Feminismus

War Alice Schwarzer eine Vorkämpferin der Väterrechtsbewegung?

Bild zeigt Alice Schwarzer
geschrieben von: Lucas Schoppe
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„Es bleibt ein ebenso gefährliches wie albernes Unterfangen, aus Körperfunktionen soziale Normen abzuleiten. Die Frau kann Kinder kriegen, an dieser Tatsache ist nicht zu rütteln. Doch ist es ebenfalls eine biologische Tatsache, dass das Kind seinen halben Chromosomensatz dem Vater verdankt. Ich ziehe daraus die Schlußfolgerung, dass die ersten neun Monate zwar die Mutter eine nicht austauschbare Rolle übernimmt, dass aber vom Augenblick der Geburt an beide Eltern gleichermaßen sich die Freuden und Sorgen um ihr Kind teilen können.“ Angela Barron McBride wird aus ihrem Text Das normal-verrückte Dasein als Hausfrau und Mutter zustimmend zitiert von – Alice Schwarzer, in deren Klassiker der neueren deutschen Frauenbewegung,  Der ‚kleine Unterschied‘ und seine großen Folgen aus dem Jahre 1975 (S. 219f.). Schwarzer selbst formuliert in vielen Passagen ihres Buches ganz ähnlich. Empört grenzt sie sich von der Sicht ab, dass der „Mutterinstinkt“ Frauen „angeblich nicht nur zum Kindergebären, sondern auch zum Kinderaufziehen besonders prädestiniert“ (218) und fragt in diesem Sinn: „Was aber würde die besondere Zuständigkeit von Frauen für Haushalt und Kindererziehung rechtfertigen, wenn nicht ein mystischer Mutterinstinkt?“ (219) „Ein Kind braucht Zuneigung, Anregungen und Pflege“, aber von wem dies komme, sei nicht entscheidend – „auf das Geschlecht der Person kommt es nicht an.“ (218f.) Schon vorher räsonniert sie: „Doch abgesehen von einem diffusen Gerede über die sogenannte ‚Weiblichkeit‘ ist die Männergesellschaft bisher noch die Antwort schuldig geblieben, warum ein Mensch mit Vagina länger arbeiten kann und eher bestimmt ist zum Windelwaschen und Geschirrspülen als ein Mensch mit Penis…“ (214) Und sie gelangt zu der Forderung: „Wir müssen hier und heute die Übernahme der Hälfte der Hausarbeiten durch die Männer fordern, statt uns mit ihrer gnädigen Mithilfe zu bescheiden.“ (228)
Abgesehen von einigen erwartbaren Klischees – dass „die Männergesellschaft“ Antworten schuldig bleibe, dass Frauen länger arbeiten würden als Männer und dem auffälligen Vermeiden der Frage, ob Frauen denn auch die Hälfte der Erwerbsarbeit leisten würden, wenn Männer die Hälfte der Hausarbeit übernähmen – könnten viele Passagen heute so auch in Texten von Vätern zitiert werden, die um den Kontakt zu ihren Kindern und ihre Rechte als Väter kämpfen. War Alice Schwarzer also eine Vorreiterin der Väterrechtsbewegung?

Schwarzer weiß, was Kinder brauchen Und wenn nein – warum eigentlich nicht? Schließlich sei eines der Hauptprobleme moderner Frauen, die sie in ihrem Text beschreibt, die Doppelbelastung durch Haus- und Erwerbsarbeit – und es ist nicht recht einsichtig, wie diese Doppelbelastung ohne sichere Einbindung der Väter vermeidbar sein sollte. Die Tatsache einerseits, dass Frauen in ihrem Buch grundsätzlich nur durch die Distanzierung von Männern und insbesondere von männlicher Sexualität ein halbwegs zufriedenes, selbstbestimmtes Leben aufbauen können, und die Forderung nach stärkerer Einbindung der Männer auf der anderen Seite passen offenkundig nicht zusammen.

Schon in einer von mir vorerst ausgelassen Passage wird deutlich, wie Schwarzer sich die Lösung dieses Problems vorstellt. „Ein Kind braucht Zuneigung, Anregungen und Pflege – von wem das kommt, ist gleichgültig. Das können eine oder mehrere Bezugspersonen sein, wobei es egal ist, ob es die biologischen Eltern oder andere Erwachsene sind.“ (218f) Die Sorge für die Kinder ist bei ihr keine Frage der Kooperation der Eltern, sondern (und das ist natürlich keine Überraschung) eine der allgemeinen gesellschaftlichen Verantwortung. „Der den Frauen eingeredete Mutterinstinkt macht möglich, daß die Gesellschaft sich vor der kollektiven Zuständigkeit für ihre Reproduktion drückt. Anstatt der biologischen Mutter die soziale Mutterschaft maximal zu erleichtern, wird sie für Frauen zur persönlichen Bürde, denn in ihrem Namen werden Frauen zur Gratisarbeit im Haus gezwungen und geraten so in ökonomische Abhängigkeit.“ (220) Es ist wohl eher Schwarzer, die sich hier drückt – die Verantwortung für die Widersprüche der eigenen Position wird als Aufgabe an die Gesellschaft (das heißt: an staatliche Institutionen) delegiert, die Verantwortung für die Lebensgestaltung erwachsener Frauen an die Kinder, die gleichsam als Agenten des Patriarchats erscheinen, auf der Mission, Frauen in die Abhängigkeit von der „Männergesellschaft“ hineinzuzwängen.

Repräsentiert aber wir diese Männergesellschaft eben durch konkrete Männer – nicht allein durch die eigenen Väter (Schwarzer wendet sich entschieden gegen die Herleitung von gegenwärtigen Problemen einer Frau aus ihrer Vaterbeziehung, S. 196), sondern vor allem aus der Beziehung mit dem gegenwärtigen Partner und – möglicherweise – dem Vater der eigenen Kinder. Die Forderung nach einer gleichteiligen Übernahme der Hausarbeit durch die Männer setzt sie fort: „Auch wenn es schwerfällt, auch wenn dieser tägliche Kleinkrieg lästig und ‚peinlich‘ ist. Denn unsere wichtigsten Schlachten werden heute leider nicht in historischen Dimensionen entschieden, sondern beim kleinkrämerischen Tellerspülen und – zählen in der Küche. Wir müssen lernen, an uns selbst zu denken.“ (228)

An Schwarzers Überlegungen lässt sich zeigen, wie wenig sinnvoll der Begriff „Patriarchat“ ist, der dann zu einem zentralen Begriff der Frauenbewegung wurde (Schwarzer selbst schreibt 1975 eher über „Patriarchen“ als über „das Patriarchat“). Das liegt einerseits an den realen Machtverhältnissen. Würde jemand eine Herrschaft der Südhessen, der Sandalenträger oder der Finno-Ugristen behaupten, dann wäre das selbstverständlich absurd. Es wäre aber angesichts der realen Rechtsposition von Vätern in Deutschland immer noch rational gegenüber der Vorstellung, wir lebten in einer „Herrschaft der Väter“ oder einer des „pater familias“ (dazu näher Heike Diefenbachs Text Das Patriarchat. Bedeutung, empirischer Gehalt, politische Verwendung).

Vor allem aber wird an der Vorstellung der Entscheidungsschlacht beim Tellerzählen an der Küchenspüle deutlich, warum ein politischer Kampfbegriff wie der des „Patriarchats“ oder der „Männerherrschaft“ so notorisch ungeeignet ist zur Analyse politischer Strukturen. Es geht hier (wie in vielen anschließenden Überlegungen) eben gerade darum, die Zumutung, in Strukturen zu denken, abzuwehren und strukturelle Probleme zu personalisieren. Der Partner, wahlweise auch der Vater, der Arbeitskollege, der Kneipengast oder der Vorgesetzte stehen jeweils für allgemeine Herrschaftsstrukturen – sie werden von Schwarzer allesamt imaginiert als blinde, rücksichtslose, primitive, oft auch schlicht geile Profiteure einer bis in die persönlichsten menschlichen Beziehungen, und gerade dort, destruktiv agierenden Männerherrschaft. Die reaktionäre programmatische Personalisierung politischer Herrschaftsstrukturen, die jeden Mann als Akteur dieser Herrschaft phantasiert, und die pauschale, feindselige Abwertung von Männern (ein Beispiel von vielen möglichen: „Männer sind so pervertiert, daß ihnen der Gedanke, sich das Recht auf einen menschlichen Körper kaufen zu können, noch nicht einmal obszön zu sein scheint, sondern selbstverständlich. Die Ärmsten sind so kaputt, daß sie diese fünf Minuten Reibung für Sexualität halten…“, S. 94) sind zwei Seiten derselben Medaille.

Schwarzer und die Kindstötung Etwas mehr als dreißig Jahre später. Im Jahr 2008 veröffentlicht Schwarzer in ihrer „Emma“ den Text „Die Einsamkeit der Mütter“ zum 1998 gestrichenen Paragraphen 217. In diesem Paragraphen wurde die „Kindstötung“ nicht als Mord oder Totschlag bewertet und entsprechend geringer bestraft – unter der Voraussetzung, dass das Kind a.) nichtehelich war und b.) während oder bald nach der Geburt c.) von seiner Mutter getötet wurde. Schwarzer fordert nicht nur eine Wiedereinführung, sondern auch eine Ausweitung: „Ein kurzer Prozess könnte die Wiedereinführung des § 217 sein, aber diesmal nicht eingeschränkt auf die Tötung ‚unehelicher‘, sondern für alle Neugeborenen.“ Warum aber sollten Mütter, die Neugeborene töten, geringer bestraft werden, als sie für die Tötung älterer Menschen bestraft würden?

Schwarzer ist sich sicher, dass die tötenden Frauen in großer Not handeln und dass auch Hilfsangebote wie etwa Babyklappen sie nicht erreichen würden. Nun könnte unterstellt werden, dass möglicherweise auch andere Totschläger und Mörder zumindest ihrem subjektiven Empfinden nach aus einer Notsituation heraus handeln – worin also besteht der Unterschied zu diesen Müttern sein, die ja immerhin auf eine große Vielfalt staatlicher und weiterer Hilfsangebote zurückgreifen könnten? „Eines ist klar: Der einzige wirkliche Schutz, den es für ein Neugeborenes gibt, wäre die Akzeptanz durch die Mutter – und ihre Stärke, ein eventuell bedrohtes Kind zu schützen. Darum wäre auch die einzige Lösung dieses traurigen Kapitels das Ende der Abhängigkeit und Angst der Mütter (…). Das ist ein langer Prozess und er heißt: Emanzipation.“ Dass es ja gerade die Mutter ist, von der hier offenbar die Bedrohung ausgeht –  das ist für Schwarzer hier nicht interessant. Schon wenn es allein um Schläge, nicht um die Tötung eines Menschen ginge, wäre es absurd, einen Gewaltakt als „fehlende Stärke zum Schutz des Opfers“ umzudefinieren, aber auch das ist für sie nicht von Belang. Die Tat der Mutter ist für Schwarzer nur zu erklären als verzweifelte Reaktion auf die Abhängigkeiten, in denen sie sich befindet.

Sie nicht lange einzusperren, ist im Text aber nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern dient – und das meint Schwarzer todernst – dem Kindeswohl. „Übrigens: In den meisten Fällen sind die Frauen, die ein Neugeborenes nicht leben lassen, schon Mütter – und fast immer gute Mütter. Doch in der Regel gehen sie dann ins Gefängnis, und ihre Kinder bleiben bei dem Vater zurück. Bei dem Mann, der wegguckt, schweigt, droht. Und in den meisten Fällen auch schlägt.“

Interessant sind hier nicht nur die genretypischen Absurditäten eines Emma-Texts wie die erstaunliche Selbstverständlichkeit, mit der Schwarzer von dem offenkundigen und massiven Gewaltakt einer Mutter auf die von ihr nirgends belegte oder auch nur angesprochene Gewalttätigkeit des Vaters schließt – oder die Infantilisierung der Frau, die nicht für ihre Tat verantwortlich gemacht werden kann, weil der eigentlich Verantwortliche ja immer der Mann sei. Erstaunlich ist vor allem die programmatische, aber auch pathologisch anmutende Empathielosigkeit, die sich hinter der übergroßen Bereitschaft zum Mitfühlen mit der als verzweifelt imaginierten Mutter verbirgt. Schwarzer kommt gar nicht erst auf den Gedanken, dass es für Kinder eine Last sein könnte, bei einer Mutter leben zu müssen, die bereits ein Geschwisterkind getötet hat – selbst die Mutter, die ihr Kind umbringt, ist in Schwarzers Augen ganz gewiss eine „gute Mutter“. Sie kommt schon gar nicht auf die Idee, dass es für einen Vater ungeheures Leid bedeuten könnte, wenn sein Kind umgebracht wird – und die überlebenden Kinder dann auch noch bei der Täterin leben müssen.

Widersprüche? Welche Widersprüche? Interessant sind Schwarzers Argumentationen aus zwei Gründen. Zum einen wird deutlich, wie souverän sie die Erwartung einer kohärenten Position ignoriert. Sie ist egalitär, aber nur, soweit es um Rechte der Frauen, aber selbstverständlich nicht, soweit es um Rechte der Männer geht. Sie fordert eine Einbindung der Männer und beklagt die „Einsamkeit der Frauen“, meint aber, der Vater müsse auch und gerade dann vom Kind ferngehalten werden, wenn die Mutter eines der Kinder schon getötet hat. Sie bezieht unbekümmert Positionen eines Differenzfeminismus, die sie ansonsten bekämpft, beklagt mutterkultische Klischees, fordert aber exklusive, bis zum Strafrabatt auf Kindstötungen reichende Rechte für Mütter – so dass sie auch zu extremen Formen solcher Klischees, die eine unverrückbare Einheit von Mutter und Kind imaginieren, problemlos anschlussfähig ist. In eben diesen Inkohärenzen aber ist Schwarzer über die Jahrzehnte hinweg sehr konsequent (es ist erstaunlich, wie wenig sich in ihrem Denken ändert, obwohl sich an den Bedingungen, die sie zu beschreiben vorgibt, sehr viel geändert hat). Wer feministische Positionen kritisiert, begegnet ja oft der Kritik, dass er, oder auch sie, schon genauer angeben müsse, welchen Feminismus er denn meine, er könne doch nicht alle über einen Kamm scheren. Schwarzer ist ein Beispiel dafür, wie wohlfeil eine solche kritische Erwiderung sein kann – ihre Positionen wechseln jedenfalls so beliebig, dass man schon jedes Mal genaue Seiten- und Zeilenangaben machen müsste, um einzugrenzen, über welchen von Schwarzers Feminismen man gerade spricht.

Wichtiger noch aber ist, dass bei einer Lektüre Schwarzers deutlich wird, wie schwerwiegend es ist, wenn Vätern Pflichten abverlangt, aber keine Rechte zugestanden werden. In dieser Rechtsposition drückt sich einerseits eine erhebliche Feindseligkeit gegenüber Männern aus, andererseits aber auch eine gegenüber Kindern. Nicht nur ihre Konsequenzen sind dabei kinderfeindlich, nämlich die Reduzierung von Vätern auf Zahlväter und Samenspender, sondern auch schon ihre gedanklichen Voraussetzungen. Kinder erscheinen als Zumutungen für Mütter, als Zwang, der sie in eine Männerordnung einbindet – und so ist es nur konsequent, nicht etwa die Präsenz der Väter, sondern allein ihre zahlungskräftigen Abwesenheit eine legitime Erleichterung für Mütter zu entdecken. Schwarzers Text aus dem Jahre 2008 ist absurd, auch verrückt – er ist aber eben verrückt in der Konsequenz, mit der Schwarzer diese Positionen auch in Situationen durchdekliniert, in denen selbst ihr offenkundig werden müssten, dass irgendetwas an ihren Schlussfolgerungen nicht stimmen kann.

Umso gravierender ist es, dass mit solchen Positionen weiterhin unbekümmert und erfolgreich Politik gemacht werden kann.
Alle nicht durch Links belegten Zitate aus:
Alice Schwarzer: Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen. Frauen über sich – Beginn einer Befreiung, Frankfurt am Main 1975
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17 Comments

  • Ein hervorragender Text!
    Über den muss ich noch länger nachdenken und hier nur ein paar spontane Kommentare:

    Die Personalisierung von Herrschaftsstrukturen m.E. ist deshalb so erfolgreich, weil diese die Angesprochene erfahrbar ist. Diese Ebene subjektiver Erfahrung als einzig mögliche Form der Erkenntnis ist auch ein Klassiker diverser Feminismen.
    In letzter Instanz reaktionär – das sind wir einer Meinung.

    Zugleich blendet die Behauptung, durchgängig Opfer zu sein der herrschaftlichen oder hegemonialen Strukturen m.E. hinterrücks die Frage der „Verantwortung“ für eigenes Handeln generell aus. Im Kontext der männlichen, universellen Repression gerät jede Handlung zum Widerstand und ist eine Widerstandshandlung – und wenn es der Mord am eigenen Kind ist.

    Du schreibst, darin drücke sich eine „Infantilisierung“ der Frau aus.
    Das stimmt sicherlich auch – aus einer männlichen (Oha!) Perspektive.

    Vielleicht drückt sich darin aber eine grundsätzliche Störung im „Subjekt-Objekt“ Verhältnis von Frauen aus (als Resultat ihrer Sozialisation), das Schwarzer und Konsorten nur so widersprüchlich und inkohärent artikulieren, weil sie es gar nicht anders reflektieren *können*?
    Eine ziemlich steile These, ist mir schon klar.

  • Du schreibst hier etwas, bei dem sich mir die Nackenhaare hoch gestellt haben:

    „…die Verantwortung für die Widersprüche der eigenen Position wird als Aufgabe an die Gesellschaft (das heißt: an staatliche Institutionen) delegiert, die Verantwortung für die Lebensgestaltung erwachsener Frauen an die Kinder, die gleichsam als Agenten des Patriarchats erscheinen, auf der Mission, Frauen in die Abhängigkeit von der „Männergesellschaft“ hineinzuzwängen.“

    Da muss ich über die „Infantilisierung“ der Frauen und die staatlichen (Sozial-) Institutionen, in die die bürgerlichen Frauen als Arbeitsmarkt zuerst strömten noch einmal neu nachdenken…

    Aber diese Passage hat mir auch anders schwer zu denken gegeben.
    Kinder werfen Frauen immer wieder auf die biologische Mutterschaft zurück und das ist ein irreversibles Faktum (soziale Mutterschaft hin oder her). Das scheint mit das eigentliche Problem zu sein.

    Wenn Kinder jedoch als „Agenten des Patriarchats“ empfunden oder erfahren werden (siehe oben), dann ist das schon eine Ambivalenz; wird ihnen auch noch die Verantwortung für die Lebensgestaltung zugeschoben, dann wird es vollends widersprüchlich.

    Aber richtig bemerkenswert finde ich, dass ebenso wie Frauen in die repressive Männerwelt hineingezwängt werden, so zwängen sie sich selbst (mit der Geburt des Kindes) in die Abhängigkeit hinein.
    Ihre Biologie als Frau perpetuiert ihre Dasein als Frau und Opfer!
    Eine tautologische Theorie weiblicher Ohnmacht (und Verantwortungslosigkeit).
    Da ist dann männliche Sexualität in der Tat nur als Bedrohung zu „empfinden“.

    Nur meine 2 Cent und Frohe Ostern!

    Schönen Gruß, crumar

  • Ich kenne überhaupt niemanden, ob männlich oder weiblich, der Schwarzer noch ernst nimmt. Aber gleichzeitig hat sie noch immer eine sehr starke Position und Einfluss – sie ist, sozusagen, die Talkshowbeauftragte des deutschen Feminismus, sie setzt Themen auch dann, wenn ihre Position nicht haltbar ist (wie die Polemik gegen die Unschuldsvermutung während des Kachelmann-Prozesses), und als die Ministerin Schröder es wagte, Schwarzers Positionen zu kritisieren, eilten der Kritisierten sogleich schwarenweise Helferinnen UND Helfer herbei.

    Dabei hatte Schröder in ihen Kritikpunkten völlig Recht, hatte sie allenfalls viel zu sanft und vorsichtig formuliert: Was ihr de facto vorgeworfen wurde, war, dass sie Texte Schwarzers tatsächlich gelesen und sich eine eigene Meinung dazu gebildet hatte, anstatt sich allein auf die geglättete, verharmloste, öffentlich etablierte Benutzeroberfläche des Schwarzerschen Feminismus zu beziehen.

    Deshalb finde ich, dass es sich lohnt, einen Blick in Schwarzers Texte zu werfen (auch wenn sie einem schon längst auf die Nerven geht).

  • @crumar „Kinder werfen Frauen immer wieder auf die biologische Mutterschaft zurück und das ist ein irreversibles Faktum (soziale Mutterschaft hin oder her). Das scheint mit das eigentliche Problem zu sein.“ Die Interpretation dieses Unterschieds zwischen Frauen und Männern fällt bei Schwarzer und anderen aber eben extrem einseitig aus. Die Nachteile der mütterlichen Kinderbetreuung stellt sie heraus (während aber natürlich zugleich die Kinderbetreuung durch Väter zugleich gefordert und abgewehrt wird), aber die Vorteile einer als exklusiv bestimmten Beziehung der erwachsenen Frau zum Kind überspielt sie.

    Dabei geht es nicht nur darum, dass Elternschaft ja auch tatsächlich als Glück erfahren werden kann. Es geht auch darum, dass die Verfügungsgewalt über ein Kind sowohl gegen das Kind selbst als auch im sozialen Kontext eine sehr starke Herrschaftsposition bedeuten kann. Wenn eingeräumt würde, dass sich Mutterschaft – eben auch als Herrschaftsinstrument – rechnen kann, dann würde man auch viel deutlicher werden, warum Frauen (und gerade feministische Frauen) an der mütterlichen Gewalt über Kinder verbissen festhalten und Väter aus der Kindessorge herausdrängen. Dazu müsste dann keine allgegenwärtige „Männerherrschaft“ phantasiert werden, die Frauen in die Mutterschaft hineinzwänge.

    Viele Grüße, und auch Dir frohe Ostern!

  • Alle heiligen Schriften sind widersprüchlich, und hier und da heißt es doch schon, dass Feminismus inzwischen Staats-„religion“ sei.

  • Die Herrschaftsposition *kann* gar nicht eingeräumt werden! Es geht nicht! Auch nicht gatekeeper oder was auch immer.

    Aber schau dir mal das hier an:
    http://www.spiegel.de/politik/deutschland/bgh-unterhaltsurteil-viel-arbeit-fuer-muetter-und-gerichte-a-614134.html

    It´s the economy, stupid!

    „Der Mann möchte, dass die Mutter des inzwischen acht Jahre alten gemeinsamen Sohnes Vollzeit arbeitet. Und er will ihr deshalb nur noch bis Juni 2009 einen sogenannten Aufstockungsunterhalt in Höhe von 416 Euro zugestehen (wegen der Unterschiede zwischen seinem und ihrem Einkommen), danach gar nichts mehr.

    Die Mutter dagegen beruft sich darauf, dass ein 70-prozentiges Deputat als Lehrerin genügt, und dass sie deshalb Anspruch auf Betreuungsunterhalt in Höhe von 837 Euro monatlich hat – und zwar zunächst ohne zeitliche Grenze.“

    Kinder haben ist ein geldwerter Vorteil.
    Wäre sie MIT Kinderwunsch OHNE Partner geblieben – rechne dann mal aus, was sie hätte erarbeiten müssen.

    SO bekommt sie für 30% WENIGER Arbeit 837.- MEHR – ohne Kindergeld usw. usf.
    Angenommen, sie verdient 2.500 netto, dann bezahlt ihr der Ex-Mann eine individuelle Arbeitszeitverkürzung mit vollem Lohnausgleich ODER (so kann man es auch sehen) Kindererziehung ist gar nicht mehr umsonst (kostenlose Arbeit der Frau).

    Aber auch nicht Sache des Staates, sondern der Mann leistet einen materiellen Transfer und der Staat ist raus – er verteilt nur noch Anspruchspositionen als rechtlichen Titel.
    Auf das Eigentum und den Erwerb des Mannes.

    Du hast also das „Opfer der Männerherrschaft“ und einen Rechtstitel, den du – mit Hilfe des Staates – erwirken kannst. Wie praktisch, dass genau in den Kommandohöhen der staatlichen Institutionen Frauen sitzen.

    Das ist doch eine sehr nützliche Ideologie, oder?

    Gruß, crumar

  • Ach so, Nachtrag: Wenn Frauen eine generative Potenz haben, dann ist es natürlich Kinder zu gebären.
    Wenn Schwarzer nun aber aus dem Umstand genau dieser Potenz und der Geburt die „Sündhaftigkeit“ der eigenen „Geburt“ der Frau als Abhängige konstruiert, dann ist das letztlich eine reaktionäre RELIGION. 😉
    Der Frau an sich klebt damit die biologische Fähigkeit, ihr biologisches Frau Sein an wie eine „Mittäterschaft“ an patriarchalen Strukturen.
    Verderbt!
    Kein Wunder, dass Männer mit ihren Spermien quasi des Teufels sind!
    Da quillt der Bauch und da gebiert Maria einen Auswurf des Partriarchats.
    Das ist finsterstes Mittelalter, wenn man es recht überlegt…

    Schönen Gruß noch mal und nix für ungut – nur meine spontanen Gedanken…

    crumar

  • Ja, genau. Nur dass eben zwischen, beispielsweise, einem Magen, einem Blinddarm und einem Kind doch noch irgendein Unterschied besteht… Danke für die Wünsche – ich komme gerade wieder aus den Ostertagen und kann nun nur noch frohe Restostern wünschen..:-)

  • @crumar „Kinder haben ist ein geldwerter Vorteil.
    Wäre sie MIT Kinderwunsch OHNE Partner geblieben – rechne dann mal aus, was sie hätte erarbeiten müssen.“ Man sieht an deinen Rechnungen aber eben auch, wie sehr das Recht eingestellt ist auf die Situation relativ wohlhabender Menschen (man könnte auch sagen: Privilegierter). Denn die Unterhaltsansprüche lohnen sich für eine Frau ja nur dann, wenn diese Ansprüche auch einlösbar sind, wenn also ein solventer Kindsvater zur verfügung steht. Schon ein Facharbeitergegalt dürfte normalerweise nicht auseichen, um Betreuungs- und Kindesunterhalt aufzubringen. Solche solventen Männer stehen in der regel nur Frauen zur Verfügung, die selbst aus privilegierten Verhältnissen stammen – für die kann sich das Unterhaltsrecht tatsächlich enorm lohnen.

    Die Idee mit der Sündhaftigkeit der Gebärfähigkeit finde ich übrigens völlig plausibel. Tatsächlich haben die Gedankengänge Schwarzers auch in meinen Augen etwas Religiöses (das drückt ja auch der Kommentar unten aus). Beispielsweise stimmt die Kritik einfach, dass sie regelrecht absurd sexualfeindlich und männerfeindlich (sowieso) argumentiert, und dass sie durchgehend lesbische Beziehungen als positives Gegenbild zu Mann-Frau-Beziehungen präsentiert. Wenn man ihr Buch vom kleinen Unterschied liest, lässt sich das auch bei sehr viel gutem Willen nicht übersehen. Aber das auszusprechen, wirkt bei manchen an sich schon etwas Skandalöses, eben wie eine Blasphemie.

    Interessant ist aber, das zugleich nach meiner Erfahrung die meisten Menschen Schwarzer mittlerweile eher als Witzfigur wahrnehmen, als sie ernstzunehmen.

  • @Schoppe 47% ALLER im öffentlichen Dienst beschäftigten Frauen sind Lehrerinnen.
    Kein Scheiß.
    Wird dir etwas klar?
    Wenn du als Mann nach unten heiratest und dich intellektuell nicht völlig unterfordern willst, auf welche akademischen Typ Frau triffst du demzufolge?
    Und aus welchen Verhältnissen stammt der Typ Frau in der Regel, der für sich meint, in der Regel in Zukunft rosige Aussichten zu haben?
    Wollen wir gemeinsam raten? 😉

    Und dann habe ich noch eine kleine Aufgabe für dich.
    Schau dir bitte das an:
    http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Abteilung4/Pdf-Anlagen/studie-beruf-dauer-erwerbsunterbrechung,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf
    Schlage Seite 5 auf und schaue auf die Position 4 von oben.

    Was sagt dir das?
    Möchtest du rechnen in Jahren und Monaten weniger?
    Versuche es mal…wird lustig.

    Gruß, C.

  • @Schoppe
    Ich glaube auch, es handelt sich bei der Schwarzer Nachfolgerin Butler um einen genauso religiösen Text.
    Wir sind heteronormativ – nicht aus Böswilligkeit, sondern weil wir Pi mal Daumen 95% der Bevölkerung stellen.
    Die homosexuellen werden immer eine Minderheit stellen.
    So einfach ist das.
    Ich glaube, natürlich erweist sich der Wert einer Demokratie an dem Umgang mit Minderheiten.
    Andererseits habe ich keine Lust, mich von Minderheiten drangsalieren und terrorisieren zu lassen.
    Ich bin strikt gegen Umerziehungsprogramme für Homosexuelle – aber auch gegen Umerziehungsprogramme von Heteros.
    Ich stehe auf Frauen – mehr möchte ich nicht verhandeln müssen.

    Gruß, crumar

  • @crumar „47% ALLER im öffentlichen Dienst beschäftigten Frauen sind Lehrerinnen.
    Kein Scheiß.
    Wird dir etwas klar?“

    Darauf, dass Lehrerinnen wesentlich häufiger in Teilzeit arbeiten als Lehrer, geht ja übrigens auch schon Rieske in seiner (ansonsten sehr unseriösen) Studie „Bildung von Geschlecht“ ein (S. 20, 32). Er benutzt diesen Hinweis aber natürlich lediglich, um zu zeigen, dass der Überhang weiblicher Lehrkräfte an den Schulen gar nicht so dramatisch sei, weil ja der einzelne Mann im Schnitt mehr Stunden unterrichte als die einzelne Frau. Was die Verteilung sonst aussagt, z.B. über die Motive der Berufswahl, interessiert ihn nicht.

  • Ich finde es nur dreist – ja, man kann auch einen Maskulisten noch schocken – dass die Damen Gymnasiallehrerinnen satte 13 JAHRE weniger arbeiten.

    Mich würde mal der Ost-West-Vergleich interessieren, das sind ja nur Durchschnittswerte, aber ich komme an die Zahlen nicht heran.

    Ich habe diesen Text gelesen und bin beinahe vom Stuhl gefallen.

    Wenn das Einstiegsalter 30 Jahre ist in den Beruf und die mit 65 Jahren ausscheiden, dann bedeutet das, sie haben 37% weniger Arbeitszeit auf dem Buckel als der männliche Gymnasiallehrer.

    Findest du das normal?

    Denn das versteckt sich hinter „Erwerbsunterbrechung“ und dann auch noch darüber jammern, dass ihnen die Karriere entgeht!
    Wahnsinn!
    Und die kriegen PRO Kind 3 Jahre als Dienstjahre angerechnet.
    Spitze.

    Ich habe da so eine Befürchtung, kannst du mir weiterhelfen?
    Wie berechnet sich eigentlich die Rente bei verbeamteten Lehrern?
    Sag nicht, nur nach dem letzten Gehalt!

    Ist dir eigentlich klar, dass du das (und wir alle) alles fleißig mitbezahlen musst?

    Anyway, die Männer lassen sich doch in deinem Job mit einem Nasenring durch die Manege führen.
    Da kann man mit Kind als Mutter ein Arbeitszeitmodell und ein Lebensmodell durchziehen, das könntest du nirgendwo sonst!

    Und natürlich geht das vielbeschworene „Normalarbeitsverhältnis“, welches angeblich im aussterben begriffen ist, auf den Mann über – als wären Männer keine Väter oder hätten kein Interesse an einer netten „work-life-balance“!

    Was für ein Betrug!

    Schönen Gruß, crumar – morgen bin ich erst mal eine Woche weg

  • @ crumar „Findest du das normal?“ Nein, natürlich nicht. Zumal ich Fälle kenne, in denen diese Regelungen von Frauen sehr gezielt genutzt wurden, und über viele Jahre. Zwei Punkte dazu: Auch wenn der öffentliche Dienst enorme Privilegien bietet, die Du aufzeigst, müssen doch viele Bereiche davon auch ganz pragmatisch schlicht – funktionieren. Schulen zum Beispiel – an denen geht tagtäglich alles Mögliche schief, aber im Großen und Ganzen klappt es. Da ist schon die Frage, wer den Betrieb so am Laufen hält, wenn vorzugsweise dort Menschen arbeiten, die vor allem an den Möglichkeiten der Work-Life-Balance (mit eher geringerer Betonung der „Work“-Seite) interessiert sind. Es sind nicht nur Männer, die es aufrechterhalten (es gibt ja nunmal auch Kolleginnen auf vollen Stellen, die sehr viel arbeiten und tragen) – aber auffällig ist schon, dass die Frage eigentlich überhaupt kein Thema ist, weder für die „Schulforschung“ noch gar für die Gewerkschaften.

    Zweitens ist es auch für mich auffällig, wie wenig es in der Diskussion um gerechte Bedingungen im Arbeitsleben erwähnt wird, dass eben auch der „Verzicht“ auf eine Karriere mit sehr großen Vorteilen verbunden sein kann – so dass ein Anspruch auf Entschädigung dafür unverständlich ist. Ich selbst hätte beispielsweise durchaus die Möglichkeit für finanziell lukrativere Berufe gehabt, ich hatte aber eben auch Gründe, mich dagegen zu entscheiden. Es wäre albern, wenn ich mich deswegen als diskriminiert präentieren würde.

    Schönen Gruß zurück – ich wünsch Dir eine gute Woche!

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