Väter

Leuchten

Bild zeigt Sonnenuntergang am Stand mit Vater und Sohn.
geschrieben von: Lucas Schoppe
Jetzt ist das Abitur für dieses Jahr fast vorbei. Heute habe ich noch einmal in einer Aufsicht gesessen, für einige Nachschreiber, und da ich meine Klausuren korrigiert und freundliche Gutachten geschrieben und also sonst nichts anderes zu tun hatte, konnte ich mir die Zeit endlich einmal wieder mit dem Schreiben eines eigenen Textes die Zeit vertrieben.
Vor Kurzem habe ich, warum auch immer, eine Interpretation zu Kafkas Erzählung „Das Urteil“ gelesen, die ausdrücklich aus der Perspektive der „Gender Studies“ geschrieben war. Die Verfasserin stellte dabei zunächst einmal die Gender Studies vor und legte Wert darauf, dass dort menschliche Beziehungen unter dem Gesichtspunkt der Macht analysiert würden. Mir kam das ein wenig einseitig vor, zumal unausgesprochen damit ja ohnehin nur eine Macht gemeint ist (die der Männer über Frauen) – als ob die soziale Interaktion, erst recht die im persönlichen Umfeld, nicht noch durch ganz andere Motive, Bedingungen und Gefühle bestimmt wäre. Zu Kafkas Text passt diese Perspektive aber, vordergründig zumindest – eine Vater-Sohn-Beziehung, in der ein alter Vater zunächst schwächlich und hilfsbedürftig wirkt, der Sohn dagegen erfolgreich und gefasst, während schließlich der Vater mächtig und triumphierend dasteht und der Sohn sich von einer Brücke stürzt.
(Man merkt aber dieser auf das Machtverhältnis konzentrierte Wiedergabe vielleicht schon an, dass auch Kafkas Erzählung damit möglicherweise ein wenig verkürzt wird.)

Da ich, auch zufällig, neulich ein Bild gesehen habe, das mich an die Erzählung Kafkas erinnert hatte, und da ich hier ohnehin schon ab und zu kurze Texte zu Bildern veröffentlicht habe, hatte ich heute Morgen also selbst etwas zu schreiben.

Leuchten
„Ein alberner Satz, der mit der Pralinenschachtel“, sagte er und wartete auf eine Antwort, als ob es offensichtlich wäre, was er meinte. „Es geht los“, dachte Georg, „er weiß nicht mehr recht, was er sagt. Jetzt verliert er es.“ Doch dann setzte der Vater fort: Sie sei so wie das Leben, niemals wisse man, was darin ist. Ein ganz interessanter Film, aber er habe nie verstanden, warum der Satz so berühmt wurde. Er sei banal, und dabei bringe er das Kunststück fertig, gleichzeitig banal UND falsch zu sein.
Georg erinnerte sich, dass er den Film mit seinem Vater gemeinsam im Kino gesehen hatte, schon erwachsen und im Studium und kurz auf dem Besuch bei den Eltern. „Damit das Leben leuchtet, muss es brennen. Der Satz gefiel mir immer viel besser“, sagte der Vater. Georg fiel nicht ein, woher er kam, er fand den Satz pathetisch, und er wollte ihn nicht hören. Er verstand aber, warum er seinem Vater gefiel.
Familienbilder. Der Vater mit dem Kinderwagen, stolz in die Kamera schauend, strahlend. Vater und Mutter mit Freunden, sie schaut in die Kamera, skeptisch, er ist mit einem Gespräch beschäftigt. Ein Bild von Georg, am Meer, mit kurzen Hosen – er erinnerte sich, wie der Vater das Bild gemacht hatte. Die Mutter hält den kleinen Georg im Arm hält, schaut ihn an und streichelt ihn mit dem Finger leicht im Gesicht, der Vater schaut ihr über die Schulter und lacht. Ein Bild, auf dem der Vater Georg hält, da ist er erst wenige Wochen auf der Welt, sein Gesicht auf einem Handtuch über der Schulter des Vaters.
Und nun schnitt Georg mit seinen groß gewordenen Kinderhänden das Brot, das die Krankenschwester hereingebracht hatte, und reichte dem Vater die Stücke vorsichtig zum Mund. „Was ist?“ fragte dieser. „Nichts, ich habe gerade an etwas gedacht“, antwortete Georg. „Du sahst aus, als ob Du weinen würdest“, sagte der Vater. „Das weiß ich nicht“, sagte Georg und machte einen beschäftigten Eindruck.
Der Vater kaute, nahm ab und zu einen Schluck von dem Tee, den Georg ihm reichte, sah seinen Sohn an, beugte sich vor, sicher, ohne zu fallen, sah weiter seinen Sohn an, sank schließlich zurück, nahm ein Taschentuch, wischte sich den Mund ab und lächelte. „Wir haben Zeit“, sagte er.
Zu Neo Rauchs Vater
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