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Wie Spider-Man an lauter Väter kam (und sie gleich wieder verlor) – Marc Webbs „The Amazing Spider-Man“

Spider Man amazing
geschrieben von: Lucas Schoppe
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„Mal ehrlich – wen interessiert das?“ fragte die Süddeutsche Zeitung skeptisch, als im vergangenen Jahr ein neuer Spider-Man-Film in die Kinos kam, der die Geschichte wieder einmal von vorn erzählte, die gerade erst von Sam Reimi und seinen Spider-Man-Filmen erzählt worden war.  „Zehn Jahre sind auch in der Ära des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms eine kurze Zeitspanne für ein Remake,“ kommentiert die Zeit dazu. Aber da wird schon deutlich: Es interessiert viele – die Superhelden-Populärkultur ist längst im klassischen Feuilleton angekommen, und die großen Zeitungen und Magazine stehen Spalier, wenn ein neuer Spider-Man Film erscheint – auch der Spiegel, dessen Rezensent den Film „absolut sehenswert“ findet, oder die FAZ , die Spider-Man selbstverständlich mit Kafkas Gregor Samsa vergleicht, der bekanntlich eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte und sich in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt sah.

Die Zeiten, in denen Comics und Comic-Verfilmungen als Schund galten, sind längst vorbei. Gründe dafür erläutert beispielsweise der amerikanische Philosoph Richard Shusterman in seinem Buch „KunstLeben. Die Ästhetik des Pragmatismus“, in dem er sich  mit einer Reihe von Argumenten auseinandersetzt, die populäre Kunst für minderwertig erklären. Kritiker führten beispielsweise häufig das Argument an, dass Kunst, die für ein breites Publikum gemacht ist, dabei einen notwendigerweise kleinen gemeinsamen Nenner finden müsse, also qualitativ nicht hochwertig sein könne. Shustermann entgegnet, dass populäre Kunst, gerade weil das angesprochene Publikum keineswegs eine homogene Masse sei, sich in ganz verschiedenen Kontexten und im Rahmen ganz verschiedener individueller und sozialer Erfahrungen sinnvoll verstehen lassen müsse. (S. 140 ff ) Sich mit einem Film wie „The Amazing Spider-Man“ auseinanderzusetzen, stülpt also nicht einfach mehr oder weniger intellektualisierende Interpretationen über einen Film, der doch eigentlich nur ganz unschuldig zur Unterhaltung gedacht war. Der Film kann ja gerade deshalb unterhalten, weil er an die Erfahrungen vieler anknüpft, sie verwandelt und für sie überzeugende Bilder findet.

 „Der ‚Reboot‘ der früheren „Spider-Man“-Filme fügt der Titelfigur keine originellen Ideen oder Ausdeutungen hinzu“, schreibt das 2001-Filmlexikon über die neue Verfilmung. Das stimmt nicht. „The Amazing Spider-Man“ rückt ein Thema regelrecht obsessiv in den Mittelpunkt und deutet es wieder und wieder auf neue Weise aus, das in den vorherigen Verfilmungen eher ein Thema für die Nebenhandlung war: die Bedeutung von Väterfiguren.

Inflation der Väter Im ursprünglichen Comic lebt Peter von Beginn an bei seiner Tante May – die Frage nach seinen Eltern wird erst spät gestellt.  Marc Webbs Film aber erzählt eine Vorgeschichte: Peter (Andrew Garfield) wächst zunächst bei seinen Eltern auf, sein Vater ist Wissenschaftler und offenkundig mit bahnbrechenden Forschungen beschäftigt, einen Einbruch in sein Arbeitszimmer werten die Eltern als Alarmsignal, so dass sie den kleinen Peter zu Uncle Ben (Martin Sheen) und Aunt May (Sally Field) bringen – und kurze Zeit später bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommen. „Be good!“ sind die letzten Worte des Vaters an den Jungen (die von May ganz am Ende des Films wieder aufgegriffen werden). Als der jugendliche Peter Nachforschungen über den Tod seiner Eltern anstellt und etwas über die väterliche Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftler Curt Connors (Rhys Ifans) herausfindet, schleust er sich in einer Besuchergruppe in dessen Arbeitsplatz im Oscorp-Tower ein, schleicht sich in einen abgesicherten Bereich und entdeckt dort eine große Menge genetisch veränderter Spinnen, die auf ihn herabfallen. Er bemerkt nicht, dass eine von ihnen unter sein Hemd krabbelt, die ihn wenig später beißen wird.

Das Andenken des Vaters hat im Film eine zentrale Bedeutung, das der Mutter ist im Vergleich dazu auf fast unglaubwürdige Weise unwichtig. Zu dem Science-Nerd, als der Peter aus den Comics bekannt ist, wird er erst, als er die Brille des Vaters findet und sie statt seiner Kontaktlinsen aufsetzt. Vor allem aber seine besonderen Kräfte sind ein väterliches Erbe – die Spinnen sind Resultat der Forschungen Richard Parkers.

Zugleich baut der Film die Rolle Bens, Peters Onkel und sozialer Vater, aus. Im Comic besteht seine wesentliche Funktion darin, erschossen zu werden  – und Peter damit deutlich zu machen, dass er seine Kräfte zum Wohl anderer einsetzen müsse. In der ersten Verfilmung wurde diese Funktion ausgestaltet, aber kaum variiert – Ben kann Peter, bevor er erschossen wird, lediglich noch den Schlüsselsatz mitgeben, dass große Macht mit großer Verantwortung verbunden sei. In „The Amazing Spider-Man“ jedoch ist seine Rolle deutlich größer, er ist über lange Strecken die zentrale männliche Bezugsperson Peters, und selbst nach seinem gewaltsamen Tod hat er – über eine auf der Mailbox hinterlassene Nachricht – eine wesentliche Funktion für die Handlung.

Auch in anderen Bereichen trifft Peter auf Vaterfiguren. Der Kollege Richard Parkers, Curt Conners, ist als Wissenschaftler für kurze Zeit eine Konkurrenz für Ben um die Aufmerksamkeit des wissenschaftsbegeisterten Peters – er ist ein sozialer Pate, der den Jugendlichen in seine Forschungen einführt und ihm so die Welt öffnet, in der auch sein Vater tätig war. Captain Stacy, der Vater der von Peter geliebten Mitschülerin Gwen (Emma Stone – die ihre „Gwen“ übrigens als „Vatertochter“, „daddy’s Girl“ beschreibt), übernimmt zunächst eine Funktion, die im Comic und in der ersten Verfilmung der Publizist J. Jonah Jameson hatte: Er verurteilt als Polizist, also als Hüter von Gesetz und Ordnung öffentlich das Wirken des mysteriösen „Spider Man“, der auf eigene Faust Straftäter fängt und sie an die Polizei weiterreicht. Am Abendtisch von Gwens Familie geraten er und Peter darüber in einen Streit. Später aber, als Captain Stacy erfahren hat, dass Peter und Spider-Man identisch sind, erkennt Captains Stacy ihn an und schützt ihn – es ist die gemeinsame Sorge um Gwen, die beide verbindet und zusammenarbeiten lässt.

Neben dem biologischen Vater Richard, dem sozialen Vater Ben und den beiden an eine bestimmte, für Spider-Man jeweils bedeutsame Profession gebundenen Vaterfiguren Connors und Stacy begegnet Peter in einer kurzen Szene noch einer regelrecht ikonischen Vater-Figur. Als der Lizard, eine gigantische Mixtur aus Mensch und Echse, auf einer Brücke randaliert, gerät dabei ein kleiner Junge in Lebensgefahr – er sitzt in einem Auto, das in den Fluss zu stürzen droht. Der Vater bittet Spider-Man inständig, dem Jungen zu helfen – Spider-Man rettet den Kleinen in einer dramatischen Szene – und als der Vater seinen Sohn in den Arm nimmt und festhält, zoomt die Kamera auf Peter, der sich die Szene gebannt anschaut: Auch wenn sein Gesicht durch die Maske verdeckt ist, zeigt sich deutlich, dass er seinen Vater vermisst. Eben dieser Mann, der Vater auf der Brücke, trägt dann auch viel später entscheidend zum guten Ende des Geschehens bei. Er sieht im Fernsehen, dass Spider-Man im Kampf verletzt wurde und humpelt – er alarmiert seine Kollegen, die wie er beim Bau arbeiten und riesige Kräne dirigieren – und mit diesen Kränen schaffen sie Spider-Man gemeinsam gleichsam ein Spalier, durch das er, sich von Kran zu Kran hangelnd, zum Oscorp-Tower eilen kann, wo der Lizard Gwen und die ganze Stadt bedroht. Eine pathetische, aber durchaus stimmige Szene, in der der Einzelgänger Spider-Man, soeben noch von der Polizei verfolgt, die Unterstützung der Arbeiter erfährt und zum ersten Mal in eine Gemeinschaft integriert wird.

Superhelden, gespaltene Persönlichkeiten und die Freuden der Masturbation Ansonsten zerfällt natürlich auch er, ganz superheldentypisch, in zwei schwer vereinbare Aspekte seiner Person: In einen sozial angepassten, normalen bürgerlichen Menschen und ein übermenschliches, mächtiges Wesen, das durch die Maske eine Identifikation beider Seiten verhindert. Gespiegelt wird diese Doppelperson im Antagonisten, dem Lizard – Dr. Curt Connors, der sein eigenes genetisches Material mit dem einer Echse verbunden hat, um einen amputierten Arm nachwachsen lassen zu können. Beide, Lizard und Spider-Man, eignen sich zu Außenseitern, beide sind jeweils verbunden mit dem genetischen Material eines Tieres, das gemeinhin eher Angst und Ekel auslöst, und beide sind Resultate der Forschungen von Richard Parker. Die übermenschlichen Helden sind eben wie die übermenschlichen Schurken Variationen desselben Motivs, nämlich des Dr. Jekyll und Mr. Hyde-Motivs, nur dass sie eben ganz unterschiedlich mit der Macht umgehen, die sie haben: Connors in der Herrschaft über andere, Peter Parker in der Kooperation  mit anderen. Es ist ein Grundthema der Spider-Man-Geschichten, dass er die Verantwortung, an die Peter durch Vater und Onkel gemahnt wird, gleich auf zwei Weisen verfehlen kann – dadurch, dass er seine Macht missbraucht, und dadurch, dass er sie gar nicht gebraucht und andere nicht von ihr profitieren lässt.

Dabei wird Peter Parker zunächst keineswegs als mächtig dargestellt: Er kann sich kaum wehren, als der Schulhof-Bully Flash Thompson ihn angreift, er hat wenig Erfolg bei seinen Mitschülerinnen – eine fragt ihn, ob er am Samstag Zeit habe, will dann aber gar kein Date mit ihm, sondern möchte ihn engagieren, um ausgerechnet das Auto ihres Freundes zu fotografieren – und er zwängt sich höflich-hilflos an einem Liebespaar vorbei, das ihm küssend den Zugang zu seinem Schulschrank versperrt. Als er dann nach dem Spinnenbiss enorme Kräfte entwickelt, kann er damit zunächst kaum umgehen – er klebt in der U-Bahn plötzlich an der Wand, als er aus unruhigen Träumen geweckt wird, fällt verwirrt hinunter, reißt einer Frau aus Versehen die Bluse vom Leib, als er mit seinen klebrigen Händen daran hängen bleibt, und schlägt eher aus Versehen Männer nieder, die ihn angreifen. Als er sich kurz darauf durch die Stadt schwingt, wirkt das eher unbeholfen als fröhlich. Er ist seinen eigenen Kräften noch nicht gewachsen.

„Wenn es jemals eine perfekte Metapher in einem Mainstreamfilm über die Freuden der Masturbation gab, dann war es jener Moment, in dem Peter Parker erstmals weiße Spinnenfäden aus seinem Handgelenk schießt,“ erinnert ein Rezensent an den vorangegangenen Spider-Man-Film. Dass hier – wie übrigens auch in der Kritik der FAZ – die Spinnenfäden als Masturbationsmetapher verstanden werden, lässt einige Szenen auf drastische Weise als witzig erscheinen (etwa, wenn Peter mit seinem Netz schleudert, um einen Dieb an eine Wand zu fesseln), ist aber zu eindimensional. Im Comic wie im neuen Film sind die Fäden kein Teil der wundersamen Spinnenkräfte, sondern Ergebnis einer Konstruktion des Wissenschafts-Nerds Peter Parker. Im Vergleich etwa zu Superman ist Spider-Man eben nur eingeschränkt übermenschlich, kann beispielsweise nicht fliegen und behilft sich dadurch, dass er sich an Spinnenfäden durch die Stadt schwingt. Eben das macht dann auch den Reiz dieses Helden aus: Er ist immer wieder zunächst einmal überfordert, verliert beispielsweise zuverlässig jeden ersten Kampf mit einem neuen Gegner schmerzhaft und muss dann immer wieder Lösungen für die alte neue Situation finden.

Inflation der Vaterlosigkeit So spiegeln seine außergewöhnlichen Kräfte, die im Rahmen einer normalen bürgerlichen Existenz nicht mehr realisierbar sind und die aus Peter wie aus anderen Superhelden eine doppelte Person machen, auch eine Situation außergewöhnlicher Überforderung. Es sind im Film Vätergestalten, die eine Möglichkeit zur Integration dieser Doppelexistenz eröffnen – Peter kann seine Kräfte als ein Teil eines väterlichen Erbes interpretieren, und hat zugleich Ben, der ihn an seine Verantwortung zum sinnvollen Gebrauch seiner Kräfte erinnert, der ihm aber auch das Versprechen gibt, heimkommen zu können. Auf der Mailbox-Nachricht, die Peter nach Bens Tod immer wieder hört, sagt sein Onkel: „If anyone’s destined for greatness, it’s you, son. You owe the world your gifts. You just have to figure out how to use them. (…) So come on home, Peter. You’re my hero. And I love you.“
Captain Stacy wettert gegen Spider-Man, solange er in seiner Funktion als Polizist aufgeht – als Vater aber akzeptiert er Peter in seiner Doppelrolle nicht nur, sondern hilft ihm auch. Es sind in diesem Film eher die Frauenfiguren als die Männer, die als Hüter der Ordnung erscheinen – die liebevoll-resolute Aunt May und allen voran Gwen. Sie arbeitet – auch das ist eigentlich eine sehr unwahrscheinliche Volte – schon als Schülerin bei Dr. Connors und führt ausgerechnet die Besuchergruppe durch das Gebäude, in die sich Peter eingeschleust hat. Als sie Peter dabei erwischt, dass er die Gruppe verlassen und die Forschungseinrichtung auf eigene Faust besichtigt hat,  verweist sie ihn des Gebäudes und bemerkt dabei nicht einmal, dass sich im selben Moment und direkt vor ihren Augen etwas Zentrales ereignet: Peter wird von der Spinne gebissen. Als Peter später erklärt, dass er seine Kräfte gegen Verbrecher einsetzt, kann Gwen ihn dann ihn zunächst nicht verstehen: „That’s not your Job.“ Dass sie schließlich über diese Rolle hinaus wächst und loyal zu Peter als Spider-Man hält (obwohl sie – „Oh, I’m in trouble…“ – weiß, dass es sie auch selbst in Schwierigkeiten bringen wird), macht dann ihre Stärke aus.

Die Väterfiguren hingegen stehen weniger für das Aufrechterhalten einer Ordnung, sondern für die Integration dessen, was über diese Ordnung hinausgewachsen ist. Alle diese Väter aber verliert Peter wieder – Ben und Captain Stacy sterben, sein Vater ist schon tot, Connors erweist sich als unreif und der Rolle als väterlicher Freund und sozialer Pate nicht gewachsen. So arbeitet dieser Film eine Struktur heraus, der möglicherweise bestimmend für Superhelden-Geschichten ist: Auf der einen Seite eine Spaltung in eine normale, angepasste, bürgerliche Person und einen Helden, der Kräfte hat, die in diese Person nicht integrierbar sind und die über das Maß des Normalen hinaus gehen – und auf der anderen Seite, bei Superman, bei Batman, bei Spiderman, bei Daredevil, bei Green Lantern  eine regelrechte Inflation der Vaterlosigkeit.

Es gebe in der gesamten Weltliteratur eigentlich nur einen einzigen Plot, erklärt am Ende eine Literaturdozentin ihrer Klasse: „Who am I?“ (eben diese Frage, „Who are you?“, richtet zuvor auch der nach der Rettung seines Sohnes erleichterte Vater auf der Brücke an Peter). Dass Spider-Man in hier eigentlich keinen echten Gegenspieler hat, sondern dass der Lizard lediglich ein dunkler Spiegel seiner Person ist, unterstützt diese These – im Film geht es um keinen Kampf des Guten gegen das Böse, sondern um die Frage nach der eigenen Identität, die immer wieder mit der Frage nach dem Vater verknüpft wird. Ganz am Ende des Films, noch nach dem Nachspann, erhält Dr. Connors einen mysteriösen Besuch in seiner Gefängniszelle, der ihn fragt, ob er Peter die Wahrheit über seinen Vater verraten habe. Connors verneint. Der Vater bleibt ein Rätsel, das Verhältnis des Sohnes zu ihm bleibt ungeklärt – und eben das bietet die Gewähr dafür, dass die Superheldengeschichte weiter gehen kann, und muss.

Literatur, soweit sie nicht verlinkt ist: Richard Shusterman: Kunst Leben. Die Ästhetik des Pragmatismus, Frankfurt am Main 1994
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