Feindbild Mann

Connells Ohrwürmer, feministische Stützräder und die ostfriesische Weltverschwörung

Bild zeigt ein Kindervelo mit Stützräder.
geschrieben von: Lucas Schoppe
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„Warum sind Männer so schrecklich?“ Dies sei die leitende und grundlegende Frage eines ganzen Forschungszweigs, der „Men’s Studies“, deren wesentliche Aussage darin bestünde, dass Männer autoritäre Tyrannen („authoritarian bullies“) seien – so Bruce Bawer, den kalifornischen Professor David Clemens zitierend, in seinem Buch The Victim’s Revolution. The Rise of Identity Studies and the Closing of the Liberal Mind, das gerade von Arne Hoffmann auf Genderama besprochen wurde. Eine Hauptfigur der Men’s Studies ist der australische Wissenschaftler Robert W. Connell, sein 1995 erschienenes Buch „Masculinities“ wird von Bawer als Grundtext dieses Forschungsfeldes präsentiert, sein Konzept der „hegemonialen Männlichkeit“ als ihr Herzstück („the very heart“). Dass Connell sich, wie 2008 enthüllt wurde, einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hatte und seitdem Raewyn Connel ist, sei von den Kollegen in einer politisch korrekten Weise aufgenommen worden – indem nämlich schlicht niemals die Frage gestellt worden sei, was es für den Forschungszweig der Men’s Studies eigentlich bedeute, dass ihr männlicher Gründer sich als eine in einem männlichen Körper gefangene Frau erlebt habe, die ihre Männlichkeit radikal ablehnt.

Auch auf Alles Evolution wurde schon wiederholt über Kritische Männerforschung und über Connells Konzepte, insbesondere über deren Ohrwürmer – „hegemoniale Männlichkeit“, „patriarchale Dividende“ – diskutiert. Welchen Sinn aber haben solche Formulierungen überhaupt angesichts der Tatsache, dass die meisten Männer von Herrschaftspositionen ebenso weit entfernt sind wie die meisten Frauen? Wie kann überhaupt ein Forschungszweig entstehen, der über Menschen in programmatisch ablehnender (denn das ist hier mit dem Begriff „kritischer“ gemeint) Haltung forscht – so als beschäftige man sich  mit gefährlichen Krankheiten, mit historischen Katastrophen oder zumindest mit Vampiren und Kobolden? Ich habe versucht, Antworten darauf in Connells Text Masculinities zu finden, der auf Deutsch im Jahr 1999 erschien („Der gemachte Mann“) und seitdem mehrfach neu aufgelegt wurde.

Ostfriesische Weltverschwörung Warum eigentlich „Hegemonie“, und nicht einfach „Herrschaft“? An Antonio Gramscis Hegemoniebegriff interessieren Connell wohl vor allem zwei Aspekte. Einerseits stützt sich Hegemonie nicht allein auf physische Gewalt (etwa Polizei oder Militär), auch nicht vorwiegend auf ökonomische Verhältnisse, sondern auf ein kulturelles Geflecht: Ideen, Vorstellungen, Phantasien, Erzählungen, in denen die Herrschaft einer bestimmten Gruppe als vorteilhaft für alle präsentiert werde. Andererseits ist so erklärbar, warum die Beherrschten an der Herrschaft mitwirken, auch wenn sie nicht direkt durch physische oder ökonomische Zwänge unter Druck stehen.

Das offenkundige Risiko, dass der Begriff der „Hegemonie“ auf dieser Grundlage willkürlich und beliebig verwendet werden kann, wird von Connell noch vergrößert. Er betont, dass „in der hegemonialen Männlichkeit eine ‚derzeit akzeptierte‘ Strategie verkörpert ist. Sobald sich die Bedingungen für die Verteidigung des Patriarchats verändern, wird dadurch auch die Basis für die Vorherrschaft einer bestimmten Männlichkeit ausgehöhlt. Neue Gruppen können dann alte Lösungen in Frage stellen und eine neue Hegemonie konstruieren.“ (S. 98) Wie beliebig Connell die Zuordnung zur „hegemonialen Männlichkeit“ vornimmt, wird etwa am Beispiel des technischen Experten deutlich, der einmal den „hegemonie-orientierten Formen den Vorrang in der Geschlechterordnung der spätkapitalistischen Gesellschaft streitig gemacht“ habe (S. 186), ein anderes Mal selbst einen Pol der hegemonialen Männlichkeit bilde (S. 214). Connell formuliert überhaupt keine empirisch fassbaren Kriterien für die Zugehörigkeit zur „hegemonialen Männlichkeit“: Sie ist schlicht tautologisch dadurch bestimmt, dass sie eben männlich und hegemonial ist. Nebenbei wird damit die naheliegende Frage verneint, ob denn nicht auch Frauen Herrschaft ausüben könnten – arbeitssparend, nämlich per definitionem und ohne lästige Seitenblicke auf die empirisch beschreibbare Realität werfen zu müssen.

Auf diese Weise hat das Konzept allerdings den intellektuellen Status einer handelsüblichen Verschwörungstheorie – es lassen sich beliebig immer neue Daten herantragen, um es raunend zu bestätigen, aber es gibt keine Kriterien für seine Widerlegung. In ähnlicher Form könnte man auch eine hegemoniale Weiblichkeit, eine ostfriesische Weltverschwörung oder die heimliche Herrschaft kleiner grüner Steinbeißer behaupten und begründen. Ein Beispiel ist Connells Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, bei der sich ein ausführliches Zitat lohnt:

„In Bezug auf das Geschlechterverhältnis war der Faschismus nichts weiter als das Wiedereinsetzen männlicher Vorherrschaft in einer Gesellschaft, die sich in die Richtung der Gleichstellung der Frauen bewegt hatte. Dazu wurden neue Bilder hegemonialer Männlichkeit propagiert, die Irrationalität (den ‚Triumph des Willens‘; mit dem ‚Blut‘ zu denken) und die ungebändigte Gewalt des Frontsoldaten verherrlichten. Das Ergebnis war ein neuer Mann und ein noch verheerenderer Weltkrieg. Die Niederlage des Faschismus im Zweiten Weltkrieg hat dieser Ausprägung hegemonialer Männlichkeit den Garaus gemacht, aber nicht der bürokratischen Institutionalisierung von Gewalt. Hitler hat seine Streitkräfte eigenhändig modernisiert und war von Hochtechnologie-Waffen fasziniert.“ (213) Wie wunderbar sich hier doch eins ins andere fügt: Hauptfeind der Nationalsozialisten waren eigentlich die Feministinnen (die Hitler sicherlich besiegt hätten, wenn man sie nur gelassen hätte), die Idealisierung der „deutschen Mutter“ war eigentlich nur Fassade, hinter dem Kult um den soldatischen Opfertod versteckte sich eigentlich nur die Freude an männlicher Gewalt, und Blut ist praktischerweise plötzlich ein männliches Symbol. Fehlt eigentlich nur noch der Hinweis, dass Hitler auch die Autobahnen gebaut hat, weil ja bekanntlich das Patriarchat auch Schuld an der Umweltverschmutzung ist.

Würden Schüler in Abiturklausuren ähnlich naiv und beliebig über den Nationalsozialismus schreiben, bekämen sie wohl Schwierigkeiten. Die Fixierung auf das Geschlechterverhältnis lässt bei Connell erkennbar jedes andere Thema zu einem Nebenwiderspruch absinken, der eine nähere Betrachtung kaum verdient. So kann er an anderer Stelle auch unbefangen Positives an der Grausamkeit der Weltkriege entdecken: „Die beiden Weltkriege dieses Jahrhunderts haben die Beschäftigungssituation von Frauen erheblich verändert, die Geschlechterideologie erschüttert und die Entstehung homosexueller Subkulturen gefördert.“ (105)

Wie man Männern das Maul stopft, indem man sie interviewt Wichtiger noch und folgenreicher als Connells Konzept der hegemonialen Männlichkeit sind die Bilder anderer Männlichkeiten, die er skizziert. Nur wenige Männer würden dem Muster der hegemonialen Männlichkeit entsprechen, aber die überwiegende Mehrheit würde davon profitieren, „an der patriarchalen Dividende teilhaben“ (100). Worin diese Dividende genau besteht, beschreibt Connell etwa so: „Es ist sehr viel wahrscheinlicher, daß ein Mann als Verantwortlicher einer Firma große Kapitalmengen kontrolliert oder sogar selbst besitzt. So befanden sich 1992 von den 55 amerikanischen Vermögen über eine Milliarde Dollar nur fünf davon in weiblichen Händen – und davon waren, bis auf eine Ausnahme, alle von einem Mann ererbt.“ (103)

Dass dem allergrößten Teil der Männer diese statistische Wahrscheinlichkeit überhaupt nichts nützt, ist hier nicht wichtig: Auch wenn 90% aller Machtpositionen von Männern besetzt sind, würde das natürlich nicht bedeuten, das 90% aller Männer Machtpositionen besetzen – aber wer interessiert sich schon für so subtile Unterscheidungen? Selbst der Arbeiter im Stahlwerk profitiert noch von der patriarchalen Dividende, irgendwie, im Vergleich zu der Milliardenerbin zum Beispiel (deren Ausschluss von der Macht sich, irgendwie, ja schon daran zeigt, dass sie ihr Vermögen mit hoher Wahrscheinlichkeit von einem Mann lediglich ererbt hat, ohne dass sie die Chance gehabt hätte, es sich selbst zu erarbeiten).

Ich gestehe: Das Bedürfnis, Connells Konzept der „patriarchalen Dividende“ polemisch darzustellen, hat seinen Grund auch in der Art und Weise, wie er mit seinen männlichen Interviewpartnern umgeht. Biographische Interviews mit australischen Männern sind ein Herzstück von Connells Text, und nach seinen eigenen Angaben hat er sie in einem aufwendigen, mehrschrittigen Verfahren, in einer „arbeitsintensive[n] Analyseprozedur“ (114) ausgewertet. Angesichts der vorliegenden Ergebnisse ist das kaum zu glauben: Hätte er sich schlicht die passendsten Interviewpassagen herausgesucht und sie entsprechend seiner vorgefassten Konzepte bewertet, hätte das Ergebnis auch nicht anders ausgesehen. Das lässt sich beispielsweise an Positionen der Interviewpartner zum Feminismus beschreiben:

Einer von ihnen berichtet darüber, wie er und seine Frau die klassischen Rollen getauscht hätten – sie sei arbeiten gegangen, er habe den Haushalt geführt, dadurch den Feminismus „durch die alltägliche Praxis gelernt, nicht durch das Lesen feministischer Bücher“, insgesamt eine „weibliche“ Lebensweise kennen gelernt, „Menschen etwas zu geben, sich um andere zu kümmern, und solche Dinge“. (152) Eigentlich ist das vom Connell’schen Standpunkt aus vorbildlich, von der Bereitschaft zur Änderung der eigenen Lebensweise bis hin zur impliziten Abwertung traditioneller männlicher Lebensweisen. Doch der weise Wissenschaftler (damals noch keine weise Wissenschaftlerin) kommentiert: „Dieser Ausschnitt ist bezeichnend für die Art, wie diese Männer über Feminismus und Geschlechterpolitik reden. Sie beschränken ihren Blick auf Erwartungen und Einstellungen, persönliche Umgangsformen und direkte Interaktionen, anstatt auch die wirtschaftliche Diskriminierung, institutionalisierte Aspekte des Patriarchats und den Feminismus als politische Bewegung wahrzunehmen.“ Natürlich ließe sich auf diese Weise jedem Mann, was immer er auch tut, nachweisen, wie defizitär sein Handeln von einem erhabenen patriarchatskritischen Standpunkt betrachtet aus erscheint.

Während Männer also nichts richtig machen können, können (feministische) Frauen ihnen gegenüber nichts falsch machen. „Eine Hauptströmung in der feministischen Literatur, die Barry und Bill Anfang der 80er Jahre sehr aufmerksam gelesen haben, präsentiert ein sehr übles Bild vom Mann, geprägt von sexueller Gewalt, Pornographie und Krieg. Ich glaube, daß die starken Schuldgefühle mit dem Widerspruch zwischen ödipaler Maskulinisierung und ödipaler Identifikation zu tun haben, der durch den politischen Kontext nun aktualisiert wurde.“ (160) Nicht etwa die Verbreitung misandrischer Klischees ist also problematisch, sondern die unbearbeitete Widersprüchlichkeit ödipaler Prozesse in den männlichen Psychen. Wer sich daher als Mann darüber aufregt, dass Männer klischeehaft als Gewalttäter oder sexgeile Monstren präsentiert werden, verrät damit nur, dass er seinen psychischen Haushalt nicht in Ordnung hält.

Das gilt auch für Schwule, die Connell als „unterdrückte Männlichkeit“ von der Nähe zur hegemonialen Männlichkeit eigentlich ausnimmt. „Ich kann diese Emanzen nicht ausstehen, die Männer für den letzten Dreck halten.“ – „Ich habe etwas gegen Extremismen jeglicher Art.“ Diese kritischen Äußerungen schwuler Interviewpartner zum Feminismus weisen für Connell einfach nur das „Fehlen eines politischen Bewußtseins“ aus, die „Ignoranz gegenüber dem Feminismus“ passe „sehr gut zu den gängigen Meinungen der heterosexuellen Männer.“ (181) Dass auch schwule Männer sich durch männerfeindliche Äußerungen getroffen fühlen könnten, kommt dem überlegenen Interpreten schlicht nicht in den Sinn.

Feministische Stützräder Was hat dieses Konzept, dessen Schwächen doch so offensichtlich sind, eigentlich so erfolgreich gemacht? Paula-Irene Villa und Ilse Lenz stellen in ihrem Nachwort zur deutschen Ausgabe von Connells Schrift den Wunsch dar, „der partnerschaftliche Umgang von Männern und Frauen in der Geschlechterforschung, wie er sich in diesem Werk darstellt, möge modellhaft auch für andere Werke und Kollegen wirken.“ (267) Dieses eigenwillige Verständnis von Partnerschaftlichkeit, in der Männer durchgängig als Herrscher und Profiteure von Herrschaft imaginiert werden und Männerstimmen de facto verschwinden, ist natürlich ein wenig erklärungsbedürftig. In feministischen Positionen wird die Perspektive von Männern in der Regel programmatisch ausgeblendet – unterstellend, dass diese Perspektive in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik ja ohnehin schon prägend und ein Gegengewicht erforderlich sei. Dass damit aber ausgerechnet das Geschlechterverhältnis als eine rein weibliche Angelegenheit betrachtet wird, ist ein offenkundiges Problem. Connells Konzept hat in diesem Sinne – gleichsam als Stützrad für feministische Positionsnahmen – den Vorteil, Konzepte von Männlichkeit in feministische Perspektiven einzubinden, ohne Perspektiven von Männern ernst zu nehmen. Einfach gesagt: Die Men’s Studies nach dem Muster Connells beschäftigen sich nur deshalb mit Männern, um sich nicht mit Männern auseinandersetzen zu müssen.

Feministische Klischees patriarchaler Herrschaft werden dabei gegen naheliegende Einwände immunisiert. Das Konzept der Hegemonie erklärt die offenkundige Beteiligung von Frauen an gesellschaftlichen und ökonomischen Privilegien, ohne von der Idee des „Patriarchats“ abrücken zu müssen – die offenkundige Mannigfaltigkeit und Verschiedenheit männlicher Lebensweisen wird auf Linie gebracht, mit dem gemeinsamen Fluchtpunkt der „hegemonialen Männlichkeit“ – die offenkundige faktische Machtlosigkeit der meisten Männer mit dem Begriff der „patriarchalen Dividende“ weggeredet.

Ich hatte naiv geglaubt, dass Forschungsrichtungen, die sich auf einer Feindseligkeit gegen ganze Gruppen der Bevölkerung gründen, angesichts der Erfahrungen mit der (rassistischen oder antisemitischen) Rassenkunde aus guten Gründen allgemein als unwissenschaftlich und unethisch abgelehnt werden. Für Connells Konzepte müsste das eigentlich umso mehr gelten, als er explizit fordert, seine ablehnende Position gegenüber Männern zur Grundlage bildungspolitischer Entscheidungen, also zur Grundlage der Erziehung von Kindern und Jugendlichen zu machen (worin ihm ja auch Wissenschaftler wie Edgar Forster bereitwillig folgen). Statt dessen ist Connell kanonisiert, während Versuche von Männern und Frauen, die Inhumanität von Positionen wie der seinen zu kritisieren, massiv diffamiert werden – gerade auch aus akademischen Kontexten und mit der erheblichen Unterstützung politischer Parteien (also, nebenbei bemerkt, unter vielfacher Verwendung von Steuergeldern). Anstatt die Männerrechtsbewegung wie in den Schriften Rosenbrocks oder Gersterkamps beliebig als „rechtsradikal“ zu diskreditieren, wäre es möglicherweise eine gute Idee, wenn sich die grüne Heinrich-Böll-Stiftung oder die sozialdemokratische Friedrich Ebert Stiftung zur Abwechslung einmal mit der Inhumanität von Theorien wie der Connells auseinandersetzen würden, anstatt gedankenlos ihre Ohrwürmer nachzusingen.

Alle Zitate nach Robert W. Connell: Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. 3. Auflage, Wiesbaden 2006

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16 Comments

  • Das Zitat mit dem Nationalsozialismus ist interessant und steht für eine typische Verschleifung von Begriffen. Deren Gehalt wird überdehnt, bis sie schließlich alles umfassen. Sie beschreiben vermeintliche Superphänomene, etwa das „Patriarchat“. Alle anderen Dinge erscheinen daraus lediglich abgeleitet. In Connells Fall ist das also die Nazi-Herrschaft als lediglich starker Auswuchs der Männerherrschaft.

    Es muss ja nicht verkehrt sein, diese Perspektive bei der Betrachtung der NS-Zeit einzunehmen. Aber wo sie zur einzigen wird, entsteht ein Tunnelblick, der viele Faktoren außer Acht lässt. Ich glaube kaum, dass die Nazis allein durch „Männerherrschaft“ erklärt werden kann. Selbst, wenn es eine war, müsste man immer noch erklären, warum sie genau diese Erscheinungsform fand und keine andere.

    Insgesamt ist diese Verschleifungsstrategie nicht selten. Das geht los mit dem Klassiker, dass jeder gewöhnliche Geschlechtsverkehr Vergewaltigung sei. Der Begriff „Vergewaltigung“ verliert damit seine Ordnungsfunktion. Er steht jetzt für alles, was Männer mit Frauen machen. Aber was bezeichnet dann noch den einst mit Vergewaltigung gemeinten Gewaltakt und wie unterscheidet man diesen jetzt von anderen Arten der „Vergewaltigung“? Gelingt das nicht, verschwindet eben dieses Phänomen aus dem Blick.

    Genauso wird aus jeder Art des Umgangs von Männern mit Frauen „Herrschaft“, womit der Herrschaftsbegriff seine Konturen verliert. Ohnehin habe ich den Eindruck, dass etliche feministische Autoren einen ganz unterentwickelten Vorrat an Macht- und Herrschaftsbegriffen hat. Herrschaft ist für viele Autoren offenbar mehr nur ein mysteriöser Effekt und nichts mehr, was man durch Handeln und Struktur nachvollziehen kann.

    Es scheint mir typisch, dass Leute ohne differenzierte Begriffe von Herrschaft dieser unmäßig hohe Reichweite zubilligen. Diese Herrschaft wird von ihnen als umfassend und allmächtig imaginiert. Was fehlt, ist die Vorstellung, dass Herrschaft gemacht wird und Handeln erfordert. Sie ist Arbeit und sie braucht Mittel, Personal und Organisation. Wer herrschen will, muss schon einiges bewegen, also auch Widerstände überwinden, muss Strategien schmieden und steht dem Eigensinn der Menschen gegenüber. Auch gelingt die umfassende Steuerung von Organisationen oder von Menschenmassen nicht so leicht, wenn sie nicht oft gar völlig unmöglich ist. Diese „Probleme“ des Macht-Praktikers sind diesen Autoren und Autorinnen aber offenbar völlig unbekannt. Sie haben offenbar selber nie versucht, in verantwortlicher Position zu herrschen.

    Nur so kann ich mir erklären, warum gerade Feministinnen so häufig an Supersysteme glauben, die eine Gesellschaft durch und durch beherrschen können und deren prägender Druck bis in den letzten Winkel des Alltags zu dringen vermag.

    Zu guter Letzt finde ich Texte suspekt, wo ich schon von vornherein weiß, dass sie nichts Überraschendes enthalten. Es scheint so, dass Connell als Autor nicht in der Lage war, in seinen Interviews Dinge zu entdecken, die er nicht schon vorher „gewusst“ zu haben meinte. Aber das hat dann mit Empirie nichts zu tun und entwirft ein Bild von Menschen, die komplett kulturprogrammiert und gar nicht individuell handeln.

  • Der Feminismus ist zu einer Zeit entstanden, als das „klassische Patriarchat“, als Rollenverteilung, an sein Ende kam, die Vergesellschaftung den Familienvater entliess. Das Phantasma von Macht im Feminismus, dass im Text angedeutet wird, steht fuer eine fundamentale Phantasie vom Manne, der alles hat und alles kann (vielleicht der Urvater, der alle Frauen besass).

    Diese Fantasie wird toedlich bedroht von der Assimilation von Maennern an Frauen. Deshalb die unsichtbare Herrschaft, und immer mehr davon, immer maechtiger. Je mehr der Uebervater verschwindet, desto mehr muss er herbeiphantasiert werden.

    Wir werden also immer noch wuetendere Anklagen des Feminismus hoeren, jede Quote wird noch mehr Frauenunterdrueckung (immer versteckter, deshalb immer allgegenwaertiger, immer maechtiger) hervorrufen.

    Entsprechend verhalten sich „Maenner“ immer frauenaehnlicher. Was die Spirale weiter anheizt.

    Was tun? Wenn ein Kind immer mehr quengelt, immer mehr nach Begrenzung ruft, kann man sich natuerlich dem verweigern, und immer mehr Verstaendnis entwickeln fuer das Kind, immer mehr entschuldigen. Man will sich ja vom Kind nichts vorschreiben lassen. Ich meine aber, man muss einfach einsehen, dass das Kind objektiv recht hat, und man muss der Vaterrolle gerecht werden.

    Zwar komplizierter, aber vielleicht im Grunde aehnlich, meine ich dass der moderne Mann dem Feminismus zustimmen sollte: Ja, ich bin ein Patriarch, ich habe die Macht, und ich benutze sie.

    Meine ich das nun voellig ernst? In einem gewissen Sinne schon.

  • Das Zitat mit dem Nationalsozialismus ist ja noch harmlos gegenüber dem von hier: http://www.chancengleichheit.de/texte/foren/F4/Doege.html
    „In diesem Rahmen ist jedoch auch hegemoniale Männlichkeit historischen Veränderungen unterworfen und so führte etwa die Herausbildung und Durchsetzung der kapitalistischen Produktionsweise in den USA zu einer Ablösung der auf Eigentum an Land basierenden gentry masculinity durch die auf Eigentum an Produktionsmitteln basierende marketplace manhood (Kimmel 1994). Gegenwärtig wird von der Herausbildung eines neuen Typs hegemonialer Männlichkeit für das 21. Jahrhundert ausgegangen – dem Unternehmer-Spekulierer:

    „Die neue Unternehmer-Männlichkeit will ihren Anteil am wachsenden internationalen Sexhandel, hat mit der globalen Zerstörung der Wälder zu tun und führt einen Kampf gegen den Wohlfahrtsstaat im Namen internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Eine modernisierte Unternehmer-Männlichkeit kann sich auf gleiche Einstellungschancen für qualifizierte Frauen bereitwillig einlassen, während sie riesige Profite durch die Ausbeutung von Fabrikarbeiterinnen und durch den Absatz von Fast Food macht. Nicht alle Modernisierungen von Männlichkeit sind progressiv“ (Connell 1995a:81; 1998). „
    Connell, Robert William (1995a): Neue Richtungen für Geschlechtertheorie, Männlichkeitsforschung und Geschlechterpolitik, in: L. Christof Armruster/ Ursula Müller/ Marlene Stein-Hilbers (Hg.): Neue Horizonte? Sozialwissenschaftliche Forschung über Geschlechter und Geschlechterverhältnisse, Opladen: Leske & Budrich, S. 61 – 83

  • Glaube schon, dass es da einen neuen Typus „Unternehmer-Spekulierer“ geben koennte. Meine Vermutung ist, dass diese Aspekte des Zerfalls des Kapitalismus dem weiblichen Spektrum zuzurechnen ist: Die Produktionslogik wird durch Reproduktionslogik ersetzt. Es gibt ja keinen Fortschritt mehr (von Unternehmerseite), sondern einen ewigen Reproduktionszyklus von Gehen und Vergehen, Kaufen und Verkaufen. Nichts wird mehr aufgebaut (auf dass es scheitert — die maennliche Produktionslogik), sondern im Kern ist das System unfehlbar, da es nichts mehr „will“, ausser dem ewigen Austausch des Naturstoffes Geld.

    Koennte mir vorstellen, dass man unter diesem neuen Unternehmertypus eben verstaerkt (biologische) Frauen findet. Meine (wenigen) Einblicke in die Psyche von Geschaeftsfrauen ist, dass man dort ueberhaupt nicht den Wunsch findet, etwas schaffen zu wollen. Also passend zum modernen Finanzkapitalismus als eines reinen Zirkulationssystems, vielleicht perfektes Beispiel der „weiblichen Logik“ im Sinne Lacans, nicht die Ausnahme (die Produktion), sondern das „Nicht-Alles“, allumfassender Erstickungsapparat, der nie greifbar wird.

    Hm, vielleicht stossen solche Spekulationen hier nicht auf so viel Gegenliebe. Aber es scheint doch offensichtlich, dass es sich hier um „wahnsinnige“ Erscheinungen handelt, wo all die Rationalisierung als „normales fehlgeleitetes Verhalten“ die Sache nur noch schlimmer macht.

  • @Michael Lohmann „Sie beschreiben vermeintliche Superphänomene, etwa das „Patriarchat“. Alle anderen Dinge erscheinen daraus lediglich abgeleitet. In Connells Fall ist das also die Nazi-Herrschaft als lediglich starker Auswuchs der Männerherrschaft.“ Ja, so lese ich Connell auch. Dabei ist bezeichnend für ihn (bzw. später sie), dass er durchaus andere Diskriminierungsformen als eine „patrairchale“ anerkennt, schwarze Männer in den USA beschreibt er beispielsweise als „marginalisiert“, er achtet auf soziale Unterschiede, und er kann etwas mit Intersektionalität anfangen. Bezeichnend aber ist, dass das für seine Grundannahmen überhaupt keine Rolle spielt.

    Ebenso ist auch sein Umgang mit den interviewten Männern. Er legt Wert darauf, ein großes Spektrum unterschiedlicher Männer zu präsentieren, und er wertet diese Männer auch nicht generell ab, sondern beschreibt auch positive Möglichkeiten ihres Lebens. Das alles aber ausschließlich im Rahmen seiner vorgegebenen Kategorien. Sein Interesse ist nicht, wie die Männer selbst in ihren Erzählungen ihr Leben rekonstruieren, sondern er (re-)konstruiert ihre Leben vor dem Hintergrund seiner beständig präsenten Bescheidwisserei. Es ist tatsächlich nicht vorstellbar, dass ihm in den Interviews etwas begegnen könnte, was ihn von seiner vorgefassten Meinung abrücken ließe, die interviewten Männer lebten in einer patriarchalen Gesellschaftsordnung.

    So erscheint mir Connell wie eine Immunisiserungsmaschine – er ist wie ein Staubsauger, der sich mögliche und naheliegende Einwände gegen die Deutung der Gesellschaft als „patriarchale Herrschaft“ einverleibt und als bedeutungslos behandelt.

  • Danke für den Link. Ich finde den Text von Lenz interessant, zumal er beim Gunda Werner Institut erschienen ist. Er bezieht allerdings eine vermittelnde Position, von der ich glaube, dass sie in dieser Form nicht möglich ist (in anderer Form sind Vermittlungen unterschiedlicher Positionen natürlich sehr wichtig). Er beschreibt etwas positive Potenziale von Connell (den Blick auf unterschiedliche „Männlichkeiten“ zu richten), unterschlägt dabei aber dessen bzw. deren erhebliche Männermissachtung. Er stellt das grüne Männermanifest als positives Beispiel heraus, erwähnt aber nicht, wie gehässig die Reaktionen auf dieses Manifest zum Teil waren. Es ist beispielsweise so extrem vorsichtig formuliert, dass Renate Künast es glatt als ein feministisches Manifest gelesen hatte und die Jungs erstmal zur Ordnung rief, beim Feminismus ginge es nicht ums Reden, sondern ums Handeln.

    Was Lenz, bei allen guten Ansätzen seines Textes, in meinen Augen nicht beachtet: Es gibt Positionen in feministischer Theorie wie in der Geschlechterpolitik, die so grundlegend männerfeindlich sind, dass eine vernünftige Vermittlung mit ihnen nicht möglich ist. Und so ist es auch kein Wunder, dass es auf die Gesprächsangebote seines Textes keine Reaktion gab.

  • @Andreas Rheinhardt Auch Dir danke für den Link. Das Zitat von Connell ist beunruhigend, weil es so verrückt wirkt, aber ofenkundig trotzdem völlig ernst genommen wird. Was nicht heißt, dass ich Unternehmern nicht viel zutrauen würde – aber dass Connell Sexhandel, Waldsterben, Sozialabbau, Fast Food und Ausbeutung von Fabrikarbeiterinnen mal eben ganz selbstverständlich (und ohne weitere Erklärungen) verknüpft, bestätigt eigentlich die Einordnung seines Konzepts als eine Form der Verschwörungstheorie.

    Was den Link von Döge angeht, zeigt sich darin in meinen Augen zumindest (vorsichtig formuliert) eine Doppelgesichtigkeit kritischer Männerforschung. Zwar schneidet er tabuisierte Themen an, wie etwas die Vergewaltigungen von Männern in Gefängnissen – aber das sind punktuelle Anliegen, die er unter der Bedingung anbringt, dass er generelle Vorgaben gewohnter Geschlechterdiskussionen (hegemoniale Männlichkeit, Patriarchat ec.) auf gar keinen Fall anzweifelt.

  • @Oliver K „Hm, vielleicht stossen solche Spekulationen hier nicht auf so viel Gegenliebe.“ Das stimmt nur zum Teil. Dass sich Finanzgeschäfte von dem entkoppelt haben, was Unternehmen tatsächlich produzieren, ist ja tatsächlich zu beobachten. Ich hab nur Zweifel daran, dass die Zuordnung zu Geschlechtermustern hier hilft (so wie umgekehrt Olaf Scholz ja auch schonmal ganz generell Männern die Schuld an der internationalen Finanzkrise zuschob). Ich erinnere mich bei verallgemeinerten Redeweisen von „männlich“ und „weiblich“ an ein Literaturseminar, in dem auch Hélène Cixous' Unterscheidung von „männlichem“ und „weiblichem Schreiben“ eine Rolle spielte – und das einzige Beispiel für weibliches Schreiben ein Text von James Joyce war. Auch was die internationalen Finanzmärkte angeht, ist eine Analyse der Strukturen in meinen Augen nicht auf Geschlechtermuster angewiesen.

  • „so wie umgekehrt Olaf Scholz ja auch schonmal ganz generell Männern die Schuld an der internationalen Finanzkrise zuschob“

    Für alles Elend ist offenbar der Mann verantwortlich. Damit verbunden ist die Hoffnung und Heilslehre, Frauen würden eine bessere Welt schaffen, wenn sie denn dürften.

    Dass sie längst dürfen, entgeht wohl nur demjenigen, der mit Schule und Erziehung nichts zu tun hat.

    Aber auch so, finde ich, fehlt es vielen Frauen nicht an Sendungs- und Selbstbewusstsein. Jedenfalls habe ich den Eindruck, dass das „Frauen sind bessere Menschen“ Klischee bei vielen Frauen eine gewisse Kompromisslosigkeit und Rechthaberei fördert.
    (siehe: http://suwasu.wordpress.com/2013/03/19/wenn-die-besseren-menschen-bestimmen/)

  • @suwasu Danke für den Link! Du stellst es in Deinem Artikel als offenen Frage, ob Deine Erfahrungen geteilt werden. Ich glaube, dass beispielsweise die folgende Erfahrung von vielen geteilt wird – ich kenne sie so auch, von mir wie von anderen.

    „Ich habe es selbst erlebt und auch bei anderen Paaren beobachtet, dass die junge Mutter aus unerfindlichen Gründen meint, von Erziehung mehr zu verstehen als der Vater. Beide teilen eigentlich die gleiche Erfahrung. Das Kind tritt für beide zum gleichen Zeitpunkt in ihr Leben. Vater und Mutter machen ihre Erfahrungen also zeitgleich. Dennoch bin ich selber häufig mit dem Gestus der Überlegenheit angeherrscht worden, wenn ich vermeintlich wieder etwas falsch gemacht habe.“

    Das Falsche kann schon darin bestehen, dass die Temperatur der erwärmten Milch um zwei Grad abweicht. Oder dass man dem Kind etwas vorsingt. Es ist eigentlich beliebig – jedenfalls ist es auch nach meiner Erfahrung vielen Frauen ungeheuer wichtig klarzustellen, dass sie gewissermaßen eine natürliche Kompetenz für den Umgang mit Kindern haben, die Männern abgeht. Das ist schade, aber es lässt sich so wohl wirklich verallgemeinern.

  • Die Bücher von Connell liegen bei mir auch noch rum, bin noch nicht dazu gekommen, sie zu lesen.

    Es ist irgendwie immer gleichzeitig erhellend („Ah, da haben die das her“) aber auch ernüchternd („ah, auf die schwachen Argumente stützt er es“) feministische Bücher zu lesen.

  • @ Christian Begriffe wie der von der „hegemonialen Männlichkeit“ oder „patriarchale Dividende“ kommen mir vor wie der Scheinriese Turtur aus den Jim Knopf-Büchern, der umso größer wird, je weiter er sich entfernt. Wenn man solche Begriffe nur von Weitem kennt, dann wirken sie groß, dann können sie gar als Leuchttürme im Diskurs Orientierung bieten. Aber je näher man herangeht, desto mickriger wirken sie.

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