Feminismus

Warum auch Feministinnen Männerrechtler brauchen (das aber nicht zu sagen wagen)

Bild zeigt eine Frau mit Fahne in der Hand.
geschrieben von: Lucas Schoppe

Gründe für den Erfolg feministischer Forderungen in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg: „1. Sie waren nach einem aufgeklärt-humanistischen Wertekanon schlicht und ergreifend intuitiv richtig und gerecht.2. Sie waren einfach zu verstehen und erforderten keine höhere Mathematik oder soziologische Studien.3. Sie betrafen ein massenhaft auftretendes Phänomen, sehr viele Frauen waren persönlich betroffen. 4. Sie standen nicht in direkt erkennbarem oder allenfalls schwachem Gegensatz zu anderen gesellschaftlichen Zielen.“  Soweit ein Kommentar von man.in.thmiddle in einer der zu meiner Freude langen Diskussionen zu den Texten „Rot-grüner Beton“ und „Können Männerrechtler von Feministinnen etwas lernen?“. Als ich diese Diskussionen noch einmal gelesen habe, hatte ich bei einer ganzen Reihe von Punkten den Eindruck, dass es sich lohnen würde, näher darauf einzugehen. Die Frage nach feministischen Erfolgen – und den möglichen Schlussfolgerungen daraus für das männerrechtliche Engagement – gehört dazu. Denn tatsächlich waren diese Forderungen der Frauenbewegungen ja grundsätzlich von großer Schlüssigkeit. Dass auch nach der grundgesetzlichen Garantie der Gleichberechtigung von Männern und Frauen die Ehemänner in Eheangelegenheiten die letzte Entscheidung hatten, dass sie über das in die Ehe mitgebrachte Vermögen einer Frau bestimmen konnten, dass sie in Erziehungsfragen das letzte Wort hatten („Stichentscheid“), dass sie ein Dienstverhältnis der Ehefrau fristlos kündigen durften und diese ohne ihres Mannes Einverständnis nicht erwerbstätig sein durfte – all dies sind gesetzliche Regelungen, die heute unwirklich erscheinen und die einem Engagement für Frauenrechte tatsächlich eine hohe Plausibilität verleihen.

Allerdings wurde der Großteil dieser Regelungen schon in den 50er Jahren aufgehoben, zuletzt im Jahr 1977 die Pflicht einer Frau, bei einer Erwerbsarbeit das Einverständnis der Ehemannes einzuholen. Auch eine Abtreibung, eines der zentralen feministischen Themen, kann seit 1974 in den ersten drei Monaten der Schwangerschaft straffrei vorgenommmen werden. Warum also gab es überhaupt noch eine Frauenbewegung? Und wie ist sie von grundsätzlich völlig plausiblen Forderungen an einen Punkt gelangt, an dem viele Männer und auch Frauen sie und ihre Folgen nicht mehr mit dem Durchsetzen von Gleichberechtigung, sondern ganz im Gegenteil mit massiven Verletzungen von Grundrechten in Verbindung bringen?
Warum die Frauenbewegung erst stark wurde, nachdem sie ihre Ziele erreicht hatte Elmar Diederichs (jungsundmaedchen) skizziert in einem Kommentar die drei Wellen der Frauenbewegung folgendermaßen: „Die erste feministische Welle hatte das Narrativ des Aus- und Aufbruchs aus einer männlichen Gesellschaft. Die zweite feministische Welle hatte das Narrativ der Selbstbesinnung in Abgrenzung von dem, was für männlich gehalten wurde. Die dritte feministische Welle hat das Narrativ des Triumphes über die Männer.“  Warum aber gab es überhaupt eine zweite Welle, wenn doch der Aufbruch in einem männlich bestimmten Umfeld schon in den Fünfziger Jahren von wenigen verbliebenen (und bald abgeräumten) Hindernissen abgesehen bei einer umfassenden Gleichberechtigung angelangt war?

Es wäre leicht, die Frauenbewegung seit dem Ende der Sechziger Jahren als zeitentrückt zu präsentieren – ein nachdrückliches, heftiges Engagement für Forderungen, die eigentlich alle schon erfüllt waren. Tatsächlich aber fehlte wohl, zumindest im bürgerlichen Spektrum, ein wichtiger Schritt: der vom Bereich des Privaten in den Bereich der Öffentlichkeit. Die rechtlichen Hindernisse für eine Berufsausübung waren verschwunden, aber Frauen repräsentierten kaum öffentliche Angelegenheiten. Im Bundestag waren sie kaum vertreten, und selbst eine weibliche Tagesschausprecherin wurde als Sensation wahrgenommen.

Der Slogan, dass das Private politisch sei, markiert diesen Übergang. Alice Schwarzer beispielsweise baut ihre Schrift „Der kleine Unterschied“ wesentlich auf Interviews mit Frauen, die von ihrem Alltag in ihren Beziehungen mit Männern sprechen. Sie wirken unterdrückt, gefangen, aber auch in vielen Fällen auf dem Sprung zu Befreiung. Doch hier zeigen sich auch schon Brüche in der Plausibilität der Frauenbewegung. Ihre Wucht und Zielrichtung erhält die Darstellung erst dadurch, dass die Perspektiven der Frauen ausführlich dargestellt, die der Männer aber vollkommen ignoriert werden. Die Frauen erscheinen so gefangen in einem privaten Bereich, dem der Familie, während die Männer gleichsam als Gefängniswärter präsentiert werden, denen ihrerseits der Weg nach außen leicht möglich sei. Der Gedanke liegt Schwarzer fern, dass das private Leben der Männer in ihren Partnerschaften mit den Frauen ebenfalls bedrückend sein könnte. So aber gründet ihre erfolgreiche Schrift auf einer paradoxen Struktur: Sie zelebriert die Notwendigkeit des weiblichen Ausbruchs aus der Privatheit der Familie, baut aber zugleich darauf, dass allein das private Leben der Frau mit den damit verbundenen Nöten der Darstellung wert sei, nicht aber das des Mannes. Auf diese Weise  reproduziert Schwarzer eben die Strukturen, die sie zu bekämpfen vorgibt: Sie verlässt sich darauf, dass die Frau als schutzbedürftiges Wesen wahrgenommen und unterstützt wird, während der Mann als ein Wesen erscheint, dass in jedem Fall in der Lage sein müsse, für sich selbst zu sorgen. Ganz in diesem Sinne haben Männer bis heute Schwierigkeiten damit, private Nöte von Männern zu einem öffentlichen Thema zu machen. So ist beispielsweise seit 1980 (seit den Studien von Straus, Gelles und Steinmetz) bekannt, dass Männer in ungefähr gleichem Maße wie Frauen zu Opfern häuslicher Gewalt werden, und diese Ergebnisse wurden seitdem in Hunderten von Studien bestätigt – doch noch immer erscheint in offiziellen Kampagnen der Mann allein als Täter, die Frau allein als Opfer, und dies gar in einer fragwürdigen und problematischen Identifizierung mit ihrem Kindern .
Wo Hausfrauen nur Tiere und Dinge sind Die zweite Welle der Frauenbewegung stand so insgesamt vor dem Problem, den Aufbruch der starken und selbstständigen Frau zu verkünden und zugleich die Privilegien der traditionellen bürgerlichen Frauenrolle, den Anspruch auf Schutz und Fürsorge, nicht zu verspielen. Die große Erzählung von der umfassenden Unterdrückung der Frau durch den Mann versöhnt diesen Widerspruch: Zwar seien Frauen stark, selbstständig und leicht („rückwärts und auf Stöckelschuhen“) ebenso kompetent wie Männer, diese aber würden weibliche Erfolge verhindern und seien so zur Unterstützung von Frauen, zur Kompensation ihrer  Benachteiligungen verpflichtet.

So lässt sich den auch erklären, warum frauenbewegte Frauen in ihrer Widersprüchlichkeit zwischen Aufbruchs- und Freiheitsrhetorik so massive Aggressionen gegen diejenigen Geschlechtsgenossinnen entwickelten, die schlicht in ihrer traditionelen Position als Hausfrau bleiben wollten. Heide Pfarr, für die SPD immerhin Senatorin in Berlin und Ministerin in Hessen, hatte beispielsweise regelrecht Schaum vor dem Mund, als sie auf die Idee eines Hausfrauengeldes angesprochen wurde. „Also die Hausfrau, die sich mein Kollege zu Hause hält, um mit mir besser konkurrieren zu können, weil ich mir so was nicht halte, die unterstütze ich weder steuerlich noch sonstwie. Überhaupt null. (…) Diesen weiblichen Lebensentwurf unterstütze ich nicht, sondern bekämpfe ihn, wo ich ihn treffe.“ (zitiert nach: Karin Jäckel: Deutschland frisst seine Kinder, Reinbeck 2000, S. 193) „so was“, „halte“ – Hausfrauen, die nicht ihren Lebensentwurf teilen, beschreibt Pfarr also wie Dinge oder Tiere, die eigentlich kein Recht auf ihre Existenz haben. Warum aber kann sie diesen Frauen nicht einfach ihren Lebensentwurf lassen – warum bringt sie allein der Gedanke, ein Konkurrent könnte Unterstützung durch eine Frau haben (als ob eine Familie für einen Mann immer nur ein Quell von Kraft und Freude, niemals aber von Sorgen und Belastungen sein könne), so sehr in Rage?

Die feministische Abgrenzung von Hausfrauen hat Tradition, und das aus gutem Grund – Frauen, die gern und freiwillig in der traditionellen bürgerlichen Position als Hausfrau und Mutter leben, machen die große Erzählung von der Unterdrückung der Frau durch den Mann unplausibel. Sie gewinnen dieser traditionellen weiblichen Position unverblümt Positives ab und machen es unmöglich, sie rundheraus als eine massive Belastung, als Quelle von Leid und Unfreiheit  zu präsentieren, für die Männer den Frauen eine Wiedergutmachung schuldeten. Es ist nur scheinbar paradox, dass in anderer Hinsicht gerade frauenbewegte Frauen auf der traditionellen weiblichen Machtposition der Sorge für Kinder so offen und verbissen bestehen und sich um den Widerspruch zu ihrer gängigen Unterdrückungsrhetorik nicht bekümmern, nach der Männer Kinder doch eigentlich als Mittel benutzten, um Frauen im Bereich des Privaten einzusperren. Die absurde feministische Überspitzung der traditionellen Mutterposition in der Verherrlichung weiblicher Alleinerziehung („Alleinerziehen als Befreiung“) grenzt ja eben gerade den Mann aus und kann so abermals von der Befreiung der Frau durch das Abschütteln des männlichen Jochs erzählen – wobei es ganz selbstverständlich ist, dass natürlich die Männer diese Befreiung zu finanzieren hätten. Das hat eine regelrecht pathologische Konsequenz: Die Besinnung auf die Mütterlichkeit erscheint als furchtbar, wen sie in die Partnerschaft mit einem Mann eingebunden ist – aber als Befreiung, wenn der Vater von den Kindern entfernt wird.

So ist der Feminismus der zweiten Welle geprägt von Widersprüchen zwischen einer Rhetorik des Aufbruchs und einer reaktionären Logik der Verweigerung von Weiterentwicklungen. Diese Widersprüche machen eine Massenwirkung unwahrscheinlich – die Frauenbewegung grenzt sich von Männern ebenso ab wie von Frauen, die nicht in ihr Weltbild passen. Er putscht Hoffnungem auf, die er enttäuschen muss. „Für „Feminismus“ als soziale Bewegung kann man das – so meine ich – durchaus ausmachen, er hatte seinen Hype in den 1970ern und 1980ern. Als Massenbewegung ist er imho schon ziemlich lange tot.“ So „Nick“ in einem Kommentar.
Warum die Frauenbewegung mit den meisten Frauen nichts mehr zu tun haben will Die dritte Welle seit Mitte der Neunziger Jahre lässt sich als konsequente Fortsetzung dieser Abschottungen interpretieren. Die Frauenbewegung versucht nun nicht einmal mehr, eine Mehrheit – zumindest eine Mehrheit der Frauen – zu überzeugen, sondern zieht sich zurück und besetzt Machtpositionen in den Administrationen und den Parteien. Es ist bezeichnend, dass nun nicht eine Journalistin wie Alice Schwarzer (die enorm publikumswirksam formuliert), sondern eine Akademikerin wie Judith Butler auch in Deutschland zu einer zentralen Figur wird. Schon Butlers Sprache signalisiert eine elitäre Abschottung, in diesem Fall einen Rückzug in die Institutionen des universitären Lebens. Dass die Queer-Bewegungen wichtig werden, ist stimmig – es geht nun nicht einmal mehr oberflächlich darum, Mehrheiten zu gewinnen, andere zu überzeugen, die eigene Position mit der anderer abzugleichen, sondern um exklusive Wahrheitsansprüche, die gerade gegen die Mehrheit der anderen Menschen behauptet werden, die schließlich einer hegemonialen heterosexuellen Ordnung verpflichtet seien.

In dieser Abschottung werden Konzepte besonders reizvoll, die unter demokratischen Bedingungen unschwer als faschistisch erkennbar wären – beispielsweise Solanas‘ alter Text über die fabrikmäßige Ermordung aller Männer, die sie ganz ohne Ironie als politisches Ziel propagiert. Wer sich zurückzieht in „safe spaces“, die von Männern unberührt bleiben, erhebt eben ganz schlüssig irgendwann den Anspruch, dass auch weitere Bereiche des Lebens vor Männern geschützt werden müssten – in der letzten Konsequenz eben dadurch, dass die ganze Welt zum „safe space“ erklärt und Männer vernichtet werden. Die Erzählung vom Triumph der Frauen über die Männer, die Hanna Rosin berühmt gemacht hat, ist eine Variation dieser Phantasie – das Ende der Männer wird hier nicht mehr als politisches Ziel, aber als ökonomische Realität verkauft.

Während sich die Frauenbewegung so in Institutionen zurückzieht, besetzt sie dort zugleich Machtpositionen – Einfluss nimmt sie nicht durch ihre Überzeugungskraft, sondern durch Verfügungsgewalten. Natürlich geht es bei der Frauenquote nicht etwa generell um Quotierungen von Berufsfeldern, etwas im Bereich des Straßenbaus, sondern um geschlechtsbedingte Ansprüche auf einflussreiche Posten. Politische Hetzschriften gegen ein menschen- und bürgerrechtliches Engagement für Männer und Jungen werden nicht von feministischen Organisationen herausgegeben, sondern von den Parteien der SPD und der Grünen – also aus Steuergeldern finanziert und von Institutionen vertrieben, die abermals aus Steuergeldern finanziert sind. Ein ganzes Ministerium konstituiert sich in seinem Zuschnitt eben gerade an der Ausgrenzung von spezifischen Männerinteressen – es ist ausgerechnet das Familienministerium. Quoten sicher Privilegien von Aktivistinnen und verhindern zugleich, dass über diese Quoten überhaupt noch diskutiert werden kann

Die diffamierende Rhetorik, mit der ein Engagement für die Rechte von Männern und Jungen konfrontiert ist, unterstellt, dass dieses Engagement dem Konzept der Gleichberechtigung feindlich gestimmt sei. Eben das ist falsch. Diese Unterstellung unterschlägt kurzerhand die Entwicklungen der Frauenbewegungen im Laufe von über hundert Jahren, und in verschiedenen Wellen – als ob es immer noch um die Einführung des Frauenwahlrechts ginge, das sogleich gefährdet sei, wenn einmal spezifische Interesse von Jungen und Männern in den Blick gerieten. Das Gegenteil ist der Fall: Wenn eine feministisch inspirierte Frauenbewegung überhaupt noch eine Chance hat, zu einer demokratischen Bewegung für die Gleichberechtigung der Geschlechter zu werden, dann nur über die ehrliche Öffnung für die Anliegen des männer- und jungenrechtlichen Engagements. Denn die Männerbewegung, soweit es sie denn überhaupt als identifizierbare Bewegung gibt, ist eine demokratische Bewegung. Sie tritt für Gleichberechtigung ein und gegen den Missbrauch von Macht.

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27 Comments

  • Irgendwie bin ich hier immer nur am Rummeckern und ich entschuldige mich dafür vorab. Aber vielleicht muß man doch ein paar Sachen auseinanderhalten, die in diesem post irgendwie nicht so ganz transparent sind.

    Und wie gewohnt verteile ich meine Einwände auf verschiedene Kommentare, damit wir den Überblick behalten.

  • Das erste Thema: „Warum aber gab es überhaupt eine zweite Welle“.

    Von vornherein ist nicht klar, wonach hier gefragt wird, welche Art der Erklärung akzeptabel ist. Sicher wird niemand bestreiten, daß Le Deuxième Sexe (1949) von Simone de Beauvoir ein zentrales Referenzwerk der zweiten Welle war. Doch dieser Hinweis beantwortet nicht die Frage, warum das Buch so einschlug. Will man diese Art von Nachfrage aber mitbeantworten, könnte man auf folgende Idee kommen:

    Feminismus ist auch nur eine Theorie und als solche auf konzeptuelle Wegbereiter angewiesen. Also: Was haben wir denn da? Vor 1800 taucht Feminismus unter dem label gar nicht auf. Was wir aber haben, ist eine Theorie der Geschlechter, die sich zu der Zeit irgendwo in der angewandten Philosophie tummelt: Die Frau als qua Geburt moralisches, hilfsbereites, nach Schönheit und Hingebung strebendes reines Engelswesen und der Mann als gewalttätiges, brutales und triebhftes Egoistenschwein, das erst bei und unter der Frau Zivilisation durch Mäßigung erlernen muß.

    Christoph Kucklick hat in seinem Buch „Das unmoralische Geschlecht“ versucht, diese Theorie der Geschlechter zu rekonstruieren. Meiner Meinung nach ist das Buch miserabel argumentiert, aber als Ideegeber wirklich brauchbar.

    Diese Art von Theorie ist keine, wie man sich in der analytischen Philosophie als Theorie personaler Identität kennt, denn es ist keine Theorie der Kontinuität der Person. Stattdessen leistet diese Theorie einen Beitrag zur Antwort auf die Frage, worin die EIGENE Geschichte eigentlich besteht. Das ist nämlich gar nicht so einfach: Wollen wir hierfür nach Kontinuitäten in unserem Leben Ausschau halten oder uns auf regionale Krisen oder Konflikte und ihre Phasen konzentrieren? Sollen wir unseren Gedächnisberichten mehr vertrauen als den Leidenschaften, denen wir uns hingegeben haben, oder besser den Taten, zu denen wir die nötige Kraft und Selbstbeherrschung aufbringen konnten? Sind unsere Erfolge in gleicher Weise interessant, wie die Tragödien, die wir ausglöst haben und sollten wir in dieser Frage den Vorlieben, Plänen oder Angsten, die schon immer an uns gezerrt haben, mehr Aufmerksamkeit schenken als den Zugeständnissen, zu denen wir uns haben korrumpieren lassen?

    in short: Was im Leben einer Person kommst von außen und was kommt von innen?

    Was man versuchen kann, ist die Dynamik des Feminismus mit seinen 3 Wellen als Bewegung verständlich zu machen innerhalb eines ideengeschichtlich schon bestehenden Paradigmas, Frauen als Personen und damit als dramatische Zentren autonomer Entscheidungen und folglich als selbstbestimmte Autoren ihrer eigenen (Befreiungs-) Geschichte zu verstehen. Der systematische Nährwert meines Ansatzes besteht darin, den Feminismus unter Druck zu sehen, soziale Situationen analysieren und in ihnen die Befreiungsgeschichte fortschreiben zu können.

    Und genau das hat der Feminismus getan: Nach den Weltkriegen haben sich die Feministen auf das Anderssein der Frauen konzentriert und im Laufe Zeit den allen Feminismen zugrundeliegenden Klassenbegriff immer weiter verfeinert, um immer mehr soziale Situationen ins feministische Paradigma abbilden zu können: Nicht umsonst beschäftigen sich sich heute viele Feministen mit dem Problem des Klassismus.

    Zusammengefaßt: Feminismus ist nur eine Oberflächenerscheinung eines viel schwerfälligeren geistesgeschichtlichen Prozesses, die Selbstbeschreibung eines sozialen Akteurs als Person an sein Geschlecht zu koppeln.

    Ob das überhaupt klappen kann, bezweifle ich. „postgender“ wäre es, eine Selbstbeschreibung von Personen unabhängig vom Geschlecht zu konzipieren. Aber „postgender“ war noch nie im Interesse des Feminismus.

    Ich hoffe, man kann erahnen, was ich im Sinn habe und gebe noch mal zu bedenken, daß das alles nur meine persönlichen Vermutungen sind – also Vorsicht!

  • Das zweite Thema: „Warum also gab es überhaupt noch eine Frauenbewegung?“

    Die Frage, ob irgendein Feminismus überhaupt irgendwelche Erfolge hatte oder ob er nicht vielleicht ein Epiphänomen in dem Sinne ist, daß das angeblich existierende Patriachat sich selbst abgeschafft und der Feminismus die neue Freiheiten zur Selbstbeweihräucherung und Geschichtsklitterung benutzt hat, wird gar nicht so selten gestellt.

    Leider reicht mein Geschichtswissen in keiner Weise aus, um diese Frage zu beantworten.

  • Das dritte Thema: Warum gibt es eigentlich die dritte Welle?

    Lassen wir meinen zweiten Kommentar mal außen vor.

    Soweit ich weiß, ging es Anfang der 90er nicht um Abschottungen, sondern einfach darum, daß zu viele Frauen in zu unterschiedlichen Lebenssituationen stecken, als daß ein Radikal- oder Differenzfeminimsmus noch hätte den Anspruch erheben können, etwas mit den Interessen der Frauen als soziale Klasse zu tun zu haben und man ging ganz pragmatisch vor, suchte sich in Form der Geschlechterstereotypen einen neuen Klassenfeind und erlaubte jedem, sich seinen persönlichen Feminismus zusammen zu definieren.

    Das hat Vor- und Nachteile: Zum einen wird Feminismus schwer angreifbar. Wir alle haben schon 1000x gelesen „DEN Feminismus gibt es nicht.“. Zum anderen stimmt sicher irgendein Feminismus wieder mit den Interessen der meisten Frauen überein – auch dann, wenn diese die Notwendigkeit eines Feminismus gar nicht so einsehen. Der Nachteil ist: GEschlechterstereotype sind abstrakt und anders als Gesetzestexte nicht so mit Händen zu greifen. Man muß sich schon etwas einfallen lassen, um soziale Miteinander als Ausfluß einer Herrschaft auffassen zu können, der es an offenkundiger Gewalt durch Männer fehlt. Insofern war es unvermeidlich, daß der Feminismus eien akademische Wendung machte – basieren wieder auf der existierenden philosophischen Theorien: Foucault, Hegel, Lacan, Deleuze, Derrida und andere. Letzteres ist kein Vorwurf, es ist einfach unvermeidlich.

    Erst die Folge dieser Akademisierung ist der Verlust an Allgemeinverständlichkeit – du beschreibst den Vorgang umgekehrt.

    Und ich würde die Reihenfolge auch noch an einer anderen Stelle umdrehen: Die Frauenbewewgung zog sich nicht zurück, sondern die Radikalen und Unbelehrbaren rückten ins establishment vor, während die Masse der Frauen keinen Bedarf an gesellschaftlichem Klassenkampf hatten und eine weitere Frauenbewegung für sie uninteressant wurde: Das, was wir heute Staatsfeminismus nennen, ist so radikal und simpel wie der Feminismus der 2. Welle in den 70igern.

  • Was ich machen würde, ist streng zu trennen, zwischen einer Bewegung, i.e. einer Menge von Leute, die ein gemeinsames Interesse eint, und „-isten“ z.B. „Feministen“ oder „Maskulisten“ als Vertreter einer Idee, Theorie oder Ideologie.

    Anhänger einer Bewegung haben konkrete Probleme und beruhigen sich, sobald das Problem entschärft wird. Eine politische Vision fehlt ihnen. Bei „-isten“ ist beides nicht so.

    man.in.th.middle hat uns gut erklärt, warum die Frauenbewegung nach dem 2. Weltkrieg erfolgreich war. Ein Erfolg der Arbeit von Feministen kann das, muß das aber nicht gewesen sein.

    Die drei Wellen des Feminismus können, müssen aber nichts mit einer Bewegung von Frauen zu tun haben. Du sagst, die 3. Welle habe sich abgeschottet (=die Feministen) und daß sie von Männerrechtlern profitieren können – um dann von der Zukunft einer feministisch inspirierten Frauenbewegung zu sprechen.

    Den Text würde vermutlich von der von mir vorgeschlagenen Unterscheidung profitieren.

    Und warum sollte die nächste Frauenbewegung nicht von Feminismus total unabhängig sein?

  • Vergessen: Nur wenn wir streng trennen zwischen Frauen und Feministen können wir die Frage stellen, inwiefern der Feminismus das Verhalten von Frauen beeinflußt hat.

    Und die Antwort darauf muß keineswegs offentlich sein.

  • Nicht uninformativ ist in diesem Zusammenhang übrigens der jüngste post der Differenzfeministen Antje Schrupp, in dem sie sich über den schwächlich feministischen Kirchentag und langweilige Geschlechtergerechtigkeit beklagt. Außerdem stellt sie klar:

    „Mich interessiert nicht das Verhältnis von Frauen und Männern und anderen Geschlechtern, sondern mich interessieren Ansätze, die von der weiblichen Freiheit ausgehend eine Veränderung der traditionell männlich dominierten und von patriarchalen Strukturen verseuchten Verhältnisse anstreben. „

    http://antjeschrupp.com/2013/05/01/nichts-gegen-geschlechtergerechtigkeit-aber-wo-bleibt-der-feminismus/

  • Die Arroganz von Frau Schrupp ist schwer zu überbieten: „Ich will [eine komplette Welt] wählen können, .[in der ich]…. keine patriarchalen Zumutungen ertragen zu [habe und wo] ein bestimmtes feministisches Grundwissen und Reflektionsniveau garantiert [wird].“

    Na dann hätte ich gerne bei meinem nächsten Behördenbesuch eine Schutzzone, in der ich sicher bin, keine matriarchalen Zumutungen wie ständige Binnen-Is (Triggerwarnung!) ertragen zu müssen und wo ganz einfach ein bestimmtes maskulistisches Grundwissen und Reflektionsniveau garantiert ist. Ich habe ganz einfach ein Grundrecht, daß die Welt so ist, wie ich es will.

  • Ich bin kein Geschichtsforscher und kann zu den eher komplexen Erklärungsmustern der feministischen Wellen wenig beitragen.
    Die pragmatische Frage ist, was mir das hier und heute nützt, um die Veränderungen durchzusetzen, die ich gerne durchsetzen würde.

    Am interessantesten erscheint mir die Beobachtung von Schoppe, daß sich die Frauenbewegung – zumindest in D. – von einer gras-roots-Bewegung zu einer elitären Funktionärsbewegung gewandelt hat, die vor allem durch die berüchtigte feministische Infrastruktur getragen wird. Die alte Garde stirbt zwar aus, aber die rund 200 Genderlehrstühle – aka Koranschulen des Feminismus – indoktrinieren Massen von weiblichen Studenten; selbst wenn nur 10% davon radikalisiert werden, produziert man mehr als genug Nachwuchs, um die Struktur lebendig zu halten. (Aus Gleichstellungsgründen sollte man also fordern, daß mindestens 20 maskulistische Lehrstühle eingerichtet werden, in denen vor allem männliche Studenten in Gender-Kursen trainiert werden, auf der Wahrung ihrer Rechte zu bestehen.)

    Noch eine Bemerkung: es ist zwar gut, **gegen** den feministischen Fanatismus zu sein und die Strukturen nicht mehr als Gegner zu haben, aber das sagt erst einmal nicht, **wofür** der Maskulismus mit erster Priorität ist und wie man das in der normalen Parteienlandschaft durchsetzt.

  • „Die pragmatische Frage ist, was mir das hier und heute nützt, um die Veränderungen durchzusetzen, die ich gerne durchsetzen würde.“

    Ich verstehe deine Ungeduld. Und für solche Fälle gibt es ja das Instrument der Arbeitsteilung. 😉

    Eine Lektion aus dem, was du „eher komplexes Erklärungsmuster“ nennst, ist imho die, daß der Feminismus als Teilhabebewegung längst beendet und als soziologische Theorie weder halten kann, was er verspricht, noch in einer Welt der Teilhabe als Folie einer sozialen Bewegung dienen kann. Die Apokalypse der Reproduktion, die du an die Wand malst, sehe ich keineswegs.

    Ich hoffe, daß Schoppe noch mal einen post zum Programm des Feminismus macht – oder zu anderen feministischen Aktionen.

  • „Ich hoffe, man kann erahnen, was ich im Sinn habe und gebe noch mal zu bedenken, daß das alles nur meine persönlichen Vermutungen sind – also Vorsicht!“ Natürlich sind es hier unsere persönlichen Interpretationen, die wir äußern. Das ist ja auch ein Sinn der offenen Kommentarfunktion – wenn jemand es etwas oder ganz anders sieht, hat er, oder sie, immer die Möglichkeit, das zu formulieren.

    Und dass feministische Entwicklungen eingebunden sind in andere Entwicklungen, denke ich auch. Zudem ist er ja tatsächlich auch in sich stark differenziert. Aber trotzdem kann es sinnvoll sein, mit Vereinfachungen wie der Rede von „dem Feminismus“ zu argumentieren. Beispielsweise darauf zu verweisen, dass die Idee einer Autonomie der Person für viele feministische Ansätze typische Probleme schafft. Im Anspruch, einerseits, die Frau als stark und frei zu beschreiben, aber in ihrer gleichzeitigen Darstellung als Opfer einer Männergesellschaft, patriarchaler Machtstrukturen etc.

  • @jungsundmadchen Ich habe natürlich auch nichts gegen Akademisierungen, gegen universitäre Auseinandersetzungen mit sozialen Fragen (die gibt es aus einer spezifisch männlichen Perspektive eher viel zu wenig). Gleichwohl ist die Uni eine Institution, die in besondere Weise für Abschottungen geeignet ist, weil Abschottungen – in Gebrauch einer bestimmten Sprache, in der Pflege von Beziehungen und Feindschaften, in der Etablierung eines ungeschriebenen Kanons – ohnehin schon immer zu den Eigenheiten des akademischen Lebens gehören.

  • Schrupp hat ja jedes Recht zu entscheiden, was sie interessiert und was nicht. Nur haben dieses Recht dann eben auch andere – und dazu gehört dann auch das Recht, sich um feministische Positionen nicht zu kümmern oder ihnen kein „Grundwissen“ zuzubilligen (es geht ja nie um „Wissen“, eher um bestimmte Interpretationen von sozialen Zusammenhängen, welche jeweils auch anders interpretiert werden können).

  • Es wäre gut wenn zumindest erwähnt werden würde, dass es um den Feminismus als Frauenbewegung in der BRD als gesellschaftliches Phänomen geht – gerade bei Exkursen in die Geschichte. Die rechtliche Stellung und die Lebenswirklichkeit von Frauen in der DDR war eine andere. Beispielsweise wurde eine Fristenregelung beim Schwangerschaftsabbruch in der DDR schon 1972 per Gesetz geregelt – damals ein Novum in der deutschen Rechtsgeschichte.
    Viele Männer und Frauen aus der DDR können sich teilweise nur wundern, über was im Jahre 2013 in Deutschland noch diskutiert wird. Lesenswert: http://www.das-neue-berlin.de/programm-dnbv/titel/851-die-ddr-und-ihre-toechter.html
    Fakt ist: das was mir und vielen anderen Männern familien -und
    erlternrechtlich widerfährt, wäre so in der DDR nicht möglich gewesen.

  • Daß im Osten und Westen in der Geschlechterfrage große Unterschiede bestanden, kann sogar auch den ganzen Ostblock und den Westen verallgemeinert werden. Selbst wenn ich heute die USA und D. vergleiche, sehe ich große Unterschiede. Z.B. die Feme-Gerichte zur Verfolgung von jungen Männern, die Obama angeordnet hat, sind hier nicht vorhanden und in dieser krassen Form auch nicht denkbar. Insofern kann man sich mit Forderungen, was hier in D. geändert werden soll, nicht auf die Mißstände in den USA beziehen.

    Ob man viel von der DDR lernen kann, möchte ich stark bezweifeln. Die DDR ist mMn aus zwei Hauptgünden innerlich kollabiert: erstens keinerlei Markt und keine Effizienzsteigerungen durch Marktmechanismen, was letztlich zum wirtschaftlichen Bankrott führte (und dem Westen eine Sanierungswüste aufbürdete). Zweitens keine persönlich-/politische Freiheit, was bei den Menschen jeden Willen, die Welt umzugestalten und neues auszuprobieren, eliminiert hat und sie statt dessen in die Frührentner-Idylle auf ihren Datschas getrieben hat. Die von oben erzwungene Gleichstellung von Frauen und Männern war ein zentraler Teil dieses repressiven Systems, der zu beiden Kollapsursachen offensichtlich beitrug. Man kann darüber spekulieren, in welchem Ausmaß die Frauengleichstellung mitschuldig am Kollaps war. Jedenfalls spricht die DDR-Erfahrung zunächst einmal klar dagegen, solche Strukturen erneut auszuprobieren.

  • Na, da sind ja fast alle substanzfreien Schlagwörter genannt die eine Diskussion zum Zwecke des Erkenntnisgewinns ausschließen – STASI und HOHENSCHÖNHAUSEN und MAUERTOTE hast Du noch vergessen.
    So konnte man auch gut die Sendung „Der schwarze Kanal“ moderieren…

  • Während sich die Frauenbewegung so in Institutionen zurückzieht, besetzt sie dort zugleich Machtpositionen – Einfluss nimmt sie nicht durch ihre Überzeugungskraft, sondern durch Verfügungsgewalten.

    Das ist übrigens die Gender Mainstreaming Maxime: Die Top down Implementierung. Ihre politischen Visionen einer gendergerechten Gesellschaft, die eine grundlegende, alle Lebensbereiche umfassende Umgestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse erfordert, setzt breite Akzeptanz nicht voraus, sondern will diese Akzeptanz herstellen, oder genauer gesagt, erzwingen.
    Aufschlussreich dazu ist ein Blick auf die Webseite des Gender Kompetenz Zentrums:

    http://www.genderkompetenzzentrum.de/

    http://www.genderkompetenz.info/genderkompetenz-2003-2010/gendermainstreaming/Implementierung

    Wenn eine feministisch inspirierte Frauenbewegung überhaupt noch eine Chance hat, zu einer demokratischen Bewegung für die Gleichberechtigung der Geschlechter zu werden, dann nur über die ehrliche Öffnung für die Anliegen des männer- und jungenrechtlichen Engagements.

    Das halte ich für illusionär. Gender Mainstreaming ist ein elitäres und zugleich radikales Projekt, das keine echte demokratische Legitimation nicht bloss nicht anstrebt,sondern diese verhindern will, weil eine wirkliche demokratische Legitimation schlicht nicht realisierbar ist. Es ist kein Zufall, dass die Genderisten vor allem auf EU-Ebene sehr erfolgreich sind, da die EU in ihrer jetzigen Konstruktion sich weitgehend der demokratischen Kontrolle entzieht und durch Intransparenz glänzt.

    Am interessantesten erscheint mir die Beobachtung von Schoppe, daß sich die Frauenbewegung – zumindest in D. – von einer gras-roots-Bewegung zu einer elitären Funktionärsbewegung gewandelt hat, die vor allem durch die berüchtigte feministische Infrastruktur getragen wird.

    Genau so ist es, und das drückt sich auch in der erwähnten Top Down Implementierungsmaxime aus. GM ist ein elitäres, radikales und antidemokratisches Projekt.
    Das verfaulte Fundament wird gestützt, indem;

    – Kritiker diffamiert werden (frauenfeindlich, homophob, rassistisch, sexistisch, misogyn, rechtsradikal usw.)
    – die „hidden Agenda“ verschleiert wird, indem der Eindruck vermittelt wird, es gehe im Prinzip bloss um gleiches Recht und gleiche Chancen für alle und die wahren Motive durch einen verschwurbelten, euphemistischen Sprachgebrauch unkenntlich gemacht werden
    – die „gendergerechte Sprache“ in Tat und Wahrheit die Funktion des sozialen Distinktionsmerkmals übernimmt, um den politischen Gegner, der sich dem Glaubensbekenntnis verweigert, zu identifizieren.

  • @Radaffe „Es wäre gut wenn zumindest erwähnt werden würde, dass es um den Feminismus als Frauenbewegung in der BRD als gesellschaftliches Phänomen geht – gerade bei Exkursen in die Geschichte. Die rechtliche Stellung und die Lebenswirklichkeit von Frauen in der DDR war eine andere“ Da stimmt. Da bin ich in einer westdeutschen Perspektive befangen, das aber ist eben auch die Perspektive, die ich mit eignenen Erfahrungen gut abstützen kann. Über die DDR-Entwicklung kann ich nur angelesen oder über Erzählungen anderer etwas sagen. Beispielsweise erzählte eine Freundin, die in der DDR aufgewachsen war, einmal, dass sie nach der Wende von der Frauenbewegung im Westen sehr irritiert gewesen sei – sie hätte den großen Stellenwert des Abtreibungsrechts nicht nachvollziehgen können. Das spricht dafür, dass elternrechtlich einiges abders gelaufen wäre.

    @man.in.th.middle Das politische System der DDR war für mich nie eine Alternative zu dem System, in dem wir leben. Trotzdem kann es ja Erfahrungen geben, aus denen man etwas gewinnen kann. Die Gleichberechtigung war politisches Programm, aber gleichwohl hat sich ja vermutlich ein ganz anderes Selbstverständnis von Frauen entwickelt als im Westen. Ich kenne das von Radaffe empfohlene Buch nicht, es klingt aber für mich interessant. Zumindest kann ja die westdeutsche Erfahung auch im Vergleich mit der ostdeutschen an Selbstverständlichkeit verlieren.

  • @Peter „Das halte ich für illusionär.“ Ich auch. Es ging mir auch gar nicht darum, eine ehrliche Hoffung zu formulieren – sondern eher um den Gedanken, dass eine demokratische Fauenbewegung heute natürlich auch für männerrechtliche Themen offen sein müsste (sie müsste sie ja nicht zu ihrer Agenda machen). Dass es dazu nicht kommen wird, sondern dass sie sich auf die Behauptung zurückziehen wird, Feminismus sei eigentlich immer auch für Männer gut gewesen (und Männerrechtler seien daher völlig unnütz) – das glaube ich auch.

  • Der Hinweis auf die Top-Down-Implementierung ist gut – so läuft Politik aber auch woanders.
    Das meinte ich auch mit einer früheren Bemerkung über die (Nicht-) Professionalität der Männerrechtsbewegung: dieser feministischen Infrastruktur ist mit irgendwelchen wütenden Blogbeiträgen nicht beizukommen, die lachen sich halbtot in ihren ministerialen Büros, das sich die politischen Widersacher sinnlos mit Bloggen verschleißen. Um dagegen zu halten, braucht man eine ähnliche Maschinerie. Ich glaube, das ist die wichtigste Erkenntnis, die man in nächster Zeit mal verbreiten sollte. In Blogs kann man Standpunkte ausdiskutieren und sicher auch Denkfehler korrigieren, aber hier wird keine Politik gemacht. Deswegen ärgert mich auch die viele verpuffte Arbeitszeit. Die Leute wollen was ändern, nicht nur Dampf ablassen.
    Also ich wäre dafür, mehr Zeit darauf zu verwenden, 1. klarzustellen, was man ändern will und 2. Pläne zu entwickeln, wie man es umsetzt, indem man z.B. Abgeordnete unter Druck setzt, Untergruppen in den Partien http://www.rotemaenner.de (von denen ich vorher nie ghört hatte) kennt und unterstützt usw.

  • @man.in.th.middle „In Blogs kann man Standpunkte ausdiskutieren und sicher auch Denkfehler korrigieren, aber hier wird keine Politik gemacht. Deswegen ärgert mich auch die viele verpuffte Arbeitszeit. Die Leute wollen was ändern, nicht nur Dampf ablassen.“ Ich frag mich ja auch manchmal, was so ein Blog eigentlich soll.:-) Natürlich, man macht damit keine Politik – dazu müsste man in die Institutionen, oder man müsste tatsächlich Druck ausüben. Mein Gefühl aber ist: Bestenfalls kann man damit einigen Menschen ein wenig auf die Nerven gehen. Als ich hier zum Beispiel mal einen offenen Brief an eine Gleichstellungsbeauftragte geschrieben habe und vorher überlegte, dass die Form des offenen Briefes eigentlich ziemlich peinlich ist, hab ich es trotzdem gemacht – weil ich dachte, es wäre eigentlich gar nicht schlecht, wenn sich mehr Männer an Gleichstellungsbeauftragte wenden würden (Gründe genug gibt es ja), anstatt vorauseilend davon auszugehen, dass der Brief eh im Papierkorb landet.

    Aber politisch wirkungsvoll ist das natürlich noch nicht. Ich sehe die Funktion von Blogs eher darin, dass sie eine kleine Alternative zu den Mainstreammedien darstellen, deren Torwächter-Fubktion dadurch zumindest ein wenig angekratzt wird – es ist (das hat man ja bei der Aufschrei-Kampagne und den Reaktionen darauf gesehen) nicht mehr allein Sache der etablierten Medien, welche Themen gesetzt und in welche Richtung sie entwickelt werden. Und sie schaffen Möglichkeiten der Verständigung. Das ist eher eine Graswurzelbewegung als eine Top-Down-Impementierung, aber ich sehe eigentlich keine vielversprechende Alternative.

  • Mein post war zu lang, daher spalte ich ihn auf:

    Teil 1:

    „Ich frag mich ja auch manchmal, was so ein Blog eigentlich soll.“

    Mein Vorschlag dazu wäre Folgender: Ein blog ist selbstverständlich ein Ort der Meinungsbildung und Diskussion. Damit gehört sie zum Graswurzelbereich einer Bewegung und wird unbedingt gebraucht, um an den schon lange nicht mehr neutralen mainstream-Medien vorbei Transparenz in der eigenen Sache herzustellen, was letztlich die Basis für die Gewinnung neuer Unterstützer ist. Nicht immer bringen blogs eine Bewegung inhaltlich voran, ok, aber das wollen wir ja gerade bei den Männern verbessern.

    Also: Nicht blogs sind für etwas da, sondern eine Bewegung benutzt gute blogs in der Außendarstellung als unabhängige Referenzen zu Inhalten, die die Bewegung beschäftigen.

    Was unsere politische Wirksamkeit angeht, so scheint mir ein recht nahegelegener Weg folgender zu sein: Wir sind weder in der Lage (innerhalb des gesetzlichen Rahmen) Druck auszuüben – und wir brauchen es auch nicht zu tun. Wir sind ebenfalls nicht in der Lage, einzelne Entscheidungsträger in bestimmten Entscheidungen umzustimmen – und wir würden sowieso nur irre viel einsetzen und wenig gewinnen.

    Nein – diejenige Lobbyarbeit, die wirklich nachhaltig ist, ist besteht darin, valide Informationen bereitzustellen. Ihr lacht euch grade schlapp? Dann hört mal gut zu:

    In meinen Augen herrschen in Politik und Medien schnelle (nicht starke) Strömungen – alles ist in Bewegung, ständig ändert sich was und jeder versucht, auf dem Laufenden zu bleiben. Aber das klappt nicht. Beleg: Ich habe mal (den Anwalt) Gysi auf einem Vortrag in der Uni sagen hören „Von 10 Gesetzen, über die ich abstimme, weiß ich bei dreien vom Titel her, worum es geht – und die Qoute gilt als hoch.“. Das war Ende der 90iger und die meisten Abgeordneten sind Lehrer, keine Rechtsexperten. Damit will ich sagen: Alle wollen und müssen was Gutes/Sinnvolles machen, schaffen aber keinen guten Job, weil sie es zeitlich nicht gebacken bekommen, alle Infos selbst zu besorgen, selbst zu verdauen und dadurch wird jeder Entscheidungsträger zum Info-Manager, der bei Bedarf seinen Experten zu einer bestimmten Sache anruft und sich die Infos kommen läßt, die letztlich seine Entscheidung nicht erzwingen, aber dominieren. Beleg: 2/3 der zum Enron-Skandal gehörenden Koorespondenz gehörten zu genau solchen „Erklär mir mal X.“-Themen.

    Überlegt mal weiter: In dem Medien sitzen heute viele Frauen mit gesellschaftskritischem Studium, die keine Lust mehr auf neutralen Journalismus haben. Aber trotzdem wollen immer neue Leute „irgendwas mit Medien“ machen. Sie wissen genau, daß die mainstream-Themen besetzt sind und Außenseiterthemen haben nur eine Chance, wenn die Qualität wasserdicht ist. Die brauchen Nachschub an Themen – oder was glaubt ihr, ist der Grund dafür, daß sich neuerdings Berichte über Gewalt von Frauen in den Medien häufen? Eine geheimnisvolle Änderung eines auf noch geheimnisvollere Weise mit einzelnen Journalisten interagierenden öffentlichen Bewußtseins? Ich bitte euch ….

  • Teil 2:

    Und so in der Art geht es den meisten Entscheidungsträgern, die totendankbar dafür sind, wenn sie für ein bestimmtes Thema einen vertrauenswürdigen Experten kennen, den sie mal kurz kontaktieren können und der ihnen eine wasserdichte Ansicht guter Qualität medial wirksam formuliert im Handumdrehen zuschickt. Beleg: Der Planungsstab im Auswärtigen Amt funktioniert genau so und die Stiftung SWP wird für genau solche Zubringerdienste generös von der Regierung unterstützt.

    Ihr drängelt rum und fragt euch, was man politisch tun kann, um aktiv was zu ändern? Antwort: Glaubt nicht, daß ihr es selbst tun könnt, sondern beratet Leute, deren Beruf es – im Gegensatz zu uns – bereits ist, politisch wirksam zu sein …. und die Jahre ihres Lebens brauchten, um in diese Position zu kommen. Das könnt ihr nicht nachholen oder umgehen. Denn diese Jobs bringen viele Privilegien mit sich – glaubt ihr, die werden nicht verteidigt?

    Was ihr tun könnt: Macht eure Graswurzelbewegung, macht eure blogs, macht gute websites, dokumentiert eure Projekte, eure Arbeit und schickt diese Berichte an Leute, die was zu sagen oder zu verteilen haben. Nicht an Gleichstellungsbeauftragte, die via job eine Meinung haben, sondern z.B. an Firmenchefs mit der Bitte um Unterstützung, ein Initiative für behinderte Jungs z.B. wo die Sparkasse die Patenschaft übernimmt oder so … und dann werdet größer: Geht auf Veranstaltungen mit euren Projekten und sprecht Leute an, lernt, schreibt ungefragt sozialen Organisationen, denen ihr ungefragt über eure Projekte berichtet, geht mal zu Attac oder auf eine Wahlparty oder redet mit euren Kommunalpolitikern. Ihr dürft nicht nur fordern, sondern müßt im Schumpeterschen Sinne auch etwas bieten, Profilierung, Information (alles kostenlos) und auf diese Weise lernt ihr nach und nach, wie ihr die großen Fische knacken könnt: Abgeordnete. Beleg: Heute haben viele große Unternehmen bereits Büros in unmittelbarer räumlicher Nähe viele Abgeordneter, deren Mitarbeiter sie selbst bezahlen und die umsonst Gutachten oder Gesetzesvorschläge erstellen, aus denen die Abgeordneten ihre politische Arbeit (zum Teil) speisen. SO funktioniert Lobby – die feministische Infrastruktur müßt ihr nicht selbst in schutt und Asche sprengen.

    Und dafür müßt ihr euch fragen, was ihr am besten könnt, wie ihr am besten beitragen könnt. Arne z.B. macht gute Nachrichten. Ich bin Analytiker und obwohl sich wohl schon einige über die Gehirnakrobatik gewundert haben, die ich hier vollbringe, ist es doch das, womit ich am Besten betragen kann – obwohl ich lieber wie Gysi die CDU im Bundestag verbal auspeitschen möchte. Aber: Er kann das besser und wir müssen und dürfen nicht alle dasselbe machen – erfolgreiche Lobby beruht auf erfolgreicher Kooperation, die nachprüfbare, gute Ideen zu wichtigen Themen zur richtigen Zeit am richtigen Ort bedingungslos bereitzustellt.

    „Politischer Druck“ ist Quatsch, seit die Welt kompliziert wurde – zu kompliziert für Demokratien. 😉

  • @Schoppe 3. Mai 2013 15:29 „Ich frag mich ja auch manchmal, was so ein Blog eigentlich soll.:-)“

    Ahäm, meine Formulierung war womöglich etwas ungeschickt…. mit „In Blogs kann man Standpunkte ausdiskutieren und sicher auch Denkfehler korrigieren“ wollte ich natürlich nicht sagen, daß das unwichtig sei, im Gegenteil, es ist extrem wichtig, daß man sich darüber klar wird, was man will und wie man Forderungen begründet, und erst danach „Politik macht“.

    @jungsundmaedchen 3. Mai 2013 16:52 „diejenige Lobbyarbeit, die wirklich nachhaltig ist, ist besteht darin, valide Informationen bereitzustellen“

    Ich sehe das genauso. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und behaupten, daß valide Informationen auch für den inneren Zusammenhalt einer Bewegung essentiell sind.

    Die Einschätzung des Eigenlebens der Ministerialbürokratie teile ich; ich verkehre zwar nicht in diesen erlauchten Kreisen, habe aber oft genug aus anderen Quellen das gleiche gehört.

    In dem Zusammenhang mit valider Information noch die Bitte, einen kritischen Blick auf zwei neu angelegte Themenseiten zu werfen, und zwar

    1. eine zur moralischen Diskreditierung von Männern http://maninthmiddle.blogspot.de/p/blog-page_30.html

    2. eine zur Diskriminierung von Männern im Strafrecht http://maninthmiddle.blogspot.de/p/diskriminierung-von-mannern-im.html

    Es geht darum, zu auf der Seite selber kurz und knapp darzustellen, was das Problem ist, ggf. welche politischen Forderungen daraus resultieren, und wo man genaueres und mehr Details finden kann. Weder Politiker noch Ministerialbürokraten haben viel Zeit, man muß in 1 – 2 Minuten Lesezeit auf den Punkt kommen und dort überzeugende und korrekte Informationen bieten.

    Am wichtigsten ist, das der Politiker (generisches Maskulinum natürlich!!) eine Steilvorlage bekommt, durch welche Wohltaten bzw. Skandalaufdeckung er morgen in die Zeitungen kommt.

    Besonders zufrieden bin ich noch nicht. Beispielsweise ist der Blog von Gabriele Wolff eine Fundgrube für Material über zur Diskriminierung von Männern im Strafrecht, aber eben eine Grube ;-), in der man erst einmal lange suchen muß. Daher sind Tips, wie man das besser machen kann, immer willkommen.

  • „Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und behaupten, daß valide Informationen auch für den inneren Zusammenhalt einer Bewegung essentiell sind.“

    Da bin ich nicht so sicher: Die wenigsten Feministen wissen über ihre Theorie gut Bescheid und es ist schon nach kurzer Lektüre in der Regel möglich, diese Leute auszuargumentieren.

    Ein gutes Narrative wie „Damsel in Distress“ scheint für einen Zusammenhalt zu reichen.

  • qjungsundmaedchen „Ihr dürft nicht nur fordern, sondern müßt im Schumpeterschen Sinne auch etwas bieten, Profilierung, Information“ In diesem Sinne ist Männerpolitik durchaus schon erfolgreich gewesen. Was die Rechte von Vätern angeht, sind beispielswiese die Veränderungen bekanntlich minimal, und sie brauchen Anstöße von außen – aber das Thema ist präsent, und solche seltsamen Artikel wie den in der taz ( http://www.taz.de/!115650/ ) gäbe es gar nicht, wenn eine Alleinerziehendenlobby gar nichts zu befürchten hätte. Dabei ist etwa der Väteraufbruch deutlich kleiner als entsprechende Lobbyorganisationen der Alleinerziehenden, und viele Väter sind nur kurzfristig dabei (bis sie einen Weg gefunden haben, irgendwie mit den Schwierigkeiten ihrer Situation klarzukommen). Im Verhältnis dazu ist der Einfluss sogar recht groß.

    Es kommt eben auch darauf an, WAS man bietet, nicht nur darauf, wie viele es tun. Eigentlich ist es wichtig, anderen, die politisch engagiert sind, die Möglichkeit zu geben, sich selbst gut und überzeugend präsentieren zu können. Dazu gehört auch ein überzeugendes, allgemein verständliches Narrativ (siehe unten) – und das findet sich, beispielsweise, in Geschichten über die Ausgrenzung von Vätern sehr wohl. Da ist es eigentlich für alle, die nicht selbst einer Alleinerziehendenideologie nachhängen, offensichtlich, dass bestehende Regelungen nicht tragbar sind.

  • @man.in.th.middle „Ahäm, meine Formulierung war womöglich etwas ungeschickt“ Nein, ich weiß, worauf Du hinaus wolltest – und außerdem ist es j eine berechtigte und naheliegende Frage, was so ein Blog eigentlich soll. 🙂

    Die Seite über „Sexismus gegen Männer“ auf Deinem Blog gefällt mir gut – insbesondere auch, dass Du Dich gar nichts erst auf die Diskussion einlässt, ob Sexismus nicht eigentlich nur Frauen treffen könne (da wäre die typische Argumentation: Sexismus präge und nutze Geschlechterklischees aus einer Machtposition gegen weniger Mächtige heraus – die gesellschaftliche Macht sei männlich – also gäbe es weder weiblichen Sexismus noch Sexismus gegen Männer). Es ist ja an unzähligen Beispielen offensichtlich, dass es auch Sexismus gegen Männer gibt.

    Bei der Seite über strafrechtliche Diskriminierungen hab ich mir überlegt, ob nicht zumindest ein Hinweis auf die These wichtig wäre, dass es einen „Frauenbonus“ vor Gericht gäbe. Allerdings ist es in der Kürze gar nicht möglich (glaube ich), die entsprechenden Thesen von Geißler und Marißen sowie die Kritik daran zu diskutieren.

    Der Schwerpunkt, den Du setzt, ist also gewiss plausibel. „Die gesellschaftlich akzeptierter und von interessierter Seite vielfach geforderte Aussetzung von Grundrechten geht auf die tiefgreifende moralische Diskreditierung von Männern zurück.“ Das finde ich richtig, ist aber in meinen Augen so etwas ZU knapp – man muss schon vieles wissen, um zu verstehen, was gemeint ist und die Äußerung nicht einfach als Polemik zu verstehen. Ich glaube, ein, zwei knappe erklärende Sätze wären hier gut. (OT: „akzeptierter“ hat ein „r“ zuviel)

    Einen schönen Start ins Wochenende! Dein Blog sieht gut aus und ist sehr angenehm zu lesen, finde ich.

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