Gedichte Sexismus

Frühling 2013, oder: Wie ich einmal Alice Schwarzer kommentieren wollte und dann doch lieber ein Gedicht schrieb

Bild zeigt Blüten eines Baumes im Frühling.
geschrieben von: Lucas Schoppe
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Neulich habe ich ausnahmsweise einmal „Menschen bei Maischberger“ gesehen, weil dort zum Thema „Sexismus-Debatte: Was hat sie gebracht?“  diskutiert wurde. Ich dachte, dass ich vielleicht für dieses Blog einen kleinen Text dazu schreiben kann. Heute wissen wir: Ein anständiger Nachtschlaf wäre besser gewesen – aber das war mir vorher wirklich nicht klar.

Immer wieder ganz interessant jedoch, aber mittlerweile eben auch vorhersehbar ist es, wie Alice Schwarzer gegenüber Männern jovial und werbend agiert, laut lachend noch bei simplen Herrenwitzen (Sandra Maischberger: „Was sagt eine Frau nach dem vierten Orgasmus?“ – Heiner Lauterbach: „Danke, Heiner.“), aber wie sie überaus bissig und herrisch gegenüber einer Frau mit abweichender Meinung (diese Mal in dieser Rolle: Birgit Kelle) auftritt. Man bekommt übrigens den Eindruck, wenn man ganz genau hinschaut,  sie sei selbst darüber froh, dass immer wieder Männer als Sozialpuffer zwischen ihr und anderen Frauen zur Verfügung stehen.

Ein wenig überraschend, aber nicht bleibend interessant war es auch, wie die Aufschrei-Aktivistin Anna-Katharina Meßmer über menschliche Erfahrungen sprach, die ja bekanntlich bei twitter und den 140-Zeichen-Nachrichten ein überaus geeignetes Medium für den sozialen Austausch gefunden haben. Bekannt wurde Meßmer insbesondere durch ihren offenen Brief an den Bundespräsidenten Gauck, in dem sie und andere Frauen sich “erschüttert“ (Originalton) darüber gezeigt hatten, dass Gauck den Tugendfuror der Aufschrei-Debatte gewagt  als „Tugendfuror“ bezeichnet hatte. Es sei von einem Präsidenten und überhaupt, so Meßmer, zu erwarten, dass mit Erfahrungen von Menschen „achtsam“ (Originalton) umgegangen werde. Auf das schöne Wort „achtsam“ (mal nebenbei gefragt: Liegt das nun an mir, oder geht das anderen auch so, das sich bei dem Begriff „Achtsamkeit“ irgendwie die Nackenhaare auf- und ganz leichte, zunächst kaum wahrnehmbare Übelkeitsgefühle einstellen?) kam später auch Schwarzer zurück, als sie erzählte, wie schön sie es fände, dass sich Männer in den USA mittlerweile nicht mal mehr trauen würden, mit einer Frau allein in einen Fahrstuhl zu steigen – dass man angesichts solcherlei Dinge „achtsam“ (Originalton) geworden sei.

„Und dann bin ich verblüfft darüber, dass wir es ernsthaft geschafft haben, innerhalb von, ich glaube, 10 Minuten wieder zu fragen: Aber was ist denn eigentlich mit den Männern?“ Also sprach Meßmer schließlich mit deutlichem Tadel in Richtung Kelle, weil die es doch gewagt hatte, nach etwa zwanzig Minuten Sendung mal darauf hinzuweisen, dass es ja auch Nachteile für Männer geben könne. Auch Jan Fleischhauer wurde  von Meßmer wie Schwarzer getadelt, er würde ablenken, sobald er einmal über die Perspektive von Männern sprach.

Das ist wohl auch der Grund, warum die Debatte so langweilig war – sie erledigte sich schon darin, wie der Begriff „Sexismus“ definiert wurde. Für Schwarzer wie Meßmer war klar, dass „Sexismus“ sich erstens auf sexuelle Anmachen und Übergriffigkeiten beschränke und dass zweitens allein Frauen die Opfer solcher Attacken werden könnten. Väter, die ihre Kinder nicht mehr sehen können? Jungen, die in den Schulen benachteiligt werden? Gesetzliche Regelungen, die Frauen gegenüber Männern bevorzugen? Was, bitteschön, haben denn solche Fragen, die sich unschwer als heimtückische Derailing-Manöver entlarven lassen, in einer Debatte über Sexismus zu suchen?

So verbrachte ich meinen Abend also im Wesentlichen damit, Schwarzer und Meßmer dabei zuzuschauen, wie sie sich verbissen gegen den Gedanken wehrten, dass das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in irgendeiner Weise als reziprok beschrieben werden könnte – gegen die gewagte Idee also, dass von Frauen dasselbe verlangt und erwartet werden kann wie von Männern, und umgekehrt, und dass beide aneinander jeweils dieselben Ansprüche geltend machen können. Warum beide Anti-Sexismus-Kämpferinnen glauben, ausgerechnet in ihrer Haltung drücke sich ein Kampf für „Gleichberechtigung“ aus, ist auf den ersten Blick nicht immer erkennbar, aber irgendwie auch nicht so wichtig. In den gewohnt geschlossenen gedanklichen Systemen Schwarzers und Meßmers wird alles Wesentliche eh schon durch die geeigneten Definitionen erledigt, und Erfahrungen von Menschen spielen dabei eben eine so geringe Rolle, dass Meßmer ohne lachen zu müssen die Twitter-Aufschrei-Kampagne als bedeutenden Austausch sozialer Erfahrung anpreisen konnte. Mehr an Erfahrung, als in eineinhalb Zeilen passt, lenkt eh nur ab und entlarvt sich selbst als Trollerei.

Am nächsten Morgen hatte ich dann eine Abituraufsicht, saß zwei Stunden am Tisch und musste mich ruhig verhalten. So müde war ich, dass ich mir ernsthaft überlegte, ob eigentlich eine Abiturprüfung anfechtbar werden könnte, wenn die Aufsicht einnickt. (Und das alles nur, weil ich mir mit Schwarzer und Meßmer die Nacht um die Ohren gehauen habe, anstatt rechtschaffen zu schlafen.)

Also vertrieb ich mir die Zeit und hielt mich wach, indem ich ein Gedicht schrieb. Zum Glück hat dieses Gedicht nicht das Geringste mit der Diskussion des Vorabends zu tun.

Frühling 2013

Von den mir bekannten Weisen,
einen Frühling einzuläuten,
ist die folgende die beste:

Wir erklären uns freudig und uneingeschränkt solidarisch
mit Schneeglöckchen, Krokus, mit allem, was unbeirrt aufbricht
die Decke aus Kälte und Schnee, die auf allem liegt.

Wir tragen Blue Ribbons an Blusen und Jacken und Mänteln,
befreien vom Eise die Straßen und Köpfe und Seelen.
Wir schicken unseren Frühlingsschrei laut in die Welt.

Wir beschwören die kommende Sonne, wir sehen die Zeichen
und wissen, der Sommer wird groß und beseelt und erlösend.
Wir dulden den Winter nicht mehr in unserer Mitte.

Wir hören nicht auf die leise und lästige Stimme –
Sie flüstert dazwischen, sobald es um Wichtiges geht.
(„Ach, wenn es mir nur gruselte!“)

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