie albernes Unterfangen, aus Körperfunktionen soziale Normen abzuleiten. Die Frau kann Kinder kriegen, an dieser Tatsache ist nicht zu rütteln. Doch ist es ebenfalls eine biologische Tatsache, dass das Kind seinen halben Chromosomensatz dem Vater verdankt. Ich ziehe daraus die Schlußfolgerung, dass die ersten neun Monate zwar die Mutter eine nicht austauschbare Rolle übernimmt, dass aber vom Augenblick der Geburt an beide Eltern gleichermaßen sich die Freuden und Sorgen um ihr Kind teilen können.“ Angela Barron McBride wird aus ihrem Text Das normal-verrückte Dasein als Hausfrau und Mutter zustimmend zitiert von – Alice Schwarzer, in deren Klassiker der neueren deutschen Frauenbewegung,  Der ‚kleine Unterschied‘ und seine großen Folgen aus dem Jahre 1975 (S. 219f.). Schwarzer selbst formuliert in vielen Passagen ihres Buches ganz ähnlich. Empört grenzt sie sich von der Sicht ab, dass der „Mutterinstinkt“ Frauen „angeblich nicht nur zum Kindergebären, sondern auch zum Kinderaufziehen besonders prädestiniert“ (218) und fragt in diesem Sinn: „Was aber würde die besondere Zuständigkeit von Frauen für Haushalt und Kindererziehung rechtfertigen, wenn nicht ein mystischer Mutterinstinkt?“ (219) „Ein Kind braucht Zuneigung, Anregungen und Pflege“, aber von wem dies komme, sei nicht entscheidend – „auf das Geschlecht der Person kommt es nicht an.“ (218f.) Schon vorher räsonniert sie: „Doch abgesehen von einem diffusen Gerede über die sogenannte ‚Weiblichkeit‘ ist die Männergesellschaft bisher noch die Antwort schuldig geblieben, warum ein Mensch mit Vagina länger arbeiten kann und eher bestimmt ist zum Windelwaschen und Geschirrspülen als ein Mensch mit Penis…“ (214) Und sie gelangt zu der Forderung: „Wir müssen hier und heute die Übernahme der Hälfte der Hausarbeiten durch die Männer fordern, statt uns mit ihrer gnädigen Mithilfe zu bescheiden.“ (228)

 
Abgesehen von einigen erwartbaren Klischees – dass „die Männergesellschaft“ Antworten schuldig bleibe, dass Frauen länger arbeiten würden als Männer und dem auffälligen Vermeiden der Frage, ob Frauen denn auch die Hälfte der Erwerbsarbeit leisten würden, wenn Männer die Hälfte der Hausarbeit übernähmen – könnten viele Passagen heute so auch in Texten von Vätern zitiert werden, die um den Kontakt zu ihren Kindern und ihre Rechte als Väter kämpfen. War Alice Schwarzer also eine Vorreiterin der Väterrechtsbewegung?

Schwarzer weiß, was Kinder brauchen Und wenn nein – warum eigentlich nicht? Schließlich sei eines der Hauptprobleme moderner Frauen, die sie in ihrem Text beschreibt, die Doppelbelastung durch Haus- und Erwerbsarbeit – und es ist nicht recht einsichtig, wie diese Doppelbelastung ohne sichere Einbindung der Väter vermeidbar sein sollte. Die Tatsache einerseits, dass Frauen in ihrem Buch grundsätzlich nur durch die Distanzierung von Männern und insbesondere von männlicher Sexualität ein halbwegs zufriedenes, selbstbestimmtes Leben aufbauen können, und die Forderung nach stärkerer Einbindung der Männer auf der anderen Seite passen offenkundig nicht zusammen.

Schon in einer von mir vorerst ausgelassen Passage wird deutlich, wie Schwarzer sich die Lösung dieses Problems vorstellt. „Ein Kind braucht Zuneigung, Anregungen und Pflege – von wem das kommt, ist gleichgültig. Das können eine oder mehrere Bezugspersonen sein, wobei es egal ist, ob es die biologischen Eltern oder andere Erwachsene sind.“ (218f) Die Sorge für die Kinder ist bei ihr keine Frage der Kooperation der Eltern, sondern (und das ist natürlich keine Überraschung) eine der allgemeinen gesellschaftlichen Verantwortung. „Der den Frauen eingeredete Mutterinstinkt macht möglich, daß die Gesellschaft sich vor der kollektiven Zuständigkeit für ihre Reproduktion drückt. Anstatt der biologischen Mutter die soziale Mutterschaft maximal zu erleichtern, wird sie für Frauen zur persönlichen Bürde, denn in ihrem Namen werden Frauen zur Gratisarbeit im Haus gezwungen und geraten so in ökonomische Abhängigkeit.“ (220) Es ist wohl eher Schwarzer, die sich hier drückt – die Verantwortung für die Widersprüche der eigenen Position wird als Aufgabe an die Gesellschaft (das heißt: an staatliche Institutionen) delegiert, die Verantwortung für die Lebensgestaltung erwachsener Frauen an die Kinder, die gleichsam als Agenten des Patriarchats erscheinen, auf der Mission, Frauen in die Abhängigkeit von der „Männergesellschaft“ hineinzuzwängen.

Repräsentiert aber wir diese Männergesellschaft eben durch konkrete Männer – nicht allein durch die eigenen Väter (Schwarzer wendet sich entschieden gegen die Herleitung von gegenwärtigen Problemen einer Frau aus ihrer Vaterbeziehung, S. 196), sondern vor allem aus der Beziehung mit dem gegenwärtigen Partner und – möglicherweise – dem Vater der eigenen Kinder. Die Forderung nach einer gleichteiligen Übernahme der Hausarbeit durch die Männer setzt sie fort: „Auch wenn es schwerfällt, auch wenn dieser tägliche Kleinkrieg lästig und ‚peinlich‘ ist. Denn unsere wichtigsten Schlachten werden heute leider nicht in historischen Dimensionen entschieden, sondern beim kleinkrämerischen Tellerspülen und – zählen in der Küche. Wir müssen lernen, an uns selbst zu denken.“ (228)

An Schwarzers Überlegungen lässt sich zeigen, wie wenig sinnvoll der Begriff „Patriarchat“ ist, der dann zu einem zentralen Begriff der Frauenbewegung wurde (Schwarzer selbst schreibt 1975 eher über „Patriarchen“ als über „das Patriarchat“). Das liegt einerseits an den realen Machtverhältnissen. Würde jemand eine Herrschaft der Südhessen, der Sandalenträger oder der Finno-Ugristen behaupten, dann wäre das selbstverständlich absurd. Es wäre aber angesichts der realen Rechtsposition von Vätern in Deutschland immer noch rational gegenüber der Vorstellung, wir lebten in einer „Herrschaft der Väter“ oder einer des „pater familias“ (dazu näher Heike Diefenbachs Text Das Patriarchat. Bedeutung, empirischer Gehalt, politische Verwendung). 

Vor allem aber wird an der Vorstellung der Entscheidungsschlacht beim Tellerzählen an der Küchenspüle deutlich, warum ein politischer Kampfbegriff wie der des „Patriarchats“ oder der „Männerherrschaft“ so notorisch ungeeignet ist zur Analyse politischer Strukturen. Es geht hier (wie in vielen anschließenden Überlegungen) eben gerade darum, die Zumutung, in Strukturen zu denken, abzuwehren und strukturelle Probleme zu personalisieren. Der Partner, wahlweise auch der Vater, der Arbeitskollege, der Kneipengast oder der Vorgesetzte stehen jeweils für allgemeine Herrschaftsstrukturen – sie werden von Schwarzer allesamt imaginiert als blinde, rücksichtslose, primitive, oft auch schlicht geile Profiteure einer bis in die persönlichsten menschlichen Beziehungen, und gerade dort, destruktiv agierenden Männerherrschaft. Die reaktionäre programmatische Personalisierung politischer Herrschaftsstrukturen, die jeden Mann als Akteur dieser Herrschaft phantasiert, und die pauschale, feindselige Abwertung von Männern (ein Beispiel von vielen möglichen: „Männer sind so pervertiert, daß ihnen der Gedanke, sich das Recht auf einen menschlichen Körper kaufen zu können, noch nicht einmal obszön zu sein scheint, sondern selbstverständlich. Die Ärmsten sind so kaputt, daß sie diese fünf Minuten Reibung für Sexualität halten…“, S. 94) sind zwei Seiten derselben Medaille.

Schwarzer und die Kindstötung Etwas mehr als dreißig Jahre später. Im Jahr 2008 veröffentlicht Schwarzer in ihrer „Emma“ den Text „Die Einsamkeit der Mütter“ zum 1998 gestrichenen Paragraphen 217. In diesem Paragraphen wurde die „Kindstötung“ nicht als Mord oder Totschlag bewertet und entsprechend geringer bestraft – unter der Voraussetzung, dass das Kind a.) nichtehelich war und b.) während oder bald nach der Geburt c.) von seiner Mutter getötet wurde. Schwarzer fordert nicht nur eine Wiedereinführung, sondern auch eine Ausweitung: „Ein kurzer Prozess könnte die Wiedereinführung des § 217 sein, aber diesmal nicht eingeschränkt auf die Tötung ‚unehelicher‘, sondern für alle Neugeborenen.“ Warum aber sollten Mütter, die Neugeborene töten, geringer bestraft werden, als sie für die Tötung älterer Menschen bestraft würden?

Schwarzer ist sich sicher, dass die tötenden Frauen in großer Not handeln und dass auch Hilfsangebote wie etwa Babyklappen sie nicht erreichen würden. Nun könnte unterstellt werden, dass möglicherweise auch andere Totschläger und Mörder zumindest ihrem subjektiven Empfinden nach aus einer Notsituation heraus handeln – worin also besteht der Unterschied zu diesen Müttern sein, die ja immerhin auf eine große Vielfalt staatlicher und weiterer Hilfsangebote zurückgreifen könnten? „Eines ist klar: Der einzige wirkliche Schutz, den es für ein Neugeborenes gibt, wäre die Akzeptanz durch die Mutter – und ihre Stärke, ein eventuell bedrohtes Kind zu schützen. Darum wäre auch die einzige Lösung dieses traurigen Kapitels das Ende der Abhängigkeit und Angst der Mütter (…). Das ist ein langer Prozess und er heißt: Emanzipation.“ Dass es ja gerade die Mutter ist, von der hier offenbar die Bedrohung ausgeht –  das ist für Schwarzer hier nicht interessant. Schon wenn es allein um Schläge, nicht um die Tötung eines Menschen ginge, wäre es absurd, einen Gewaltakt als „fehlende Stärke zum Schutz des Opfers“ umzudefinieren, aber auch das ist für sie nicht von Belang. Die Tat der Mutter ist für Schwarzer nur zu erklären als verzweifelte Reaktion auf die Abhängigkeiten, in denen sie sich befindet.

Sie nicht lange einzusperren, ist im Text aber nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern dient – und das meint Schwarzer todernst – dem Kindeswohl. „Übrigens: In den meisten Fällen sind die Frauen, die ein Neugeborenes nicht leben lassen, schon Mütter – und fast immer gute Mütter. Doch in der Regel gehen sie dann ins Gefängnis, und ihre Kinder bleiben bei dem Vater zurück. Bei dem Mann, der wegguckt, schweigt, droht. Und in den meisten Fällen auch schlägt.“

Interessant sind hier nicht nur die genretypischen Absurditäten eines Emma-Texts wie die erstaunliche Selbstverständlichkeit, mit der Schwarzer von dem offenkundigen und massiven Gewaltakt einer Mutter auf die von ihr nirgends belegte oder auch nur angesprochene Gewalttätigkeit des Vaters schließt – oder die Infantilisierung der Frau, die nicht für ihre Tat verantwortlich gemacht werden kann, weil der eigentlich Verantwortliche ja immer der Mann sei. Erstaunlich ist vor allem die programmatische, aber auch pathologisch anmutende Empathielosigkeit, die sich hinter der übergroßen Bereitschaft zum Mitfühlen mit der als verzweifelt imaginierten Mutter verbirgt. Schwarzer kommt gar nicht erst auf den Gedanken, dass es für Kinder eine Last sein könnte, bei einer Mutter leben zu müssen, die bereits ein Geschwisterkind getötet hat – selbst die Mutter, die ihr Kind umbringt, ist in Schwarzers Augen ganz gewiss eine „gute Mutter“. Sie kommt schon gar nicht auf die Idee, dass es für einen Vater ungeheures Leid bedeuten könnte, wenn sein Kind umgebracht wird – und die überlebenden Kinder dann auch noch bei der Täterin leben müssen.

 
 
Widersprüche? Welche Widersprüche? Interessant sind Schwarzers Argumentationen aus zwei Gründen. Zum einen wird deutlich, wie souverän sie die Erwartung einer kohärenten Position ignoriert. Sie ist egalitär, aber nur, soweit es um Rechte der Frauen, aber selbstverständlich nicht, soweit es um Rechte der Männer geht. Sie fordert eine Einbindung der Männer und beklagt die „Einsamkeit der Frauen“, meint aber, der Vater müsse auch und gerade dann vom Kind ferngehalten werden, wenn die Mutter eines der Kinder schon getötet hat. Sie bezieht unbekümmert Positionen eines Differenzfeminismus, die sie ansonsten bekämpft, beklagt mutterkultische Klischees, fordert aber exklusive, bis zum Strafrabatt auf Kindstötungen reichende Rechte für Mütter – so dass sie auch zu extremen Formen solcher Klischees, die eine unverrückbare Einheit von Mutter und Kind imaginieren, problemlos anschlussfähig ist. In eben diesen Inkohärenzen aber ist Schwarzer über die Jahrzehnte hinweg sehr konsequent (es ist erstaunlich, wie wenig sich in ihrem Denken ändert, obwohl sich an den Bedingungen, die sie zu beschreiben vorgibt, sehr viel geändert hat). Wer feministische Positionen kritisiert, begegnet ja oft der Kritik, dass er, oder auch sie, schon genauer angeben müsse, welchen Feminismus er denn meine, er könne doch nicht alle über einen Kamm scheren. Schwarzer ist ein Beispiel dafür, wie wohlfeil eine solche kritische Erwiderung sein kann – ihre Positionen wechseln jedenfalls so beliebig, dass man schon jedes Mal genaue Seiten- und Zeilenangaben machen müsste, um einzugrenzen, über welchen von Schwarzers Feminismen man gerade spricht.

Wichtiger noch aber ist, dass bei einer Lektüre Schwarzers deutlich wird, wie schwerwiegend es ist, wenn Vätern Pflichten abverlangt, aber keine Rechte zugestanden werden. In dieser Rechtsposition drückt sich einerseits eine erhebliche Feindseligkeit gegenüber Männern aus, andererseits aber auch eine gegenüber Kindern. Nicht nur ihre Konsequenzen sind dabei kinderfeindlich, nämlich die Reduzierung von Vätern auf Zahlväter und Samenspender, sondern auch schon ihre gedanklichen Voraussetzungen. Kinder erscheinen als Zumutungen für Mütter, als Zwang, der sie in eine Männerordnung einbindet – und so ist es nur konsequent, nicht etwa die Präsenz der Väter, sondern allein ihre zahlungskräftigen Abwesenheit eine legitime Erleichterung für Mütter zu entdecken. Schwarzers Text aus dem Jahre 2008 ist absurd, auch verrückt – er ist aber eben verrückt in der Konsequenz, mit der Schwarzer diese Positionen auch in Situationen durchdekliniert, in denen selbst ihr offenkundig werden müssten, dass irgendetwas an ihren Schlussfolgerungen nicht stimmen kann.

 
Umso gravierender ist es, dass mit solchen Positionen weiterhin unbekümmert und erfolgreich Politik gemacht werden kann.
 
 
 
Alle nicht durch Links belegten Zitate aus:
Alice Schwarzer: Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen. Frauen über sich – Beginn einer Befreiung, Frankfurt am Main 1975

Wie man Gewalt gegen Männer und Kinder fördert (und das als gute Politik verkauft)

Zugegeben: Ein Blog zu betreiben hat eine Menge mit dem Senken von Schamschwellen zu tun. Beispielsweise habe ich, bevor ich dieses Blog hier gestartet hatte, noch nie ungefragt längere und gar öffentliche Briefe an andere mir eigentlich unbekannte menschliche Wesen geschrieben, und nun mache ich es gerade schon zum dritten Mal. Ich kann mich aber zu meiner Entschuldigung darauf berufen, dass ich in jedem Fall provoziert worden bin. Heute beispielsweise durch folgendes Bild:

Keine Gewalt gegen Frauen und ihre Kinder – das ist der Name eines „Landesaktionsplans“ der Landesregierung Brandenburg. Natürlich, ich bin kein Brandenburger, sondern Niedersachse – aber da solche Slogans ohnehin länderübergreifend wirken (ich habe das Bild beispielsweise der Homepage einer kommunalen Website des hessischen Wetteraukreises entnommen) und da sich in Brandenburg gerade eine neue Gleichstellungsbeauftragte mit einem eigentlich sehr schönen und passenden Zitat vorgestellt hat, dachte ich, ich schreibe ihr einfach einmal.
Sehr geehrte Frau Hübner,
„Ein Verstand, der die Füße in einem Sack von Vorurteilen stecken hat, der kann nicht nach dem Ziel laufen“ – dieses Bettina von Arnim-Zitat, mit dem Sie sich im Internet präsentieren, ist ein wichtiger Grund, warum ich Ihnen schreibe. Ihr Bundesland Brandenburg (für mich als Niedersachsen knapp ein Nachbarbundesland, in dem ich aber aus privaten Gründen häufig bin) nennt einen von 2011 bis 2014 laufenden Aktionsplan zur häuslichen Gewalt „Keine Gewalt gegen Frauen und ihre Kinder“  – und schafft es also, in sieben Wörter in gleich mehrere große Säcke von Vorurteilen unterzubringen.

Gewalt gegen Männer? Nicht so schlimm Zunächst einmal hab ich mich als unbefangener Leser natürlich gefragt, warum das Land Brandenburg Gewalt gegen Männer ganz in Ordnung findet und einen eigenen Aktionsplan aufstellt, um das der Welt auch mitzuteilen. Und nein, das ist keine Überinterpretation. Würde jemand behaupten: „Ich lehne es ab, Männer oder Kinder zu schlagen!“ – dann würden andere zurecht davon ausgehen, dass er Frauen zu schlagen nicht in gleichem Maße ablehnt. Und würde jemand sagen: „Gestern habe ich mein Kind nicht geschlagen.“ – dann würden viele mit guten Gründen davon ausgehen, dass er an anderen Tagen sein Kind schlage. Auch auffällige Auslassungen drücken eben etwas aus.

Nun könnten die Verantwortlichen natürlich einwenden, dass Gewalt gegen Männer nun einmal kein sonderliches Problem sei. Aber erstens räumt der Aktionsplan selbst ein, dass es auch häusliche Gewalt gegen Männer gibt (er sieht nur keinen Anlass, aus dieser Einsicht auch Konsequenzen zu ziehen), und zweitens gibt es mittlerweile hunderte von internationalen und nationalen Studien, die zeigen, dass Männer in etwa gleichem Maße wie Frauen von häuslicher Gewalt betroffen sind. Das Land Brandenburg beruft sich auf Hellfelddaten, die Kriminalstatistiken, und lässt dabei außer Acht, dass sich die Ergebnisse von Dunkelfelduntersuchungen zur häuslichen Gewalt an Männern davon erheblich unterscheiden und dass es plausible Erklärungen für diese Unterschiede gibt: Männer schämen sich erheblich für die erfahrene Gewalt; sie erwarten (aus guten Gründen), dass entsprechende Anzeigen gar nicht ernst genommen würden oder dass sie gar selbst als Schuldige dargestellt würden; sie finden anders als Frauen kein Netz von Institutionen wie Frauenhäusern etc., an die sie sich wenden könnten (und deren Anliegen zum Teil eben auch ist, Dunkelfeld- in Hellfelddaten zu überführen); und sowohl Männer als auch Frauen nehmen Gewalt an Männern oft als weniger gravierend wahr, ebenso die Gewalt durch Frauen.

Man müsste sich also nicht einmal darüber streiten, ob nun tatsächlich Gewalt an Männern im häuslichen Bereich ebenso häufig ist wie an Frauen, oder ob sie ebenso gravierend ist – klar ist in jedem Fall, dass auch Männer häusliche Gewalt erfahren, durch Frauen, und dass diese Erfahrung nicht marginal, sondern wie Gewalt an Frauen ein bitterer Teil der Normalität ist. Gleichwohl sieht der Aktionsplan viele Maßnahmen zur Unterstützung von Frauen vor, für Männer ist ein einziger kleiner Bereich reserviert, nämlich die „Täterarbeit“. Das ist absurd, aber wenn es nicht um Gewalt ginge, wäre es auch sehr komisch: Vermutlich entstünde erst dann eine Möglichkeit, im Bereich politischer Institutionen auch die häusliche Gewalt gegen Männer zu thematisieren, wenn einmal gewalttätige Frauen sich darüber beschweren würden, dass es zu wenige Möglichkeiten der Täterinnenarbeit gibt.

Der erste Teil des Slogans „Keine Gewalt an Frauen und ihren Kindern“ suggeriert also entweder, dass es keine oder keine nennenswerte Gewalt an Männern (und durch Frauen) gebe – dann ist er schlicht falsch. Oder er suggeriert, dass Gewalt an Männern nicht so schlimm sei, und dass man sie nicht ernst nehmen müsse – dann ist er unvertretbar. In jedem Fall verbreitet der Satz, aus Steuermitteln, sexistische Vorurteile.

Gewalt gegen Kinder? Kommt drauf an Noch schlimmer aber, soweit das möglich ist, finde ich den zweiten Teil des Satzes. Warum eigentlich das besitzanzeigende Fürwort in dem Satzteil „und ihre Kinder“, warum reicht nicht die schlichte Formulierung „Keine Gewalt gegen Kinder“? Kinder haben, so zumindest meine letzten Informationen, nicht nur jeweils eine Mutter, sondern auch einen Vater, und sie sind eigentlich weder mütterlicher noch väterlicher Besitz. Einen Anspruch auf Schutz vor Gewalt haben sie in jedem Fall, ob nun ihre Beziehung zur Mutter oder ihre Beziehung zum Vater mehr betont wird – sie haben nicht erst dadurch einen Schutz vor Gewalt, dass der Schutzanspruch von Frauen großmütig auch auf sie ausgeweitet wird. Auf eines Website des hessischen Wetterau-Kreises habe ich den Brandenburger Slogan zum ersten Mal gelesen – dort war, passenderweise, „Keine Gewalt gegen Frauen“ ganz groß geschrieben, „und ihre Kinder“ war ganz klein, gleichsam als Appendix, daruntergesetzt.

Die Bebilderung auf einer Homepage des zuständigen Brandenburger Familienministeriums unterstützt die seltsame Besitzanzeige des Slogans noch – hier erscheinen Mutter und Kind als Einheit, und man kann vermuten, dass es der Vater ist, der beide bedroht.

Von der Seite „Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und ihre Kinder“, Ministerium für Arbeit, Soziales, Frauen und Familie; Brandenburg
Und das, mit Verlaub, spinnt nicht mehr nur gedankenlos bestehende Geschlechtervorteile weiter, das ist eine sexistische und zudem auch kinderfeindliche Propaganda aus Steuermitteln. Sämtliche mir bekannten Untersuchungen zur Gewalt gegen Kinder kommen seit Jahrzehnten stabil entweder zu dem Schluss, dass Gewalt gegen Kinder gleich häufig und gravierend von Müttern und Vätern verübt wird, oder zu dem Schluss, dass die Gewalt von Müttern an Kindern häufiger und/oder gravierender ist als die von Vätern. Es gibt überhaupt keine – keine einzige – seriöse Untersuchung, die zu dem Schluss kommt, Gewalt gegen Kinder sei eine reine Männerangelegenheit.

Anstatt Kinder vor Gewalt zu schützen, ist der Brandenburger Aktionsplan also in mehrfacher Weise geeignet, Gewalt gegen Kinder zu fördern. Er suggeriert nämlich gewalttätigen Müttern, dass ihre Gewalt nicht problematisch sei, weil die eigentlich problematische Gewalt gegen Kinder von Männern verübt werde. Er spielt zudem eine Begleitmusik zur – aufgrund der Gesetzeslage und Rechtsprechung leider noch immer weit verbreiteten – Praxis des Vater- und Kindesentzugs, die sowohl Vätern als auch Kindern gegenüber erheblich gewalttätig ist und die für beide, wie ja gut belegt ist, in der Regel massive negative Folgen hat. 

Blockaden Bitte verstehen Sie aber meinen Brief nicht so, dass ich meinen würde, Brandenburg hätte, was die Geschlechterpolitik angeht, ein spezifisches Problem. Hier in Niedersachsen beginnt die Website der kommunalen Gleichstellungsbeauftragten mit den absurden Worten „Die Bestellung von Gleichstellungsbeauftragten ist notwendig, um den Interessen von Frauen in ihrem unmittelbaren Lebensbereich Geltung zu verschaffen (…)“ (auch hier gehen die Verantwortlichen selbstverständlich davon aus, dass der Titel der Gleichstellungsbeauftragten legitimerweise und selbstverständlich nichts anderes sein könne als eine kaschierende Bezeichnung für die Frauenbeauftragte); der „aktuelle Stand der Forschung“ (Zitat) zum Thema der häuslichen Gewalt wird auf der entsprechenden ministeriellen Website mit einem Text aus dem Jahr 1999 wiedergegeben, der allein Frauen als Opfer häuslicher Gewalt anerkennt; das einzige Angebot für Männer auf dieser Website – neben vielen Hilfsangeboten für Frauen – besteht in dem Selbsttest „Sind Sie gewalttätig?“ (auf der dort verlinkten Seite „4Uman“, „Für Dich, Mann“) . Brandenburg hat gewiss kein Monopol auf Absurditäten in der Geschlechterpolitik.

Sie aber schreiben in Ihrer Vorstellung (und das ist ein wesentlicher Grund, warum ich mich – obwohl ich Niedersachse bin – überhaupt an Sie wende): Festgefügte Rollenzuschreibungen sind in allen Köpfen – ob weiblich oder männlich, ob jung oder alt. Ziel ist, dafür zu sensibilisieren und dadurch Geschlechterrollen aufzubrechen. Denn Schubladendenken begrenzt Entfaltungsspielräume. Solche Blockaden beiseite zu räumen, setzt verschüttete Potenziale und Kreativität frei, es fördert die individuelle Lebensgestaltung, steigert die Lebensqualität und stärkt den gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhalt.“ Ich gehe einmal davon aus, dass in Ihren Augen nicht nur Frauen Opfer von „Schubladendenken“ werden – denn das wäre ja offensichtlich selbst ein vorurteilsvoller Ansatz.

Der Brandenburger Landesaktionsplan nun betoniert bestehende Zuschreibungen, besteht – gegen alle seriösen Forschungen – de facto darauf, dass Männer allein Täter, Frauen allein Opfer sind und dass Kinder einerseits (zu) den Müttern gehören und andererseits durch die Väter bedroht sind. Das unterstützt Gewalt von Partnerinnen gegen Männer, und das unterstützt Gewalt von Müttern gegen Kinder. Wäre es nicht eine gute Idee, das, was Sie schreiben, auch selbst ernst zu nehmen und sich um Änderungen des Aktionsplans zu bemühen?

Ich bin Lehrer. Ich erlebe die meisten Schülerinnen und Schüler (obwohl ich an einer Schule in einem problematischen Gebiet arbeite) nicht als gewalttätig, und abgesehen davon erlebe ich Gewalt von Schülern gegen Schüler, von Schülern gegen Schülerinnen, vom Schülerinnen gegen Schüler und von Schülerinnen gegen Schülerinnen. (Interessant wäre es, jetzt auch noch Lehrerinnen und Lehrer zuzuordnen, aber darum geht es mir im Moment nicht.) Würden wir, die wir an der Schule arbeiten, uns allein auf eine dieser Mengen konzentrieren, auf die Gewalt von Schülern gegen Schülerinnen,  dann würden wir in doppelter Hinsicht unserer Aufgabe nicht gerecht. Wir würden einerseits sexistische Klischees – Schüler allzeit als Täter, Schülerinnen allzeit als Opfer – verbreiten. Wir würden uns andererseits bei vielen Fällen von Gewalt schlicht selbst für unzuständig erklären und wären so gar nicht in der Lage, Gewalt an der Schule angemessen zu regeln und zu verhindern.

Ein Aktionsplan gegen häusliche Gewalt, der keine sexistischen Klischees reproduziert, der tatsächlich das Ziel hat, die Beteiligten – nicht allein, aber insbesondere die Kinder – vor Gewalt zu schützen, anstatt die Gewalt gegen einige der Beteiligten (gegen Männer, aber eben auch gegen Kinder, soweit die Gewalt von Frauen verübt wird) zu verharmlosen – das wäre ein Aktionsplan, der tatsächlich einmal Blockaden beiseite räumen würde, anstatt neue aufzuschichten. 

 Mit freundlichen Grüßen

Über den Umgang mit Jungen

Jungen sind aggressiver, entwickeln sich später, sind desinteressierter, weniger anpassungswillig, weniger engagiert, fauler, lesefauler, nachlässiger, rechthaberischer, sprachlich unbegabter, weniger eloquent, computerspielsüchtiger, sozial inkompetenter, dominanzorientierter, gewaltbereiter als Mädchen – Resultat eines kurzen Brainstormings aus Texten, die ich in den letzten drei Wochen über Jungen in der Schule gelesen habe. Angesichts dieser Masse an negativen Eindrücken ist es verwunderlich, dass überhaupt noch jemand Jungen in der Schule unterrichten will.

Mein Eindruck: Wenn überhaupt einmal jemand wohlwollend über Jungen schreibt, dann entschuldigt er ihre Defizite, führt beispielsweise eine größere Unruhe und Aggressivität auf einen stärkeren Bewegungsdrang zurück, dem in der Schule nicht genug Rechnung getragen werden. Nur ausnahmsweise aber finde ich Texte, in denen Verhaltensweisen von Jungen als Qualitäten beschrieben werden – wie beispielsweise „Die Schule – ein weibliches Biotop?“ des Zürcher Professors und Psychologen Allan Guggenbühl, der beschreibt, dass Jungen versuchten, mit ihrer Form der Kommunikation soziale Situationen zu dynamisieren (was ihnen dann von Lehrkräften als aggressives Kommunikationsverhalten ausgelegt werden kann).

junge schule

Natürlich entwickeln sich Klischees wie die eingangs skizzierten zu self-fulfilling prophecies – wer als Erwachsener Jungen auf diese Weise wahrnimmt, wird kaum vernünftig und angemessen mit ihnen umgehen können und möglicherweise eben gerade die Verhaltensweisen produzieren, die er ihnen dann zum Vorwurf machen kann.

Vor Kurzem habe ich von den Ergebnissen einer Lehrerfortbildung erfahren, bei der es um Jungen als Bildungsverlierer ging. Die Kollegen hatten sich mit vielen Aspekten des Problems auseinandergesetzt: Dass Jungen und Mädchen verschieden seien und so auch akzeptiert werden müssten (eigentlich eine Selbstverständlichkeit, wenn es keine „geschlechterbewusste Pädagogik“ gäbe, die davon ausgeht, dass alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern soziale Konstruktionen sein und beliebig umkonstruiert werden könnten), dass Jungen einen großen Bewegungsdrang hätten, dem die Schule auch gerecht werden sollte, dass sie sich für andere Lektüren interessierten als Mädchen, später reiften etc. Ein Aspekt aber wurde ausgelassen: nämlich die Frage, welche Rolle eigentlich die Lehrkräfte im Hinblick auf die schulischen Nachteile von Jungen spielen. Insofern waren die Ergebnisse der Fortbildung informiert, aber nicht reflektiert.

Die „antisexistische Jungenarbeit“, die hier schon Thema war, reagiert auf diese Situation mit einer Boot-Camp-Methodik – der Junge in seiner Orientierung an der „hegemonialen Männlichkeit“ muss erst einmal destruiert und dann als neuer Mann wieder aufgebaut werden. Dazu macht dann zum Beispiel die vom Verein „Dissens“ herausgegebene und selbstverständlich aus öffentlichen Mitteln finanzierte Schrift „Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule“ den Vorschlag, den Kindern im Unterricht nicht mehr nur das Binnen-I beizubringen (was übrigens kein vernünftiger Mensch tut), sondern auch den Unterstrich („Hochstapler_innen“), der auch die Inklusion der Transsexuellen signalisiert. (S. 67)

Da ich gerade im Urlaub bin und einen Freund besuche, der ebenfalls Lehrer ist und außerdem zwei Söhne hat, entwickelten wir eines Tages – genauer: gestern und heute Abend – übermütig das Gefühl, uns würden möglicherweise NOCH bessere Vorschläge zur Förderung von Jungen in der Schule einfallen als dem Dissens-Verein, dessen große Kompetenz möglicher- und unglücklicherweise an der Lebensrealität von Jungen und Mädchen ein bisschen vorbeigeht. Unsere Frage, die wir gestern einige Stunden lang gemütlich diskutierten, war: Was können denn eigentlich der einzelne Lehrer oder die einzelne Lehrerin tun, um Jungen in der Schule angemessen zu fördern? Hier sind unsere Top Ten, Zehn Gebote oder Goldene Regeln:

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Die männliche Tragödie

Die „männliche Tragödie“ bescheibt Warren Farrell in seinem Buch The Myth of Male Power folgendermaßen: „The male tragedy (…) is that showing our love by providing takes us away from showing our love from connecting. Thus, loving our sons has taken us away from loving our sons.“ (Farrell 1993, S. 82) Gerade durch die männliche Art der Fürsorge für die Kinder (nicht nur für die Söhne, auch bei Farrell nicht), ihrer finanziellen Versorgung durch die Erwerbsarbeit, entfernten sich die Väter von ihnen – gerade diese (wenn auch notwendige) Art, die Kinder zu lieben, hindere sie daran, ihre Kinder zu lieben.

Was Farrell, etwas pathetisch klingend, aber sehr stimmig als „tragischen“ Konflikt der traditionellen Männerrolle beschreibt, hat sich in den letzten Jahrzehnten, also in Zeiten einer vorgeblichen Auflösung traditioneller Geschlechterzuordnungen keineswegs entschärft, sondern sogar noch zugespitzt. Ein Beispiel – ein schroffes, aber nur eines unter vielen – ist der Konflikt zwischen Interessen von Samenspendern und ihren biologischen Kindern, der ja auch hier im Text und in den Kommentaren schon Thema war. Tatsächlich lässt sich der Konflikt, den Farrell skizzierte, aber noch viel weiter fassen.

Mann vs. Vater, Vater vs. Kind Farrells Statement widerspricht einer landläufigen Binsenwahrheit – dass Männer immer die Möglichkeit gehabt hätten, Karriere zu machen UND Kinder zu haben, während Frauen sich immer für das eine oder das andere hätten entscheiden müssen. Vermutlich schwingt bei dieser Einschätzung häufig die leicht ressentimentlastige Fehleinschätzung mit, dass die Erwerbsarbeit insgesamt ein bereichernder Beitrag zur eigenen Verwirklichung sei, die Sorge für die eigenen Kinder hingegen vor allem vergleichsweise viel Aufopferung und Anstrengung erfordere. Wichtiger noch ist, dass die zitierte Binsenwahrheit Farrells Punkt schlicht übersieht – dass es nämlich für Männer durchaus nicht rundweg ein Vergnügen, sondern auch eine Belastung sei, sich von den eigenen Kindern entfernen zu müssen, um für sie zu sorgen.
Natürlich gibt es einfache sachliche Widersprüche zwischen den Interessen von Erwachsenen und denen ihrer Kinder – wer Mutter oder Vater wird, muss sich selbstverständlich darauf einstellen, das bisher gewohnte Leben nicht bruchlos fortsetzen zu könne. Doch dort, wo Frauen von diesen Widersprüchen betroffen sind, suchen politische Institutionen immerhin nach Möglichkeiten zur Linderung suchen, während sie in anderen Zusammenhängen die Widersprüche für Männer sogar noch verschärfen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nehmen etwa signifikant mehr Männer als Frauen als Problem wahr. „So sind Väter von Kindern unter 18 Jahren zu 88 % der Meinung, dass sich Familie und Beruf in Deutschland nicht gut miteinander vereinbaren lassen (IfD Allensbach 2011). Mütter von Kindern unter 18 Jahren äußern diese Meinung „nur“ zu 78 %. Die große Mehrheit der Betroffenen sieht demnach ein Vereinbarkeitsproblem. Doch die weniger stark betroffenen Männer sind in dieser Hinsicht problembewusster als die eigentlich stärker betroffenen Frauen.“ Es ist interessant, dass das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, aus deren Schrift „Keine Lust auf Kinder?“  dieses Zitat stammt (S. 44f.), die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf trotz offenkundig widersprechender Daten selbstverständlich weiterhin als Frauenproblem beschreibt. Möglicherweise ist dies sogar ein Glück: Auf diese Weise können Männer vielleicht, wenn auch zufällig, in manchen Fällen von staatliche Hilfen zur Unterstützung von Müttern profitieren – würde das Problem als Väterproblem wahrgenommen, dann würde wohl eher von den Vätern allein verlangt werden, es zu lösen.
Gleichwohl stehen natürlich weiterhin viele Frauen vor dem Problem, zugunsten der Sorge für die Kinder berufliche Perspektiven hintenanzustellen. Das ließe sich tragfähig nur ändern, wenn Männer stärker in die Kinderbetreuung eingebunden wären – doch ausgerechnet hier sind es vor allem Frauen, in Lobbygruppen wie dem Alleinerziehendenverband oder in den Parteien, die eine Stärkung der schwachen rechtlichen Position von Vätern nach Kräften verhindern.
„Wie kann die Frauenbewegung glaubwürdig Väter verfluchen, die den Nachwuchs vernachlässigen – und auf jene eindreschen, die sich kümmern wollen? Wie kann sie Beteiligung bei der Erziehung fordern und gleichzeitig die Ausgrenzung propagieren?“ fragt schon Matthias Matussek in seinem Buch Die vaterlose Gesellschaft (Neuauflage 2006, S. 26f.) Der hier skizzierte Widerspruch hat für Väter die Konsequenz, dass ihr Verhalten in jedem Fall als schädlich für das Kindeswohl erscheinen kann – ganz gleich, ob sie sich nun distanzieren oder ob sie für ihr Kind präsent sein wollen. In der Situation entsorgter Väter zeigt sich der von Farrell skizzierte tragische Konflikt besonders deutlich. Die Aufspaltung der Elternbeziehung in Sorgeberechtigte und Unterhaltspflichtige überspitzt die traditionellen Funktionen von Müttern und Vätern auf absurde Weise, und die (regelmäßig zugeteilte) Unterhaltspflicht der Väter ist direkt daran gekoppelt, dass ihnen zugleich die Möglichkeit der Sorge für ihre Kinder vorenthalten wird. Da der Entzug eines Elternteils für die Kinder in vielfacher Weise ungünstig ist, sehen sich Väter mit der verrückten gesetzlichen Verpflichtung konfrontiert, eine Situation zu finanzieren und auf Dauer zu ermöglichen, von der sie wissen, dass sie ihnen selbst und ihren Kindern erheblich schadet.

In Deutschland hat sich der von Farrell skizzierte Konflikt spätestens also seit der Erneuerung des Scheidungsrechts in den Siebziger Jahren und dann durch die verbissene Verweigerung einer Gleichberechtigung von nichtehelichen Vätern und Müttern noch einmal zugespitzt. Auch Väter, die noch mit der Mutter ihrer Kinder zusammenleben, können sich durch die Perspektive, bei einer Trennung den Kontakt zu den Kindern zu verlieren, unter Druck gesetzt sehen – um den Kontakt zu den Kindern nicht zu verlieren, eine Beziehung auch dann aufrechtzuerhalten, wenn sie für sie selbst und auch für die Kinder belastend ist. Es ist insgesamt rationaler für Väter, ihre Perspektive im Beruf als in der Kinderbetreuung zu suchen, weil auch eine intensive Sorge für die Kinder sie nicht davor schützen kann, nach einer möglichen Trennung mit hoher Wahrscheinlichkeit den Kontakt zu ihnen  ganz oder weitgehend zu verlieren.
Beständig also stehen Männer vor Widersprüchen zwischen ihren Interessen und den Interessen ihrer Kinder, die so nicht nötig, sondern durch politische Bedingungen produziert sind. Auch Männer, die aufgrund dieser Situation kinderlos bleiben, sind davon erheblich betroffen, gestalten ihn  zwar anders als Väter, leisten aber auch einen erheblichen Verzicht. Lediglich Männer, die aus welchen Gründen auch immer ohnehin kein Interesse an der Vaterschaft haben, bleiben von diesem Widerspruch verschont, doch auch dies eher zufällig. Auch für sie kann sich die Situation jederzeit verschärfen – etwa dann, wenn sie ungewollt Vater werden.
Auch in dem Konflikt zwischen Samenspendern und Spenderkindern drückt sich dieser Widerspruch aus. Die Spender haben ja durchaus legitimen Grund, auf ihrer zugesicherten Anonymität zu bestehen, und sie haben gute Gründe, Unterhaltszahlungen zu befürchten.  Gleichwohl haben auch die Kinder plausible und legitime Gründe, auf Informationen über ihre Abstammung zu pochen. Die erfolgreiche dänische Storkklinik wirbt damit, dass etwa 50% ihrer Kundinnen, die sich dort künstlich befruchten lassen, Alleinerziehende sind  – die künstliche Befruchtung ist keineswegs mehrheitlich letzter Ausweg für verzweifelte kinderlose Paare, sondern ein Angebot für Frauen, sich statt mit einer Katze oder einem teuren Möbelstück doch auch einmal mit einem Kind auszustatten. Wenn die Spender, aus was für guten Gründen auch immer, auf ihrem Recht auf Anonymität pochen und Kindern das Recht auf Informationen über die Spenderväter verweigern, dann wenden sie sich gegen die falschen Gegner und totalisieren nur die Verfügbarmachung der Kinder für Mütter.
 
Ministerium für alles außer Männer Tatsächlich müsste es Ziel einer demokratischen Politik sein, tragische Konflikte zu vermeiden oder zu moderieren – und das sind, zumindest wenn man Hegel glauben kann (was man oft nicht kann, aber in diesem Punkt schon – doch zurück zum Text:), zugespitzte Konflikte zwischen Positionen, die jeweils für sich legitim und berechtigt, aber nicht vereinbar sind. Wenn es jedoch um Männer und Vaterschaft geht, werden solche Konflikte regelrecht gezielt produziert. Ein absurdes Beispiel ist der Zuschnitt des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das – wie aus seinem Titel unschwer erklärbar ist – gern von interessierter, nämlich männerrechtlicher Seite spöttisch als „Ministerium für alles außer Männer“ bezeichnet wird. Dass dort mittlerweile ein Referat für Männer und Jungen eingerichtet wurde, ändert die Situation nicht grundlegend – man hätte sich das Referat sparen können, betont etwa der schon durch seine Positionen zur Jungenbildung einschlägig vorbelastete Thomas Viola Rieske. Tatsächlich legt der Zuschnitt des Ministeriums Zielkonflikte sehr nahe – schließlich sind beispielsweise Fraueninteressen nicht notwendigerweise Familieninteressen, und umgekehrt. Als die derzeitige Ministerin sich in einem Buch tatsächlich einmal  kritisch über feministische Traditionen äußerte, formierte sich sogleich dementsprechend eine Kampagne gegen sie – „Nicht meine Ministerin“. Während das amerikanische Vorbild, die „Not my president!“-Kampagne gegen George W. Bush, dem Präsidenten vorhielt, er würde und könne nicht für die gesamte Bevölkerung stehen, hatte der deutsche Ableger genau die entgegengesetzte Stoßrichtung: Mit großer Selbstverständlichkeit warfen die Initiatorinnen und Initiatoren der Ministerin vor, nicht nur (ihre) Partikularinteressen zu bedienen. Massenmediale Begleitmusik der Kampagne ging sogar so weit, dass Silke Burmester Schröder auf Spiegel-Online allen Ernstes vorhielt, die „Feindin aller Frauen“ zu sein, weil sie die Frauenquote nicht angemessen unterstütze (wobei zu Burmesters Entlastung erwähnt werden muss, dass sie mit „alle Frauen“ vermutlich „Silke Burmester und ihre Freundinnen“ meint).
Dass es ein Ministerium für alles außer Männer gibt, ist absurd. Dass dieses Ministerium aber ausgerechnet das Familienministerium ist, ist aussagekräftig. Im Zuschnitt dieses Ministeriums institutionalisiert sich sinnbildlich eine irrationale und auch inhumane Politik, die zwischen den Interessen von Männern und denen ihrer Kinder, zwischen dem Selbstbild eines Mannes als Mensch und als Vater beständig und ohne Not Widersprüche produziert und verschärft. Da das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern von zentraler Bedeutung für beide ist, da es schlichtweg auch nicht vernünftig möglich ist, zwischen der eigenen Position als Mensch – im Beruf, unter anderen Erwachsenen – und als Vater zu trennen, drückt sich in dieser Politik ein wirklich großes Unrecht aus. Was Farrell als männliche Tragödie beschreibt, ist immer auch eine Tragödie der Kinder – sie wäre aber auch schon schlimm, wenn sie allein die Männer treffen würde.

Connells Ohrwürmer, feministische Stützräder und die ostfriesische Weltverschwörung

„Warum sind Männer so schrecklich?“ Dies sei die leitende und grundlegende Frage eines ganzen Forschungszweigs, der „Men’s Studies“, deren wesentliche Aussage darin bestünde, dass Männer autoritäre Tyrannen („authoritarian bullies“) seien – so Bruce Bawer, den kalifornischen Professor David Clemens zitierend, in seinem Buch The Victim’s Revolution. The Rise of Identity Studies and the Closing of the Liberal Mind, das gerade von Arne Hoffmann auf Genderama besprochen wurde. Eine Hauptfigur der Men’s Studies ist der australische Wissenschaftler Robert W. Connell, sein 1995 erschienenes Buch „Masculinities“ wird von Bawer als Grundtext dieses Forschungsfeldes präsentiert, sein Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“ als ihr Herzstück („the very heart“). Dass Connell sich, wie 2008 enthüllt wurde, einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hatte und seitdem Raewyn Connel ist, sei von den Kollegen in einer politisch korrekten Weise aufgenommen worden – indem nämlich schlicht niemals die Frage gestellt worden sei, was es für den Forschungszweig der Men’s Studies eigentlich bedeute, dass ihr männlicher Gründer sich als eine in einem männlichen Körper gefangene Frau erlebt habe, die ihre Männlichkeit radikal ablehnt.

Auch auf Alles Evolution wurde schon wiederholt über Kritische Männerforschung und über Connells Konzepte, insbesondere über deren Ohrwürmer – „hegemoniale Männlichkeit“, „patriarchale Dividende“ – diskutiert. Welchen Sinn aber haben solche Formulierungen überhaupt angesichts der Tatsache, dass die meisten Männer von Herrschaftspositionen ebenso weit entfernt sind wie die meisten Frauen? Wie kann überhaupt ein Forschungszweig entstehen, der über Menschen in programmatisch ablehnender (denn das ist hier mit dem Begriff „kritischer“ gemeint) Haltung forscht – so als beschäftige man sich  mit gefährlichen Krankheiten, mit historischen Katastrophen oder zumindest mit Vampiren und Kobolden? Ich habe versucht, Antworten darauf in Connells Text Masculinities zu finden, der auf Deutsch im Jahr 1999 erschien („Der gemachte Mann“) und seitdem mehrfach neu aufgelegt wurde.


Ostfriesische Weltverschwörung Warum eigentlich „Hegemonie“, und nicht einfach „Herrschaft“? An Antonio Gramscis Hegemoniebegriff interessieren Connell wohl vor allem zwei Aspekte. Einerseits stützt sich Hegemonie nicht allein auf physische Gewalt (etwa Polizei oder Militär), auch nicht vorwiegend auf ökonomische Verhältnisse, sondern auf ein kulturelles Geflecht: Ideen, Vorstellungen, Phantasien, Erzählungen, in denen die Herrschaft einer bestimmten Gruppe als vorteilhaft für alle präsentiert werde. Andererseits ist so erklärbar, warum die Beherrschten an der Herrschaft mitwirken, auch wenn sie nicht direkt durch physische oder ökonomische Zwänge unter Druck stehen.

Das offenkundige Risiko, dass der Begriff der „Hegemonie“ auf dieser Grundlage willkürlich und beliebig verwendet werden kann, wird von Connell noch vergrößert. Er betont, dass „in der hegemonialen Männlichkeit eine ‚derzeit akzeptierte‘ Strategie verkörpert ist. Sobald sich die Bedingungen für die Verteidigung des Patriarchats verändern, wird dadurch auch die Basis für die Vorherrschaft einer bestimmten Männlichkeit ausgehöhlt. Neue Gruppen können dann alte Lösungen in Frage stellen und eine neue Hegemonie konstruieren.“ (S. 98) Wie beliebig Connell die Zuordnung zur „hegemonialen Männlichkeit“ vornimmt, wird etwa am Beispiel des technischen Experten deutlich, der einmal den „hegemonie-orientierten Formen den Vorrang in der Geschlechterordnung der spätkapitalistischen Gesellschaft streitig gemacht“ habe (S. 186), ein anderes Mal selbst einen Pol der hegemonialen Männlichkeit bilde (S. 214). Connell formuliert überhaupt keine empirisch fassbaren Kriterien für die Zugehörigkeit zur „hegemonialen Männlichkeit“: Sie ist schlicht tautologisch dadurch bestimmt, dass sie eben männlich und hegemonial ist. Nebenbei wird damit die naheliegende Frage verneint, ob denn nicht auch Frauen Herrschaft ausüben könnten – arbeitssparend, nämlich per definitionem und ohne lästige Seitenblicke auf die empirisch beschreibbare Realität werfen zu müssen.

Auf diese Weise hat das Konzept allerdings den intellektuellen Status einer handelsüblichen Verschwörungstheorie – es lassen sich beliebig immer neue Daten herantragen, um es raunend zu bestätigen, aber es gibt keine Kriterien für seine Widerlegung. In ähnlicher Form könnte man auch eine hegemoniale Weiblichkeit, eine ostfriesische Weltverschwörung oder die heimliche Herrschaft kleiner grüner Steinbeißer behaupten und begründen. Ein Beispiel ist Connells Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, bei der sich ein ausführliches Zitat lohnt:

„In Bezug auf das Geschlechterverhältnis war der Faschismus nichts weiter als das Wiedereinsetzen männlicher Vorherrschaft in einer Gesellschaft, die sich in die Richtung der Gleichstellung der Frauen bewegt hatte. Dazu wurden neue Bilder hegemonialer Männlichkeit propagiert, die Irrationalität (den ‚Triumph des Willens‘; mit dem ‚Blut‘ zu denken) und die ungebändigte Gewalt des Frontsoldaten verherrlichten. Das Ergebnis war ein neuer Mann und ein noch verheerenderer Weltkrieg. Die Niederlage des Faschismus im Zweiten Weltkrieg hat dieser Ausprägung hegemonialer Männlichkeit den Garaus gemacht, aber nicht der bürokratischen Institutionalisierung von Gewalt. Hitler hat seine Streitkräfte eigenhändig modernisiert und war von Hochtechnologie-Waffen fasziniert.“ (213) Wie wunderbar sich hier doch eins ins andere fügt: Hauptfeind der Nationalsozialisten waren eigentlich die Feministinnen (die Hitler sicherlich besiegt hätten, wenn man sie nur gelassen hätte), die Idealisierung der „deutschen Mutter“ war eigentlich nur Fassade, hinter dem Kult um den soldatischen Opfertod versteckte sich eigentlich nur die Freude an männlicher Gewalt, und Blut ist praktischerweise plötzlich ein männliches Symbol. Fehlt eigentlich nur noch der Hinweis, dass Hitler auch die Autobahnen gebaut hat, weil ja bekanntlich das Patriarchat auch Schuld an der Umweltverschmutzung ist.

Würden Schüler in Abiturklausuren ähnlich naiv und beliebig über den Nationalsozialismus schreiben, bekämen sie wohl Schwierigkeiten. Die Fixierung auf das Geschlechterverhältnis lässt bei Connell erkennbar jedes andere Thema zu einem Nebenwiderspruch absinken, der eine nähere Betrachtung kaum verdient. So kann er an anderer Stelle auch unbefangen Positives an der Grausamkeit der Weltkriege entdecken: „Die beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts haben die Beschäftigungssituation von Frauen erheblich verändert, die Geschlechterideologie erschüttert und die Entstehung homosexueller Subkulturen gefördert.“ (105)

 
 
Wie man Männern das Maul stopft, indem man sie interviewt Wichtiger noch und folgenreicher als Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit sind die Bilder anderer Männlichkeiten, die er skizziert. Nur wenige Männer würden dem Muster der hegemonialen Männlichkeit entsprechen, aber die überwiegende Mehrheit würde davon profitieren, „an der patriarchalen Dividende teilhaben“ (100). Worin diese Dividende genau besteht, beschreibt Connell etwa so: „Es ist sehr viel wahrscheinlicher, daß ein Mann als Verantwortlicher einer Firma große Kapitalmengen kontrolliert oder sogar selbst besitzt. So befanden sich 1992 von den 55 amerikanischen Vermögen über eine Milliarde Dollar nur fünf davon in weiblichen Händen – und davon waren, bis auf eine Ausnahme, alle von einem Mann ererbt.“ (103)

Dass dem allergrößten Teil der Männer diese statistische Wahrscheinlichkeit überhaupt nichts nützt, ist hier nicht wichtig: Auch wenn 90% aller Machtpositionen von Männern besetzt sind, würde das natürlich nicht bedeuten, das 90% aller Männer Machtpositionen besetzen – aber wer interessiert sich schon für so subtile Unterscheidungen? Selbst der Arbeiter im Stahlwerk profitiert noch von der patriarchalen Dividende, irgendwie, im Vergleich zu der Milliardenerbin zum Beispiel (deren Ausschluss von der Macht sich, irgendwie, ja schon daran zeigt, dass sie ihr Vermögen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Mann lediglich ererbt hat, ohne dass sie die Chance gehabt hätte, es sich selbst zu erarbeiten).

Ich gestehe: Das Bedürfnis, Connells Konzept der „patriarchalen Dividende“ polemisch darzustellen, hat seinen Grund auch in der Art und Weise, wie er mit seinen männlichen Interviewpartnern umgeht. Biographische Interviews mit australischen Männern sind ein Herzstück von Connells Text, und nach seinen eigenen Angaben hat er sie in einem aufwendigen, mehrschrittigen Verfahren, in einer „arbeitsintensive[n] Analyseprozedur“ (114) ausgewertet. Angesichts der vorliegenden Ergebnisse ist das kaum zu glauben: Hätte er sich schlicht die passendsten Interviewpassagen herausgesucht und sie entsprechend seiner vorgefassten Konzepte bewertet, hätte das Ergebnis auch nicht anders ausgesehen. Das lässt sich beispielsweise an Positionen der Interviewpartner zum Feminismus beschreiben:

Einer von ihnen berichtet darüber, wie er und seine Frau die klassischen Rollen getauscht hätten – sie sei arbeiten gegangen, er habe den Haushalt geführt, dadurch den Feminismus „durch die alltägliche Praxis gelernt, nicht durch das Lesen feministischer Bücher“, insgesamt eine „weibliche“ Lebensweise kennen gelernt, „Menschen etwas zu geben, sich um andere zu kümmern, und solche Dinge“. (152) Eigentlich ist das vom Connell’schen Standpunkt aus vorbildlich, von der Bereitschaft zur Änderung der eigenen Lebensweise bis hin zur impliziten Abwertung traditioneller männlicher Lebensweisen. Doch der weise Wissenschaftler (damals noch keine weise Wissenschaftlerin) kommentiert: „Dieser Ausschnitt ist bezeichnend für die Art, wie diese Männer über Feminismus und Geschlechterpolitik reden. Sie beschränken ihren Blick auf Erwartungen und Einstellungen, persönliche Umgangsformen und direkte Interaktionen, anstatt auch die wirtschaftliche Diskriminierung, institutionalisierte Aspekte des Patriarchats und den Feminismus als politische Bewegung wahrzunehmen.“ Natürlich ließe sich auf diese Weise jedem Mann, was immer er auch tut, nachweisen, wie defizitär sein Handeln von einem erhabenen patriarchatskritischen Standpunkt betrachtet aus erscheint.

Während Männer also nichts richtig machen können, können (feministische) Frauen ihnen gegenüber nichts falsch machen. „Eine Hauptströmung in der feministischen Literatur, die Barry und Bill Anfang der 80er Jahre sehr aufmerksam gelesen haben, präsentiert ein sehr übles Bild vom Mann, geprägt von sexueller Gewalt, Pornographie und Krieg. Ich glaube, daß die starken Schuldgefühle mit dem Widerspruch zwischen ödipaler Maskulinisierung und ödipaler Identifikation zu tun haben, der durch den politischen Kontext nun aktualisiert wurde.“ (160) Nicht etwa die Verbreitung misandrischer Klischees ist also problematisch, sondern die unbearbeitete Widersprüchlichkeit ödipaler Prozesse in den männlichen Psychen. Wer sich daher als Mann darüber aufregt, dass Männer klischeehaft als Gewalttäter oder sexgeile Monstren präsentiert werden, verrät damit nur, dass er seinen psychischen Haushalt nicht in Ordnung hält.

Das gilt auch für Schwule, die Connell als „unterdrückte Männlichkeit“ von der Nähe zur hegemonialen Männlichkeit eigentlich ausnimmt. „Ich kann diese Emanzen nicht ausstehen, die Männer für den letzten Dreck halten.“ – „Ich habe etwas gegen Extremismen jeglicher Art.“ Diese kritischen Äußerungen schwuler Interviewpartner zum Feminismus weisen für Connell einfach nur das „Fehlen eines politischen Bewußtseins“ aus, die „Ignoranz gegenüber dem Feminismus“ passe „sehr gut zu den gängigen Meinungen der heterosexuellen Männer.“ (181) Dass auch schwule Männer sich durch männerfeindliche Äußerungen getroffen fühlen könnten, kommt dem überlegenen Interpreten schlicht nicht in den Sinn.

Feministische Stützräder Was hat dieses Konzept, dessen Schwächen doch so offensichtlich sind, eigentlich so erfolgreich gemacht? Paula-Irene Villa und Ilse Lenz stellen in ihrem Nachwort zur deutschen Ausgabe von Connells Schrift den Wunsch dar, „der partnerschaftliche Umgang von Männern und Frauen in der Geschlechterforschung, wie er sich in diesem Werk darstellt, möge modellhaft auch für andere Werke und Kollegen wirken.“ (267) Dieses eigenwillige Verständnis von Partnerschaftlichkeit, in der Männer durchgängig als Herrscher und Profiteure von Herrschaft imaginiert werden und Männerstimmen de facto verschwinden, ist natürlich ein wenig erklärungsbedürftig. In feministischen Positionen wird die Perspektive von Männern in der Regel programmatisch ausgeblendet – unterstellend, dass diese Perspektive in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ja ohnehin schon prägend und ein Gegengewicht erforderlich sei. Dass damit aber ausgerechnet das Geschlechterverhältnis als eine rein weibliche Angelegenheit betrachtet wird, ist ein offenkundiges Problem. Connells Konzept hat in diesem Sinne – gleichsam als Stützrad für feministische Positionsnahmen – den Vorteil, Konzepte von Männlichkeit in feministische Perspektiven einzubinden, ohne Perspektiven von Männern ernst zu nehmen. Einfach gesagt: Die Men’s Studies nach dem Muster Connells beschäftigen sich nur deshalb mit Männern, um sich nicht mit Männern auseinandersetzen zu müssen.

Feministische Klischees patriarchaler Herrschaft werden dabei gegen naheliegende Einwände immunisiert. Das Konzept der Hegemonie erklärt die offenkundige Beteiligung von Frauen an gesellschaftlichen und ökonomischen Privilegien, ohne von der Idee des „Patriarchats“ abrücken zu müssen – die offenkundige Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit männlicher Lebensweisen wird auf Linie gebracht, mit dem gemeinsamen Fluchtpunkt der „hegemonialen Männlichkeit“ – die offenkundige faktische Machtlosigkeit der meisten Männer mit dem Begriff der „patriarchalen Dividende“ weggeredet.

Ich hatte naiv geglaubt, dass Forschungsrichtungen, die sich auf einer Feindseligkeit gegen ganze Gruppen der Bevölkerung gründen, angesichts der Erfahrungen mit der (rassistischen oder antisemitischen) Rassenkunde aus guten Gründen allgemein als unwissenschaftlich und unethisch abgelehnt werden. Für Connells Konzepte müsste das eigentlich umso mehr gelten, als er explizit fordert, seine ablehnende Position gegenüber Männern zur Grundlage bildungspolitischer Entscheidungen, also zur Grundlage der Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu machen (worin ihm ja auch Wissenschaftler wie Edgar Forster bereitwillig folgen). Statt dessen ist Connell kanonisiert, während Versuche von Männern und Frauen, die Inhumanität von Positionen wie der seinen zu kritisieren, massiv diffamiert werden – gerade auch aus akademischen Kontexten und mit der erheblichen Unterstützung politischer Parteien (also, nebenbei bemerkt, unter vielfacher Verwendung von Steuergeldern). Anstatt die Männerrechtsbewegung wie in den Schriften Rosenbrocks oder Gersterkamps beliebig als „rechtsradikal“ zu diskreditieren, wäre es möglicherweise eine gute Idee, wenn sich die grüne Heinrich-Böll-Stiftung oder die sozialdemokratische Friedrich Ebert Stiftung zur Abwechslung einmal mit der Inhumanität von Theorien wie der Connells auseinandersetzen würden, anstatt gedankenlos ihre Ohrwürmer nachzusingen.

Alle Zitate nach Robert W. Connell: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. 3. Auflage, Wiesbaden 2006

"Deutschland ist eigentlich keine Bananenrepublik!" oder: Was man von Spenderkindern über die Situation von Vätern lernen kann

„Wichtigtuerisches Geschwätz. Ichichich.“ – „Sie soll doch froh sein, am Leben zu sein. Wenn Sie das nicht kann, gibt’s immer noch gute Therapeuten. Aber die hat echt nen Sprung in der Schüssel….. „ – „Zumindest die Antworten der Klägerin verraten unmittelbar welch Kleingeist sie ist-„ – „Das ist doch krank! (…) Hier wird eine ganz krumme Tour zum Nachteil aller durchgezogen, hier fehlt nur noch die umgesetzte Beugehaft für alleinerziegende Mütter ohne Angabe zum Vater.“

 
Eine kleine Auswahl von Kommentaren zu der Studentin Sarah P., die sich im Februar das Recht erstritten hatte, als Spenderkind den Namen ihres Vaters zu erfahren. Die Kommentare stammen aus einer von vielen als durchaus seriös angesehenen Seite, von Spiegel-Online, und beziehen sich auf ein Interview mit Sarah P., dass dort am 12. Februar erschien.

 
Da ich hier einmal einen Text über Selbstkommentare von Spenderkindern veröffentlich hatte, war ich natürlich daran interessiert, zu erfahren, wie die Geschichte weiter gegangen war, und bin dabei vor einigen Wochen auch auf dieses Interview gestoßen. Es hat über mehrere Wochen hinweg eine große Anzahl von Kommentaren provoziert (insgesamt 499 auf 50 Seiten, oben habe ich aus den Kommentaren #15, #13, #59 und #45 zitiert), die meisten stammen offenkundig von Männern, und fast alle sind ausgesprochen negativ, oft verletzend. Da ich das Interesse von Spenderkindern, zumindest die Namen ihrer Spenderväter zu erfahren, nachvollziehbar und plausibel finde, hat mich diese starke negative Reaktion überrascht. Wodurch also provoziert Sarah P. so sehr? Möglichen Antworten auf diese Frage sagen zugleich viel aus über den Status, den die Vaterschaft heute allgemein in Deutschland hat.

Meilenstein „Es ist ein Meilenstein für mein Leben. Ich werde vielleicht meinen biologischen Vater treffen können. Zudem hoffe ich, dass das Problem nun breiter diskutiert wird. Schätzungen zufolge gibt es 100.000 sogenannte Spenderkinder in Deutschland, also Menschen, die wie ich aus einer Samenspende entstanden sind. Bislang war es ihnen kaum möglich, mehr über ihre Abstammung herauszufinden. Sie hatten einfach keine Möglichkeit, ihre Väter kennenzulernen.“ So beschreibt Sarah P. die Gerichtsentscheidung als Meilenstein, der eine große persönliche, aber auch eine erhebliche breitere Bedeutung habe. Sie wünscht sich ein Treffen mit dem Spender, weiß aber, dass sich aus der die Möglichkeit, seinen Namen zu erfahren, seine Bereitschaft zu einem Treffen noch nicht ergibt. Sie räumt auch ein, dass ein Treffen sehr enttäuschend verlaufen könnte. „Ich will bloß wissen, wer er ist, um zu verstehen, wer ich bin.“

Soweit hat sie eigentlich noch nichts gesagt, das eine scharfe Reaktion erklären würde. Das gilt auch für ihre Motivation der jahrelangen Suche nach dem Spender und der Entscheidung für den Prozess: „Ich möchte mich selbst finden und mir elementare Fragen beantworten können: Warum bin ich, wie ich bin? Weshalb sehe ich so aus? Wieso verhalte ich mich auf diese Weise, nicht auf eine andere? In manchen Dingen unterscheide ich mich stark von meinen Eltern, das konnte ich mir lange Zeit nicht richtig erklären.“ Die Hoffnung mag naiv erscheinen, allein durch die Kenntnis des Spendernamens auch mehr über sich selbst zu erfahren – doch das herauszustellen ist natürlich etwas wohlfeil aus der Perspektive von Menschen, die ihre leiblichen Eltern kennen.
 
 
Ein gewisses Maß an Schadenfreude Die scharfen Reaktionen beziehen sich vor allem auf zwei Aspekte. Sarah P. wird ein egozentrisches Selbsterfahrungsbedürfnis vorgeworfen, das die Konsequenzen für andere ausblende. „weiß diese egoistin eigentlich was sie paaren mit kinderwunsch antut, bei denen der mann unfruchtbar ist. ich kann nicht nachvollziehen, warum das gericht es für wichter erachtet seine wurzeln zu kennen.“ (#37) „Weiss sie eigentlich das sie damit den Kinderwunsch vieler Paare kaputt macht ? Welcher normale Mann spendet jetzt seinen Samen wenn er fast schon damit an den Pranger gestellt wird ? Ist es gelltungssucht von ihr ? Damit tut sie auch ihrem Stiefvater weh der sie als ihr eigenes Kind sieht. Diese Frau ist doch sehr egoistisch und naiv zugleich“ (#40) „Möglcherweise hat sie für ihr Seelenheil vielen Paaren den Weg zu einem Kind erschwert oder verunmöglicht.“ (#8) Drei Beispiele für Kommentare, von denen es in dieser Form auf jeder der 50 Kommentarseiten mehrere gibt. Noch im letzten heißt es: „Die junge Frau verdankt ihre Existenz der Bereitschaft eines Mannes, anonym! Samen zu spenden. In Zukunft wird sich das Problem, welches die junge Frau vorgibt zu haben, sowieso erledigen, denn wer soll noch bereit sein, Samen zu spenden.“ (#499)

Mit dem Vorwurf, dass das Urteil weitere Samenspenden unwahrscheinlich mache, setzt sich schon die Spenderkinder-Seite auseinander und verweist auf Erfahrungen aus Großbritannien, nach denen in vergleichbarer Situation die Bereitschaft zum Spenden nur kurzfristig gesunken sei. Zumal ist den Kliniken seit Jahrzehnten bekannt gewesen, dass die Praxis der anonymen Spende vermutlich die Rechte der Spenderkinder verletzt. Wenn eine Praxis allein auf der Basis von Rechtsverletzungen möglich ist (womöglich kalkulierend, dass die Betroffenen über viele Jahre hinweg ohnehin zu jung für eine Klage sein werden), dann ist eben diese Praxis problematisch – und nicht das Bedürfnis Betroffener, dass ihre Rechte respektiert werden.

Zudem zeigt sich in diesen Kommentaren, wie selbstverständlich Erwachsene sich an den Bedürfnissen Erwachsener orientieren, wenn es um Kinder geht. Die Situation von Mütter, die ein Kind bekommen möchten, wird beschworen – den Spendern wird völlig selbstverständlich zugestanden, dass sie eine Samenspende trotz der erheblichen Unterschiede so ähnlich wie eine Blutspende einordnen können (denn dort fragt man ja schließlich auch nicht unbedingt nach, was aus dem Blut geworden ist) – wenn aber die dabei entstandenen Kinder, erwachsen geworden, auch nur Informationen über ihre Herkunft verlangen, wird ihnen sogleich aufgeregt und pathologisierend Egoismus, Egozentrik und Selbstsucht vorgeworfen. „und jetzt ….. bricht eine Welle der Entrüstung und Schmähgesänge über sie herein, derer sie sich nicht wehren kann. Armes Kind….. ein gewisses Maß an Schadenfreude kann ich mir nicht verkneifen….. selbstsüchtig, zerstörrerisch und ignorant gegenüber allen denen deren geringe Chancen auf Kind nun auch dahin sind.“ (#29) Gleichwohl hat diese harte Haltung gegenüber den Spenderkindern auch einen realen Grund – an dem die Kinder selbst allerdings völlig unschuldig sind.

Die wesentlichste Frage Ein Motiv taucht in den Kommentaren immer wieder auf: die Sorge, das Spenderväter nun für Unterhalts- und weitere Zahlungen herangezogen werden könnten. „Und nebenbei die Bereitschaft zu Samenspenden zerstören, sich vom Spender das Studium finanzieren lassen und gierig auf das Erbe warte0n?“ (#3) „Ich persönlich denke es geht viel ehrer um Unterhalt fürs Studium zu fordern“ (#19) „Warum stellt das Interview nicht die wesentlichste Frage? ‚Frau P., sobald Sie Ihren leiblichen Vater kennen, haben Sie Erbansprüche gegen ihn, möglicherweise auch Unterhaltsansprüche. Haben diese handfesten wirtschaftlichen Vorteile, die Sie nun haben werden, denn gar keine Rolle bei Ihrer Suche nach Ihrem Erzeuger gespielt?‘“ (#36)

Soweit sie sich zusammengeschlossen haben und politischen Einfluss nehmen wollen, ist es eine der wesentlichen Forderungen von Spenderkindern, die Spenderväter vor Unterhaltsforderungen zu schützen. Sie kalkulieren schon ein, dass die Möglichkeit hoher Unterhaltszahlungen die Bereitschaft zur Samenspende, aber auch die Bereitschaft der Spender zur Preisgabe ihrer Identität oder zum Treffen mit ihren Kindern einschränken würde. Nur bietet dies Vätern eben keine Sicherheit. Es ist ja beispielsweise durchaus denkbar, dass staatliche Institutionen Leistungen an die Kinder, oder ihre Mütter, von den Spendern wieder einfordern – ganz unabhängig davon, ob die Spenderkinder das nun wünschen oder nicht.

„Die Vehemenz mit der hier um das Recht auf Vaterschaft ohne Folgen und Verantwortung gestritten wird, erstaunt mich wirklich“, kommentiert ein Leser irritiert. (#296) Es ist bezeichnend für die fragile und unsinnige Position von Vätern in Deutschland, dass sie sich eben erst auf diese Weise sicher fühlen können. Hier zeigt sich wohl auch, wie sehr die gesetzlich und gerichtlich betriebene Reduktion von Vaterschaft auf die Pflicht zur finanziellen Unterstützung von Frau und Kind die Erwartungen Einzelner prägt. Sobald es um Vaterschaft geht, haben Männer gute Gründe, kein Vertrauen in staatliche Institutionen zu haben. Ein Staat, der Vätern aufgrund von Willkürentscheidungen ganz oder weitgehend den Kontakt zu ihren Kindern (und ebenso den Kindern den Kontakt zu ihren Vätern) nimmt und auf eben dieser Basis die entsorgten Väter dann zu erheblichen Zahlungen verpflichtet, signalisiert Männern, dass sie Objekte, keine Subjekte des Rechts sind – dass sie dafür da sind, die Rechte anderer zu realisieren, ihre eigenen Rechte aber kaum geschützt werden. Ob sich durch die vorsichtige Neuregelung des Kindschaftsrechts daran etwas ändern wird, ist fraglich.

Natürlich ist die Begründung solcher Praktiken mit dem „Kindeswohl“ fadenscheinig – das Beispiel zeigt, dass es eben die Kinder sind, die unter solchen Rechtspraktiken leiden. Männer suchen Wege, sich zu schützen, und finden sie zum Teil auch. Wenn es aber so keinen zivilen Ausgleich zwischen verschiedenen Interessen gibt, geht dies eben zu Lasten derjenigen, die in der schwächsten Position sind. Vermutlich aber werden die Verantwortlichen für die dezivilisierten und dezivilisierenden deutschen Rechtspraktiken die aufgeregte Reaktion von Männern auf die Möglichkeit von Unterhaltsforderungen auch noch als Bestätigung ihrer Politik begreifen, nicht als ihr Problem.

 
 
Bananenrepublik Es passt dazu, dass das Kabinett gerade eine Gesetzesvorlage zur „vertraulichen Geburt“ beschlossen hat: Mütter sollen ohne Preisgabe ihrer Identität Kinder zur Welt bringen können. Das setzt die Rechte von Vätern außer Kraft, die gerade erst, ganz vorsichtig, gestärkt werden mussten – die Mutter hat de facto weiterhin die Entscheidung über die väterliche Möglichkeit zur Kindessorge. Das umgeht zudem das gerade erst gerichtlich zugesicherte Recht von Kindern auf die Kenntnis ihrer Herkunft.

„Nein, jeder Mensch hat NICHT das Recht anderen Menschen ein Recht zu nehmen, dass Sie vorher zugesichert bekommen haben, in diesem Falle auf Anonymität. Deutschland ist eigentlich keine Bananenrepublik! Ich hoffe so sehr dass die Klinik die Unterlagen vernichtet hat oder es während des Prozesses gemacht hat, als es noch rechtlich in ihrer Macht und Verantwortung lag.“ (#269) Überwollende Äußerungen wie diese (die von ihrem Schreiber aber wohl als Beitrag zu gerechteren Verhältnissen verstanden werden) zeigen, dass es bei einer Zivilisierung und Humanisierung des Kindschaftsrechts, die sich von Mütterfixierungen verabschiedet, um mehr als allein um die Rechte von Vätern geht.

Kluge Ratschläge an jemanden, der auszieht, das Fürchten zu lernen

Wir hoffen, du wirst einmal glücklich sein,
zufrieden und stabil im Leben stehen.
Die Furcht erlernst du noch von ganz allein.

Erst gestern noch, so scheint es, warst du klein.
Heut mußt du deine eignen Wege gehen.
Wir hoffen, du wirst einmal glücklich sein.

Noch spinnst du dich rundum in Träume ein.
Sie werden später unbemerkt verwehen.
Die Furcht erlernst du noch von ganz allein.

Fall nicht auf jedes kluge Wort herein!
Hör auf, dich um dich selbst im Kreis zu drehen!
Wir hoffen, du wirst einmal glücklich sein.

Geh in die Welt hinaus, als wär sie dein.
Lauf nicht vor ihr davon, und du wirst sehen:
Die Furcht erlernst du noch von ganz allein.

Suche nicht zu jedem „Ja“ ein „Nein“!
Du mußt nicht alles vollständig verstehen.
Wir hoffen, du wirst einmal glücklich sein.
Die Furcht erlernst du noch von ganz allein.