Film

Der böse, fremde Sohn – Lynne Ramsays „We Need To Talk About Kevin“

Bild zeigt Schrift des Films "We Need To Talk About Kevin".
geschrieben von: Lucas Schoppe
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„Mami war glücklich bevor der kleine Pinkel-Kevin dazukam, weißt du das? Jetzt wacht Mami jeden Morgen auf und wünscht sich, sie wäre in Frankreich.“ („Mummy was happy before widdle Kevin came along, you know that? Now Mummy wakes up every morning and wishes she was in France!”)

Der etwa zweijährige Kevin steht noch im Laufstall und hat gerade sein Essen an eine Wand geschmissen, als seine Mutter, die Reisejournalistin Eva Khatchadourian (Tilda Swinton), ihm eindringlich erklärt, dass er eine Belastung für sie sei und ihr Leben ohne ihn wesentlich glücklicher gewesen sei. Der Ehemann, Franklin (John C. Reilly), wird Zeuge der kurzen mütterlichen Rede, schüttelt den Kopf, sagt aber nichts.

Die Szene bündelt verschiedene Aspekte des am Ende des britisch-amerikanischen Films „We Need To Talk About Kevin“ der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay, der am Ende des vergangenen Jahres in die Kinos kam. Die Autorin des gleichnamigen, dem Film zu Grunde liegenden Romans beschreibt im Nachwort, dass das Buch am „Schnittpunkt privater und allgemeiner Angst“ („intersection of private und public angst“, S. 473 ) entstanden sei – ihrer eigenen Angst vor der Mutterschaft und dem damit verbundenen Verlust an Freiheit sowie der öffentlich diskutierten Angst vor „school shootings“, Schulmassakern.

Entsprechend besteht der Film eigentlich aus zwei Filmen – einem über Eva, der die Idee der Mutterschaft ein Greuel ist, die gleichwohl einen Jungen und ein Mädchen bekommt und deren Beziehung zum Sohn massiv belastet ist – und einen über diesen Sohn Kevin, der schon als Kleinkind ein geborener Terrorist zu sein scheint und der schließlich in einem Schul-Massaker mehrere Mitschüler sowie daheim seine Schwester und seinen Vater tötet. Beiden Filmen tut die Kombination miteinander nicht gut – gleichwohl ist „We Need to Talk About Kevin“ insgesamt ein wichtiges, aber auch sehr beunruhigendes Beispiel dafür, wie problematisch und verantwortungsfern Erwachsene männliche Kinder und Jugendliche vor dem Hintergrund gängiger Geschlechterklischees wahrnehmen.

Horror Mutterschaft Der Film erzählt die Geschichte nicht chronologisch, sondern wechselt beständig zwischen verschiedenen Zeitebenen, bleibt dabei aber – wie das zu Grunde liegende Buch – an die Perspektive Evas gebunden. In der Gegenwartsebene lebt sie allein in einem kleinen Haus, sie wird aus zunächst nicht nachvollziehbaren Gründen von Nachbarn massiv belästigt, die ihr eimerweise rote Farbe auf ihr Auto, ihr Haus und ihre Veranda schütten. Sie sucht sich eine Arbeit und ist unendlich erleichtert, als ihr eine Sekretärinnenstelle angeboten wird – kurz darauf wird sie von einer Frau auf der Straße zunächst freundlich mit dem Satz „Are you enjoying yourself?“ angesprochen und dann aus heiterem Himmel heftig geschlagen, ohne dass sie sich wehrt.

Unterbrochen wird diese Darstellung beständig durch Szenen aus anderen Zeiten – wie Eva sich selbst als schwangere Frau skeptisch anschaut, während ihr Mann Franklin freudig entspannt eine Wiege für das Kind baut; wie sie die Geburt als befremdliche, massiv schmerzhafte Erfahrung erlebt; wie ihr kleiner Sohn von Beginn an fremd zu sein scheint, wie sie vergeblich zu lächeln versucht, während das Kind in ihrem Arm schreit; wie der kleine Sohn Kevin regelrecht bösartig auftritt, wenn er seine Mutter bei deren Angeboten, mit ihm zu spielen, ins Leere laufen lässt; wie er noch sehr spät Windeln braucht und seine Mutter damit zu Verzweiflung treibt, dass er sie vollkotet und sie ihn säubern muss.

Bei einer dieser Gelegenheiten fragt sie ihn – in denselben Worten wie später die Frau auf der Straße – „Are you enjoying yourself?“, packt ihn, wirft ihn dabei heftig zu Boden und bricht ihm einen Arm. Christian Buß schreibt dazu im Spiegel:

„In jedem anderen Film wäre das als häusliche Gewalt inszeniert worden, hier aber wird die Verletzung des Jungen zu dessen Triumph. Still steckt er den Schmerz weg, während er genüsslich zur Mutter schaut, die an ihrer Schuld zu zerbrechen droht.“
In jedem anderem Zusammenhang wäre diese Interpretation eine Verharmlosung von Kindesmisshandlung, der Film aber stellt Zusammenhänge her, in denen die Mutter als Opfer eines dämonischen Kindes erscheint, gegen das sie keine Chance hat und das sie trotz aller Mühen kaum lieben kann. Was Kevin dann schließlich dazu bringt, viele Menschen zu ermorden, bleibt unklar, und nicht einmal er selbst weiß es: „I used to think I knew. Now I’m not so sure”, sagt er am Ende des Films, und als ihn seine Mutter vorher nach den Gründen seines Verhaltens fragt („But what’s the point?“), antwortet er nur: „There is no point. That’s the point.“
„Ein Film über ein Schul-Massaker, der den Täter ignoriert” (“A Movie About a School Shooting That Ignores the Shooter”) betitelt der Filmkritiker David Thomson seinen Text über den Film.  Tatsächlich ignoriert der Film über Schul-Morde nicht nur den Mörder, sondern auch die Schule, und die schulischen Opfer. Er bemüht sich kaum, Motive oder Gründe für das Verbrechen zu zeigen: Dass der Vater mit Kevin gewalthaltige Videospiele spielt, und dass er Kevin Pfeil und Bogen – die Tatwaffen – schenkt, spielt auf typische Erklärungsmuster an (Computerspiele und Verfügbarkeit von Waffen), zugleich werden sie aber nur wie nebenbei in den Film eingefügt. Über Kevin in der Schule erzählt der Film nichts.
„Ohne die Ursachen des jugendlichen Amoklaufs erklären zu wollen, formuliert er in seiner subjektiven Herangehensweise eindringlich das Entsetzen und die Fassungslosigkeit angesichts einer Gewalttat, die sich einem rationalen Zugriff zu verweigern scheint.“

So das Lexikon des Internationalen Films über „We Need To Talk About Kevin“. Auf diese Weise also lässt sich die demonstrative Weigerung des Films, Erklärungen für Kevins Gewalttaten zumindest versuchsweise zu entwickeln, als Signal verstehen, dass angesichts der Wucht der Gewalt die Auflösung der Taten in nachvollziehbare Ursache-Wirkung-Zusammenhänge ohnehin verfehlt sei.

Ein pervertierter Robin Hood Nun haben Filme, die sich zuvor mit Massenmoden an Schulen beschäftigt hatten, keineswegs auf eindeutige Erklärungen gesetzt. Der berühmteste von ihnen, Michael Moores Dokumentarfilm „Bowling for Columbine“  (2002) über die Hintergründe des Schul-Massakers von Littleton im Jahr im Jahr 1999, versucht sich an Erklärungen, erhebt aber nicht den Anspruch, die Gewalt endgültig deuten zu können. Moore konzentriert sich auf die Atmosphäre an High Schools, aber besonders auf das Problem der Verfügbarkeit von Schusswaffen – und auf eine Atmosphäre der Angst, die medial regelrecht kreiert werde und die eine rationale Auseinandersetzung mit dem privaten Schusswaffenbesitz verhindere.

Gus Van Sants „Elephant“ aus dem Jahr 2003  präsentiert ein distanziert wirkendes Kaleidoskop von Schülerleben, zu dem auch die Geschichten der Attentäter Alex und Eric gehören, deutet Erklärungen für die Gewalt mit Hinweisen auf schulisches Mobbing gegen beide an, löst aber ebenfalls die Geschichte der Gewalt nicht auf und endet demonstrativ mitten in der Handlung, als einer der Attentäter während des Schulmassakers ein Pärchen entdeckt. Eindeutiger wird nur der estnische Film „Klass“  aus dem Jahr 2007, der ein Schulmassaker durch eine lange, eskalierende Geschichte schulischen Mobbings zu erklären versucht.

Im Vergleich dazu erweckt die Weigerung von Ramsays Film, zumindest versuchsweise Ansätze von Erklärungen zu präsentieren, keineswegs den Eindruck, dass er aus Respekt vor den Opfern die Unerklärlichkeit des Gewaltakts, den radikalen Bruch des zivilen Kontextes nicht in Rationalisierungen verpacken wolle. Die Weigerung, Kevins Taten in einem sozialen Kontext zu verstehen, bindet den Attentäter stattdessen ganz in die Mutter-Sohn-Beziehung ein, also in den einzigen stabilen Kontext, den der Film ihm zugesteht.

Einerseits ist Kevin Eva unendlich fremd – aber zugleich wirkt er ihr viel zu nah, fast identisch mit ihr. Beide sind wiederholt in ganz ähnlichen Einstellungen zu sehen; als sie sich gemeinsam Frühstück zubereiten, wirken sie wie synchron aufeinander eingestellte Roboter; Kevin äfft die Sprache seiner Mutter immer wieder nach („Nah nah nah nah“), ebenso äfft sie ihn nach; beide werden sich im Laufe des Films auch im Aussehen immer ähnlicher. Die symbiotische Hassliebe zwischen beiden lässt keinen Raum für einen Blick auf das weitere soziale Umfeld.

Dass Kevin seine Taten mit einem Bogen, nicht mit einer Handfeuerwaffe begeht, wirkt nicht nur befremdlich, wie ein pervertiertes Robin Hood-Motiv – es verhindert auch, dass der Film als Beitrag zur Diskussion über die Verfügbarkeit von Schusswaffen verstanden werden könnte.

Die nicht-lineare Erzählweise des Films schafft von Beginn an eine Atmosphäre der Ausweglosigkeit, weil ein furchtbarer Ausgang der Geschichte schnell deutlich ist – Kevins Entwicklung erscheint auch daher als vorherbestimmt, festgelegt, unabhängig von sozialen Einflüssen.

Das englische Filmplakat macht das umso deutlicher – es zeigt ein Baby im Mutterleib und isoliert Kevin auch so nicht nur von jedem sozialen Kontext, sondern bindet ihn auch ganz in der Beziehung zu seiner Mutter.

So liegt es am Ende sogar nahe, Kevins Verbrechen als Untat an Eva zu verstehen – er nimmt ihr alles, und er schafft eine Situation, in der ihr die gesamte Welt ähnlich feindlich gegenübersteht wie er selbst. Eben gerade diese radikale Fixierung auf die mütterliche Perspektive aber verengt den Film maßlos – Kevin erscheint schließlich nicht mehr als ein problematischer Junge, sondern als ein überlegener Dämon, vergleichbar der Figur des Damien aus den legendären „Omen“-Filmen.

Misandrie als Hintergrundrauschen Unterfüttert wird diese Dämonisierung des Sohnes durch Geschlechterklischees, die so selbstverständlich über den Film verteilt sind, als hätte Ramsey eine Klischeeliste zum Abhaken vorgelegen. Franklin, der Ehemann, spricht wohlwollend über den gemeinsamen Sohn und findet Evas offen geneigte Abneigung überdreht (er hält ihr zum Beispiel vor, sie würde es als „persönliche Vendetta“ empfinden, dass Kevin noch spät Windeln braucht) – trotz und gerade wegen der Vernünftigkeit seiner Einwände aber wirkt er ihren Problemen gegenüber verständnislos.

Zugleich lässt er sie eben oft allein – ohne dass der Film auch nur die Frage stellen würde, was er denn beruflich tut, und wie er mit seiner Arbeit das schlossähnliche Haus der Familie finanziert. Er drängt im Sinne des kleinen Kevin auf den Abschied von New York und ein Leben in der Kleinstadt, setzt sich dabei durch, obwohl Eva an New York hängt. Dass er mit den gemeinsamen Videospielen und dem Geschenk des Bogens Kevins Verbrechen erst ermöglicht, macht der Film beiläufig, aber eindrücklich deutlich.

Der Ehemann also ist verständnislos, abwesend, auf die Arbeit konzentriert, gleichwohl besserwisserisch – ein Arbeitskollege Evas hingegen wird zudringlich, sein anfänglich freundlich wirkendes Interesse entpuppt sich als rein sexuell begründet und kippt schnell in erhebliche Aggressionen um, als Eva sich distanziert verhält.

Gegenstück zu den durchgehend negativ konnotierten Männerfiguren ist die kleine Tochter Celia, die der Film als Haupt-Opfer Kevins aufbaut. Sie ist offen, freundlich, fröhlich, sie liebt ihren großen Bruder offensichtlich und lässt sich daher von ihm ausnutzen – er tötet aber (zumindest ist sich Eva dessen sicher) ihr geliebtes Meerschweinchen, zerstört ihr ohne Reue ein Auge, spielt mit ihre irritierende Spiele, in denen sie ein Entführungsopfer darstellt, und ermordet sie schließlich. Als Gegenstück zum dämonischen Kevin wirkt sie wie ein reiner, schließlich geopferter Engel.

So ist denn der Film eben nicht deswegen interessant, weil er in irgendeiner Weise Erklärungen für die massive Brutalität eines Schul-Massakers liefern würde – das kann er offenkundig nicht. Seine misandrischen Klischees stehen keineswegs im Mittelpunkt, sie erscheinen aber wie ein selbstverständliches Hintergrundrauschen der Geschichte. Interessant ist der Film daher, weil er deutlich macht, wie sich die zur Selbstverständlichkeit gewordene Misandrie, die zum vermeintlichen Alltagswissen verfestigte Klischeehaftigkeit der Männerfeindschaft auf die Wahrnehmung eines männlichen Kindes und Jugendlichen durch Erwachsene auswirkt.

Beunruhigend ist nicht die Figur des Kevin selbst, der tatsächlich wie ein Wiedergänger Damiens erscheint. Beunruhigend ist der erwachsene Blick auf ihn: die Wahrnehmung seiner Person als radikal asoziales Wesen, die vollständige Verweigerung von Empathie, die als unerklärlich verkaufte Fremdheit. Immerhin hatte dieser Blick auf einen Jungen großen Erfolg – der Roman wurde millionenfach verkauft, der Film mehrfach mit Preisen geehrt. Ästhetisch ist der Film sehr differenziert und wirkungsvoll – die schauspielerische Leistung Swintons ist beeindruckend, die verschiedenen Zeitebenen sind kunstvoll und vielfältig aufeinander bezogen. Umso augenfälliger ist die Simplizität seiner Geschlechterdarstellungen.

Eva scheint am Ende als ein weiteres Opfer Kevins, wenn sie trotz ihres – durch leitmotivisch im Film platzierte Reiseplakate symbolisierten – Fernwehs in der ungeliebten Kleinstadt wohnen bleibt und nicht fortzieht, ihren Sohn regelmäßig im Gefängnis besucht. An keiner Stelle wird nach dem Zusammenhang zwischen der Über-Identifikation zwischen Sohn und Mutter und ihrer radikalen Fremdheit gefragt, obwohl dieser Zusammenhang doch eigentlich naheliegend ist – schließlich kann Eva ihren Sohn nur als Teil von sich selbst, nicht als eigenständiges soziales Wesen wahrnehmen, mit dem sie in Kontakt treten könnte. Stattdessen erscheint Eva als eine Frau, die mit großer Stärke ein Schicksal auf sich nimmt, das ihr von unerklärlichen Kräften und von ihrem bösen Sohn auferlegt wurde.

Der Film endet mit einem Besuch der Mutter im Gefängnis, zwei Jahre nach den Morden. Kevin hat Verletzungen im Gesicht, vor allem aber wirkt er zum ersten Mal unsicher, regelrecht gebrochen, desorientiert, ängstlich. Es ist eben diese Situation, in der Eva zum ersten Mal im Film ihren Sohn innig umarmen kann.

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2 Comments

  • Ich lese deine Kritiken durchaus gerne, allerdings bin ich der Meinung, daß du dich an den falschen Filmen abarbeitest. „We need to talk about Kevin“ ist kein männerfeindlicher Film – es ist ein Film über die Frage, ob man sein Kind, egal wie es ist, lieben muß, und ob es Menschen gibt, denen man die Bösartigkeit nicht aberziehen kann. Darüber, wie eine Mutter damit umgehen kann, wenn ihr Kind ein furchtbares Verbrechen begangen hat.

    Wie die Mutter damit umgehen kann, daß es vielleicht *ihre* Schuld ist – denn wieviel von Kevin war „angeboren“, und wieviel ist das Projekt von der Erziehung der Eltern? Männerfeindlich ist das nicht, denn der Vater wird als sein Kind liebender Mann dargestellt, der sich aufgrund seiner Abwesenheit (die nie negativ dargestellt wird, der Zuschauer darf sich durchaus selbst zusammenreimen, daß er mit seiner Arbeit für die äußerlich perfekten Familienbedingungen sorgt) gar nicht erkennen kann, wie Kevin wirklich ist. Bzw. wie die Mutter Kevin sieht oder sehen muß.

    Auch die Details sind nicht misandrisch: während die Mutter von zwei offensichtlich der Reflexion unfähigen Frauen auf offener Straße geschlagen wird, wird sie von einem männlichen überlebenden Opfer ihres Sohnes freundlich und aufmunternd angesprochen. Zusammengefaßt: der Film ist sehr gut (wie übrigens auch Ramsays Erstlingswerk „Ratcatcher), und als misandrisch habe ich ihn nicht empfunden.

    Ähnlich, denke ich, ging es mir mit „Die Wand“: als feministischer Film ist das sicherlich ein furchtbares Machwerk, und der Mord an dem offensichtlich verhungernden Mann eine eher widerliche Szene. Nur: warum das Ganze feministisch interpretieren? Wenn man den Charakter der Hauptfigur nicht als „Letzte Frau“ sondern als „Letzten Mensch“ interpretiert, wird „Die Wand“ zu einer wunderbaren Reflexion über das, was von unserem Leben ohne Gesellschaft noch übrig bleibt, mit wunderbaren und zum Teil melancholischen Naturbildern. Auch „Die Wand“ würde ich also als durchaus sehenswert einstufen.

    Wenn du etwas wirklich Männerfeindliches sehen willst, dann empfehle ich dir „Ein Freitag in Barcelona“ (gerade aktuell in den Kinos). Die (natürlich positive) Zeit-Kritik läßt da keinen Zweifel aufkommen, daß das mit hoher Wahrscheinlichkeit an Widerlichkeit nicht zu überbietender misandrischer Dreck ist. Ich verkrafte solche Filme nicht, aber als pflichtbewußter Blogger wirst du vielleicht in den sauren Apfel beißen… 😉

    P.S.
    Deine Beiträge sind im Moment mit das Beste, was es gegen Feminismus und Gender-Irrsinn gibt.

  • @ JP Vielen Dank für den Kommentar zum Blog, und für die ausführliche Reaktion auf die Filmbesprechungen!

    Beide Filme, „Die Wand“ und (mehr noch) „We Need To Talk About Kevin“ sind filmisch sehr gut, und das heißt gewiss auch, dass man sie unter mehr Aspekten als nur einem betrachten kann. Bei beiden lohnt es sich zum Beispiel, auf die schauspielerischen Leistungen von Gedeck bzw. Swindon zu achten. Sie spielen jeweils mit eher sparsamer Gestik, dramatisieren kaum, wirken in sich gekehrt – und gleichzeitig hat ihre Darstellung etwas Packendes und ist beeindruckend.

    Bei beiden Filmen hat mich aber auch interessiert, wieso Filme, in denen es um etwas ganz anderes gehen müsste, eigentlich auf Geschlechterklischees zurückgreifen.

    Du hast Recht, dass der Vater im „Kevin“-Fim eine sympathische Figur ist – aber zugleich ist er eben auch der, der Evas Leben von einer weltumspannenden Existenz als Reisejournalistin zusammenschnurrt zum extrem begrenzten Leben einer Vorort-Hausfrau. Für ihre Sehnsüchte, die über diese Enge hinausgehen, hat er kein Verständnis. Und gerade die Beiläufigkeit fand ich bezeichnend, mit der er im Film als derjenige dargestellt wird, der Kevin mit den Mitteln zu seinem Amoklauf ausstattet. Es sind durchaus Geschlechterklischees, die hier verwendet werden – und dämonisiert wird dabei zwar nicht der Ehemann, sehr wohl aber der Sohn.

    Auch, was Du zur Reflexion zum Leben ohne Gesellschaft in „Die Wand“ schreibst, finde ich plausibel. Bei diesem Film war ich möglicherweise tatsächlich davon beeinflusst, dass ich ihn aus einem feministischen Kontext – durch die Begeisterung einer feministischen Freundin – kenne. Aber warum muss überhaupt am Ende noch die enorm zugespitzte Szene mit dem Mann hinein, die doch eigentlich in der von Dir angesprochenen Reflexion eher stört, und die zudem Erklärungen notwendig macht, die der Film überhaupt nicht liefern kann?

    Ich hatte beide Filme ausgewählt, weil sie gar keine Beispiele für offen und spektakulär vorgeführte Männerfeindlichkeit sind, sondern eher für eine beiläufige, zur Selbstverständlichkeit erstarrte, für eine Alltags-Misandrie sozusagen. Die Gefahr bei den Besprechungen ist sicher, dass sie die Filme auf diesen Aspekt verengen. Daher find ich es sehr gut, dass Du deutlich machst, in welchen Aspekten die Filme reichhaltiger sind. Umso interessanter aber finde ich die Frage, warum sie nicht ohne misandrische Geschlechterklischees (auf die sie in meine Augen ohne Zweifel zurückgreifen) auskommen.

    Den Film „Ein Freitag in Barcelona“ kenne ich nicht, aber danke für den Hinweis!

    „Typisch Frau, typisch Mann? Geschlechterrollen sind ein vermintes Terrain, in der Literatur wie im Kino. Detonationen drohen allenthalben. Cesc Gays Episodenfilm Ein Freitag in Barcelona vermeidet sie, er ist nie zotig oder abgeschmackt. Die Männer sind hier in erster Linie: kläglich. Erbarmungswürdige Geschöpfe, zumal in der Liebe.“

    Das also ist das, was die „Zeit“ unter einer Vermeidung von Geschlechtertypisierungen und Abgeschmacktheiten versteht – herrje, was machen die erst, wenn sie mal klischeehaft werden?

    http://www.zeit.de/kultur/film/2013-07/film-ein-freitag-in-barcelona

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