Wie Richard David Precht und ich die deutsche Schule revolutionieren

Ab und zu finde ich es ja wichtig, von Geschlechterthemen ein wenig Abstand zu gewinnen und anzuerkennen, dass es durchaus noch andere wichtige Themen gibt. Werder Bremen zum Beispiel (aber das ist im Moment zu schmerzhaft und angstbesetzt, darüber kann ich nicht schreiben), oder auch die deutsche Schule (das Thema ist auch manchmal schmerzhaft, aber häufig zugleich komisch). Die Frage, wie die Schule funktioniert, ist mir nicht nur aus beruflichen Gründen wichtig, sondern hat natürlich auch Bedeutung für diejenigen Artikel dieses Blogs, die sich mit der schulischen Situation von Jungen auseinandersetzen. Im Moment hat das Thema „Schule“ zudem gerade Konjunktur – der Spiegel hatte in dieser Woche eine Titelgeschichte über den Schulstress von Kindern, GEO kündigt auf seiner Titelseite „neue Ideen für unsere Schulen“ an, und auf dem Zeit-Titel forderte gerade der Philosoph Richard David Precht, die Schule auf den Kopf zu stellen. Er fordert mit viel Engagement und der „Glut eines Apostels“ (Precht über Precht, Die Zeit Nr. 16, 11.4.2013, S. 33) einen radikalen Umbau des deutschen Schulsystems: Abschaffung der Noten, Abschaffung der Selektion, jahrgangsübergreifende Lernteams, eine konsequenten Projektunterricht, eine Organisation der Schule nach „Lernhäusern“ (ein „bisschen Hogwarts tut jeder Schule gut“, S. 32). Natürlich sind alle diese Vorschläge nicht neu, das werfen auch die Zeit-Redakteure dem Bildungsphilosophen im Interview vor – das aber wäre nebensächlich, wenn sie richtig wären. Tatsächlich aber passen Prechts Vorschläge sehr gut in die deutsche schulische Landschaft und sind keineswegs ein Gegenmodell dazu.

Wie man Themen und Krankheiten behandelt Prechts wesentliches Argument ist, „dass die Art, wie wir unsere Kinder unterrichten, dem widerspricht, wie nachhaltiges Lernen funktioniert“. Es könne doch nicht sein, „dass wir mehr als neunzig Prozent von dem, was wir in der Schule lernen, wenige Jahre später vergessen haben.“ (S. 33). Nun ist es vielleicht ganz gut, manchmal vielleicht auch eine Gnade, dass wir vieles von dem, was wir in der Schule tun mussten, nicht behalten haben. Der schulische Lernstoff ist, da hat Precht völlig Recht, insgesamt so unorganisiert, so sehr in viele einzelne Stückchen aufgeteilt, dass wir beständig heillos durcheinander wären, wenn wir nicht vieles davon kurz nach dem ersten kurzen Kennenlernen wieder aus den Augen verloren hätten. Damit aber stellt sich eine Frage, die für schulisches Lernen tatsächlich zentral ist: Wie rechtfertigen wir es überhaupt, dass Kinder ihre Zeit damit verbringen müssen, das zu lernen, was wir als Erwachsene (und nicht nur wir Lehrer) ihnen vorsetzen?

„Kinder wollen lernen. Das weiß jeder, der welche hat. So lernt jedes Kind Sprechen und Laufen, ohne dass man als Eltern viel tun muss.“ (S. 33) Damit hat Precht Recht. Computerspiele beispielweise sind gewiss ein guter Beleg dafür, wie wichtig das Lernen für Kinder und Jugendliche (und eben auch für Erwachsene) ist – ihr Erfolg beruht wohl auch darauf, dass in ihnen das Lernen viel augenfälliger wird und viel klarer belohnt wird als in der Schule, etwa mit dem Aufstieg auf das jeweils nächste Level. Nur lernen wir hier eben häufig etwas, das wir nur im Computerspiel selbst auch wieder nutzen können – was uns dann natürlich ein Motiv verschafft, so bald wie möglich in die Welt des Speils zurückzukehren. Schulisches Lernen aber legitimiert sich eben dadurch, dass – zumindest in der offiziellen schulischen Selbstdarstellung – für das Leben außerhalb der Schule gelernt wird. Es wäre eine irrationale Erwartung an Kinder, dass sie jederzeit von sich aus wissen müssten, welche Themen dabei wichtig sind.

Die fünfte Klasse, die ich mit einer Kollegin leite, ist beispielsweise als eine „Forscherklasse“ organisiert – die Kinder entwickeln sich selbst Forschungsfragen, haben dann einige Wochen Zeit, selbstständig dazu zu arbeiten, und präsentieren dazu schließlich Ergebnisse vor der Klasse, manchmal auch vor dem gesamten Jahrgang. Die Ergebnisse sind in meinen Augen oft beeindruckend, und es ist völlig offensichtlich, dass die meisten Kinder sehr gut, engagiert und ausdauernd arbeiten, wenn sie an Themen arbeiten können, die sie sich selbst gewählt haben. Nur hat diese Selbstwahl eben auch immer Grenzen – das schulische Lernen mit seiner Vorgabe von Themen, die Kinder nicht gewählt haben, hat hingegen das Potenzial, diese Grenzen zu erweitern und neue Themen zu setzen, die sich Kinder sonst selbstständig nicht gewählt hätten.

Dabei ist die Fülle der Lehrpläne tatsächlich nicht zu verteidigen – sie führt dazu, dass vieles oberflächlich „behandelt“ wird (tatsächlich so, als ob es dabei um Krankheiten ginge, durch die man durchkommen muss), ohne dass Querverbindungen gezogen würden. Nach meinem Eindruck täte es den Schulen gut, wenn wir auf einen großen Teil der Inhalte verzichten würden. Nur: Wer sollte entscheiden, welcher Teil das sein sollte, und wie groß er sein müsste?

Wo die Lahmen die Blinden tragen Precht interessiert diese Frage nicht, so wie ihn generell kaum die Frage interessiert, wie das Schulsystem eigentlich organisiert ist – und das ist ein Problem. „Große Veränderungen werden nicht durch ewig gesuchte Mittelwege und jahrelang abgewogene Gedanken erreicht.“ (S. 32) Es ist aber eine Fehleinschätzung zu glauben, dass deutsche Schulsystem würde darunter leiden, dass keine kühnen Gedanken entworfen würden. Eher leidet es unter einem Problem, zu dem Ansätze wie der Prechts erheblich beitragen: Es ist gespalten zwischen großen, gern weltanschaulich aufgeheizten Debatten – das beste Beispiel ist der ewige Streit zwischen Befürwortern des gegliederten Schulsystems und Befürwortern der Gesamtschule – und einer täglichen Schulroutine, die von diesen Debatten weitgehend unberührt bleibt, wenn sie Glück hat.

Darin drückt sich eine weitere Spaltung aus, die tatsächlich grundlegend ist, nämlich die von Schulen und Behörden. Die Verwaltungen sind nicht etwa dafür da, den Schulen für ihre Arbeit den Rücken frei zu halten, sondern sie sind die jeweils vorgesetzten Dienststellen. Ich meine das Folgende ganz ernst und gar nicht zynisch, bzw. kaum zynisch: Durch die hierarchiebetonte Top-Down-Struktur des deutschen Schulwesens sind, genau genommen, nicht die Verwaltungen dafür da, dass die Schulen arbeiten können, sondern die Schulen sind dafür da, die Existenz der Verwaltungen zu sichern.

Ich weiß, das hört sich platt und allzu zugespitzt an, aber es prägt die Arbeit an den Schulen. Wesentliche Entscheidungen werden auf Ebenen der Administrationen oder der Ministerien getroffen, die von der täglichen Arbeit in den Schulen weit entfernt sind. Das hat eine unsinnige Folge: Dort, wo die für die Arbeit wesentlichen Informationen selbstverständlich und alltäglich vertraut sind, können die wesentlichen Entscheidungen nicht getroffen werden – und dort, wo sie getroffen werden, fehlen die wesentlichen Informationen. Nach einem alten Sprichwort kommen beide voran, wenn ein Blinder einen Lahmen trägt und sich von diesem den Weg weisen lässt. Die Struktur des deutschen Schulsystems aber funktioniert eben umgekehrt – da trägt der Lahme den Blinden, und dieser sagt, wo es langgehen soll.

Der amerikanische Philosoph und Pädagoge John Dewey ist, das müsste Precht gefallen, schon vor etwa hundert Jahren bekannt geworden für seine Projektmethode, das fächerverbindende Lernen, für viele Ansätze der Schulreform und insgesamt für gründliche Reflektionen darüber, wie das Lernen funktioniert. In seiner grundlegenden Schrift „Democracy and Education“ beschreibt er beispielsweise einen sehr basalen Zusammenhang zwischen Passivität und Aktivität. Sein Beispiel ist ein Kind, dass auf eine heiße Herdplatte fasst. Würde das Kind nur seine aktive Handlung wahrnehmen, aber nicht den Schmerz, dann würde es nichts daraus lernen. Würde es nur den Schmerz wahrnehmen, aber nicht seine Handlung, würde es ebenfalls nichts lernen. Lernen könne es eben nur dann, wenn es zwischen dem, was es tut, und dem, was es erleidet, einen Zusammenhang herstellt.

Natürlich sind diese Annahmen sehr basal – umso seltsamer aber ist es, dass noch nicht einmal solch ein einfacher Zusammenhang in der Struktur des Schulsystems anerkannt wird. Durch die strikte Trennung zwischen Entscheidungsebene (Administration) und der Ebene der täglichen Erfahrung (Schulen) kann weder an dem einen noch an dem anderen Ort wirkungsvoll gelernt werden. Mit anderen Worten: Schulen, an denen es angeblich vor allem um das Lernen gehen soll, sind keine lernenden Systeme, und die ihnen vorgesetzten Behörden auch nicht.


Warum gerade Bildungsreformer kein Interesse an Veränderungen haben Eben dieses Problem aber interessiert Precht nicht, und das mit gutem Grund: Reformen wie die, die ihm vorschweben, ließen sich eben nur in den vorhandenen Top-Down-Strukturen überhaupt durchsetzen. So haben traditionell gerade  Bildungsreformer eben kein Interesse daran, an den bestehenden Strukturen wirkungsvoll etwas zu ändern – um gegen die bestehenden Bedingungen an den Schulen, die dortigen Routinen Neues durchsetzen zu können, brauchen sei eben die gegebenen Machtstrukturen. Es ist jedoch ungerecht, über vorgeblich geistlose Routinen der Arbeit an den Schulen zu klagen – es sind vermutlich eben gerade diese Routinen, die es angesichts der wenig sinnvollen hierarchischen Struktur ermöglichen, dass überhaupt noch etwas gelernt wird. Wer aus den Routinen der Schulen reflektierte Routinen machen möchte, muss als notwendige Bedingung die Schulen aus der Abängigkeit von der Bildungshierarchie lösen.

Precht hat einige plausible Thesen – es ist beispielsweise tatsächlich nicht verständlich, warum Lehrer unbedingt Beamte sein müssen. Aber er erkennt nicht an, dass seine Ideen in den meisten Fällen den Status von Hypothesen haben, die sich in der schulischen Praxis erst noch überprüfen lassen müssten. Der fächerverbindende Projektunterricht beispielsweise ist tatsächlich schon lang bekannt, und viele Schulen haben die Erfahrung gemacht, dass es für die Schüler durchaus nervtötend sein kann, mit demselben Thema in allzu vielen Fächern gleichzeitig bekannt gemacht zu werden. Schulen müssen jeweils selbst entscheiden können, wie weit sie gehen wollen. Und sie würden gewiss zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.

Wer das Schulsystem reformieren will, sollte also Bedingungen dafür schaffen, dass Schulen auch selbst lernen können. Sie sollten also deutlich größere Freiheiten haben, aus ihren Erfahrungen eigene Schlüsse zu ziehen, und von Vorgaben aus der Bildungshierarchie weitgehend unabhängig werden – und sie bräuchten Reflexionsräume, in denen sie ihre Erfahrungen (wenn es geht, in Zusammenarbeit mit Universitäten) auswerten und aus ihnen lernen können.

Dabei würden sich ganz unterschiedliche Schulen entwickeln, die aber wiederum voneinander lernen könnten. Es ist durchaus denkbar, dass einige Schulen die Erfahrung machen, mit anderen Konzepten als denen von Precht sehr erfolgreich sein zu können. Das aber gehört nun einmal dazu, wenn jemand dafür sorgen möchte, dass andere etwas lernen – sie lernen, falls sie denn lernen, immer auch etwas, womit er vorher nicht gerechnet hätte.

Können Männerrechtler von Feministinnen etwas lernen?

„Ins Auge fällt (…) der enorme Zeitaufwand, der in die Abertausende von Blogs, Blogkommentare, Leserbriefe usw. gesteckt wird und die völlige politische Wirkungslosigkeit dieser Aktionen. Diese ganze Arbeit verpufft restlos.“ Was hier ein anonymer Kommentator zu dem Text „Rot-grüner Beton“ über männerrechtliche Standpunkte schreibt, lässt sich vielfach belegen. Vor Kurzem hatte ich beispielsweise wieder einmal ein Buch in der Hand, in dem Matthias Mattussek Reaktionen – Briefe, Berichte, Essays – auf seinen Text „Die vaterlose Gesellschaft“ gesammelt hatte. Im Vorwort schreibt er über die Masse der Menschen, die sich zu Wort gemeldet haben: „Sie werden weiter sprechen. Sie werden sich nicht mehr unterbrechen lassen. Und sie werden sie Lautstärke erhöhen – bis sich die Verhältnisse ändern.“ Das war vor vierzehn Jahren.

Falls sich überhaupt etwas ändert, dann nur ganz langsam, als würde man durch Klebstoff waten. Und noch immer melden sich viele zu Wort – aber die Lautstärke hat sich kaum erhöht. Ich zitiere aus dem eingangs angeführten Kommentar weiter, weil ich den Eindruck habe, dass in der dort formulierten Frage nach der Wirksamkeit eines Einsatzes für Männerrechte viele Motive des gesamten Kommentarstrangs anklingen. „Es fehlt an einer eigenständigen sozialen Theorie, einer gesellschaftlichen Vision. Nur abstrakt Gerechtigkeit zu fordern, ist ganz nett und OK, aber keine eigenständige Leistung. Selbst wenn die feministischen gesellschaftlichen Visionen großenteils (m.E.) haarsträubender Unfug sind, so sind sie einfach da und besetzen die Gehirne.“ Und weiter: „Es fehlt an einem professionellen Management. (…) Wäre man zu einer Demo oder öffentlichen Kampagne fähig fähig? Haben jemals 500 Männer vor einem Ministerium für ihre Rechte demonstriert? Würde man irgendwo, wo es Volksabstimmungen gibt, eine versuchen? Ein letztes sehr heikles Thema sind Identifikationsfiguren und mediale Sichtbarkeit. Man kann ja über A. Schwarzer fluchen, aber sie hat einen Riesenjob gemacht.“ Der Kommentator „jungsundmaedchen“ stimmt zu, „daß Männerbewegten eine soziale Theorie und eine gesellschaftspolitische Vision fehlt.“

Was können Menschen, die für Rechte von Männern eintreten, also von Feministinnen lernen?

Warum es antifeministisch ist, feministische Texte zu lesen Auch nach meinem Eindruck überzeugen viele theoretische Entwürfe des Feminismus nicht unbedingt durch ihre intellektuelle Brillanz und Schlüssigkeit – Dworkin, Firestone,  Connell, Butler oder Schwarzer profitieren sehr, wenn ihre Texte nicht allzu genau bekannt sind. Durchaus komisch war es ja beispielsweise, als Kristina Schröder sich eben dadurch erbitterte Feindinnen machte, dass sie Schwarzers „Der kleine Unterschied“ tatsächlich gelesen und auf dieser Basis kommentiert hatte – anstatt sich einfach nur auf oberflächliche Schwarzer-Klischees (Kämpferin für Gleichberechtigung, für die Freiheit von Frauen, etc.) zu beschränken.
Wichtig aber ist, dass diese Entwürfe eine gemeinsame Idee haben, eine verbindende Geschichte erzählen. Die Befreiung der Frauen von männlicher Unterdrückung, das Aufbrechen einer heterosexuellen Geschlechterordnung erscheint in all diesen Ansätzen als notwendig, und zugleich machen sie auch deutlich, dass die Zeit für diese Befreiung reif sei. Diese mobilisierende Verbindung von Notwendigkeit und Gelegenheit kann dabei auf vertraute traditionelle Muster zurückgreifen – insbesondere auf ein Muster, das im englischen Sprachraum als das der „Damsel in Distress“ bezeichnet wird: „a classic theme in world literature, art, film and video games. She is usually a beautiful young woman placed in a dire predicament by a villain or monster and who requires a hero to achieve her rescue.“ Natürlich haben Feministinnen selbst den Anspruch, mit eben solchen Phantasien der hilflosen und rettungsbedürftigen Frau gebrochen zu haben – es lässt sich aber zeigen, dass sie einerseits mit großer Selbstverständlichkeit auf traditionelle Muster zurückgreifen, sie aber zugleich als neue, zukunftsweisende Entwürfe anbieten können. Das „Damsel-In-Distress“-Motiv ist ein Muster, das verwendet wird, um wieder und wieder und in ganz unterschiedlichen Kontexten Geschichten von der Befreiung der Frau zu erzählen. Drei ganz unterschiedliche Beispiele: Schon Schwarzer baut in ihrem grundlegenden „Der kleine Unterschied“ nicht auf ihre theoretischen Entwürfe, sondern auf Interviews mit Frauen, die ihre Geschichten erzählen. Wenn im akademischen Kontext Wissenschaftlerinnen „Arbeit am Kanon“ leisten und in Dissertationen und Aufsätzen wieder und wieder Autorinnen, die vorgeblich von einer frauenfeindlichen und vorherrschenden Männlichkeit um ihren Platz in der Geistesgeschichte gebracht worden sind, dann wird auch hier jeweils dieselbe Geschichte neu erzählt – nur dass die bedrohten Frauen heute eben nicht von Gentlemen, sondern von engagierten Geschlechtsgenossinnen gerettet werden (und es spielt dabei gar keine Rolle, dass diese Autorinnen häufig vermutlich ebenso vergessen worden, aber vergessen geblieben wären, wären sie Männer gewesen). Selbst Valerie Solanas, die mit ihrer faschistischen Gewaltphantasie „SCUM“ („Society for Cutting Up Men“) zu einem feministischen Popstar geworden ist, greift auf dieselbe Geschichte zurück – die Gewaltbesoffenheit, mit der sie einen systematisch betriebene Ermordung aller Männer imaginiert und fordert, legitimiert sich ja eben gerade durch die Vorstellung, Frauen seien allüberall durch die lebensunwerten Männern bedroht und unterdrückt.

Warum Moses Mendelssohn nach Berlin kommen darf, Franz Kafka aber nicht Ein vergleichbares Grundmotiv fehlt Männern – schon allein deswegen, weil tatsächlich die wenigsten Männer sich über ihre Geschlechtszugehörigkeit identifizieren. Das hat Tradition. Schon in Autobiographien um das Jahr 1800 reflektieren Frauen in autobiographischen Texten immer wieder, was ihre Geschlechtszugehörigkeit für ihr Leben bedeutet. In männlichen Autobiographien ist das anders: Goethe beispielsweise beginnt seine Autobiographie „Dichtung und Wahrheit“ selbstbewusst mit der Erzählung seiner Geburt, bei der die Sterne außergewöhnlich günstig gestanden hätten – Karl Philipp Moritz hingegen steigt in seinen autobiographischen Roman „Anton Reiser“ mit Erzählungen ein, in denen seine Hauptfigur seitenweise überhaupt nicht vorkommt und so gleichsam im Text verschwindet. Bei allen deutlichen sozialen Unterschieden beider, die sich in diesen unterschiedlichen Einstiegen ausdrücken, ist ihnen (neben gemeinsamen Interessen) vor allem eines gemein: Beide reflektieren nirgendwo, was ihre Geschlechtszugehörigkeit für ihr Leben bedeutet. Feministinnen erheben hier gern den Vorwurf, das läge nun einmal daran, dass Männer sich in ihrer Männlichkeit schlicht als das ganz Allgemeine und Selbstverständliche setzen würden, über das sie also gar nicht nachdenken müssten. Das aber verfehlt männliche Selbstdarstellungen – Männer bestimmen sich über ihre Berufe, über ihren sozialen Status, über ihre nationale oder landsmannschaftliche Zugehörigkeit, über politische Positionen, aber niemals schlicht als Allgemeines. Nachvollziehbar hingegen ist es, dass Frauen über ihre Geschlechtszugehörigkeit reflektieren – schließlich bestimmen sie in traditionellen Geschlechterordnungen ihren sozialen Status meist nicht durch ihren Beruf oder andere Spezifika, sondern eben gerade dadurch, dass sie Frau eines bestimmten Mannes sind. Wie aktuell dieses Muster ist, zeigt sich ja gerade an der irrwitzigen, aber auch furchtbaren Posse um den Versuch, den Platz vor dem jüdischen Museum in Berlin nach Moses Mendelssohn zu benennen. Er scheiterte an dem quoten-feministischen Einwand der Grünen, die keinen Mann auf einem Straßenschild wollten, und endete in dem Kompromiss, dass Mendelssohn nun gemeinsam mit seiner Frau auf ein Straßenschild kommt. Arne Hoffmann kommentiert„Moses Mendelssohn wird durch die Benennung des Platzes geehrt, weil er Wegbereiter der Aufklärung war. Fromet Mendelssohn wird geehrt, weil sie eine Frau war.“
Franz Kafka beispielsweise hätte, als unverheirateter Mann und Jude, bei den Berliner Grünen keine Chance gehabt – Mendelssohn hingegen kann seine Männlichkeit gerade noch einmal verziehen werden, wenn er gemeinsam mit seiner Frau repräsentiert wird. Das Damsel-in-Distress-Motiv stellt nun einmal einer reinen Weiblichkeit eine unreine bedrohliche Männlichkeit gegenüber. In dieser Phantasie kann der Mann von seiner Unreinheit nur durch die Frau erlöst werden – dadurch, dass er sie vor den brutalen Männern rettet, aber vor allem durch ihre Gunst. Dieses traditionelle Motiv klingt heute wieder an, wenn Feministinnen von einer „Rape Culture“ sprechen, zu der grundsätzlich alle Männer beitrügen – es sei denn, sie werden von einer Frau momenteweise und auf Widerruf davon freigesprochen, wenn sie ihre ausdrückliche Einwilligung zu einer körperlichen Annäherung erteilt.
 
Außerhalb des Panic Rooms In der widersprüchlichen Zuschreibung an Männer, die sowohl Verbrecher als auch Retter sind, zeigt sich einer der wesentlichen Widersprüche feministischer Positionen. Sie imaginieren wieder und wieder einen Geschlechterkampf und verlassen sich dabei darauf, dass dieser Kampf von den meisten Männern gar nicht geführt wird. Viele Feministinnen beschreiben ein zutiefst nicht-ziviles, kriegerisches Geschlechterverhältnis, das von Unterdrückung, Ausbeutung, Vergewaltigung und gar Mord geprägt sei – und appellieren zugleich mit großer Selbstverständlichkeit an die Zivilität von Männern, die Frauen vor diesem Krieg zu schützen hätten.

Das Erfolgsrezept dieser Position ist für Männerrechtler nicht zu kopieren. Die beständige unterschwellige Beschwörung einer bedrohten weiblichen Reinheit bedient insgeheim, aber deutlich antimoderne und reaktionäre Impulse. Angesichts der unüberschaubaren Verlängerung und Vernetzung von Handlungsketten in der internationalen Kooperation, der Organisation von Massengesellschaften, angesichts der Erfahrung, dass jede Position sich aus unterschiedlichen Perspektiven beschreiben lässt und dabei jeweils unterschiedlich aussieht, dass also keine Position in sich „gut“ ist – angesichts dieser typischen modernen Provokationen bietet die Imagination des reinen Weiblichen einen Zufluchtsort, sozusagen einen Panic Room für Männer wie für Frauen. Die Zumutungen moderner Gesellschaften können von dort aus, gut verbarrikadiert, umstandslos auf das Konto einer männlichen Hegemonie gebucht werden, die bedenkenlos bekämpft werden kann.

Wer aber für die Rechte von Männern eintritt, hat nichts zu gewinnen, wenn er – oder sie – nun gleichfalls einen Geschlechterkampf beschwört. Für einen Mann ist es wenig erfolgversprechend, sich als bedrohter Jüngling zu inszenieren, der von Frauen vor der Bosheit anderer Frauen gerettet werden müsse. Eine Gegenposition zum feministischen Geschlechterkampf lässt sich, soweit ich sehe, nur vernünftig beschreiben, wenn sie auf eine Männern und Frauen gemeinsame zivile Ordnung abzielt. Das schließt eine Kooperation von Männern und Frauen notwendig ein. Eben deshalb ist es auch so wichtig, Zuschreibungen entgegenzutreten, die den Einsatz für Männerrechte als „rechtsradikal“ diffamieren wollen – inhärent reaktionär sind viele feministische Positionen, aber für Männer gibt es in diesem politischen Spektrum nichts zu gewinnen (einmal ganz abgesehen davon, dass rechtsradikale Position ohnehin indiskutabel sind).

Zivilität aber ist, anders als die Beschwörung eines erbitterten Kampfes, wenig aufregend, und ihre Bedeutung wird erst für diejenigen offenkundig, deren zivilen Rechte – Grundrechte und Menschenrechte – verletzt werden. Der Kommentator maninthemiddle (der, wenn ich richtig sehe, mit dem oben zitierten anonymen Kommentator identisch ist) schreibt: „Selbst wenn man die eventuelle Beseitigung von Diskriminierungen von Männern als Nutzen ansehen kann, bleibt dieser Nutzen sehr abstrakt, man hat kein Bauchgefühl, man ist von solchen abstrakten Fortschritten nicht persönlich betroffen, und die Vorfälle, die einen persönlich betreffen oder betroffen haben, liegen überwiegend in der Vergangenheit.“  Eben das ist ein wesentliches Problem des Einsatzes für Männerrechte. Viele Männer engagieren sich beispielsweise im Väteraufbruch eben dann, wenn sie persönlich betroffen sind – und beenden ihr Engagement, wenn sie, auf welche Weise auch immer (bei Vätern oft durch die grundsätzliche Entfernung von ihren Kindern), das Problem gelöst oder sich von ihm distanziert haben. So bleibt das Engagement zeitlich und räumlich immer begrenzt – Männer setzen sich kaum für andere Männer ein.

Ein wesentlicher Ansatzpunkt des Einsatzes für Männerrechte wäre es also, deutlich zu machen, dass Männer ebenso wie Frauen ein Anrecht auf zivilen Schutz haben, und dass auch sie dieses Schutzes bedürfen (die größere Schutzbedürftigkeit von Kindern ist rational zu begründen – die von Frauen nicht). Das bedeutet: Anders als feministische Positionen, die sich als progressiv verkaufen, aber tatsächlich überkommene Geschlechterordnungen reproduzieren, steht der Einsatz für Männerrechte vor dem Problem, das Selbstverständnis von Männern und Frauen tatsächlich verändern zu müssen. Auch Männer als schutzbedürftig und auch Frauen als potenziell gewalttätig zu verstehen, ist für Männer wie für Frauen provokant.

Lernen können Männer aber vom Feminismus, dass nicht brillante theoretische Entwürfe überzeugend sind, sondern Geschichten, die sich durch eine gemeinsame Geschichte organisieren lassen. Das bedeutet nun nicht, dass wir uns alle um ein virtuelles Lagerfeuer versammeln und uns, begleitet von Gitarrenmusik und etwas zu viel Alkohol, gegenseitig beständig unser Leid klagen sollten. Wichtig aber ist, dass abstrakte Ideen greifbar werden, so dass andere sich darin wiederfinden können. Der Kommentator jungsundmaedchen weist darauf hin, allein schon der Hinweis sei provokativ und oft überraschend, dass auch Männerrechte Menschenrechte seien. Hier lässt sich durchaus eine Chance für eine gemeinsame Geschichte finden – die Abstraktheit der allgemeinen Menschenrechte mit Geschichten zu füllen und zu plausibel zu machen, dass die Menschenrechte von Männern ebenso zu schützen sind wie die von Frauen. Es ist beispielswiese ein unterschätzter Skandal, dass die Grundrechts- und Menschenrechtsverletzungen des deutschen Sorgerechts der deutschen Politik weiträumig gleichgültig waren und dass erst durch massive Interventionen aus dem juristischen Bereich – die erste, entscheidende gar von europäischer Ebene aus – kleine Änderungen möglich wurden.

Ich habe Windeln gewechselt Ein feministisches Kernthema der zweiten Frauenbewegung war der Kampf um das Abtreibungsrecht. Ein vergleichbares Kernthema haben Männerrechtler, soweit ich sehe, nicht. Wichtig ist sicher der Kampf um das Recht zur Kindessorge, doch der bleibt für viele Männer, die keine Kinder haben oder haben wollen, abstrakt. Vor allem aber ging es beim Recht auf Abtreibung um die Inszenierung einer Befreiung der Frau. Beim Kampf um das Sorgerecht hingegen setzen sich Männer im Gegenteil dafür ein, sich im Alltag engagieren – also wörtlich: binden – zu können. Das ist wesentlich weniger aufregend und fotogen: Der Stern-Titel „Ich habe abgetrieben“ war skandalös und attraktiv, aber ein Titel mit lauter Männern und dem Spruch „Ich habe Windeln gewechselt“ wäre langweilig.

Das setzt sich so in anderen Bereichen fort. Die Inszenierung eines Geschlechterkampfes, gar eines Krieges ist aufregender als die (Re-)Etablierung ziviler Strukturen. Ein Kampf um das reine Menschliche (das Weibliche nämlich), das durch das unreine und bösartige Unmenschliche (das Männliche nämlich) bedroht sei, ist mobilisierend – der Hinweis hingegen, dass „Gut“ und „Böse“ sich nicht entlang rassischer, nationaler oder geschlechtlicher Grenzen zuordnen lassen, erinnert in seiner biederen Gutwilligkeit viele vermutlich an ihren schulischen Ethik-Unterricht.

Daher ist es unwahrscheinlich, dass der Einsatz für Männerrechte (eigentlich ein Einsatz für Menschenrechte, und geschlechterübergreifend gegen Sexismus) irgendwann einmal ähnlich spektakuläre Erfolge vorweisen wird wie der Feminismus. Das liegt aber eben gerade daran, dass er die anti-zivilen Widersprüche vieler feministischer Positionen nicht teilt und so auf einer wesentlich besseren, zukunftsträchtigeren Grundlage steht. Dieser Einsatz wird im Wesentlichen wohl ziemlich alltäglich und dabei tatsächlich mit einem „enormen Zeitaufwand“ daherkommen, der zu verpuffen scheint – eben in Statements, Blogs, Artikeln, Büchern, Filmen, die plausibel zu machen versuchen, dass wir keineswegs in einer „patriarchalen Gesellschaft“ leben, in der die Rechte von Männern ohnehin nicht bedroht seien und also auch nicht geschützt werden müssten. Es mag ja sein, dass Hegel und Marx zumindest in dem Punkt Recht hatten, das Quantität irgendwann einmal in Qualität umschlägt und lange blockierte Veränderungen schneller möglich werden, als die Beteiligten glauben.

Rot-grüner Beton

Vor der Abstimmung über die Frauenquote im Bundestag erregte sich Andrea Nahles über den CDU- Fraktionsvorsitzenden: „Unionsfraktionschef Volker Kauder hat die Frauen in der Union öffentlich aufgefordert, gegen ihr eigenes Gewissen zu stimmen.“ Tatsächlich wollten sich die Abgeordneten der Union, die mit dem Gedanken an eine Stimme für die Einführung von starren Frauenquoten in Unternehmen spielten, auf die Freiheit ihrer Gewissensentscheidung berufen. Damit hätten dann von der Leyen und co. eine Entscheidung, von der nur ein verschwindend kleiner und ohnehin schon erheblich privilegierter Anteil der Frauen in Deutschland profitiert hätte, ebenso zu einer Frage des Gewissens erklärt wie etwa die Entscheidung dafür, weiterhin Tausende von – übrigens männlichen – Soldaten in Länder wie Afghanistan und möglicherweise in ihren Tod zu schicken. Natürlich ist dies ein pervertiertes Verständnis einer Gewissensentscheidung, gleichwohl ist es auch völlig verständlich, dass es in der Union und der FDP unterschiedliche Positionen zu einer so kontroversen Frage wie der Frauenquote gibt. Wesentlich weniger verständlich ist es, wie es möglich ist, dass SPD, Grüne und Linke solche Konflikte nicht kennen – ihre Abgeordneten stimmten ohne Murren und Diskussion geschlossen für die Quote.

Zu den wenigen gut vernetzten und privilegierten Frauen, die von einer Quote profitieren können, gehören eben gerade die Parteipolitikerinnen, die sich für sie engagieren. Dieser offenkundige Eigennutz wurde durch den moralisierenden Overkill der Debatte („Es gebe in der Hölle einen Ort für Frauen, die andere Frauen nicht unterstützen“)  eher noch herausgestellt als verdeckt. Es mag ja sein, dass einige in den rotgrünen Parteien die Quote aus sachlichen Gründen trotzdem für eine gute Idee halten. Es ist aber nicht erklärbar, warum überhaupt niemand an der „Was-gut-für-mich-ist-ist-gut-für-Frauen-ist-gut-für-die-Gesellschaft“-Logik der Quote irgend etwas auszusetzen findet.

Für mich ist diese regelrecht betonierte Einförmigkeit ein besonderes, auch persönliches Problem. Meine politische Sozialisation bestand zu einem wichtigen Teil daraus, dass ich als Jugendlicher am Mittagstisch jedes Tages mit meinen Eltern, die beide seit Jahrzehnten SPD-Mitglieder sind, diskutierte und dort grüne Positionen vertrat. SPD und mehr noch die Grünen habe ich jahrelang regelmäßig gewählt – bis ich persönlich von der Politik dieser Parteien in erheblicher Weise getroffen war. Meine Rechtlosigkeit als Vater eines Kindes, das ich nur alle zwei Wochen (und mit großem Aufwand für mich) sehen kann, ist wesentlich auch der Politik dieser Parteien zu verdanken. Insbesondere die rot-grüne Schröder-Regierung sperrte sich jahrelang gegen Änderungen der väter- und kinderfeindlichen gesetzlichen Regelungen, die mittlerweile längst vom Europäischen Gerichtshof als menschenrechtswidrig und vom Verfassungsgericht als grundgesetzwidrig bezeichnet wurden.

 
Ich hab meine Meinung über SPD und Grüne zu spät revidiert. Das ist wohl ein typisches Problem des Engagements für Männerrechte, dass Menschen – seien es Männer oder Frauen – sich oft erst engagieren, wenn sie persönlich in erheblicher Weise in Mitleidenschaft gezogen wurden. Das lässt sich mit Geschlechterklischees erklären, die durchaus ungebrochen von Männern erwarten, für sich selbst und für andere Sorgen zu können und nicht auf den Beistand anderer angewiesen zu sein.

Dabei kann ich mir durchaus vorstellen, warum es bei SPD und Grünen starke Unterstützung für feministische Positionen gibt – nicht nachvollziehbar aber ist das fast völlige Fehlen von Gegenstimmen. Es mag ja sein, dass viele dort  beispielsweise die Diskriminierung von Vätern für eine gute Idee halten – es will mir aber tatsächlich nicht in den Kopf, warum überhaupt niemand dort auf die Idee kommt, es könne ein ernsthaftes Problem für ihre Parteien sein, wenn sie ein gestörtes Verhältnis zu Grund- und Menschenrechten entwickeln. Das gilt eben auch in der Quotendiskussion: Seit mehr als zwei Jahrzehnten haben Grüne und SPD nun Frauenquoten, und die Resultate davon sind ernüchternd. Niemand aber formuliert einmal den naheliegenden Gedanken, aus diesen jahrzehntelangen eigenen Erfahrungen könne vielleicht irgendetwas im Hinblick auf Frauenquoten in der Wirtschaft gelernt werden. Dass aber eine solche Diskussion nicht stattfindet, liegt wohl nicht zuletzt an den Quoten selbst.

Warum niemand an Jürgens Stuhl sägt Der Frauenanteil in der SPD- Mitgliedschaft liegt heute bei 31 Prozent, bei den Grünen bei 37 Prozent. Die absoluten Zahlen der weiblichen SPD-Mitglieder sind seit Einführung der Frauenquote und in Zeiten des großen Mitgliederschwunds seit Beginn der Schröder-Regierung sogar rückläufig. „Der Anstieg des Frauenanteils an der Mitgliederschaft ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass deutlich mehr Männer die Partei verließen als Frauen,“ schreibt das SPD-Parteimitglied Klaus Funken in einem Artikel, in dem er engagiert und ohne ernsthafte Resonanz in der Partei das Ende der Frauenquote fordert.  In einem Interview stellt er klar: „Ich kenne kaum jemanden unter den männlichen Mitgliedern, der unter vier Augen nicht zugibt, dass die Quotenregelung in der SPD ein Flop ist und abgeschafft gehört.“

Der Frauenanteil der Grünen ist (nach der Linkspartei) der höchste der deutschen Parteien, mit 37 Prozent allerdings enntäuschend niedrig angesichts der Tatsache, dass Frauen über die Quote hinaus durch das grüne „Frauenstatut“  in vielfacher Weise gegenüber Männern privilegiert werden und dass die Grünen in der zweiten Frauenbewegung eine ihrer wesentlichen Wurzeln haben. Im vergangenen Jahr reagierte die grüne Parteiführung darauf mit einer Werbekampagne, die bis heute für verärgerte Kommentare sorgt.

 
Sitzt sicher – nicht trotz, sondern auch wegen der Frauenquote
Besser DU als irgendein Kerl – das Motiv wurde so ähnlich auch noch für andere Parteigrößen durchgespielt. Anstatt also Frauen zu größerem Engagement aufzurufen (vielleicht einfach mal mit einem Slogan wie: „Jetzt seid ihr mal dran!“), machte die Parteiführung damit eben das Engagement der Männer schlecht, auf das die gesamte Partei mir ihren vielen quotierten Posten baut. Zudem transportiert die Kampagne ein DSDS-Verständnis von Politik – als ob es bei der Parteiarbeit nicht vorwiegend darum ginge, sich für eine gemeinsame Sache zu engagieren, sondern darum, möglichst schnell berühmt zu werden und um Spitzenpositionen zu konkurrieren. Obwohl also die grüne Partei das geringe politische Engagement von Frauen als Problem begreift, schreckt sie davor zurück, an ihr gesellschaftliches Verantwortungsgefühl zu appellieren, sondern inszeniert lieber eine bemüht ironische Superstar-Suche, die unverhohlen auf Ressentiments gegen eben die Menschen baut, die den ganzen grünen Apparat aufrechterhalten.

Der Hintergrund: De facto reproduziert die Frauenquote überkommene bürgerliche Geschlechtermodelle, in denen Männer für die Versorgung von Frauen – und in diesem Fall eben: die Versorgung mit Parteiposten – arbeiten. In der Gehässigkeit gegenüber den männlichen Parteimitgliedern (denen die Kampagne übrigens eben die Machtgelüste unterstellt, auf die sie bei Frauen baut) drückt sich ein grundlegender Widerspruch der Frauenquote aus. Einerseits wird sie begründet mit dem Hinweis auf männliche Machtstrukturen, die Frauen angeblich aus einflussreichen Positionen fernhielten. Andererseits wird die Verantwortung, an diesen Strukturen etwas zu ändern, ausgerechnet an die Männer delegiert. Wie fadenscheinig dies ist, wird schon durch das Gedankenspiel deutlich, klassische linke Organisationen hätten einmal ähnlich zu agieren versucht. Keiner klassischen Arbeiterpartei und keinem Arbeiterbildungsverein wäre es eingefallen, ihren Mitgliedern zu vermitteln, ein Eintreten für die eigenen Interessen sei eigentlich nicht notwendig, weil das ihre Unterdrücker ohnehin schon für sie erledigen würden.

Welchen Sinn hat dann aber die Quote, wenn sie den vorgeblichen Zweck, das Engagement von Frauen zu steigern, so offensichtlich verfehlt? Nach der Leipziger Studie aus dem Jahr 2012 gibt es im deutschen Parteienspektrum zwei Gruppierungen, deren Parteipräferenzen durch erhebliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern geprägt sind: rechtsradikale Gruppierungen, die zu 65 Prozent von Männern bevorzugt, und mit einem noch größeren Unterschied die Grünen, die  zu über 70 Prozent von Frauen präferiert werden. Während die Basis der Partei also zu fast zwei Dritteln aus Männern besteht, wird sie in ihrer potenziellen Wählerschaft zu weit über zwei Dritteln von Frauen bevorzugt. Einfach gesagt: Würden die Grünen nicht in parteiinterne demokratische Prozesse eingreifen, würde sich also das starke zahlenmäßige Übergewicht von Männern im Engagement an der Parteibasis auch in einem Übergewicht bei den Parteiposten ausprägen, dann könnte sich die Partie ihren Wählerinnen – auf die sie baut – nicht mehr erfolgsversprechend verkaufen. So hat die Frauenquote vor allem einen bedeutenden Werbewert: Sie schafft in der öffentlichen Präsentation der Partei die Illusion, Frauen würden mindestens im gleichen Maße wie Männer die Parteiarbeit tragen.

Ein tatsächliches Gleichgewicht aber ließe sich nur auf zwei Weisen erreichen: Entweder dadurch, dass sich immer mehr Männer aus der Politik verabschieden (das aber ist nicht ernsthaft gewollt, auch wenn es manchmal so aussieht), oder dadurch, dass bedeutend mehr Frauen sich engagieren. Statt diesen einfachen Zusammenhang deutlich zu machen, gaukelt die Quote Frauen vor, dass für ihre Interessen auch ohne ihr Engagement gesorgt sei und dass Männer verpflichtet wären, diese Aufgabe zu übernehmen. Das ist gleich in doppelter Weise unverantwortlich: Weil die Quotenpolitik bei eingelullten Frauen wie bei abgeschreckten Männern demokratisches Engagement verhindert  und weil sie überlebte Geschlechterklischees betoniert.

Parteien als Institutionen zur Verhinderung von Demokratie Die Quotenpolitik baut auf ein elitäres Demokratieverständnis – dass nämlich demokratische Prozesse vielleicht ganz schön und gut seien, dass sie aber gezüchtigt werden müssten, um zu gewährleisten, dass auch etwas Gutes bei ihnen herauskommt. Das ist problematisch nicht nur, weil so Parteipositionen auf sehr ungerechte Weise verteilt werden, sondern vor allem deswegen, weil diese Politik insgesamt den demokratischen Austausch in den Parteien verhindert. Auf der einen Seite konkurrieren relativ viele Männer um relativ wenige Posten, so dass unter den gegenwärtigen Bedingungen der deutschen Parteipolitik (unter denen jemand, der sich in irgend einer Weise angreifbar macht, kaum eine Chance hat) ein erheblicher Konformitätsdruck entsteht. Wer etwa offen gegen die Geschlechterpolitik der Partei opponiert, würde seine Chancen auf einen Aufstieg erheblich schmälern. Bei Frauen auf der anderen Seite gibt es auf vielen Ebenen sogar zu wenige Kandidatinnen für die zur Verfügung stehenden Posten, so dass hier eine demokratische Kontrolle weitgehend zurückgeschraubt wird. Es ist angesichts solcher Strukturen fast ausgeschlossen, dass einige kontroverse Themen etwa zur Geschlechterpolitik offen diskutiert werden können – selbst und gerade dann, wenn es um so schwerwiegende Probleme geht wie die Verletzung von Grund- und Menschenrechten durch die Politik der eigenen Partei. Ihrem demokratischen Auftrag, für den sie immerhin erhebliche Summen aus Steuermitteln erhalten, können die Quotenparteien so nicht  gerecht werden.

Ganz im Gegenteil – sie werden regelrecht zu Institutionen der Verhinderung demokratischer Prozesse. Da das Engagement an der Basis zum überwiegenden Teil von Männern getragen wird, da die Quote aber gerade die Möglichkeiten von Männern wesentlich begrenzt, ist die Frauenquote ein Instrument, mit dem sich das Parteiestablishment gegen Impulse und Konkurrenten von der Basis schützen kann. Die Quote ist, wenn sie erst einmal eingeführt ist, eine sich selbst tragende und sich selbst reproduzierende Institution.

Dass das in Kauf zu nehmen sei, weil ja im Gegenzug Frauen gefördert würden, ist zudem ein fragwürdiges Argument. Schließlich verdanken die Quotenfrauen ihren relativ einfachen Zugriff auf einflussreiche Positionen eben gerade dem Missverhältnis, dass einer relativ großen Anzahl von Posten relativ wenige Kandidatinnen zur Verfügung stehen. Sie haben also ein starkes Interesse daran, Frauen eben nicht zu fördern. Möglicherweise sind gerade die Selbstverpflichtungen der rot-grünen Parteien auf feministische Verhärtungen, auf Quotenpolitik und die Ausgrenzung von Männerinteressen Bestandteil einer daraus folgenden Abschottungspolitik – nicht-feministischen Frauen werden in diesen Parteien Hürden aufgebaut, die geeignet sind, sie von einem Parteiengagement abzuhalten.

Ein klassisches Gegenargument gegen den Vorwurf, die Frauenquote sei undemokratisch, verweist darauf, dass durch die Quote demokratische Prozesse ja überhaupt erst ermöglich würden. Wenn es keine „kritische Masse“ von Frauen in der Partei und auf Parteipositionen gäbe, dann würden Frauen so weit marginalisiert, dass sie zu demokratischen Prozessen faktisch nichts beitragen könnten. Daher sei es wichtig, sie eine Weile durch die Quote zu unterstützen. Nach den Erfahrungen der Parteien mit der Quote lässt sich heute sicher sagen, dass dieses Argument irreführend ist. Die Quote ist nicht einfach eine Art politischer Aktivierungsenergie, die für begrenzte Zeit nötig wäre, um Frauen in Positionen der Handlungsfähigkeit zu bugsieren. Wenn die Quote erst einmal eingeführt ist, dann bleibt sie auch – sogar und gerade dann, wenn sie sich als sinnlos oder schädlich erwiesen hat. In der SPD beispielsweise war sie 1988 beim Parteitag in Münster nur unter der Bedingung einer zeitlichen Begrenzung überhaupt eingeführt worden – und diese Begrenzung wurde dann 2003 beim Parteitag in Bochum ohne weitere Diskussionen aufgehoben. Zu den Privilegien der Quotenprivilegierten gehört es eben auch, dass sie durch die Quote auf Machtpositionen geschoben werden, von denen aus sie Bedrohungen ihrer Privilegien abwehren können.

Warum aber haben die rot-grünen Parteien keine Angst davor, dass Männer von einem Engagement und einer Wahl abgeschreckt werden könnten? Anzunehmen, dass Männer schlicht rundweg von der Vernünftigkeit der Quotenpolitik überzeugt seien, ist angesichts der erheblichen Gründe gegen sie kaum zu erwarten. Diese Politk ergibt nur dann einen Sinn, wenn man ihr abermals ein überaus klischeehaftes Verständnis der Geschlechter unterstellt. Offenkundig baut sie darauf, dass Männer von allen möglichen Interessen – sei es das der sozialen Gerechtigkeit, des Umweltschutzes, des Atomausstiegs, des Mindestlohns oder anderes – geleitet seien und dafür die Quoten schlicht in Kauf nähmen, dass zugleich diese Quoten für Frauen aber ein erheblicher Wahlanreiz wären. Das bedeutet: Hinter der Quote steht die stillschweigende Annahme, dass Männer sich durch Gemeininteressen, Frauen sich aber nur durch Fraueninteressen engagieren ließen.

Aggressiv? Wer ist hier aggressiv? Die Frauenquote schafft also in den Parteien Strukturen, die eine demokratische Diskussion verhindern und die bestimmte Themen – und das sind beispielsweise Themen der Männerrechtsbewegung – ausgrenzen. Auch vor diesem Hintergrund lässt sich daher argumentieren, dass Texte wie die vor Gesterkamp für die Ebert-Stiftung oder von Rosenbrock für die Böll-Stiftung eine Auseinandersetzung mit Männerrechten nicht einmal beabsichtigen, sondern dass ihr Zweck vorwiegend darin besteht, dysfunktionale Parteistrukturen durch die Abwehr möglicher Kritik zu stützen. Gerade weil die Frauenquote dirigistisch in demokratische Prozesse eingreift, sind immer weitere dirigistische Eingriffe und Ausgrenzungen nötig, um die so entstehenden Strukturen vor Veränderungen zu schützen.

So zeigt sich denn in der Quotendiskussion aber eben auch, wie defensiv und vorsichtig die gern als aggressiv präsentierten Männerrechtler weiterhin agieren – während Frauenpolitikerinnen auch dann ausgesprochen offensiv, selbstbewusst und mit hoher Bereitschaft zur politischen Intrige operieren, wenn ihre Argumente fadenscheinig sind. Obwohl es eigentlich schon längst um die Abschaffung der Quoten in den politischen Parteien gehen müsste, haben Gegner  und Gegnerinnen  der Quote  heute alle Hände voll damit zu tun, wenigstens zu verhindern, dass nun auch noch Wirtschaftsunternehmen auf die in der Politik gescheiteren Quoten verpflichtet werden.

Frühling 2013, oder: Wie ich einmal Alice Schwarzer kommentieren wollte und dann doch lieber ein Gedicht schrieb

Neulich habe ich ausnahmsweise einmal „Menschen bei Maischberger“ gesehen, weil dort zum Thema „Sexismus-Debatte: Was hat sie gebracht?“  diskutiert wurde. Ich dachte, dass ich vielleicht für dieses Blog einen kleinen Text dazu schreiben kann. Heute wissen wir: Ein anständiger Nachtschlaf wäre besser gewesen – aber das war mir vorher wirklich nicht klar.

Immer wieder ganz interessant jedoch, aber mittlerweile eben auch vorhersehbar ist es, wie Alice Schwarzer gegenüber Männern jovial und werbend agiert, laut lachend noch bei simplen Herrenwitzen (Sandra Maischberger: „Was sagt eine Frau nach dem vierten Orgasmus?“ – Heiner Lauterbach: „Danke, Heiner.“), aber wie sie überaus bissig und herrisch gegenüber einer Frau mit abweichender Meinung (diese Mal in dieser Rolle: Birgit Kelle) auftritt. Man bekommt übrigens den Eindruck, wenn man ganz genau hinschaut,  sie sei selbst darüber froh, dass immer wieder Männer als Sozialpuffer zwischen ihr und anderen Frauen zur Verfügung stehen.

Ein wenig überraschend, aber nicht bleibend interessant war es auch, wie die Aufschrei-Aktivistin Anna-Katharina Meßmer über menschliche Erfahrungen sprach, die ja bekanntlich bei twitter und den 140-Zeichen-Nachrichten ein überaus geeignetes Medium für den sozialen Austausch gefunden haben. Bekannt wurde Meßmer insbesondere durch ihren offenen Brief an den Bundespräsidenten Gauck, in dem sie und andere Frauen sich “erschüttert“ (Originalton) darüber gezeigt hatten, dass Gauck den Tugendfuror der Aufschrei-Debatte gewagt  als „Tugendfuror“ bezeichnet hatte. Es sei von einem Präsidenten und überhaupt, so Meßmer, zu erwarten, dass mit Erfahrungen von Menschen „achtsam“ (Originalton) umgegangen werde. Auf das schöne Wort „achtsam“ (mal nebenbei gefragt: Liegt das nun an mir, oder geht das anderen auch so, das sich bei dem Begriff „Achtsamkeit“ irgendwie die Nackenhaare auf- und ganz leichte, zunächst kaum wahrnehmbare Übelkeitsgefühle einstellen?) kam später auch Schwarzer zurück, als sie erzählte, wie schön sie es fände, dass sich Männer in den USA mittlerweile nicht mal mehr trauen würden, mit einer Frau allein in einen Fahrstuhl zu steigen – dass man angesichts solcherlei Dinge „achtsam“ (Originalton) geworden sei.

„Und dann bin ich verblüfft darüber, dass wir es ernsthaft geschafft haben, innerhalb von, ich glaube, 10 Minuten wieder zu fragen: Aber was ist denn eigentlich mit den Männern?“ Also sprach Meßmer schließlich mit deutlichem Tadel in Richtung Kelle, weil die es doch gewagt hatte, nach etwa zwanzig Minuten Sendung mal darauf hinzuweisen, dass es ja auch Nachteile für Männer geben könne. Auch Jan Fleischhauer wurde  von Meßmer wie Schwarzer getadelt, er würde ablenken, sobald er einmal über die Perspektive von Männern sprach.

Das ist wohl auch der Grund, warum die Debatte so langweilig war – sie erledigte sich schon darin, wie der Begriff „Sexismus“ definiert wurde. Für Schwarzer wie Meßmer war klar, dass „Sexismus“ sich erstens auf sexuelle Anmachen und Übergriffigkeiten beschränke und dass zweitens allein Frauen die Opfer solcher Attacken werden könnten. Väter, die ihre Kinder nicht mehr sehen können? Jungen, die in den Schulen benachteiligt werden? Gesetzliche Regelungen, die Frauen gegenüber Männern bevorzugen? Was, bitteschön, haben denn solche Fragen, die sich unschwer als heimtückische Derailing-Manöver entlarven lassen, in einer Debatte über Sexismus zu suchen?

So verbrachte ich meinen Abend also im Wesentlichen damit, Schwarzer und Meßmer dabei zuzuschauen, wie sie sich verbissen gegen den Gedanken wehrten, dass das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in irgendeiner Weise als reziprok beschrieben werden könnte – gegen die gewagte Idee also, dass von Frauen dasselbe verlangt und erwartet werden kann wie von Männern, und umgekehrt, und dass beide aneinander jeweils dieselben Ansprüche geltend machen können. Warum beide Anti-Sexismus-Kämpferinnen glauben, ausgerechnet in ihrer Haltung drücke sich ein Kampf für „Gleichberechtigung“ aus, ist auf den ersten Blick nicht immer erkennbar, aber irgendwie auch nicht so wichtig. In den gewohnt geschlossenen gedanklichen Systemen Schwarzers und Meßmers wird alles Wesentliche eh schon durch die geeigneten Definitionen erledigt, und Erfahrungen von Menschen spielen dabei eben eine so geringe Rolle, dass Meßmer ohne lachen zu müssen die Twitter-Aufschrei-Kampagne als bedeutenden Austausch sozialer Erfahrung anpreisen konnte. Mehr an Erfahrung, als in eineinhalb Zeilen passt, lenkt eh nur ab und entlarvt sich selbst als Trollerei.

Am nächsten Morgen hatte ich dann eine Abituraufsicht, saß zwei Stunden am Tisch und musste mich ruhig verhalten. So müde war ich, dass ich mir ernsthaft überlegte, ob eigentlich eine Abiturprüfung anfechtbar werden könnte, wenn die Aufsicht einnickt. (Und das alles nur, weil ich mir mit Schwarzer und Meßmer die Nacht um die Ohren gehauen habe, anstatt rechtschaffen zu schlafen.)

Also vertrieb ich mir die Zeit und hielt mich wach, indem ich ein Gedicht schrieb. Zum Glück hat dieses Gedicht nicht das Geringste mit der Diskussion des Vorabends zu tun.

Frühling 2013

Von den mir bekannten Weisen,
einen Frühling einzuläuten,
ist die folgende die beste:

Wir erklären uns freudig und uneingeschränkt solidarisch
mit Schneeglöckchen, Krokus, mit allem, was unbeirrt aufbricht
die Decke aus Kälte und Schnee, die auf allem liegt.

Wir tragen Blue Ribbons an Blusen und Jacken und Mänteln,
befreien vom Eise die Straßen und Köpfe und Seelen.
Wir schicken unseren Frühlingsschrei laut in die Welt.

Wir beschwören die kommende Sonne, wir sehen die Zeichen
und wissen, der Sommer wird groß und beseelt und erlösend.
Wir dulden den Winter nicht mehr in unserer Mitte.

Wir hören nicht auf die leise und lästige Stimme –
Sie flüstert dazwischen, sobald es um Wichtiges geht.
(„Ach, wenn es mir nur gruselte!“)

Sprache als Gesinnungstest

Auf den Text über die „geschlechtergerechte Sprache“, den ich hier vor einigen Tagen veröffentlicht hatte, bin ich noch mehrmals angesprochen worden. Schon in den Kommentaren hier hatte Matthias Mala ja darauf hingewiesen, dass es Universitäten gibt, an denen diese Sprache verbindlich ist. Meine eigene Ex-Universität in Göttingen gehört dazu. Gewiss wird es immer noch im Ermessen von Dozenten liegen, inwieweit sie in Haus-, Examens- und Doktorarbeiten tatsächlich den Gebrauch geschlechtergerechter Sprache einfordern, aber immerhin: Diejenigen, die es tun, können sich mit dem Hinweis die offizielle Uni-Politik legitimieren.

Das sind keine Petitessen. Eine Freundin und Kollegin erzählte mir, dass sie im Studium mehrfach von Dozenten erheblich unter Druck gesetzt wurde, ihre Texte in geschlechtergerechter Sprache (die sie sinnlos fand und findet) zu verfassen, und dass ihr im Referendariat sogar eine Ausbilderin deutlich gemacht hätte, sie würde ihre Abschlussarbeit nicht annehmen, wenn diese nicht in geschlechtergerechter Sprache verfasst sei. Das hätte ihren Abschluss vorerst unmöglich gemacht. In den erheblichen Abhängigkeitsstrukturen des Lehramts-Referendariats sind solche Drohungen noch gravierender als an der Uni, wo Betroffene in vielen Fällen immerhin noch die Möglichkeit haben, sich andere Prüfer zu suchen. Wenn also auf diese Weise Einzelne unter Druck gesetzt werden, wenn ihnen mit schlechteren Noten und möglicherweise gar mit dem Ende ihrer Ausbildung gedroht wird, falls sie ihre Arbeiten nicht in „geschlechtergerechter Sprache“ verfassen – dann muss die wissenschaftliche Fundierung einer solchen Erwartung natürlich sehr strapazierfähig und überzeugend sein.

Nun hatte ich selbst im Hinblick auf zwei Beispiele von Befürwortern der „geschlechtergerechten Sprache“  – linguistische Experimente aus Texten von Anatol Stefanowitsch (Berlin) sowie Dagmar Stahlberg und Sabine Sczesny (Münster) – geschrieben, dass deren Belege in meinen Augen nur für diejenigen überzeugend seien, die schon überzeugt sind. Die Begründung dafür war ich allerdings schuldig geblieben – ich wollte mich in dem Text, der mir eh schon zu lang geraten war, nicht auch noch in spitzfindigen Auseinandersetzungen um empirische Sprachwissenschaft begeben. Da ich das aber nicht ganz zufriedenstellend fand, und da mich die Frage nach einer sauberen Begründung eines „geschlechtergerechten Sprachgebrauchs“ aus den oben skizzierten Gründen weiterhin interessiert, kehre ich noch einmal zu diesen Experimenten zurück. Dieser Text hier ist also, sozusagen, ein P.S. für Menschen mit special interests, nämlich mit Interesse an Diskussionen linguistischer Experimente.

Wie man Sprache und Gebrauchtwagen verkauft Die Diskussionen um eine geschlechtergerechte Sprache beziehen sich meist auf das „generische Maskulinum“ – ein Begriff, der dafür steht, dass ein Wort zwar grammatikalisch männlich sei (Genus), aber sowohl auf Männer wie auf Frauen bezogen werden könne. Wenn überhaupt einmal sachliche Elemente für eine Ablehnung geschlechtergerechter Sprache genannt würden, dann seien dies, so Stefanowitsch: „1. Das ‚generische Maskulinum‘ sei nun einmal weit verbreitet und jeder wisse, dass Frauen hier eingeschlossen seien. Es sei deshalb albern/überflüssig/Teil eines Plans zur feministischen Weltherrschaft, auf sprachlichen Alternativen zu bestehen. 2. Geschlechtsneutrale und geschlechtergerechte Formulierungen seien umständlich und behinderten das Leseverständnis.“
Obwohl Stefanowitsch damit eine Reihe von Argumenten unterschlägt und die übrig gebliebenen  erkennbar nicht ernst nehmen kann, führt er doch einige Untersuchungen an, die in seinen Augen diese Einwände entkräften. Das ist im Hinblick auf den zweiten Punkt überraschender als im Hinblick auf den ersten – denn dass geschlechtergerechte Sprache die Verständlichkeit von Texten einschränke und Formulierungen komplizierter mache, ist an Beispielen wie dem folgenden aus einem Protokoll des Basler Gesundheitsdepartments augenfällig: „Damit wird der/die ‘beratende Arzt/Ärztin’ zum/zur ‘entscheidenden Arzt/Ärztin’. In bestimmten Situationen haben Patient/in und Arzt/Ärztin natürlich keine andere Wahl (zum Beispiel bei einer Notfallbehandlung eines Bewusstlosen). Doch bereits die Entscheidung, ob ein vom Arzt/Ärztin empfohlener Wahleingriff durchgeführt werden soll, will der/die mündige Patient/in in Eigenverantwortlichkeit selbst treffen. Demgegenüber nimmt der/die unmündige Patient/in seine/ihre Eigenverantwortlichkeit nicht wahr, ohne dass er/sie durch zwingende Gründe daran gehindert würde.“ (zitiert nach Artur Brühlmeier, Sprachfeminismus in der Sackgasse) Hätte Stefanowitsch Recht, dann wäre an diesem Text lediglich fraglich, warum Bewusstlose im Basler Gesundheitsdepartment eigentlich immer nur männlich sein können –  unübersichtlich wäre der Text nicht. Stefanowitsch beruft sich auf eine Studie von Friederike Braun et.al., nach der Formulierungen in geschlechtergerechter Sprache – Binnen-I, Beidnennungen – zwar subjektiv schwerer verständlich seien, Forschungen aber belegten, „dass geschlechtergerechte Texte ähnlich erfolgreich verarbeitet werden können wie Texte mit generisch maskulinen Bezeichnungen.“ (Braun et.al., S. 188) Der Eindruck, dass die Texte unverständlicher wären, entstünde allein durch einen unbedachten Gebrauch geschlechtergerechter Sprache.
Das ist so nicht plausibel – schon allein, weil Braun et.al. ihre Thesen an einem denkbar einfachen Text konstruieren, einer medizinischen Packungsbeilage, bei der nach ihren Forschungen eine geschlechtergerechte Version mindestens ebenso verständlich ist wie eine im generischen Maskulinum. Nun drückt aber eine Packungsbeilage für Tabletten eine einfache Relation aus, eine Beziehung eines Menschen zu Gegenständen, die ihrerseits gemeinhin ja nicht geschlechtergerecht bezeichnet werden müssen. Wesentlich schwerer verständlich aber werden nun einmal Texte, in denen verschiedene Gruppen von Menschen zueinander in Beziehung gesetzt werden (wie schon in dem oben zitierten Text, in dem der Autor oder eben auch die Autorin nach erschöpfenden Beidnennungen von Arzt/Ärztin und Patient/in irgendwann erschöpft aufgibt und den Bewusstlosen ganz einfach männlich bewusstlos sein lässt – hier hat schon eine Relation von nur zwei Gruppen die Verständlichkeit erheblich beschädigt). Braun et.al. agieren also wie ein Gebrauchtwagenhändler, der weiß, dass ein von ihm angepriesener Wagen zuverlässig nach wenigen Kilometern Fahrt zusammenbricht und der ihn seinen Kunden daher nur auf ganz kurzen Strecken vorführt.
Auch ein „besserer“ Gebrauch geschlechtergerechter Formulierungen hätte die Situation wohl kaum tatsächlich verbessert. Die wikipedia beruft sich beispielweise auf die ETH Zürich, die einen „kreativen“ Umgang mit geschlechtergerechten Formen empfiehlt, etwa den Gebrauch von Passiv-Formen und von abstrakten statt personenbezogenen Begriffen. Nun gelten dummerweise ausgerechnet der häufige Gebrauch des Passivs, der die Handelnden versteckt, und eine Flucht in abstrakte Formulierungen als schlechter Stil, der Texte unverständlicher und weniger dynamisch macht. Auch andere Möglichkeiten, mit „geschlechtergerechter Sprache“ umzugehen bzw. ihre Zwänge zu umgehen, haben offenkundige Nachteile. Es liegt nahe, sich (wie Braun et.al. das de facto tun) komplexe Zusammenhänge zu vereinfachen, weil nur einfache Strukturen, geschlechtergerecht zubereitet, auch verständlich bleiben. Als Referendar habe ich zudem, wie viele andere, regelmäßige Formulierungen wie „Schülerinnen und Schüler“ schlicht abgekürzt („SuS“) – mit der seltsamen Folge, dass damit gerade die vorgeblichen Hauptpersonen der Schule nur noch in abgekürzter Form auftauchen. Manche Studienseminare reagieren darauf wiederum tatsächlich mit dem Verbot der Abkürzung „SuS“, was natürlich eine putzige Logik ist: Wenn ein Verbot unerwünschte Konsequenzen hat, werden die ganz einfach auch verboten.
Die These lässt sich also nicht halten, dass die geschlechtergerechte Sprache keinen negativen Einfluss auf die Qualität von Texten, ihre Verständlichkeit, Flüssigkeit oder Komplexität habe. Wie aber steht es um Stefanowitschs andere Behauptung – dass es falsch sei, davon auszugehen, das generische Maskulinum würde allgemein Männer wie Frauen repräsentieren?
Warum eigentlich wird Angela Merkel nicht unsichtbar? Eine grundlegende Untersuchung dazu hatten im Jahr 2001 Dagmar Stahlberg und Sabine Sczesny vorgelegt. Sie hatten Versuchspersonen – mal mit dem generischen Maskulinum, mal mit Beidnennungen oder dem Binnen-I – darum gebeten, konkrete Personen zu nennen, die ihnen zu einer bestimmten Frage einfielen. Etwa: „Welcher CDU-Politiker sollte ihrer Meinung nach bei den nächsten Bundestagswahlen für das Amt des Bundeskanzlers kandidieren?“ (S. 135) Sie stellten in drei unterschiedlichen Versuchsreihen und mit unterschiedlichen Vorgaben fest, dass jeweils weniger Frauen genannt wurden, wenn nur die maskuline Form in der Frage verwendet würde. Nach ihrer Meinung könne also der Gebrauch des generischen Maskulinums die Folge haben, „dass Frauen in geringerem Maße einbezogen und repräsentiert werden“ (S. 137) Das mag sein, ist allerdings kein zwingender Schluss.
Einerseits ist offenkundig, dass die Versuche nicht allein den Sprachgebrauch von Menschen zum Gegenstand haben, sondern auch ihr Wissen über außersprachliche Zusammenhänge, etwa über die Politik. Hier gab es (wie übrigens Stahlberg/Sczesny selbst einräumen) im Jahre 2001 ja tatsächlich wenige CDU-Frauen, die sich als Bundeskanzlerin anboten. Nach mehreren Jahren Angela Merkel im Bundeskanzleramt ist sicherlich davon auszugehen, dass die Ergebnisse heute anders wären (wobei ich kurz darauf hinweisen möchte, dass dieser Satz durch die Bezeichnung „Bundeskanzleramt“, statt „Bundeskanzlerinnenamt“, wohl weder unverständlich noch absurd wurde…). Vor allem aber könnten auch die Verteidiger eines generischen Maskulinums mit den Ergebnissen von Stahlberg/Sczesny argumentieren. Das generische Maskulinum bezeichnet in ihren Augen ja schon die Gesamtheit der Menschen. Wenn nun in der sogenannten „Beidnennung“ (die eigentlich aus dieser Perspektive eine zusätzliche Sondernennung der Frauen ist) die Frauen dazu ein zweites Mal, und dieses Mal gesondert bezeichnet werden, dann könnte das von den Versuchspersonen als ein deutlicher Hinweis darauf interpretiert werden, dass doch bitte auch eine Frau in den Antworten erscheinen sollte. Nicht ein angebliches „Unsichtbarmachen“ von Frauen im generischen Maskulinum, sondern ihr gesondertes Hervorheben bei der Beidnennung sei also für die beobachteten Unterschiede verantwortlich. Wörter mit Binnen-I schließlich ließen sich, allein schon wegen der phonologischen Ähnlichkeit, ohnehin als eine quasi-feminine Formen interpretieren.  – Vor diesem Hintergrund sind denn die Ergebnisse von Stahlberg/Sczezny tatsächlich überzeugend nur für diejenigen, die das Konzept des generischen Maskulinums ohnehin schon ablehnen.
Eine Ausnahme aber ist eine vierte Versuchsreihe – hier wurde das Maskulinum nicht nur mit Beidnennungen, sondern auch mit neutralen Formen konfrontiert: Stahlberg/Sczesny fragten nach literarischen Lieblingshelden (maskulin) bzw. Lieblingsfiguren (neutral). Auch bei der neutral formulierten Frage, nicht nur bei den Beidnennungen, seien mehr Frauen genannt worden als in den Fragen mit generischem Maskulinum. Dieser Effekt allerdings lässt sich unschwer auf eine ungünstige (bzw. für Stahlberg/Sczesny allzu günstige) Wortauswahl zurückführen. Bei dem Begriff „Held“ denken viele vermutlich nicht nur an „Protagonisten“, sondern auch an einen „Heros“, eine regelrecht prototypisch männliche Figur. Wenn also mit dem Begriff „Held“ mehr Menschen Männer assoziieren als mit dem Begriff „Figur“, dann ist das kaum zwingend auf das grammatische Geschlecht zurückzuführen.
Ein Experiment von Pascal Gygax et.al  ist in Stefanowischs Augen methodisch ganz besonders solide. „Die Autor/innen dieser Studie überprüften die Interpretation von Maskulina, indem sie Versuchspersonen zunächst einen Satz mit einem (angeblich) „generischen“ Maskulinum, wie den in (1) auf einem Monitor präsentierten: (1) Die Sozialarbeiter liefen durch den Bahnhof. Nachdem die Versuchspersonen einen solchen Satz gelesen hatten, erschien entweder ein Satz wie der in (2) oder einer wie der in (3) (2) Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Frauen keine Jacke. (3) Wegen der schönen Wetterprognose trugen mehrere der Männer keine Jacke. Die Versuchspersonen mussten dann durch drücken einer Taste signalisieren, ob sie den zweiten Satz für eine ‚mögliche Fortsetzung‘ des ersten Satzes hielten oder nicht. Dabei wurde auch die Zeit gemessen, die sie für ihre Antwort benötigten.“
Die Versuchspersonen hätten größere Schwierigkeiten gehabt und längere Zeit gebraucht, die feminine Form als Fortsetzung des ersten Satzes zu interpretieren als die maskuline Form. Die Schlussfolgerung von Gygax und Stefanowitsch: Das „generische Maskulinum“ in Satz (1) benenne Männer deutlich stärker als Frauen.
Auch das ist so nicht zwingend. Hätte die Gruppe allein aus Frauen bestanden, dann wäre sie im Normalfall wohl schon im ersten Satz mit der weiblichen Form, „die Sozialarbeiterinnen“, bezeichnet worden. Das generische Maskulinum lässt sich für geschlechtergemischte Gruppen verwenden – bei Gruppen, die nur aus Frauen bestehen, ist seine Verwendung irritierend. Eben diese von ihnen selbst konstruierte Irritation aber haben Gygax et.al. gemessen. Ein Vergleichsbeispiel: „Es hatte sich gerade von seiner Freundin getrennt. Dann, als er gerade über die Straße ging, sah er sie.“ Es wäre gewiss irritierend, wenn nun folgende Fortsetzung käme: „Sie standen an der Straßenecke und rauchten, drei Jungen.“ Gemeinhin würde das „sie“ im ersten Teil vermutlich als feminine Form interpretiert – dass es tatsächlich auf eine Plural-Form bezogen ist, die zudem nur männliche Wesen bezeichnet, ist so nicht erwartbar. Das nun allerdings beweist keineswegs, das die Form „sie“ als Plural-Form männliche Menschen „unsichtbar mache“ oder ausschlösse – es beweist lediglich, ganz wie Gygax’ Beispiel, dass eine missverständliche Formulierung zu Verständnisschwierigkeiten führen kann. Das ist sprachwissenschaftlich sicherlich eine wichtige, wenn auch möglicherweise nicht rundheraus überraschende Erkenntnis, sie sagt aber nichts über das generische Maskulinum aus.
Für Gott/Göttin und Kaiser_in „Als Lehrer, der in diesem System länger tätig ist, fällt es einem oft gar nicht mehr auf, wie weit man schon davon weg ist, die Kinder im Blick zu haben.“ Diesen Satz habe ich vor Kurzem in einem Buch von einer Frau gelesen, die sich durchaus sichtbar zu machen versteht – einem Text der Lehrerin Sabine Czerny, die mit der Landesschulbehörde Schwierigkeiten bekam, weil ihre Schüler zu gute Ergebnisse hatten. In einem Buch über diese Erfahrungen (Was wir unseren Kindern in der Schule antun…, München 2010, S. 149) formuliert sie diesen Satz, in dem sie sich ganz gewiss auch selbst beschreibt – aber eben nicht nur als Person, sondern in einer allgemeinen Funktion, mit dem Anspruch, dass es anderen (Frauen wie Männern) in dieser Funktion ähnlich ginge wie ihr. Eben das drückt sie mit dem generischen Maskulinum („als Lehrer“) aus.
Wäre Czerny noch im Referendariat oder im Studium, dann hätte sie diesen Satz bei vielen Ausbildern und Professoren nicht schreiben dürfen. Es gebe im Deutschen nach dem Stand der psycholinguistischen Forschung kein generisches Maskulinum, schreibt Stefanowitsch – „Wer das Gegenteil behaupten will, muss sehr gute Belege dafür vorbringen.“ Es ist eben andersherum: Gerade diejenigen, die andere auf eine vorgeblich „geschlechtergerechte Sprache“ verpflichten, müssen Belege dafür liefern, dass das generische Maskulinum – trotz einer Fülle von Gegenbeispielen – Frauen ausschlösse und dass dieser vorgebliche Ausschluss ein faktisches Verbot dieser grammatikalischen Form legitimiert.
Diejenigen, die ihre Grundannahmen teilen (dass es eine allgegenwärtige männliche Herrschaft gäbe, dass diese Herrschaft bis in die grammatikalischen Strukturen hinein auch die Sprache präge, dass diese Strukturen wiederum zur Reproduktion der Herrschaft beitrügen, etc.), finden die Argumente für eine „geschlechtergerechte Sprache“ vermutlich plausibel. Denjenigen aber, die diese Annahmen nicht teilen, wird es womöglich als verstiegen erscheinen, ein so umfassendes Patriarchat zu imaginieren,  dass selbst grammatikalische Formen als Feinde behandelt werden müssen. Die „geschlechtergerechte Sprache“ hat in diesem Sinne weniger mit wissenschaftlichen Nachweisen als mit Glaubensinhalten zu tun.
Nun ist der Glaube sicherlich legitim, dass ein regelmäßiger Gebrauch „geschlechtergerechter“ sprachlicher Formen auch zu einer größeren Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern beitrage. Es ist aber offenkundig illegitim, institutionelle Machtpositionen zu missbrauchen, um anderen, Abhängigen den Rahmen dieser Glaubensstrukturen aufzuzwingen. Unter der Hand werden so Gesinnungsprüfungen etabliert  – die Studenten oder Referendare müssen nachweisen, dass sie des rechten Geistes Kind sind. Damit setzt die Erwartung „geschlechtergerechter Sprache“ Traditionen fort, in denen es früher beispielsweise einmal obligatorisch war, Texte dem zuständigen Fürsten zu widmen oder rituell Gott und den Kaiser zu loben

Seid euch eurer Sache nicht so sicher!

Eigentlich will ich hier zwischendurch ja auch immer mal wieder Gedichte oder kurze erzählerische Texte einstreuen, auch wenn ich in der Hinsicht in letzter Zeit etwas säumig war. Nach meinen Statistiken werden solche Texte seltener gelesen als andere, aber trotzdem ist es mir wichtig, sie dabei zu haben. Allein schon, weil sie auch bei ernsteren Themen etwas Spielerisches haben und so den heiligen Ernst der geschlechterpolitischen oder sonstigen Debatten ein wenig unterbrechen.
Außerdem: Wenn jemand nicht nur männer- und menschenrechtliche Texte, sondern auch noch GEDICHTE schreibt und sogar veröffentlicht, ist das Risiko, sich dabei gegebenenfalls ein wenig lächerlich zu machen, ja doch recht groß. Und ein bisschen Risiko muss nun einmal ab und zu einfach sein.
Zudem hat auch mein Hausphilosoph John Dewey Gedichte geschrieben und veröffentlicht und auch sonst bemerkenswert wenig Angst gehabt, sich lächerlich zu machen. Eine schöne Anekdote über ihn beschreibt, wie er – was selbstverständlich war für einen linksliberalen Philosophen und Pädagogen, nach dessen Überzeugung Demokratie natürlich mit der allgemeinen Möglichkeit der Partizipation verbunden war – wie er also an einer Demonstration für das Frauenwahlrecht teilnahm, sich zerstreut (wie es sich für einen Professor gehört, zumindest in Anekdoten) irgendein Schild nahm, das er auf dem Weg der Demonstration durch die Stadt stolz in die Luft reckte, wie er sich ab und zu auf dem Weg über die amüsierten Blicke anderer wunderte, um dann erst nach dem Ende der Veranstaltung darauf zu achten, welchen Spruch er eigentlich seit Stunden emporgereckt hatte: „Men can vote – why can’t I?“
Heute hat sich diese Frage natürlich längst erledigt, heute bräuchten wir eher einen Satz wie „Women can care for their children – why can’t I?“ (und man wundert sich, warum sich diese Frage nicht auch schon längst erledigt hat). Und wir müssten dann noch eine prominente Frau finden, die diesen Satz durch halb Berlin oder Hamburg trägt…oder überhaupt erst einmal eine entsprechend große Demonstration zu Stande bringen…
Aber ich schweife ab und wollte ja eigentlich nur was zu dem Gedicht sagen, das jetzt gleich kommt. Es ist keine Leseransprache (wirklich nicht, das sag ich nicht nur, um höflich zu sein) – eher eine Art Antwortgedicht auf einen Text wie diesen hier. Ich hatte beim Notieren des Gedichts an einen Jugendlichen gedacht, der etwas zu Erwachsenen sagt – aber es passt sicher auch noch in andere Situationen.
(Jetzt aber genug geredet.)


Seid euch eurer Sache nicht so sicher!
Lasst mich nicht, wenn es Morgen wird, allein zurück.
Wenn ihr mich einschließt, dann verriegelt auch die Fenster!
Es gibt zu viele Wege,
und ihr könnt nicht alle kennen.
Der, der ich gestern war, ist längst verschwunden,
der, der ich heute bin, wird ihm schon morgen folgen.
Auch wenn euch nichts entgeht:
Es ist auch nichts Bedeutendes dabei.

Seid euch eurer Sache nicht so sicher!
Ich habe kein Zuhause, und das ist ein Vorteil.
Dort, wo ich zu Hause bin, seid ihr noch nie gewesen.
Versucht es gar nicht erst, mich zu verstehen.
Was ihr begreifen könnt, hat nichts mit mir zu tun.
Und das, was ihr zu wissen glaubt,
ist ganz allein schon deshalb falsch.

Seid euch eurer Sache nicht so sicher!
Habt ihr nichts anderes zu tun, dann bleibt nicht hier!
Ihr hättet viele Gründe, Angst zu haben,
und ich kenne jeden.
Ihr könnt mir glauben: Ich gehöre nicht dazu.
Es stimmt, ich träume nachts von euch,
und ich erwache schweißgebadet.
Doch niemals, hört Ihr! niemals werdet ihr davon erfahren.
Am nächsten Morgen kann ich wieder lächeln
und mich darüber freuen, dass ihr da seid.

Seid euch eurer Sache nicht so sicher!
Lasst mich nicht einmal für Momente aus den Augen!
Seht ihr nur kurz beiseite,
bin ich fort.

Wie anständige Menschen zu Ungeheuern werden – Thomas Vinterbergs "Die Jagd"


Zu Beginn von Thomas Vinterbergs Film „Die Jagd“, der am 28. März in den Kinos angelaufen ist, springt der vierzigjährige Lucas (Mads Mikkelsen) geistesgegenwärtig in einen eiskalten spätherbstlichen See, um einem Freund zu helfen – unter dem fröhlichen Jubel seiner anderen Freunde und mit Van Morrisons beschwingten „Moondance“ im Hintergrund. Wenige Wochen später ist Lucas isoliert, hat seine Arbeit verloren, seine Ex-Frau verweigert ihm den Kontakt zu seinem Sohn, im Einkaufsladen des kleinen dänischen Ortes, in dem er lebt, erklärt ihn zur unerwünschten Person, sein bester Freund Theo droht, ihm eine Kugel in den Kopf zu schießen, und nur noch der Pate seines Sohnes Bruun und seine Geliebte Nadja (Alexandra Rapaport) halten zu ihm. Er wird zusammengeschlagen, ins Gefängnis geworfen, sein Hund wird vergiftet.

Zwischen beiden Szenen liegt eine Entwicklung, die durch eine Aussage der fünfjährigen Klara (Annika Wedderkopp) ausgelöst wird. Lucas arbeitet in einem Kindergarten, betreut dort auch Klara, die Tochter von Theo und dessen Frau Agnes, und kümmert sich häufig um sie, bringt sie beispielsweise nach Hause, wenn ihre Eltern streiten oder so viel mit sich selbst zu tun haben, dass sie ihre Tochter aus den Augen verlieren. Als Klara ihm beim Spiel im Kindergarten kurz einen Kuss auf den Mund gibt und wenig später ein selbstgemachtes Herz schenkt, hat Lucas den Eindruck, die Situation klären zu müssen – er empfiehlt Klara, das Herz doch lieber einem Jungen zu geben, und sagt ihr außerdem, dass es unpassend wäre, wenn sie ihm auf den Mund küsst. Verletzt erzählt Klara später der Kindergartenleiterin Grethe, dass sie Lucas nicht ausstehen könne, und dass er ihr sein Geschlechtsteil gezeigt habe, das aufrecht gestanden hätte – ein Bild wie dieses hat sie noch von einem pornografischen Foto vor Augen, dass ihr kurz zuvor ein Freund ihres älteren Bruders für wenige Momente gezeigt hatte. Grethe reagiert, schaltet ihren Freund Ole ein, der Klara befragt und empfiehlt, die Polizei und die anderen Eltern zu informieren.


Es ist eine der Grundentscheidungen des Films, dass wir als Zuschauer von Beginn an informiert sind – wir wissen, das Lucas unschuldig ist. Damit sind wir anders als die Personen im Film kein Teil der Dynamik des Verdachts und der Unterstellungen, sondern können uns gleichsam den Mechanismus dieser Entwicklung von außen anschauen. Wie der Film diesen Mechanismus vorführt, ist eindrucksvoll.

Der Mann als Exot und Bedrohung  Eine Bedingung für die massiven Beschuldigungen ist schon Lucas‘ prekäre berufliche Position. Seine Arbeit als Lehrer hat er verloren, als seine Schule schloss, und nun hat er eine Anstellung im Kindergarten gefunden – als einziger männlicher Mitarbeiter. Dass Lucas als männlicher Erzieher also ein Exot ist, macht ihn für den Verdacht anfälliger, weil es ohnehin als erklärungsbedürftig erscheint, warum er – wie ihm auch seine Ex-Frau am Telefon vorhält – als erwachsener Mann mit kleinen Kindern arbeitet. In Dänemark übrigens gelten besonders strenge Regeln des Schutzes von Kindern vor pädophilen Übergriffen – so streng, dass auch dort männliche Mitarbeiter sich der beständigen Möglichkeit von Beschuldigungen ausgesetzt sehen und schon eine Elternvereinigung warnt, die Vorsorge vor Übergriffen dürfe nicht die Fürsorge für die Kinder einschränken (wenn es etwa zur Bedingung gemacht wird, dass auch kleine Kinder ausschließlich allein zur Toilette gehen dürfen). Während also die exotische Position der Männer es erleichtert, sie sexueller Übergriffe zu verdächtigen, trägt zugleich eben diese beständig präsente Möglichkeit des Verdachts dazu bei, dass auch nur wenige Männer in Kindergärten arbeiten.Diese berufliche Position schafft den Hintergrund, vor dem sich die Dynamik des Films entfalten kann – die Logik dieser Dynamik selbst aber wird geprägt durch das Verhältnis der Erwachsenen zu den Aussagen der Kinder. In vielen Rezensionen herrscht Einigkeit darüber, dass Erwachsene allzu bereitwillig der Lüge eines Kindes glauben würden (etwa in der Zeit  und in der FAZ ) – tatsächlich aber geht das am Problem vorbei. „Eine kindliche Täterin, die selbst zum Opfer einer paranoiden Erwachsenenwelt wird“, nennt die Süddeutsche Zeitung die kleine Klara, und auch das ist so nur halb zutreffend. Klara ist keine Täterin, die dann selbst zum Opfer wird. Tatsächlich ist es wohl verständlich, dass die Kindergartenleiterin Grethe von Klaras erster Aussage alarmiert ist und versucht, die Hintergründe zu erfahren. Doch von dieser einen Situation abgesehen, in der Klara durch die Zurückweisung von Lucas verletzt ist, sagt sie durchgängig die Wahrheit und entlastet Lucas sogar mehrmals explizit – nur dass die Erwachsenen diese Wahrheit eben nicht hören wollen und Klara so lange bedrängen, bis sie sexuelle Annäherungen von Lucas bestätigt. Bezeichnend ist die erste, entscheidende Befragung durch Ole, der ein Freund Grethes und wohl ein Anwalt ist. Klara schüttelt ohne zu zögern den Kopf, als er fragt, ob Lucas ihr zu nahe gekommen sei – doch er fragt ungerührt weiter. „War das hier im Kindergarten, als er dir seinen Penis gezeigt hat?“ In der Sprachphilosophie nennt man so etwas eine „Präsupposition“ – ein Satz, der einem anderen Satz logisch zu Grunde liegt und dessen Wahrheit stillschweigend vorausgesetzt wird. Ganz gleich, ob Klara Oles Frage bejaht oder verneint – seine Präsupposition, dass Lucas ihr seinen Penis gezeigt habe, bestätigt sie in jedem Fall. Ihre einzige Chance, sie nicht zu bestätigen, bestünde darin, Oles Frage rundweg zurückzuweisen – dass aber ein fünfjähriges Mädchen solche logischen Zusammenhänge durchschauen und adäquat auf sie reagieren kann, ist unwahrscheinlich. Gleichwohl dauert es noch eine Weile, bis Klara, wiederholt von Ole dazu gedrängt, schließlich nickt.

Agnes, Klaras Mutter, verhält sich ähnlich wie Ole. Im Gespräch sagt ihr Klara ausdrücklich, dass Lucas nichts getan und sie schlicht etwas Dummes gesagt habe. Das könnte und müsste für Agnes eigentlich ein Grund sein, Lucas zu entlasten: Sie aber geht fest davon aus, dass er ihrer Tochter etwas getan habe, und schiebt Klaras Äußerungen auf die Verwirrung, die Lucas‘ vermeintliche Tat in ihr ausgelöst habe – ein in sich geschlossenes System der Beschuldigung, das noch eine explizite Entlastung des Beschuldigten als weiteres Indiz seiner Schuld wertet. Das Problem ist eben nicht, dass die Erwachsenen die Äußerungen eines Kindes naiv glauben würden, sondern dass sie dem Kind nur das glauben, was sie glauben wollen – oder was sie befürchten. Die Eltern im Kindergarten untersuchen ihre eigenen Kinder auf „Symptome“ sexueller Übergriffe durch Lucas, Kopfschmerzen und Alpträume, und natürlich finden sie solche Symptome auch, ohne dass sie noch bemerken würden, das gelegentliche Kopfschmerzen und Alpträume für Kinder vollkommen normal sind.

Vinterberg hat seinen Film auf den Aufzeichnungen eines Psychologen basiert, die Geschichte hat also reale Hintergründe. Auch im deutschen Kontext sind solche Hintergründe noch präsent – die Dynamik des Films erinnert unter anderem, und besonders, an den „Montessori-Prozess“. Dort war Anfang der Neunziger Jahre der Erzieher Rainer Möllers in Münster angeklagt, in einem Montessori-Kindergarten über Monate hinweg Kinder in sadistischen Sex-Orgien gequält zu haben.

Kindergarten, Kot und Folter Gerhard Mauz und Gisela Friedrichsen, die für den Spiegel – als eine der wenigen Ausnahmen in der deutschen Presse: kritisch – über den Prozess gegen Möller berichteten, skizzierten die Vorwürfe gegen ihn so: „Penisse wurden nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft mit Nutella, Erdbeermarmelade, Zahnpasta, Kot und Sperma bestrichen oder mit Bonbons belegt und abgeleckt. Es wurde auf Teller und Köpfe gekotet, in Becher, Münder, Scheiden uriniert. Möllers‘ Penis mußte einmal mit Wasserfarbe bemalt werden. An anderen Tagen ejakulierte der Erzieher Kindern ins Gesicht, urinierte und kotete vor den Kindern auf Matten, zwang sie, sein Sperma zu schlucken, steckte spitze Stifte in die Scheide, bis sie stark blutete, bestrich seinen oder der Kinder Kot mit Ketchup, zwang Kinder, seine Exkremente aus der Toilettenschüssel zu essen. Er würgte angeblich Kinder, schlug ihre Köpfe auf den Betonboden, riß an Penissen, ließ sich am Penis und am After lecken. Und so fort.“ (Ein weiterer Text von Friedrichsen und Mauz dazu hier) Im Rückblick ist es kaum zu verstehen, warum weder der Staatsanwaltschaft noch der Polizei noch dem Gericht gleich aufgefallen ist, dass die Vorwürfe gegen Möllers, von denen hier nur ein Teil skizziert ist und die sich schließlich noch auf viele weitere Personen ausdehnten, schlicht nicht stimmen konnten – schließlich hätte er seine Taten in einem hellen, zugänglichen öffentlichen Gebäude begehen müssen, über Monate hinweg, ohne dass jemandem etwas aufgefallen war.

Ein Hintergrund für diese irrwitzige Entwicklung, die erst nach 26 Monaten Untersuchungshaft zu einem Freispruch für Möllers führte, ist die Befragungstechnik der beteiligten Mitarbeiterinnen von „Zartbitter“, einer Einrichtung zur Hilfe von Missbrauchsopfern, und der große Eifer der zuständigen Staatsanwaltschaft, Gründe zum Zweifel an der Anklage zu ignorieren. Hintergrund der Befragung wiederum war eine Technik zum vermeintlichen „Aufdecken“ sexuellen Missbrauchs, in der Zartbitter-Mitarbeiterinnen in kurzen Kursen von dem Direktor Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Münster, Tilman Fürniss, geschult waren. Tamara Duwe beschreibt Fürniss‘ Methode später so: „Er empfahl die Fragestellung: ‚Was könnte der Rainer gemacht haben?‘ und begann später damit, Kinder und Eltern zu therapieren – mit einer von ihm selbst entwickelten Methode, die er Traumaarbeit nennt. Dabei galt es, seitens des Therapeuten, für die Kinder eine ‚explizit sexuelle Sprache zur Benennung der Mißhandlungsfakten zu finden … die Fakten der sexuellen Mißhandlung zu verbalisieren und damit die sexuelle Mißhandlung als Fakt zu etablieren und zu konstruieren‘“  Das bedeutet: Stillschweigend wird in der Befragung der sexuelle Übergriff schon vorausgesetzt, die Befragerinnen gingen jedoch davon aus, dass die Kinder entweder durch den Täter unter Druck gesetzt und zum Schweigen verpflichtet waren oder nicht die Sprache hatten, um auszudrücken, was geschehen sei. Eben diese Sprache wurde ihnen dann in der Befragung „gefunden“: Viele Annahmen, die schlicht kaschieren, dass den Kindern in manipulativen Gesprächen etwas eingeredet wurde.

Die Parallelen zum Film sind unverkennbar, allerdings ist der wirkliche Fall wesentlich extremer: Möglicherweise ist die Wahrheit ganz einfach so unwahrscheinlich, dass sie in einer fiktiven Geschichte unglaubwürdig gewesen wäre. Im Rückblick auf den Montessori-Prozess stellt sich insbesondere die Frage, wie denn eigentlich die extremen Phantasien von sadistischen, mit Kot und Foltergeräten regelmäßig durchgeführten sexuellen Praktiken der Erwachsenen mit den Kindern entstanden sind. Sie hatten keinerlei reale Grundlage, es ist aber auch völlig unwahrscheinlich, dass sie den Phantasien der Kinder entstammen würden, denen die Erwachsenen dann schlicht allzu bereitwillig geglaubt hätten. Übrig bleibt allein die Möglichkeit, dass sie auf Phantasien der manipulativ befragenden Erwachsenen beruhen. Auch diese Antwort ist natürlich sehr beunruhigend – sie bedeutet nämlich, dass hier Erwachsene die (und oft: ihre) Kinder über Monate hinweg und immer wieder mit ihren eigenen, erwachsenen Phantasien von radikal gewalttätiger Sexualität konfrontierten und den Kindern suggerierten, sie hätten diese Geschehnisse tatsächlich erlebt. In diesem Sinne ist die Fürniss-Methode keine Methode zur Aufdeckung sexuellen Missbrauchs, sondern sie ist eine Methode des sexuellen Missbrauchs selbst.

Dass im Film das Extreme der Phantasien gedämpfter ist als in der (deutschen) Wirklichkeit, ermöglicht auch einen ruhigeren Blick auf die Zusammenhänge. Problematisch ist nicht, dass Erwachsene Kindern alles glauben – sondern dass sie ihren eigenen Anteil an den Aussagen der Kinder nicht wahrnehmen. Problematisch ist auch, dass sie ihre eigene Gewalt nicht mehr als Gewalt erkennen – im Gefühl, sich als anständiger Mensch zu verhalten, schlägt beispielsweise ein Schlachter Lucas zusammen, nur weil der darauf besteht, trotz seiner gesellschaftlichen Ächtung zwei Koteletts zu kaufen.

Wie aber ist es möglich, dass erwachsene Menschen in solchem Maße den Blick für ihr eigenes Verhalten verlieren?

Wie Menschen zu Ungeheuern werden In der Theorie des amerikanischen Sozialphilosophen George Herbert Mead, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts an der Universität von Chicago lehrte, spielt der „Blick der anderen“ eine zentrale Rolle. Über uns selbst reflektieren, uns selbst bewusst wahrnehmen könnten wir nur, so Mead, über einen Umweg – indem wir wahrnehmen, wie wir von anderen wahrgenommen werden. Nur wer den Blick der anderen auf sich selbst nachvollzieht, könne sich auch selbst sehen.

Die zivilen Strukturen aber, deren Bedingungen Mead in seinem Werk zu beschreiben versucht, sind in Vinterbergs Film tief gestört. Ein Leitmotiv ist die Verweigerung von Gesprächen. Agnes schreit Lucas, der eigentlich einmal ein Freund war und der sich nun rechtfertigen möchte, erregt an und vermeidet dabei sogar die direkte Anrede: „Hier wird nicht diskutiert!“ Grethe flieht regelrecht vor Lucas in den Garten, als er von ihr wissen will, was ihm eigentlich vorgeworfen werde. Der hünenhafte Johann wirft ihn aus dem Kindergarten heraus, ebenfalls ohne Erklärungen. Von der Polizei erfährt er nichts, trotz vielfacher Nachfragen. Seine Ex-Frau verweigert ihm wortlos den Kontakt zu seinem fünfzehnjährigen Sohn (bis dieser sich aufmacht und eines Tages bei Lucas vor der Tür steht). Die Spaltung zwischen der empörten Menge und dem Einzelnen, Lucas, ist so tief und massiv, dass Lucas schließlich die Anwesenheit vermittelnder Figuren nicht mehr erträgt und sich in die Einsamkeit zurückzieht – er weist seine Geliebte Nadja aus dem Haus, die nur kurz an ihm gezweifelt hatte, und distanziert sich von seinem letzten Freund Bruun, der ihm alle ihm mögliche Hilfe gibt.

Lucas ist nur noch Objekt des uniformierten Blicks der anderen, als Kinderschänder, als Ungeheuer. Ihre Perspektive ist absolut geworden, wird durch nichts mehr gebrochen, seine Perspektive auf die sie hingegen ist belanglos. So gibt es für sie eben auch kein Anlass mehr, ihre Sicht in Frage zu stellen und das Ungeheure ihres eigenen Handelns wahrzunehmen. In einer Schlüsselszene des Films geht Lucas dann am Heiligabend in die Kirche und setzt sich dort den Blicken der ganzen Gemeinde aus – aber er sieht auch jemand anderen an, und das demonstrativ: seinen ehemaligen Freund Theo. Er erzwingt von Theo, schließlich auch gewaltsam, seinem Blick zu begegnen – nicht nur ihn zu sehen, sondern auch zu sehen, wie Lucas ihn, Theo, sieht. Als hätte Vinterberg Mead gelesen, gerät Theos starre Position in eben dieser Szene ins Wanken.

Lucas erzwingt es hier, wieder als eigenständiger Mensch wahrgenommen zu werden und nicht nur als Objekt der Projektionen anderer. Im Interview  beschreibt ihn Vinterberg als „modernen skandinavischen Mann“, der warm und freundlich sei, der so handle, wie andere es von ihm erwarten würden, der in gewisser Weise kastriert sein („castrated in a way“) und der sich zu einem Mann, der in Konflikten seine Würde bewahrt, erst entwickeln müsse. Lucas bedankt sich beispielsweise zu Beginn des Films im Telefongespräch mit seiner Ex-Frau fast unterwürfig für die Gelegenheit, zur Möglichkeit des Umgangs mit seinem Sohn auch etwas sagen zu dürfen.

Von dort bis zu der Szene in der Kirche geht er tatsächlich einen weiten Weg.