Diskriminierung

Diskriminierung von Männern?! Ein Skandal aus der Provinz

Bild zeigt Blatt Papier, auf dem das Wort Diskriminace rot eingerahmt ist.
geschrieben von: Lucas Schoppe

Ein „Armutszeugnis“, bei dem nur „von einer klassischen Täter-Opfer-Verkehrung gesprochen“ werden könne, die Notwendigkeit „einer raschen Aufarbeitung des Vorfalls“ – der ASta der Universität Hannover sah sich am 1. März zu einer entschiedenen Stellungnahme genötigt. Was war geschehen?

In Braunschweig (eine weit entfernte Kleinstadt, deren Existenz normalerweise von anständigen Hannoveranern geleugnet bzw. nur mit dem Ausdruck äußersten Widerwillens anerkannt wird) organisiert die dortige Antifaschistische Gruppe Braunschweig (A.G.B.) die Veranstaltungsreihe „Feminismus. Von Verhältnissen zu Kategorien“, lud in diesem Rahmen die Publizistin Roswitha Scholz zu einem Vortrag ein und fragte beim ASta der Braunschweiger Hochschule für Bildende Künste wegen eines Raumes nach. Doch was geschah? Der ASta der HBK schickte nicht nur eine Absage, sondern auch noch per Email eine Begründung, welche die A.G.B. wiederum so empörte, dass sie sie fassungslos auf ihrer Homepage dokumentierte:

„wir haben noch einmal in großer Runde dein Anliegen besprochen und uns dazu entschieden, dass wir euch leider keinen Raum zur Verfügung stellen können. Die meisten von uns fühlen sich mit dem Titel ‚Feminismus‘ unwohl. Mit dem Begriff assoziieren wir eine eher radikale Frauenbewegung, die die Diskriminierung von Männern nicht ausschließt. Da wir glauben, dass auch andere potenzielle Besucher der Veranstaltung das so sehen, können wir euch keine HBK-Räume anbieten.(…) Herzlichst AStA der HBK Braunschweig“

Ein Skandal nimmt seinen Lauf, der im ersten Akt als Posse beginnt und am Ende beängstigende Züge hat.

1.Akt: Ein Raum wird verweigert Roswitha Scholz ist Redaktionsmitglied der Zeitschrift Exit!, hat dort mit ihrem 2012 verstorbenen Ehemann Robert Kurz zusammengearbeitet und ist mit ihrer Theorie der „Wert-Abspaltung“ bekannt geworden, die marxistisch inspiriert Feminismus und Kapitalismuskritik verbinden soll. Souverän kontert sie im Interview die Erwartung, allgemein verständlich zu schreiben oder als gute Marxistin „Arbeiterinnen mit ins Boot“ zu holen: „Ich sehe das jetzt nicht so, dass ich unmittelbar zu irgendwelchen Arbeiterinnen oder Unterschichtlerinnen mit meinem Theoriegebäude hingehen kann. Der Theoriediskurs ist eine ausdifferenzierte Sphäre (..) die kritische Theorie muss erst einmal eigenständig und rücksichtslos entwickelt werden.“ (Einige Leser werden durch die rücksichtslose Theorie-Weiterentwicklung sogleich in eine alberne Stimmung versetzt – einer beispielweise kommentiert Scholz’ Forderung nach einem Gebärstreik launig: „gebärstreik? verlangt unglaubliche selbstbeherrschung, vor allem nach dem 9. monat“) Dafür, dass sie an einer Hochschule nicht sprechen sollte, gibt es eigentlich keinen vernünftigen Grund, und der Vorwurf der Diskriminierung von Männern hängt sich offenbar an dem Reizwort „Feminismus“ auf und ist kein Ergebnis einer Auseinandersetzung mit Scholz’ Positionen.

Nun geht es allerdings dem ASta Hannover, ebenso wie dem ASta der TU Braunschweig (der sich später natürlich auch noch einschaltet), keineswegs um die liberale Position, dass es möglich sein muss, unterschiedliche und auch missliebige Meinungen öffentlich zu vertreten. Auch das wissenschaftsethische Argument, dass an Hochschulen und Universitäten selbstverständlich ganz unterschiedliche Positionen Teil einer offenen Debatte sein müssen, interessiert sie nicht. Dass aus politischen Gründen nicht genehme Veranstaltungen verhindert werden, findet der hoffnungsvolle akademische Nachwuchs Niedersachsens völlig in Ordnung – dass aber die falsche Rednerin aus den falschen Gründen abgelehnt wird, versetzt ihn in einen eindrucksvollen Empörungs-Modus. Hätte der ASta der HBK BS einen Raum für eine Veranstaltung mit Monika Ebeling abgelehnt, dann hätte im ASta Hannover vermutlich kein Hahn danach gekräht (allenfalls hätte sich die große Gruppe der Jusos wie ihre Mainzer Genossen darum bemüht, Störungen der Veranstaltung zu organisieren).

Empörend ist für die Jung-Akademiker also nicht die Verweigerung eines Raumes, sondern die vorsichtig formulierte These, dass der Feminismus „eine Diskriminierung von Männern nicht ausschließt“. „Diese Worte lassen tief blicken“, findet der ASta Hannover, denn es „zeigt die Vermutung, dass Männer diskriminiert werden könnten, die paranoide Abwehrhaltung der an der Entscheidung Beteiligten.“ Wer, und sei’s im Konjunktiv, auch nur die Vermutung äußert, eine Diskriminierung von Männern könnte möglich sein, hat also einen an der Waffel, und was Realität ist und was nicht, wird in Hannover entschieden – gut, dass das mal so deutlich klar gestellt wurde. „Denn wenn die Offenlegung, sowie die angestrebte Überwindung, von geschlechtsbedingten Ungleichheiten, als Diskriminierung ausgelegt wird, dann kann hier nur von einer klassischen Täter-Opfer-Verkehrung gesprochen werden.“ Das ist jetzt für den ungeübten Leser und die ungeübte Leserin, inhaltlich wie in der Kommasetzung, vielleicht ein bisschen verwirrend – gemeint ist, dass geschlechtsbedingte Ungleichheiten allein Frauen benachteiligen können und dass also definitionsgemäß jede andere Behauptung aus Opfern Täter mache. Basta, ASta.

Soweit ist die Situation durchaus nicht frei von Komik, und auch wenn die Entscheidung des ASta HBK BS, Scholz einen Raum zu verweigern, falsch war, ist es doch zumindest erleichternd zu sehen, dass auch in der organisierten Studierendenschaft – vorsichtig, ganz vorsichtig – mittlerweile der Gedanke geäußert wird, geschlechterbedingte Diskriminierungen könnten manchmal auch Männer treffen.

Doch damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende.

2. Akt: Müssen Köpfe rollen? Denn schon am 28. Februar hatte der ASta der HBK eilig eine Distanzierung zu seiner Mail veröffentlicht. Es sei „ein mit ‚Asta der HBK“ unterzeichnetes Schreiben vom „Asta-Account“ versendet worden – als hätte ein böswilliger Mensch, der den Account hackt, nichts Besseres zu tun, als darauf eine enorm vorsichtig formulierte E-Mail zu verschicken. Und weiter: „Selbstverständlich betrachten wir Feminismus nicht als Diskriminierungsform, sondern als Notwendigkeit für antisexistische Praxis und eine emanzipatorische, befreite Gesellschaft, die auch wir als Ziel sehen! Auch ist uns natürlich klar, dass Feminismus eine Bewegung ist, die durch männliche, patriarchale Unterdrückungsmechanismen entstanden ist – und nicht etwa umgekehrt.“ Das verstehe ich, ehrlich gesagt, nun selber nicht so richtig – wer, bitte schön, behauptet denn, männliche patriarchale Unterdrückungsmechanismen seien durch den Feminismus entstanden…? Geht hier der ASta der HBK mit seinem Feminismus-Bashing nicht einen Schritt zu weit? Aber egal – zum Glück haben der ASta Hannover und der ASta der TU Braunschweig, der sich dann auch noch einschaltet, nicht gemerkt, dass der Kotau in der Aufregung ein bisschen danebenging. „Wir bedauern die in unserem Namen getroffenen Aussagen und werden entsprechende Aufarbeitung betreiben sowie Konsequenzen ziehen.“

Der ASta der TU in Braunschweig nun wiederum, der sich zu diesem ungeheuren Skandal natürlich auch äußern muss, kommentiert: „Denn genau das hat der AStA offenbar bitter nötig, wenn ohne vorherige Absprache solch reaktionäre politische Entscheidungen getroffen werden, welche auch noch als Konsens verkauft werden. Die inhaltliche Auseinandersetzung darf jedoch auf keinen Fall auf die AStA-Räumlichkeiten beschränkt bleiben, sondern muss der gesamten Studierendenschaft geöffnet werden.“ Ein Schelm, wer da an Schauprozesse denkt. Natürlich solidarisiert man sich ansonsten mit der A.G.B., ist froh, ihr für die Veranstaltung doch noch einen Raum besorgt zu haben, und begrüßt die Entscheidung, das drängende Thema auf der LandesAstenKonferenz zu behandeln.

Interessant ist die niedersächsische Hochschul-Posse aus zwei Gründen. Einerseits wird deutlich, wie sehr der stillschweigende Konsens bröckelt, dass geschlechtsbedingte Benachteiligungen allein Frauen betreffen könnten. Andererseits aber auch, weil klar wird, dass diese Änderungen mit erheblichen Ängsten verbunden sind. Der Druck ist – zumindest in den entsprechenden Kontexten, etwa bei sich als politisch links verstehenden Gruppen und in akademischen Feldern –  enorm groß, linientreu zu bleiben. Anstatt einfach einzuräumen und zu akzeptieren, eine etwas unüberlegte (und zudem völlig folgenlose) Entscheidung getroffen zu haben, wird Aufarbeitung gefordert und gelobt, werden Konsequenzen angekündigt, Distanzierungen und Solidaritätsadressen verfasst, zur Demonstration der eigenen Linientreue brav Phrasen über „patriarchale Unterdrückungsmechanismen“ aufgesagt und gleich drei Asten in helle Aufregung versetzt.

Nur für den Menschen, der die freundliche E-Mail-Absage verschickt hat, wird die Posse wohl gar nicht komisch sein.

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4 Comments

  • Jaja, so sind sie die Astmen an unseren (Hoch-) Schulen…

    Ich weiss noch, wie ich als junger linker Student zum Astma ging um mitzuarbeiten… Nach ein paar Monaten machten die Studentenverbindungen einen Tag der offenen Tür, an dem ich teilnehmen wollte um mal zu sehen was da so los ist und auch ein befr. Komolitone von mir Verbindungsstudent war. Der Astma machte mir mehr oder weniger klar das ich dort wegzubleiben habe, Basta! Es ist allgemein bekannt, zumindest bei linken, das Studentenverbindungen Frauenfeindlich sind, weil sie keine Frauen aufnehmen, miese Seilschaften sind und auch noch rechtsextremistische Tendenzen haben… Mein Mitkomolitone war bei einer katholischen Verbindung, die auch Frauen aufnahmen, im Gegensatz zu unserer Asta, die eine Frauenbücherrei forderte und das nicht als mänerfeindlich ansah… So sind sie halt die Astmen, die alles raushusten was man ihnen ins Hirn geschissen hat, wichtig ist nur, nicht selbständig denken, einfach glauben…

    Selbst Nadine Lantzsch schreibt in ihrem Rotzartickel:
    „Ungleichheit systemisch zu analysieren und zu kritisieren, statt über Interaktion zwischen Individuen, die lediglich eine Ausformung des Systems ist, braucht lange. Langwierige Denkprozesse, Reflexionsprozesse, Selbstkritik und permanente Selbsthinterfragung und Abgleichen mit der Wirklichkeit. Es braucht bestimmtes Wissen, dass leider teilweise so exklusiv in akademischen Kontexten versteckt ist. Wenn es frei zugänglich wäre, wäre es trotzdem oft unverständlich und verstörend. Verstörend, weil es eben Fundamentales in uns auslöst, unsere Welt zum Wanken bringt.“

    Auch hier, es geht eher um Glauben als um Wissen. Ihr müsst mir einfach glauben, ich bin schlisslich intelligent. Das Wissen das in akademischen Kontexten versteckt ist, das es trotz 1000 Genderbücher der letzten Jahre nur einem kleinen elitären Kreis bekannt ist… Aber Lantzsch kennt und versteht es Gottseidank! Sie trägt es für uns in die Welt… diesen Rotz! Nein, selbst Sie macht es nicht bekannt, ihr müsst Glauben und Beten, äh, ne ohne Beten…

    Das erinnert eher an des Kaisers neuen Kleider, man muss nur glauben das der Kaiser gut angezogen ist! Bis ein kleiner Junge kommt und ruft, er ist nackt!!! Warum der ASTA Braunschweig aber immer noch ruft, Majestät schöne Kleider, kann nur daran liegen, das man beim AStA das Hirn am Eingang abgeben muss. Selbst Denken nicht gewünst, ähnlich wie bei der SPD, wo man auch von Parteisoldaten spricht…

    Gruss
    Kai

  • @Kai „Nein, selbst Sie macht es nicht bekannt, ihr müsst Glauben und Beten, äh, ne ohne Beten…“

    Ich hab manchmal das Gefühl, dass solche Positionen sehr wohl religiöse Strukturen nachbilden. Kritik ist nicht inhaltlich oder auf ihre Stichhaltigkeit hin zu überprüfen, also weder falsch noch richtig – sondern die bloße Tatsache, dass eine Kritik geäußert wird, ist unerträglich; gleichsam eine Blasphemie eben. Das erklärte dann auch die Aufregung, das Fehlen jeder Gelassenheit im Umgang mit abweichenden Meinungen – und die Maßlosigkeit der Reaktion.

    Vielleicht werden solche Haltungen auch dadurch begünstigt, dass wir liberale Strukturen zu sehr für selbstverständlich erachten – auf dieser Basis kann Liberalität dann als spießig, lau, altväterlich, langweilig, irgendwie konservativ und systemstützend, bourgeois, gar repressiv erscheinen. Nach meinem Eindruck ist den zitierten ASten ihre eigene Illiberalität gar nicht bewusst, oder sie ist ihnen egal – was sie aber natürlich nicht daran hindert, empört aus allen Wolken zu fallen, sobald ihnen der als selbstverständlich erachtete liberale Schutz von Freiheiten auch nur millimeterweit versagt wird.

  • Zum Thema säkulare Heilslehren (nicht nur Feminismus) empfehle ich „Die Arbeit tun die anderen: Klassenkampf und Priesterherrschaft der Intellektuellen“ von Helmut Schelsky. Ein tolles Werk!

  • @Andreas
    Danke, werde mal auf die Suche gehen wo ich das Werk kriege… Wohne leider im Ausland.

    @Schoppe
    Genau diesen Bogen wollte ich auch schlagen. Genau so wie radikale Kirchen/Glaubensgegner auch antireligiösen Wahn folgen, obwohl sie ihn aus diesem Grund ablehenen den Glauben, so ist es auch bei vielen Ismen.

    Ich sehe gerade nebenbei eine Doku über die Katharerfeldzüge. Gut es war damals etwas blutiger, aber die Kreuzzüge unserer lieben Gutmenschen sind oftmals auch nicht viel besser, wo aus religiös feministischem Wahn alles niedergewalzt wird was sich nur bewegt. Am Frauentag wurde hier in Frankreich noch die These verbreitet das Frauen BEI gleicher Tätigkeit 28% Lohn erhalten. Jetzt sollen Massnahmen ergriffen werden, um diesen Lohnunterschied zu verringern und Firmen zu bestrafen die Frauen weniger bezahlen. Alle meine Kollegen wiederholten nur, als ich sagte das ich diese Folklore dumm finde, das die armen Frauen doch benachteiligt sind weil sie 28% weniger verdienen…
    Es denk niemand nach, keiner fragt, warum Firmen für 20% weniger Lohn nach Polen gehen, aber hier 28% weniger für reine Frauenarbeit ausgeben könnten. Wo sind die Firmen die nach Frauen schreien? Und, wenn man den öffentlichen und halb öffentlichen Sektor ausschliesst müssten es also wesentlich mehr sein. Zieht man noch ähnlich Deutschland, den Tarifsektor ab, müssten es noch mehr sein. Unsere Hausfeministin hat, nachdem ich das verbreitet hat, wieder mal gegen mich gewetter… Nicht Denken, Glauben, nur beten braucht man bei dieser Religion nicht, einfach seinen Ablass zahlen, also die nicht vorhandene feministische Dividende umverteilen…

    Was ich aber noch erstaunlicher finde, selbst in Deutschland, wo ohne Probleme von bei gleicher Arbeit gestrichen wird, scheint es keinem dieser Feministen peinlich, niemand wacht auf und hinterfragt… Glauben halt…

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