Krieg im Frieden – Bernhard Lassahns erster Band der "Trilogie zur Rettung der Liebe"

„In dem Roman Die Wand von Marlen Haushofer aus dem Jahr 1968, der nun verfilmt wurde, tut sich plötzlich eine unüberwindliche, gleichwohl unsichtbare Wand auf und isoliert die Frau von der Welt. Das Buch war nie ein Beststeller. Es gehört aber, wie die Kritikerin Elke Heidenreich festgestellt hat, zu den Büchern, die tatsächlich am meisten gelesen wurden – ein Longseller, ein Lieblingsbuch der Frauenbewegung, das ihr Lebensgefühl in ein bedrückendes Bild kleidet, in dem es keine Hoffnung auf ein gutes Ende gibt.“
So beschreibt Bernhard Lassahn in seinem „Frau ohne Welt“ aus einer „Trilogie zur Rettung der Liebe“ Marlen Haushofers Roman. Der Hinweis auf die Unmöglichkeit eines guten Endes erklärt sich schon aus dem Untertitel von Lassahns großem Essay: „Der Krieg gegen den Mann“ (die Rezension dazu auf Genderama findet sich hier).

Die These, dass in den westlichen Gesellschaften ein beständiger, zäher Krieg gegen Männer geführt werde, steht im Zentrum des Textes, der diese These in immer neuen Aspekten umkreist. Lassahn steht damit nicht allein: Dass es einen „Krieg gegen die Männer“, einen „war on men“ gäbe, war gerade erst Thema eines viel zitierten und heftig angegriffenen Textes im Wall Street Journal, einer der wichtigsten Tageszeitungen der USA. Ganz ähnlich ist das Bild, dass eben erst die US-Psychologin Helen Smith in ihrem aufsehenerregenden Buch „Der Streik der Männer“ („Men on Strike“) zeichnet, in der sie westliche Gesellschaften als eine feindselige Umgebung für Männer beschreibt und so erklärt, warum immer mehr Männer sich aus gesellschaftlicher und familiärer Verantwortung zurückzögen – zum Schaden für alle (auch dazu eine Rezension von Arne Hoffmann).

Leben wir also tatsächlich in Kriegszeiten?

Kriegslogik in Friedenszeiten

„Wir können uns kaum vorstellen, dass es zwischen Frauen und Männern Krieg gäbe…(…) Der Krieg, in dem wir stecken, ist ein asymmetrischer und ein für viele unsichtbarer Krieg.“ (Lassahn, S. 8f.)

Lassahn bietet fast unüberschaubar viele Belege für männerfeindliche Positionen in Politik, Medien und Gesetzen. Er listet Buchtitel auf, die Männer durchweg als dumm, gewalttätig, liebesunfähig, nutzlos, ja lebensunwert darstellen (S. 33f.), zeigt am Beispiel der Gender-Forscherinnen Ingelore und Isabel Welpe die Position einer „female supremacy“, die Männer faktisch zu Untermenschen erklärt und dies im Rahmen der Gender Studies als seriöse Wissenschaft verkaufen kann (S. 35ff.).

Er erläutert, dass die Männerverachtung „von einer belächelten Minderheitenmeinung zur dominierenden Weltanschauung geworden“ sei (S. 40).

Er zeigt, wie feministische Sprachsteuerung die Ebene einer umfassenden menschlichen Gemeinsamkeit diffamiert und stattdessen auf einer Betonung der Geschlechterunterschiede besteht (S. 52 ff.) und „männerfreie Zonen“ (S. 72) schafft, arbeitet Gemeinsamkeiten von Sexismus und Rassismus heraus und zeigt, dass Sexismus, wenn er sich gesellschaftlich etabliert, „in die Selbstvernichtung“ führe (S. 62).

Er geht darauf ein, wie die Politik des „Gender Mainstreaming“ 1995 bei der Weltfrauenkonferenz in Peking als elitäres, undemokratisches Programm etabliert und später ohne ernstzunehmende Aufklärung der Bevölkerung in nationalen Politiken durchgesetzt wurde (S. 106ff.) und wie die rot-grüne Regierung das sogenannte „Gewaltschutzgesetz“ zu Beginn des Jahrtausends als Gesetz etablierte, das die Unschuldsvermutung zu Lasten von Männern aushöhlte und es ermöglichte, sie ohne Beweise von Übergriffen aus den gemeinsamen Wohnungen zu vertreiben.

„Man kann den Frauen von Rot-Grün, die dieses Gesetz durchgebracht haben, den Vorwurf nicht ersparen: Sie haben getreu der feministischen Unart des Wegguckens gehandelt, und alle Forschungen, die belegten, dass häusliche Gewalt zu gleichen oder sogar zu größeren Teilen von Frauen ausgeht, unter den Tisch fallen lassen. Sie kannten die Studien. Sie wussten, was sie tun.“ (S. 150)
Am Grundsatzprogramm der SPD und dem berüchtigten Satz, die männliche Gesellschaft müsse überwinden, wer die menschliche Gesellschaft wolle, verdeutlicht Lassahn dann, warum er dem Feminismus einen Vernichtungswillen unterstellt:
„Die Gemeinschaft, die für sich selbst die ‚Menschlichkeit‘ in Anspruch nimmt, will sie (die Männer) nicht. So wird mit der Sprache das Männliche vom Menschlichen getrennt. Als ich dem Feminismus (…) einen Vernichtungswillen bescheinigte, mag das noch übertrieben gewirkt haben. Das ist es aber nicht. Der Vernichtungswille ist real.“ (S. 162)
Natürlich lässt sich auch hier wieder fragen, ob nicht eben diese Position übertrieben ist. Feindseligkeiten gegen Männer, auch gegen alle Männer, lassen sich sicherlich in vielen Statements von Politikerinnen, Journalistinnen, Lobbyistinnen und ihren männlichen Bündnispartnern finden, auch in gesetzlichen Regelungen – aber „Krieg“? „Vernichtungswille“? Was rechtfertigt diese Wortwahl?

Lassahn zitiert den Richter Harald Schütz:

„‘In unserem Rechtsstaat kann es Menschen, weit überwiegend Vätern, widerfahren, dass gegen ihren Willen und ohne ihnen anzurechnendes schuldhaftes Verhalten ihre Ehen geschieden, ihnen ihre Kinder entzogen, der Umgang mit ihnen ausgeschlossen, der Vorwurf, ihre Kinder missbraucht zu haben erhoben und durch Gerichtsentscheid bestätigt und sie zudem durch Unterhaltszahlungen auf den Mindestselbstbehalt herabgesetzt werden. Die Dimension solchen staatlich verordneten Leides erreicht tragisches Ausmaß und sollte seinen Platz auf der Bühne, nicht in unserer Rechtswirklichkeit haben.‘“ (S. 156)
Eben solche rechtlichen Rahmenbedingungen wären nicht möglich, wenn es lediglich um zivile Interessengegensätze zwischen Müttern und Vätern ginge, die auch prinzipiell zivil moderiert werden könnten. Sie sind nur möglich als Resultat einer Politik der erbitterten Feindschaft, die nicht einmal mehr momentelang bereit ist, Situationen auch aus der Perspektive der Bekämpften zu betrachten. So ist es sehr schlüssig, wenn Lassahn schon zu Beginn seines Buches die Goldene Regel zitiert („Was du nicht willst, was man dir tu, das füg‘ auch keinem andern zu.“, S. 21) und ihren Bruch als „Zivilisationsbruch“ darstellt.
Das ist treffend. Eine politische Position, die eine zivile Gemeinsamkeit von Männern und Frauen verneint, die gesellschaftliche Bedingungen schlankweg und ausgerechnet als „Patriarchat“, also als „Väterherrschaft“ beschreibt, zivile Ordnungen als scheinhaft darstellt und behauptet, dass sie – sei es in der Sexualität, im Familienleben, in der Berufswelt, in der Kommunikation oder der Politik – grundsätzlich von Gewalt und Machtausübung geprägt sei, die natürlich immer nur von einer, der männlichen Seite ausginge: Eine solche Position entwirft tatsächlich eine Kriegslogik.


Eine Kakerlake redet vom Krieg Dabei ist nicht die gesamte Gesellschaft im Krieg – bei weitem nicht alle Konflikte lassen sich im Lichte von Geschlechterbeziehungen beschreiben, bei weitem nicht alle Geschlechterbeziehungen sind von Macht und Gewalt geprägt. Irritierend aber ist, wie selbstverständlich sich eine Kriegslogik im Mainstream von Politik und Medien etabliert hat, und wie heftig die Reaktionen ausfallen, wenn ihr jemand öffentlich widerspricht. Dass das nicht nur für Deutschland gilt, zeigt ein aktuelles Beispiel aus den USA.

James Taranto, Kolumnist des Wall Street Journal, sprach am 17. Juni in einem Kommentar seiner Zeitung von einem „Krieg gegen die Männer“. Der Hintergrund, soweit ihn Taranto darstellte, war die Entscheidung der Generalin Susan Helms, einen Offizier unter ihrem Kommando, Matthew Herrera, zu begnadigen, der wegen schwerer sexueller Nötigung angeklagt war. Er war von einem weiblichen Lieutenant angezeigt worden, er habe ihr, als beide angetrunken gewesen wären und sie geschlafen habe, auf dem Rücksitz eines Autos die Unterhose ausgezogen und ihre Geschlechtsteile berührt. Herrera sprach von einer einvernehmlichen Berührung, die Aussagen der beiden Zeugen auf dem Fahrersitzen – insbesondere eines anderen weiblichen Lieutenants – bestätigten seine Version. Herrera bekannte sich gleichwohl eines „unziemlichen Verhaltens“ („indecent act“) für schuldig und wurde aus der Armee entlassen.

In den Augen der demokratischen Senatorin aus Missouri, Claire McCaskill, war der Gnadenakt  gleichwohl „eine zerstörerischen Botschaft für die Überlebenden eines sexuellen Angriffs“ („a damaging message to survivors of sexual assault“) – sie stoppte die Ernennung von Susan Helms zur stellvertretenden Kommandeurin des Weltraumprogramms der Air Force. Dazu hatte Obama sie ernennen wollten, weil sie eine der erfahrensten Astronautinnen der Air Force ist, in der Crew bei vier Space Shuttle-Missionen, die mit einem Kollegen zusammen im Jahre 2001 bei der Arbeit an einer Docking Station den bis heute längsten Weltraumspaziergang der Geschichte unternommen hat.

Eben diese Entscheidung der Senatorin war Anlass für Tarantos Text, in dem er McCaskill klar kritisierte. Die Reaktionen auf Taranto wiederum waren heftig – die Journalistin Katie McDonoiugh beschuldigte ihn, er würde Vergewaltigungen verteidigen („rape apologist“ – dies unbenommen der Tatsache, dass es in dem erwähnten Fall niemals um den Vorwurf der Vergewaltigung ging), er wurde beschimpft (in der Cosmopolitian als „freaking jackass“, etwa: „verdammter Idiot“, auf der feministischen Website Jezebel als „woman hating troll“ – „frauenhassender Troll“ – und als „cockroach“ – „Kakerlake“) – die Reaktionen waren insgesamt so heftig, dass Taranto in einem eigenen Artikel darüber schrieb und sich in der Einschätzung bestätigte fühlte, dass ein Krieg gegen Männer geführt würde.

Besonders ein Aspekt macht, neben der Heftigkeit der Reaktionen, diese Einschätzung plausibel. In dem von Taranto angesprochenen Fall lassen sich die Interessen zweier Frauen gegenüberstellen – die beruflichen Interessen von Helms, die auf außergewöhnlichen Verdiensten gründen, und die Interessen der Soldatin, die Herrera beschuldigt und sich damit als sein Opfer darstellt. In der Entscheidung zwischen den zivilen, besonderen Verdiensten der einen Frau und dem Opferstatus der anderen Frau entschieden sich feministische Kommentatorinnen und Politikerinnen regelrecht instinktiv für den Opferstatus, obwohl der im angesprochenen Fall durch Zeugenaussagen konterkariert wird.

Erfolge, die in einem zivilen Rahmen und selbstverständlich in der beständigen Kooperation mit Männern erarbeitet wurden, sind offenkundig nichtig gegenüber der Möglichkeit, eine Frau als Opfer männlicher Gewalt präsentieren zu können, als beschmutzte Unschuld, die nicht nur verteidigt, sondern gerächt werden müsse. Mit großer Selbstverständlichkeit ignorieren diese Frauen die zivile Logik des Falls und bestehen auf seiner Deutung im Rahmen der Logik eines Geschlechterkrieges.


Wie Männer Konflikte austragen, die Frauen lieber vermeiden So ist es denn auch zweischneidig, wenn Judith Liere in der Süddeutschen Zeitung einen Artikel schreibt, der eine Fixierung auf einen Geschlechterkonflikt kritisiert, auf die Bedeutung der Kooperation von Frauen und Männern hinweist und für diesen Konflikt Männer und Frauen gleichermaßen verantwortlich macht (ein Kommentar dazu auf Genderama, eine Diskussion auf Alles Evolution). „Beide Seiten könnten die Kategorien ‚Frauen‘ und ‚Männer‘ kurz mal links liegen lassen und es probehalber hiermit versuchen: ‚wir‘.“
 
Lieres Ziel ist völlig plausibel und richtig, nur ihre Diagnose trifft nicht – zumindest ist nirgendwo erkennbar, dass Männer gegenüber Frauen in ähnlicher Weise einer Kriegslogik folgen würden, wie dies Feministinnen und feministisch inspirierte Politikerinnen, Lobbyistinnen und Journalistinnen tun. Irritierender noch als diese Kriegslogik ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie von anderen Frauen akzeptiert wird, die ihrerseits gleichwohl an einer Zusammenarbeit mit Männern interessiert sind.
Wenn Männerrechtler untereinander in Konflikt treten, wenn hier „gemäßigte“ und „brachiale“ Positionen einander gegenüberstehen, dann tragen Männer damit eigentlich untereinander die Konflikte aus, die Frauen untereinander austragen müssten, aber vermeiden. Es liegt schließlich eben in der Logik eines antizivilen, kriegerischen Denkens, dass im zivilen Rahmen kaum vernünftig darauf reagiert werden kann, dass eine betont zivile Reaktion als ebenso deplatziert erscheinen kann wie eine, die der anti-zivilen Tonlage entspricht.

Die Möglichkeit für ein Beispiel bietet die selbstverständliche, unkritische Präsentation der Femen in Massenmedien, etwa bei Maischberger – ungeachtet der radikalen antimännlichen Schwanz-ab-Gewaltphantasien, die von Femen propagiert werden. Es lässt sich, wenn man diese Situation einmal als mögliche Dialoge durchspielt, leicht zeigen, dass zivile wie anti-zivile Reaktion gleichermaßen fruchtlos sind. Zuerst die brachiale Antwort:

Sie: Ich hack dir den Schwanz ab, du ekelhafte Kakerlake! Er: Halt’s Maul, du Schlampe! Sie: Oh mein GOTT, er hat mich SCHLAMPE genannt!!!
Dieser Dialog ist offenkundig wenig sinnvoll – ebenso wie dieser nach zivilem Reaktionsmuster:
Sie: Ich hack dir den Schwanz ab, du ekelhafte Kakerlake! Er: Ich verstehe deine Position und finde, dass feministische Ansprüche auch ihre historische Berechtigung haben – möchte aber darauf hinweisen, dass du mit dieser Bemerkung deinerseits Rechte und Grenzen von mir verletzt und dass, ja, auch wenn du darüber lachst, dass auch ich verletzbar bin.
Dass die Reaktionen jeweils sinnlos sind, liegt eben nicht daran, dass die Wahl eines zivilen bzw. unzivilen Reaktionsmusters jeweils falsch gewesen wäre – sondern daran, dass eine Kriegslogik schlicht nicht in zivile Kontexte gehört und dass vernünftige Reaktionen darauf nicht möglich sind, wenn sie gleichwohl in solchen Kontexten akzeptiert wird.

Wer etwas daran ändern möchte, muss aber eben die ansprechen, die das Verhältnis der Geschlechter nicht im Rahmen einer kriegerische Logik interpretieren und sie auch nicht im diesem Rahmen interpretieren wollen. Lassahns Buch, das inhaltlich klar und scharf, im Ton und in der Zielsetzung allerdings nirgendwo kriegerisch ist, entwickelt ein gutes Muster dafür.

Bernhard Lassahn: Frau ohne Welt. Trilogie zur Rettung der Liebe. Teil 1 – Der Krieg gegen den Mann, Edition Sonderwege bei manuscriptum, Waltrop Leipzig 2013

Naturliebe und Männerhass – Julian Pölslers "Die Wand"

Es ist gut, dass Julian Roman Pölslers Verfilmung von Marlen Haushofers 1963 erschienenen Kultroman „Die Wand“, die im Oktober des vergangenen Jahres in die Kinos kam, nun auf DVD erhältlich ist: Ich habe mir den Film so zu Hause anschauen können, bin ungefähr fünf Mal dabei eingeschlafen und hätte im Kino also möglicherweise nur 20 Minuten des Filmes gesehen. Nun jedoch konnte ich jeweils wieder bei der letzten Stelle starten, an die ich mich noch erinnerte. Als ich wieder wach war, fiel mir zudem auf,  dass der Film auch als eine politische Metapher verstanden werden kann, die gerade im Hinblick auf Männer- und Jungenrechte sehr interessant ist.
Die Geschichte, soweit es im Film eine gibt, ist schnell erzählt: Eine Frau (Martina Gedeck) fährt mit einem befreundeten Paar auf deren Berghütte, und als die Freunde Richtung Tal in ein kleines Dorf gehen, bleibt sie mit dem Hund zurück. Am nächsten Morgen sind die Freunde noch immer nicht wieder da – sie sucht sie und stößt auf dem Weg ins Dorf an eine unsichtbare Wand, die ihr kein Durchkommen erlaubt. Diese Wand umschließt sie offenbar auf allen Seiten, und sie ist allein mit den Tieren in ihrer abgesonderten Bergwelt. In der Welt draußen hat sich währenddessen ein großes Unglück ereignet: Das Radio empfängt keine Musik mehr, niemand – auch keiner der Freunde – sucht nach der Frau, und ein älteres Paar auf einem nahen, aber auf der anderen Seite der Wand gelegenen Hof wirkt wie versteinert.
 
 
Offenkundig hält die Wand die Frau also nicht nur gefangen, sondern schützt sie auch vor den Folgen einer Katastrophe. Im Innern des von der Wand begrenzten Bereichs behauptet sich die Frau, ernährt sich durch verbleibende Vorräte, durch Pflanzen und durch die Jagd, und vor allem sorgt sie für Tiere: für den Hund Luchs, zu dem sie ein sehr enges Verhältnis entwickelt, die trächtige Kuh Bella (die bald einen jungen Stier zur Welt bringt), für Katzen. Auf einer Alm merkt sie, dass sie zu einer Einheit mit der ihr umgebenden Natur findet, in der ihr das, was ihr zuvor wichtig schien – insbesondere der Wunsch, sich von anderen zu unterscheiden – bedeutungslos vorkommt.
In die einsame Idylle aber bricht nach einigen Jahren jemand ein: Ein Mann tötet den jungen Stier mit einer Axt, und als die Frau ein Gewehr holt, tötet er auch den Hund Luchs, der ihn angreift. Die Frau erschießt den Mann, begräbt Luchs tief erschüttert und rollt die Leiche des Mannes einen Abhang herab.
 
Gutes Töten, böses Töten Es ist bezeichnend für das Buch wie den Film, dass die Absurdität dieses Gewaltakts dort überhaupt nicht deutlich wird. Immerhin tötet die Frau wortlos den ersten lebenden Menschen, den sie seit Jahren gesehen hat, und möglicherweise auch den einzigen lebenden Menschen, den es außer ihr überhaupt noch gibt – der Fokus ihrer Wahrnehmung und auch der Wahrnehmung von Film und Roman liegt jedoch allein auf dem traurigen Ende des Hundes, den sie ehrerbietig begräbt, während sie den Mann achtlos an einem Abhang entsorgt.

Im Film wird die De-Personalisierung des Mannes noch durch die Bildsprache unterstützt: Er ist niemals ganz zu sehen, nur kurz ist sein durch einen dicken Bart ohnehin verdecktes Gesicht im Bild, nur Körperteile geraten in den Blick der Kamera (insbesondere der zum Schlag erhobene Axtarm), und nachdem die Frau ihn erschossen hat, liegt er auf dem Bauch, und sie schaut ihm nicht einmal ins Gesicht, sondern überprüft nur kurz mit der Spitze ihres Gewehrs, ob er noch lebt.

Schon vorher hatte die Frau in einer Szene überlegt, wie es möglich sei, dass Menschen Freude am Töten empfinden würden. Zwar müsse sie Tiere schießen, um zu überleben, aber sie würde es aus Notwendigkeit tun, nicht mit Freude, und sie würde sich niemals daran gewöhnen. Nun überlegt sie wieder, was den Mann nur dazu getrieben haben könne, die Tiere umzubringen. Natürlich hätte sie ihn das selbst fragen können, wenn sie ihn nicht erschossen hätte – aber um eine Antwort geht es hier gar nicht (zudem die Antwort ja naheliegend ist: Er hat den Stier offenkundig getötet, um ihn essen zu können, und den Hund, weil der ihn angegriffen hat).
Wichtig ist hier wohl nur, auf die tiefe Spaltung hinzuweisen zwischen der Frau, die das Töten eigentlich verabscheut – und dem Mann, der in ihren Augen einen Drang zum Töten hat. Dass sie es ist, die ihn tötet, und nicht umgekehrt, und dass sie dies ohne Vorwarnung mit einer weit überlegenen Distanzwaffe tut – das mag für den Mann recht entscheidend sein, spielt aber für die Geschichte keine Rolle. Gerade die Darstellung des Films „als weibliche Robinsonade“ (wie in der taz) macht so deutlich, dass selbst das rassistische, christlich grundierte Überlegenheitsgefühl Robinsons gegenüber dem „Wilden“ Freitag verglichen mit dem wortlosen Tötungswunsch von Haushofers/Pölslers Frau recht harmlos wirkt.
 
Am Ende ist das Gerede Der Vergleich mit einer anderen modernen Robinsonade ist noch augenfälliger, nämlich der mit Sean Penns 2007 uraufgeführten Film „Into the Wild“. Auch dieser Film ist eine Buchverfilmung (von Jon Krakauers gleichnamigen Roman), auch dieser Film wird von dem Motiv der radikalen Absonderung von der menschlichen Gesellschaft getragen. Der Held in Penns Film, Christopher McCandless, zerstört kurz nach seinem Universitätsabschluss seine Kreditkarten, verschenkt sein Vermögen an Oxfam und macht sich in seinem alten Auto auf den Weg durch das Land, die USA. Sein Wunsch der Absonderung von der menschlichen Gesellschaft, nach einem einsamen Leben in der Natur, wird immer radikaler, er geht schließlich allein in die Wildnis Alaskas.
Neben den Gemeinsamkeiten mit „Die Wand“ – der Natursehnsucht, der Einsamkeit in der Absonderung von den Menschen, aber auch den anti-sozialen Ressentiments – werden eben auch die Unterschiede deutlich: Bei Krakauer/Penn verlässt der Protagonist aus eigenem Willen die menschliche Gesellschaft, bei Haushofer/Pölsler ist eine mysteriöse äußere Macht dafür verantwortlich. Penns Held entwickelt sich und will schließlich zurück in die Zivilisation, während die Natur nicht nur grandios und herrlich, sondern auch  feindselig und unbarmherzig ist – in „Die Wand“ hingegen richtet sich die Heldin überraschend schnell im Leben hinter der Wand ein, die Natur erscheint idyllisch, der einzige andere Mensch in der zweiten Hälfte des Films hingegen als Bedrohung. Da Penns Film eine männliche Hauptfigur hat, lassen sich dort anti-soziale Impulse ohnehin nicht so gut mit Geschlechterressentiments verknüpfen wie in Haushofers Roman und Pölslers Film – die technisch geprägte Zivilisation als männlich zu beschreiben, greift auf wesentlich stabilere Klischees zurück, als ihre Beschreibung als „weiblich“ es tun könnte.
Dabei wird niemals klar, was es mit der Wand eigentlich auf sich hat. Einige Passagen legen es nahe, sie als Metapher für eine psychische Erkrankung anzusehen. An einer Stelle etwa erzählt die Frau als Erzählerin aus dem Off:
„Plötzlich schien es mir ganz unmöglich, diesen strahlenden Maitag zu überleben. Gleichzeitig wusste ich, dass ich ihn überleben musste und dass es für mich keinen Fluchtweg gab. Ich musste mich ganz still verhalten und ihn einfach überstehen. Es war ja nicht der erste Tag in meinem Leben, den ich auf diese Weise überleben musste.“
Im Roman verknüpft die Erzählerin die Einsamkeit expliziter als im Film mit Auskünften über ihre Person.
„Nein, es ist schon besser, wenn ich allein bin. Es wäre auch nicht gut für mich, mit einem schwächeren Partner zusammen zu sein, ich würde einen Schatten aus ihm machen und ihn zu Tode versorgen.“ (S. 60f.)
In einer Versorgerposition ist sie im Folgenden beständig – in der Sorge um ihre Tiere. Die Abkehr von Menschen und die Zuwendung zu Tieren, die schließlich im irritierenden Kontrast zwischen dem Begräbnis des toten Hundes und dem Wegwerfen des getöteten Mannes kulminiert, werden vom Film wie vom Roman als Nähe zum Natürlichen verkauft – tatsächlich lässt sich darin vor allem ein erheblicher Machtanspruch erkennen. Dieser Anspruch äußert sich in einer auffälligen ästhetischen Besonderheit.
Einige Rezensionen zu dem Film zeigen sich irritiert von der fast beständigen Begleitung der Bilder durch Erzählungen der Hauptfigur aus dem Off –  Andreas Kilb beschreibt in der FAZ „zwei Monologe (…), einen der Bilder und einen der Worte“ , und Birgit Glombitza nennt den Film in der taz gleich ebenso treffend eine „bebilderte Lesung“. Gerade für einen Film mit einem künstlerischen Anspruch ist es auffällig, dass er offenkundig so wenig auf seine aufwändig und erkennbar mühevoll hergestellten Bilder vertraut und statt dessen das Geschehen beständig durch die Hauptfigur selbst  erzählen lässt.
 
Der Sinn dieser Konstruktion wird aber deutlich angesichts der Tatsache, dass die Frau in der Einsamkeit innerhalb der Wand das einzige sprachmächtige Lebewesen ist – mit Ausnahme des Mannes, den sie aber ja kurz nach seinem ersten Auftritt auch schon getötet hat. Sie allein kann dem Geschehen Bedeutung verleihen, es benennen, Verknüpfungen herstellen – die Natur erscheint nur deshalb als so friedlich und rein, weil sie nicht widersprechen kann. Die sprachlose natürliche Welt, mit der die Frau scheinbar eines wird, ist zugleich ganz Objekt ihrer Interpretationen, zu denen es nirgendwo Alternativen gibt und geben kann, und so wird die scheinbar innige Einheit von ihr und den Tieren unterlegt von ihrer beständigen Deutung des Geschehens: Am Anfang war das Wort, aber am Ende ist das pausenlose Gerede.
 
Eva erschießt Adam, und alles ist gut Tatsächlich ist die ganze Anlage des Romans wie des Films endzeitlich, und sie als „reaktionär“ zu bezeichnen, wäre noch verharmlosend. Wer reaktionär ist, wünscht sich in vergangene Verhältnisse zurück, die aber damals immerhin noch eine Zukunft hatten – die Zurück-zur-Natur-Bewegung dieses Films aber löscht eine mögliche Zukunft regelrecht aus. Das Adam-und-Eva-Motiv, das mit der Ankunft des Mannes immerhin angedeutet wird, wird auch sofort wieder erstickt: Mit dem Verschwinden des Mannes verschwindet eben auch die Möglichkeit, dass die Menschen doch noch eine Zukunft haben könnten. Die Rückprojektion in die paradiesische Situation, die nach der biblischen Erzählung Anfang aller Menschheitsgeschichte ist, hat hier nur einen Sinn: Die bloße Möglichkeit einer solchen Geschichte ein für alle Male zu verhindern.
So erklärt sich vielleicht auch mein Schlafverlangen angesichts dieses Films. Er erzählt programmatisch keine Geschichte, von keiner Entwicklung, nicht von einer äußeren, aber anders als Sean Penns grandioser „Into the Wild“ auch nicht von einer inneren. Auch die Vorgeschichte des Mannes ist völlig irrelevant. Wenn er viele Monate mit der Frau gemeinsam hinter der Wand gelebt hat – wieso hat sie dann nie etwas von ihm bemerkt? Wenn er aber durch die Wand zu ihr gekommen ist – wer lebt dann noch außerhalb der Wand, und wo ist die Verbindung zwischen den Welten? Diese Fragen wären entscheidend, wenn es dem Film um eine Geschichte ginge – hier aber sind sie belanglos.
Ebenso desinteressiert hakt der Film die Entwicklung der Frau ab: Zu Beginn weint sie einmal, einmal hat sie einen Alptraum, der die Wand immer näher rücken lässt – und das war’s dann auch schon, dann hat sie sich mit dem Leben innerhalb der Wand arrangiert. Die offenkundig zerstörte Welt bleibt draußen, und sie richtet sich diesseits der Wand ein wie in einer riesigen Gebärmutter, die nichts mehr gebären wird.
Es ist im Rückblick interessant, dass aus einer solchen Konstruktion, die im Roman kaum anders ist als im Film, in den siebziger und achtziger Jahren ein „Kultbuch der Frauen- und der frühen Ökologiebewegung“ (FAZ) werden konnte. Dass die politische Haltung, die sich hier zeigt, überhaupt einmal als „progressiv“ eingeschätzt werden konnte, ist nur angesichts einer besonderen Gemengelage zu erklären. Entscheidende Bedingungen dafür waren wohl die Nutzung der Atomenergie und die damit verbundenen Katastrophenszenarien, die von der Anti-AKW-Bewegung – gegen die Nutzung der Atomkraft zur Energiegewinnung – und der Friedensbewegung – gegen ihre militärische Nutzung – entworfen wurden. Nur vor diesem Hintergrund lässt sich die radikale, ressentimentgeladene Abkehr von der menschlichen Welt als etwas Positives, Zukunftsträchtiges darstellen.
Im Film wie im Buch ist diese Abkehr begleitet von einer tief männerfeindlichen Position: Der Mann erscheint als der zwanghaft agierende Zerstörer der Natur, als Vernichter des Lebens, dessen Tötung und Entsorgung moralisch völlig unbedenklich ist – und emotional wesentlich weniger bedeutsam als der Tod eines Hundes. Dass der Film diese Position des Romans nicht etwa bloßstellt oder zumindest in Frage stellt, sondern gehorsam reproduziert, macht ihn trotz der schauspielerischen Leistung Gedecks zu einem politisch wie ästhetisch äußerst fragwürdigen Werk.
 
Gerade für Männer aber ist der Film damit interessant. Die Verknüpfung von Öko- und Frauenbewegung ist schließlich eine der wesentlichen Grundlagen der grünen Partei und hat auch die SPD erheblich beeinflusst. Es ist bekanntlich ein bleibendes Problem, dass ausgerechnet die sich als „progressiv“ verstehenden Parteien Männer- und Jungenrechte für belanglos halten und ihre Vertretung sogar massiv diskreditieren. Pölslers Film macht, wohl ganz gegen seine Absicht, die Haltung deutlicher, die hinter dieser Abwehr steht: eine abgeschottete Selbstbezogenheit, die sich als Naturliebe missversteht, die mit schablonenhaften Geschlechterklischees arbeitet und die alles radikal diskreditiert, was als Gefahr für die imaginierte Einheit der eigenen Person mit der Natur wahrgenommen wird.
Anders formuliert: Die Wand im Roman und im Film ist möglicherweise eben die Wand, an der sich von der anderen Seite aus Männerrechtler die Nase blutig laufen, wenn sie mit Vertretern „linker“ Parteien ins Gespräch zu kommen versuchen.
 
 
Text, soweit nicht anders verlinkt:
Marlen Haushofer: Die Wand, München 1996

DVD: Die Wand, Arthaus 2013

Menschenteile bei Maischberger (und andere ProQuote-Seltsamkeiten)

„Zu dem unterirdischen Radiofeature „Maskuline Muskelspiele“ sei der Hinweis erlaubt, dass Homann nur „Künstler“ ist, kein Journalist. Redaktionell verantwortlich ist Ulrike Ebenbeck, rein zufällig natürlich auch Unterzeichnerin / Unterstützerin von Pro Quote.“
Soweit Thomas M. in einem Kommentar vor wenigen Tagen.  Die zentrale Forderung von ProQuote – einer seit Beginn des vergangenen Jahres tätigen Initiative von Journalistinnen, die sich unter dem Namen ProQuote Medien auch als Verein etabliert hat – ist eine Frauenquote von mindestens 30 Prozent in allen Führungspositionen der Redaktionen. Zu der Initiative gehören etwa dreihundert Journalistinnen (laut Spiegel-Autor Thomas Tuma etwa 150 zahlende), darunter auch Anne Will, Sandra Maischberger oder Gabi Bauer, sowie einige männliche Unterstützer. Der Verein bekennt sich zu einer umfassenden Lobbyarbeit – er will beispielsweise auf „verzerrende Berichte zum Thema Gender und Quote“ (also auf Berichte, die den Zielen des Vereins nicht entsprechen) schnell reagieren und entwickelt „Kampagnen, die Öffentlichkeit schaffen und den Druck auf die Verlage und Sender erhöhen“.

Schon mit diesen Zielen begeben sich die Journalistinnen allerdings in einen erkennbaren Konflikt – einerseits sind sie Teil von Verlagen und Sendern und tragen dort Verantwortung, zugleich aber wollen sie in ihrem Sinne Druck auf ihr Arbeitsumfeld ausüben. Umso heikler wird diese Situation dadurch, dass ihre journalistische Arbeit ja eigentlich ein hohes Maß an Abstand und Unvoreingenommenheit voraussetzt. Entsprechend kritisiert Thomas Tuma ProQuote auch im Spiegel. In seinem Essay „Die ScheinriesInnen“ schreibt er:

Sorry, Ladys, sie missbrauchen Ihren Status, Ihre Prominenz, Ihre Funktion, Ihre Medien und sogar das Ihnen entgegengebrachte Vertrauen des Publikums in Ihre Unabhängigkeit! Denn Sie sind bei Ihrer Vereinsarbeit nicht nur einseitig Partei. Sie sind es leider in einem schlichten Beweggrund: Eigeninteresse, das Sie geschickt als gesellschaftliche Relevanz inszenieren. (Der Spiegel, 27.5.2013. S. 146)
Der Vorwurf Tumas, das unabhängiger Journalismus zu Propaganda zu verkommen drohe, wurde ganz entsprechend der ProQuote-Politik der schnellen Reaktion auf unliebsame Berichte heftig beantwortet, Tuma nach eigenen Angaben als ein „reaktionäres Macho-Schwein (…) oder ein heulsusiges Weichei“ beschimpft  Dabei ist gerade die eingangs angesprochene Sendung ein gutes Beispiel dafür, wie recht Tuma mit seiner Einschätzung hat.

Wozu man Mordopfer so brauchen kann Die ARD-Sendung „Maskuline Muskelspiele“ stellt bekanntlich eine hetzerische Verbindung zwischen den Massenmorden Andres Breiviks und einem Engagement für Männer- und Jungenrechte in Deutschland her, die sie in keinem Moment belegt. Gleichwohl endet sie darin, ein Verbot feminismuskritischer Äußerungen nahezulegen. Selbst Kritiker von Männerrechtlern müssten angesichts dieses Vorgehens eigentlich erschrecken – die öffentlich-rechtliche Sendung diffamiert bürgerrechtliches Engagement, indem sie das Leid von Mordopfern irritierend bedenkenlos und beliebig zur Propaganda gegen politische Gegner funktionalisiert. Diese politischen Gegner aber sind eben gerade, unter anderem, Kritiker der ProQuote-Politik.
Dass die ProQuote-Frau Ulrike Ebenbeck verantwortliche Redakteurin einer Sendung über Männerrechtler wurde, war ungefähr so anrüchig, als wenn ein EON-Pressesprecher verantwortlicher Redakteur für eine ARD-Sendung über Atomkraftgegner geworden wäre. Noch weniger verständlich ist, dass Ebenbeck selbst ihr offenkundiger Interessenkonflikt gleichgültig war, dass sie nicht einmal versucht hat, den Anschein zu vermeiden, hier aus ARD-Mitteln im Eigeninteresse politische Propaganda zu betreiben: Die Behauptungen der Sendung sind erbärmlich schlecht – nämlich gar nicht – belegt, sie bemüht sich nicht einmal symbolisch um Ausgewogenheit, sie lässt die Angegriffenen nicht zu Wort kommen und ist an ihrer Perspektive auch gar nicht interessiert (mit Ausnahme eines winzigen Fetzens aus einem Interview mit Arne Hoffmann), sie ist offen manipulativ und unfair in der Auswahl von Zitaten, und sie endet in extremen Verbots-Forderungen, die sie nirgendwo legitimiert.
 
„Manchmal heiligt der Zweck die Mittel“ – so Simone Kaiser vom Spiegel auf der ProQuote-Seite. Kaisers Satz, der eine klassische und notorisch problematische politische Position zitiert, bezieht sich nicht auf Ebenbecks Feature – gleichwohl lässt sich eine solche Sendung kaum anders erklären als mit Kaisers fragwürdiger Maxime. Die Mittel, die Ebenbeck anwendet, sind natürlich nicht zu heiligen – wie aber sieht es mit dem Zweck aus?
 
Ich verschenke Argumente (aber es nützt nichts) „‚Männliche Monokulturen“ sind wirtschaftlich weniger erfolgreich als gemischte Führungsteams. Das ist inzwischen vielfach nachgewiesen.“ Das behauptet Gabi Bauer, ARD, auf ihrer ProQuote-Seite, selbstverständlich ohne auch nur anzudeuten, welche Nachweise sie meint. Tatsächlich gibt es diese Nachweise nicht (dazu mehr bei sciencefiles) – sie verwechseln Korrelationen mit Kausalitäten oder können nicht belegen, was sie zu belegen vorgeben.
Mir selbst sind Argumente zur angeblich mangelnden Leistungsfähigkeit von sozialen Monokulturen aus einem ganz anderen Bereich vertraut, aus der Schulpädagogik – als Auseinandersetzung um die Frage, ob homogene Lerngruppen oder heterogene Lerngruppen bessere Ergebnisse erzielen würden (das ist grundsätzlich eine Streitfrage zwischen Vertretern des mehrgliedrigen Schulsystems und der Gesamtschulen). Ich arbeite selbst an einer Schule mit äußerst heterogenen Gruppen, kenne aber auch andere Bedingungen. In meinen Augen ist das Ergebnis deutlich – die Frage von Homogenität oder Heterogenität wird im Hinblick auf die Leistungsfähigkeit einer Gruppe von den jeweiligen Interessenvertretern viel zu hoch gewichtet. Der wesentliche Unterschied ist, dass heterogene Gruppen mehr Zeit, Energie und Aufmerksamkeit auf die Organisation ihrer Kooperation verwenden müssen – das kann unter günstigen Bedingungen sogar förderlich für die Gruppe sein, es spricht aber natürlich nicht generell für eine höhere Leistungsfähigkeit.
 
Ich weiß, dass diese Erfahrungen aus der Schule sich nicht ungefiltert in deutsche Reaktionsstuben übertragen lassen, aber ein Aspekt ist sicherlich relevant: Ein Mindestmaß an Homogenität, nämlich einer grundsätzlichen Einigkeit über basale gemeinsame Ziele oder Werte, ist für die Arbeit einer Gruppe wichtig. Wer dagegen grundsätzliche Dichotomien aufbaut, die eine Untergruppe gegen die andere ausspielen, schadet dem Gesamtergebnis. Eben das aber tut ProQuote, wenn der Verein rundweg und im Eigeninteresse männliche Machtinteressen und Old Boys Networks unterstellt, gegen die sich Frauen in Stellung bringen müssten, mit allen Mitteln.
Doch auch, wenn man den Proquotistinnen die Annahme schenkt, dass Heterogenität gut für die Arbeit von Gruppen sei – warum muss es dann ausgerechnet diese Heterogenität sein? Warum geht es nicht ebenso um eine Quote von Menschen aus sogenannten „bildungsfernen Schichten“? Oder von Menschen „mit Migrationshintergrund“? Und warum geht es de facto nur um eine Quote in den prestigeträchtigen, mit sehr guten Einkommen verbundenen Verlagen und Sendern – warum spielt es keine Rolle, dass in weniger prestigeträchtigen Verlagen, außerhalb der „Qualitätspresse“, Frauen oft weit in der Mehrzahl sind und gewiss keine Quote brauchen (schon Hadmut Danisch konnte bei einer rein mit Quotenbefürworterinnen besetzten „Podiumsdiskussion“ niemanden finden, der ihm diese Frage beantwortete)? Doch selbst wenn man auch noch diese Fragen abschenkt und um des lieben Friedens Willen zugesteht, dass eine Mann-Frau-Heterogenität (und keine andere) in prestigeträchtigen, finanziell einträglichen Positionen (und nirgendwo sonst) wichtig und sinnvoll sei – selbst dann bleibt immer noch die Frage nach dem Mittel, ob es nämlich sinnvoll ist, diese hehren Ziele durch eine Quote zu erreichen.
Alle Erfahrung mit ProQuote spricht dagegen. Die Quotenforderung stützt sich ja eben gerade auf die Annahme, dass die etablierten Auswahlkriterien mangelhaft funktioniert hätten und durch eine Quote konterkariert werden müssten. Zu diesen Auswahlkriterien gehören klassischerweise journalistische Seriosität und Qualität. ProQuote hingegen unterstellt, dass es allein um Geschlechtsteile ginge: „Wozu genau noch braucht man einen Penis in dieser Führungsposition?“
 
Die Vermutung liegt durchaus nah, dass eine Sendung wie die von Ebenbeck eben kein Zufall, sondern Ergebnis eines solchen Ressentiments ist. Es ist ja gar nicht davon auszugehen, dass eine Quotenfrau notwendig schlecht arbeiten würde – viel wichtiger und schlimmer aber ist, dass der Wert und die Vertrauenswürdigkeit ihrer Arbeit für die Quotenlogik überhaupt keine Rolle spielen. Die geforderten 30 Prozent sind eine reine Mengenangabe, keine Messung irgendeiner Qualität. Eben das ist ja auch einer der Faktoren, die Quoten in der Politik so problematisch machen – sie bestätigen die Unterstellung, dass es im politischen Alltag nur noch um die Besetzung von Posten ginge, dass es aber keine Rolle spiele, welche Arbeit auf diesen Posten geleistet werde.
 
So viele Argumente kann man den ProQuote-Journalistinnen also gar nicht schenken, dass ihre Position irgendwann einmal überzeugend würde.
Menschenteile bei Maischberger Dass aber ProQuote heute schon die journalistische Qualität beschädigt, bleibt natürlich lediglich eine Vermutung – es ist ebenso möglich, dass Sendungen wie das Muskelspiel-Feature auch ganz ohne Quotenforderungen so produziert würden. Erkennbar sind aber zumindest Korrelationen zwischen ProQuote-Aktionismus und einem fragwürdigen journalistischen Selbstverständnis. Bei Anne Will beispielsweise, die Monika Ebeling in eine Sendung einlud und sie gleich mit der Unterstellung vorstellte, sich als Gleichstellungsbeauftragte angeblich nur um Männer gekümmert zu haben.  (Arne Hoffmann hat gerade noch einmal daran erinnert.) Wer für eine Frauenquote eintritt, hat eben kein Interesse daran, Sexismus geschlechterübergreifend zu verstehen und deutlich zu machen, dass sowohl Männer wie Frauen Akteure und Betroffene sexistischer Handlungen oder Strukturen sein können. Die Frauenquote ist nur legitimierbar, wenn alles ordentlich getrennt bleibt – die Frauen als Opfer, die Männer als Täter, die Frauen als Benachteiligte, die Männer als Profiteure. Noch deutlicher und schlimmer hat das Sandra Maischberger in einer Nachlese zur sogenannten „Sexismus-Debatte“ gemacht.
 
Sie interviewt dort (etwa ab Minute 55) die Femen-Aktivistin Klara Martens und stellt sie schlicht als Kämpferin gegen Prostitution und sexuelle Ausbeutung vor. Mit keinem Wort erwähnt sie, dass eine Femen-Gruppe unter anderem dadurch auf sich aufmerksam machte, dass sie ein Mahnmal für die Opfer des Stalinismus zerstörte. Oder dass die Femen kurz zuvor ein Werbebild herausgebracht haben, das eine barbusige Femen-Frau mit einer blutigen Sichel in der einen und einem abgeschnittenen männlichen Hoden in der triumphierend emporgereckten anderen Hand zeigt (dazu gab es auch eine Diskussion bei Alles Evolution). 

Menschenteile bei Maischberger (nicht der Nachfrage wert)
Während Maischberger es natürlich nicht für nötig hält, hier einmal nachzufragen, baggert die ebenfalls teilnehmende Alice Schwarzer Martens sichtlich angetan als politische Bundesgenossin an.
 
Wie irre diese Situation ist, wird wohl erst klar, wenn man sie sich einmal mit vertauschten Geschlechterrollen vorstellt. Wenn es eine Männergruppe gäbe, die gern auch einmal, um auf sich aufmerksam zu machen, ein Mahnmal von Opfern politischer Massenmorde zerstört. Und die ein krankes Werbebild produziert, das einen feschen Mann mit freiem Oberkörper zeigt, der in der einen Hand eine blutige Sichel trägt und mit der anderen abgehackte Frauenbrüste freudig in die Luft reckt. Ein Mann, der dieser Gruppe angehört, würde gewiss nicht in eine Talkshow eingeladen – und falls doch, dann würde er dort (zurecht) nichts anderes zu tun haben, als sich für den gewaltverliebten Irrsinn seiner politischen Gruppe rechtfertigen zu müssen. Ganz sicher würde es nicht als seriöser Journalismus gewertet, ihm ausführlich Gelegenheit dazu zu geben, sich zu inszenieren und sich beklatschen zu lassen.
Auch die ProQuote-Frau Maischberger aber hat natürlich kein Interesse daran zu zeigen, dass Frauen wie Männer sexistisch sein können und dass Sexismus auch männerfeindlich ist – anders ist ihr absurdes Interview kaum zu erklären, das sich um herkömmliche Vorstellungen von journalistischer Verantwortung nicht unnötig kümmert. „Unser Beruf lebt von klaren, kritischen Haltungen, von einem sauberen Blick auf Missstände“, schreibt ausgerechnet Anne Will auf ihrer ProQuote-Seite.  Was ProQuote angeht, deutet alles auf das Gegenteil hin – wenn erst einmal eine Quote installiert ist, dann werden die Profiteurinnen nicht plötzlich zu einer „klaren, kritischen Haltung“ finden, sondern ihre Position nutzen, um ihre Position zu stabilisieren und gegen Kritik zu immunisieren. Denn dass überhaupt noch nach dem Sinn der Quote gefragt werden kann, spricht ja irgendwie schon dafür, dass sie unbedingt eingeführt werden muss: „Warum Quote? Allein, dass ein ‘Warum?’ im Raum steht, ist ein Armutszeugnis.“

Berserkerin

Ernst Barlachs Plastik „Berserker“ ist auf irritierende Weise widersprüchlich. Eigentlich ist ein Berserker ja jemand, der vor Wut in einen Rausch geraten ist und der nun ohne Sinn für die eigenen Schmerzen auf die Feinde einschlägt, laut Duden ein „Rasender, Tobender, Tobsüchtiger“, oder auch ganz einfach ein „kampflustiger, sich wild gebärdener Mann“.   An Barlachs Berserker aber fällt der ruhige, gelassene Gesichtsausdruck aus, eine fast meditative Entspanntheit. Auch der Ausdruck des Körpers passt kaum zum Bild des wilden Manns: Zwar hält er den rechten Arm, zum Schlag bereit, über den Kopf, aber dass er darin ein Schwert hält, ist aus der Perspektive von vorn kaum zu sehen. Der Körper ist auch nicht im Wutrausch nach vorn gerichtet, sondern schräg nach hinten gebeugt, als würde er sich vor einem Angreifer zurückziehen. Dazu passt der linke Arm, dessen Hand zwar zur Faust geballt ist, der aber quer vor dem Körper des Berserker ausgestreckt eben vom Angreifer fort weist.
Die blanken Füße stehen auseinander, ein weites Gewand – und nicht etwa ein Bärenfell – spannt sich zwischen ihnen, und der ganze Berserker sieht so aus, als ob er nicht etwa wild wüten, sondern gelassen sitzen würde. Das tut er auch – wenn man ihn von hinten anschaut, sieht man, dass er sich ruhig auf ein paar Steinen niedergelassen hat.
Die Widersprüche der Figur haben mich an Diskussionen erinnert, die auch hier im Blog immer wieder über Äußerungen der Männerrechtsbewegung geführt wurden. Eine noch vor wenigen Tagen: 
Ich fürchte aber, dass die (…) ins offene Messer laufen. Wenn man einige Blogs der Männerrechtler liest, findet man neben sachlichen Artikeln und Kommentaren leider immer wieder vulgäre, beleidigende und [wirklich] sexistische Beiträge.
Als Beispiel nennt der Kommentator Begriffe wie „Quotze“, eine Kontamination aus den Begriffen „Quote“ und „Fotze“, die in seinen Augen erschreckend sind. Sein Schluss daraus:
Wer gegen die totalitären Spielarten des Genderismus und des Feminismus argumentieren will, braucht ein hohes Maß an Selbstdisziplin. Er muss auch von seinen Kommentatoren Disziplin fordern. Sonst gibt man sich Blößen, die gnadenlos ausgenutzt werden.
Maskulistische Filterbubbles Als ich vor einigen Jahren anfing, im Internet nach Informationen und Stellungnahmen zu spezifischen Männerrechten zu suchen, ging es mir ganz ähnlich. Ich hatte gerade fast den Kontakt zum unserem Kind verloren, weil die Mutter sich getrennt und ohne Angabe von Gründen das gemeinsame Sorgerecht verweigert hatte. Ich hatte mir die Rechtlosigkeit meiner Situation nicht vorstellen können, merkte natürlich schnell, dass die von mir eigentlich stets favorisierten Parteien (Grüne, SPD) mir regelrecht feindlich gegenüberstanden, und dass in den Mainstreammedien wenig verlässliche Informationen zu erhalten waren. Ich finde auch heute noch, dass männerrechtliche Blogs eine ganz andere Funktion haben als etwa frauenrechtliche – sie füllen, so weit es eben geht, das Vakuum, das von den etablierten Medien und Parteien geschaffen wird, wenn es um die Rechte von Männern und Jungen geht (während feministische Blogs ja in der Regel Positionen wiederholen, die auch in etablierten Medien schon seit Jahrzehnten als Standardelement enthalten sind – Es ist zwar schon alles hundert Mal gesagt worden, aber noch nicht von allen). Ich weiß beispielsweise noch, wie froh ich war, als ich den Blog von Monika Ebeling entdeckt hatte und merkte, dass sie sogar Gleichstellungsbeauftragte war – wenn auch nur im kleinen Goslar, trotzdem war eine Erleichterung zu sehen, dass so etwas überhaupt irgendwo möglich war (dass ich mich zu früh gefreut hatte, merkte ich dann ja bald).
Wenn ich aber Texte las wie die oben skizzierten, dann hatte ich das Gefühl, fehl am Platze zu sein. Das eben ist für mich – neben der fatalen Außenwirkung des wutschnaubenden Schreibens in manchen männerrechtlichen Blogs – eines der wichtigsten Argumente gegen brachialen maskulistischen Sprachgebrauch. Eine solche Sprache schafft regelrecht gezielt geschlossene Veranstaltungen, Strukturen von In- und Out-Groups, Wissenden und Idioten, Freunden und Feinden. Wer von „Quotzen“ daherredet, kann – wenn er sich etwas zusammenreißt – auch in zivileren Kontexten mitdiskutieren. Gruppen aber, in denen brachialer, feindseliger Sprachgebrauch die Norm ist, schließen zwangsläufig diejenigen aus, die anders argumentieren wollen, und sei es nur dadurch, dass Argumente durch den Gebrauch von Schimpfwörtern nicht eben überzeugender werden. Auch so kann man sich Filterbubbles basteln.
Die politische Arbeit in Organisationen diszipliniert meistens zwangsläufig – Blogger hingegen sitzen ja in der Regel allein vor ihrer Tastatur und haben möglicherweise tatsächlich manchmal das Gefühl, ihre Gründe würden umso kraftvoller, je wütender sie formuliert sind. Mein Eindruck als Leser war anders – die Bitterkeit vieler männerrechtlicher Äußerungen hat mich eher abgeschreckt, ebenso die ungefilterte Äußerung von Wut, und für mich war ein solcher Sprachgebrauch kein Signal zum Einstieg in Diskussionen, sondern eher eine Spielart unterlassener Hilfeleistung.
Der Berserker von Barlach hingegen ist ja offensichtlich gerade nicht von seiner Wut gesteuert, sondern beherrscht seine Wut. Das hat ihn übrigens auch nicht vor Beifall von zweifelhafter Seite geschützt – Goebbels zeigt sich, bevor Barlach dann einer der meistgehassten Künstler des „Dritten Reichs“ war, in einem Tagebucheintrag angetan von der Skulptur. Ich bin mir sicher, dass es eben nicht die Widersprüche sind, die Goebbels reizten, sondern eher das Versprechen reiner Wut, das mit dem Namen der Figur verbunden ist – Ideolog_innen* können mit Widersprüchen bekanntlich wesentlich weniger anfangen als mit Reinheitsphantasien.

Wo Raserei sich lohnt Allerdings ist es auch offensichtlich, dass die Berserker heute keineswegs mehr nur Männer sind. Geht es um den Kontakt zu Kindern, kann es für Mütter ja durchaus von Vorteil sein, hemmungslos wütend zu agieren – die Wut demonstriert eine Zerrüttung, die bislang im Regelfall gegen den Vater ausgelegt wurde. Es ist eben auch diese Situation als Vater, die mich sehr skeptisch gegenüber Brachialmaskulisten macht – ich habe einfach schon viele Situationen erlebt, in denen ich den deutlichen Eindruck hatte, dass meine Ex-Partnerin es auf eine Eskalation der Situation regelrecht anlegte, und in denen es wichtig war, ruhig zu bleiben.
Die folgende Szene hat sich so wie hier aufgeschrieben nie zugetragen, sie ist aber aus realen Elementen zusammengesetzt. Im Gespräch mit anderen Vätern, denen Mütter Schwierigkeiten im Kontakt mit ihren Kindern machten, ist mir oft aufgefallen, wie sehr sich manche Situationen gleichen – beispielsweise regelmäßige Berichte über Mütter, die sich während der „Übergaben“ der Kinder ganz ihrer Wut überließen. Das wirkt für Außenstehende vermutlich pathologisch, und das ist es auch – aber es ist eher weniger eine Pathologie der Frauen als eine der Situation, in der es sich für Mütter als lohnend darstellen kann, ab und zu einmal auszurasten (auf Englisch übrigens: to go berserk) – gern auch gerade dann, wenn Vater und Kind davon direkt betroffen sind.
Bernard Lassahn unterstellt Feministinnen in seinem neuen Buch einen „Krieg gegen den Mann“. Das klingt martialisch, zumal es ja ein seltsamer Krieg ist, der von der einen Seite geführt wird, während sie zugleich zuverlässig darauf bauen kann, dass die andere Seite keineswegs ebenfalls den Kriegszustand ausrufen wird, sondern ein großes Interesse an einer zivilen Gemeinsamkeit hat. Trotzdem ist Lassahns Bezeichnung nicht überzogen. Wer, wie beispielsweise der Alleinerziehendenverband, auf Regeln besteht, die für Mütter ein berserkerhaftes Verhalten sinnvoll und funktional erscheinen lassen – der geht eben unterschwellig von einem Kriegszustand aus.
Männer können von solchen Kriegserklärungen nichts gewinnen. Wovon dann?

Berserkerin

Das Kind hatte den Kopf in die Halsbeuge des Mannes gelegt, den Arm um seinen Hals, und schlief jetzt. Er hatte ihm eine Decke umgelegt, zu spät, das Kind hatte in der Kühle des beginnenden Abends schon angefangen zu weinen, doch nun atmete es ruhig und regelmäßig. Er stand mit ihm vor der Tür und wartete.
Sie kam eine halbe Stunde zu spät und war darüber wütend. Warum er denn nicht mit dem Kind irgendwo hinein gegangen sei, schrie sie den Mann an, das ginge so nicht weiter. Er gab ihr das Kind in den Arm, sie schrie weiter, das Kind wachte auf und schaute erstaunt seine Eltern an.
Er stellte den Kinderwagen in den kleinen Schuppen in der Nähe der Haustür, sie aber kam ihm hinterher und schrie weiter: Es sei mit ihm nicht auszuhalten, und warum er mit dem Kind nicht irgendwo hinein gegangen sei. Ich wusste ja nicht, dass du so spät kommst, sagte er, und sie wurde wütender.
Das Kind in ihrem Arm hatte die Augen nun weit geöffnet und verstand nicht, was geschah. Du hast keine Chance, schrie sie, da müsste ich schon drei Tage besoffen unter dem Küchentisch liegen, damit du eine Chance hättest.
Er hatte den Wagen abgestellt, wurde nun auch wütend, drehte sich weg von der Frau und dem Kind, drehte sich weiter und sah wieder den erstaunten, müden Blick des Kindes – anders als sie, die das Kind im Arm hielt und auf den Mann schaute. Er verabschiedete sich schnell, damit sie endlich aufhörte zu schreien.
Ich muss etwas tun, dachte er auf dem Weg nach Hause, aber er wusste nicht, was er tun konnte.
Der Blick des Kindes, überrascht, müde, hilflos, blieb.

Zu Ernst Barlachs Berserker

Aggro akademisch

„Peinliche Maskutrolle rotten sich auf peinlichem Maskublog gegen „Genderfeministin“ Dr. Mutti zusammen“ – „Ihr rottet euch zusammen. Ob ihr eine „Meinung“ habt, ist dabei irrelevant.“ – „Haha, es gibt tatsächlich Leute, die Pinker [gemeint ist Steven Pinker, Professor für Psychologie in Harvard]  für „gute Gesellschaft“ halten.“ – „Außer Ihren Maskutrollfreunden hat niemand Interesse, Ihr Blog zu lesen oder zu kommentieren.“ Derjenige, der sich hier auf diese Weise durch seinen Twitter-Account pöbelt, ist keineswegs ein Jugendlicher in der Hochzeit seiner Pubertät, sondern ein deutscher Professor – Anatol Stefanowitsch, Lehrstuhlinhaber am Institut für Englische Philologie an der Freien Universität Berlin und bekannt für seine feministischen Positionen zur geschlechtergerechten Sprache„.  Was war passiert? In einem Artikel auf dem Blog „Dr. Mutti“  hatte die Blogbetrieberin, die Hamburger Linguistin Juliane Goschler, in einem Artikel nur eine sehr geringe Bedeutung biologischer Faktoren für das unterschiedliche Verhalten von Männern und Frauen eingeräumt: Es schnurre „die Liste der wissenschaftlichen Studien, die einen eindeutigen Einfluss von biologischem Geschlecht auf das Verhalten zeigen, zusammen auf eine kleine Handvoll, die man überhaupt nur ernsthaft diskutieren muss.“ Darauf hatte Alexander Roslin als Kommentator auf dem Blog „Alles Evolution“, der sich wesentlich mit eben der Bedeutung dieser biologischen Faktoren für die Geschlechterrollen auseinandersetzt, hingewiesen  und einige Zitate zusammengestellt, die der Darstellung von Dr. Mutti widersprachen. Roslin schloss mit dem Hinweis, dass er seinen Kommentar bei Dr. Muttis Blog gepostet habe und gespannt sei, ob er freigeschaltet werde. Auch Christian Schmidt schob auf seinem Blog noch einige Argumente hinterher und versuchte sie ebenfalls als Kommentare bei Dr. Mutti zu posten. Die Widersprüche gegen Goschers Position waren durchweg sehr sachlich formuliert, doch die Petitesse, dass sie – angesichts der Unsicherheit, ob die Kommentare bei Dr. Mutti freigeschaltet würden – auch auf „Alles Evolution“ veröffentlicht wurden, nahm Stefanowitsch (der mit der ganzen Diskussion eigentlich gar nichts zu tun hatte) zum Anlass, sich hemmungslos zu enragieren. Während er jedes Gesprächsangebot der „Gegenseite“ (z.B. die Versicherung von Christian Schmidt, Diskussionsbeiträge von Stefanowitsch oder Goschler auf seinem eigenen Blog zu veröffentlichen) höhnisch ablehnte, ließ er andere, zustimmende Beiträge zu seiner Position (soweit hier zitiert von „JoergR“) völlig unkommentiert. „Schon toll welch tolles Vokabular sexistischer Schleim für den eigenen Auswurf hat. ‚bespricht‘, ‚Meinung‘“ – „Bullshit. Ich hab kein Interesse, mit Sexisten zu reden. Ich will dass sie ihre Fresse halten.“ – „Ich hoffe die Argumente haben scharfe Kanten, die kannst du nämlich zusammenrollen und dir in den Arsch stecken.“ (zu einem Kommentar, der darauf hinwies, dass die Kommentare auf dem Alles Evolution-Blog schlicht Argumente und Quellen nennen würden). Für einen Professor ein etwas überraschendes Verhalten: Während sich Stefanowitsch den mehrfachen Angeboten einer sachlichen Diskussion umgehend aggressiv verweigert, scheint ihm angesichts der verrückt unangemessenen, dehumanisierenden Kommentare, mit denen ihm ein anderen Nutzer beispringt, nicht einmal eine kleine Relativierung nötig.

In seinem Auftreten zeigt sich aber eine Tendenz, die eine ganze Reihe akademischer Reaktionen auf die Männerrechtsbewegung prägt: Eine inhaltliche und sachliche Auseinandersetzung kategorisch und demonstrativ zu verweigern – einen akademischen Status auszuspielen, ohne dass die Grundlagen und Regeln, die diesen Status bedingen, respektiert würden – mit einer verbissenen Feindseligkeit zu agieren, deren Gründe nie reflektiert oder erläutert werden – und mit massiven Unterstellungen zu arbeiten, die offenkundig keiner Begründung bedürfen. Wenn Professor Stefanowitsch Diskutanten, die sachliche Einwände vorbringen, als „Trolle“ bepöbelt und ihre Beschimpfung als „Schleim“ stillschweigend billigt oder begrüßt, gehört das vergleichsweise sogar noch zu den harmloseren Diffamierungen. Es lohnt sich, diese Art der akademischen Beschäftigung mit Themen der Männerrechtsbewegung (die unter anderem in diesem Blog schon an verschiedenen Stellen erwähnt wurden) einmal im Zusammenhang zu betrachten.

Endlich bewiesen: Menschenrechte sind rechtsradikal Weit verbreitet ist eine andere Unterstellung gegenüber Menschen, die sich für die Menschenrechte von Männern und Jungen einsetzen, die offenkundig politisch vernichtend sein soll: Nämlich die Präsentation dieses Engagements als „rechtsradikal“. Stilbildend war hier eine „Expertise“, die der Journalist Thomas Gesterkamp im Jahr 2010 für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung verfasste: „Geschlechterkampf von rechts“. Die Grünen zogen mit einer Schrift nach, die global unterstellte, beim männerrechtlichen Engagement stünde nicht etwa ein Einsatz für die Rechte von Männern und Jungen, sondern eine tiefe Feindschaft gegen den Feminismus im Mittelpunkt. Der Autor Hinrich Rosenbrock, aus dessen Magisterarbeit bei der Bochumer Professorin Ilse Lenz dieser Text hervorging, stellte männer- und jungenrechtliches Engagement nicht nur, wie Gesterkamp, als rechtsradikal dar, sondern zog auch Parallelen zu den Massenmorden von Andres Breivik. Über Rosenbrocks und Gesterkamps Texte ist mittlerweile so viel geschrieben worden, dass ich mich hier kurz fassen kann.

Weitgehend ungeprüft wurden Rosenbrocks und Lenz‘ nirgendwo begründete Unterstellungen in massenmedialen Stellungnahmen übernommen, kürzlich beispielsweise in der ARD-Radiosendung „Maskuline Muskelspiele“ Tatsächlich liefert deren Autor Ralf Homann ebenso wenig wie Hinrich Rosenbrock irgendeinen Beleg für Verbindungen zu Breivik – dass die Unterstellung völlig haltlos ist, stört niemanden der Beteiligten. Rosenbrock setzt sich (wie seine medialen Verwerter) an keiner Stelle mit Zielen der Männerrechtsbewegung auseinander, erwähnt beispielsweise das Engagement für die Rechte von Vätern nur am Rande – wiederum, ohne auch nur den Spur einer Argumentation bieten zu können, was dieses Engagement denn eigentlich mit rechtsradikalen Positionen zu tun habe. Gleichwohl wird seine Schrift, die eigentlich ein ernsthafter akademischer Skandal ist, in der zweiten Auflage von den Herausgebern der grünen Stiftung verteidigt – dass Rosenbrocks maßlose Unterstellungen von den Opfern dieser Diffamierungen verständlicherweise kritisiert wurde, wird flugs als Beleg gegen diese Kritik gewertet: „Dieses passionierte Abwehrverhalten spricht für sich selbst (…) es ist völlig legitim, eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer gesellschaftspolitischen Bewegung auf Grundlage ihrer Quellen und grauen Materialien zu führen.“ Das bedeutet: Es ist völlig legitim, sich nicht mit den Zielen einer politischen Bewegung auseinanderzusetzen, es reicht, sich auf einige abseitige handverlese Quellen zu stützen, auch sie maßlos zu verzerren und die Ergebnisse dann zu Repräsentationen der gesamten Politik zu erklären. Mit dieser Methode ließe sich dann beispielswiese auch die Partei der Grünen insgesamt als eine Partei der Pädophilen und der Kindervergewaltiger darstellen – das wäre offenkundig ebenso diffamierend und haltlos, könnte sich aber, im Unterschied zu Rosenbrocks Breivik-Unterstellungen, wenigstens auf reale Sachverhalte stützen. Gleichwohl käme niemand jemals auf die Idee, einer solchen Hetze wissenschaftlichen Rang einzuräumen und akademische Titel dafür zu verteilen.

Als „Zivilisationsbruch“ bezeichnet Bernard Lassahn im gerade erschienenen ersten Band seines Werks „Frau ohne Welt“ den Bruch der Goldenen Regel, die schon Kinder im Kindergarten verstünden: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Tatsächlich findet sich diese Regel in der einen oder anderen Form weltweit in allen stabilen Kulturen wieder. Die Verantwortlichen für die Rosenbrock-Schrift hingegen kommen erst gar nicht auf die Idee zu überlegen, was denn eigentlich geschähe, wenn gegen sie selbst auf die gleiche Weise agitiert würde, wie sie gegen ihre politischen Gegner vorgehen. Lassahn: „Wir meiden die Verächter Goldener Regeln und tun gut daran.“ (S. 21)

Dass Studenten sich in universitären Arbeiten verrennen, sich in Thesen verbeißen, die sie tatsächlich gar nicht belegen können, gehört zum Alltag der universitären Lehre. Insofern ist der Skandal dieser Arbeit eigentlich kein Skandal Rosenbrock, sondern ein Skandal der Professorin Lenz und der grünen Heinrich Böll Stiftung. Die Thesen Rosenbrocks sind ja nicht nur nach den Maßstäben wissenschaftlicher Redlichkeit haltlos, sondern auch schon nach denen einer simplen zivilen Mitmenschlichkeit. Wer im gewöhnlichen Alltag Menschen, die ihm nicht passen, willkürlich als Nazis und Massenmörder beschimpft, muss wohl mit Zweifeln an seinem Geisteszustand rechnen – wer dasselbe als Student bei der Professorin Ilse Lenz tut, wird mit einem Magistertitel belohnt. Wären akademische Maßstäbe noch einigermaßen intakt, dann müsste Lenz und den Verantwortlichen der Böll-Stiftung zudem der Vorwurf gemacht werden, einer Fürsorgepflicht gegenüber Rosenbrock nicht gerecht geworden zu sein – anstatt auf einer Verbesserung seiner bis zur Verrücktheit mangelhaften Arbeit zu bestehen, haben sie Rosenbrock in seiner Verranntheit offenkundig bestärkt und dann auch noch das Resultat seines wissenschaftlichen Scheiterns vor einer breiten Öffentlichkeit ausgestellt. Unter den gegenwärtigen Bedingungen der deutschen Universität hat dieses öffentliche Scheitern dem Autor allerdings nicht geschadet – er hat gerade eine Stelle an der Universität Marburg angetreten.

Wie gestandene Akademiker über kleine Jungs triumphieren Auf einer Veranstaltung zur „antifeministischen Männerrechtsbewegung“  in Köln diskutierten dann auch unter anderem Rosenbrock und Gesterkamp mit Ilse Lenz. Eine der wesentlichen Thesen der Diskussion bezieht sich auf die schulischen Nachteile von Jungen: „Das Konzept der Intersektionalität, dürfte den Männerrechtler_innen weitgehend unbekannt sein oder findet in ihren Argumentationsträngen jedenfalls keinerlei Beachtung.“ Das bezieht sich auf die offenkundigen schulischen Nachteile von Jungen, die bekanntlich auf Haupt- und Förderschulen weit überrepräsentiert, auf Gymnasien und beim Abitur weit unterrepräsentiert sind, und bedeutet übersetzt: Jungen seien eigentlich gar nicht benachteiligt, Nachteile würden nur bestimmte Jungen erfahren, etwa solche mit einem „Migrationshintergrund“. Solch ein Zusammenspiel verschiedener Gruppenzugehörigkeiten würde Männerrechtler offenkundig intellektuell überfordern.

Natürlich stimmt das so nicht – gerade die Kritik an schulischen Nachteilen von Jungen nimmt das Zusammenspiel mit anderen Diskriminierungsformen ernst. Es ist beispielsweise davon auszugehen, dass ein Junge aus einem bildungsbürgerlichen Milieu größere Ressourcen hat, seine Nachteile als Junge zu kompensieren, als ein Junge aus einer sogenannten „bildungsfernen“ Schicht.

Das haltlose Argument von der Podiumsdiskussion bedient sich aus einer Schrift, die voller haltloser Argumente ist und die von der Max Traeger Stiftung der „Bildungsgewerkschaft“ GEW herausgegeben wurde: „Bildung von Geschlecht“  von Thomas Viola Rieske. Offensichtliches Ziel der Studie ist es, Bildungsnachteile von Jungen zu leugnen, weil die Zuständigen der GEW (allen voran das Vorstandsmitglied Anne Jenter, die wesentlich für die Herausgabe der Schrift verantwortlich ist und auch das Vorwort dafür geschrieben hat) wohl befürchten, diese Nachteile könnten in irgendeiner Form mit dem massiven numerischen Übergewicht von Frauen in den Kollegien in einen Zusammenhang gebracht werden. Die Schrift ist regelrecht ein Musterbeispiel für den manipulativen Umgang mit Statistiken (dazu ein Artikel bei „Kritische Wissenschaft“, der auch Links zu Auseinandersetzungen mit anderen hier besprochenen Autoren enthält), und sie gibt völlig selbstverständlich Positionen preis, die zuvor jahrelang zum Kernbestand der politischen Forderungen der GEW gehört hatten. Schon die Auswahl des Autors spricht Bände: Rieske war niemals selbst als Lehrer tätig und hatte auch mit der Schulforschung nur am Rande zu tun. Wichtiger als eine gute Kenntnis der schulischen Zusammenhänge war den Verantwortlichen der GEW offenbar, dass die Studie die politisch erwünschten Resultate erbrachte.

Überhaupt ist es auffällig, wie groß der Einsatz Erwachsener ist, wenn es darum geht, die Bildungsnachteile von Kindern wegzureden – sofern diese Kinder männlich sind. Notorisch ist der Salzburger, heute Fribourger Professor Edgar J. Forster, der nicht etwa schulische Strukturen, sondern ein Verhaftetsein von Jungen in Vorstellungen einer traditionellen Männlichkeit für ihre schulischen Nachteile verantwortlich macht: Die Schulen sind prima, nur die Kinder sind falsch. Auf einschlägigen Veranstaltungen der Friedrich-Ebert-Stiftung ist Forster mit solchen Thesen gern gesehener Gast.

Wenn es darum geht, mögliche für Jungen nachteilige Folgen einer weiblichen Monopolstellung in den Kollegien der Grundschulen wegzureden, wird besonders häufig Marcel Helbig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) zitiert, der in Studien nachgewiesen habe, dass das Geschlecht der Lehrkräfte keine nennenswerten Auswirkungen auf die Leistungen von Kindern habe. Der Spiegel beruft sich darauf ebenso wie die Süddeutsche Zeitung, und im Freitag wird Helbig nur noch anonym als ein „Bildungsforscher“ zitiert – vielleicht soll hier schon verschleiert werden, dass diese Darstellungen sich allesamt auf denselben Autor beziehen.

Dabei sind die Ergebnisse dieser Studie keineswegs tragfähig. Helbig untersucht Daten von Berliner Grundschulen – also Schulen, deren Kollegien flächendeckend ausschließlich oder fast ausschließlich aus Frauen bestehen. Es fehlt eine Vergleichsgruppe von Schulen mit einem ausgeglichenen Männer-Frauen-Anteil, und erst recht fehlt eine Vergleichsgruppe von Schulen mit erheblichem Männerüberschuss (vgl. dazu auch Helbig selbst, S. 5: „Ob sich die Schule insgesamt feminisiert hat und für Jungen gar zu einer fremden Umgebung geworden ist, lässt sich mit den bisherigen Studien nicht beantworten.“). So kann Helbig bestenfalls feststellen, dass nicht jeder einzelne Lehrer für Jungen positiv und nicht jede einzelne Lehrerin für Jungen negativ ist – dieser trivialen Behauptung aber widerspricht ohnehin niemand. Tatsächlich lassen sich die erheblichen schulischen Nachteile von Jungen aber eben darauf zurückführen, dass vielen von ihnen bis weit über die Hälfte ihrer Kindheit und Jugend hinaus die Interaktion mit möglichen männlichen Identifikationsfiguren fehlt – in der mütterlichen Alleinerziehung und den Frauendomänen Kindergarten und Grundschule wachsen Kinder bis in ihr elftes Lebensjahr ohne stabilen Kontakt zu männlichen Bezugspersonen auf. Nicht die einzelne Person, sondern das von Frauen numerisch dominierte Schulklima also ist entscheidend  – diese zentrale These kann Helbigs Studie schon von ihrer ganzen Anlage her nicht entkräften, und Helbig interessiert sich auch nicht für sie.

Gleichwohl zieht er aus seiner Studie erhebliche Schlüsse, die gegenüber Jungen irritierend feindselig sind. Deren Schulprobleme seien keineswegs auf Strukturen zurückzuführen, sondern allein ihre eigene Schuld – Jungen seien nun einmal faul. „Weil sie es sich leisten können. Als Mann kommt man in der Gesellschaft auch nach oben, wenn man nicht viel tut.“  (Danke an Andreas Reinhardt für den Hinweis auf dieses Interview.)

Die Professorin Jutta Allmendinger, deren akademischer Ziehsohn  ihr Mitarbeiter Helbig seit vielen Jahren ist, stößt genüsslich ins gleiche Horn, wenn sie im Vorwort zu seinem Buch „Sind Mädchen besser? Der Wandel des geschlechtsspezifischen Bildungserfolgs in Deutschland“ aus dem Jahr 2012 schreibt: „Aus dem katholischen Arbeitermädchen vom Lande ist, soviel steht fest, ein Junge geworden, der überall leben könnte.“ (S. 11) Professorin Allmendinger geht es hier keineswegs darum, nun eine spezifische Jungenförderung zu fordern – ganz im Gegenteil: Der Hinweis auf den flächendeckenden Bildungsmisserfolg von Jungen dient ihr lediglich als Hintergrund, um eine Erfolgsgeschichte zu erzählen, nämlich die vom weiblichen Erfolg. Zu diesem Zweck spielt es natürlich auch plötzlich gar keine Rolle mehr, dass angeblich nur einige, nicht alle Jungen von Nachteilen betroffen seien – der Erfolg der Mädchen schließlich leuchtet umso heller, je grundsätzlicher die Jungen als Versager präsentiert werden können. Die Feindseligkeit gegen Kinder und Jugendliche, die sich hier zeigt, hat Peer Steinbrück übrigens keineswegs davon abgehalten, Allmendinger zur Bundestagswahl für sein „Kompetenzteam“ ausgerechnet im Bereich der Bildung einzuplanen – allein wohl Allmendingers Wunsch, sich auf ihre akademische Tätigkeit (nämlich als Präsidentin des WZB) zu konzentrieren, verhinderte ihre Beteiligung. 

 
Elfenbeinturm und Filterbubble Die Verquickung von politischen Interessen und akademischer Arbeit, die sich in diesen Beispielen zeigt, hat Nachteile für alle Seiten. Gleich mehrfach wird hier die Denunziation politischer Gegner, ja sogar offen vorgetragene Verachtung Erwachsener für Kinder und Jugendliche aus Steuermitteln finanziert und über die Infrastruktur der partei- bzw. gewerkschaftsnahen Stiftungen und die der Universitären verbreitet. Von Seiten der Politik wird die Zusammenarbeit offenbar eben gerade deshalb gesucht, weil die eigenen Ziele eigentlich nicht vertretbar sind: Die maßlose Diffamierung politisch Andersdenkender und der Hohn Erwachsener gegenüber Kindern, die vor Schwierigkeiten stehen, sind schließlich in halbwegs intakten zivilen und demokratischen Kontexten nicht vermittelbar. Nicht etwa der Antifeminismus ist beispielsweise verbindendes Element verschiedener männerrechtlicher Positionen (es gibt viele Vertreter, die bestimmten feministischen Positionen und Spielarten durchaus nahe stehen), sondern die Überzeugung, dass Menschenrechte auch für Männer und Jungen gelten. Wer diese Selbstverständlichkeit mit exzessiver Feindseligkeit bekämpft, fällt damit offenkundig aus dem demokratischen und rechtsstaatlichen Spektrum heraus. Nicht obwohl, sondern gerade WEIL die eigenen Positionen so offensichtlich unhaltbar sind, suchen die politischen Institutionen also wohl die Nähe zur Wissenschaft. Die Parteien und die „Bildungsgewerkschaft“ GEW zapfen hier also gleichsam den akademischen Status an, um unvertretbare Position präsentabel zu machen – sie suchen nach Menschen, die ihnen faule Äpfel bunt anmalen, um sie noch verkaufen zu können.

Dass sich Professorinnen für diese Tätigkeit hergeben, beschädigt eben den akademischen Status, den sie dabei missbrauchen. Sie treten keineswegs aus dem akademischen Elfenbeinturm heraus, um sich mit der politischen Wirklichkeit außerhalb der Universitäten auseinanderzusetzen. Stattdessen finden universitärer Elfenbeinturm und feministische Filterbubbles  in einer unglücklich stimmigen Wahlverwandtschaft zueinander, die sowohl die politische Glaubwürdigkeit der beteiligten Institutionen – Grüne, SPD, GEW – wie auch die wissenschaftliche Integrität ihrer universitären Zuträger erheblich beschädigt. Vor allem aber verletzt sie die demokratischen Rechte derjenigen Menschen, die Opfer der dabei etablierten und aus Steuermitteln finanzierten Hetzstrukturen werden.

Eloquent und selbstbewusst die Klappe halten

„Von Kurt Tucholsky stammt der Seufzer ‚meine Sorgen möcht‘ ich haben‘. Dabei ahnte Tucholsky noch nichts von den drängenden Problemen unserer Tage, nichts von Klimawandel und Eurokrise, von Tempolimit und Ehegattensplitting und schon gar nichts vom immerwährenden Kampf und die geschlechterneutrale Sprache.“  Dieser Kommentar des Bayrischen Rundfunks gehört noch zu den milderen Reaktionen auf die Entscheidung des Senats der Leipziger Universität, in der universitären Grundordnung nur noch weibliche Bezeichnungen zuzulassen – und mit Titeln wie dem der „Professorin“ Männer einfach mitzumeinen. Dass die Entscheidung fast flächendeckend, vorsichtig formuliert, als skurril wahrgenommen wurde – die Bildzeitung sprach wie zu erwarten von „Irrsinn“Kommentare zum entsprechenden Artikel in der FAZ sind mit „Irrenhaus“ oder „Ansonsten haben wir keine Probleme“ überschrieben , und selbst Heide Oestreich kommt in der taz nicht umhin, aus den Reaktionen zu zitieren: „ideologischer Irrsinn, die Uni als psychiatrische Tagesklinik, Obsession …“  Tatsächlich wirkt diese Entscheidung wohl wegen der großen Fallhöhe, die durch einen universitären und elitären Anspruch aufgebaut wird: Es wirkt nun einmal recht wirklichkeitsentrückt, wenn man auf der einen Seite Wissenschaft mit erheblichem Geltungsanspruch (und erheblichen Hürden für die Möglichkeiten des Zugangs dazu) betreibt und auf der anderen Seite seine hochbezahlte Zeit damit verbringt, einfach mal zu schauen, wie es wohl ist, alle Menschen mit der weiblichen Form anzureden.
Lauter Professorinnen und die ernsthafte Sacharbeit Dabei besteht für Männer eigentlich ein deutlicher geringerer Anlass zur Aufregung als für Frauen. In einem Kommentar bei „Alles Evolution“ bringt das der Leser David so auf den Punkt: Gerade Männerrechtler sollten eine feministische Sprachpflege der Leipziger Art begrüßen, „da es der Gesellschaft und auch feministisch angehauchten Frauen deutlichst vor Augen führt, wie mächtig, totalitär, egozentrisch, gängelnd, auf Nebensächlichkeiten fixiert und kleinkariert der Feminismus ist.“  Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Beschluss weitgehend von Männern gefasst wurde und außer von einigen reflexhaft agierenden üblichen Verdächtigen wie Luise F. Pusch oder Sybille Berg auch oft von Männern verteidigt wird (zum Beispiel durch Klaus Schwerma vom Bundesforum Männer, wer hätte das gedacht, vgl. den FAZ-Artikel). Das sogenannte „generische Femininum“ wird nun einmal von den meisten, die sich dafür überhaupt interessieren, mit feministischer Sprachpolitik in Verbindung gebracht. Diese Politik wiederum tritt mit dem Anspruch auf, die Interessen „aller Frauen“ zu vertreten, ohne dass allzu viele der dadurch in Mithaftung genommenen Frauen dagegen protestieren würden. So lässt sich Davids Statement sogar noch schärfer fassen: Ich kenne keine andere Maßnahme, die Frauen in der universitären Wissenschaft so sehr, und fast boshaft, der Lächerlichkeit preisgibt wie dieser seltsame Beschluss des Leipziger Senats. Auch eingedenk des massiven numerischen Übergewichts von Männern in den MINT-Fächern ist das Bild, das entsteht, verheerend und unfair: Während männliche Wissenschaftler offenbar mit ernstzunehmenden Tätigkeiten und Forschungen beschäftigt sind, die nicht nur für die Wirtschaft, sondern insgesamt für die Lebensqualität aller unersetzliche Bedeutung haben, scheinen Frauen in den Universitäten von einer albernen, egozentrischen, zeit- und steuermittelintensiven Nabelschau absorbiert, deren Resultate dann auch noch allen anderen als Verpflichtung aufgedrückt werden. Es ist nicht gerade hilfreich, wenn die Rektorin der Leipziger Universität den Entschluss zu allem Überfluss auch noch damit begründet, dass Frauen an der Universität „sichtbarer“ gemacht werden sollen – als ob gestandene Professorinnen nicht ohnehin genug Mittel hätten, durch ihre Leistungen als Wissenschaftlerinnen auf sich aufmerksam zu machen.
Das entstehende Bild ist Frauen in der Wissenschaft gegenüber ausgesprochen ungerecht – doch umso verwunderlicher ist es, warum Frauen eigentlich so still halten und die Leipziger Beschlüsse stillschweigend hinnehmen, sie zum Teil sogar begrüßen. „Der Akademische Senat der Universität Leipzig wird aufgefordert, zu ernsthafter Sacharbeit zurück zu kehren“: Es wäre für das Bild von Frauen an Universitäten wohl sehr wichtig gewesen, wenn eine solche Position – die vom Dekan der juristischen Fakultät in Leipzig stammt – zuerst von etablierten Professorinnen veröffentlicht worden wäre. Warum eigentlich wehren sich Frauen nicht gegen andere, seien sie männlich oder weiblich, die gönnerhaft in ihrem Namen sprechen und ihnen dabei erkennbaren Schaden zufügen?
 
Dieselbe Frage lässt sich noch in einem ganz anderen, wichtigeren Bereich stellen.
Nur ein abwesender Vater ist ein guter Vater „Eine (..) Beraterin bei der Caritas machte mir ohne erkennbaren Anlass grundsätzlich klar, dass ich mir gut überlegen müsste, was ich in der Beratung ansprechen wolle – wenn sie vor Gericht aussagen würde, dass die Kommunikation zwischen den Eltern erschwert sei, hätte ich nämlich keine Chance auf eine gemeinsame Sorge.“  Für diesen Satz aus dem Text „Gespräche verweigern, Gesetze sabotieren, ‚Kindeswohl‘ schreien“ bin ich eigentlich noch eine Erklärung schuldig – schließlich treten Caritas-Mitarbeiterinnen normalerweise nicht vor Gericht auf. In der Stadt der Beratung aber hat sich das Jugendamt völlig aus der Aufgabe der Familien- und Elternberatung zurückgezogen, beschränkt sich darauf, Unterhaltsansprüche auszurechnen, und hat die Beratungstätigkeit und die Aufgaben der Sozialarbeit an kirchliche Einrichtungen ausgelagert. Das ist – auch wenn man Jugendämtern gegenüber skeptisch ist –  keine gute Entwicklung, weil sie ein großes Desinteresse signalisiert. Schließlich kann eine Elternberatung durchaus wichtig sein – es fehlt allerdings fast durchgängig an Qualitätskontrollen, und es fehlt an klaren Zielen. Klar müsste zum Beispiel sein (ist es aber noch nicht), dass es in Beratungen darum gehen muss, die Eltern miteinander in ein sinnvolles Gespräch zu bringen – und nicht darum, Mütter vor väterlichen Kommunikationserwartungen zu schützen, die sie als illegitime Belastung wahrnehmen.
Eben hier ist es von großer Bedeutung, dass sich politische und juristische Rahmenbedingungen ändern. Es ist zum Beispiel wichtig, dass ein Gericht – wie Genderama gerade berichtete  – eine Kommunikationsverweigerung der Mutter nicht als Grund gegen ein väterliches Sorgerecht, sondern im Gegenteil als Argument gegen ein alleiniges mütterliches Sorgerecht wertet. Es ist insbesondere die Politik des Alleinerziehendenverbands, die sich massiv gegen solche Änderungen sperrt. Gerade dies aber ist ein weiterer Zusammenhang, in dem das Schweigen der Frauen für mich nur schwer erklärbar ist. Schließlich gibt es viele „alleinerziehende“ Mütter, die angeblich oder tatsächlich ein erhebliches Interesse an der Zusammenarbeit mit distanzierten Vätern haben – in meinem eigenen Bekannten- und Freundeskreis kenne ich gleich mehrere solcher Mütter und bin sicher, damit keine Ausnahme zu sein. Die Politik des VAMV zielt, und offenkundig aus einem egoistischen Machtkalkül heraus, eben auf das Gegenteil – anstatt Konzepte zu entwickeln, wie Väter im Interesse aller Beteiligten stärker in die gemeinsame Sorge eingebunden werden können, produziert der Verband ein fadenscheiniges Argument nach dem anderen, um die Väter aus der gemeinsamen Sorge herauszuhalten. Warum eigentlich gibt es fast keine Frauen, die sich offen dagegen verwahren, dass der VAMV ihre eigenen Interessen, die Interessen der Kinder und auch die der Väter so konsequent verletzt – und dabei auch noch in ihrem Namen spricht? Wo bleiben denn die Gruppen alleinerziehender Mütter, die angeblich oder tatsächlich unter der „Verantwortungslosigkeit“ abwesender Väter leiden – und die sich deshalb gegen eine Politik wenden würden, die nichts Besseres zu tun hat, als Väter verbissen aus der Kindessorge herauszuhalten und ihnen zugleich höhnisch zu signalisieren, dass ihre Beteiligung an der Sorge auch gar nicht erwünscht ist?
 
Sichtbar, nicht hörbar Zwischen den gängigen weiblichen Selbstbeschreibungen in den Medien – als erfolgreich, eloquent, sozial kompetent, selbstbewusst etc. – und dem seltsamen Schweigen der meisten Frauen in Geschlechterdebatten besteht ein augenfälliger Widerspruch. Natürlich muss sich nicht jeder Mensch für solche Debatten interessieren – aber Frauen schweigen ja auch dann, wenn durch frauenpolitische Überdrehungen ihre Interessen direkt berührt und beeinträchtigt werden.  Wenn ausnahmsweise eine Frau – wie etwa Monika Ebeling – einmal den Mund aufmacht und von einer feministisch inspirierten Hetzmeute mundtot gemacht werden soll, gibt es dagegen Proteste von Männern, aber kaum von Frauen selbst. Woran liegt das eigentlich?
Natürlich – es mag ja sein, dass viele offen oder insgeheim dem feministischen Anspruch vertrauen, alle Frauen vertreten zu können. Doch auch dann wäre es immer noch rätselhaft, warum diejenigen Frauen, die solche Positionen nicht teilen, sich nicht deutlicher zu Wort melden. Dass tatsächlich alle glauben, durch die ordentliche Sprachregelung, nur noch von (männlichen oder weiblichen) Professorinnen zu reden, würde Frauen tatsächlich geholfen – oder durch die Mutmaßung einer Universitätsrektorin, gestandene Professorinnen mit ihrem Mitarbeiterstab seien nicht in der Lage, sich „sichtbar“ zu machen – oder durch die Verpflichtung von (männlichen wie weiblichen) Studenten auf eine „geschlechtergerechte Sprache“, einschließlich der Drohung, sie bei einer Weigerung schlecht zu beurteilen oder durch eine Prüfung fallen zu lassen  – oder dadurch, dass Väter von ihren Kindern ferngehalten und Kindern ihre Väter genommen werden – oder durch die Sabotage sinnvoller Gespräche zwischen Müttern und Vätern – oder dadurch, dass Frauen mit abweichender Meinung zum Geschlechterverhältnis mundtot gemacht werden (die Reihe der Beispiele ließe sich noch beliebig fortsetzen, aber die Idee ist wohl schon klar): Die Idee, dass tatsächlich alle Frauen glauben, diese und vergleichbare Maßnahmen seien im „Interesse aller Frauen“, ist abwegig. Wie ist es dann aber zu erklären, dass so wenige Frauen gegen diese Politik, die ja in ihrem Namen betrieben wird, protestieren?
 
Über die Motive Einzelner  lässt sich natürlich nicht viel aussagen, aber zumindest lassen sich einige Strukturen beschreiben, die das verbreitete Schweigen  bedingen können. Ganz offenkundig wird von vielen, und wohl von Frauen und Männern, insgeheim die eigentlich völlig unplausible Vermutung  akzeptiert, dass das Geschlechterverhältnis wie ein Nullsummenspiel organisiert sei, bei dem sich Männer und Frauen einander als jeweils weitgehend uniforme Blocks  gegenüberstünden. Das stimmt offenkundig nicht: In eigentlich allen Bereichen, in denen Menschen verschiedener Geschlechter zusammen leben, gewinnen jeweils auch alle tendenziell von kooperativen Strukturen, und alle erleiden durch eine Verweigerung der Kooperation Schaden. Nach gängiger feministischer und frauenpolitischer Darstellung aber sind Vorteile für die eine Seite nur über Nachteile für die andere Seite zu erreichen – wer also der anderen Seite Nachteile aufbürde, verschaffe der eigenen Seite damit zugleich auch Vorteile. Wer daher Elterngespräche zu Lasten der Väter und Kinder torpediere oder Väter von ihren Kindern trenne, nütze dabei irgendwie den Müttern und damit natürlich auch irgendwie den Kindern selbst, so wie jemand, der einen Professor zukünftig in der universitären Grundordnung als „Herr Professorin“ führe, damit den Frauen an der Uni ganz gewiss Vorteile verschaffe.
 
Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Annahmen nur Männern absurd erscheinen.

Facebook: Nazi-Mist ist okay, Feminismus-Kritik muss weg

Vor ein paar Monaten habe ich zum ersten (und letzten) Mal ein Bild bei Facebook gemeldet. Das Bild vom 4.1. zeigt eine Dose Nüsse, beschriftet ist sie mit den Worten „Buchenwald’s Beste“, darunter steht „Cash-Jews“ (also etwa: Geldjuden), neben den Schriftzug „Nur echt mit dem Stern“ ist ein Judenstern gezeichnet, unten prangt ein Hakenkreuz mit dem Satz „Hergestellt nach dem deutschen Reinheitsgebot“. Was Juden eigentlich mit Nüssen zu tun haben, macht das Partizip vor dem Begriff „Cash-Jews“ klar – es sind „Geröstete Cash-Jews“.
Ein lupenreines Nazi-Bild, das antijüdische Klischees nutzt und sich offen über den Massenmord an den europäischen Juden lustig macht. Ein paar Tage später erhielt ich von Facebook eine sehr knappe Mail mit dem Satz „Wir haben deine Meldung zu [Umstrittener Humor] Schwarzer Humors Foto überprüft.“ Das war alles: Das Bild wurde nicht entfernt, obwohl ich weiß, dass ich bei Weitem nicht der einzige bin, der es gemeldet hatte. Mittlerweile ist er auf der entsprechenden Seite der Gruppe ein zweites Mal gepostet, Hunderte von Facebook-Nutzern geben an, dass sie es mögen. Die Seite ist insgesamt voller rassistischer und antisemitischer Bilder und Sprüche, regelrecht zwanghaft sind Witze über Anne Frank (die zum Beispiel mit Papierhütchen und dem Spruch „I played hide and seek“ dargestellt wird, 9.1.), die Seite macht sich über eine Statistik lustig, die eine rapide Schrumpfung der jüdischen Weltbevölkerung während der Nazi-Herrschaft zeigt (31.3.), nutzt Nazi-Chiffren wie den Hitler-Code „88“ („Frage mich, womit die heizen“, 28.3.), macht zahllose Witze über Juden, Schwarze oder Türken und spottet auch über Angriffe auf Israel in der heutigen Zeit („Reise nach Jerusalem“, 3.1.). Auch rassistische Klischees werden offen bedient, Bilder erhängter Schwarzer mit dem Satz „Mal die schwarze Seele baumeln lassen“ untertitelt (1.4.), gleich mehrmals wird die Frage „What’s the most positive thing in Africa?“ mit „HIV“ beantwortet, und unter einem Bild eines Affen neben einem weißen Kind steht der Satz „Black children and white children are the same“ (1.4.) Dies nur einige Beispiele von sehr viel mehr möglichen.

 

Nazis rein, Kritiker raus Die Facebook-Seite „[Umstrittener Humor] Schwarzer Humor“ gefällt zum Zeitpunkt dieses Posts 53.908 Nutzern. Dass hier „schwarzer Humor“ vorgeführt würde, ist eine Schutzbehauptung – die meisten Posts sind nicht witzig, sie wirken lediglich durch die Heftigkeit der Grenzüberschreitung. Die Seite wirkt gerade durch die Schamlosigkeit, mit der sie brutal-dummes Nazi-Gerede vorführt und ausstellt. Facebook wiederum ignoriert Beschwerden über die Seite und deckt die rechtsradikale Propaganda, die auf seiner Plattform betrieben wird – vielleicht schlicht deswegen, weil sie erfolgreich ist und Nutzer an Facebook bindet.

Sicherlich – es gibt radikale Verfechter der Meinungsfreiheit, die auch einer solchen Seite ein Existenzrecht zugestehen. Ich finde das falsch – die Verhöhnung der Ermordeten ist keine „Meinungsäußerung“, sondern einfach eine kranke Rohheit. Der Massenmord an den europäischen Juden war ja unter anderem auch der größte systematische Kindermord der Weltgeschichte, und die zwanghaften Anne Frank-Witze der Seite spielen darauf an – eine solch Verrohung einfach stehen zu lassen, als Unterhaltungsmaterial für Tausende, ist barbarisch und hat in meinen Augen mit einem liberalen Verständnis von freier Rede gar nichts zu tun.

Umso erstaunter war ich, als ich nun bei Genderama  las, dass Facebook sehr wohl Einträge löscht – beispielsweise dieses Bild„I need feminism because when I kill my husband feminists will defend me“ steht auf dem Schild, das eine junge, in die Kamera lächelnde Frau in den Händen hält. Das Bild spielt satirisch unter anderem auf feministische Verteidigungen der Massenmörderin Aileen Wuornos an und auf den Prozess gegen Jodi Arias, die in den USA wegen eines brutalen Mordes an ihrem Freund verurteilt und die von Feministinnen unterstützt wurde – als „geschlagene Frau“, die sich bloß gewehrt habe. Gelöscht wurde auch ein Text des britischen Politikers Mike Buchanan über männliche Opfer häuslicher Gewalt.

Natürlich, Foto und Text wurde von Facebook in den USA und Großbritannien gelöscht, und Facebook in Deutschland hat möglicherweise andere Maßstäbe, die dann eben auch an der „Umstrittener Humor“-Seite deutlich wurden. Allerdings gibt es auch in den USA „Controversial Humor“-Gruppen, die von Facebook unbeanstandet offen rassistische Bilder und Witze posten. Zudem gehört es ja gerade zur Bedeutung von Facebook, dass nationale und geografische Grenzen keine Rolle spielen – mit Freunden in London oder New York kann man dort ebenso problemlos kommunizieren wie mit Freunden in Lindau oder Neunkirchen. Maßstäbe, die entlang nationaler Grenzen radikal unterschiedlich sind, werden dem Medium offenkundig nicht gerecht.
Zornige Göttinen Es ist ebenso klar, dass Facebook schlicht doppelte Standards anlegt (dazu mehr auch hier) – während Nazi-Propaganda gegen Beschwerden geschützt wird, wird sachliche, satirisch überspitze Kritik an feministischen Positionen als intolerabel behandelt. Anders ausgedrückt: Feministische Positionen werden von Facebook regelrecht sakralisiert, Kritik an ihnen weist schon durch ihre bloße Existenz ihre eigene Verworfenheit nach, ist faktisch blasphemisch, ohne dass überhaupt noch gefragt werden müsste, ob sie inhaltlich begründet ist oder nicht. Diese Tendenz wiederum ist ja nicht auf die USA oder Großbritanien begrenzt – gerade erst war ja beispielsweise eine Radiosendung der ARD  in der Diskussion, die ohne jeden Nachweis den Einsatz für Menschenrechte von Männern und Jungen mit dem Massenmord Breiviks verknüpft. Für den Autor der Sendung, Ralf Homann, sind feministische Positionen offenkundig in einem solchen Maße sakralisiert, dass er schon ein klares Abweichen von ihnen, gar eine offene Kritik als eine massive Verletzung wahrnimmt, so gravierend, dass er sie nur mit einem Massenmord assoziieren kann. Dieselbe religiöse Überhöhung findet sich auch schon in der Schrift der grünen Heinrich Böll-Stiftung, die Homanns Radiobeitrag zu Grunde liegt. Auch hier stellt der Autor der „wissenschaftlichen“ Studie nicht ein einziges Mal die Frage, ob die Männerrechtsbewegung vielleicht vernünftige Argumente hat, sondern unterstellt ihr rundweg eine „antifeministische“ Haltung, die er dann seinerseits mit Breiviks Verbrechen verknüpft. Auch die massiven Störungen  bei Vorträgen von Monika Ebeling, die Männern ebenso wie Frauen einen Anspruch auf Schutz ihrer Rechte und Integrität zubilligt, sind Symptom der Feminismus-Sakralisierung: Es reicht den Störern und Pöblern nicht, Ebelings Position kritisieren, sich von ihr klar abgrenzen zu können – für sie ist es unerträglich, dass eine solche Position überhaupt geäußert werden darf.

Natürlich ist die religiöse Überhöhung einer politischen Position, die sich auch in den willkürlichen Löschaktionen bei Facebook zeigt, widersinnig. Gewiss: Von einer „Heiligkeit des menschlichen Lebens“ lässt sich auch dann noch sinnvoll sprechen, wenn man die religiösen Hintergründe der Position nicht teilt. Sie kann im Sinne einer allgemeinen menschlichen Unverfügbarkeit interpretiert werden oder im Sinne von Kants Formel, dass ein anderer Mensch nie nur als Mittel zum Zweck, sondern immer auch als Zweck an sich betrachtet werden müsste. Eine „Heiligkeit politischer Positionen“ hingegen ist offenkundiger Quatsch. Eine Position ist im demokratischen Sinne ja eben gerade deshalb politisch, weil sie nicht heilig ist – weil sie sich der offenen Debatte stellt, kritisiert und relativiert, ja, auch in der Diskussion bekämpft werden kann. Politische Positionen zu sakralisieren ist eine klare Absage an demokratische Politik.

Noch einen anderen Nachteil aber hat die Sakralisierung des Feminismus: Sie untergräbt gemeinsame zivile Maßstäbe. Sie ist ein besonders extremes Beispiel für eine Tendenz, die Rechte und Schutzwürdigkeiten nicht mehr allgemein allen Menschen zugesteht, sondern lediglich bestimmten Gruppen, die sich besonders erfolgreich als Opfer gesellschaftlicher Strukturen präsentieren konnten. Menschenrechte gelten nicht mehr universell, sondern exklusiv, als Sonderrechte besonders schutzwürdiger Gruppen – während Angehöriger anderer Gruppen, als „Herrscher“ und „Unterdrücker“ imaginiert, aus der Humanität hinausdefiniert werden („Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“) So haben eben beide Seiten der doppelten Standards, die Facebook anlegt, einen inneren Zusammenhang in der Leugnung gemeinsamer ziviler Regeln und Rechte – und es ist aus der Facebook-Perspektive nur stimmig, einerseits rechtsradikale Hass-Propaganda als „schwarzen Humor“ zu verkaufen und gegen Einsprüche von Nutzern zu schützen, aber andererseits sachlich fundierte, satirisch nur leicht überhöhte Kritik an feministischen Positionen als unerträglich zu empfinden und zu löschen.