Gender Studies und die Logik der Feindschaft

Alexandra Weiss, Innsbrucker Koordinatorin im Büro für Gleichstellung und Gender Studies, ist richtig sauer – doch zum Glück gibt ihr die taz die Gelegenheit, ihre Empörung öffentlich zu machen:
„Die aktuell populäre Rede von der „Krise der Männlichkeit“ und der damit einhergehende Antifeminismus sind Ausdruck eines Verteilungskampfs. In der Krise sollen damit gefährdete männliche Machtpositionen abgesichert werden.“
Irritierend bei einer Frau, die eine wissenschaftliche und öffentlich finanzierte Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen zu ihrem Beruf gemacht hat, ist hier unter anderem die Tatsache, dass sie noch nicht einmal auf die Idee kommt, es könnte tatsächlich auch gesellschaftliche Nachteile für Männer geben – jedes Reden davon habe lediglich die Absicherung männlicher Machtpositionen im Auge.

Stattdessen ist sie darauf konzentriert, dass die österreichischen Medien „den antifeministischen Diskurs forcieren“ – auch hier unterstellt sie Machtinteressen, erwägt aber nicht die Möglichkeit, dass über Nachteile von Männern vielleicht ja auch deshalb ab und zu berichtet wird, weil diese Nachteile real sind. Sie zählt entsprechende Berichte kurz auf und bringt ganz– als sei die bloße Tatsache, dass jemand feminismuskritisch argumentiert, schon Beweis für die Unhaltbarkeit seiner Argumentation – kaum Gegenargumente.

 
Ausnahme ist die mehrfach variierte, aber nirgends belegte Behauptung, dass in feminismuskritischen Positionen „Erzählungen über Einzelfälle (…) gesellschaftstheoretische Analysen und statistische Daten“ ersetzen würden und, tatsächlich, dass „die gewählte Sprache (…) nahe der Umgangssprache“ sei (was sich jedoch für Kenner und Leidtragende des Gender Studies-typischen Jargons vermutlich regelrecht verheißungsvoll liest).

Abschließend empört sich Weiss darüber,

„dass gerade im Feld der Geschlechterpolitik und -theorie Qualitätsstandards obsolet wurden und nun (fast) alles sagbar ist“
– was selbstverständlich nichts, aber auch gar nichts mit „Meinungsfreiheit“ zu tun habe.
Der Text wirft noch einmal ein Licht auf zwei wesentliche Probleme der Gender Studies, die in den vergangenen Artikeln der kleinen Reihe Über die Denkmöglichkeit seriöser Gender Studies angesprochen wurden. Dort, wo sie konkret und genau sein müssten, in der Ausformulierung eigener Standards und in der Ausarbeitung klarer Methoden – dort bleiben sie allgemein und diffus. Dort aber, wo sie sich öffnen und weiträumig anschlussfähig sein müssten, verschließen sie sich willkürlich, sind fixiert auf feministische Deutungsroutinen und imaginieren schon den bloßen Zweifel als Kollaboration mit männlicher Herrschaft.

Warum man mit Adorno keine Gender Studies basteln kann Es lohnt sich, kurz einen Blick auf theoretische Hintergründe dieser Probleme zu richten. Manfred Köhnen wirft in der Schrift der grünen Heinrich-Böll-Stiftung zur Verteidigung der Gender Studies dem Blog „Kritische Wissenschaft“ vor, in seiner Gender Studies-Kritik einseitig die Position Karl Raimund Poppers zu vertreten und „noch nicht einmal eine Fußnote zum Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ einzufügen (S. 45) – was übersetzt bedeutet, dass das Blog die durch Adorno prominent vertretene Gegenposition nicht würdige.

Im Positivismusstreit, initiiert durch zwei 1961 gehaltene Vorträge Poppers und Adornos zur „Logik der Sozialwissenschaften“, geht es, kurz gefasst, um den Stellenwert empirischer Überprüfbarkeit von Theorien. Während für Popper sinnvolle wissenschaftliche Sätze prinzipiell empirisch widerlegbar sein müssen, zweifelt Adorno grundsätzlich an der Vertrauenswürdigkeit empirischer Daten in der Sozialwissenschaft. Einzelbeobachtungen seien immer durch gesellschaftliche Strukturen insgesamt geprägt, und Einzeldaten würden täuschen ohne „die Antizipation jenes strukturellen Moments, des Ganzen“.

 
Wer also auf die einzelnen Daten baue, „sabotiert sich selbst samt dem Begriff der Wahrheit“, weil er übersehe, wie sehr sich in diesen Daten selbst „das gesellschaftliche Unwahre“ zeige. Knapp ausgedrückt: In einer Gesellschaft, die insgesamt falsch ist, kann man nach Adorno nicht naiv von der Richtigkeit einzelner Beobachtungen ausgehen.

Es ist verständlich, dass diese Position für die Autoren einer Schrift interessant ist, die gegen ein „sehr enges Verständnis von Wissenschaftlichkeit“ (S. 7) argumentieren und damit eben die Zumutung empirischer Überprüfbarkeit wissenschaftlicher Positionen meinen. Allerdings können sie sich tatsächlich kaum auf Adorno berufen – und der Grund, warum sie das nicht können, ist charakteristisch für die Gender Studies insgesamt.

Adorno distanziert sich in seinem Vortrag, darin Popper ausdrücklich zustimmend, von einer „Standpunktsphilosophie“ und „Standpunktssoziologie“ – der Gedanke, dass die parteiliche Sicht von einem bestimmten Klassenstandpunkt oder die „Sicht von unten“ „bessere Wissenschaft“ produziere, ist Adorno ebenso fremd wie Popper. Der Grund lässt sich erläutern an einer Schrift Adornos, die vier Jahre später erschien, an seinen „Meditationen zur Metaphysik“.

„Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll. (…) Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte. Nicht einmal Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus; es rationalisiert einzig die eigene subjektive Unfähigkeit mit dem Stand der objektiven Wahrheit und entwürdigt dadurch diese abermals zur Lüge.“ (Meditationen zur Metaphysik, S. 62)
Eine Kultur, in der Nationalsozialismus und organisierte Massenmorde in den Vernichtungslagern möglich wurden, ist für Adorno in radikaler Weise nicht vertrauenswürdig. Wer diese Kultur verteidige, produziere ebenso Müll wie derjenige, der sie kritisiere und ja doch zugleich ein Teil von ihr sei, und auch das Schweigen biete keinen Ausweg. Es ist dem gegenüber naiv, wenn Köhnen und co. glauben, dass das ja alles so sein möge – aber wer die Position von reflektierten Frauen einnehme und die heterosexuelle Matrix kritisiere, der habe eben doch einen Ausweg gefunden.

Adornos systematische Produktion theoretischer Ausweglosigkeiten ist, wahlweise oder abwechselnd, in inspirierender oder ärgerlicher Weise provozierend – eine Grundlage für einen „Wissenschaftsbereich“ (S. 32) ist sie in keinem Fall. Wer Adorno wie Köhnen für die Gender Studies vereinnahmt, der simplifiziert seine Position ebenso wie die konservativen Kulturmarxismus-Schattenboxer, die Adorno und die Frankfurter Schule als Totengräber der westlichen Kultur phantasieren.

 
 
Die Logik der Feindschaft Wichtig ist in jedem Fall: Wer eine umfassende Herrschaft imaginiert, ganz gleich von wem, der lässt keinen Raum mehr für eine Position außerhalb dieser Herrschaft. Während Adorno diesen Schluss konsequent zieht, versuchen Köhnen und co., die Phantasie umfassender hegemonialer Strukturen durch die Idee einer guten, natürlich irgendwie weiblichen Gegenposition zu ergänzen. Was sie dadurch produzieren, ist lediglich eine Position des Ressentiments, die sich in die irrwitzige Idee verstrickt, ausgerechnet die Pflege gruppenbezogener Feindschaft würde „bessere Wissenschaft“ begründen.

Antisemiten pflegen ihre Feindschaft, wenn sie von einer „jüdischen Weltherrschaft“ phantasieren. Rassisten pflegen ihre Feindschaft, wenn sie glauben, die weiße Rasse sei durch die Übermacht anderer, „niederer“ Rassen bedroht. Wenn aber wie die Autoren der Böll-Stiftung Wissenschaft als Parteinahme für Unterdrückte verstehen, die umfassend durch als männlich phantasierte Machtverhältnisse unterjocht würden, dann hat das selbstverständlich nichts mit Feindschaft zu tun, sondern macht eine seriöse Forschung überhaupt erst möglich. Das ist so, als würde man die Gewalt auf Schulhöfen dadurch aus der Welt schaffen wollen, dass man die Schulhof-Bullies kurzerhand zu Konflikt-Mediatoren erklärt.

Ein gerade in seiner selbstverständlichen Alltäglichkeit schönes Beispiel für diese Feindschaft liefert Anna-Katharina Meßmer, ausgezeichnet mit dem Grimme-Online-Award, hoffnungsvolles SPD-Mitglied und Doktorandin am Gender Studies-Lehrstuhl von Paula-Irene Villa mit einer Arbeit über Schamlippenschönheitschirurgie („Der Kampf um die Vulva hat begonnen. Intimmodifikation zwischen Zwang und Selbstermächtigung“ – womit sie gewiss den Verdacht eindrucksvoll widerlegt, Gender-Forscherinnen betrieben aus Steuermitteln nichts als eine eitle, dafür aber langwierige Selbstbeschau).

„Schöner Scheitern mit WHMs“

twittert sie fröhlich unter dem Namen „Totalreflexion“ (auf die beeindruckende Reflexionsfähigkeit der Gender-Forscherinnen weisen auch die Böll-Autoren bekanntlich wiederholt hin). Mit „WHM“ sind weiße heterosexuelle Männer, white heterosexual males gemeint – es könnten natürlich ebenso gut weiße homosexuelle Männer sein, darauf kann Meßmer pfeifen, schwule Männer werden im Feminismus ohnehin nur gerade so lange empathisch dargestellt, so lange diese Darstellung sich gegen Hetero-Männer instrumentalisieren lässt.
 
Es schließen sich ein paar kleine infantile Wortspiele mit einem Twitter-Buddy an, und ein Mann, der gegen die kindische öffentliche Verächtlichmachung von Männern protestiert, liefert der akademischen Elite Deutschlands damit nur eine weitere Vorlage, das lächerliche Spiel fortzusetzen.

Interessant ist eben gerade die unmotivierte Alltäglichkeit der Feindschaft, die Meßmer pflegt. Noch im genussvollen Spott über das Scheitern von Männern ist die Phantasie einer männlichen Herrschaft aufbewahrt – eben gerade diese Phantasie ermöglicht es ihr, die Schwierigkeiten anderer ohne alle Empathie, auch ohne alle geheuchelte Empathie, anzusprechen und auszukosten. Es gehört nicht viel Unterstellungsbereitschaft dazu, die soziale Primitivität der angehenden Gender Studies-Doktorin mit der strukturellen gruppenbezogenen Feindschaft ihres Wissenschaftsbereichs in Verbindung zu bringen.

 
 
Seriöse Geschlechterforschung? Das ist nicht nur a-sozial, sondern auch schlicht schade, denn eigentlich sprechen sehr gute Gründe für seriöse Geschlechterwissenschaften. Würde beispielsweise die niedrigere Lebenserwartung von Männern an die von Frauen angeglichen, dann wären die gesundheitlichen Folgen größer und positiver, als wenn ein allseits wirksames Mittel gegen den Krebs entdeckt würde – so kommentiert Randolph Nesse seine Studie zu dem Thema.
 
Es gibt also ein erhebliches sachliches Interesse daran, die Gründe für diese Geschlechterunterschiede aufzudecken und zu beseitigen. Vergleichbares gilt für die deutlich höhere Selbstmordrate von Männern. Wer solche Forschungen aber anstellen wollte, müsste Abschied von der Vorstellung einer männlichen Herrschaft nehmen und beispielsweise davon absehen, jedem Mann, der sich selbst getötet hat, Triumphgesten à la Meßmer hinterherzuschicken.

Auch „diversity“, Verschiedenheit, ein Lieblingsbegriff von Gender-Forschern, könnte eine wichtige Bedeutung haben – wenn es tatsächlich darum ginge, Menschen ganz unterschiedliche Gestaltungen ihrer geschlechtlichen Identität zu ermöglichen. Stattdessen beschränken sich die Gender Studies auf ein absurdes Verständnis des Begriffs, wenn sie weiße heterosexuelle Männer als Erzfeinde der „diversity“ identifizieren und so ein Modell der Verschiedenheit entwickeln, das auf dem konsequenten, ressentimentgeladenen Ausschluss eines großen Teils der Bevölkerung basiert.

So müsste eine seriöse Geschlechterforschung also grundsätzlich von der Idee Abschied nehmen, sie würde sich nicht grundsätzlich mit den Verschiedenheiten oder Gemeinsamkeiten der Geschlechter, sondern mit klischeehaft imaginierten, umfassenden Machtstrukturen auseinandersetzen. Diese Idee führt in eine Logik des Ressentiments, nicht in seriöse Wissenschaften.

Interdisziplinarität Sie ist aber verantwortlich für die halsbrecherische, auch radikal naive „Interdisziplinarität“ der Gender Studies – da die hegemoniale Logik der Geschlechterverhältnisse die gesamte Gesellschaft durchdringe, müsse sie also auch überall nachweisbar sein, in den Sozialwissenschaften ebenso wie in der Mathematik oder der Botanik. Es kann sicherlich, wie in anderen Feldern auch, für einige Forschungsprojekte sinnvoll sein, sie interdisziplinär anzulegen – die Gender Studies als grundsätzlich interdisziplinär formierten „Wissenschaftsbereich“ zu entwerfen, leistet lediglich dem ideologischen Ansatz Vorschub, diesen Bereich nicht durch ein gemeinsames Thema oder durch gemeinsame sachbezogene Fragen, sondern durch eine gemeinsame Weltanschauung zu definieren. Für eine seriöse Ausgestaltung hingegen wäre es wichtig, dass die Gender Studies ihre Methoden und ihre Grenzen konkretisieren.

Demokratische Kontrolle Dazu gehört eben auch, sich demokratischer Kontrolle zu stellen, anstatt Ressentiments gegen die demokratisch verfasste Gesellschaft und ihre „Geschlechterordnung“ zum Anlass zu nehmen, es sich in akademischen Wagenburgen gemütlich zu machen. Die Gender Studies sind ja nicht deswegen eine akademische Erfolgsgeschichte, weil sie allseits überzeugende Ergebnisse erarbeitet hätten – sondern weil die Idee, Forschung für die Unterdrückten zu betreiben (und dabei eigentlich nur diejenigen Gruppen zu bedienen, die seit eh und je schon privilegiert sind), eine große Werbewirksamkeit hat.

 
Wer von dieser Idee Abschied nimmt, muss stattdessen eben nachprüfbar machen, wofür die angesichts der Neuheit des Fachbereichs horrenden öffentlichen Mittel eigentlich verwendet werden. Sinnvoll wäre dafür nicht nur eine sprachliche Abrüstung des gender-typischen Jargons, die sich beispielswiese an dem Einstein zugeschriebenen Satz orientieren könnte, dass man alles so einfach wie möglich ausdrücken solle, aber nicht einfacher. Sinnvoll wäre auch ein Abschied von dem Begriff „Gender“ in der Bezeichnung des Bereichs. Schließlich können außerhalb akademischer Zusammenhänge vermutlich nur wenige nachvollziehen, was mit diesem Begriff eigentlich gemeint ist.

Öffnungen Das hätte zugleich den Vorteil, dass mit einem Ende der Fixierung auf die soziale Konstruktion von Geschlechtern etablierte Fächer wie die Biologie nicht mehr mit Ressentiments betrachtet werden müssten. Eben dies wäre die dritte Bedingung für eine seriöse Geschlechterwissenschaft, ganz wie sie das Feuerbringer-Magazin schon beschrieben hat – die Gender Studies müssen ihre Barrikaden abbauen. In der Literaturwissenschaft beispielsweise können fraglos sowohl Marxisten wie Anti-Kommunisten arbeiten, in den Gender Studies hingegen ist es ebenso fraglos ein Grund zur Ex-Kommunikation aus dem Fachbereich, antifeministische Positionen zu formulieren.

 
Statt dessen müsste eine seriöse Geschlechterforschung die Lebensbedingungen von Männern ebenso ernst nehmen wie die von Frauen, auch die von alten weißen heterosexuellen Männern, und maskulistische, feminimuskritische, feminismus- und maskulismuskritische Positionen müssen dort eine ebenso selbstverständlichen Platz haben wie feministische.

 

Dass eine solche seriöse Geschlechterforschung utopisch ist, liegt eben daran, dass in den vergangenen Jahren mit verantwortungsloser Kopflosigkeit und enormen finanziellen Einsatz ein „Wissenschaftsbereich“ flächendeckend aufgebaut wurde, der bis heute in jeder Hinsicht einen Nachweis schuldig geblieben ist, seriöse wissenschaftliche Standards entwickeln und etablieren zu können oder auch nur zu wollen. Wer nun aber in diesem Bereich Positionen besetzt, wird sie auch verteidigen.
 
Es ist sehr schade, aber wohl auch kein Zufall, dass dieser Bereich in eben der Zeit überhastet und kopflos etabliert wird, in der sich die außer-akademische Diskussion über Geschlechterverhältnisse – wie ja etwa der eingangs zitierte Text von Weiss zeigt – öffnet und von feministischen Einseitigkeiten verabschiedet. Der Feminismus wagt nicht den langen Marsch durch die Institutionen, sondern verschanzt sich in ihnen.

Die Autoren der Böll-Stiftung liegen also so falsch wie nur möglich, wenn sie glauben, Kritiker der Gender Studies hätten Angst vor einem Wandel der Geschlechterverhältnisse (S. 68) – tatsächlich sind es eben gerade die Gender Studies, die den Zweck erfüllen, das akademische Gespräch über „Geschlechterverhältnisse“ für die nächsten Jahrzehnte stillzustellen und eine Forschung zu etablieren, die nicht forscht, sondern zuverlässig allein an der Bestätigung ihrer eigenen Voraussetzungen interessiert ist.
 

Kurz gefasst: Die größten Feinde einer seriösen Geschlechterforschung agieren wohl in den institutionalisierten Gender Studies.
 
 
 
Das ist nun das Ende der kleinen Sommer-Serie. Es folgt noch als Nachschlag ein exklusiver Service für Gender-Studenten, den ich gemeinsam mit Frau Professorin Paula-Irene Villa erarbeitet habe (Frau Professorin Paula-Irene Villa weiß allerdings von dieser Zusammenarbeit noch nichts, wie ich fairerweise zugestehen muss).
Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die verlinkte Schrift „Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie“ der grünen Heinrich-Böll-Stiftung, mit Ausnahme des Adorno-Zitats aus den „Meditationen zur Metaphysik“ aus Petra Kiedaisch: Lyrik nach Auschwitz? Adorno und die Dichter

Gender Studies: Wissenschaft von unten, installiert von oben

„Man muss bei einer wissenschaftlichen Gender Studies davon ausgehen dürfen, dass sich chauvinistische Wissenschaftler ebenso zu dem Fach hingezogen fühlen würden wie Feministen. Es gäbe keine als Wissenschaft getarnte Streitschrift gegen die Kritiker des Fachgebietes, in der sie als “maskulinistische bzw. antifeministische Autor_innen” (= Klassenfeind, S. 7) bezeichnet werden. Denn “maskulinische” und “antifeministische” Wissenschaftler würden ebenso im Bereich der Gender Studies forschen wie Feministen.“
So beschreibt Andreas Müller im Feuerbringer-Magazin  Gender Studies, die wie andere Wissenschaften eine Vielfalt von Ansätzen zuließen.  Er vergleicht sie mit der Situation in den Literaturwissenschaften und der Philosophie,
„wo es auch konservative, religiöse, liberale Forscher gibt, die es trotz ihrer Weltanschauung auf die Reihe kriegen, objektiv zu forschen.“
Das Zitat  im Zitat bezieht sich auf die Schrift der Böll-Stiftung, die zur Verteidigung der Gender Studies gegen Kritiker herausgegeben wurde und die gleichwohl Müllers Sicht, wohl ungewollt, bestätigt. Beispielsweise stellt Marc Gärtner dort am Ende den emeritierten Bremer Professor Gerhard Amendt mit seiner Studie über Scheidungsväter als Gender-Gegner vor (S. 54-57). Problematisch ist dabei natürlich nicht, dass er Amendt kritisiert – problematisch aber ist, dass er ihn lediglich als prinzipiellen Gegner präsentiert, ohne auch nur einen Moment lang die Frage zu stellen, ob zu einer seriösen Geschlechterforschung nicht auch Forschungen wie die Amendts gehören müssten.
 
Tatsächlich ist es eine seltsame „Wissenschaftsrichtung“ (S. 67), die ihre Grenzen weniger durch einen Fachbereich oder durch ein Thema als durch die Zustimmung zu einer bestimmten Gesinnung festlegt. Wie ist es eigentlich möglich, eine solche in der Wissenschaftslandschaft – soweit ich sehen kann – einmalige Position erfolgreich zu verkaufen?
Der zweite Teil der kleinen Sommerreihe Über die Denkmöglichkeit seriöser Gender Studies beschäftigt sich mit der Frage, welchen Platz eigentlich Männer in diesen Studien haben. Darum, wie denn nun seriöse Gender Studies aussehen könnten, geht es dann in der nächsten Folge.

 
 
Wie die Gender Studies aus Versehen die bürgerliche Ehe kopieren Sebastian Scheele skizziert in der Böll-Schrift, belegt lediglich durch eine Anekdote des feministischen Soziologen Michael Kimmel, traditionelle Vorstellungen der Geschlechter in der Wissenschaft:
„Diese Tradition beinhaltet, dass Frauen für Partikularität stehen, während Männer für Objektivität, Neutralität, ja Universalität stehen. In diesem klassischen Wissenschaftsverständnis wird Frauen als ‚Geschlechtswesen‘ Emotionalität, Interessen, Konkretion zugeschrieben, während Männer kein Geschlecht zu haben scheinen, sondern Modelle allgemeiner Menschlichkeit darstellen und ihnen somit unvoreingenommene Erkenntnis und die Fähigkeit zur Abstraktion offenstehen.“ (S. 35f.)
Wer denn so etwas überhaupt behauptet, lässt Scheele offen, stattdessen beschränkt er sich auf einen allgemeinen Hinweis auf die „Tradition“ und auf eine Darstellung in der Passiv-Form, die eine Angabe konkreter Akteure unnötig macht (das ist, nebenbei bemerkt, ein sehr auffälliges stilistisches Merkmal in Texten von Feministen über Feminismus-Kritiker – die Rosenbrock-Studie etwa ist voll davon).
 
Sicherlich gibt es viele Wissenschaftler, die ihre Gegenstände als geschlechtsneutral begreifen und die eine „Vergeschlechtlichung“ im Sinne der Gender Studies ablehnen – was ja eine durchaus begründete Position ist, mit der sich Gender-Forscher dann eben argumentativ auseinandersetzen müssten. Scheele kann aber keinen einzigen Wissenschaftler anführen, der tatsächlich Frauen mit Partikularität und Männer mit Universalität assoziiert und Frauen auf dieser Grundlage die Befähigung zur wissenschaftlichen Arbeit – denn darum geht es hier ja – abspricht.
Heute – so könnte Scheele allerdings erwidern – sei dies vielleicht nicht mehr so, dank des segensreichen Wirkens feministischer Wissenschaftlerinnen, er habe aber eben die klassische Zuschreibung dargestellt. Das lässt sich leicht überprüfen an einem Text, der im Zentrum der deutschen Klassik geschrieben und zwischen 1793 und 1795 veröffentlicht wurde – an einem kurzen, sehr bekannten Zitat aus Friedrich Schillers Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Dort schreibt er:
„Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.“ (Über die ästhetische Erziehung des Menschen, S. 584)
Man müsste schon große Scheuklappen anlegen, um sich darauf konzentrieren zu können, dass Schiller hier wohl den männlichen Menschen im Auge hat, wenn er vom Menschen allgemein schreibt – und um übersehen zu können, dass gleichwohl die Erfahrung, die er skizziert, eben die eines Verlusts von Allgemeinheit und Universalität ist. Mit der funktionalen Differenzierung der Moderne, der Aufspaltung in verschiedene Wissenschaften und Professionalitäten, beginnt eben auch schon die Kritik an und die Auseinandersetzung mit ihr.
 
Schillers Position, schon vor mehr als zweihundert Jahren formuliert, lässt sich dabei so skizzieren: Diese Aufspaltung sei zwar wichtig gewesen, weil die Wissenschaften als unterschiedliche Disziplinen zu Ergebnissen gelangt seien, die einer Gesamt-Wissenschaft niemals möglich gewesen wäre – das Leben gleiche nun aber „der Zusammenstückelung unendlich vieler, aber lebloser Teile“. Diese hier an Schillers Zitat nur skizzierte Auseinandersetzung wird keineswegs von frühen Gender-Forscherinnen, sondern von Beginn an vor allem von Männern geführt, weil Männer – zumindest im bürgerlichen Spektrum – von den Veränderungen wesentlich direkter betroffen sind als Frauen.
 
In Autobiografien der Zeit Schillers, und auch noch hundert Jahre später, fällt tatsächlich auf, dass Autobiografinnen die Bedeutung ihrer Geschlechtszugehörigkeit für ihr Leben regelmäßig ausdrücklich ansprechen, während für Autobiografen die berufliche Tätigkeit wesentlich bedeutender ist. Feministinnen interpretieren solche Phänomene routiniert ganz wie Scheele („während Männer kein Geschlecht zu haben scheinen“) – Männer hätten sich so sehr als Allgemeines und Selbstverständliches begriffen, Frauen so sehr übersehen und ihre eigene Geschlechtszugehörigkeit daher gar nicht als etwas Besonderes, Partikuläres wahrgenommen, dass es Männern eben auch gar nicht eingefallen wäre, über ihr Mannsein zu reflektieren.
Diese Routine-Interpretation ist offenkundig voreilig. Tatsächlich reflektieren Frauen wie Männer über das, was für ihren Lebensunterhalt von grundlegender Bedeutung ist – und das ist in der Arbeitsteilung der bürgerlichen Ehe für Männer eben die Frage, wie sie ihre berufliche Identität gestalten, und für Frauen die Frage, wie sie in ihrer Geschlechtsidentität, also in der Regel als Ehefrau leben. Die bürgerliche Ehefrau gestaltet ihren Lebensunterhalt als Frau eines Mannes, völlig unabhängig davon, welchen speziellen Beruf er hat – während der Mann sich spezialisieren muss und sich nicht einfach als „Ehemann“ bestimmen kann.

Scheeles Darstellung ist also nicht nur unbelegt, sie ist auch willkürlich, weil die Situation ebenso gut genau umgekehrt interpretiert werden könnte – während (bürgerliche) Männer sich spezialisierten und professionalisierten, war für (bürgerliche) Frauen allgemein die Ausgestaltung ihrer Geschlechtsidentität bedeutsamer. Es ist auffällig, dass das Verhältnis der Gender Studies zu den traditionellen, in der Böll-Schrift meist als männlich dominiert präsentierten Wissenschaften diesem überkommenen bürgerlichen Geschlechtermodell genau entspricht: Während die etablierten Wissenschaften sich traditionell und in der Moderne forciert in verschiedene Disziplinen mit bestimmbaren Grenzen und definierten Methoden aufspalten, imaginieren sich die Gender Studies als eine unbegrenzt interdisziplinäre, fächerübergreifende Wissenschaft, die sich allein durch die Konzentration auf Fragen der Geschlechterverhältnisse bestimmt.

Sich selbst und den Gender Studies allgemein bescheinigen die Autoren der Schrift in einer regelrecht automatisierten Regelmäßigkeit und ohne falsche Bescheidenheit eine besonders große Selbstreflexivität. Warum eigentlich bemerken sie trotz dieser bewundernswerten Bereitschaft zur Überprüfung ihrer eigenen Position  an keiner Stelle, dass das von ihnen präsentierte Modell der Gender Studies keineswegs die „Veränderung der Geschlechterverhältnisse“ (S. 47) anpeilt, sondern die traditionelle bürgerliche Arbeitsteilung der Geschlechter konserviert und mit Ressentiments betoniert?

 

Für die Unterdrückten, gegen Biologen, Blogger und andere Herrscher
 „Insbesondere die Unterdrückten können einen adäquateren, weniger partiellen Blick auf ein Machtverhältnis entwickeln, da ihr Blick nicht durch das Eigeninteresse am Machterhalt getrübt ist.“ (S. 36)
Dass die „Unterdrückten“ allerdings ein nachvollziehbares Eigeninteresse am Ende der Unterdrückung haben, schärft nach dieser Vorstellung hingegen  ihren Blick und trübt ihn nicht. Jedenfalls zitiert Manfred Köhnen in der Böll-Schrift zustimmend Barbara Holland-Cunz, die wiederum zustimmend Sandra Harding zitiert (solche Zitier-Ketten sind übrigens, so jedenfalls mein wohlwollender Eindruck, das Gender Studies-Pendant zu dem, was man in anderen Disziplinen als „Beleg“ oder „Beweis“ einer Aussage bezeichnet):
 „Es gehört (…) zu den zentralen Annahmen feministischer Wissenschaftstheorie jeglicher Herkunft, dass die offen parteiliche ‚Sicht von unten‘ ‚better science‘ (Sandra Harding) produziert als der vermeintlich unparteiische herrschende Blick.“ (S. 49)
Das könnte die verstreuten Blogger, die in ihrer Freizeit Gender Studies-kritische Artikel verfassen und die von der Böll-Schrift zu den Haupt-Gegnern gerechnet werden, möglicherweise ein wenig überraschen: An ihren PCs sitzend reproduzieren sie unbarmherzige gesellschaftliche Herrschaftstrukturen, während die Autoren der millionenschweren, aus Steuermitteln reichlich finanzierten Böll-Stiftung mit letzter Kraft, aber ungeheurem Mut den „Blick von unten“ repräsentieren.

Hinter dieser Absurdität verbirgt sich eine ernsthafte sachliche Frage: Selbst wenn die ja keineswegs selbstverständliche Annahme akzeptiert wird, der „Blick von unten“ produziere „bessere Wissenschaft“ – wie wird denn eigentlich die Entscheidung getroffen, wer „unten“ steht und zu den „Unterdrückten“ gehört? Wird diese Entscheidung ebenfalls „von unten“ getroffen (dann könnten die Herrschenden sich ja einfach als Unterdrückte definieren und frohgemut „bessere Wissenschaft“ betreiben)? Und wenn nicht – wo und von wem dann?
 

Tatsächlich stellt sich die Frage für die Verteidiger der Gender Studies wohl deshalb nicht, weil sie ohnehin schon beantwortet ist: Es sind die Frauen, die durch die herrschende Ordnung unterdrückt werden, und dazu auch alle anderen, die keine heterosexuellen Männer sind (was schwule Männer angeht, waren sich Feministinnen da allerdings oft auch nicht so sicher).
Eben diese Haltung ist auch bestimmend für die ressentimenthaft-ablehnende Position der Gender Studies zu Naturwissenschaften, insbesondere zur Biologie. Natürlich wehrt sich Köhnen gegen den Vorwurf, die Gender Studies seien „biologiefeindlich“ (S. 42), aber ansonsten wird das Fach Biologie, wenn es von den Autoren der Schrift denn erwähnt wird, immer wieder in negative Kontexte gestellt (Beispiele: S. 9, S. 10, S. 71). In der Zusammenfassung schließlich
„bedienen sich nicht wenige der Gender-Gegner_innen einer biologistischen Logik, in der schon der Verweis auf die Natürlichkeit von Geschlecht jede Überlegung ihrer sozialen und historischen Gewordenheit von vornherein verwirft.“ (S. 67)
Eben so konstruieren die Autoren die Gegnerschaft zu biologischen Positionen: In den Gender Studies würden Geschlechter als veränderbare soziale Konstruktionen untersucht, während die Biologie sie als schlicht gegeben und unveränderlich präsentieren würde. So sei denn auch der  „Unwissenschaftlichkeitsvorwurf“ an die Gender Studies „ein politisches Instrument, um konservative Geschlechterverhältnisse zu zementieren“ (S. 68).

Haltbar ist diese Argumentation nicht – was den Autoren durchaus klar sein könnte, wenn sie beispielsweise das Blog „Alles Evolution“ auch ab und zu gelesen bzw. dort ab und zu auch mitdiskutiert hätten, anstatt es einfach nur auf die Schwarze Liste der Gender-Gegner_innen zu setzen. (S. 10) Die Evolutionsbiologie geht schließlich eben gerade von einer Veränderbarkeit der Geschlechter, nicht von ihrer simplen natürlichen, ein für alle Male feststehenden Gegebenheit aus.

Sicherlich beanspruchen diese Veränderungen meist größere Zeitabstände, als politisch ehrgeizigen Gender-Forscher_inne_n lieb ist, der wesentliche Unterschied aber ist ein anderer: Evolutionsbiologen fragen nach der evolutionären Funktion von Geschlechtsunterschieden, können auch Veränderungen oder Variationen dieser Funktion beschreiben, sie können auch deutlich machen, wann Unterschiede dysfunktional werden – während für Gender-Forscher_inne_n Geschlechtsunterschiede stereotyp auf  Machtverhältnisse zurückzuführen sind, die in immer gleicher Weise beschrieben werden, nämlich prinzipiell als heterosexuell-männliche Herrschaft.

So erklärt sich wohl auch, warum eine der wichtigsten Schriften zur Geschlechterthematik, die in den letzten Jahrzehnten erscheinen ist, in den Gender Studies faktisch keine Rolle spielt, obwohl sie zumindest als Ideengeber zentral einschlägig sein müsste: Auch Warren Farrells „The Myth of Male Power“ aus dem Jahr 1993 beschreibt Geschlechtsunterschiede im Hinblick auf Funktionen und lehnt den „Mythos“ einer männlichen Herrschaft explizit ab.

Während aber die basale Frage „Wie funktioniert das?“ durchaus als Einstieg in ein wissenschaftliches Denken geeignet ist, eignet sich die Frage „Welche dunklen Mächte wirken hier?“ wesentlich besser als  Einstieg für Überlegungen nach dem Typus einer Verschwörungstheorie – zumal denn, wenn immer schon und ohne weitere Überlegung klar ist, wer die „dunklen Mächte“ sind. Welche Ergebnisse aber können die Gender Studies vor diesem Hintergrund eigentlich vorweisen?

 

Wie einer renommierten Gender-Forscherin einmal ein fataler Fehler unterlief „Welches sind die wichtigsten wissenschaftlichen Resultate der Gender Studies?“ wird auch die Münchner Gender Studies-Professorin Paula-Irene Villa im Interview gefragt – und von der unerwartbaren Frage möglicherweise auf dem falschen Fuß erwischt, begeht sie einen Fehler, der einen erfahrenen Gender-Professorin eigentlich nicht unterlaufen dürfte: Sie beantwortet die Frage (anstatt, was ja naheliegend und dringend geboten gewesen wäre, zunächst einmal die „Vergeschlechtlichung“ der Frage aufzudecken). Jedenfalls glaube ich, dass sie sie beantwortet, sie sagt nämlich:
 „Ich würde zunächst mal kontraintuitiv sagen, eine der ganz wichtigen Einsichten ist, dass es Geschlecht so nicht gibt. Das meint zum einen, dass wir immer nicht genau wissen können, was eigentlich Geschlecht jeweils heißt. In einer raum-zeitlich-spezifischen Konstellation kann das vieles Verschiedenes bedeuten, und insofern sollte man nie zu sicher sein, dass man zuvor immer schon weiß, was Geschlecht heißt. Zumal, wenn man gute Wissenschaft machen will, man ja mit der doxa des Alltags brechen und noch unsicherer werden muss, mit dem, was Leute eigentlich meinen, wenn sie meinen zu wissen, was Geschlecht ist. Das ist eine wichtige Einsicht.“ 
Tatsächlich ist das – wenn man mal von den ablenkenden Ausführungen über raum-zeitlich-spezifische Konstellationen absieht und sich nicht mit der Frage aufhält, wer eigentlich „die Leute“ sind, von denen Villa da erzählt – überhaupt keine „Einsicht“ der Gender Studies, sondern eine basale Vorannahme: Es gäbe Geschlecht „so“ (wie? Ach, ich weiß auch nicht…) nicht, Geschlecht sei sozial konstruiert. Eben das besagt ja schon die englische Bezeichnung „Gender“.

Das aber ist natürlich ein wenig ernüchternd – dass eine der profiliertesten deutschen Gender-Forscherinnen auf die Frage nach dem wesentlichen Ergebnis einer jahrelangen, landesweiten Forschung mit mittlerweile wohl mehr als zweihundert Professuren, die allein pro Jahr, wie Danisch vorrechnet, etwa 100 Millionen Euro kosten, schlicht die durchaus simplen (und daher wohl auch sehr kompliziert formulierten) Vorannahmen dieser Forschung noch einmal wiederholt.

Auch so wird klar: In der Fixierung auf – implizit oder explizit durchgehend als heterosexuell-männlich verstandene – Herrschaftsstrukturen folgen die Gender Studies eben den Mustern handelsüblicher Verschwörungstheorien, die ebenfalls nicht an offenen Forschungen, auch nicht an Veränderungen, sondern jeweils nur an der Bestätigung ihrer ursprünglichen Annahmen interessiert sind.

 

In der nächsten Folge unserer kleinen Sommerreihe: Wie könnten denn nun seriöse Gender Studies aussehen? Oder kann es sowas gar nicht geben? Und ist Adorno wirklich an allem schuld?
Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die verlinkte Schrift „Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie“ der grünen Heinrich-Böll-Stiftung, mit Ausnahme der Schiller-Zitate aus:

Friedrich Schiller: „Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen“, in: ders., Sämtliche Werke in 5 Bänden. Band 5: Erzählungen. Theoretische Schriften, hrsg. von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfer, München 1980, S. 570-669
 

Vielen Dank an Matthias Mala für den Hinweis auf das Villa-Interview.

Gender Studies als Wissenschaft von allem und jeder

„Wissenschaftliche Gender Studies hätten das Ziel, ohne ideologische Scheuklappen die Natur und Kultur der menschlichen Geschlechter zu erforschen. Biologische, psychologische, historische und soziologische Erkenntnisse würden gleichermaßen akzeptiert werden.“
So skizziert Andreas Müller im „Feuerbringer-Magazin“ die Möglichkeit wissenschaftlich fundierter Gender Studies. Eigentlich müsste dies eine fraglos mehrheitsfähige Position sein – denn auch wenn vermutlich verschiedene Interessierte an den Gender Studies verschiedene Vorstellungen vom Begriff der „Ideologie“ haben, so würde doch sicher niemand von ihnen fordern, dass Forschung „ideologische Scheuklappen“ haben sollte.

Gender Studies könnten sich also damit beschäftigen, welche Konsequenzen die Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen für sein Leben hat, was diese Geschlechtszugehörigkeit überhaupt bedeutet, wie biologische und soziale Faktoren dabei zusammenspielen – und insgesamt fragen, ob und wie die Reflexion der Geschlechtlichkeit von Menschen ihre Möglichkeiten, sinnvoll zu handeln und zu leben, vergrößern kann. Wer sollte etwas dagegen haben?

Überraschenderweise aber sehen sich die Gender Studies erheblicher Kritik ausgesetzt und sind hart umkämpft.

„Genderforschung ist wirklich eine Antiwissenschaft. Sie beruht auf einem unbeweisbaren Glauben, der nicht in Zweifel gezogen werden darf.“
Das schreibt beispielsweise Harald Martenstein am 8. Juni dieses Jahres in der Zeit und erhält dafür auch seinerseits massive Kritik.

Die Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen hingegen hat Ende des Monats Juni eine Schrift zur Verteidigung der Gender Studies herausgegeben, die ebenfalls engagiert diskutiert und scharf kritisiert wurde – etwa auf den Blogs „Alles Evolution“ und „Kritische Wissenschaft“ , die ihrerseits in dem Papier als Kritiker der Gender Studies kritisiert worden waren: Sie würden sich zu „Wissenschaftswächtern“ aufschwingen, und auch wenn man sie mit anderen Gender-Studies-Kritikern wie christlichen Fundamentalisten, militanten Antifeministen und politisch rechten Akteuren nicht gleichsetzen solle, gäbe es durchaus „argumentative Schnittstellen“ (Seite 10).

(Einmal ganz nebenbei und vollständig off-Topic bemerkt: Ich habe mir gerade den seltsamen Spaß erlaubt, auf der Webseite der NPD nachzuschauen, deren Verlinkung ich mir hier natürlich erspare – dort fordert die Partei beispielsweise einen Rücktritt von Verteidigungsminister de Maizière und kritisiert die steigenden Mieten scharf. Ich bin nun natürlich sehr beunruhigt, weil sich Grüne und SPD angesichts der argumentativen Schnittstellen mit der Rechtsaußenpartei offenbar überhaupt keine ernsthaften Gedanken machen!!!111)

Die engagierten und kritischen Reaktionen auf das Papier der Böll-Stiftung haben wohl vor allem zwei Gründe. Einerseits wird deutlich, dass sich Vertreter und Vertreterinnen der Gender Studies offenkundig durch die nachhaltige Kritik, die insbesondere auf Blogs und unabhängigen Webseiten erhoben wird, unter Druck gesetzt fühlen. Michael Klein dazu bei „Kritische Wissenschaft“:

„Wie vollständig muss der Versuch, die Männerbewegung unter Benutzung von Hinrich Rosenbrock und seiner Magisterarbeit in die rechte Ecke zu rücken, in die Hose gegangen sein, wenn das von Steuerzahlern finanzierte Gunda-Werner-Institut (Teil der Heinrich-Böll oder HB-Stiftung), das die Steuermittel einsetzt, um Ideologien zu verbreiten, sich gezwungen sieht, ein dünnes Pamphlet mit dem Titel “Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie” herauszugeben, dessen einziger Zweck darin besteht, für den Genderzirkus Wissenschaftlichkeit zu reklamieren?“
Zugleich liegt damit ein Positionspapier einer für die Gender Studies zentralen politischen Institution vor – eine Auseinandersetzung mit dieser Position ist lohnend, weil Kritiker wie Verteidiger der Schrift mit guten Gründen davon ausgehen können, hier repräsentativen Argumenten zu begegnen, die auf die Gender Studies insgesamt bezogen werden können.

Warum aber sind die Gender Studies, die doch allem Anschein nach stets das Gute wollen, überhaupt so umkämpft? Die Frage kann als Auftakt für eine kleine Sommer-Serie dieses Blogs dienen: Über die Denkmöglichkeit seriöser Gender Studies In dieser Folge geht es um den Vorwurf der Beliebigkeit und Willkür, der an die Gender Studies erhoben wird – und im nächsten Text um die Frage, wo bei alledem eigentlich die Männer bleiben.

Aus den dunklen Zeitaltern ins helle Licht Was aber sind die Gender Studies eigentlich? Wo stehen sie im Vergleich zu etablierten Fächern wie etwa der Physik, der Germanistik, der Biologie oder der Soziologie? Dazu Sebastian Scheele im Papier der Böll-Stiftung:

„Die Gender Studies sind nicht in einer einzigen disziplinären Tradition angesiedelt – im Gegenteil: Sie sind keine eigene Disziplin, sondern ein gegenstandszentrierter Forschungsbereich, der davon ausgeht, dass der eigene Gegenstand sowohl durch verschiedene Disziplinen geprägt als auch nur mit Hilfe verschiedener Disziplinen zu untersuchen ist. Daher sind die Gender Studies meist als interdisziplinäre oder transdisziplinäre Zentren institutionalisiert und nicht als eigene Universitätsinstitute.“ (S. 32)
Für Scheele ist die durch die programmatische Interdisziplinarität, die Arbeit zwischen ganz verschiedenen Fachbereichen regelrecht ein Generator für kritische Reflexionen:
„Daher ist in der Geschlechterforschung eine starke Selbstreflexivität in Bezug auf disziplinäre Grenzen und die eigenen disziplinären Verortungen entwickelt worden.“

In diesem Zusammenhang zitiert er auch aus dem Klappentext des Lehrbuchs über Feministische Methodologien und Methoden von Althoff et.al, der über ein erstaunliches Resultat der Methodendiskurse der Frauen- und Geschlechterforschung in den letzten Jahrzehnten berichtet:

„Als zentrale Erkenntnis dieser Diskurse gilt bis heute, dass Methoden keine neutralen Forschungsinstrumente sind, die unabhängig vom Untersuchungsgegenstand, dem sozialen Standort der Forschenden, ihren Interessen und theoretischen Vorannahmen Gültigkeit haben.“ (33)
Nun muss man allerdings schätzungsweise 98% aller nicht-feministischen Beiträge zur Wissenschaftstheorie in den letzten zweihundert Jahren, von Männern wie Frauen, ignorieren, um das so formulieren und tatsächlich glauben zu können, Wissenschaft sei in den dunklen Zeitaltern vor der zweiten Welle des Feminismus rundweg von dem naiven Glauben ausgegangen, wissenschaftliche Methoden würden völlig bedingungslos gelten und hätten niemals etwas mit Interessen oder theoretischen Vorannahmen zu tun. Im Zusammenhang mit der programmatischen Interdisziplinarität der Gender Studies ist die Aussage gleichwohl sehr problematisch.

Sie unterschlägt nämlich, welchen zentralen Stellenwert die spezifischen Methoden der einzelnen Disziplinen haben: Sie sind eben selbst wesentlich ein Mittel der Kritik, also im Wortsinne eines der Unterscheidung – nämlich der Unterscheidung zwischen solchen Vorgehensweisen, die zu tragfähigen, intersubjektiv überprüfbaren Ergebnissen, zu wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen führen und solchen Vorgehensweisen, die nicht dazu führen.

Es ist offenkundig, dass die Einzeldisziplinen ein unterschiedliches Verständnis gültiger Methoden entwickelt haben, dass Methoden auch weiter entwickelt werden, dass sie also jeweils nicht absolut gültig sind. Scheele allerdings erweckt darüber hinaus den Eindruck, Methoden seien schlicht Herrschaftsinstrumente, die geschaffen wuden, um wissenschaftliche Territorien zu sichern. Wer jedoch auf dieser Basis allen Methoden gegenüber distanziert ist, wird dadurch keineswegs herrschaftskritisch –  er oder sie entzieht sich lediglich der Verpflichtung, das eigene Vogehen systematisch zu kontrollieren und für andere nach gemeinsamen Maßstäben überprüfbar zu machen.

Es ist illusionär, den Eindruck zu erwecken, das spezifische methodische Vorgehen in einer Disziplin sei ersetzbar durch eine allgemeine methodenkritische Haltung.

 

Haben Zahlen ein Geschlecht? Und ist das Urheberrecht männlich? So ist es denn eine sehr berechtigte Frage, wie sich eine so programmatisch interdisziplinär angelegte „Wissenschaftsrichtung“ (S. 67) wie die Gender Studies davor schützt, völlig beliebig zu werden. Diese Frage würde an jedes ähnlich designte Forschungsprojekt gestellt werden. Anstatt aber das Programm der Gender Studies zu konturieren, Standards und Gütekriterien vorzustellen, ersetzen die Autoren die seriöse Auseinandersetzung mit ihrer Forschungsrichtung gratismutig durch Angriffe gegen Kritiker, denen sie schlankweg unterstellen, sie würden verängstigt auf das Potenzial für gesellschaftliche Veränderungen reagieren, das sie wie selbstverständlich den Gender Studies zuschreiben.
In der Religionssoziologie gibt es den Begriff des „Sheilaismus“, benannt nach einer Krankenschwester namens Sheila Larson, die sich aus willkürlichen Versatzstücken verschiedener Religionen ihren ureigenen, ganz individuellen Glauben zusammengestellt hatte. Das Modell der Sheilaismus mag praktikabel sein, wenn es um den individuellen Glauben eines einzelnen Menschen geht – als Modell für Wissenschaften, in denen es um die intersubjektive Überprüfbarkeit von Aussagen nach gemeinsam akzeptierten Standards geht, ist es offenkundig ungeeignet.
Denkbar ist Interdiziplinarität jeweils konkret, beispielsweise als Projekt von Evolutionsbiologen und Entwicklungspsychologen zur Frage der Entwicklung geschlechtsspezifischen Verhaltens bei Kindern. Die Projektgruppe müsste dann koordinieren, inwieweit die methodischen Standards und auch die als gesichert geltenden Vorannahmen der einen Fachrichtung auch für die andere verbindlich sind, wo sie sich widersprechen, wo sie sich ergänzen – und ob ein gemeinsames Forschen im Vergleich zu einem auf die Fachbereiche beschränkten eigentlich ertragreicher ist.

Kurz: Die Arbeit in einem solchen Projekt setzt nicht nur hohe Kompetenzen in den beteiligten Disziplinen voraus, sondern auch eine ausgearbeitete dritte Position, von der aus diese Disziplinen überhaupt koordiniert werden können. Die Gender Studies versprechen, eine solche Position generell anzubieten – und eine wesentliche Kritik an ihnen läuft auf den Vorwurf hinaus, dass dieses Versprechen allzu vollmundig ist.

Denn die konkrete Koordinationsleistung lässt sich schließlich nicht einfach verallgemeinern, hin zu einer generellen, unspezifischen Inter- oder Transdisziplinarität, also von einer realen Koordination mehrerer Disziplinen für ein bestimmtes Projekt hin zu einer potentiellen Koordination jeder Disziplin mit jeder anderen für unspezifische Projekte. In der gesamten Verteidigungsschrift der Böll-Stiftung ist an keiner Stelle erkennbar, wie die Gender Studies eine solche Funktion erfüllen könnten.

An keiner Stelle auch widerlegen die grünen Apologeten der Gender Studies zumindest versuchsweise den naheliegenden Vorwurf, die Forschungen würden statt einer reflektierten Interdisziplinarität eine programmatische Beliebigkeit entwickeln und in allen möglichen Themen willkürlich eine Relevanz für Geschlechterfragen entdecken (wenn etwa, wie im Blog „Zettels Raum“ skizziert, die Forscherin Ann Bartow glaubt, das Urheberrecht sei „grundlegend vergeschlechtlicht“).

An keiner Stelle enthält das Papier auch nur den Ansatz von Reflexionen darüber, ob eigentlich alle Disziplinen gleichermaßen anschlussfähig für Gender Studies sind – obwohl dies ja beispielsweise für die Mathematik offenkundig in wesentlich geringerem Maße der Fall ist als etwa für die Soziologie.


Endlich bewiesen: Warum fundierte Kritik an den Gender Studies prinzipiell nicht möglich ist Wenn von Reflexivität die Rede ist, dann folgt in der Schrift regelmäßig nicht etwa eine Reflexion des eigenen Vorgehens, sondern eine Kritik an anderen. Die Geschlechterforschung habe ihre Herkunft nun einmal unter anderem in „Kämpfen gegen Ausschlüsse aus der Wissenschaft und gegen Androzentrismus in der Wissenschaft“ (35), und es ginge – so Manfred Köhnen im vierten Kapitel des Bandes – bei der Kritik an den Gender Studies darum, „ganze Fächer und Themen aus der Wissenschaft auszuschließen“. (39) Im Fazit unterstellen die Autoren den Gender-Studies-Kritikern schlicht eine Angst vor dem Wandel von Geschlechterverhältnissen. (68)

Aus dieser Perspektive werden die Gender Studies lediglich kritisiert, weil sie in progressiver Absicht „Geschlechterverhältnisse“ zum Thema hätten. Tatsächlich ist das Gegenteil richtig – dass sie Geschlechterverhältnisse thematisieren, hat die Etablierung dieser „Wissenschaftsrichtung“ überhaupt erst möglich gemacht. Würde sonst jemand eine Wissenschaftsrichtung von einer solch halsbrecherischen, methodisch unklaren Interdisziplinarität etablieren wollen und sie etwa als „universelle Alleswissenschaft“ bezeichnen, dann wäre allen anderen Beteiligten deutlich, dass er vermutlich größenwahnsinnig und ganz sicher unseriös ist.

Allein dadurch, dass dieses Vorgehen mit dem Geschlechterthema verknüpft ist und dass politische wie universitäre Verantwortliche ein großes Interesse daran haben, sich im Hinblick auf Geschlechterfragen offen und engagiert zu zeigen, wurde ein so diffuses wissenschaftliches Projekt wie das der Gender Studies überhaupt möglich – möglich nämlich im Sinne von: finanzierbar.

Manfred Köhnen verwendet die methodische Unterbestimmtheit der Gender Studies als Wissenschaft von allem und jeder allerdings als Waffe gegen ihre Kritiker:

„Dabei muss an dieser Stelle erneut festgehalten werden, dass die Gender Studies zu vielfältig sind, als dass homogenisierende Kritik berechtigt sein könnte (…).“ (42)

 Hadmut Danisch kommentiert:

„Als ob Gender Studies generell gegen jede Kritik immun wären. Dass aber gerade darin, dieser Inhomogenität, die Unwissenschaftlichkeit liegt, merken sie nicht.“ 
Das ist sogar noch freundlich ausgedrückt. Die Gender Studies werden schließlich mit vielen Millionen aus öffentlichen Geldern finanziert, und nach Martenstein  gab es schon 2011 173 Professuren dieser „Wissenschaftsrichtung“. Gleichwohl fühlen sich ihre Apologeten keineswegs verpflichtet, überprüfbare Standards zu beschreiben, beispielsweise Gütekriterien zu formulieren, die gute von schlechter Geschlechterforschung unterscheidbar machen könnte – und die dann ihrerseits die Geschlechterforschung auch zum Gegenstand der Kritik aus anderen Fachbereichen machen könnten.

Tatsächlich erwecken die Autoren der Böll-Stiftung sogar den Eindruck, noch überhaupt nicht gemerkt zu haben, dass die Rundum-Interdisziplinarität der Gender Studies gewaltige und vermutlich unerfüllbare Anforderungen an die seriöse Begründung des Faches stellt.

Stattdessen argumentiert Köhnen ernsthaft, dass die Gender Studies nicht kritisiert werden könnten, weil sie als Wissenschaftsrichtung ja gar nicht identifizierbar seien. Aus Fairnessgründen möchte ich darauf hinweisen, dass er damit die Gender Studies vor dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit schützen und nicht etwa diesen Vorwurf belegen möchte (ich will ja nicht, dass der Autor am Ende noch Ärger von seinen Auftraggebern bekommt).


In der nächsten Folge unserer kleinen Sommerreihe: Welchen Platz haben eigentlich die Männer in den Gender Studies? Und die Biologen? Und was sagt Friedrich Schiller dazu?
Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die verlinkte Schrift „Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie“ der grünen Heinrich-Böll-Stiftung

Aber die Kaiserin hat ja gar nichts an! – Psssssst…..

„Dies ist keine Einladung, mich zu vergewaltigen“ („This is not an invitation to rape me.“) steht auf dem Bild einer jungen Frau. Sie flaniert offenkundig an einem öffentlichen Ort, trägt ein ärmelloses, enges, weißes Hemd mit großem, aufgeknöpften Ausschnitt, ohne BH. Die Webseite der schottischen Kampagne des Vereins “Rape Crisis Scotland” erläutert zu dem Bild:
„The assumption that such choices can lead to rape – that clothes can speak for women who say no – are ludicrous and extremely damaging.”
 
 
Natürlich ist die Kleidung der Frau der Frau keine Einladung zur Vergewaltigung, wie denn auch?  Vergewaltigt wird ein Mensch ja eben gerade gegen seinen Willen und ohne dass er dazu eingeladen hat. Irritierend ist also weniger das Wort „rape“ als das Demonstrativpronomen „this“ – dass die Frau nicht zu einer Vergewaltigung einlädt, ist  keineswegs in der Situation, sondern im logischen Widerspruch einer Einladung zur Vergewaltigung begründet. Der Satz „This is not an invitation to rape me“ ließe sich  unter jedes beliebige Bild schreiben.

Was soll also das Bild mit der Unterschrift? Und wer wird überhaupt angesprochen? Warum reicht nicht einfach ein Satz wie „There is no invitation for rape“ oder ähnliches? Wer das Bild anklickt, erhält jeweils alternative Sichtweisen zu der Situation. Der Frau selbst wird in den Mund gelegt: “I feel great in this outfit – the vest looks so much better without a bra.” Ein Mann hingegen denkt: “I see a scantily dressed woman, asking for it.” Eine Frau, die sich einfach nur ohne BH wohl fühlt – und ein Mann, der meint, dass sie es darauf anlegt“ und selbst schuld ist, wenn ihr etwas passiert. 

 
Natürlich: Nicht alles, was ein Mann als Signal versteht, ist auch von der Frau als Signal gemeint (umgekehrt gilt das auch). Die Kampagne aber greift auf allzu simple holzschnittartige Gegenüberstellungen zurück.

Wer kurz über die Dumpfheit hinwegsieht, die hier dem Mann in den Mund bzw. den Kopf gelegt wird, könnte den Unterschied zwischen beiden Äußerungen auch so beschreiben: Der Mann interpretiert die Kleidung der Frau als soziales Signal, die Frau hingegen hat sich – so die Darstellung der Kampagne – schlicht etwas angezogen, ohne dabei irgendetwas ausdrücken oder signalisieren zu wollen. Eine solche Interpretation sozialer Signale, die doch eigentlich gar eine Signale seien, ist bezeichnend für viele Konflikte in Geschlechterdebatten – deshalb lohnt sich ein kurzer Blick darauf.

Der weibliche Blick auf den männlichen Blick Die Kampagne schießt über ihr offizielles Ziel hinaus, wenn sie den Eindruck erweckt, schon die Interpretation der Kleidung als soziales Signal, in diesem Fall als Zeichen eines möglichen sexuellen Interesses oder eines Interesses an der Partnersuche sei gewaltsam oder gar ein erster Schritt zur Vergewaltigung. Es ist ja ganz im Gegenteil sinnvoll, überhaupt auf Signale eines solchen Interesses  zu achten – die naheliegende Alternative wäre ja, dieses Interesse schlankweg allgemein vorauszusetzen. Das ist hier übrigens im Bezug auf Männer der Fall: Würden die für die Kampagne Verantwortlichen nicht stillschweigend davon ausgehen, dass Männer ohnehin immer ein allgemeines sexuelles Interesse hätten, dann würden sie ja zumindest einmal die Frage stellen, ob die öffentliche Zurschaustellung weiblicher Brüste nicht möglicherweise auch Grenzen von Männern verletzen könnte.

Wenn sich jemand so kleidet, dass er die Aufmerksamkeit anderer erregt, dann werden anderen das so verstehen, dass er oder sie an dieser Aufmerksamkeit ein nachhaltiges Interesse hat – und damit kann man rechnen. Das ist keine Einladung zu einer Vergewaltigung, auch keine Einladung dazu, hartnäckig in Partnerschaftsanbahnungsgespräche involviert zu werden – jedoch darauf zu bestehen, dass die Kleidung überhaupt nicht als soziales Signal zu verstehen sei, ist nicht haltbar. In den Fünfziger Jahren haben etwas Marylin Monroe-Filme diese Komstellation für komische Momente genutzt, beispielsweise in einer berühmten Szene aus „The Seven Year Itch“, in der sie den Luftstrom aus einem U-Bahn-Schacht genießt: Eine sehr attraktive Frau sendet klare sexuelle Signale, ist sich dessen aber gar nicht bewusst. Es ist also eine durchaus traditionelle komische Klischeefigur, die hier als Sinnbild für die moderne Frau präsentiert wird.

Eine Frau, die einen Luftstrom genießt. Wer hier sexuelle Assoziationen hat, projiziert etwas in das Bild hinein, was einfach nicht da ist.
 
Noch deutlicher wird dies in einem anderen Motiv der Kampagne, in dem eine Frau und ein Mann intensiv küssend au der Rückbank eines Autos sitzen, sie ihm in die geöffnete Hose greift. Natürlich ist auch das kein Signal für die Erwünschtheit einer Vergewaltigung, gleichwohl ist der Satz, den ihr die Kapagne in den Mund legt, unglaubwürdig: „There is never a point at which a man should expect to have sex. ‚No‘ means ’no‘!“ Richtig, aber auch selbstverständlich ist sicher: Falls die Frau keinen Sex möchte, hat er nicht das Recht, ihn zu erzwingen, und er hat sich auch keinen Rechtsanspruch auf sexuellen Verkehr erworben. Die Erwartung an ihn aber, dass er vernünftigerweise Sex noch nicht einmal erwarten dürfe, ist albern.
 
Das lässt sich auch trefflich geschlechtsneutral formulieren: Wer einem Mitmenschen in die Hose greift und die dort vorfindlichen Geschlechtsorgane streichelt, sollte nicht vollkommen überrascht sein, falls dieser Mitmensch sich durch selbiges Verhalten seinerseits zu sexuellen Aktivitäten ermuntert fühlt. Zudem wäre es auch für eine Frau  möglicherweise ja bei Gelegenheit nicht ganz einfach zu verdauen, wenn etwa ihr Partner kurz vor ihrem Orgasmus aus dem Bett aufspringt und laut darüber nachdenkt, dass er vergessen habe, Bier einzukaufen.

So vermittelt die Kampagne einerseits die völlig nachvollziehbare, aber eigentlich ja auch selbstverständliche Botschaft, dass Frauen nicht vergewaltigt werden möchten (während Männer übrigens irgendwie immer bereit und willig sind, weshalb ihr Verhalten dann eben auch gar nicht auf mögliche Signale überprüft werden muss). 

 
Andererseits bezieht sie aber auch eine problematische Position: Sie setzt sich zwar mit sozialen Signalen auseinander, besteht aber darauf, dass die Interpretation dieser Signale privat und persönlich, in der Interpretationshoheit der weiblichen Beteiligten zu gestalten sei. Der männliche Blick erscheint grundsätzlich als zweifelhaft, der weibliche Blick auf den männlichen Blick als jederzeit begründet.
 
Die Kaiserin hat ja gar nichts an! – Pssssst…. Dieses Bestehen auf einer privaten Deutungshoheit über soziale Signale kennzeichnet weit über die Kampagne hinaus Geschlechterdebatten, auch in Deutschland. Ein aktuelles Beispiel sind die Femen, die ja schon mehrfach mit fragwürdigen Aktionen auf sich aufmerksam gemacht haben. Beispielsweise dadurch, dass sie eine Aktion gegen Prostitution auf der Hamburger Herbertstraße mit dem Spruch „Arbeit macht frei“ garnierten und so einen Zusammenhang zwischen Auschwitz und Reeperbahn herstellten.

Oder dadurch, dass eine Aktivistin barbusig auf einem Werbebildchen triumphierend abgeschnittene Hoden in die Höhe reckte.

Oder dadurch, dass sie in Kiew ein Holzkreuz zerstörten, dass zum Andenken an Opfer des Stalinismus errichtet worden war. Darauf angesprochen, erklärte die Femen-Frau Inna Shevchenko, verantwortliche Aktivistin an der Kreissäge, das zerstörte Kreuz sei gar nicht das fragliche Gedenkkreuz gewesen, das habe einige Meter weiter gestanden. Mit dieser Ansicht steht sie allein da, nicht einmal die offizielle Femen-Webseite wiederholt sie. Da nicht sein kann, was nicht sein darf, und da die wackere Kämpferin gegen das Unrecht natürlich nicht in einer spektakulären Aktion barbusig ein Mahnmal zum Gedenken an Mordopfer zerstört, kann das zerstörte Kreuz logischerweise kein solches Mahnmal gewesen sein.

Die Dürftigkeit und Unreife der politischen Positionen der Femen macht es unwahrscheinlich, dass ihre öffentlich zur Schau gestellte Nacktheit lediglich ein Mittel zum Erreichen politischer Ziele ist – plausibler ist es, die politischen Ziele als Mittel zu interpretieren, um den offenkundig gewaltigen Drang nach Aufmerksamkeit zu legitimieren. Erstaunlich aber ist es, wie selbstverständlich die Medien mitspielen, die unplausible Selbstsicht  ungeprüft kopieren, ohne sich am bescheuerten „Ich-darf-alles-machen-was-ich-will-solange-ich-dabei-nur-meine-Brüste-zeige“-Ethos der Femen zu stören.

Hans Christian Andersens Kaiser sah sich selbst wunderbar gekleidet, obwohl er in den Augen aller anderen nackt war. Allerdings traute ich das niemand zu sagen, alle bestätigten die offenkundig lächerlich falsche Selbstbild des Kaisers – bis ein Kind rief: „Aber er hat ja gar nichts an!“ In Andersens Märchen hat das die Situation geklärt – in Debatten um feministische Positionen aber würde dem Kind, das auf die Nacktheit und Unhaltbarkeit dieser Positionen hinwiese, umgehend der Mund verboten, und einflussreiche Menschen in einflussreichen Institutionen würden besorgt den Kopf wiegend erklären, dass sein Verhalten Anzeichen tief misogyner, gewalttätiger, ja wohl auch rechtsradikaler Dispositionen sei, dass es also summa summarum ein Schmuddelkind wäre, mit dem man nicht spielen sollte.

Ein sehr kleines, aber schönes Beispiel liefert die Bochumer Professorin Ilse Lenz, bekannt als Betreuerin von Hinrich Rosenbrock, auf einem am 21.11.2012 gehaltenen Vortrag im Wissensturm Linz über „Geschlechterkonflikte und Geschlechterdialoge“, bei dem sie den Einsatz für Männerrechte als Opferideologie abtut und wie gewohnt Parallelen zu Rechtsradikalen zieht. Sie spricht auch (etwa bei 34:15) Monika Ebelings Ende als Gleichstellungsbeauftragte in Goslar an, gegen die von Seiten der örtlichen Grünen, des SPD und auch der SPD enormer Druck aufgebaut worden war, weil sie sich nicht nur für Frauen, sondern auch für Männer einsetzte.

Die ordentliche Professorin stellt Ebeling in ihrem Vortrag als paranoid dar, weil sie als Gleichstellungsbeauftragte eine Kampagne der Bäckerinnung gegen häusliche Gewalt kritisiert hatte, in deren Slogan „Gewalt kommt bei uns nicht in die Tüte“ Ebeling männerfeindliche Stereotypien entdeckt hätte. In Lenz‘ Darstellung wirkt Ebelings Interpretation lächerlich und engstirnig, ihre Entlassung folgerichtig.

Allerdings hat Lenz ein kleines Problem mit der Realität: „Gewalt gegen Frauen und Kinder kommt nicht in die Tüte“ lautete tatsächlich der Slogan, gegen den Ebeling sich ausgesprochen hatte. Die ordentliche Professorin lässt also eben den Teil aus, den Ebelings kritisierte – und eben den Teil, der deutlich macht, dass die Kritik plausibel und vertretbar war. Auch hier kann nicht sein, was nicht sein darf: Die Professorin diffamiert nicht nur Ebeling, sie verteidigt auch ein feministisches Selbstbild. Da feministisch inspirierte Kritiker und Kritikerinnen Ebelings keinesfalls eine besitzstandswahrende, am weiblichen Opferstatus festgeklammerte rot-grün-gelbe Hetzmeute sein dürfen, kann Ebeling selbst logischerweise nur ein hysterischer Betonkopf sein. Und wenn die Fakten dem nicht entsprechen, dann sind die Fakten eben misogyn.

Dieser Schutz eines geschönten feministischen Selbstbildes hat eine lange Tradition, die sich beispielsweise in den beliebten treuherzigen Versicherungen äußert, dass Feminismus nichts mit Männerfeindschaft zu tun habe. Schon Alice Schwarzer schreibt am Ende ihres Klassikers „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“:

„Frauen und Männer sind nicht auf verschiedenen Terrains lebende Rassen oder Völker, sondern ineinander verkettet Geschlechter. (…) Das nur zur Richtigstellung, weil dieses alberne Geschwätz von der ‚Emanzipation ohne Männer‘ kein Ende nehmen will…“ (S. 236)
Das schreibt Schwarzer, nachdem sie zuvor auf etwa 230 Seiten lang versichert hat, dass eine Gleichberechtigung in einer Beziehung mit Männern unmöglich sei, dass Männer und Frauen auf verschiedenen Sternen lebten, dass Männer Frauen unablässig Gewalt antäten, sie vergewaltigten, usw. usw. Wenn ihr aber schwant, dass das dadurch entstehende Bild ihres Feminismus hässlich ausschauen könnte, kann das selbstverständlich nur am missgünstigen Blick ihrer Kritiker liegen, deren Geschwätz nicht ernst zu nehmen sei.Wie andere Schwarzer und ihren Feminismus sehen, hat sie selbst zu bestimmen und niemand sonst.
 
Herrschaft macht lächerlich Eben das hat sich in Selbstbeschreibungen vieler Feministinnen über die Jahrzehnte hinweg konserviert: Die zivile Selbstverständlichkeit, dass sie von anderen anders wahrgenommen werden, als sie sich selbst wahrnehmen oder als sie wahrgenommen werden möchten, wird von ihnen als Skandal präsentiert, als illegitime Zumutung, als Durchsetzung von Herrschaftsansprüchen. Dafür, wie sinnlos es gleichwohl ist, sozialen Signale und öffentliche Diskussionen mit privaten, exklusiven Deutungsansprüchen zu besetzen, liefert eine einstmals für den Grimme Online Award vorgeschlagene feministische Webseite, die der „Mädchenmannschaft“.

Auf der Feier zu ihrem fünfjährigen Bestehen waren dort Feministinnen der Berliner Slutwalks und „Critical Whiteness“-Feministinnen aufeinander geprallt. Zum Slutwalk erklärt das Blog „Robins Urban Life Stories“ in gewohnter Manier:

„Slutwalk? Dahinter steckt die Idee, als Frau jederzeit so rumlaufen zu dürfen, wie es einem beliebt, ohne angepöbelt, angepackt oder vergewaltigt zu werden.“
In diesem Sinne sind doch eigentlich alle Slutwalkerinnen, und es ist kaum verständlich, wie diese Haltung zu Konflikten führen konnte. Die „Sluts“ („Schlampen“) jedenfalls hatten sich bei einem Slutwalk islamkritisch Burkas angemalt. „Critial Whiteness“-Feministinnen jedoch, die sich selbst als anti-rassistisch verstehen, hatten das mit dem „Blackfacing“ assoziiert, bei dem sich weiße Schauspieler – meist zur Belustigung des Publikums, oft auch, weil das Ensemble keine schwarzen Schauspieler beschäftigt – schwarze Gesichter aufmalen, und die Critical Whiteness-Fraktion hatte daher die Slutwalk-Fraktion des Rassismus beschuldigt.

Beide Seiten bestanden auf ihrer exklusiven Deutungshoheit über die sozialen Signale, die im Mittelpunkt der Diskussion standen – und da so keine gemeinsame Basis eines Gesprächs möglich war, brach die „Mädchenmannschaft“ pünktlich zu ihrem Ehrentag auseinander. Mit Andersens Märchen gesprochen standen sich hier zwei nackte Kaiserinnen gegenüber, die sich empört darüber stritten, wer von ihnen die schöneren Kleider trägt. Eine schöne, elegante, beherzt, wenn auch unfreiwillig absurde Zuspitzung von feministischen Geschlechterdebatten, die vor allem auf eines bauen: darauf nämlich, dass jedem Kind das Maul gestopft wird, das rufen könnte: „Aber sie hat ja gar nichts an!“

Noch eines aber wird deutlich: Wer auf der Deutungshoheit über das eigene Bild besteht wie Andersens Kaiser, wer die Erwartung hat, dass sich das eigene Bild in den Augen anderen gefälligst an das eigene Selbstbild anzupassen habe, und wer diese Erwartung auch durchsetzen kann – der macht sich schließlich ausgesprochen lächerlich.

Auf den Vortrag von Ilse Lenz hat mich Georg Herpertz in einem Kommentar auf der man tau-Facebook-Seite aufmerksam gemacht. Vielen Dank dafür!

Der böse, fremde Sohn – Lynne Ramsays "We Need To Talk About Kevin"

„Mami war glücklich bevor der kleine Pinkel-Kevin dazukam, weißt du das? Jetzt wacht Mami jeden Morgen auf und wünscht sich, sie wäre in Frankreich.“ („Mummy was happy before widdle Kevin came along, you know that? Now Mummy wakes up every morning and wishes she was in France!”)
Der etwa zweijährige Kevin steht noch im Laufstall und hat gerade sein Essen an eine Wand geschmissen, als seine Mutter, die Reisejournalistin Eva Khatchadourian (Tilda Swinton), ihm eindringlich erklärt, dass er eine Belastung für sie sei und ihr Leben ohne ihn wesentlich glücklicher gewesen sei. Der Ehemann, Franklin (John C. Reilly), wird Zeuge der kurzen mütterlichen Rede, schüttelt den Kopf, sagt aber nichts.

Die Szene bündelt verschiedene Aspekte des am Ende des britisch-amerikanischen Films „We Need To Talk About Kevin“ der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay, der am Ende des vergangenen Jahres in die Kinos kam. Die Autorin des gleichnamigen, dem Film zu Grunde liegenden Romans beschreibt im Nachwort, dass das Buch am „Schnittpunkt privater und allgemeiner Angst“ („intersection of private und public angst“, S. 473 ) entstanden sei – ihrer eigenen Angst vor der Mutterschaft und dem damit verbundenen Verlust an Freiheit sowie der öffentlich diskutierten Angst vor „school shootings“, Schulmassakern.

 
 
Entsprechend besteht der Film eigentlich aus zwei Filmen – einem über Eva, der die Idee der Mutterschaft ein Greuel ist, die gleichwohl einen Jungen und ein Mädchen bekommt und deren Beziehung zum Sohn massiv belastet ist – und einen über diesen Sohn Kevin, der schon als Kleinkind ein geborener Terrorist zu sein scheint und der schließlich in einem Schul-Massaker mehrere Mitschüler sowie daheim seine Schwester und seinen Vater tötet. Beiden Filmen tut die Kombination miteinander nicht gut – gleichwohl ist „We Need to Talk About Kevin“ insgesamt ein wichtiges, aber auch sehr beunruhigendes Beispiel dafür, wie problematisch und verantwortungsfern Erwachsene männliche Kinder und Jugendliche vor dem Hintergrund gängiger Geschlechterklischees wahrnehmen.
 
Horror Mutterschaft Der Film erzählt die Geschichte nicht chronologisch, sondern wechselt beständig zwischen verschiedenen Zeitebenen, bleibt dabei aber – wie das zu Grunde liegende Buch – an die Perspektive Evas gebunden. In der Gegenwartsebene lebt sie allein in einem kleinen Haus, sie wird aus zunächst nicht nachvollziehbaren Gründen von Nachbarn massiv belästigt, die ihr eimerweise rote Farbe auf ihr Auto, ihr Haus und ihre Veranda schütten. Sie sucht sich eine Arbeit und ist unendlich erleichtert, als ihr eine Sekretärinnenstelle angeboten wird – kurz darauf wird sie von einer Frau auf der Straße zunächst freundlich mit dem Satz „Are you enjoying yourself?“ angesprochen und dann aus heiterem Himmel heftig geschlagen, ohne dass sie sich wehrt.

Unterbrochen wird diese Darstellung beständig durch Szenen aus anderen Zeiten – wie Eva sich selbst als schwangere Frau skeptisch anschaut, während ihr Mann Franklin freudig entspannt eine Wiege für das Kind baut; wie sie die Geburt als befremdliche, massiv schmerzhafte Erfahrung erlebt; wie ihr kleiner Sohn von Beginn an fremd zu sein scheint, wie sie vergeblich zu lächeln versucht, während das Kind in ihrem Arm schreit; wie der kleine Sohn Kevin regelrecht bösartig auftritt, wenn er seine Mutter bei deren Angeboten, mit ihm zu spielen, ins Leere laufen lässt; wie er noch sehr spät Windeln braucht und seine Mutter damit zu Verzweiflung treibt, dass er sie vollkotet und sie ihn säubern muss.

Bei einer dieser Gelegenheiten fragt sie ihn – in denselben Worten wie später die Frau auf der Straße – „Are you enjoying yourself?“, packt ihn, wirft ihn dabei heftig zu Boden und bricht ihm einen Arm. Christian Buß schreibt dazu im Spiegel:

„In jedem anderen Film wäre das als häusliche Gewalt inszeniert worden, hier aber wird die Verletzung des Jungen zu dessen Triumph. Still steckt er den Schmerz weg, während er genüsslich zur Mutter schaut, die an ihrer Schuld zu zerbrechen droht.“
In jedem anderem Zusammenhang wäre diese Interpretation eine Verharmlosung von Kindesmisshandlung, der Film aber stellt Zusammenhänge her, in denen die Mutter als Opfer eines dämonischen Kindes erscheint, gegen das sie keine Chance hat und das sie trotz aller Mühen kaum lieben kann. Was Kevin dann schließlich dazu bringt, viele Menschen zu ermorden, bleibt unklar, und nicht einmal er selbst weiß es: „I used to think I knew. Now I’m not so sure”, sagt er am Ende des Films, und als ihn seine Mutter vorher nach den Gründen seines Verhaltens fragt („But what’s the point?“), antwortet er nur: „There is no point. That’s the point.“
 
„Ein Film über ein Schul-Massaker, der den Täter ignoriert” (“A Movie About a School Shooting That Ignores the Shooter”) betitelt der Filmkritiker David Thomson seinen Text über den Film.  Tatsächlich ignoriert der Film über Schul-Morde nicht nur den Mörder, sondern auch die Schule, und die schulischen Opfer. Er bemüht sich kaum, Motive oder Gründe für das Verbrechen zu zeigen: Dass der Vater mit Kevin gewalthaltige Videospiele spielt, und dass er Kevin Pfeil und Bogen – die Tatwaffen – schenkt, spielt auf typische Erklärungsmuster an (Computerspiele und Verfügbarkeit von Waffen), zugleich werden sie aber nur wie nebenbei in den Film eingefügt. Über Kevin in der Schule erzählt der Film nichts.
„Ohne die Ursachen des jugendlichen Amoklaufs erklären zu wollen, formuliert er in seiner subjektiven Herangehensweise eindringlich das Entsetzen und die Fassungslosigkeit angesichts einer Gewalttat, die sich einem rationalen Zugriff zu verweigern scheint.“
So das Lexikon des Internationalen Films über „We Need To Talk About Kevin“. Auf diese Weise also lässt sich die demonstrative Weigerung des Films, Erklärungen für Kevins Gewalttaten zumindest versuchsweise zu entwickeln, als Signal verstehen, dass angesichts der Wucht der Gewalt die Auflösung der Taten in nachvollziehbare Ursache-Wirkung-Zusammenhänge ohnehin verfehlt sei.

 
Ein pervertierter Robin Hood Nun haben Filme, die sich zuvor mit Massenmoden an Schulen beschäftigt hatten, keineswegs auf eindeutige Erklärungen gesetzt. Der berühmteste von ihnen, Michael Moores Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“  (2002) über die Hintergründe des Schul-Massakers von Littleton im Jahr im Jahr 1999, versucht sich an Erklärungen, erhebt aber nicht den Anspruch, die Gewalt endgültig deuten zu können. Moore konzentriert sich auf die Atmosphäre an High Schools, aber besonders auf das Problem der Verfügbarkeit von Schusswaffen – und auf eine Atmosphäre der Angst, die medial regelrecht kreiert werde und die eine rationale Auseinandersetzung mit dem privaten Schusswaffenbesitz verhindere.

Gus Van Sants „Elephant“ aus dem Jahr 2003  präsentiert ein distanziert wirkendes Kaleidoskop von Schülerleben, zu dem auch die Geschichten der Attentäter Alex und Eric gehören, deutet Erklärungen für die Gewalt mit Hinweisen auf schulisches Mobbing gegen beide an, löst aber ebenfalls die Geschichte der Gewalt nicht auf und endet demonstrativ mitten in der Handlung, als einer der Attentäter während des Schulmassakers ein Pärchen entdeckt. Eindeutiger wird nur der estnische Film „Klass“  aus dem Jahr 2007, der ein Schulmassaker durch eine lange, eskalierende Geschichte schulischen Mobbings zu erklären versucht.

Im Vergleich dazu erweckt die Weigerung von Ramsays Film, zumindest versuchsweise Ansätze von Erklärungen zu präsentieren, keineswegs den Eindruck, dass er aus Respekt vor den Opfern die Unerklärlichkeit des Gewaltakts, den radikalen Bruch des zivilen Kontextes nicht in Rationalisierungen verpacken wolle. Die Weigerung, Kevins Taten in einem sozialen Kontext zu verstehen, bindet den Attentäter stattdessen ganz in die Mutter-Sohn-Beziehung ein, also in den einzigen stabilen Kontext, den der Film ihm zugesteht.

Einerseits ist Kevin Eva unendlich fremd – aber zugleich wirkt er ihr viel zu nah, fast identisch mit ihr. Beide sind wiederholt in ganz ähnlichen Einstellungen zu sehen; als sie sich gemeinsam Frühstück zubereiten, wirken sie wie synchron aufeinander eingestellte Roboter; Kevin äfft die Sprache seiner Mutter immer wieder nach („Nah nah nah nah“), ebenso äfft sie ihn nach; beide werden sich im Laufe des Films auch im Aussehen immer ähnlicher. Die symbiotische Hassliebe zwischen beiden lässt keinen Raum für einen Blick auf das weitere soziale Umfeld.

Dass Kevin seine Taten mit einem Bogen, nicht mit einer Handfeuerwaffe begeht, wirkt nicht nur befremdlich, wie ein pervertiertes Robin Hood-Motiv – es verhindert auch, dass der Film als Beitrag zur Diskussion über die Verfügbarkeit von Schusswaffen verstanden werden könnte.

 
Die nicht-lineare Erzählweise des Films schafft von Beginn an eine Atmosphäre der Ausweglosigkeit, weil ein furchtbarer Ausgang der Geschichte schnell deutlich ist – Kevins Entwicklung erscheint auch daher als vorherbestimmt, festgelegt, unabhängig von sozialen Einflüssen.
 
Das englische Filmplakat macht das umso deutlicher – es zeigt ein Baby im Mutterleib und isoliert Kevin auch so nicht nur von jedem sozialen Kontext, sondern bindet ihn auch ganz in der Beziehung zu seiner Mutter.

So liegt es am Ende sogar nahe, Kevins Verbrechen als Untat an Eva zu verstehen – er nimmt ihr alles, und er schafft eine Situation, in der ihr die gesamte Welt ähnlich feindlich gegenübersteht wie er selbst. Eben gerade diese radikale Fixierung auf die mütterliche Perspektive aber verengt den Film maßlos – Kevin erscheint schließlich nicht mehr als ein problematischer Junge, sondern als ein überlegener Dämon, vergleichbar der Figur des Damien aus den legendären „Omen“-Filmen.

 
 
Misandrie als Hintergrundrauschen Unterfüttert wird diese Dämonisierung des Sohnes durch Geschlechterklischees, die so selbstverständlich über den Film verteilt sind, als hätte Ramsey eine Klischeeliste zum Abhaken vorgelegen. Franklin, der Ehemann, spricht wohlwollend über den gemeinsamen Sohn und findet Evas offen geneigte Abneigung überdreht (er hält ihr zum Beispiel vor, sie würde es als „persönliche Vendetta“ empfinden, dass Kevin noch spät Windeln braucht) – trotz und gerade wegen der Vernünftigkeit seiner Einwände aber wirkt er ihren Problemen gegenüber verständnislos.
 
Zugleich lässt er sie eben oft allein – ohne dass der Film auch nur die Frage stellen würde, was er denn beruflich tut, und wie er mit seiner Arbeit das schlossähnliche Haus der Familie finanziert. Er drängt im Sinne des kleinen Kevin auf den Abschied von New York und ein Leben in der Kleinstadt, setzt sich dabei durch, obwohl Eva an New York hängt. Dass er mit den gemeinsamen Videospielen und dem Geschenk des Bogens Kevins Verbrechen erst ermöglicht, macht der Film beiläufig, aber eindrücklich deutlich.

Der Ehemann also ist verständnislos, abwesend, auf die Arbeit konzentriert, gleichwohl besserwisserisch – ein Arbeitskollege Evas hingegen wird zudringlich, sein anfänglich freundlich wirkendes Interesse entpuppt sich als rein sexuell begründet und kippt schnell in erhebliche Aggressionen um, als Eva sich distanziert verhält.

 
Gegenstück zu den durchgehend negativ konnotierten Männerfiguren ist die kleine Tochter Celia, die der Film als Haupt-Opfer Kevins aufbaut. Sie ist offen, freundlich, fröhlich, sie liebt ihren großen Bruder offensichtlich und lässt sich daher von ihm ausnutzen – er tötet aber (zumindest ist sich Eva dessen sicher) ihr geliebtes Meerschweinchen, zerstört ihr ohne Reue ein Auge, spielt mit ihre irritierende Spiele, in denen sie ein Entführungsopfer darstellt, und ermordet sie schließlich. Als Gegenstück zum dämonischen Kevin wirkt sie wie ein reiner, schließlich geopferter Engel.

So ist denn der Film eben nicht deswegen interessant, weil er in irgendeiner Weise Erklärungen für die massive Brutalität eines Schul-Massakers liefern würde – das kann er offenkundig nicht. Seine misandrischen Klischees stehen keineswegs im Mittelpunkt, sie erscheinen aber wie ein selbstverständliches Hintergrundrauschen der Geschichte. Interessant ist der Film daher, weil er deutlich macht, wie sich die zur Selbstverständlichkeit gewordene Misandrie, die zum vermeintlichen Alltagswissen verfestigte Klischeehaftigkeit der Männerfeindschaft auf die Wahrnehmung eines männlichen Kindes und Jugendlichen durch Erwachsene auswirkt.

Beunruhigend ist nicht die Figur des Kevin selbst, der tatsächlich wie ein Wiedergänger Damiens erscheint. Beunruhigend ist der erwachsene Blick auf ihn: die Wahrnehmung seiner Person als radikal asoziales Wesen, die vollständige Verweigerung von Empathie, die als unerklärlich verkaufte Fremdheit. Immerhin hatte dieser Blick auf einen Jungen großen Erfolg – der Roman wurde millionenfach verkauft, der Film mehrfach mit Preisen geehrt. Ästhetisch ist der Film sehr differenziert und wirkungsvoll – die schauspielerische Leistung Swintons ist beeindruckend, die verschiedenen Zeitebenen sind kunstvoll und vielfältig aufeinander bezogen. Umso augenfälliger ist die Simplizität seiner Geschlechterdarstellungen.

 
Eva scheint am Ende als ein weiteres Opfer Kevins, wenn sie trotz ihres – durch leitmotivisch im Film platzierte Reiseplakate symbolisierten – Fernwehs in der ungeliebten Kleinstadt wohnen bleibt und nicht fortzieht, ihren Sohn regelmäßig im Gefängnis besucht. An keiner Stelle wird nach dem Zusammenhang zwischen der Über-Identifikation zwischen Sohn und Mutter und ihrer radikalen Fremdheit gefragt, obwohl dieser Zusammenhang doch eigentlich naheliegend ist – schließlich kann Eva ihren Sohn nur als Teil von sich selbst, nicht als eigenständiges soziales Wesen wahrnehmen, mit dem sie in Kontakt treten könnte. Stattdessen erscheint Eva als eine Frau, die mit großer Stärke ein Schicksal auf sich nimmt, das ihr von unerklärlichen Kräften und von ihrem bösen Sohn auferlegt wurde.

Der Film endet mit einem Besuch der Mutter im Gefängnis, zwei Jahre nach den Morden. Kevin hat Verletzungen im Gesicht, vor allem aber wirkt er zum ersten Mal unsicher, regelrecht gebrochen, desorientiert, ängstlich. Es ist eben diese Situation, in der Eva zum ersten Mal im Film ihren Sohn innig umarmen kann.

Deserteure an der Wickelfront

Das Kind war ein Wunschkind, für beide Eltern, doch noch vor der Geburt zog der Vater sich zurück, trennte sich, kappte den Kontakt, und über Jahre hinweg schickte er seinem Kind – das nun allein bei der Mutter lebte – nicht einmal mehr eine Geburtstagskarte. Die Mutter wollte das nicht akzeptieren, fand den Umgang mit dem Vater im Sinne des Kindes wichtig, wandte sich an das Jugendamt, schließlich an ein Familiengericht und erhielt jeweils dieselbe Antwort: Wenn der Vater nicht kooperieren wolle, dann könne man nichts tun.

Ein Vater, der nach einer Scheidung den Kontakt mit den Kindern – um die er sich vorher gern gekümmert hatte – radikal abbrach; ein anderer, der sich nach der Scheidung nur selten und unverlässlich bei seinen Kindern meldete – und jeweils dieselbe Antwort von Ämtern an die Mütter, die um Hilfe baten: Sie könnten froh sein, andere Väter benähmen sich noch schlimmer.

Das sind einige Beispiele (noch mehr wären möglich), die ich selbst aus dem Bekannten- und Freundeskreis kenne – persönliche Eindrücke also, bei denen ich keinen Anspruch darauf erheben kann, dass sie repräsentativ sind. Gleichwohl gibt es eben viele dieser Geschichten, und dass viele Menschen von ganz ähnlichen Situationen berichten können, ist wohl eine der wichtigsten Grundlagen dafür, dass Väter in Deutschland gesetzlich noch immer erheblich benachteiligt sind.

Denn leicht lässt sich das Engagement für die Gleichberechtigung von Vätern und Müttern vor diesem Hintergrund diskreditieren: Männer würden einerseits auf das Recht pochen, sich von ihren Kindern nach Lust und Laune zu distanzieren – aber dann andererseits, wenn sie die Lust aufs Vatersein entdeckten, unbedingt das gleiche Recht auf Kindessorge haben wollen wie die Frau.

 
Warum dieser Vorwurf nicht nur naheliegend, sondern auch falsch ist, lässt sich unter anderem an einer Schrift zeigen, die vom Familienministerium finanziert und versandt, aber vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter erstellt wird. 

Wie abwesende Väter zur Vielfalt des Kinderlebens beitragen Wäre die Abwesenheit von Vätern in irgendeiner Weise ein ernsthaftes Problem für den Verband und für das Ministerium, dann würde die Schrift „alleinerziehend. Tipps und Informationen“ (20. Auflage von 2012) sicherlich auch einige Tipps zur Einbindung sorgeunwilliger Väter bereit halten. Doch außer ein paar abstrakt bleibenden Worten dazu, dass das Kind „ein eigenständiges Recht auf Umgang mit beiden Eltern“ habe (S. 36), beschäftigt sich der über 200 Seiten starke Ratgeber nicht weiter mit diesem Problem.

Stattdessen macht er klar:

„Die gemeinsame Sorge stellt hohe Anforderungen an die Eltern. Wenn Streitigkeiten auch durch eine Beratung oder Mediation nicht beigelegt werden können, ist die gemeinsame Sorge keine geeignete Sorgeform. Die Alleinsorge ist in diesen Fällen oft die bessere Alternative.“ (33)
Die Alleinsorge der Mutter, selbstverständlich.

Eingehend beschäftigt sich der Ratgeber auch mit Situationen, in denen der Vater nicht nur kein Sorgerecht, sondern auch gar keinen Umgang mit den Kindern haben sollte. Das betrifft etwa Situationen, in denen Kinder den Umgang mit „dem anderen Elternteil“ (also im überwiegenden Großteil der Fälle: dem Vater) verweigere – und den „betreuenden Elternteilen“ (also in aller Regel: der Mutter) oft unterstellt würde, das Kind in dieser Hinsicht zu beeinflussen.

„Dieser Vorwurf wird häufig mit dem Begriff ‚parental alienation syndrome‘ kurz ‚PAS‘ verbunden, was übersetzt soviel wie ‚elterliches Entfremdungssyndrom‘ bedeutet. (…) Neuere wissenschaftliche Untersuchungen kommen jedoch weiterhin zu der Einschätzung, dass das Phänomen ‚PAS‘ keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage hat.“ (38)
Immerhin: Zwei Jahre zuvor, in der 19. Auflage von 2010, formulierten VAMV und Familienministerium das noch viel knackiger:
„Diese Argumentation entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage und wird rein strategisch eingesetzt.“ (S. 36)
Gleichwohl vertreibt das Familienministerium hier opportune Fehlinformationen. Ohne wissenschaftliche Grundlage ist „PAS“ ganz offenkundig nicht, umstritten ist allerdings, ob sich eine Einordnung als „Syndrom“ etablieren lässt.  Dass aber alleinsorgende Eltern die radikale Abhängigkeitsposition, die Kinder in der sogenannten „Alleinerziehung“ haben, zu Lasten der Beziehung des Kindes zum anderen Elternteil einsetzen können – das wird kaum noch grundlegend bezweifelt (außer vom VAMV, der dies aus strategischen Gründen tut).

Anstatt aber deutlich zu machen, dass ein solches Verhalten nicht nur zu Lasten des „anderen Elternteils“, sondern vor allem zu Lasten des Kindes wirkt, empfiehlt die Schrift Frauen, die mit dem Vorwurf entfremdenden Verhaltens konfrontiert sind, lediglich dringend den sofortigen Gang zum Anwalt. Familienministerium und Verband stellen damit Müttern gegenüber klar, dass eine Beeinflussung des Kindes gegen das andere Elternteil bedenkenlos sei und das eigentliche Problem lediglich im Vorwurf der Entfremdung bestehe.

„Eher wird ein Schwarzer Präsident der USA, als dass ein Mann deutscher Familienminister wird“, stellte vor kurzem ein Bekannter fest, und die vom Familienministerium finanzierte und vertriebene VAMV-Schrift sieht entsprechend aus. Kein Wort zur Einbindung der Väter, entschlossene Ermutigungen zu ihrer Ausgrenzung, und mehr als etwa die Hälfte der Seiten sind gefüllt mit Tipps dazu, wie „alleinerziehende“ Mütter an Geld und Kinderbetreuung gelangen können.

Dass Väter sich ihrer Verantwortung entziehen, ist für die Verantwortlichen nur eben gerade dann wichtig, wenn es sich als Argument gegen die Sorgerechte von Vätern generell verwenden lässt. Ansonsten ist für Edith Schwab, die Verbandsvorsitzende, die „Alleinerziehung“ schlicht ein Beitrag zur „Vielfalt der gelebten Familienformen in unserer Gesellschaft“ (8; im Unterschied wohl zu „ungelebten Familienformen“, auch wenn ich nicht so recht weiß, was das sein soll). Die Vaterabwesenheit als Beitrag zur Vielfalt des Aufwachsens von Kindern, als ein durchaus wünschenswerter Zustand.

 
 
Moralisieren und kassieren Wesentlich ernsthafter hat sich schon fast 15 Jahre zuvor Matthias Mattussek in seiner Schrift „Die väterlose Gesellschaft“ mit den Problemen auseinandergesetzt, die durch abwesende Väter entstehen. Das ist, nebenbei bemerkt, durchaus typisch – Väter und Väteraktivisten nehmen dieses Problem allgemein wesentlich ernsthafter wahr als Vertreterinnen der „Alleinerziehung“, für die väterliche Verantwortungsferne eben nur dann ärgerlich wird, wenn Väter nicht zahlen. Matussek verweist auf die USA, in deren Politik ein wesentlich größeres Interesse am Beitrag der Väter deutlich werde als in der deutschen.
„Selbst um die Väter, die sich vor ihrer Verantwortung drücken und freiwillig aus dem Leben von Frau und Kind verschwinden, kümmert man sich anders. Das ‚Institut für verantwortliche Vaterschaft und Familie in Cleveland bemüht sich seit fast zwei Jahrzehnten um pflichtvergessene Väter. Bei uns beschränkt man sich jedoch darauf, säumige Zahlväter mit Detektiven und Polizeibeamten zu jagen – dort gibt es therapeutische Interventionen, die die Dramen von Vätern, die sich absetzten, ernst nehmen. Mit Erfolg: Rund 2000 von ihnen wurden wieder mit den Kindern zusammengebracht.“ (S. 122)
Der Einwand liegt nahe: Es könne doch nicht funktionieren, Väter in Beratungsangebote zu führen, wenn sie an einem Zusammensein mit ihren Kindern ohnehin kein Interesse hätten – denn dann hätten sie doch auch kein Interesse an einer Beratung. Oder solle hier etwa einer Zwangsberatung widerwilliger Väter das Wort geredet werden?

Das wäre offenkundig sinnlos, sogar zynisch: einerseits darauf zu bestehen, dass Vätern gleichsam nach Belieben die Möglichkeit zur Sorge für ihre Kinder genommen werden kann – und andererseits darauf, dass sie aber zugleich die Bereitschaft zu dieser Sorge unter Beweis zu stellen hätten. Wer über die Einbindung von Vätern redet, muss also auch über gleiche Rechte reden (weshalb die Einbindung von Vätern in der einschlägigen Publikation von VAMV und BMFSFJ dann eben auch keine Rolle spielt).

Denn schließlich wäre ein Angebot zur Beratung, wie Matussek es vorstellt, sehr wichtig. Sicherlich–  es gibt Väter, die schlicht aus Egoismus oder Bequemlichkeit Distanz zu ihren Kindern suchen. Es ist aber immerhin möglich, dass ein Vater sich auch aus Angst oder dem Gefühl der Überforderung aus seiner Verantwortung zurückzieht. Das ist keine Entschuldigung – im Interesse des Kindes wäre es gleichwohl besser, mit solchen Vätern zu sprechen, anstatt sie lediglich moralisch zu verurteilen.

 
Es ist zudem sehr wohl möglich, dass in vielen Fällen der Rückzug der Väter eher ein Aspekt der Interaktion von Vätern und Müttern ist, als dass die Väter sich ganz aus eigenem Antrieb zurückgezogen hätten. Ich habe selbst beispielsweise einmal eine Situation kennen gelernt, in der eine Mutter dem Vater – der sehr um den regelmäßigen Umgang besorgt war – jahrelang das Leben so schwer wie möglich machte, bis er sich schließlich zermürbt zurückzog. Im selben Moment fing sie dann an, über seine Verantwortungsvergessenheit zu klagen.
 
Sicherlich, auch dieser Hinweis ist anekdotisch – er belegt aber immerhin, dass es in manchen Fällen sinnvoll sein kann, den Rückzug von Vätern als Teil der Interaktion beider Eltern zu verstehen. Nur muss man dazu eben auch mit beiden Eltern sprechen.

Insgesamt zeigt sich im Umgang mit verantwortungsverweigernden Vätern also eine Logik, unter der das gesamte Kindschaftsrecht leidet: Anstatt  das Recht so zu gestalten, dass jeweils kindeswohldienliches Verhalten gefördert und kindesschädliches Verhalten erschwert wird, teilt der deutsche Gesetzgeber weiterhin blind-sexistisch Menschen entlang der Geschlechtergrenze unterschiedliche Rechte zu: Nicht die Kindeswohldienlichkeit, sondern die Geschlechtzugehörigkeit steht im deutschen Recht weiterhin im Vordergrund, als seien Väter und Mütter jeweils Repräsentanten einander verfeindeter Lager.

 
 
Show-Wickler und Sesselwärmer Diese Frontstellung wird massenmedial nicht nur begleitet, sondern zelebriert. Ein Beispiel dafür ist der „Spiegel“, der 2011 in einer kleinen Serie die Vorstellung der „neuen Väter“ (was bedeuten sollte: der Väter, die sich um ihre Kinder kümmern wollen) als Mythos zu entlarven versuchte. Anna Reimann beispielsweise machte dort deutlich, dass viele Väter nur kurz Elternzeit nähmen und danach sofort zurück in den Beruf gingen – „durchschnittlich verbringen sie dann sogar mehr Zeit im Büro als vor der Geburt, sagen Studien.“

Welche Studien das denn nun eigentlich sind, interessiert natürlich weder Reimann noch ihre Leser – ebenso wenig wie die Überlegung, dass Väter ja möglicherweise nicht etwa deswegen mehr arbeiten, weil sie vor dem Windelwickeln fliehen, sondern deswegen, weil die größer gewordene Familie mehr Geld braucht und der Mann mit der Aufgabe der Finanzierung oft recht allein steht. Gerade einmal 23 Prozent tragen Frauen im Schnitt zum Familieneinkommen bei – aber wenn ein Vater nach der Geburt eines Kindes mehr arbeitet als vorher, dann gibt es für Reimann partout nur eine Erklärung: Er habe „erkannt, wie anstrengend Familienmanagement sein kann“.

 Zwei Jahre später wiederholt Amelie Fried im Cicero-Magazin  genau dieselben Argumente. Väter seien „Show-Wickler – super engagiert umsorgen sie ihr Kind, solange Publikum zugegen ist“. Aber tatsächlich sein die Situation ganz anders: „Jüngere Väter arbeiten zwei, ältere sogar bis zu fünf Stunden mehr in der Woche als kinderlose Männer“. Auch Fried findet nur eine einzige mögliche Erklärung: Viele Väter

„sonnen sich im tollen Neue-Väter-Image und flüchten dann so schnell wie möglich zurück ins Büro. Seien wir ehrlich: Dort ist es ja auch weniger anstrengend als zu Hause.“
Und als ob Fried an einem Wettbewerb teilgenommen hätte, in dem es darum ging, möglichst viele haltlose Geschlechterklischees in möglichst wenigen Zeilen unterzubringen, findet sie sogar noch eine Chance, den „Gender Pay Gap“ beizusteuern:
„Solange Männer 20 Prozent mehr verdienen als Frauen, ist klar, wer nach der Geburt zu Hause bleibt. Und solange viele Gehälter fürs Wärmen des Bürostuhls bezahlt werden, ist klar, wer spät nach Hause kommt.“
Da haben wir’s: Während die Frauen an der „Wickelfront“ (O-Ton Fried, tatsächlich) kämpfen, machen es sich Männer auf Bürostühlen bequem und nennen das Arbeit. Natürlich bekümmern sich Fried und Reimann nicht weiter darum, dass sie sich in den meisten Arbeitsfeldern offenkundig nicht  auskennen – keine Ahnung von etwas zu haben, erleichtert das Urteil darüber schließlich oft ungemein.

Ihre Darstellungen leben eben davon, dass sie das Verhalten von Vätern prinzipiell nicht im Sinne von Kooperationsnotwendigkeiten, sondern lediglich als Ausweis von Egoismen deuten. Was der Vater tut, tut er für sich, nicht für seine Familie – was die Mutter tut, tut sie für die Familie, nicht für sich. Die Texte Frieds und Reimanns sind damit Beispiele für eine Logik, die Männer und Frauen als gegnerische Parteien gegenüberstellen, anstatt sich auf Möglichkeiten zu konzentrieren, die Kooperation von beiden möglichst im Interesse der Kinder und möglichst fair zu organisieren. Das Gerede von der Wickelfront ist kein Lapsus – was Reimann und Fried liefern, ist eine heiter formulierte Kriegslogik.

 
 
Literatur, soweit nicht verlinkt:
Matthias Matussek: Die vaterlose Gesellschaft. Eine Polemik gegen die Abschaffung der Familie, Frankfurt am Main 2006
 
Dieser Beitrag ist zugleich der vierte Teil der Reihe Prima Gründe, Väter loszuwerden. No. 4: Väterliches Desinteresse.
 
Die anderen Teile:

Wie Alice Schwarzer einmal eine Alien-Invasion bekämpfte

„Ich brauche den Feminismus, damit jemand meine Stimme zum Verstummen bringt.“ Diesen Satz, eine Übersetzung der Reaktion eines amerikanischen Mannes auf die dortige „whoneedsfeminism“-Kampagne, habe ich vor wenigen Tagen auf der Facebook-Seite des deutschen Pendants „Wer braucht Feminismus?“ veröffentlicht. Er wurde sofort gelöscht.

Anlass für mich waren Berichte von Lesern, die aus kritischer männlicher Perspektive etwas zu der „Wer braucht Feminismus“-Kampagne beisteuern wollten und die berichteten, dass dieser Versuch zumindest bei Facebook und der Webseite der Kampagne hoffnungslos sei.

 
Nun kann man sicherlich den Betreibern privater Webseiten oder Facebook-Seiten das Recht zugestehen, nach eigenem Ermessen und beliebig Kommentare und Nachrichten zu löschen. Bei politischen Seiten ist eine solche Praxis mit Erwartungen an eine demokratische Diskussion allerdings schwer vereinbar, solange die Kommentare in einem zivilen und rechtsstaatlichen Rahmen bleiben. Wenn zudem eine Kampagne von einem „Jeder kann mitmachen“-Flair lebt und den Eindruck zu erwecken versucht, sie würde einen breiten Konsens ganz unterschiedlicher Menschen präsentieren, dann ist es offenkundig widersprüchlich, dass sie sich zugleich nur durch eine massive Abschottung von jeder kritischen Stimme konstituieren kann.

Vermutlich aber löschen die Betreiberinnen der Kampagne so routiniert, dass ihnen die Ironie der Löschung eines Satzes, der auf das Verstummen der Männer hinweist, gar nicht aufgefallen ist. Ein Kommentator zu dem Artikel „Wer braucht Feminismus? Na, wir!“ bringt die Widersprüchlichkeit der Kampagne auf den Punkt:

„Es ist quasi selbsterklärend, wenn ‚Wer braucht Feminismus?‘ ein Image-Problem des Feminismus konstatiert, welches sich jedoch so gar nicht in den Statements der Facebook-Kampagnenseite wieder findet.“
Dass der Feminismus also ein Image-Problem hat, ist wesentlicher Grund für die Kampagne – in deren Rahmen zugleich auf keinen Fall thematisiert werden darf, dass der Feminismus ein Image-Problem hat.   Solche widersprüchlichen, selbstbezüglichen Strukturen finden sich schon in den Anfängen der „zweiten Welle“ in der deutschen Frauenbewegung – sie haben sich über die Jahrzehnte und über die verschiedenen „Wellen“ hinweg bewahrt. Es lohnt sich, einen kurzen vergleichenden Blick zurück auf den grundlegenden Text der neueren deutschen Frauenbewegung zu werfen, der hier schon einmal Thema war.
 
 
Sex mit Wracks
„Zum Beispiel, dass der heterosexuelle Geschlechtsverkehr kaum möglich sei ohne die Unterwerfung der Frau. Da kann ich nur sagen: Sorry, das ist falsch.“ 
Dass die Ministerin Kristina Schröder sich in einem Spiegel-Interview des Jahres 2010 in dieser Form über einige ihrer grundlegenden Thesen äußerte, nahm Alice Schwarzer ausgesprochen persönlich: Sie warf Schröder „Stammtischparolen aus den 1970er Jahren“ und „billige Klischees“ vor und verbat sich solcherlei kritischen Töne über „die folgenreichste soziale Bewegung des 20. Jahrhunderts“ (mit schönen Grüßen, zum Beispiel, an die Arbeiterbewegung, die schwarze Bürgerrechtsbewegung der USA oder Südafrikas oder weltweite Unabhängigkeitsbewegungen, um über solche Petitessen wie den Kampf gegen den europäischen Faschismus gar nicht zu reden – wichtiger als der Feminismus war gar nix, und da Alice Schwarzer, deren Bedeutung damit ja per definitionem geklärt ist, das sagt, kann das nur richtig sein).
 
Sie stellte zudem fest, dass Schröder Unsinn erzähle und sowieso unmoralisch sei (weil sie nämlich die schulischen Nachteile von Jungen thematisiere) und kam, wer hätte das gedacht, zu einem demonstrativ vernichtenden Schluss: „Ich halte Sie für einen hoffnungslosen Fall. Schlicht ungeeignet.“ 

Offenkundig spekulierte Schwarzer darauf, dass ohnehin niemand in ihrem berühmten Buch „Der kleine Unterschied und seine großen Folgen“ aus dem Jahre 1975 nachschauen würde, um zu überprüfen, ob Schröder nicht vielleicht Recht haben könnte. 

„Der die Frau zur Passivität verdammende Koitus ist für Männer die unkomplizierteste und bequemste Sexualpraktik. (…) Auch ist die psychologische Bedeutung dieses in sich gewaltsamen Aktes des Eindringens für Männer sicherlich nicht zu unterschätzen. (…) Außerdem wird für viele Männer Gewalt gleich Lust sein und darum die Penetration vielleicht heute auch das lustvollste.“ (Alice Schwarzer, Der kleine Unterschied, S. 203f.)
Wenn Frauen darauf mit „Frigidität“ reagieren, erscheint das Schwarzer in ihrem Buch als „ein Zeichen ihrer psychischen Intaktheit“ (204). Sie schreibt von „unserer täglichen Vergewaltigung auf allen Ebenen und in den unterschiedlichsten Formen“ (194) und kommt zu dem Fazit, dass die sexuelle Unterdrückung der Frau durch den Mann Kern all ihrer Unterdrückung sei:
„Darum kann nur die Erschütterung des männlichen Sexmonopols von Grund auf die Geschlechterrollen ins Wanken bringen.“ (205)
Schröders Kritik an Schwarzer ist also allenfalls vorzuwerfen, dass sie viel zu zahm war.  Erzählungen der Interviewpartnerinnen und Kommentare von Schwarzer selbst stellen in dem Buch Sex mit Männern als „Terror“ (57) dar, er wird nicht mit Lust, sondern mit „Hausarbeit“ assoziiert (136), eine interviewte Frau hat Phantasien davon, wie ihre Vagina zerschnitten werde (158), eine andere erlebt die Ehe als „Hölle“ und ist von der ehelichen Sexualität traumatisiert (151), eine Gruppe von Frauen muss lange an sich arbeiten, bevor sie in der Lage ist, das „Schwanzficken“ in Frage zu stellen (167).
 
Wenn bei Schwarzer Sex mit einem Mann doch einmal, und ausnahmsweise, als lustvoll erscheint, dann wird der Mann demonstrativ als unmännlich präsentiert – als „ganz lieber, kleiner, sanfter Junge“ (55) erscheint einer Interviewpartnerin ein Mann, mit dem sie ihren ersten Orgasmus erlebte (man stelle sich, nebenbei bemerkt, einmal Schwarzers Reaktion vor, wenn ein Mann ihr erzählte, er könne lustvoll nur mit einer Frau schlafen, die er als ganz liebes, kleines, sanftes Mädchen“ wahrnimmt).

Sexualität mit Männern vergleicht die wackere Kämpferin für Frauenrechte rundweg mit Prostitution (93):

„Männer sind so pervertiert, daß ihnen der Gedanke, sich das Recht auf einen menschlichen Körper kaufen zu können, noch nicht einmal obszön zu sein scheint, sondern selbstverständlich. Die Ärmsten sind so kaputt, daß sie diese fünf Minuten mechanischer Reibung für Sexualität halten….Wenn nicht selbst für diese Wracks wieder einmal Frauen herhalten müßten, könnten sie uns leid tun.“ (94)
Eine gleichberechtigte Beziehung erscheint mit einem Mann unmöglich (157) – als Ausweg erscheint in diesem Text immer wieder und leitmotivisch die sexuelle Beziehung zu einer anderen Frau (66, 120, 160, 172, 181). Keineswegs allerdings geht es dabei schlicht um die Forderung gleicher Rechte für lesbische Frauen, schon gar nicht um die für schwule Männer.
„Weibliche Homosexualität ist in einem viel stärkerem Ausmaß tabuisiert als männliche. Sie existiert einfach nicht: der Gesetzgeber hielt sie früher noch nicht einmal für würdig, bestraft zu werden.“ (70)
Dass der §175 Homosexualität von Männern, nicht aber von Frauen unter Strafe stellte und dass die Nazis auf dieser Grundlage viele Tausende von schwulen Männern in Konzentrationslager deportierten, quälten und ermordeten – das erscheint bei Schwarzer also in einer absurden Opferkonkurrenz als ein Zeichen des Diskriminierung von Frauen, die schlicht und wie üblich nicht wahrgenommen worden seien.
 
 
Alice kämpft gegen Aliens Schwarzers Formulierung ist keinesfalls ein Lapsus, sondern kennzeichnend für die Tendenz ihrer gesamten Schrift. Das Kernthema, um das er kreist, ist die Behauptung einer Versklavung der Frau durch den Mann – die sexuelle Revolution habe „aus Sklavinnen freie Sklavinnen gemacht“ (wortgleich 179, 222), psychiatrische Anstalten seien „die letzten und infernalsten Stationen zur Versklavung ausbrechender oder gebrochener Frauen“ (114):
„Im Zuge der Demokratisierung des männlichen Besitzes an der Frau steht heute jedem Mann eine Hure, Mutter, Gefährtin und Dienstmagd in Personalunion zu“ (188) oder, fast wortgleich, „…eine Ehefrau als Dienerin zur Verfügung“ (214).
Die Grundlage für diese Imagination einer umfassenden Unterdrückung, ja Versklavung der Frau durch den Mann ist die völlige Ignoranz gegenüber einer männlichen Perspektive. Kaum einmal bleibt Raum für die Erwägung, dass auch Männer mit geschlechtsspezifischen Nachteilen und Einschränkungen konfrontiert sein könnten – und selbst wenn Männer einmal als „Opfer“ erscheinen, besteht Schwarzer umgehend darauf, dass doch die Frauen die „Opfer der Opfer“ (178) seien.
 
So entwirft sie in ihrer Schrift eine selbstbezügliche Struktur, die Frauenpolitik in Deutschland über Jahrzehnte hinweg getragen hat: die Perspektive von Männern systematisch auszublenden und auf dieser Grundlage die Vorstellung einer umfassenden Unterdrückung der Frau zu entwerfen – und sodann mit der Vorstellung einer umfassenden Unterdrückung der Frau die Ausblendung einer männlichen Perspektive zu legitimieren.

„Beide leben auf verschiedenen Sternen“, schreibt Schwarzer über die „Kluft zwischen Frauen und Männern“ (60). Das ist nur scheinbar aus einer neutralen Perspektive formuliert – tatsächlich bewegt sich die Autorin ganz auf dem Stern bzw., genauer, dem Planeten der Frauen und präsentiert die Männer gleichsam als Aliens, die diesen friedlichen Frauenplaneten besetzen, die Bewohnerinnen versklaven, ausbeuten und über Jahrtauende hinweg einer „Gehirnwäsche“ unterziehen (106), damit diese ihre  Zwangs-Prostituierung und Vergewaltigung für normal halten.

Daher hat dann auch die durchweg positive Darstellung der lesbischen Liebe als Ausweg aus der Versklavung wenig mit einem Einsatz für Lesben- und Schwulenrechte zu tun, sondern ist Ausdruck einer tiefen Feindseligkeit gegenüber dem, was als „Fremdes“ und „Anderes“ erlebt wird: „Liebe ist eben nur unter Gleichen möglich, nicht unter Ungleichen.“ (151)

Ganz ohne Scheu knüpft Schwarzer in ihrer Schrift damit an die etablierten Topoi einer Rhetorik des Fremdenhasses an: Sie trennt säuberlich das „Eigene“ und das „Andere“, imaginiert das „Eigene“ als rein, friedlich und gesund, das „Andere“ als gewalttätig, pervertiert und krank und erregt sich an der Vorstellung, dass dieses „Andere“ in das „Eigene“ eindringt, es schändet und beschmutzt. Schwarzers Aggression gegen die Sexualität von Mann und Frau und ihre Fixierung darauf greifen ebenfalls auf die Traditionen des Fremdenhasses (genauer: des Hasses auf die als „fremd“ Imaginierten)  zurück, die ihren Höhepunkt wenige Jahrzehnte zuvor in den Stürmer-Darstellungen von jüdischen Männern gefunden hatten, die dort als Schänder und Versklaver der als rein imaginierten arischen Frauen diffamiert wurden.

 
 
Unschuld für alle (naja: fast alle…) Dass Schwarzer so ungerührt an diese Traditionen anknüpfen konnte, hat seinen Grund wohl auch darin, dass ihre Schrift sich zugleich unschwer in deutsche Selbstentschuldungs-Rhetoriken einpassen ließ. Sie imaginierte darin immerhin eine besetzte Welt, die jedoch in ihrem Kern rein und unschuldig geblieben sei und deren Reinheit auch wieder offenbar werden könne, wenn die Besatzer erst einmal abgeschüttelt seien. Wenn Margarethe Mitscherlich zehn Jahre später in ihrem Buch „Die friedfertige Frau“ wieder und wieder die Phantasie einer Unschuld der deutschen Frauen an den nationalsozialistischen Verbrechen formulierte, dann griff sie damit also auch auf Schwarzers Ansatz zurück und explizierte ihn.

So hatte die Imagination einer weiblichen Unschuld im Rahmen einer deutschen Entschuldungsrhetorik durchaus für Frauen wie für Männer Vorteile. Nicht nur erschienen Frauen als unschuldig, auch Männer konnten an ihrer Unschuld teilhaben, wenn sie ihre traditionelle Rolle als Beschützer der Frauen wahrnahmen. In dieser Perspektive hat der bundesrepublikanische Feminismus also möglicherweise eine ähnliche Funktion erfüllt wie der („verordnete“) Antifaschismus der DDR – nämlich den eigenen Anhängern die Illusion zu schaffen, sie seien gleichsam naturwüchsig unschuldig an den deutschen Verbrechen.

Natürlich folgt es lediglich einer Interpretationshypothese, feministische Positionen auf einen Beitrag zu einer deutschen Selbstentschuldungs-Rhetorik abzuklopfen, aber diese Hypothese ist durchaus erklärungsmächtig. Mit ihr lässt sich zum Beispiel erläutern, warum sich in Deutschland (und übrigens auch in Österreich) eine ganz besonders verhärtete Version des Feminismus etablierte, die mit besonders starren Freund-Feind-Schemata hantiert, Idealisierungen von Frauen – vor allem von Müttern – trotz aller offenkundigen Unvereinbarkeit mit der feministischen Rede von einer Gleichberechtigung der Geschlechter verbissen verteidigt und liberaleren, zivileren feministischen Positionen (für die beispielsweise in Frankreich prominent Elisabeth Badinter steht) niemals Raum zur Entfaltung gab.

Es lässt sich aber auch erklären, warum Schwarzer heute so aus der Zeit gefallen scheint. Für Menschen, die Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurden, hat die Idee einer eigenen Teilhabe an der deutschen Schuld aus guten Gründen keine Plausibilität mehr – und Schwarzers verbissene Reinheitsrhetorik, die eben immer auch eine Rhetorik der Schuldverdrängung war und ist, erfüllt aus dieser Perspektive keine erkennbare Funktion. Vor diesem Hintergrund ist es durchaus stimmig, dass die feministische Übermutter in dem Gefühl, ihre Position verteidigen zu müssen, ausgerechnet bei der Verleihung des Ludwig-Börne-Preises 2008 die Situation von Frauen mit der von Juden verglich und bei eben dieser Gelegenheit mit dem „Wellness-Feminismus“ einer jüngeren Generation abrechnete (dazu damals auch Genderama).
 

Was für heutige Feministinnen trotz allem aber sehr wohl brauchbar geblieben ist, ist die selbstbezügliche Struktur von Schwarzers Feminismus – über die Ausblendung einer männlichen Perspektive die Vorstellung einer weiblichen Unterdrückung zu entwerfen und mit dieser Vorstellung dann wiederum die Ausblendung der männlichen Perspektive zu legitimieren. Daher also dürfen Männer bei der „Wer braucht Feminimus?“- oder der „Aufschrei“-Kampagne jeweils nur mit linientreuen Äußerungen teilnehmen, und daher stoßen eigenständige Statements von Männern auf eine regelrecht potenzierte Abwehr: Noch nicht einmal die Tatsache, dass Männer (und auch Frauen mit abweichenden Meinungen) den Mund zu halten haben, darf thematisiert werden, um die graswurzelhaft-offene Je-ka-mi-Selbstpräsentation der Kampagnen nicht zu gefährden.

Abweichende Äußerungen erscheinen als Trollerei, als Shitstorm, als Derailing – und so hat sich dann eben auch die problematischste Struktur von Schwarzers Denken ungetrübt erhalten, nämlich die Phantasie eines reinen „Eigenen“, das durch das Eindringen eines böswilligen „Anderen“ gefährdet ist.

 
Erhalten also blieb die tief verwurzelte Aggression gegen das, was als „Fremdes“ wahrgenommen wird.
 
 
 
Literatur, soweit nicht verlinkt:
Alice Schwarzer: Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen. Frauen über sich – Beginn einer Befreiung, Frankfurt am Main 1975