Wie anständige Menschen zu Ungeheuern werden – Thomas Vinterbergs „“


Zu Beginn von Thomas Vinterbergs Film „Die Jagd“, der am 28. März in den Kinos angelaufen ist, springt der vierzigjährige Lucas (Mads Mikkelsen) geistesgegenwärtig in einen eiskalten spätherbstlichen See, um einem Freund zu helfen – unter dem fröhlichen Jubel seiner anderen Freunde und mit Van Morrisons beschwingten „Moondance“ im Hintergrund. Wenige Wochen später ist Lucas isoliert, hat seine Arbeit verloren, seine Ex-Frau verweigert ihm den Kontakt zu seinem Sohn, im Einkaufsladen des kleinen dänischen Ortes, in dem er lebt, erklärt ihn zur unerwünschten Person, sein bester Freund Theo droht, ihm eine Kugel in den Kopf zu schießen, und nur noch der Pate seines Sohnes Bruun und seine Geliebte Nadja (Alexandra Rapaport) halten zu ihm. Er wird zusammengeschlagen, ins Gefängnis geworfen, sein Hund wird vergiftet.

Zwischen beiden Szenen liegt eine Entwicklung, die durch eine Aussage der fünfjährigen Klara (Annika Wedderkopp) ausgelöst wird. Lucas arbeitet in einem Kindergarten, betreut dort auch Klara, die Tochter von Theo und dessen Frau Agnes, und kümmert sich häufig um sie, bringt sie beispielsweise nach Hause, wenn ihre Eltern streiten oder so viel mit sich selbst zu tun haben, dass sie ihre Tochter aus den Augen verlieren. Als Klara ihm beim Spiel im Kindergarten kurz einen Kuss auf den Mund gibt und wenig später ein selbstgemachtes Herz schenkt, hat Lucas den Eindruck, die Situation klären zu müssen – er empfiehlt Klara, das Herz doch lieber einem Jungen zu geben, und sagt ihr außerdem, dass es unpassend wäre, wenn sie ihm auf den Mund küsst. Verletzt erzählt Klara später der Kindergartenleiterin Grethe, dass sie Lucas nicht ausstehen könne, und dass er ihr sein Geschlechtsteil gezeigt habe, das aufrecht gestanden hätte – ein Bild wie dieses hat sie noch von einem pornografischen Foto vor Augen, dass ihr kurz zuvor ein Freund ihres älteren Bruders für wenige Momente gezeigt hatte. Grethe reagiert, schaltet ihren Freund Ole ein, der Klara befragt und empfiehlt, die Polizei und die anderen Eltern zu informieren.


Es ist eine der Grundentscheidungen des Films, dass wir als Zuschauer von Beginn an informiert sind – wir wissen, das Lucas unschuldig ist. Damit sind wir anders als die Personen im Film kein Teil der Dynamik des Verdachts und der Unterstellungen, sondern können uns gleichsam den Mechanismus dieser Entwicklung von außen anschauen. Wie der Film diesen Mechanismus vorführt, ist eindrucksvoll.

Der Mann als Exot und Bedrohung  Eine Bedingung für die massiven Beschuldigungen ist schon Lucas‘ prekäre berufliche Position. Seine Arbeit als Lehrer hat er verloren, als seine Schule schloss, und nun hat er eine Anstellung im Kindergarten gefunden – als einziger männlicher Mitarbeiter. Dass Lucas als männlicher Erzieher also ein Exot ist, macht ihn für den Verdacht anfälliger, weil es ohnehin als erklärungsbedürftig erscheint, warum er – wie ihm auch seine Ex-Frau am Telefon vorhält – als erwachsener Mann mit kleinen Kindern arbeitet. In Dänemark übrigens gelten besonders strenge Regeln des Schutzes von Kindern vor pädophilen Übergriffen – so streng, dass auch dort männliche Mitarbeiter sich der beständigen Möglichkeit von Beschuldigungen ausgesetzt sehen und schon eine Elternvereinigung warnt, die Vorsorge vor Übergriffen dürfe nicht die Fürsorge für die Kinder einschränken (wenn es etwa zur Bedingung gemacht wird, dass auch kleine Kinder ausschließlich allein zur Toilette gehen dürfen). Während also die exotische Position der Männer es erleichtert, sie sexueller Übergriffe zu verdächtigen, trägt zugleich eben diese beständig präsente Möglichkeit des Verdachts dazu bei, dass auch nur wenige Männer in Kindergärten arbeiten.Diese berufliche Position schafft den Hintergrund, vor dem sich die Dynamik des Films entfalten kann – die Logik dieser Dynamik selbst aber wird geprägt durch das Verhältnis der Erwachsenen zu den Aussagen der Kinder. In vielen Rezensionen herrscht Einigkeit darüber, dass Erwachsene allzu bereitwillig der Lüge eines Kindes glauben würden (etwa in der Zeit  und in der FAZ ) – tatsächlich aber geht das am Problem vorbei. „Eine kindliche Täterin, die selbst zum Opfer einer paranoiden Erwachsenenwelt wird“, nennt die Süddeutsche Zeitung die kleine Klara, und auch das ist so nur halb zutreffend. Klara ist keine Täterin, die dann selbst zum Opfer wird. Tatsächlich ist es wohl verständlich, dass die Kindergartenleiterin Grethe von Klaras erster Aussage alarmiert ist und versucht, die Hintergründe zu erfahren. Doch von dieser einen Situation abgesehen, in der Klara durch die Zurückweisung von Lucas verletzt ist, sagt sie durchgängig die Wahrheit und entlastet Lucas sogar mehrmals explizit – nur dass die Erwachsenen diese Wahrheit eben nicht hören wollen und Klara so lange bedrängen, bis sie sexuelle Annäherungen von Lucas bestätigt. Bezeichnend ist die erste, entscheidende Befragung durch Ole, der ein Freund Grethes und wohl ein Anwalt ist. Klara schüttelt ohne zu zögern den Kopf, als er fragt, ob Lucas ihr zu nahe gekommen sei – doch er fragt ungerührt weiter. „War das hier im Kindergarten, als er dir seinen Penis gezeigt hat?“ In der Sprachphilosophie nennt man so etwas eine „Präsupposition“ – ein Satz, der einem anderen Satz logisch zu Grunde liegt und dessen Wahrheit stillschweigend vorausgesetzt wird. Ganz gleich, ob Klara Oles Frage bejaht oder verneint – seine Präsupposition, dass Lucas ihr seinen Penis gezeigt habe, bestätigt sie in jedem Fall. Ihre einzige Chance, sie nicht zu bestätigen, bestünde darin, Oles Frage rundweg zurückzuweisen – dass aber ein fünfjähriges Mädchen solche logischen Zusammenhänge durchschauen und adäquat auf sie reagieren kann, ist unwahrscheinlich. Gleichwohl dauert es noch eine Weile, bis Klara, wiederholt von Ole dazu gedrängt, schließlich nickt.Agnes, Klaras Mutter, verhält sich ähnlich wie Ole. Im Gespräch sagt ihr Klara ausdrücklich, dass Lucas nichts getan und sie schlicht etwas Dummes gesagt habe. Das könnte und müsste für Agnes eigentlich ein Grund sein, Lucas zu entlasten: Sie aber geht fest davon aus, dass er ihrer Tochter etwas getan habe, und schiebt Klaras Äußerungen auf die Verwirrung, die Lucas‘ vermeintliche Tat in ihr ausgelöst habe – ein in sich geschlossenes System der Beschuldigung, das noch eine explizite Entlastung des Beschuldigten als weiteres Indiz seiner Schuld wertet. Das Problem ist eben nicht, dass die Erwachsenen die Äußerungen eines Kindes naiv glauben würden, sondern dass sie dem Kind nur das glauben, was sie glauben wollen – oder was sie befürchten. Die Eltern im Kindergarten untersuchen ihre eigenen Kinder auf „Symptome“ sexueller Übergriffe durch Lucas, Kopfschmerzen und Alpträume, und natürlich finden sie solche Symptome auch, ohne dass sie noch bemerken würden, das gelegentliche Kopfschmerzen und Alpträume für Kinder vollkommen normal sind.

Vinterberg hat seinen Film auf den Aufzeichnungen eines Psychologen basiert, die Geschichte hat also reale Hintergründe. Auch im deutschen Kontext sind solche Hintergründe noch präsent – die Dynamik des Films erinnert unter anderem, und besonders, an den „Montessori-Prozess“. Dort war Anfang der Neunziger Jahre der Erzieher Rainer Möllers in Münster angeklagt, in einem Montessori-Kindergarten über Monate hinweg Kinder in sadistischen Sex-Orgien gequält zu haben.

Kindergarten, Kot und Folter Gerhard Mauz und Gisela Friedrichsen, die für den Spiegel – als eine der wenigen Ausnahmen in der deutschen Presse: kritisch – über den Prozess gegen Möller berichteten, skizzierten die Vorwürfe gegen ihn so: „Penisse wurden nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft mit Nutella, Erdbeermarmelade, Zahnpasta, Kot und Sperma bestrichen oder mit Bonbons belegt und abgeleckt. Es wurde auf Teller und Köpfe gekotet, in Becher, Münder, Scheiden uriniert. Möllers‘ Penis mußte einmal mit Wasserfarbe bemalt werden. An anderen Tagen ejakulierte der Erzieher Kindern ins Gesicht, urinierte und kotete vor den Kindern auf Matten, zwang sie, sein Sperma zu schlucken, steckte spitze Stifte in die Scheide, bis sie stark blutete, bestrich seinen oder der Kinder Kot mit Ketchup, zwang Kinder, seine Exkremente aus der Toilettenschüssel zu essen. Er würgte angeblich Kinder, schlug ihre Köpfe auf den Betonboden, riß an Penissen, ließ sich am Penis und am After lecken. Und so fort.“ (Ein weiterer Text von Friedrichsen und Mauz dazu hier) Im Rückblick ist es kaum zu verstehen, warum weder der Staatsanwaltschaft noch der Polizei noch dem Gericht gleich aufgefallen ist, dass die Vorwürfe gegen Möllers, von denen hier nur ein Teil skizziert ist und die sich schließlich noch auf viele weitere Personen ausdehnten, schlicht nicht stimmen konnten – schließlich hätte er seine Taten in einem hellen, zugänglichen öffentlichen Gebäude begehen müssen, über Monate hinweg, ohne dass jemandem etwas aufgefallen war.

Ein Hintergrund für diese irrwitzige Entwicklung, die erst nach 26 Monaten Untersuchungshaft zu einem Freispruch für Möllers führte, ist die Befragungstechnik der beteiligten Mitarbeiterinnen von „Zartbitter“, einer Einrichtung zur Hilfe von Missbrauchsopfern, und der große Eifer der zuständigen Staatsanwaltschaft, Gründe zum Zweifel an der Anklage zu ignorieren. Hintergrund der Befragung wiederum war eine Technik zum vermeintlichen „Aufdecken“ sexuellen Missbrauchs, in der Zartbitter-Mitarbeiterinnen in kurzen Kursen von dem Direktor Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Universität Münster, Tilman Fürniss, geschult waren. Tamara Duwe beschreibt Fürniss‘ Methode später so: „Er empfahl die Fragestellung: ‚Was könnte der Rainer gemacht haben?‘ und begann später damit, Kinder und Eltern zu therapieren – mit einer von ihm selbst entwickelten Methode, die er Traumaarbeit nennt. Dabei galt es, seitens des Therapeuten, für die Kinder eine ‚explizit sexuelle Sprache zur Benennung der Mißhandlungsfakten zu finden … die Fakten der sexuellen Mißhandlung zu verbalisieren und damit die sexuelle Mißhandlung als Fakt zu etablieren und zu konstruieren‘“  Das bedeutet: Stillschweigend wird in der Befragung der sexuelle Übergriff schon vorausgesetzt, die Befragerinnen gingen jedoch davon aus, dass die Kinder entweder durch den Täter unter Druck gesetzt und zum Schweigen verpflichtet waren oder nicht die Sprache hatten, um auszudrücken, was geschehen sei. Eben diese Sprache wurde ihnen dann in der Befragung „gefunden“: Viele Annahmen, die schlicht kaschieren, dass den Kindern in manipulativen Gesprächen etwas eingeredet wurde.

Die Parallelen zum Film sind unverkennbar, allerdings ist der wirkliche Fall wesentlich extremer: Möglicherweise ist die Wahrheit ganz einfach so unwahrscheinlich, dass sie in einer fiktiven Geschichte unglaubwürdig gewesen wäre. Im Rückblick auf den Montessori-Prozess stellt sich insbesondere die Frage, wie denn eigentlich die extremen Phantasien von sadistischen, mit Kot und Foltergeräten regelmäßig durchgeführten sexuellen Praktiken der Erwachsenen mit den Kindern entstanden sind. Sie hatten keinerlei reale Grundlage, es ist aber auch völlig unwahrscheinlich, dass sie den Phantasien der Kinder entstammen würden, denen die Erwachsenen dann schlicht allzu bereitwillig geglaubt hätten. Übrig bleibt allein die Möglichkeit, dass sie auf Phantasien der manipulativ befragenden Erwachsenen beruhen. Auch diese Antwort ist natürlich sehr beunruhigend – sie bedeutet nämlich, dass hier Erwachsene die (und oft: ihre) Kinder über Monate hinweg und immer wieder mit ihren eigenen, erwachsenen Phantasien von radikal gewalttätiger Sexualität konfrontierten und den Kindern suggerierten, sie hätten diese Geschehnisse tatsächlich erlebt. In diesem Sinne ist die Fürniss-Methode keine Methode zur Aufdeckung sexuellen Missbrauchs, sondern sie ist eine Methode des sexuellen Missbrauchs selbst.

Dass im Film das Extreme der Phantasien gedämpfter ist als in der (deutschen) Wirklichkeit, ermöglicht auch einen ruhigeren Blick auf die Zusammenhänge. Problematisch ist nicht, dass Erwachsene Kindern alles glauben – sondern dass sie ihren eigenen Anteil an den Aussagen der Kinder nicht wahrnehmen. Problematisch ist auch, dass sie ihre eigene Gewalt nicht mehr als Gewalt erkennen – im Gefühl, sich als anständiger Mensch zu verhalten, schlägt beispielsweise ein Schlachter Lucas zusammen, nur weil der darauf besteht, trotz seiner gesellschaftlichen Ächtung zwei Koteletts zu kaufen.

Wie aber ist es möglich, dass erwachsene Menschen in solchem Maße den Blick für ihr eigenes Verhalten verlieren?

Wie Menschen zu Ungeheuern werden In der Theorie des amerikanischen Sozialphilosophen George Herbert Mead, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts an der Universität von Chicago lehrte, spielt der „Blick der anderen“ eine zentrale Rolle. Über uns selbst reflektieren, uns selbst bewusst wahrnehmen könnten wir nur, so Mead, über einen Umweg – indem wir wahrnehmen, wie wir von anderen wahrgenommen werden. Nur wer den Blick der anderen auf sich selbst nachvollzieht, könne sich auch selbst sehen.

Die zivilen Strukturen aber, deren Bedingungen Mead in seinem Werk zu beschreiben versucht, sind in Vinterbergs Film tief gestört. Ein Leitmotiv ist die Verweigerung von Gesprächen. Agnes schreit Lucas, der eigentlich einmal ein Freund war und der sich nun rechtfertigen möchte, erregt an und vermeidet dabei sogar die direkte Anrede: „Hier wird nicht diskutiert!“ Grethe flieht regelrecht vor Lucas in den Garten, als er von ihr wissen will, was ihm eigentlich vorgeworfen werde. Der hünenhafte Johann wirft ihn aus dem Kindergarten heraus, ebenfalls ohne Erklärungen. Von der Polizei erfährt er nichts, trotz vielfacher Nachfragen. Seine Ex-Frau verweigert ihm wortlos den Kontakt zu seinem fünfzehnjährigen Sohn (bis dieser sich aufmacht und eines Tages bei Lucas vor der Tür steht). Die Spaltung zwischen der empörten Menge und dem Einzelnen, Lucas, ist so tief und massiv, dass Lucas schließlich die Anwesenheit vermittelnder Figuren nicht mehr erträgt und sich in die Einsamkeit zurückzieht – er weist seine Geliebte Nadja aus dem Haus, die nur kurz an ihm gezweifelt hatte, und distanziert sich von seinem letzten Freund Bruun, der ihm alle ihm mögliche Hilfe gibt.

Lucas ist nur noch Objekt des uniformierten Blicks der anderen, als Kinderschänder, als Ungeheuer. Ihre Perspektive ist absolut geworden, wird durch nichts mehr gebrochen, seine Perspektive auf die sie hingegen ist belanglos. So gibt es für sie eben auch kein Anlass mehr, ihre Sicht in Frage zu stellen und das Ungeheure ihres eigenen Handelns wahrzunehmen. In einer Schlüsselszene des Films geht Lucas dann am Heiligabend in die Kirche und setzt sich dort den Blicken der ganzen Gemeinde aus – aber er sieht auch jemand anderen an, und das demonstrativ: seinen ehemaligen Freund Theo. Er erzwingt von Theo, schließlich auch gewaltsam, seinem Blick zu begegnen – nicht nur ihn zu sehen, sondern auch zu sehen, wie Lucas ihn, Theo, sieht. Als hätte Vinterberg Mead gelesen, gerät Theos starre Position in eben dieser Szene ins Wanken.

Lucas erzwingt es hier, wieder als eigenständiger Mensch wahrgenommen zu werden und nicht nur als Objekt der Projektionen anderer. Im Interview  beschreibt ihn Vinterberg als „modernen skandinavischen Mann“, der warm und freundlich sei, der so handle, wie andere es von ihm erwarten würden, der in gewisser Weise kastriert sein („castrated in a way“) und der sich zu einem Mann, der in Konflikten seine Würde bewahrt, erst entwickeln müsse. Lucas bedankt sich beispielsweise zu Beginn des Films im Telefongespräch mit seiner Ex-Frau fast unterwürfig für die Gelegenheit, zur Möglichkeit des Umgangs mit seinem Sohn auch etwas sagen zu dürfen.

Von dort bis zu der Szene in der Kirche geht er tatsächlich einen weiten Weg.

  1. Danke für diese hervorragende Filmkritik und Reflexion des Themas.

    Ich werde mir den Film anschauen und mit einigen Ihrer Gedanken sicher noch einige Zeit verbringen.

    Herzliche Grüße
    Rainer

    Antwort

  2. Ich weiss nicht ob Du des franz. mächtig bist, aber hier mal ein Buch aus Frankreich zum gleichen Thema… Auch hier gab es, wie in Deutschland die Montesori und ähnlich gelagerten Fälle den Prozess von Outreaut. Und den Fall eines Vaters der sich weh getan hat…
    http://www.lien-social.com/spip.php?article114

    Er verletzt sich im Bad, die Tochter geht zum Kindergarten und sagt, Papa hat weh gemacht. Auf die Frage wo, zeigt die Tochter in ihre Lendengegend, eben da, wo der Vater sich am morgen verletzt hat… Papa a fait mal…

    Danke für die tolle Kritik, ich denke ich werde mir den Film ansehen.

    Antwort

  3. Vielen Dank für die ausgezeichnete Kritik, und für die sehr gut recherchierten Hintergrundinformationen.

    Die Fantasien der Befrager selbst als Kinderpornografie und als sexueller Mißbrauch – so habe ich das noch gar nicht betrachtet. Zumal die Kinder das alles irgendwann selber glauben, teils wohl bis heute. (->Spatzennest)

    Gut, dass man offenbar langsam anfängt, dieses sehr dunkle Kapitel aufzuarbeiten. Es ist sehr schwer zu fassen, was damals los gewesen sein muss, wie schnell eine hoch gebildete Gesellschaft sich fast heute noch zu solchem Irrsinn hinreißen lassen kann.

    Bei der Hexenverfolgung gibt es ja die kleine Eiszeit als Erklärung, aber was war es dann in den 1990ern? Nachwirkung des kalten Krieges?

    Oder bedarf es etwa gar keiner solchen außergewöhnlichen Situation?

    Beängstigend.

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  4. Vielen Dank auch von mir für diese weite Verbreitung verdienende Rezension.
    Alice Schwarzer und ihr misandrisches Jagdgeschwader wird der Film wohl dennoch nicht erreichen.
    Bleibt zu hoffen, dass Schwarzers Positionen dank „Die Jagd“ keinen Eingang in gesetzliche Regelungen finden. Mit einer Susanne Baer am Bundesverfassungsgericht ist solches ja durchaus zu befürchten.

    Beste Grüße
    Joe

    Antwort

  5. Danke, auch für den Link! Ich hatte noch nie von dem Fall gehört. Der dortige Anlass für die Untersuchungen ist noch minimaler als im Film. Im Film ist er prinzipiell sogar nachvollziehbar – aber die Tatsache, dass eine Kindergärtnerin statt „Papa hat sich wehgetan“ „Papa hat mir wehgetan“ verstanden hat, ist als Anlass für eine große Untersuchung, die bis vor's Gericht geht, natürlich ausgesprochen unwirklich…

    Und der Film lohnt sich wirklich.

    Antwort

  6. „Alice Schwarzer und ihr misandrisches Jagdgeschwader wird der Film wohl dennoch nicht erreichen.“ Nein, aber er präsentiert immerhin ein paar Gründe, warum er sie nicht erreichen kann…

    Antwort

  7. „für eine grosse Untersuchung die bis vor's Gericht geht, natürlich ausgesprochen unwirklich…“

    Nein, in einer Welt in der Kinderficker überall rumrennen, gefühlt jeder zweite (natürlich nur männliche) Planetenbewohner ein potentieller Kinderschänder ist, da ist ein solches Vorgehen normal. Da wird das nicht innerhalb einer Stunde beim Psychologen ausgeräumt, da muss unser Rechtsstaat das ganze ¨Programm auffahren. Denn wir müssen ja den Kindern (Opfern) glauben schenken, übrigens den gleichen Kindern deren Naivität wir jedes Jahr Weihnachten belächeln wenn sie uns mit aller Ernsthaftigkeit vom Weihnachtsmann erzählen…

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  8. Natürlich. Angesichts einer Logik des Verdachts ist es überhaupt nicht unwirklich, sondern permanent wirklich (nur ggfs. eben noch unaufgedeckt), dass Männer Verbrechen begehen. Ich finde es trotzdem wichtig, zumindest noch eine Erinnerung daran zu behalten, dass nach alltäglichen common sense-Überlegungen solche Situationen wie die in dem von Dir verlinkten Text ausgesprochen unwirklich sind….

    Ich glaube übrigens tatsächlich, dass das Problem eben gar nicht in dem besteht, was Kindern geglaubt, sondern in dem, was in sie hineininterpretiert wird. Im Film behaupten die „Jäger“, dass sie Kindern immer glauben, merken aber nicht, dass sie den Kindern eben immer nur das glauben, was sie glauben wollen, oder (um das etwas wohlwollender zu formulieren) das, was sie befürchten.

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  9. Ein empfehlenswerter Titel von Wissenssoziologen, die sich unter anderem mit dem Phänomen der Aufdeckungsmanie befassen:
    Dimbath, Oliver (Hrsg.): Soziologie des Vergessens. Theoretische Zugänge und empirische Forschungsfelder. Konstanz: UVK Verl.-Ges. (2011) ISBN: 978-3-86764-275-0
    Insbesondere der Aufsatz: Zwischen Erinnern und Vergessen. Ritueller Missbrauch, Recovery-Paradigma und die Konstruktion von Wirklichkeit.
    Autoren: Schmied-Knittel, Ina; Schetsche, Michael

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  10. Danke für den Hinweis! Ich kenne den Text noch nicht, ich hab noch einen kleinen Hinweis auf ihn im „Fachportal Pädagogik“ gefunden. Dort steht skizzierend: „Die Verfasser diskutieren anhand eines Fallbeispiels die Möglichkeit der Erzeugung von falschen, von den betroffenen Personen aber für wahr gehaltenen Erinnerungen durch spezifische Therapieformen im Rahmen des Recovery-Programms. Nach diesen Paradigma wird eine Traumatisierung häufig gerade dann als besonders schwerwiegend erachtet, wenn das Opfer keinerlei Erinnerung an den angenommenen sexuellen Missbrauch hat (hybride Wirklichkeit).“ Das kann einerseits ja tatsächlich sein – aber andererseits ist es natürlich auch ausgesprochen problematisch, wenn das Fehlen von Erinnerungen nicht als Hinweis gedeutet wird, dass keine Tat begangen wurde – sondern darauf, dass die Tat besonders schwer war.

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  11. Vielen Dank für die tolle Filmkritik. Die Aussage von Klara stellt die Erwachsenen vor ein echtes Dilemma. Natürlich glaubt man ihr, und natürlich kann man nicht von diesem einmal verinnerlichten Verdacht wieder weg, wenn das Mädchen die Aussage widerruft. Zu ungeheuerlich ist die Aussage, als dass sie irgendetwas anderes als wahr sein könnte.
    Wirklich falsch hat sich m.E. nur der Psychologe verhalten, der Klara befragt. Das Verhalten aller anderen Beteiligten ist vielleicht nicht rational, aber zumindest nachvollziehbar.
    Ein Film, der einen lange nicht mehr loslässt.

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  12. @Yvonne Grundsätzlich nachvollziehen kann ich die Panik der Eltern auch – insbesondere dann, wenn eine Autoritätsfigur wie die Kindergartenleiterin bei einer Sitzung aller über die „Taten“ spricht und natürlich auch eine Gruppendynamik entsteht, der sich Einzelne schwer entziehen können.

    Nicht recht verstehen kann ich aber, warum die Gründe, die dagegen sprechen – gegen eine Schuld von Lucas – plötzlich nur noch so leicht wiegen. Der Film ist da völlig plausibel, es hat ja tatsächlich schon vergleichbare Situationen gegeben – aber das Verhalten der Menschen nicht. Besonders gilt das für Agnes, die ihrer Tochter auch dann nicht glaubt, als die völlig unmissverständlich die Wahrheit sagt. Und hier gehe ich eben schon davon aus, dass die Menschen auch Opfer ihrer Klischees werden (z.B. des unterschwelligen Misstrauens gegen den einzigen Mann im Kindergarten).

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