Eloquent und selbstbewusst die Klappe halten

„Von Kurt Tucholsky stammt der Seufzer ‚meine Sorgen möcht‘ ich haben‘. Dabei ahnte Tucholsky noch nichts von den drängenden Problemen unserer Tage, nichts von Klimawandel und Eurokrise, von Tempolimit und Ehegattensplitting und schon gar nichts vom immerwährenden Kampf und die geschlechterneutrale Sprache.“  Dieser Kommentar des Bayrischen Rundfunks gehört noch zu den milderen Reaktionen auf die Entscheidung des Senats der Leipziger Universität, in der universitären Grundordnung nur noch weibliche Bezeichnungen zuzulassen – und mit Titeln wie dem der „Professorin“ Männer einfach mitzumeinen. Dass die Entscheidung fast flächendeckend, vorsichtig formuliert, als skurril wahrgenommen wurde – die Bildzeitung sprach wie zu erwarten von „Irrsinn“Kommentare zum entsprechenden Artikel in der FAZ sind mit „Irrenhaus“ oder „Ansonsten haben wir keine Probleme“ überschrieben , und selbst Heide Oestreich kommt in der taz nicht umhin, aus den Reaktionen zu zitieren: „ideologischer Irrsinn, die Uni als psychiatrische Tagesklinik, Obsession …“  Tatsächlich wirkt diese Entscheidung wohl wegen der großen Fallhöhe, die durch einen universitären und elitären Anspruch aufgebaut wird: Es wirkt nun einmal recht wirklichkeitsentrückt, wenn man auf der einen Seite Wissenschaft mit erheblichem Geltungsanspruch (und erheblichen Hürden für die Möglichkeiten des Zugangs dazu) betreibt und auf der anderen Seite seine hochbezahlte Zeit damit verbringt, einfach mal zu schauen, wie es wohl ist, alle Menschen mit der weiblichen Form anzureden.

Lauter Professorinnen und die ernsthafte Sacharbeit Dabei besteht für Männer eigentlich ein deutlicher geringerer Anlass zur Aufregung als für Frauen. In einem Kommentar bei „Alles Evolution“ bringt das der Leser David so auf den Punkt: Gerade Männerrechtler sollten eine feministische Sprachpflege der Leipziger Art begrüßen, „da es der Gesellschaft und auch feministisch angehauchten Frauen deutlichst vor Augen führt, wie mächtig, totalitär, egozentrisch, gängelnd, auf Nebensächlichkeiten fixiert und kleinkariert der Feminismus ist.“  Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der Beschluss weitgehend von Männern gefasst wurde und außer von einigen reflexhaft agierenden üblichen Verdächtigen wie Luise F. Pusch oder Sybille Berg auch oft von Männern verteidigt wird (zum Beispiel durch Klaus Schwerma vom Bundesforum Männer, wer hätte das gedacht, vgl. den FAZ-Artikel). Das sogenannte „generische Femininum“ wird nun einmal von den meisten, die sich dafür überhaupt interessieren, mit feministischer Sprachpolitik in Verbindung gebracht. Diese Politik wiederum tritt mit dem Anspruch auf, die Interessen „aller Frauen“ zu vertreten, ohne dass allzu viele der dadurch in Mithaftung genommenen Frauen dagegen protestieren würden. So lässt sich Davids Statement sogar noch schärfer fassen: Ich kenne keine andere Maßnahme, die Frauen in der universitären Wissenschaft so sehr, und fast boshaft, der Lächerlichkeit preisgibt wie dieser seltsame Beschluss des Leipziger Senats. Auch eingedenk des massiven numerischen Übergewichts von Männern in den MINT-Fächern ist das Bild, das entsteht, verheerend und unfair: Während männliche Wissenschaftler offenbar mit ernstzunehmenden Tätigkeiten und Forschungen beschäftigt sind, die nicht nur für die Wirtschaft, sondern insgesamt für die Lebensqualität aller unersetzliche Bedeutung haben, scheinen Frauen in den Universitäten von einer albernen, egozentrischen, zeit- und steuermittelintensiven Nabelschau absorbiert, deren Resultate dann auch noch allen anderen als Verpflichtung aufgedrückt werden. Es ist nicht gerade hilfreich, wenn die Rektorin der Leipziger Universität den Entschluss zu allem Überfluss auch noch damit begründet, dass Frauen an der Universität „sichtbarer“ gemacht werden sollen – als ob gestandene Professorinnen nicht ohnehin genug Mittel hätten, durch ihre Leistungen als Wissenschaftlerinnen auf sich aufmerksam zu machen.
Das entstehende Bild ist Frauen in der Wissenschaft gegenüber ausgesprochen ungerecht – doch umso verwunderlicher ist es, warum Frauen eigentlich so still halten und die Leipziger Beschlüsse stillschweigend hinnehmen, sie zum Teil sogar begrüßen. „Der Akademische Senat der Universität Leipzig wird aufgefordert, zu ernsthafter Sacharbeit zurück zu kehren“: Es wäre für das Bild von Frauen an Universitäten wohl sehr wichtig gewesen, wenn eine solche Position – die vom Dekan der juristischen Fakultät in Leipzig stammt – zuerst von etablierten Professorinnen veröffentlicht worden wäre. Warum eigentlich wehren sich Frauen nicht gegen andere, seien sie männlich oder weiblich, die gönnerhaft in ihrem Namen sprechen und ihnen dabei erkennbaren Schaden zufügen?
Dieselbe Frage lässt sich noch in einem ganz anderen, wichtigeren Bereich stellen.
Nur ein abwesender Vater ist ein guter Vater „Eine (..) Beraterin bei der Caritas machte mir ohne erkennbaren Anlass grundsätzlich klar, dass ich mir gut überlegen müsste, was ich in der Beratung ansprechen wolle – wenn sie vor Gericht aussagen würde, dass die Kommunikation zwischen den Eltern erschwert sei, hätte ich nämlich keine Chance auf eine gemeinsame Sorge.“  Für diesen Satz aus dem Text „Gespräche verweigern, Gesetze sabotieren, ‚Kindeswohl‘ schreien“ bin ich eigentlich noch eine Erklärung schuldig – schließlich treten Caritas-Mitarbeiterinnen normalerweise nicht vor Gericht auf. In der Stadt der Beratung aber hat sich das Jugendamt völlig aus der Aufgabe der Familien- und Elternberatung zurückgezogen, beschränkt sich darauf, Unterhaltsansprüche auszurechnen, und hat die Beratungstätigkeit und die Aufgaben der Sozialarbeit an kirchliche Einrichtungen ausgelagert. Das ist – auch wenn man Jugendämtern gegenüber skeptisch ist –  keine gute Entwicklung, weil sie ein großes Desinteresse signalisiert. Schließlich kann eine Elternberatung durchaus wichtig sein – es fehlt allerdings fast durchgängig an Qualitätskontrollen, und es fehlt an klaren Zielen. Klar müsste zum Beispiel sein (ist es aber noch nicht), dass es in Beratungen darum gehen muss, die Eltern miteinander in ein sinnvolles Gespräch zu bringen – und nicht darum, Mütter vor väterlichen Kommunikationserwartungen zu schützen, die sie als illegitime Belastung wahrnehmen.
Eben hier ist es von großer Bedeutung, dass sich politische und juristische Rahmenbedingungen ändern. Es ist zum Beispiel wichtig, dass ein Gericht – wie Genderama gerade berichtete  – eine Kommunikationsverweigerung der Mutter nicht als Grund gegen ein väterliches Sorgerecht, sondern im Gegenteil als Argument gegen ein alleiniges mütterliches Sorgerecht wertet. Es ist insbesondere die Politik des Alleinerziehendenverbands, die sich massiv gegen solche Änderungen sperrt. Gerade dies aber ist ein weiterer Zusammenhang, in dem das Schweigen der Frauen für mich nur schwer erklärbar ist. Schließlich gibt es viele „alleinerziehende“ Mütter, die angeblich oder tatsächlich ein erhebliches Interesse an der Zusammenarbeit mit distanzierten Vätern haben – in meinem eigenen Bekannten- und Freundeskreis kenne ich gleich mehrere solcher Mütter und bin sicher, damit keine Ausnahme zu sein. Die Politik des VAMV zielt, und offenkundig aus einem egoistischen Machtkalkül heraus, eben auf das Gegenteil – anstatt Konzepte zu entwickeln, wie Väter im Interesse aller Beteiligten stärker in die gemeinsame Sorge eingebunden werden können, produziert der Verband ein fadenscheiniges Argument nach dem anderen, um die Väter aus der gemeinsamen Sorge herauszuhalten. Warum eigentlich gibt es fast keine Frauen, die sich offen dagegen verwahren, dass der VAMV ihre eigenen Interessen, die Interessen der Kinder und auch die der Väter so konsequent verletzt – und dabei auch noch in ihrem Namen spricht? Wo bleiben denn die Gruppen alleinerziehender Mütter, die angeblich oder tatsächlich unter der „Verantwortungslosigkeit“ abwesender Väter leiden – und die sich deshalb gegen eine Politik wenden würden, die nichts Besseres zu tun hat, als Väter verbissen aus der Kindessorge herauszuhalten und ihnen zugleich höhnisch zu signalisieren, dass ihre Beteiligung an der Sorge auch gar nicht erwünscht ist?
Sichtbar, nicht hörbar Zwischen den gängigen weiblichen Selbstbeschreibungen in den Medien – als erfolgreich, eloquent, sozial kompetent, selbstbewusst etc. – und dem seltsamen Schweigen der meisten Frauen in Geschlechterdebatten besteht ein augenfälliger Widerspruch. Natürlich muss sich nicht jeder Mensch für solche Debatten interessieren – aber Frauen schweigen ja auch dann, wenn durch frauenpolitische Überdrehungen ihre Interessen direkt berührt und beeinträchtigt werden.  Wenn ausnahmsweise eine Frau – wie etwa Monika Ebeling – einmal den Mund aufmacht und von einer feministisch inspirierten Hetzmeute mundtot gemacht werden soll, gibt es dagegen Proteste von Männern, aber kaum von Frauen selbst. Woran liegt das eigentlich?
Natürlich – es mag ja sein, dass viele offen oder insgeheim dem feministischen Anspruch vertrauen, alle Frauen vertreten zu können. Doch auch dann wäre es immer noch rätselhaft, warum diejenigen Frauen, die solche Positionen nicht teilen, sich nicht deutlicher zu Wort melden. Dass tatsächlich alle glauben, durch die ordentliche Sprachregelung, nur noch von (männlichen oder weiblichen) Professorinnen zu reden, würde Frauen tatsächlich geholfen – oder durch die Mutmaßung einer Universitätsrektorin, gestandene Professorinnen mit ihrem Mitarbeiterstab seien nicht in der Lage, sich „sichtbar“ zu machen – oder durch die Verpflichtung von (männlichen wie weiblichen) Studenten auf eine „geschlechtergerechte Sprache“, einschließlich der Drohung, sie bei einer Weigerung schlecht zu beurteilen oder durch eine Prüfung fallen zu lassen  – oder dadurch, dass Väter von ihren Kindern ferngehalten und Kindern ihre Väter genommen werden – oder durch die Sabotage sinnvoller Gespräche zwischen Müttern und Vätern – oder dadurch, dass Frauen mit abweichender Meinung zum Geschlechterverhältnis mundtot gemacht werden (die Reihe der Beispiele ließe sich noch beliebig fortsetzen, aber die Idee ist wohl schon klar): Die Idee, dass tatsächlich alle Frauen glauben, diese und vergleichbare Maßnahmen seien im „Interesse aller Frauen“, ist abwegig. Wie ist es dann aber zu erklären, dass so wenige Frauen gegen diese Politik, die ja in ihrem Namen betrieben wird, protestieren?
Über die Motive Einzelner  lässt sich natürlich nicht viel aussagen, aber zumindest lassen sich einige Strukturen beschreiben, die das verbreitete Schweigen  bedingen können. Ganz offenkundig wird von vielen, und wohl von Frauen und Männern, insgeheim die eigentlich völlig unplausible Vermutung  akzeptiert, dass das Geschlechterverhältnis wie ein Nullsummenspiel organisiert sei, bei dem sich Männer und Frauen einander als jeweils weitgehend uniforme Blocks  gegenüberstünden. Das stimmt offenkundig nicht: In eigentlich allen Bereichen, in denen Menschen verschiedener Geschlechter zusammen leben, gewinnen jeweils auch alle tendenziell von kooperativen Strukturen, und alle erleiden durch eine Verweigerung der Kooperation Schaden. Nach gängiger feministischer und frauenpolitischer Darstellung aber sind Vorteile für die eine Seite nur über Nachteile für die andere Seite zu erreichen – wer also der anderen Seite Nachteile aufbürde, verschaffe der eigenen Seite damit zugleich auch Vorteile. Wer daher Elterngespräche zu Lasten der Väter und Kinder torpediere oder Väter von ihren Kindern trenne, nütze dabei irgendwie den Müttern und damit natürlich auch irgendwie den Kindern selbst, so wie jemand, der einen Professor zukünftig in der universitären Grundordnung als „Herr Professorin“ führe, damit den Frauen an der Uni ganz gewiss Vorteile verschaffe.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese Annahmen nur Männern absurd erscheinen.
  1. Es ist viel Verbissenheit unterwegs.

    Eine Frage, die erörtert werde muss, geht so: Wer hat was vom Geschlechterkrieg?

    Eine andere müsste sich widmen dem weit verbreiteten diffusen Ducker-Eindruck: Gegen Feminismus sag ich lieber nichts. Da schweig ich lieber. So ein Eindruck unterstützt Machtansprüche. Woher kommt er?

    Sorry, aber die Frage generatives Maskulinum / generatives Femininum in Leipzig ist irreleant. Nicht irrelevant ist jede Reaktion darauf, die nicht versteht, was es mit generativen Genera auf sich hat.

    Cui bono?

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  2. Eine einseitige irrationale Kommunikationsverweigerung der Mutter kann auch heute schon von den Gerichten zugunsten des Vaters berücksichtigt werden, aber die Abgrenzung zu einer nicht einseitigen Kommunikationsverweigerung ist oft gar nicht so einfach. Eine Trennung bringt eben viele Gefühle mit sich. Und auch eine ruhige Art kann sehr provozieren, wenn er weiß, welche Knöpfe er damit bei ihr drücken muss.

    Dass gerade feministische Theorien zu stark davon ausgehen, dass das Geschlechterverhältnis ein Nullsummenspiel ist, hatte ich ja auch schon mal diskutiert. Ich glaube diese Denkweise ist für einige Schwierigkeiten in dem Geschlechterverhältnis verantwortlich. Nur wie überwindet man sie?

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  3. „Sorry, aber die Frage generatives Maskulinum / generatives Femininum in Leipzig ist irreleant.“ Finde ich auch. Nicht mehr irrelevant sind mögliche Folgen „geschlechtergerechter Sprache“, wenn sie verbindlich in Prüfungsleistungen wird. Damit werden Studenten eher Glaubensbekenntnisse als Leistungen abverlangt.

    Und die Frage, wem der „Geschlechterkrieg“ nutzt, finde ich auch zentral. Ich halte ihn, ganz kurz, für eine Teile-und-Herrsche-Strategie.

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  4. @ Christian Ich möchte auch nicht in der Rolle sein zu entscheiden, wer in der jeweiligen Situation für Kommunikationsschwierigkeiten von Eltern verantwortlich ist. Grundsätzlich davon auszugehen, dass es beide sind, ist zumindest ein rationaler Anfang. Mir ging es vor allem darum, dass Regeln irrational sind, wenn sie Kommunikationsverweigerungen belohnen – es ging nicht um generelle Schuldzuweisungen an Frauen.

    Die Vorstellung des Geschlechterverhältnisses als Nullsummenspiel zu überwinden setzt in meinen Augen z.B. voraus, dass man erstmal selbst nicht beständig mit Feindbildern arbeitet, und nicht mit substanzlosen Verallgemeinerungen („Die Frauen sind…“). Dass man gemeinsame Interessen hervorhebt. Dass man den Kontakt mir Menschen sucht, die gesprächsbereit sind, und sich nicht in Kommunikationeversuchen mit Menschen verschleißt, die kein Gespräch wollen (eine Art kommunikatives Tit-for-Tat). Wichtig ist aber eben auch, darauf zu achten. welche Regeln etabliert sind – wenn (wie bislang in der Elternschaft) Regeln existieren, die eine Verweigerung von Kooperation de facto belohnen, dann werden Nullsummenspiele regelrecht produziert. Und wichtig ist für mich auch eine Überlegung aus dem amerikanischen Pragamismus: Wenn sich zwei Seiten diametral und einander ausschließend gegenüberstehen, dann leiden sie oft unter gemeinsamen Verkürzungen. Dewey spielt das für klassiche philosophische Größen wie „Körper und Geist“ durch, es lässt sich aber auch gut auf politische Kategorien anwenden, z.B. auf (extreme) Maskulisten und Feministinnen.

    Das jedenfalls waren ein paar Ideen. Hier noch einmal der Link für die erwähnte Diskussion:
    http://allesevolution.wordpress.com/2013/05/13/spielen-die-geschlechter-ein-nullsummenspiel-oder-ein-kooperatives-spiel-im-sinne-der-spieltheorie/

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  5. „Pragamismus“ sollte natürlich „Pragmatismus“ heißen – ich war etwas in Eile…

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  6. Ich habe meiner Frau von der Leipziger Uni erzählt. Ihre Reaktion war „Cool“. Als ich von der Kritik und Distanzierung der Juristen erzählte, war ihre Reaktion „Na, typisch Juristen eben.“ Im Sinne 'alte verknöcherte Männerbünde'.

    Nun ist meine Frau wirklich nicht doof.

    Aber sie beschäftigt sich – wie vermutlich die allermeisten Frauen (Menschen?) – nicht aktiv mit der aktuellen Geschlechtersituation, bekommt nur am Rande die Überschriften in den Mainstreammedia mit und, vor allen Dingen, hat ihre Ausbildung in den Neunzigern absolviert, als Feminismuskritik noch viel seltener vorkam als heute.

    Ihr Grundverständnis ist also nach wie vor „Frauen sind gebeutelt und unterdrückt und gefährdet“. Eine Überzeugung, die nicht aktiv von ihr hinterfragt wird. Warum auch? Die Medien geben keinen Anlass, daran zu zweifeln.

    Ein anderes Beispiel: An einer Autobahnraststelle waren wir neulich gezwungen, an mehreren leeren Frauenparkplätzen vorbeizufahren, um dann hundert regnerische Meter entfernt einen freien Platz zu finden. Auf mein Gegrummel reagierte sie mit „Du weißt schon, dass Frauen auf Raststätten oft was passiert, oder?“, also ganz im Sinne von „Frauen in Gefahr! Wir müssen Frauen schützen“.
    Ich dachte „Wirklich?“ und googelte ein wenig, mit der Erkenntnis, dass Frauenparkplätze keine Antwort auf eine konkrete Bedrohung, sondern auf das weibliche Angstgefühl sind.

    Die mit Abstand am meisten gefährdete Bevölkerungsgruppe auf Autobahnraststätten sind LKW-Fahrer. Danach alte Leute. Dann irgendwann Frauen.

    Was ich damit sagen will: Der normale Mensch, insbesondere die normale Frau, kuckt nicht nach. Recherchiert nicht. Und hinterfragt nicht.

    Alle, die hier im Blog mitlesen und kommentieren, sind so viel besser informiert über Feminismus und Konsortien, dass sie sich kaum noch vorstellen können, wie wenig durchschnittliche Menschen an Wissen über diese Themen haben.

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  7. „Keine Angst, liebe Männer. Wer souverän ist, wird damit fertigwerden.“ lässt Frau Rektorin in einem SZ-Interview wissen.

    Der uralten Tradition, dass von Männern nicht etwa von Frauen Souveränität auszugehen hat, wird in nurmehr grotesker Weise genüge getan, denn: Keine Angst, liebe Frauen. Wer souverän ist, wird damit fertigwerden.

    Wie aus dem Verkehrsministerium bekannt wurde, wechselt GeschlechterexpertIn Judas Butler ins Frauenministerium. Butler wird dort, nachdem der deutsche Verkehr nunmehr geschlechtsneutral geregelt ist, das Familienrecht einer Sprachreform gleicher Zielrichtung unterziehen. So werden Stereotype konstruierende Begriffe wie bspw. „Erzeuger“ zukünftig im Interesse der familiären Sichtbarmachung von Männern demgemäß ersetzt. Eine geschlechtsneutrale Umbenennung des Ministeriums sei überdies dringendes Gebot der Stunde.

    Denkste. Und diese flächendeckende Doppelmoral nehme ich den Frauen dieses Landes übel. Insofern geht das Kalkül des 'teile und herrsche' auf.

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  8. Ich sehe es wie Thomas Malfoy: Wer sich nicht interessiert, erwartet keine Hilfe. Wer sich nicht informiert, wenn er weiß, daß es Hilfe geben könnte, braucht keine Hilfe.

    So erlebe ich es ja mit Männern auch: Sie sind phlegmatisch, bis man ihnen erzählt, daß es im Netz die wilden Kerle von der Männerrechtsbewegung gibt. Dann – freilich nicht in der Öffentlichkeit – sind sie sehr interessiert.

    Warum Schoppe diese naheliegende Idee nicht attraktiv fand, konnte ich aus dem post irgendwie nicht rauslesen.

    Antwort

  9. @Schoppe @Christian

    Meine Vermutung ist, daß kein Feminismus irgendwas mit Spieltheorie am Hut hat: Das machen Mathematiker und Ökonomen, aber Soziologen haben ja schon mit elementarer Wahrscheinlichkeitstheorie Probleme. Spieltheorie ist mehr ein Paradigma, um eine konkurrierende Beschreibung sozialer Dynamik zu entwickeln und imho völlig ungeeignet, um feministische Argumente oder feministische Positionen zu rekonstruieren.
    Denn:

    „Ich kenne keine andere Maßnahme, die Frauen in der universitären Wissenschaft so sehr, und fast boshaft, der Lächerlichkeit preisgibt wie dieser seltsame Beschluss des Leipziger Senats.“

    Vielleicht ist das aus feministischer Perspektive gar nicht so entrückt. In der feministischen Wissenschaftstheorie z.B. geht es unter anderem darum, die Werturteilsfreiheit von Wissenschaft zu bestreiten. Da werden Thesen von Paul Feyerabend bemüht und es wird gegen Hume und Weber gewettert. Auch in den pdfs, die die Böll-Stifung rausgibt, kann man regelmäßig nachlesen, es gäbe keine objektive oder allgemeingültige Wissenschaft. Dieser Widerstand gegen Werturteilsfreiheit scheint mir im Moment ein interessanter Kandidat zu sein, der erklären könnte, warum Feminismen Männer verteufeln: Sie sind der Ansicht, daß soziale Klassen – und Geschlechter gehören ja dazu – mit Interessen ausgestattet sind und diese zu einer normativen Einstellung oder Perspektive führen. Männer und Frauen können sich daher einer gewissen Parteilichkeit gar nicht entziehen, was es einfach erforderlich macht, Gleichstellung durchzusetzen, damit die Ungerechtigkeit in einer Gesellschaft insgesamt minimal bleibt. Die feministische Standpunktstheorie und die Forderung, Frauen für Positionen zu suchen auch dann, wenn sie sich nicht bewerben, bis Parität erreicht ist, kommen ja nicht von ungefähr. Gleiches gilt für die SS-ähnlichen Awareness-Teams, die rumrennen und darauf achten, daß niemand die Aussagen von Frauen bewertet. Warum ist das so wichtig? Warum gibt es safe spaces, warum eine gegenderte Sprache und Frauenquoten? Warum ist gleichmäßig Repräsentation so entscheidend, daß man sich 1995 weltweit auf gender mainstreaming verständigen konnte?

    Der Zwang zur gleichmäßigen Repräsentation könnte aus der Ablehnung der Werturteilsfreiheit als fundamentalem Merkmal des Feminismus fließen, die unvermeidlich in alles und jedes von Eigennutz geprägte Willkür injeziert. Dann könnte der von Christian bemängelte Klassengegensatz nie aus dem Feminismus gestrichen werden, ohne aus Feminismus eine einfache Menschenrechtsbewegung zu machen.

    Aber das ist bisher nur eine Vermutung.

    „aber Frauen schweigen ja auch dann, wenn durch frauenpolitische Überdrehungen ihre Interessen direkt berührt und beeinträchtigt werden.“

    Was spricht gegen die These, daß man daraus schließen kann, daß die Interessen von Frauen – wenn es sowas gibt – anders aussehen, als du es vermutest? Jedenfalls spricht das doch sehr dafür, daß Feminismus höchstens wenig mit Frfaueninteressen zu tun hat.

    „gibt es dagegen Proteste von Männern, aber kaum von Frauen selbst. Woran liegt das eigentlich?

    Gute Frage! 🙂

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  10. Ich bin ja seit neuestem für eine Frauenquote von 100% für alle Stellen mit mehr als 50 000 Euro Jahresbruttoeinkommen.

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  11. Danke für den Link, der Text passt sehr gut.

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  12. @ jungsundmaedchen „Auch in den pdfs, die die Böll-Stifung rausgibt, kann man regelmäßig nachlesen, es gäbe keine objektive oder allgemeingültige Wissenschaft.“ Es gibt keinen God's Eye View (Dewey) oder keien „View from Nowhere“ (Nagel). Aber daraus den Schluss zu ziehe, dass überhaupt nicht sinnvoll von Objektivität gesprochen werden kann, oder dass jede Wahrheit relativ (relativ zum jeweiligen Standpnkt) sei, ist natürlich übereilt. Und natürlich widerspürchlich, weil ja schon die Aussage, dass nichts allgemeingültig sei, Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhebt.

    „Männer und Frauen können sich daher einer gewissen Parteilichkeit gar nicht entziehen, was es einfach erforderlich macht, Gleichstellung durchzusetzen, damit die Ungerechtigkeit in einer Gesellschaft insgesamt minimal bleibt.“ Ich verstehe das so: es gibt kein gemeinsames Spiel, keine gemeinseamen Regeln, keinen verlässlichen Horizont gemeinsamer Werte, wenn nichts allgemeingültig und alles positionsabhängig ist. Was übrig bleibt, ist dann allein eine ganz abstarkte Gleichheit. Wobei sich dann eigentlich die Frage stellt, warum nur Frauen und Männer gleichgestellt werden sollen. Warum nicht Arme und Reiche? Oder Weiße und Schwarze? Deutschstämmige und Migranten? Oder Fußballer und LKW-Fahrer? Ich meine das nicht als Argment gegen Gleichberechtigung von Frauen und Männern, natürlich nicht – aber das Konzept der GleichSTELLUNG hat offenkundig etwas sehr Willkürliches.

    „Was spricht gegen die These, daß man daraus schließen kann, daß die Interessen von Frauen – wenn es sowas gibt – anders aussehen, als du es vermutest?“ Prinzipiell spricht dagegen gar nichts – außer, wenn Frauen ihre Interessen selbst so darstellen wie skizziert, und diese Skizze dann eben gar nicht auf meinen Vermutungen beruht, sondern auf Auskünften von Frauen selbst. (Das ist bei einer Reihe von Alleinerziehenden z.B. der Fall – da hab ich schon oft den Wunsch gehört, der Vater möge weniger distanziert sein. Was ich natürlich völlig nachvollziehbar finde. Es wird in einigen Fällen so sein, dass dieser Wunsch doppelbödig ist und leichter geäußert werden kann, wenn die Frau sicher weiß, dass der Vater gewiss distanziert bleiben wird. Aber das kann man ja nicht generell unterstellen.)

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  13. „Ich verstehe das so: es gibt kein gemeinsames Spiel, keine gemeinseamen Regeln, keinen verlässlichen Horizont gemeinsamer Werte, wenn nichts allgemeingültig und alles positionsabhängig ist. Was übrig bleibt, ist dann allein eine ganz abstarkte Gleichheit.“

    Das Zweite ist eine Folge des Ersten in deiner Schilderung. Nicht, daß ich dagegen argumentieren könnte, aber mein Eindruck ist, daß die Gleichheit eine Forderung aus der m Motiv des Machtausgleichs ist und nicht eine Folge der Kritik an der Werturteilsfreiheit. Werturteile scheinen nur gebraucht zu werden, um den Mangel an Eindeutigkeit auszugleichen, den man bekommt, wenn man bestreitet, daß man Probleme wirklich argumentativ lösen kann.

    Das ist natürlich nur mein Eindruck. Ich finde es ausgesprochen schwierig, herauszufinden, was Feministen da wirklich denken – vermutlich bin ich noch nicht auf die richtige Literatur gestoßen.

    „Wobei sich dann eigentlich die Frage stellt, warum nur Frauen und Männer gleichgestellt werden sollen. Warum nicht Arme und Reiche? Oder Weiße und Schwarze? Deutschstämmige und Migranten? Oder Fußballer und LKW-Fahrer?“

    Auf der einen Seite verstehen Feministen das natürlich sehr gut, weil sie ja Intersektionalität diskutieren. Wie aber diese Klassen gebildet werden (anders formuliert: Welcher Klassismus ist für Feministen ein Problem?), das weiß ich auch noch nicht und ich hab darüber auch noch nichts gefunden.

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  14. @ Thomas Malfoy Ich glaube auch, dass viele Positionen in Geschlechterdiskussionen schlicht durch einfache Vormeinungen (für die sich medial ja auch jeweils hundertfach Bestätigungen finden lassen) bestimmt werden. „Frauen werden gebeutelt und unterdrückt – da sollen sich Männer nicht so anstellen, wenn sie auch mal irgendwo Nachteile haben.“ Das Problem ist halt, das man mit solchen Positionen die Möglichkeit, über Bedingungen des eigenen Lebens bestimmen zu können, grundsätzlich an andere abgibt (im politischen Bereich sind unsere Möglichkeiten des Einflusss natürlich eh gering – aber zumindest im persönlichen Umfeld kann man ja einiges tun). Das hat bei Frauen einen ganz besonders seltsamen Beiklang – schließlich gehört es zur traditionellen Rolle der bürgerlichen Ehefrau, den Ehemann ihre Angelegenheiten regeln zu lassen und ihn dabei nicht durch dumme Zwischenfragen zu stören, und stören zu wollen. Wenn sich das, was Du feststellst, so verallgemeiern lässt, dann heißt das – dass feministsiche Politik eben gerade von einer bleibenden Unmündigkeit lebt, in der sich traditionelle Rollen einfach auf etwas veränderte Weise (staatliche Poltik statt Ehemeann) fortsetzen.

    Ein weiters Argument, es anders zu machen, findet sich ja gerade bei Genderama, in einem Hinweis auf einen Guardian-Artikel über Falsachbeschuldigungen: „Frauen sollten endlich wütend werden“ http://genderama.blogspot.de/2013/06/falschbeschuldigungen-bei-sexueller.html

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  15. @jungsundmaedchen Ich stimme Dir zu – ganz simples Phlegma wird eine sehr große Rolle spielen. Nur kommt es mir manchmal so vor (der von Dir verlinkte Artikel aus der Stuttgarter Zeitung ist da allerdings ein Gegenbeispiel), dass von Frauen öffentlich – abgesehen von ganz wenigen Ausnahmen – überhaupt keine Auseinandersetzung mit feministischen Vorgaben geführt wird. Das finde ich seltsam – es gibt ja zum Beispiel schon jetzt von Männern viele und klare Auseinandersetzungen mit maskulistischen Positionen (mal gute, mal weniger gute), obwohl diese Positionen de facto in ihrem Einfluss auf die reale Politik viel weniger wichtig sind.

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