Wissenschaft

Gender Studies: Wissenschaft von unten, installiert von oben

Bild zeigt den jungen Friedrich Schiller.
geschrieben von: Lucas Schoppe
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„Man muss bei einer wissenschaftlichen Gender Studies davon ausgehen dürfen, dass sich chauvinistische Wissenschaftler ebenso zu dem Fach hingezogen fühlen würden wie Feministen. Es gäbe keine als Wissenschaft getarnte Streitschrift gegen die Kritiker des Fachgebietes, in der sie als “maskulinistische bzw. antifeministische Autor_innen” (= Klassenfeind, S. 7) bezeichnet werden. Denn “maskulinische” und “antifeministische” Wissenschaftler würden ebenso im Bereich der Gender Studies forschen wie Feministen.“
So beschreibt Andreas Müller im Feuerbringer-Magazin  Gender Studies, die wie andere Wissenschaften eine Vielfalt von Ansätzen zuließen.  Er vergleicht sie mit der Situation in den Literaturwissenschaften und der Philosophie,
„wo es auch konservative, religiöse, liberale Forscher gibt, die es trotz ihrer Weltanschauung auf die Reihe kriegen, objektiv zu forschen.“
Das Zitat  im Zitat bezieht sich auf die Schrift der Böll-Stiftung, die zur Verteidigung der Gender Studies gegen Kritiker herausgegeben wurde und die gleichwohl Müllers Sicht, wohl ungewollt, bestätigt. Beispielsweise stellt Marc Gärtner dort am Ende den emeritierten Bremer Professor Gerhard Amendt mit seiner Studie über Scheidungsväter als Gender-Gegner vor (S. 54-57). Problematisch ist dabei natürlich nicht, dass er Amendt kritisiert – problematisch aber ist, dass er ihn lediglich als prinzipiellen Gegner präsentiert, ohne auch nur einen Moment lang die Frage zu stellen, ob zu einer seriösen Geschlechterforschung nicht auch Forschungen wie die Amendts gehören müssten.
Tatsächlich ist es eine seltsame „Wissenschaftsrichtung“ (S. 67), die ihre Grenzen weniger durch einen Fachbereich oder durch ein Thema als durch die Zustimmung zu einer bestimmten Gesinnung festlegt. Wie ist es eigentlich möglich, eine solche in der Wissenschaftslandschaft – soweit ich sehen kann – einmalige Position erfolgreich zu verkaufen?
Der zweite Teil der kleinen Sommerreihe Über die Denkmöglichkeit seriöser Gender Studies beschäftigt sich mit der Frage, welchen Platz eigentlich Männer in diesen Studien haben. Darum, wie denn nun seriöse Gender Studies aussehen könnten, geht es dann in der nächsten Folge.

Wie die Gender Studies aus Versehen die bürgerliche Ehe kopieren Sebastian Scheele skizziert in der Böll-Schrift, belegt lediglich durch eine Anekdote des feministischen Soziologen Michael Kimmel, traditionelle Vorstellungen der Geschlechter in der Wissenschaft:
„Diese Tradition beinhaltet, dass Frauen für Partikularität stehen, während Männer für Objektivität, Neutralität, ja Universalität stehen. In diesem klassischen Wissenschaftsverständnis wird Frauen als ‚Geschlechtswesen‘ Emotionalität, Interessen, Konkretion zugeschrieben, während Männer kein Geschlecht zu haben scheinen, sondern Modelle allgemeiner Menschlichkeit darstellen und ihnen somit unvoreingenommene Erkenntnis und die Fähigkeit zur Abstraktion offenstehen.“ (S. 35f.)
Wer denn so etwas überhaupt behauptet, lässt Scheele offen, stattdessen beschränkt er sich auf einen allgemeinen Hinweis auf die „Tradition“ und auf eine Darstellung in der Passiv-Form, die eine Angabe konkreter Akteure unnötig macht (das ist, nebenbei bemerkt, ein sehr auffälliges stilistisches Merkmal in Texten von Feministen über Feminismus-Kritiker – die Rosenbrock-Studie etwa ist voll davon).
Sicherlich gibt es viele Wissenschaftler, die ihre Gegenstände als geschlechtsneutral begreifen und die eine „Vergeschlechtlichung“ im Sinne der Gender Studies ablehnen – was ja eine durchaus begründete Position ist, mit der sich Gender-Forscher dann eben argumentativ auseinandersetzen müssten. Scheele kann aber keinen einzigen Wissenschaftler anführen, der tatsächlich Frauen mit Partikularität und Männer mit Universalität assoziiert und Frauen auf dieser Grundlage die Befähigung zur wissenschaftlichen Arbeit – denn darum geht es hier ja – abspricht.
Heute – so könnte Scheele allerdings erwidern – sei dies vielleicht nicht mehr so, dank des segensreichen Wirkens feministischer Wissenschaftlerinnen, er habe aber eben die klassische Zuschreibung dargestellt. Das lässt sich leicht überprüfen an einem Text, der im Zentrum der deutschen Klassik geschrieben und zwischen 1793 und 1795 veröffentlicht wurde – an einem kurzen, sehr bekannten Zitat aus Friedrich Schillers Briefen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“. Dort schreibt er:
„Ewig nur an ein einzelnes kleines Bruchstück des Ganzen gefesselt, bildet sich der Mensch selbst nur als Bruchstück aus, ewig nur das eintönige Geräusch des Rades, das er umtreibt, im Ohre, entwickelt er nie die Harmonie seines Wesens, und anstatt die Menschheit in seiner Natur auszuprägen, wird er bloß zu einem Abdruck seines Geschäfts, seiner Wissenschaft.“ (Über die ästhetische Erziehung des Menschen, S. 584)
Man müsste schon große Scheuklappen anlegen, um sich darauf konzentrieren zu können, dass Schiller hier wohl den männlichen Menschen im Auge hat, wenn er vom Menschen allgemein schreibt – und um übersehen zu können, dass gleichwohl die Erfahrung, die er skizziert, eben die eines Verlusts von Allgemeinheit und Universalität ist. Mit der funktionalen Differenzierung der Moderne, der Aufspaltung in verschiedene Wissenschaften und Professionalitäten, beginnt eben auch schon die Kritik an und die Auseinandersetzung mit ihr.
Schillers Position, schon vor mehr als zweihundert Jahren formuliert, lässt sich dabei so skizzieren: Diese Aufspaltung sei zwar wichtig gewesen, weil die Wissenschaften als unterschiedliche Disziplinen zu Ergebnissen gelangt seien, die einer Gesamt-Wissenschaft niemals möglich gewesen wäre – das Leben gleiche nun aber „der Zusammenstückelung unendlich vieler, aber lebloser Teile“. Diese hier an Schillers Zitat nur skizzierte Auseinandersetzung wird keineswegs von frühen Gender-Forscherinnen, sondern von Beginn an vor allem von Männern geführt, weil Männer – zumindest im bürgerlichen Spektrum – von den Veränderungen wesentlich direkter betroffen sind als Frauen.
In Autobiografien der Zeit Schillers, und auch noch hundert Jahre später, fällt tatsächlich auf, dass Autobiografinnen die Bedeutung ihrer Geschlechtszugehörigkeit für ihr Leben regelmäßig ausdrücklich ansprechen, während für Autobiografen die berufliche Tätigkeit wesentlich bedeutender ist. Feministinnen interpretieren solche Phänomene routiniert ganz wie Scheele („während Männer kein Geschlecht zu haben scheinen“) – Männer hätten sich so sehr als Allgemeines und Selbstverständliches begriffen, Frauen so sehr übersehen und ihre eigene Geschlechtszugehörigkeit daher gar nicht als etwas Besonderes, Partikuläres wahrgenommen, dass es Männern eben auch gar nicht eingefallen wäre, über ihr Mannsein zu reflektieren.

Diese Routine-Interpretation ist offenkundig voreilig. Tatsächlich reflektieren Frauen wie Männer über das, was für ihren Lebensunterhalt von grundlegender Bedeutung ist – und das ist in der Arbeitsteilung der bürgerlichen Ehe für Männer eben die Frage, wie sie ihre berufliche Identität gestalten, und für Frauen die Frage, wie sie in ihrer Geschlechtsidentität, also in der Regel als Ehefrau leben. Die bürgerliche Ehefrau gestaltet ihren Lebensunterhalt als Frau eines Mannes, völlig unabhängig davon, welchen speziellen Beruf er hat – während der Mann sich spezialisieren muss und sich nicht einfach als „Ehemann“ bestimmen kann.

Scheeles Darstellung ist also nicht nur unbelegt, sie ist auch willkürlich, weil die Situation ebenso gut genau umgekehrt interpretiert werden könnte – während (bürgerliche) Männer sich spezialisierten und professionalisierten, war für (bürgerliche) Frauen allgemein die Ausgestaltung ihrer Geschlechtsidentität bedeutsamer. Es ist auffällig, dass das Verhältnis der Gender Studies zu den traditionellen, in der Böll-Schrift meist als männlich dominiert präsentierten Wissenschaften diesem überkommenen bürgerlichen Geschlechtermodell genau entspricht: Während die etablierten Wissenschaften sich traditionell und in der Moderne forciert in verschiedene Disziplinen mit bestimmbaren Grenzen und definierten Methoden aufspalten, imaginieren sich die Gender Studies als eine unbegrenzt interdisziplinäre, fächerübergreifende Wissenschaft, die sich allein durch die Konzentration auf Fragen der Geschlechterverhältnisse bestimmt.

Sich selbst und den Gender Studies allgemein bescheinigen die Autoren der Schrift in einer regelrecht automatisierten Regelmäßigkeit und ohne falsche Bescheidenheit eine besonders große Selbstreflexivität. Warum eigentlich bemerken sie trotz dieser bewundernswerten Bereitschaft zur Überprüfung ihrer eigenen Position  an keiner Stelle, dass das von ihnen präsentierte Modell der Gender Studies keineswegs die „Veränderung der Geschlechterverhältnisse“ (S. 47) anpeilt, sondern die traditionelle bürgerliche Arbeitsteilung der Geschlechter konserviert und mit Ressentiments betoniert?

Für die Unterdrückten, gegen Biologen, Blogger und andere Herrscher
 „Insbesondere die Unterdrückten können einen adäquateren, weniger partiellen Blick auf ein Machtverhältnis entwickeln, da ihr Blick nicht durch das Eigeninteresse am Machterhalt getrübt ist.“ (S. 36)
Dass die „Unterdrückten“ allerdings ein nachvollziehbares Eigeninteresse am Ende der Unterdrückung haben, schärft nach dieser Vorstellung hingegen  ihren Blick und trübt ihn nicht. Jedenfalls zitiert Manfred Köhnen in der Böll-Schrift zustimmend Barbara Holland-Cunz, die wiederum zustimmend Sandra Harding zitiert (solche Zitier-Ketten sind übrigens, so jedenfalls mein wohlwollender Eindruck, das Gender Studies-Pendant zu dem, was man in anderen Disziplinen als „Beleg“ oder „Beweis“ einer Aussage bezeichnet):
 „Es gehört (…) zu den zentralen Annahmen feministischer Wissenschaftstheorie jeglicher Herkunft, dass die offen parteiliche ‚Sicht von unten‘ ‚better science‘ (Sandra Harding) produziert als der vermeintlich unparteiische herrschende Blick.“ (S. 49)

Das könnte die verstreuten Blogger, die in ihrer Freizeit Gender Studies-kritische Artikel verfassen und die von der Böll-Schrift zu den Haupt-Gegnern gerechnet werden, möglicherweise ein wenig überraschen: An ihren PCs sitzend reproduzieren sie unbarmherzige gesellschaftliche Herrschaftstrukturen, während die Autoren der millionenschweren, aus Steuermitteln reichlich finanzierten Böll-Stiftung mit letzter Kraft, aber ungeheurem Mut den „Blick von unten“ repräsentieren.

Hinter dieser Absurdität verbirgt sich eine ernsthafte sachliche Frage: Selbst wenn die ja keineswegs selbstverständliche Annahme akzeptiert wird, der „Blick von unten“ produziere „bessere Wissenschaft“ – wie wird denn eigentlich die Entscheidung getroffen, wer „unten“ steht und zu den „Unterdrückten“ gehört? Wird diese Entscheidung ebenfalls „von unten“ getroffen (dann könnten die Herrschenden sich ja einfach als Unterdrückte definieren und frohgemut „bessere Wissenschaft“ betreiben)? Und wenn nicht – wo und von wem dann?

Tatsächlich stellt sich die Frage für die Verteidiger der Gender Studies wohl deshalb nicht, weil sie ohnehin schon beantwortet ist: Es sind die Frauen, die durch die herrschende Ordnung unterdrückt werden, und dazu auch alle anderen, die keine heterosexuellen Männer sind (was schwule Männer angeht, waren sich Feministinnen da allerdings oft auch nicht so sicher).
Eben diese Haltung ist auch bestimmend für die ressentimenthaft-ablehnende Position der Gender Studies zu Naturwissenschaften, insbesondere zur Biologie. Natürlich wehrt sich Köhnen gegen den Vorwurf, die Gender Studies seien „biologiefeindlich“ (S. 42), aber ansonsten wird das Fach Biologie, wenn es von den Autoren der Schrift denn erwähnt wird, immer wieder in negative Kontexte gestellt (Beispiele: S. 9, S. 10, S. 71). In der Zusammenfassung schließlich
„bedienen sich nicht wenige der Gender-Gegner_innen einer biologistischen Logik, in der schon der Verweis auf die Natürlichkeit von Geschlecht jede Überlegung ihrer sozialen und historischen Gewordenheit von vornherein verwirft.“ (S. 67)

Eben so konstruieren die Autoren die Gegnerschaft zu biologischen Positionen: In den Gender Studies würden Geschlechter als veränderbare soziale Konstruktionen untersucht, während die Biologie sie als schlicht gegeben und unveränderlich präsentieren würde. So sei denn auch der  „Unwissenschaftlichkeitsvorwurf“ an die Gender Studies „ein politisches Instrument, um konservative Geschlechterverhältnisse zu zementieren“ (S. 68).

Haltbar ist diese Argumentation nicht – was den Autoren durchaus klar sein könnte, wenn sie beispielsweise das Blog „Alles Evolution“ auch ab und zu gelesen bzw. dort ab und zu auch mitdiskutiert hätten, anstatt es einfach nur auf die Schwarze Liste der Gender-Gegner_innen zu setzen. (S. 10) Die Evolutionsbiologie geht schließlich eben gerade von einer Veränderbarkeit der Geschlechter, nicht von ihrer simplen natürlichen, ein für alle Male feststehenden Gegebenheit aus.

Sicherlich beanspruchen diese Veränderungen meist größere Zeitabstände, als politisch ehrgeizigen Gender-Forscher_inne_n lieb ist, der wesentliche Unterschied aber ist ein anderer: Evolutionsbiologen fragen nach der evolutionären Funktion von Geschlechtsunterschieden, können auch Veränderungen oder Variationen dieser Funktion beschreiben, sie können auch deutlich machen, wann Unterschiede dysfunktional werden – während für Gender-Forscher_inne_n Geschlechtsunterschiede stereotyp auf  Machtverhältnisse zurückzuführen sind, die in immer gleicher Weise beschrieben werden, nämlich prinzipiell als heterosexuell-männliche Herrschaft.

So erklärt sich wohl auch, warum eine der wichtigsten Schriften zur Geschlechterthematik, die in den letzten Jahrzehnten erscheinen ist, in den Gender Studies faktisch keine Rolle spielt, obwohl sie zumindest als Ideengeber zentral einschlägig sein müsste: Auch Warren Farrells „The Myth of Male Power“ aus dem Jahr 1993 beschreibt Geschlechtsunterschiede im Hinblick auf Funktionen und lehnt den „Mythos“ einer männlichen Herrschaft explizit ab.

Während aber die basale Frage „Wie funktioniert das?“ durchaus als Einstieg in ein wissenschaftliches Denken geeignet ist, eignet sich die Frage „Welche dunklen Mächte wirken hier?“ wesentlich besser als  Einstieg für Überlegungen nach dem Typus einer Verschwörungstheorie – zumal denn, wenn immer schon und ohne weitere Überlegung klar ist, wer die „dunklen Mächte“ sind. Welche Ergebnisse aber können die Gender Studies vor diesem Hintergrund eigentlich vorweisen?

Wie einer renommierten Gender-Forscherin einmal ein fataler Fehler unterlief „Welches sind die wichtigsten wissenschaftlichen Resultate der Gender Studies?“ wird auch die Münchner Gender Studies-Professorin Paula-Irene Villa im Interview gefragt – und von der unerwartbaren Frage möglicherweise auf dem falschen Fuß erwischt, begeht sie einen Fehler, der einen erfahrenen Gender-Professorin eigentlich nicht unterlaufen dürfte: Sie beantwortet die Frage (anstatt, was ja naheliegend und dringend geboten gewesen wäre, zunächst einmal die „Vergeschlechtlichung“ der Frage aufzudecken). Jedenfalls glaube ich, dass sie sie beantwortet, sie sagt nämlich:
 „Ich würde zunächst mal kontraintuitiv sagen, eine der ganz wichtigen Einsichten ist, dass es Geschlecht so nicht gibt. Das meint zum einen, dass wir immer nicht genau wissen können, was eigentlich Geschlecht jeweils heißt. In einer raum-zeitlich-spezifischen Konstellation kann das vieles Verschiedenes bedeuten, und insofern sollte man nie zu sicher sein, dass man zuvor immer schon weiß, was Geschlecht heißt. Zumal, wenn man gute Wissenschaft machen will, man ja mit der doxa des Alltags brechen und noch unsicherer werden muss, mit dem, was Leute eigentlich meinen, wenn sie meinen zu wissen, was Geschlecht ist. Das ist eine wichtige Einsicht.“

Tatsächlich ist das – wenn man mal von den ablenkenden Ausführungen über raum-zeitlich-spezifische Konstellationen absieht und sich nicht mit der Frage aufhält, wer eigentlich „die Leute“ sind, von denen Villa da erzählt – überhaupt keine „Einsicht“ der Gender Studies, sondern eine basale Vorannahme: Es gäbe Geschlecht „so“ (wie? Ach, ich weiß auch nicht…) nicht, Geschlecht sei sozial konstruiert. Eben das besagt ja schon die englische Bezeichnung „Gender“.

Das aber ist natürlich ein wenig ernüchternd – dass eine der profiliertesten deutschen Gender-Forscherinnen auf die Frage nach dem wesentlichen Ergebnis einer jahrelangen, landesweiten Forschung mit mittlerweile wohl mehr als zweihundert Professuren, die allein pro Jahr, wie Danisch vorrechnet, etwa 100 Millionen Euro kosten, schlicht die durchaus simplen (und daher wohl auch sehr kompliziert formulierten) Vorannahmen dieser Forschung noch einmal wiederholt.

Auch so wird klar: In der Fixierung auf – implizit oder explizit durchgehend als heterosexuell-männlich verstandene – Herrschaftsstrukturen folgen die Gender Studies eben den Mustern handelsüblicher Verschwörungstheorien, die ebenfalls nicht an offenen Forschungen, auch nicht an Veränderungen, sondern jeweils nur an der Bestätigung ihrer ursprünglichen Annahmen interessiert sind.

In der nächsten Folge unserer kleinen Sommerreihe: Wie könnten denn nun seriöse Gender Studies aussehen? Oder kann es sowas gar nicht geben? Und ist Adorno wirklich an allem schuld?

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die verlinkte Schrift „Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie“ der grünen Heinrich-Böll-Stiftung, mit Ausnahme der Schiller-Zitate aus:

Friedrich Schiller: „Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen“, in: ders., Sämtliche Werke in 5 Bänden. Band 5: Erzählungen. Theoretische Schriften, hrsg. von Gerhard Fricke und Herbert G. Göpfer, München 1980, S. 570-669

Vielen Dank an Matthias Mala für den Hinweis auf das Villa-Interview.
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10 Comments

  • Wissenschaft von unten, von oben installiert – das umschreibt die Absurdität des elitär-exklusiven Genderprojekts genau.

    Gender Mainstreaming als Umsetzung der von den Genders angestrebten gesellschaftspolitischen Veränderungen propagiert die top-down Implementierungsstrategie, also von oben nach unten. Das sagt ja wohl alles über das Demokratieverständnis der Genders, die offensichtlich und bewusst aus einer Herrschaftsposition operieren und sich dem sachlichen Diskurs verweigern.

    Dass gerade diese Mischpoke so tut, als seien sie herrschafts- und systemkritisch, obwohl sie Teil des Etablishements sind und sich als elitär begreifen, ist Heuchelei. Ihre Revoluzzerattitüde aus einer staatsalimentierten Position ist bloss tradierte Folklore, die längst vergangene Zeiten beschwört.

  • @ Peter Was dazu passt, ist ja auch eine furchtbare Sprache, wie sie u.a. in dem Villa-Interviewausschnitt deutlich wird. Vordergründig geht es der Gender-Forschung um „diversity“, um die Möglichkeit ganz verschiedener Ansätze und Lebensweisen – mit ihrer Sprache aber verschanzen sich die Protagonistinnen zugleich im akademischen Elfenbeinturm und passen auf, dass niemand sonst hereinkommen kann.

    Zugleich ist das natürlich auch ein Mittel, um eine demokratische Kontrolle des eigenen Agierens zu vermeiden – wer, außerhalb akademischer Zirkel, könnte schon genau angeben, was eigentlich mit „Gender“ gemeint ist. Und was dann von Villa etc. an Erklärungen kommt, wirft eher neue Nebelkerzen, als mal irgendetwas zu verdeutlichen.

  • Was dazu passt, ist ja auch eine furchtbare Sprache, wie sie u.a. in dem Villa-Interviewausschnitt deutlich wird. Vordergründig geht es der Gender-Forschung um „diversity“, um die Möglichkeit ganz verschiedener Ansätze und Lebensweisen – mit ihrer Sprache aber verschanzen sich die Protagonistinnen zugleich im akademischen Elfenbeinturm und passen auf, dass niemand sonst hereinkommen kann.

    Das nannte ich exklusiv-elitär. Das Diversitykonzept der Genders wär übrigens einen eigenen Artikel wert. Diversity als Vielfalt bezieht sich bei den Genders nicht auf eine Meinungspluralität, die die gesellschaftliche Vielfalt in diesem Sinne abbildet, sondern auf ziemlich willkürlich konstruierte Gruppen, die als randständig wahrgenommen wie soziale Klassen mit einem Klassenbewusstsein behandelt werden.

  • „… problematisch aber ist, dass (Gärtner) ihn (Amendt) lediglich als prinzipiellen Gegner präsentiert, ohne auch nur einen Moment lang die Frage zu stellen, ob zu einer seriösen Geschlechterforschung nicht auch Forschungen wie die Amendts gehören müssten.“

    Sie haben den Text offenbar nur sehr selektiv wahrgenommen. Gärtner bescheinigt Amendt (und auch Manndat e.V.) TROTZ ihrer Polemik, dass sie durchaus sinnvolle Fragen stellen und ihre Gegenstände einer seriösen Forschung wert sind:
    „Ähnlich wie für Gerhard Amendts Scheidungsväter-Studie gilt auch hier: Sorgfältiger zusammengestellt könnte der Bericht in Teilen
    eine sinnvolle Perspektive auf problematische männliche Lebenslagen ergeben, die man theoretisch freilich stärker fundieren bzw. ausgewogener rahmen und in den Kontext der Forschungsstände zu den jeweiligen Themen stellen müsste.“ (S. 59)

    Er stellt eben anhand vieler Zitate heraus, dass die Autoren „belegschwach“ argumentieren, also genaus das tun, was sie selbst und ihre Bündnispartner (etwa der Ghostwriter Michael Klein) den Gender Studies vorwerfen:
    „Aber auch dort, wo etwa MANNdat e.V. oder Amendt sich relevanten Problemlagen von Männern zuwenden, mindern Ungenauigkeiten, Einseitigkeiten und aggressiver Stil den Erkenntniswert. So wirkt der ideologiekritische Gestus, mit dem – sowohl in den vorgestellten Texten als auch in manch programmatischem Internetbeitrag (etwa von Klein und Diefenbach) – die eigene Position durch einseitige Vereinnahmung von Wahrheit, Wissenschaft oder empirischen Fakten durchgesetzt werden soll, allzu durchsichtig.“ (S. 63)

    Der Text lohnt eine konzentrierte Lektüre. Schade, dass die wenigsten „Gender-Gegner“ offenbar zu einer sachlichen Kritik bereit sind. Aber auch nicht überraschend…

  • Vielen Dank für die Hinweise, auch wenn ich ganz anderer Meinung bin und noch noch ein paar Ergänzungen und Einwände habe.

    „Im Folgenden werden einige Texte betrachtet, die den (heterogenen) Milieus der Gender-Gegner_innen entstammen, in denen diese Vorwürfe erhoben werden.“(S. 53) So heißt es zu Beginn des Kapitels über Amendt, MANNdat und Gabriele Kuby, tatsächlich eine sehr heterogere Gruppe (insbesondere was Kuby betrifft), die recht willkürlich zusammengestellt ist. Gemeint sind übrigens die Unwissenschaftichkeitsvorwürfe an die Gender-Forschung.

    Amendt wird also von Beginn an nicht als Akteur der Gender Studies, sondern als Gegner vorgestellt, trotz seines Themas – dem Marc Gärtner als Autor dieses Kapitels, da haben Sie recht, Relevanz für die „Problemlagen von Männern“ bescheinigt (es geht Amendt natürlich auch um die Problemlagen von Kindern, aber das gehört hier wohl nicht her). Diese Rahmung ist auch notwendig für das Grundargument des Teils: Die Gegner würden den Gender Studies Unwissenschaftlichkeit vorwerfen, agierten dabei selbst unwissenschaftlich, nähmen das aber nicht wahr.

    Nirgendwo aber erkennt Gärtner Amendts Forschung als Teil der Gender Studies an, und das Grundargument ist daher auch nicht: Die Gender Studies müssen ihre wissenschaftlichen Standards konkretisieren, ganz gleich, ob sie auf die Problemlagen von Frauen (der überwiegende Teil) oder die von Männern (Amendt) konzentriert sind.

    Gärtner stellt Amendt übrigens mit dem Hinweis vor, er fordere unter dem Titel „Hort des Männerhasses“ in einem Welt-Artikel die Abschaffung der Frauenhäuser. (S. 54) Das kann ehrlich so nur jemand präsentieren, der von dem fraglichen Artikel nicht mehr als die Überschrift gelesen hat. Tatsächlich geht es Amendt, und zwar mit sachbezogenen und in meinen Augen zum Teil sehr guten Argumenten, nicht einfach um die Abschaffung der Frauenhäuser, sondern um ihr Ersetzen durch „ein Netz von Beratungsstellen für Familien mit Gewaltproblemen“, die er für dringend notwendig hält. http://www.welt.de/politik/article3936899/Warum-das-Frauenhaus-abgeschafft-werden-muss.html

    Gärtner stellt Amendt also nicht nur tendenziös vor, es wird auch gleich deutlich, warum er ihn trotz der Relevanz für „Problemlagen von Männern“ als Gegner der Gender Studies betrachtet, nicht als Teil von ihnen: Amendt fehlt es, als „Protagonist des Antifeminismus“ (S. 54), an der richtigen Weltanschauung.

    Im Übrigen: Eine Forschungsrichtung, die mit vielen Millionen aus staatlichen Mitttlern finanziert wird, muss selbst ihre Wissenschaftlichkeit nachweisen – der (stichhaltige oder nicht stichhaltige) Nachweis, dass Kritiker nicht wissenschaftlich seien, reicht nicht.

    Ich habe den Text konzentriert gelesen. Sie auch?

  • „Schade, dass die wenigsten „Gender-Gegner“ offenbar zu einer sachlichen Kritik bereit sind. Aber auch nicht überraschend…“

    Das Problem ist doch viel mehr, daß die Gender-Religion nicht in der Lage ist, sachliche Kritik als solche zu akzeptieren. Die verschiedenen Immunisierungsstrategien liefern ja schon alleine genug Stoff für ein Buch. Kritikern wird wahlweise Inkompetenz vorgeworfen, weil sie „Gender“ angeblich nicht verstehen (muß man ja auch nicht, das Verständnis von Wissenschaft im allgemeinen und Biologie im speziellen reicht ja aus), gerne auch Voreingenommenheit (die völlig belanglos ist, das sind Genderisten schließlich auch, deutlicher sogar – was zählt, ist die wissenschaftliche Qualität und Überprüfbarkeit der Argumente), u.v.m. was den Rahmen dieses Kommentars sprengen würde.
    Nach dem (nicht wissenschaftlichen, aber dennoch aufklärenden!) Artikel Martensteins kam von einer Gender-„Forscherin“ (leider gibt es Forschung im wissenschaftlichen Sinn in diesem Fachgebiet noch nicht) eine Antwort im Netz – dort wurde in einer schon fast rührend-naiven Albernheit eine Nullhypothese von rein sozial konstruierten Geschlechtern aufgestellt, vermischt mit der These, daß man biologische Prägungen nie zu 100% beweisen könnte (richtig: Wissenschaft erreicht nie 100%, sondern kann sich an die Realität im Rahmen der Beobachtung nur zu 99 oder 99,9999…% annähern), so daß man – leider, leider! – bei der Nullhypothese stehenbleiben müßte. Das aber ist keine Wissenschaft, sondern Beliebigkeit – eine völlig idiotische Nullhypothese kombiniert mit einer erkenntnistheoretischen Banalität um den eigenen, vorgefertigten Standpunkt nicht verlassen zu müssen. Das ist im Nonnenkloster ok, an einer Universität hat das nichts zu suchen.

    Soweit.

    Aber: ich stimme Ihnen durchaus zu, daß das Duo Klein-Diefenbach keineswegs vernünftige wissenschaftliche Kritik an der Gender-Religion übt. Die Texte dort sind i.a. nicht wissenschaftlicher als das, was sie zu kritisieren versuchen. Meist wird auch dort nur eine vorgefertigte Meinung vorgekaut, und eine saubere Argumentation wird durch viel Polemik ersetzt. Das ist schade, denn eine vernünftige Kritik an unserer neuen Staatsreligion wäre sehr, sehr wichtig – auf lange Sicht ist die antwissenschaftliche Beliebigkeit der Genderisten massiv wohlstands- und demokratiegefährdend. Und wenn eine Religion erstmal zu viel durchdrungen hat, wird man sie schwer wieder los.

    Deshalb sind Blogs wie dieser hier nicht ganz unwichtig.

  • @ JP Vielen Dank für den Kommentar zum Blog!

    Es wäre schon einiges gewonnen, wenn die geschlechtterpolitische Auseinandersetzung mit biologischen Standpunkten moralisch etwas abrüsten würde, und wenn Biologie – so wie eben, trotz anderslautender Bekundungen, auch in der Böll-Schrift – nicht routinemäßig mit „Biologismus“ assoziiert würde, mit der Naturalisierung gesellschaftlicher Herrschaftsstrukturen etc.

    Denn da sehe ich auch einen religiösen Charakter der Gender Studies: Zum einen in der Selbstbezüglichkeit, dem Abschließen gegenüber anderen Positionen – und zum anderen in der beständigen moralischen Überhöhung von Fragen, die eigentlich als Sachfragen behandelt werden könnten.

  • @JP

    „ich stimme Ihnen durchaus zu, daß das Duo Klein-Diefenbach keineswegs vernünftige wissenschaftliche Kritik an der Gender-Religion übt.“

    Das sehe ich doch anders. Bisher konnte ich der dortigen Argumentation sehr wohl folgen.
    Die Kritik ist vernünftig, wenn auch manchmal nicht wissenschaftlich. Das kann man bei den besprochenen Gegenständen aber auch nicht immer erwarten. Pure Behauptungen und reine Erfindungen (der Gendersens) kann man teilweise nicht und muß man auch nicht immer wissenschaftlich kritisieren.

    Und die „vorgefertigten Meinungen“ werden immerhin begründet.

    Ich vermute Ihnen gefällt einfach nur der Stil der beiden (Diefenbach, Klein) nicht.

    Wie würden Sie denn reagieren wenn zB Ihre Aussagen immer wieder verfälscht „zitiert“ würden? Da darf es doch auch mal etwas Polemik sein?

    DerdieBuchstabenzählt

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