Väter

Die männliche Tragödie

Bild zeigt zwei Masken, die eine Tragödie symbolisieren sollen.
geschrieben von: Lucas Schoppe

 

Die „männliche Tragödie“ bescheibt Warren Farrell in seinem Buch The Myth of Male Power folgendermaßen: „The male tragedy (…) is that showing our love by providing takes us away from showing our love from connecting. Thus, loving our sons has taken us away from loving our sons.“ (Farrell 1993, S. 82) Gerade durch die männliche Art der Fürsorge für die Kinder (nicht nur für die Söhne, auch bei Farrell nicht), ihrer finanziellen Versorgung durch die Erwerbsarbeit, entfernten sich die Väter von ihnen – gerade diese (wenn auch notwendige) Art, die Kinder zu lieben, hindere sie daran, ihre Kinder zu lieben.

Was Farrell, etwas pathetisch klingend, aber sehr stimmig als „tragischen“ Konflikt der traditionellen Männerrolle beschreibt, hat sich in den letzten Jahrzehnten, also in Zeiten einer vorgeblichen Auflösung traditioneller Geschlechterzuordnungen keineswegs entschärft, sondern sogar noch zugespitzt. Ein Beispiel – ein schroffes, aber nur eines unter vielen – ist der Konflikt zwischen Interessen von Samenspendern und ihren biologischen Kindern, der ja auch hier im Text und in den Kommentaren schon Thema war. Tatsächlich lässt sich der Konflikt, den Farrell skizzierte, aber noch viel weiter fassen.

Mann vs. Vater, Vater vs. Kind Farrells Statement widerspricht einer landläufigen Binsenwahrheit – dass Männer immer die Möglichkeit gehabt hätten, Karriere zu machen UND Kinder zu haben, während Frauen sich immer für das eine oder das andere hätten entscheiden müssen. Vermutlich schwingt bei dieser Einschätzung häufig die leicht ressentimentlastige Fehleinschätzung mit, dass die Erwerbsarbeit insgesamt ein bereichernder Beitrag zur eigenen Verwirklichung sei, die Sorge für die eigenen Kinder hingegen vor allem vergleichsweise viel Aufopferung und Anstrengung erfordere. Wichtiger noch ist, dass die zitierte Binsenwahrheit Farrells Punkt schlicht übersieht – dass es nämlich für Männer durchaus nicht rundweg ein Vergnügen, sondern auch eine Belastung sei, sich von den eigenen Kindern entfernen zu müssen, um für sie zu sorgen.
Natürlich gibt es einfache sachliche Widersprüche zwischen den Interessen von Erwachsenen und denen ihrer Kinder – wer Mutter oder Vater wird, muss sich selbstverständlich darauf einstellen, das bisher gewohnte Leben nicht bruchlos fortsetzen zu könne. Doch dort, wo Frauen von diesen Widersprüchen betroffen sind, suchen politische Institutionen immerhin nach Möglichkeiten zur Linderung suchen, während sie in anderen Zusammenhängen die Widersprüche für Männer sogar noch verschärfen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf nehmen etwa signifikant mehr Männer als Frauen als Problem wahr. „So sind Väter von Kindern unter 18 Jahren zu 88 % der Meinung, dass sich Familie und Beruf in Deutschland nicht gut miteinander vereinbaren lassen (IfD Allensbach 2011). Mütter von Kindern unter 18 Jahren äußern diese Meinung „nur“ zu 78 %. Die große Mehrheit der Betroffenen sieht demnach ein Vereinbarkeitsproblem. Doch die weniger stark betroffenen Männer sind in dieser Hinsicht problembewusster als die eigentlich stärker betroffenen Frauen.“ Es ist interessant, dass das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, aus deren Schrift „Keine Lust auf Kinder?“  dieses Zitat stammt (S. 44f.), die Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf trotz offenkundig widersprechender Daten selbstverständlich weiterhin als Frauenproblem beschreibt. Möglicherweise ist dies sogar ein Glück: Auf diese Weise können Männer vielleicht, wenn auch zufällig, in manchen Fällen von staatliche Hilfen zur Unterstützung von Müttern profitieren – würde das Problem als Väterproblem wahrgenommen, dann würde wohl eher von den Vätern allein verlangt werden, es zu lösen.
Gleichwohl stehen natürlich weiterhin viele Frauen vor dem Problem, zugunsten der Sorge für die Kinder berufliche Perspektiven hintenanzustellen. Das ließe sich tragfähig nur ändern, wenn Männer stärker in die Kinderbetreuung eingebunden wären – doch ausgerechnet hier sind es vor allem Frauen, in Lobbygruppen wie dem Alleinerziehendenverband oder in den Parteien, die eine Stärkung der schwachen rechtlichen Position von Vätern nach Kräften verhindern.
„Wie kann die Frauenbewegung glaubwürdig Väter verfluchen, die den Nachwuchs vernachlässigen – und auf jene eindreschen, die sich kümmern wollen? Wie kann sie Beteiligung bei der Erziehung fordern und gleichzeitig die Ausgrenzung propagieren?“ fragt schon Matthias Matussek in seinem Buch Die vaterlose Gesellschaft (Neuauflage 2006, S. 26f.) Der hier skizzierte Widerspruch hat für Väter die Konsequenz, dass ihr Verhalten in jedem Fall als schädlich für das Kindeswohl erscheinen kann – ganz gleich, ob sie sich nun distanzieren oder ob sie für ihr Kind präsent sein wollen. In der Situation entsorgter Väter zeigt sich der von Farrell skizzierte tragische Konflikt besonders deutlich. Die Aufspaltung der Elternbeziehung in Sorgeberechtigte und Unterhaltspflichtige überspitzt die traditionellen Funktionen von Müttern und Vätern auf absurde Weise, und die (regelmäßig zugeteilte) Unterhaltspflicht der Väter ist direkt daran gekoppelt, dass ihnen zugleich die Möglichkeit der Sorge für ihre Kinder vorenthalten wird. Da der Entzug eines Elternteils für die Kinder in vielfacher Weise ungünstig ist, sehen sich Väter mit der verrückten gesetzlichen Verpflichtung konfrontiert, eine Situation zu finanzieren und auf Dauer zu ermöglichen, von der sie wissen, dass sie ihnen selbst und ihren Kindern erheblich schadet.

 

In Deutschland hat sich der von Farrell skizzierte Konflikt spätestens also seit der Erneuerung des Scheidungsrechts in den Siebziger Jahren und dann durch die verbissene Verweigerung einer Gleichberechtigung von nichtehelichen Vätern und Müttern noch einmal zugespitzt. Auch Väter, die noch mit der Mutter ihrer Kinder zusammenleben, können sich durch die Perspektive, bei einer Trennung den Kontakt zu den Kindern zu verlieren, unter Druck gesetzt sehen – um den Kontakt zu den Kindern nicht zu verlieren, eine Beziehung auch dann aufrechtzuerhalten, wenn sie für sie selbst und auch für die Kinder belastend ist. Es ist insgesamt rationaler für Väter, ihre Perspektive im Beruf als in der Kinderbetreuung zu suchen, weil auch eine intensive Sorge für die Kinder sie nicht davor schützen kann, nach einer möglichen Trennung mit hoher Wahrscheinlichkeit den Kontakt zu ihnen  ganz oder weitgehend zu verlieren.
Beständig also stehen Männer vor Widersprüchen zwischen ihren Interessen und den Interessen ihrer Kinder, die so nicht nötig, sondern durch politische Bedingungen produziert sind. Auch Männer, die aufgrund dieser Situation kinderlos bleiben, sind davon erheblich betroffen, gestalten ihn  zwar anders als Väter, leisten aber auch einen erheblichen Verzicht. Lediglich Männer, die aus welchen Gründen auch immer ohnehin kein Interesse an der Vaterschaft haben, bleiben von diesem Widerspruch verschont, doch auch dies eher zufällig. Auch für sie kann sich die Situation jederzeit verschärfen – etwa dann, wenn sie ungewollt Vater werden.
Auch in dem Konflikt zwischen Samenspendern und Spenderkindern drückt sich dieser Widerspruch aus. Die Spender haben ja durchaus legitimen Grund, auf ihrer zugesicherten Anonymität zu bestehen, und sie haben gute Gründe, Unterhaltszahlungen zu befürchten.  Gleichwohl haben auch die Kinder plausible und legitime Gründe, auf Informationen über ihre Abstammung zu pochen. Die erfolgreiche dänische Storkklinik wirbt damit, dass etwa 50% ihrer Kundinnen, die sich dort künstlich befruchten lassen, Alleinerziehende sind  – die künstliche Befruchtung ist keineswegs mehrheitlich letzter Ausweg für verzweifelte kinderlose Paare, sondern ein Angebot für Frauen, sich statt mit einer Katze oder einem teuren Möbelstück doch auch einmal mit einem Kind auszustatten. Wenn die Spender, aus was für guten Gründen auch immer, auf ihrem Recht auf Anonymität pochen und Kindern das Recht auf Informationen über die Spenderväter verweigern, dann wenden sie sich gegen die falschen Gegner und totalisieren nur die Verfügbarmachung der Kinder für Mütter.
Ministerium für alles außer Männer Tatsächlich müsste es Ziel einer demokratischen Politik sein, tragische Konflikte zu vermeiden oder zu moderieren – und das sind, zumindest wenn man Hegel glauben kann (was man oft nicht kann, aber in diesem Punkt schon – doch zurück zum Text:), zugespitzte Konflikte zwischen Positionen, die jeweils für sich legitim und berechtigt, aber nicht vereinbar sind. Wenn es jedoch um Männer und Vaterschaft geht, werden solche Konflikte regelrecht gezielt produziert. Ein absurdes Beispiel ist der Zuschnitt des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, das – wie aus seinem Titel unschwer erklärbar ist – gern von interessierter, nämlich männerrechtlicher Seite spöttisch als „Ministerium für alles außer Männer“ bezeichnet wird. Dass dort mittlerweile ein Referat für Männer und Jungen eingerichtet wurde, ändert die Situation nicht grundlegend – man hätte sich das Referat sparen können, betont etwa der schon durch seine Positionen zur Jungenbildung einschlägig vorbelastete Thomas Viola Rieske. Tatsächlich legt der Zuschnitt des Ministeriums Zielkonflikte sehr nahe – schließlich sind beispielsweise Fraueninteressen nicht notwendigerweise Familieninteressen, und umgekehrt. Als die derzeitige Ministerin sich in einem Buch tatsächlich einmal  kritisch über feministische Traditionen äußerte, formierte sich sogleich dementsprechend eine Kampagne gegen sie – „Nicht meine Ministerin“. Während das amerikanische Vorbild, die „Not my president!“-Kampagne gegen George W. Bush, dem Präsidenten vorhielt, er würde und könne nicht für die gesamte Bevölkerung stehen, hatte der deutsche Ableger genau die entgegengesetzte Stoßrichtung: Mit großer Selbstverständlichkeit warfen die Initiatorinnen und Initiatoren der Ministerin vor, nicht nur (ihre) Partikularinteressen zu bedienen. Massenmediale Begleitmusik der Kampagne ging sogar so weit, dass Silke Burmester Schröder auf Spiegel-Online allen Ernstes vorhielt, die „Feindin aller Frauen“ zu sein, weil sie die Frauenquote nicht angemessen unterstütze (wobei zu Burmesters Entlastung erwähnt werden muss, dass sie mit „alle Frauen“ vermutlich „Silke Burmester und ihre Freundinnen“ meint).
Dass es ein Ministerium für alles außer Männer gibt, ist absurd. Dass dieses Ministerium aber ausgerechnet das Familienministerium ist, ist aussagekräftig. Im Zuschnitt dieses Ministeriums institutionalisiert sich sinnbildlich eine irrationale und auch inhumane Politik, die zwischen den Interessen von Männern und denen ihrer Kinder, zwischen dem Selbstbild eines Mannes als Mensch und als Vater beständig und ohne Not Widersprüche produziert und verschärft. Da das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern von zentraler Bedeutung für beide ist, da es schlichtweg auch nicht vernünftig möglich ist, zwischen der eigenen Position als Mensch – im Beruf, unter anderen Erwachsenen – und als Vater zu trennen, drückt sich in dieser Politik ein wirklich großes Unrecht aus. Was Farrell als männliche Tragödie beschreibt, ist immer auch eine Tragödie der Kinder – sie wäre aber auch schon schlimm, wenn sie allein die Männer treffen würde.
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3 Comments

  • Die Tragödie perpetuiert sich mit der strukturellen Härte gegen Männer. Indem Männer mit ihren Problemen als „selbstverschuldet“ allein gelassen ja zielgerichtet isoliert und grundlegender Menschenrechte beraubt werden, um die an sie gerichteten Leistungsnormen erzwingen zu können, erfahren sie ihren untergeordneten Stellenwert. Der Mann als rechtlose Maschine im Dienste des Staates. Der auf diese Weise zweckdienlich zugerichtete will sagen abgehärtete Mann ist kaum in der Lage ein gefühlvoller und geduldiger Vater zu sein. Der Druck, der auf ihm lastet, hat wichtige Teile seiner sozialen Kompetenz veröden lassen. Anders würde er den Leistungsnormen auch kaum gerecht werden können.
    Indem er in seiner eigenen Bedürftigkeit nicht gehört bzw. als unmännlich verlacht wird, entwickelt er Verachtung für diese menschliche Bedürftigkeit – sowohl bei sich selbst als auch bei allen anderen. Das ist eine therapeutische Binsenweisheit. Der Mann katapultiert sich auf diese Weise selbst aus einer möglichen innigen Beziehung zu seinem Kind. Und das sogenannte Familienministerium kann sagen: seht her, die Männer taugen nichts. Sie sind Sozialkrüppel, unfähig gute Väter zu sein.
    Alles in allem perfide.

    Grüße
    Joe

  • @Joe „Der Mann katapultiert sich auf diese Weise selbst aus einer möglichen innigen Beziehung zu seinem Kind.“ Ja, und wenn er es nicht selbst tut, dann wird er eben tatsächlich oft dazu gezwungen. Es gibt ja Väter, die – auch wen sie ihnen überhaupt nichts getan haben – ihre Kinder nicht mehr sehen dürfen, sondern nur für sie bezahlen müssen. Weil Gerichte beispielsweise offenkundigen Druck, den die Mutter auf die Kinder ausübt (um nämlich Treffen mit dem Vater zu verhindern), nicht wahrnehmen wollen und sich für Erklärungsansätze (wie etwa PAS) systematisch nicht interessieren – und trotzdem den Anspruch aufrechterhalten, im Sinne des Kindeswohls zu agieren. Natürlich ist das massive, staatlich exekutierte Gewalt, gegen die Väter wie gegen die Kinder.

  • Joe, danke für die geniale Zusammenfassung!
    Macht Hoffnung auf weitere Verbreitung von Aufklärung, Männergesundheit und Männerbildung. Merci 1000x
    LG Hartmut

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