Jungen

Über den Umgang mit Jungen

Bild zeigt eine kleinen Jungen im Kindergarten oder in der Schule.
geschrieben von: Lucas Schoppe
Jungen sind aggressiver, entwickeln sich später, sind desinteressierter, weniger anpassungswillig, weniger engagiert, fauler, lesefauler, nachlässiger, rechthaberischer, sprachlich unbegabter, weniger eloquent, computerspielsüchtiger, sozial inkompetenter, dominanzorientierter, gewaltbereiter als Mädchen – Resultat eines kurzen Brainstormings aus Texten, die ich in den letzten drei Wochen über Jungen in der Schule gelesen habe. Angesichts dieser Masse an negativen Eindrücken ist es verwunderlich, dass überhaupt noch jemand Jungen in der Schule unterrichten will.

Mein Eindruck: Wenn überhaupt einmal jemand wohlwollend über Jungen schreibt, dann entschuldigt er ihre Defizite, führt beispielsweise eine größere Unruhe und Aggressivität auf einen stärkeren Bewegungsdrang zurück, dem in der Schule nicht genug Rechnung getragen werden. Nur ausnahmsweise aber finde ich Texte, in denen Verhaltensweisen von Jungen als Qualitäten beschrieben werden – wie beispielsweise „Die Schule – ein weibliches Biotop?“ des Zürcher Professors und Psychologen Allan Guggenbühl, der beschreibt, dass Jungen versuchten, mit ihrer Form der Kommunikation soziale Situationen zu dynamisieren (was ihnen dann von Lehrkräften als aggressives Kommunikationsverhalten ausgelegt werden kann).

junge schule

Natürlich entwickeln sich Klischees wie die eingangs skizzierten zu self-fulfilling prophecies – wer als Erwachsener Jungen auf diese Weise wahrnimmt, wird kaum vernünftig und angemessen mit ihnen umgehen können und möglicherweise eben gerade die Verhaltensweisen produzieren, die er ihnen dann zum Vorwurf machen kann.

Vor Kurzem habe ich von den Ergebnissen einer Lehrerfortbildung erfahren, bei der es um Jungen als Bildungsverlierer ging. Die Kollegen hatten sich mit vielen Aspekten des Problems auseinandergesetzt: Dass Jungen und Mädchen verschieden seien und so auch akzeptiert werden müssten (eigentlich eine Selbstverständlichkeit, wenn es keine „geschlechterbewusste Pädagogik“ gäbe, die davon ausgeht, dass alle Unterschiede zwischen den Geschlechtern soziale Konstruktionen sein und beliebig umkonstruiert werden könnten), dass Jungen einen großen Bewegungsdrang hätten, dem die Schule auch gerecht werden sollte, dass sie sich für andere Lektüren interessierten als Mädchen, später reiften etc. Ein Aspekt aber wurde ausgelassen: nämlich die Frage, welche Rolle eigentlich die Lehrkräfte im Hinblick auf die schulischen Nachteile von Jungen spielen. Insofern waren die Ergebnisse der Fortbildung informiert, aber nicht reflektiert.

Die „antisexistische Jungenarbeit“, die hier schon Thema war, reagiert auf diese Situation mit einer Boot-Camp-Methodik – der Junge in seiner Orientierung an der „hegemonialen Männlichkeit“ muss erst einmal destruiert und dann als neuer Mann wieder aufgebaut werden. Dazu macht dann zum Beispiel die vom Verein „Dissens“ herausgegebene und selbstverständlich aus öffentlichen Mitteln finanzierte Schrift „Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule“ den Vorschlag, den Kindern im Unterricht nicht mehr nur das Binnen-I beizubringen (was übrigens kein vernünftiger Mensch tut), sondern auch den Unterstrich („Hochstapler_innen“), der auch die Inklusion der Transsexuellen signalisiert. (S. 67)

Da ich gerade im Urlaub bin und einen Freund besuche, der ebenfalls Lehrer ist und außerdem zwei Söhne hat, entwickelten wir eines Tages – genauer: gestern und heute Abend – übermütig das Gefühl, uns würden möglicherweise NOCH bessere Vorschläge zur Förderung von Jungen in der Schule einfallen als dem Dissens-Verein, dessen große Kompetenz möglicher- und unglücklicherweise an der Lebensrealität von Jungen und Mädchen ein bisschen vorbeigeht. Unsere Frage, die wir gestern einige Stunden lang gemütlich diskutierten, war: Was können denn eigentlich der einzelne Lehrer oder die einzelne Lehrerin tun, um Jungen in der Schule angemessen zu fördern? Hier sind unsere Top Ten, Zehn Gebote oder Goldene Regeln:

1. Die Bordmittel überprüfen Vorannahmen über Jungen – und Mädchen – haben alle Kehrkräfte. Die über Jungen haben oft eine auffällige Gemeinsamkeit: Wer Jungen als störend, aggressiv, faul, desinteressiert, dominanzorientierter, weniger angepasst beschreiben werden, der nimmt die vor allem als Störer der Ordnung wahr und als potenziellen Angriff auf die Autorität des Lehrkörpers. Es ist also wichtig, wenn Lehrer und Lehrerinnen sich zwischendurch einmal fragen, welche Vorstellungen von Jungen sie im Kopf haben – und ob diese Vorstellungen nicht möglicherweise mit eigenen Ängsten und auch eigenen Handlungszwängen, mit simplifizierenden Abwehrhaltungen und Routinen mehr zu tun haben als mit den Jungen selbst.
 
2. Die Messinstrumente überprüfen Dass Jungen auch bei gleichen Leistungen schlechter bewertet werden als Mädchen, haben schon mehrere Studien nachgewiesen (zuletzt „Herkunft zensiert“). Das gilt auch für die Zuweisungen am Ende der Grundschule – Jungen werden bei gleichen Leistungen tendenziell seltener als Mädchen Gymnasien zugewiesen. Die Lehrer oder die (für die Zuweisungen fasst allein zuständigen) Lehrerinnen empfinden diese unterschiedlichen Bewertungen vermutlich nicht einmal als ungerecht – wenn sie das Gefühl haben, dass ein Junge nicht fleißig oder interessiert genug war, dann werden sie ihm mit subjektive guten Gründen eine schlechtere Prognose erstellen und ihn zögerlicher dem Gymnasium zuweisen, oder sie werden seine Leistung rückblickend im Zweifelsfall schlechter bewerten.
Das wäre Grund genug zu überprüfen, welche Kriterien für die eigenen Bewertungen eigentlich wichtig sind und welche nicht. Ich habe einmal eine studentische Gruppe erlebt, die mit einem Seminar ein interessantes Experiment machte: Sie legte zwanzig Schriftproben und fragte, welche von Schülerinnen und welche von Schülern stammten. Mit einer einzigen Ausnahme wurden sämtliche Proben von der weit überwiegenden Mehrheit des Kurses richtig zugeordnet, weil intuitiv fast alle die unsauberen, schwerer lesbaren Schriftproben als Jungenschrift interpretiert – und damit Recht behalten hatten. Nur: Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum das Einfluss auf die Notengebung haben sollte (es sei denn, die Schrift lässt sich auch bei gutem Willen nicht mehr lesen). Wenn Lehrkräfte für ihre Prognosen oder gar für die retrospektiven Bewertungen noch andere Informationen als objektiv messbare Leistungen verwenden, dann müssen sie diese gut begründen. Dass die Schrift eines Schülers krakelig aussieht, dass er der Lehrkraft manchmal aufsässig erscheint, oder dass er die Überschriften seiner Texte nicht farbig unterstreicht – das sind Beispiele von Informationen, die für die Bewertung irrelevant sind.
 
3. Die Schüler haben eine Geschichte Schüler und Schülerinnen erleben die Bildungsinstitutionen zunächst (und bis mehr als die Hälfte ihrer Kindheit und Jugend vorbei ist) als fast ausschließlich weibliche Einrichtungen. Das ändert sich nicht plötzlich, nur weil sie dann in der Regel ab der fünften Klasse auch männliche Lehrer erleben. Grundsätzlich haben die Jungen und Mädchen – zu deren Identitätsbildung ja auch die Auseinandersetzung mit der eigenen geschlechtlichen Identität gehört – dadurch gelernt: Mädchen, dass sie sich im von der Schule gesetzten Rahmen entwickeln können, Jungen, dass sie sich außerhalb dieses Rahmens entwickeln, und in Abgrenzung zur Schule. Das hat Folgen: Beispielsweise die, dass Jungen manchmal demonstrativ ihr Desinteresse zeigen, dass sie ganz selbstverständlich und offen mit anderen Dingen als der Schule beschäftigt sind, dass sie sich gegenüber den Mädchen (mit durchaus gutem Grund übrigens) benachteiligt sehen. Für den Erfolg in der Schule sind alle diese Verhaltensweisen problematisch – doch wenn die Jungen etwas daran ändern sollen (was sie sollten), dann muss eine Lehrkraft zunächst einmal einräumen, dass diese Verhaltensweisen durch die Institution mitgeprägt wurden, die sie als Lehrkraft repräsentieren. Änderungen werden also Zeit brauchen – und Vertrauen.
 
4. Nach positiven Funktionen fragen Das Verhalten von Jungen wird häufig als defizitär beschrieben: als Störung des Unterrichts, als Störung oder Belästigung der Mädchen (nämlich ausgerechnet in der „antisexistsichen Jungenarbeit“), oder – wohlwollender – als Problem für die Jungen selbst. „In der Arbeit mit Jungen wird deutlich, dass Jungen nicht nur Probleme machen, sondern solche auch haben“ (Boldt S. 144) – aber problematisch sind sie in jedem Fall. Das ist so nicht plausibel – wenn Menschen sich konstant auf eine bestimmte Weise verhalten, dann ist davon auszugehen, dass dieses Verhalten für sie auch positive Funktionen erfüllt. Ein Beispiel für eine solche Überlegung ist das oben erwähnte Zitat Allan Guggenbühls, der positive Funktionen eines aggressiveren kommunikativen Verhaltens darstellt.
Eines der beliebtesten schulischen Geschlechterklischees ist die Vorstellung, dass Jungen später reif würden als Mädchen. Das lässt sich nach unserer Erfahrung so allgemein nicht sagen – es gibt Bereiche, in denen Jungen sich früh wesentlich reifer als Mädchen verhalten. Dazu gehört beispielsweise die selbständige und eigenständige Regelung von Konflikten. Nach unserer Erfahrung (und der von vielen Kollegen und Kolleginnen, mit denen wir gesprochen haben) nehmen Konflikte in Mädchengruppen wesentlich mehr Zeit ein als in Jungengruppen, und sie erfordern auch ein wesentlich häufigeres und intensiveres Eingreifen von Lehrkräften. Unser Eindruck ist, dass Mädchen allgemein wesentlich offensiver und auch aggressiver die Aufmerksamkeit von Lehrkräften einfordern, als Jungen dies tun.
Das hängt möglicherweise mit dem von Guggenbühl beschreiben Kommunikationsverhalten zusammen: Wer akzeptiert (und begrüßt), dass soziale Situationen dynamisch und von unterschiedlichen Interessen geprägt sind, der kann diese Situationen auch gestalten und die Konflikte moderieren. Wer aber darauf konzentriert ist, Harmonie und Einstimmigkeit herzustellen, wird Konflikte potenziell ewig erneuern und zudem versuchen, Störenfriede zu entfernen. Natürlich: Auch diese Interpretation birgt die Gefahr, erneut Geschlechterklischees zu produzieren. Gleichwohl ist sie ein Beispiel dafür, dass es viele Möglichkeiten gibt, die positiven Aspekte des Verhaltens von Jungen zu beschreiben – anstatt es schlicht als defizitär zu kennzeichnen.
 
5. Jungenräte und weitere Unterminierungen der Koedukation Jungengruppen sind in der Lage, sich in weiten Bereichen selbst zu organisieren und Konflikte eigenständig zu lösen oder zu moderieren. Diese Möglichkeit sollte die Schule bereitstellen – die Laborschule Bielefeld beispielsweise arbeitet schon seit Beginn der Neunziger Jahre mit getrennten Jungen- und Mädchenkonferenzen. (Boldt, S. 143) Dabei werden Jungen in der Erfahrung bestätigt, dass sie soziale Situationen selbstständig und sinnvoll gestalten können.
Auch in anderen Bereichen kann es sinnvoll sein, Jungen und auch Mädchen zeitweilig davon zu befreien, sich den jeweils anderen gegenüber präsentieren zu müssen (denn das müssen sie in der Koedukation immer), beispielsweise im Sportunterricht.
 
6. Gewalt regeln „Jungen und Gewalt“ ist ein Standardthema des Sprechens über schulische Geschlechterunterschiede, und auch das (insgesamt sehr empfehlenswerte) „Handbuch Jungen-Pädagogik“ enthält einen Aufsatz dazu, in dem Gewalt und Jungen selbstverständlich miteinander und selbstverständlich mit „Strukturen männlicher Hegemonie“ verknüpft werden. (Möller, S. 277) Das ist eine verzerrte Sicht: Einerseits ist nicht jede Aggression gewalttätig, andererseits gibt es Formen von Gewalt, die nicht deutlich erkennbar sind und die nicht in körperlicher Gewalt münden. Anstatt – was ebenso sinnlos wie sexistisch ist – Gewalt entlang der Geschlechtergrenzen festzustellen, ist es viel wichtiger, andere Grenzen deutlich zu machen und zu sichern. Es gibt körperliche Rangeleien, bei denen Lehrkräfte keineswegs eingreifen, sondern lediglich aufpassen müssen, dass sie nicht zu ernsthaften Konflikten werden. Kinder messen ihre Kräfte, und sie spüren auch einander. Die Grenze ist eher dort erreicht, wo Einzelnen echter Schaden zugefügt wird, wo Einzelne oder auch mehrere ernsthaft verletzt werden, sei es körperlich, seelisch oder in ihrer Reputation. Hier können Mädchen natürlich ebenso gewalttätig sein wie Jungen, oder gewalttätiger. Wer Zeuge einer Situation wird, in der ein einzelner Mensch über soziale Netzwerke, Pausen- und Unterrichtsgespräche durch eine ganze Gruppe anderer und über Wochen und Monate hin regelrecht fertig gemacht wird – der wird mit hoher Wahrscheinlichkeit die innere Dynamik einer Schülerinnengruppe beobachten. Gewalt als Jungenproblem zu beschreiben, hilft daher nicht bei einem vernünftigen Umgang mit schulischer Gewalt, sondern verhindert ihn.
 
7. Wettbewerbssituationen schaffen Es ist regelrecht erstaunlich, wie sehr es die Leistungsbereitschaft, aber auch die Begeisterung von Jungen anspornt, wenn sie sich miteinander messen können (das gilt auch für Mädchen, wenn auch nicht in gleich großem Ausmaß). Der Verein „Dissens“ empfiehlt in seiner schon erwähnten Schrift „Geschlechterreflektierte Arbeit mit Jungen an der Schule“, Wettbewerbssituation in Kooperationsübungen umzuwandeln. (S. 68) Das kann man sicher auch mal machen, aber nicht prinzipiell: Das nämlich wäre eine unnötige, ideologische (von einem impliziten Ressentiment gegen die angeblich männliche „Leistungsgesellschaft“ getragene) und schließlich auch demotivierende methodische Selbstbeschneidung.
 
8. Jungen lesen anders Gern zu lesen ist eine der Schlüsseltugenden für Bildungserfolg. Daher ist es durchaus ein Problem, wenn Jungen deutlich weniger lesen als Mädchen. Die Schule aber kann sie erheblich fördern: Beispielsweise kann auch das Lesen in Wettbewerbssituationen eingebunden werden (etwa durch eine Leseolympiade, oder durch das „Antolin“-Programm). Lehrkräfte sollten aber auch berücksichtigen, dass viele Jungen tendenziell stärker als Mädchen an Sachthemen und -texten interessiert sind. (Garbe, S. 302) Besonders wichtig sind Unterschiede im Lesen von Literatur – tendenziell lieber als Texte, in denen Gefühle und persönliche Beziehungen im Mittelpunkt stehen, lesen Jungen Texte mit einer spannenden äußeren Handlung. (Garbe S. 311) Das bedeutet übrigens keineswegs, dass Jungen (defizitär) nicht in der Lage sind, Gefühle direkt zu formulieren, sondern eher, dass für sie der Handlungswert von Gefühlen im Mittelpunkt steht. Das Reden über Gefühle um des Redens über Gefühle willen leuchtet Jungen noch weniger ein als Mädchen (insgesamt glauben Erwachsene sehr viel eher als Kinder, Gefühle zu verbalisieren sei immer schon an sich sinnvoll – und es ist keineswegs sicher, dass Erwachsene damit immer recht haben).
Mädchen lesen Jungenbücher mit – aber Jungen steigen aus bei Büchern, die spezifisch Mädchen ansprechen. Es ist also sinnvoll, bei der Auswahl von Lektüren auf Bücher zu achten, die für Jungen ansprechend sind. Zwei Beispiele, damit klar wird, was wir meinen: Das Buch „Coolman & ich“ ist für untere Klassen geeignet, es thematisiert, zum Teil mit Comic-Elementen, die Situation eines schüchternen, einsamen Jungen – und tut dies anhand seiner Beziehung zu einem eingebildeten, großspurigen, grenzverletzenden imaginären Superhelden-Freund. Trotz seiner ernsten Grundlage, die den Kindern durchaus bewusst wird, ist es in der Wirkung sehr viel eher lustig, als dass es Betroffenheit auslöste. Für etwas höhere Klassen, auch für den Englischunterricht, eignet sich z.B. Stephen Kings „The Body“ – eine Geschichte, die sehr genau und stimmig die Beziehung von vier ganz unterschiedlichen Jungen charakterisiert, die sich darin aber nicht erschöpft. Die Jungen begeben sich auf eine abenteuerliche Reise durch das Waldgebiet von Maine, weil sie von dem Gerücht gehört haben, sie könnten an einer Bahnstrecke durch den Wald die Leiche eines vom Zug überfahrenen Jungen finden.
 
9. Den Ball flachhalten Es ist insgesamt wichtig, dass Lehrkräfte ein Mindestmaß an Distanz zu sich haben, Äußerungen der Schüler und Schülerinnen nicht beständig persönlich nehmen. Bei Jungen möglicherweise noch wichtiger als bei Mädchen. Ironische oder provozierende Äußerungen gegen Lehrer und Lehrerinnen haben gerade für Jungen einen erkennbaren Sinn – sie testen nicht nur Grenzen aus, sie testen auch schlicht, inwieweit die Lehrkraft eigentlich in möglichen ernsthaften Situationen verlässlich ist, ob sie auf Bedrohungen ihres Status sehr hart, aufgeregt oder souverän reagiert. Wer nun beleidigt, aggressiv oder moralisierend reagiert, der (bzw. die) zeigt sich damit eben unverlässlich – vor allem am eigenen Status interessiert. Es ist wichtig, in solchen Situationen (wenn Grenzen nicht massiv und hart überschritten werden) ironisch, gelassen oder vielleicht auch mit Humor zu reagieren. Sonst reagiert die Lehrkraft wie ein Fußballspieler, dem ein Gegenspieler den Ball abnimmt – und der aber, anstatt weiter zu spielen und sich den Ball zurück zu holen, stehen bleibt, sich beklagt und das Verhalten des Gegners lauthals moralisch verurteilt. Das ist nicht besonders respekteinflößend.
 
10. ‘n beeten scheef hett Gott leev Bei Jungengruppen hat man als Lehrer manchmal den Eindruck, man würde lauter Genies gegenübersitzen, deren Genie nur noch nicht recht erkannt worden ist. Das lässt sich ressentimenthaft als typisch männliche Selbstüberschätzung abtun, erfüllt aber tatsächlich sinnvolle Funktionen. Wohl aus den unter Punkt 3 erläuterten Gründen reicht es gerade Jungen oft nicht, einfach die gegebenen Anforderungen zu erfüllen (lieber erfüllen sie sie gar nicht), sondern sie versuchen, sie auf eine ganz besondere, originelle und individuelle Weise zu erfüllen, oder besser als andere (eben im Wettbewerb). Natürlich geht das oft schief – trotzdem ist es wichtig, dass Lehrkräfte nicht allein auf ihre Lösungserwartungen fixiert sind, sondern anerkennen, dass es ein positives Potenzial hat, wenn sich Schüler (und auch Schülerinnen) um ganz eigene, eigenständige Lösungen bemühen. Es ist sehr sinnvoll, ernsthafte Herausforderungen im Unterricht zu schaffen, die eben nicht allein durch die eingeübten Routinen zu bewältigen sind. „‘n beeten scheef hett Gott leev“ (ein bisschen schief hat Gott lieb), hat meine Oma immer gesagt. Und der Lehrer muss ja nicht richtender sein als Gott. Oder als meine Oma.
 
Einige Punkte haben wir ausgelassen, weil sie gleichermaßen für Jungen wie Mädchen gelten. Zum Beispiel, dass Lehrkräfte natürlich auf die Einhaltung schulischer Regeln achten, Grenzen ziehen und auch schützen müssen. Den alten, bösartigen Emma-Spruch (dass es unseren Söhnen schlechter gehen müsse, damit es unseren Töchtern besser geht) einfach umzukehren, ist natürlich ohnehin indiskutabel. Viele der beschriebenen Punkte wären durchaus auch für Mädchen hilfreich. Aber: Damit eine Förderung von Jungen legitim ist, muss sie nicht erst beweisen, dass sie auch Mädchen mitfördert.
Zudem ist uns aufgefallen, dass unsere Vorschläge genau in zehn Geboten unterzubringen sind. Das ist natürlich reiner Zufall. Wer weitere Vorschläge hinzufügen möchte – bitte sehr (im Kommentarbereich ist genug Platz):
 
Michael Matzner/Wolfgang Tischner (Hrsg): Handbuch Jungen-Pädagogik, Weinheim Basel 2008
Uli Boldt: Jungen und Koedukation, in: Handbuch Jungen-Pädagogik, S. 136-149
Christine Garbe: „Echte Kerle lesen nicht!?“ Was eine erfolgreiche Leseförderung für Jungen beachten muss, in: Handbuch Jungen-Pädagogik, S.301-315
Allan Guggenbühl: Die Schule – ein weibliches Biotop? Psychologische Hintergründe der Schulprobleme von Jungen, in: Handbuch Jungen-Pädagogik, S. 150-167
Kurt Möller: Jungen und Gewalt, in: Handbuch Jungen-Pädagogik, S. 274-289
 
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18 Comments

  • Ob das Lob für die Laborschule Bielefeld tatsächlich gerechtfertigt ist, ist für mich mehr als fraglich: Bei PISA haben die Jungen dort schlechter abgeschnitten als es die Jungen aus vergleichbaren Elternhäusern getan haben; bei den Mädchen war es umgekehrt (http://www.mpib-berlin.mpg.de/Pisa/Presseinformation.pdf). Ich habe es nicht gelesen, aber das Buch „Kritische Koedukation: Mädchen und Jungen in der Laborschule“ scheint mir hier sehr wichtig zu sein; und wenn ich mir http://www.schule-anders-denken.de/wp-content/uploads/2008/02/dr_christine_biermann_marlene_schuette.pdf durchlese, komme ich nicht umhin, festzustellen, dass die Laborschule bloß die gewöhnliche parteiliche Mädchen- und kritische Jungenarbeit durchführt.

  • @Schoppe

    „Jungen werden bei gleichen Leistungen tendenziell eher als Mädchen Gymnasien zugewiesen.“

    Dieser Satz klingt in meinen Ohren falsch. Meintest Du vielleicht eher, dass Jungen weniger als Mädchen eine Gymnasialempfehlung erhalten?

    Und nun einige Anmerkungen:
    1.) Grundsätzlich hat jeder Lehrer Verantwortung für die ihm anvertrauten Kinder und er hat ihnen zu helfen, ihr Potenzial zu entwickeln. Es kommt dabei nicht darauf an, dass die Kinder den Idealen der Lehrer entsprechen. Der Lehrer muss die Kinder fördern, die gerade da sind. Es geht also nicht, dass Lehrer nach Geschmack aussortieren, nur weil sie argwöhnen, dass die Persönlichkeit eines Schülers ihren eigenen Normen nicht entspricht. Wenn der Schüler die Intelligenz besitzt für eine höhere Bildung, dann ist es die Aufgabe des Lehrers, ihn dafür zu befähigen nach Kräften. Ihn aufgrund seiner Verhaltensweisen auszusortieren, ist dagegen verantwortungslos.

    2.) „auch das (insgesamt sehr empfehlenswerte) „Handbuch Jungen-Pädagogik“ enthält einen Aufsatz dazu, in dem Gewalt und Jungen selbstverständlich miteinander und selbstverständlich mit „Strukturen männlicher Hegemonie“ verknüpft werden“

    Vor allem die selbstverständliche Verknüpfung ist ein Problem. Ich hoffe, ich wiederhole mich nicht, aber als sozial- oder erziehungswissenschaftliche Theorie ist die Idee der „männlichen Hegemonie“ nur eine Interpretation. Sie ist keine Tatsache, die man experimentell und zweifelsfrei beweisen könnte. Das impliziert, dass diese Interpretation nur eine von mehreren möglichen ist und dass auch jede andere Interpretation, so plausibel, richtig sein könnte. Folglich sollte kein Theoretiker seinen Ansatz verabsolutieren, schon aus Verantwortung und Respekt gegenüber den beforschten Menschen nicht. Man muss also von solchen Autoren verlangen, dass sie alternative Ansätze mitnennen oder dass Autoren anderer Denkrichtungen zu Wort kommen. Alles andere ist Theorieimperialismus und im Falle von Schule hat das negative Folgen für die Kinder. Die Jungen brauchen also mindestens (!) einen advocatus diaboli, der ihre Eigenarten positiv deutet gegen ihre einseitige Interpretation als „männlich hegemonial“.

    3.) Zu den Konflikten in Mädchengruppen: Ich habe eine Tochter und daher nehme ich diese Konflikte halt stärker wahr. Ich finde, dass die schon ganz schön hart ausgefochten werden. Nicht mit körperlicher Gewalt, aber dafür mit umso mehr Bosheit. Das ist natürlich ein subjektiver Eindruck. Aber friedlich scheint es mir unter Mädchen keinesfalls zuzugehen.

  • 4.) „Das Reden über Gefühle um des Redens über Gefühle willen leuchtet Jungen noch weniger ein als Mädchen (insgesamt glauben Erwachsene sehr viel eher als Kinder, Gefühle zu verbalisieren sei immer schon an sich sinnvoll – und es ist keineswegs sicher, dass Erwachsene damit immer recht haben).“

    Hier kommen wir vermutlich zu einem Indiz für die Überpräsenz einer eher weiblichen Moral in der Schule. Es gilt ja auch für Männer das Klischee, dass sie nicht über Gefühle reden würden bzw. es gar nicht könnten. Und wo Männer ihre Gefühle zurückhalten, um sie nicht zu zeigen, legen Frauen dies oft als Schwäche aus.

    Ich habe mal in einem Workshop diese Selbstkontrolle verteidigt als Mittel, sich selbst zu schützen und andere zu schonen. Die überwiegend weiblichen Teilnehmer akzeptierten diese Erklärung nicht im Ansatz. Aus ihrer Perspektive war es ein Defizit. Dabei sollte der Mensch doch froh sein, dass er auch über die Preisgabe seiner Gefühle frei entscheiden kann und dass er sich zusammenreißen kann in Kontexten mit Kollegen oder Fremden, wo Gefühlsäußerungen womöglich auch unerwünschte Nebenwirkungen haben könnten.

    Man könnte also wirklich mal reflektieren, ob das unbefangene Reden über Gefühle immer so gut ist, vor allem in jeder Situation. Aus meiner Sicht sind da Zweifel angebracht. Man kann es auch umgekehrt formulieren: Nicht immer möchte man mit der gesamten Wucht der Emotionen anderer Menschen konfrontiert werden, etwa im Arbeitskontext.

    5.) Deine Aussagen über die Lektüre lassen mich gleich an die vielen Bastel- und Ausmalarbeiten in der Grundschule denken. Mein Eindruck: Das spricht die Mädchen an, aber die Jungs meistens nicht.

  • @ Andreas Rheinhardt Danke für die Hinweise! Ich bin gegenüber der Laborschule auch kritisch und glaube, dass zwischen dem leuchtenden Bild, das von ihr manchmal gezeichnet wird, und der Realität der Schule große Unterschiede bestehen. „Die Schwerpunkte des Projektes lagen dabei auf der Verbesserung des Kommunikationsverhaltens, des Integrations- und Kooperationsverhaltens in Sportspielen und in der Veränderung des Körper- und Sportverständnisses der Jungen.“ Ein Zitat aus dem von Dir verlinkten Text Biermanns und Schüttes – das allein ist schon ein Beispiel einer jungenabwertenden Pädagogik, die ihnen ein sinnvolles Kommunikationsverhalten grundsätzlich erstmal abspricht. Das ist nicht haltbar, natürlich nicht – uns ging es ganz im Gegenteil darum, Räume dafür zu schaffen, dass Jungen untereinander oft tatsächlich große Kompetenzen haben, ihre Angelegenheiten in der Gruppe selbstständig zu regeln. Der Verweis auf die Laborschule sollte gar keine Empfehlung für sie sein – sondern nur darauf hinweisen, dass es schon seit längerer Zeit Ideen gibt, koedukativen Unterricht durch geschlechtergetrennte Phasen zu ergänzen.

  • @Michael Lohmann „“Jungen werden bei gleichen Leistungen tendenziell eher als Mädchen Gymnasien zugewiesen.“
    Dieser Satz klingt in meinen Ohren falsch. Meintest Du vielleicht eher, dass Jungen weniger als Mädchen eine Gymnasialempfehlung erhalten?“

    Das ist absolut richtig, herzlichen Dank für den Hinweis. Ich hab's im Text verbessert (der Fehler war dadurch entstanden, dass der Satz ein paar mal beim Schreiben umgestellt wurde – und irgendwann bemerkt man die eigenen Fehler nicht mehr. Natürlich bekommen Jungen bei gleichen Leistungen seltener eine Gymnasialempfehlung).

    Tatsächlich kann es natürlich auch Situationen geben, die mit Begriffen wie dem einer „hegemonialen Männlichkeit“ vernünftig beschrieben werden können. In fast allen mir bekannten Texten aber, in denen der Begriff benutzt wird, wird er nach meinem Eindruck eben mit viel zu großer Selbstverständlichkeit verwendet – als fasse er nicht EINE Interpretation sozialer Wirklichkeit, sondern als beschreibe er etwas, das im gleichen Sinne real ist, wie z.B. Elefanten oder Berge es sind.

  • Hat jemand einmal mitbekommen wie heutzutage bereits junge Mädchen und auch etwas ältere oder junge Frauen über Jungs bzw Männer reden? Welche Haltungen da zutage treten?

    Da sind sog. „Herrenwitze“ tatsächlich harmlos. Mich bedrängt fast das Gefühl Jungs und junge Männer vor derartig menschenverachtenden arrogierenden bzw. herablassenden Haltungen zu warnen. Es herrscht auch merkbar eine selbstverständliche Dominanzerwartung seitens dieser „Damen“ vor, fast immer begleitet von einer suggestiven Pose ins Gegenteil in Richtung Jungs und Männer.

    Dies spiegelt sich dann auch offenbar in ihrem „Beziehungsverhalten“ und den „Beziehungserwartungen“ bis hin zu selbstverständlichen Schikanierungen … Kindeshintertreibungen etc. … ja das gesamte (in dieser Weise eher als mißbräuchlich zu bezeichnenden) Sozialverhalten wieder. Auszüge davon erlebt man täglich auch auf der „Strasse“. Und Schuld bzw. Verantwortung haben immer nur wieder die Männer. Das ist offenbar das, was diese Mädchen und Frauen „lernen“. Opfer?

    Ich kann mir auch gut vorstellen, dass diese Haltungen bereits auch so bei vielen „Damen“ im Lehrbetrieb so üblich ist und sich die gesamte Gesellschaft damit durchsetzt (hat).

    Mir erscheint da als grundlegende Gemeinsamkeit die Aushebelung von Eigen- und Mitverantwortung, eine Art ungebremste Gier und Arroganz immer irgendwie auch aus einem verstetigten „Opferpose“-Selbstverständnis heraus. Erinnert an perönlichkeitsgestörtes Empfinden/Verhalten.

    Offenbar „lernen“ Mädchen heutzutage keinen guten verantwortlichen sozialen Umgang mehr. Vielleicht angeleitet von mehreren Generationen arrogant-anspruchsdenkender-geschickt-drückeberger-ohne-Konsequenz-für-ihr-Handeln Frauen? Nur ein Vermutung?

    Das wächst wahrnehmbar etwas, was nicht mehr sehr wohl riecht, wie alles was eigentlich faul ist, früher oder später merkbar ein Odeur erzeugt.

    Ich glaube nicht, dass das nur Halluzinationen sind oder das das nur mein persönlicher emotionaler Filter ist. Oder dass man dieser „Entwicklung“ mit mehr Männern im Lehrbetrieb entgegentreten kann. Mein Eindruck ist eher, dass sich westliche Gesellschaften wieder auf einem Weg menschlicher Entgleisung befinden … diesmal muß sich offenbar die weibliche Seite beweisen, dass auch sie zur (inneren) menschlichen Sch… fähig ist oder immer schon war? Etwas dass erfahren werden muß wie – geschichtlich gesehen und aus heutiger Sicht – andere menschliche Monstrositäten/Öbszönitäten?

    Helfen die Punkte bei so etwas überhaupt? Ich habe da Zweifel, denn sie setzen voraus, dass man es irgendwo mit einem (inneren) guten Willen zu tun hat.

  • „Dabei sollte der Mensch doch froh sein, dass er auch über die Preisgabe seiner Gefühle frei entscheiden kann und dass er sich zusammenreißen kann in Kontexten mit Kollegen oder Fremden, wo Gefühlsäußerungen womöglich auch unerwünschte Nebenwirkungen haben könnten.“ Da stimme ich zu. Gefühle zu äußern kann (und soll ja manchmal auch) ja etwas sehr Persönliches, Intimes, auch Riskantes sein – das kann man anderen Menschen nicht überall ungefragt zumuten, und man kann es auch nicht ultimativ von einem Menschen verlangen.

    Man wäre sich in der Regel ja einig darüber, dass körperliche Nähe nur dann in Ordnung ist, wenn alle Beteiligten sie auch wollen – warum sollte das bei emotionaler Nähe völlig anders sein? (Vielleicht ein gewagter Vergleich, aber ein Vergleich ist ja keine Gleichsetzung.)

    Und zumal in der Schule finde ich es sehr wichtig, den Schülern und Schülerinnen auch die Möglichkeit der emotionalen Distanzierung zu geben – sowohl den Lehrkräften gegenüber als auch angesichts der Interaktion untereinander (die man als Lehrer oder Lehrerin ja ohnehin immer nur ausschnittweise mitbekommt).

  • „Helfen die Punkte bei so etwas überhaupt? Ich habe da Zweifel, denn sie setzen voraus, dass man es irgendwo mit einem (inneren) guten Willen zu tun hat.“ Ich glaube, guten Willen muss man bis zum Beweis des Gegenteils einfach voraussetzen (selbst wenn man sich nicht sicher ist, ob die Voraussetzung stimmt). Wenn nicht genügend Menschen da sind, die den guten Willen zu einer halbwegs fairen sozialen Interaktion mitbringen, dann werden auch Regeln nicht viel helfen.

    Und nach meiner Erfahrung ist guter Wille tatsächlich auch da – ich habe von Jungen wie von Mädchen schon Verhaltensweisen erlebt, die ich toll, nämlich couragiert, empathisch oder auf andere Weise sozial sehr kompetent fand. Auch bei den Lehrkräften tut sich etwas – die schulischen Nachteile von Jungen zu thematisieren ist auf manch institutioneller Ebene (z.B. offenkundig in der GEW) tabuisiert, in Kollegien wird darüber offen gesprochen.

    Ein Problem ist wohl, dass Geschlechterklischees weiterhin weit verbreitet sind, aber oft gar nicht mehr als Klischees wahrgenommen werden, weil wir davon überzeugt sind, aufgeklärt und weitgehend vorurteilsfrei zu sein. Das gilt für negative Klischees (von denen es über Jungen in der Schule tatsächlich eine Menge gibt), das gilt auch für positive Klischees, die mit den negativen ja korrespondieren. Zum Beispiel Mutterklischees, die ja noch 2003 höchstrichterlich bestätigt, aber mittlerweile eben dort auch entkräftet wurden (insbesondere die Annahme, dass alle mütterlichen Entscheidungen gewiss nur dem Wohle des Kindes dienen würden). Solche Klischees sind, in vielen Fällen, für Einzelne tatsächlich auf sehr nachteilige Weise verantwortungsentlastend.

  • Hallo noch einmal,

    ich finde deinen Beitrag sehr gut, ich finde es auch gut, dass du nicht bei der Kritik stehen bleibst, sondern beginnst politische Forderungen zu stellen.

    Denn das sind sie aus meiner Sicht.

    In der jetzigen Realität ist es aber leider so, dass seitens diverser Institutionen bestritten wird, es läge überhaupt eine *Benachteiligung* von Jungen vor.
    Ganz zu schweigen von einer *Diskriminierung*.

    Unterschied der Begriffe: Nachteile HAT man, diskriminiert WIRD man.
    Ich schreibe dazu gerade einen Beitrag und poste dir dann den Link.

    Damit meine ich, die Forderungen machen aus meiner Sicht einen zu großen Sprung gegenüber dem aktuellen Stand der Diskussion.
    Die sind vorwärtsweisend, ich denke jedoch nicht, dass diese Gehör finden werden.

    M.E. ist es sehr wichtig, solche Pseudo-progressiven Konzepte wie „hegemoniale Männlichkeit“ offensiv zu kritisieren.

    Gramsci verweist in seinem Begriff von Hegemonie selbstverständlich auf die Existenz von Klassen und geht von diesen aus, sonst wäre er kein Marxist.

    In diesem Fall beruht die Herrschaft, der meinetwegen „Macht“ der Klasse „Bourgeoisie“ auf dem materiellen Eigentum, dem materiellen Besitz von den Mitteln zur Produktion und Verteilung von materiellen oder immateriellen Gütern.
    Ich schreibe bewusst „materiell“, weil es sich um keinen symbolischen Besitztitel handelt, sondern einen konkreten.

    Die kulturelle Hegemonie einer Klasse hat also eine materielle Basis, auf der diese auch beruht.
    Dieser Zusammenhang und das Verhältnis eines zum anderen wird jedoch bei der „hegemonialen Männlichkeit“ ausgeblendet.

    Es ist ersichtlich, das „hegemoniale Männlichkeit“ ein Begriff ist, der daran „leidet“ zu erklären, auf welcher materiellen Basis die Macht und Machtmittel beruhen, die der „Männlichkeit an sich“ zugeschrieben werden.
    Es wäre z.B. zu fragen, aus welchem Besitz an welchem Kapital speist sich eigentlich der Bezug einer „patriarchalen Dividende“? Nur um aufzuzeigen, dass 99% aller Männer keinerlei Verfügungsgewalt über das Kapital und demzufolge auch keinerlei Ansprüche auf die Art der Verteilung haben.

    Es ist in seiner Verwendung ein rein tautologischer Begriff, der ein fortschrittliches Label auf eine Reihe von reinen Unterstellungen pappt, mit Vorurteilen und Klischees arbeitet und alle wirklichen Einsichten verhindert.

    Gruß, crumar

  • @crumar „Es wäre z.B. zu fragen, aus welchem Besitz an welchem Kapital speist sich eigentlich der Bezug einer „patriarchalen Dividende“?“ Oft bleibt es schon im Dunkeln, was die patriarchale Dividende eigentlich IST – worin eigentlich der konkrete Vorteil für einen Mann besteht, der sie bezieht. Sicherlich, es gibt beispielsweise vorgefertigte Meinungen über die größere Eignung von Männern für bestimmte Berufe: etwa die, die mit Mathematik oder Technik zu tun haben – aber ebenso nunmal auch die Berufe bei der Müllabfuhr oder im Straßenbau. Ich glaube: Wann immer konkret dargstellt wird, worin die patriarchale Dividende eigentlich besteht, liegt dem eine selketive Wahrnehmung zu Grunde.

  • @Schoppe Das ist m.E. die unselige Verbindung von Feminismus und Poststrukturalismus, wonach „empirische Realität“ auch nur eine Art patriarchaler Konstruktion ist. 😉

    Die meisten ihrer Theorien folgen keiner wissenschaftlichen Weltsicht, sondern es wird ein „juristisches“ Vorgehen bevorzugt – ich habe einen Fall und suche mir die Fakten heraus, die zu diesem passen (und ignoriere und fälsche den Rest).

    Dies in Kombination mit dem Fakt, dass Feministinnen und Feministen aus der gleichen sozialen Schicht stammen und von daher das Gefühl der eigenen sozialen Benachteiligung aus der Sicht an die „Decke der Gesellschaft“ resultiert – wobei der Boden natürlich keine Rolle spielt.
    Und nur so kann die „gefühlte Benachteiligung“ wirksam werden; indem man blanken Subjektivismus rechtfertigt.

    Die Feministin sieht sich selbst als Managerin oder Professorin (ungeachtet ihrer Qualifikation) und nicht als Näherin oder Verkäuferin.
    Schau dir mal die biologistischen Stereotype an, mit denen sie hausieren gehen: Zur Führung geboren.
    Der Bezug auf „sisterhood“, das Kollektivsubjekt Frau – nichts ist verlogener als das.
    Wer hat denn auf den quotierten Sonderparteitagen von SPD und Grünen gegen die Agenda 2010 gestimmt?
    Die Frauen? Not so.

    D.h. es handelt sich m.E. nicht um eine beliebig „selektive Wahrnehmung“, sondern ein *interessengeleitete Wahrnehmung*, die dem eigenen sozialen Vorteil dient (das ist lückenlos nachweisbar) und sich ausschließlich aus der eigenen sozialen Position speist.

    Es ist ansonsten nicht erklärbar, wie es angeblich gewerkschaftlich orientierte Feministinnen schaffen, die Lohnungerechtigkeit gegenüber Frauen zu beklagen und zu „vergessen“, dass bei Männern mit Überstundenzuschlägen und solchen für Schichtarbeit und sonstigen Erschwernissen ein *vorzeitiger Verschleiß* der Ware Arbeitskraft abgegolten wird.

    Die Differenz ist rational erklärbar und genau das drückt sich aus in Arbeits- und Berufsunfähigkeit, Berufsunfällen und niedrigerer Lebenserwartung von Männern.
    Wer so argumentiert, hat sich, die Gewerkschaften und diese Männer verraten und verkauft.

    Gruß, crumar

  • Dann zu der „Eignung“: Die vorigen Merkmale von bestimmten Berufen HABEN diese und die werden KONKRET von Männern ausgeübt – ob sie sich besser für diese „eignen“?
    Glaube ich nicht.
    Beim Thema Technik und Mathematik sehe ich zwei Themenfelder.

    Empirisch nachweisbar wird es bei den leistungsstärksten 5-10% in Mathe und bspw. Physik derzeit (!!!) eine Männerdomäne.
    Ich habe keine Ahnung, ob dies biologische Ursachen hat und es ist eigentlich auch egal in zweierlei Hinsicht:

    1. Werden diese Fächer nur für einen Bruchteil der Schüler und Schülerinnen und Studierenden später einmal zum Beruf werden – für alle anderen Fächer bspw. sind dies „Hilfswissenschaften“.

    2. Klar erkennbar hingegen ist, Unterricht muss genderspezifisch sein und Themen ansprechend für beide Geschlechter vermitteln. Das wird jedoch nie OFFEN gesagt. Der heimliche Lehrplan (und die Benotung) bei Mathe ist jedoch, dies den Bedürfnissen von Mädchen anzupassen – Deutsch hingegen nicht den von Jungen.

    Das heißt: Der komplette Ansatz von „Gleichheit der Geschlechter als gender“ ist geheuchelt. Und man schickt sie – Kinder – in a. eine Leistungskonkurrenz und lügt sich zurecht, es wäre keine b. frisiert man dann die Ergebnisse, um Mädchen besser dastehen zu lassen.

    Das finde ich infam.
    Und es ist eine Form der konstruierten biologischen Überlegenheit, die nur noch „bewiesen“ werden muss (rate von wem).

    Dann Technik: Problem sehe ich darin, dass die Verlängerung der Absenz der Mädchen von eben diesem Feminismus betrieben wird.

    Hier muss ich noch einmal teilen, glaube ich.

  • Das generelle Problem ist, dass über den Begriff der „Repräsentation“ das biologische Dasein einer Frau schon zu einem Anspruch führt und die Abwesenheit nur ihre Diskriminierung beweist.

    Dieser Leitlinie folgen alle „Erklärungen“, die die Abwesenheit von Frauen in der Technik untersuchen.
    Mal liegt es an der repressiven Art von Männern in der Schule und der Uni, die den Ausschluss betreiben, dann am der hegemonial männlichen Natur oder Kultur der Technik, dann ist Technik generell patriarchal, die Wandfarbe der Gebäude unterdrückt Frauen usw. usf.

    Das ignorierte Problem ist jedoch, das Sozialisation von Kindern bis zur Pubertät geschlechtersegregiert verläuft.
    Von daher treffen sich in der Tat Jungen und Mädchen in der Schule – sonst aber eher nicht.

    D.h. man müsste sich einmal mit den Einstellungen der *geschlechterexklusiven* Gruppe „Mädchen“ beschäftigen und sich anschauen, welche Einstellungen sich dort entwickeln.
    Mein Tipp wäre, da könnte man Abgründe vorfinden und diese Einstellungen auch verändern.

    Nur müsste man vorher die Unterdrückungstheorien sausen lassen und das geht gar nicht! 😉

    Lieber dreht man das Rat noch ein wenig weiter und denunziert das Interesse der Jungen am Computer als eines nach Videospielen und Porno – und tritt dabei die Mädchen gleich noch mit in den Hintern.
    Man quatscht die sehr viel niedrigere praktische Erfahrung der Mädchen mit dieser Technologie weg und ergeht sich in reinem Narzissmus.

    Seit Jahren sinkt der Anteil von jungen Frauen in der Informatik wieder – von Ing-Fächern gar nicht zu reden.

    Ist dir mal der prozentuale Anteil von Frauen an allen Zukunftstechnologien aufgefallen?
    So gut wie nicht präsent.

    M.E. kann und darf das nicht mehr so weitergehen.

    Gruß und frohe Feiertage, crumar

  • @ crumar „D.h. es handelt sich m.E. nicht um eine beliebig „selektive Wahrnehmung“, sondern ein *interessengeleitete Wahrnehmung*, die dem eigenen sozialen Vorteil dient (das ist lückenlos nachweisbar) und sich ausschließlich aus der eigenen sozialen Position speist.“ Und ich glaube, dass gerade die Qutendiksussion ein sehr gutes Beispiel dafür ist. Wer sollte denn von den Quoten profitieren, wenn nicht die gut vernetzten Frauen, die sich öffentlich für sie stark machen. Erstaunlich finde ich allerdings gar nicht einmal die Fixierung auf eigene Interessen, sondern die Selbstverständlichkeit, mit der die Vertreterinnen davon ausgehen, das Bedienen ihrer Interessen sei ganz gewiss immer auch im Interesse aller (so dass jemand, der ihre Interessen nicht bedient, dabei ganz gewiss nur egoistische Gründe haben könne).

  • @crumar „Nur müsste man vorher die Unterdrückungstheorien sausen lassen und das geht gar nicht! ;)“ Und das ist eben wohl auch der Grund, warum (wie weiter oben von Dir angesprochen) ein „genderspezifischer“ Unterricht so ungerecht interpretiert wird.

    Man kann entweder davon ausgehen, dass beide Geschlechter unterschiedliche Anlagen, Interessen, Möglichkeiten haben und gerechte Rahmenbedingungen auf diese Unterschiede, jeweils im Interesse beider, auch Rücksicht nehmen müssten.

    Oder man kann eines der Geschlechter (sprich: Mädchen, Frauen) als unterdrückt defnieren, das andere (sprich: Jungen, Männer) als Unterdrücker – so dass nur das erste Geschlecht geförert werden dürfe, während eine Förderung des zweiten Geschlechts gar als Fortsetzung der Unterdrückungsstruktuen erschiene.

    Eine wirklich geschlechtergerechte Politik müsste sich also als Erstes von der Vorstellung einer (gar allerorts wirksamen) männlichen Herrschaft verabschieden. Wer diesen Abschied nicht will, will auch keine Geschlechtergerechtigkeit.

    Viele Grüße, und auch Dir schöne Feiertage!

  • Danke für deine genialen, wichtigen Blog…
    Hab heute einen „Klappentext“ einer Bachelorarbeit gelesen. Thema „Geschlechtsspezifische Raumgestaltung im Kindergarten – Die Auswirkung der Dominanz der weiblichen Erzieher auf die Raumgestaltung und deren Wirkung auf Jungen“
    Unabhängig vom mir noch unbekannten Inhalt fand ich es sehr schön, dass Jungen stellenweise ein Thema sein können.
    Link
    http://www.bod.de/index.php?id=1132&objk_id=949596

  • Ja, das klingt interessant – danke für den Link (und auch für den Kommentar)! Ich kann mir schon vorstellen, dass es sich lohnt, auf die Raumgestaltung zu achten – manche Räume sind z.B. so lieblich-verspielt und überladen ausgestattet, das man sich tatsächlich mal irgendwo weiße Flächen an der Wand herbeisehnt.

    Nach meinem Eindruck wird die Situation von Jungen übrigens mehr und mehr auch an Schulen zum Thema, wenn auch möglicherweise oft noch sehr verhalten.

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