Wissenschaft

Gender Studies und die Logik der Feindschaft

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geschrieben von: Lucas Schoppe
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Alexandra Weiss, Innsbrucker Koordinatorin im Büro für Gleichstellung und Gender Studies, ist richtig sauer – doch zum Glück gibt ihr die taz die Gelegenheit, ihre Empörung öffentlich zu machen:
„Die aktuell populäre Rede von der „Krise der Männlichkeit“ und der damit einhergehende Antifeminismus sind Ausdruck eines Verteilungskampfs. In der Krise sollen damit gefährdete männliche Machtpositionen abgesichert werden.“

Irritierend bei einer Frau, die eine wissenschaftliche und öffentlich finanzierte Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen zu ihrem Beruf gemacht hat, ist hier unter anderem die Tatsache, dass sie noch nicht einmal auf die Idee kommt, es könnte tatsächlich auch gesellschaftliche Nachteile für Männer geben – jedes Reden davon habe lediglich die Absicherung männlicher Machtpositionen im Auge.

Stattdessen ist sie darauf konzentriert, dass die österreichischen Medien „den antifeministischen Diskurs forcieren“ – auch hier unterstellt sie Machtinteressen, erwägt aber nicht die Möglichkeit, dass über Nachteile von Männern vielleicht ja auch deshalb ab und zu berichtet wird, weil diese Nachteile real sind. Sie zählt entsprechende Berichte kurz auf und bringt ganz– als sei die bloße Tatsache, dass jemand feminismuskritisch argumentiert, schon Beweis für die Unhaltbarkeit seiner Argumentation – kaum Gegenargumente.

Ausnahme ist die mehrfach variierte, aber nirgends belegte Behauptung, dass in feminismuskritischen Positionen „Erzählungen über Einzelfälle (…) gesellschaftstheoretische Analysen und statistische Daten“ ersetzen würden und, tatsächlich, dass „die gewählte Sprache (…) nahe der Umgangssprache“ sei (was sich jedoch für Kenner und Leidtragende des Gender Studies-typischen Jargons vermutlich regelrecht verheißungsvoll liest).

Abschließend empört sich Weiss darüber,

„dass gerade im Feld der Geschlechterpolitik und -theorie Qualitätsstandards obsolet wurden und nun (fast) alles sagbar ist“

– was selbstverständlich nichts, aber auch gar nichts mit „Meinungsfreiheit“ zu tun habe.

Der Text wirft noch einmal ein Licht auf zwei wesentliche Probleme der Gender Studies, die in den vergangenen Artikeln der kleinen Reihe Über die Denkmöglichkeit seriöser Gender Studies angesprochen wurden. Dort, wo sie konkret und genau sein müssten, in der Ausformulierung eigener Standards und in der Ausarbeitung klarer Methoden – dort bleiben sie allgemein und diffus. Dort aber, wo sie sich öffnen und weiträumig anschlussfähig sein müssten, verschließen sie sich willkürlich, sind fixiert auf feministische Deutungsroutinen und imaginieren schon den bloßen Zweifel als Kollaboration mit männlicher Herrschaft.

Warum man mit Adorno keine Gender Studies basteln kann Es lohnt sich, kurz einen Blick auf theoretische Hintergründe dieser Probleme zu richten. Manfred Köhnen wirft in der Schrift der grünen Heinrich-Böll-Stiftung zur Verteidigung der Gender Studies dem Blog „Kritische Wissenschaft“ vor, in seiner Gender Studies-Kritik einseitig die Position Karl Raimund Poppers zu vertreten und „noch nicht einmal eine Fußnote zum Positivismusstreit in der deutschen Soziologie“ einzufügen (S. 45) – was übersetzt bedeutet, dass das Blog die durch Adorno prominent vertretene Gegenposition nicht würdige.

Im Positivismusstreit, initiiert durch zwei 1961 gehaltene Vorträge Poppers und Adornos zur „Logik der Sozialwissenschaften“, geht es, kurz gefasst, um den Stellenwert empirischer Überprüfbarkeit von Theorien. Während für Popper sinnvolle wissenschaftliche Sätze prinzipiell empirisch widerlegbar sein müssen, zweifelt Adorno grundsätzlich an der Vertrauenswürdigkeit empirischer Daten in der Sozialwissenschaft. Einzelbeobachtungen seien immer durch gesellschaftliche Strukturen insgesamt geprägt, und Einzeldaten würden täuschen ohne „die Antizipation jenes strukturellen Moments, des Ganzen“.

Wer also auf die einzelnen Daten baue, „sabotiert sich selbst samt dem Begriff der Wahrheit“, weil er übersehe, wie sehr sich in diesen Daten selbst „das gesellschaftliche Unwahre“ zeige. Knapp ausgedrückt: In einer Gesellschaft, die insgesamt falsch ist, kann man nach Adorno nicht naiv von der Richtigkeit einzelner Beobachtungen ausgehen.

Es ist verständlich, dass diese Position für die Autoren einer Schrift interessant ist, die gegen ein „sehr enges Verständnis von Wissenschaftlichkeit“ (S. 7) argumentieren und damit eben die Zumutung empirischer Überprüfbarkeit wissenschaftlicher Positionen meinen. Allerdings können sie sich tatsächlich kaum auf Adorno berufen – und der Grund, warum sie das nicht können, ist charakteristisch für die Gender Studies insgesamt.

Adorno distanziert sich in seinem Vortrag, darin Popper ausdrücklich zustimmend, von einer „Standpunktsphilosophie“ und „Standpunktssoziologie“ – der Gedanke, dass die parteiliche Sicht von einem bestimmten Klassenstandpunkt oder die „Sicht von unten“ „bessere Wissenschaft“ produziere, ist Adorno ebenso fremd wie Popper. Der Grund lässt sich erläutern an einer Schrift Adornos, die vier Jahre später erschien, an seinen „Meditationen zur Metaphysik“.

„Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll. (…) Wer für Erhaltung der radikal schuldigen und schäbigen Kultur plädiert, macht sich zum Helfershelfer, während, wer der Kultur sich verweigert, unmittelbar die Barbarei befördert, als welche die Kultur sich enthüllte. Nicht einmal Schweigen kommt aus dem Zirkel heraus; es rationalisiert einzig die eigene subjektive Unfähigkeit mit dem Stand der objektiven Wahrheit und entwürdigt dadurch diese abermals zur Lüge.“ (Meditationen zur Metaphysik, S. 62)

Eine Kultur, in der Nationalsozialismus und organisierte Massenmorde in den Vernichtungslagern möglich wurden, ist für Adorno in radikaler Weise nicht vertrauenswürdig. Wer diese Kultur verteidige, produziere ebenso Müll wie derjenige, der sie kritisiere und ja doch zugleich ein Teil von ihr sei, und auch das Schweigen biete keinen Ausweg. Es ist dem gegenüber naiv, wenn Köhnen und co. glauben, dass das ja alles so sein möge – aber wer die Position von reflektierten Frauen einnehme und die heterosexuelle Matrix kritisiere, der habe eben doch einen Ausweg gefunden.

Adornos systematische Produktion theoretischer Ausweglosigkeiten ist, wahlweise oder abwechselnd, in inspirierender oder ärgerlicher Weise provozierend – eine Grundlage für einen „Wissenschaftsbereich“ (S. 32) ist sie in keinem Fall. Wer Adorno wie Köhnen für die Gender Studies vereinnahmt, der simplifiziert seine Position ebenso wie die konservativen Kulturmarxismus-Schattenboxer, die Adorno und die Frankfurter Schule als Totengräber der westlichen Kultur phantasieren.

Die Logik der Feindschaft Wichtig ist in jedem Fall: Wer eine umfassende Herrschaft imaginiert, ganz gleich von wem, der lässt keinen Raum mehr für eine Position außerhalb dieser Herrschaft. Während Adorno diesen Schluss konsequent zieht, versuchen Köhnen und co., die Phantasie umfassender hegemonialer Strukturen durch die Idee einer guten, natürlich irgendwie weiblichen Gegenposition zu ergänzen. Was sie dadurch produzieren, ist lediglich eine Position des Ressentiments, die sich in die irrwitzige Idee verstrickt, ausgerechnet die Pflege gruppenbezogener Feindschaft würde „bessere Wissenschaft“ begründen.

Antisemiten pflegen ihre Feindschaft, wenn sie von einer „jüdischen Weltherrschaft“ phantasieren. Rassisten pflegen ihre Feindschaft, wenn sie glauben, die weiße Rasse sei durch die Übermacht anderer, „niederer“ Rassen bedroht. Wenn aber wie die Autoren der Böll-Stiftung Wissenschaft als Parteinahme für Unterdrückte verstehen, die umfassend durch als männlich phantasierte Machtverhältnisse unterjocht würden, dann hat das selbstverständlich nichts mit Feindschaft zu tun, sondern macht eine seriöse Forschung überhaupt erst möglich. Das ist so, als würde man die Gewalt auf Schulhöfen dadurch aus der Welt schaffen wollen, dass man die Schulhof-Bullies kurzerhand zu Konflikt-Mediatoren erklärt.

Ein gerade in seiner selbstverständlichen Alltäglichkeit schönes Beispiel für diese Feindschaft liefert Anna-Katharina Meßmer, ausgezeichnet mit dem Grimme-Online-Award, hoffnungsvolles SPD-Mitglied und Doktorandin am Gender Studies-Lehrstuhl von Paula-Irene Villa mit einer Arbeit über Schamlippenschönheitschirurgie („Der Kampf um die Vulva hat begonnen. Intimmodifikation zwischen Zwang und Selbstermächtigung“ – womit sie gewiss den Verdacht eindrucksvoll widerlegt, Gender-Forscherinnen betrieben aus Steuermitteln nichts als eine eitle, dafür aber langwierige Selbstbeschau).

„Schöner Scheitern mit WHMs“

twittert sie fröhlich unter dem Namen „Totalreflexion“ (auf die beeindruckende Reflexionsfähigkeit der Gender-Forscherinnen weisen auch die Böll-Autoren bekanntlich wiederholt hin). Mit „WHM“ sind weiße heterosexuelle Männer, white heterosexual males gemeint – es könnten natürlich ebenso gut weiße homosexuelle Männer sein, darauf kann Meßmer pfeifen, schwule Männer werden im Feminismus ohnehin nur gerade so lange empathisch dargestellt, so lange diese Darstellung sich gegen Hetero-Männer instrumentalisieren lässt.

Es schließen sich ein paar kleine infantile Wortspiele mit einem Twitter-Buddy an, und ein Mann, der gegen die kindische öffentliche Verächtlichmachung von Männern protestiert, liefert der akademischen Elite Deutschlands damit nur eine weitere Vorlage, das lächerliche Spiel fortzusetzen.

Interessant ist eben gerade die unmotivierte Alltäglichkeit der Feindschaft, die Meßmer pflegt. Noch im genussvollen Spott über das Scheitern von Männern ist die Phantasie einer männlichen Herrschaft aufbewahrt – eben gerade diese Phantasie ermöglicht es ihr, die Schwierigkeiten anderer ohne alle Empathie, auch ohne alle geheuchelte Empathie, anzusprechen und auszukosten. Es gehört nicht viel Unterstellungsbereitschaft dazu, die soziale Primitivität der angehenden Gender Studies-Doktorin mit der strukturellen gruppenbezogenen Feindschaft ihres Wissenschaftsbereichs in Verbindung zu bringen.

Seriöse Geschlechterforschung? Das ist nicht nur a-sozial, sondern auch schlicht schade, denn eigentlich sprechen sehr gute Gründe für seriöse Geschlechterwissenschaften. Würde beispielsweise die niedrigere Lebenserwartung von Männern an die von Frauen angeglichen, dann wären die gesundheitlichen Folgen größer und positiver, als wenn ein allseits wirksames Mittel gegen den Krebs entdeckt würde – so kommentiert Randolph Nesse seine Studie zu dem Thema.

Es gibt also ein erhebliches sachliches Interesse daran, die Gründe für diese Geschlechterunterschiede aufzudecken und zu beseitigen. Vergleichbares gilt für die deutlich höhere Selbstmordrate von Männern. Wer solche Forschungen aber anstellen wollte, müsste Abschied von der Vorstellung einer männlichen Herrschaft nehmen und beispielsweise davon absehen, jedem Mann, der sich selbst getötet hat, Triumphgesten à la Meßmer hinterherzuschicken.

Auch „diversity“, Verschiedenheit, ein Lieblingsbegriff von Gender-Forschern, könnte eine wichtige Bedeutung haben – wenn es tatsächlich darum ginge, Menschen ganz unterschiedliche Gestaltungen ihrer geschlechtlichen Identität zu ermöglichen. Stattdessen beschränken sich die Gender Studies auf ein absurdes Verständnis des Begriffs, wenn sie weiße heterosexuelle Männer als Erzfeinde der „diversity“ identifizieren und so ein Modell der Verschiedenheit entwickeln, das auf dem konsequenten, ressentimentgeladenen Ausschluss eines großen Teils der Bevölkerung basiert.

So müsste eine seriöse Geschlechterforschung also grundsätzlich von der Idee Abschied nehmen, sie würde sich nicht grundsätzlich mit den Verschiedenheiten oder Gemeinsamkeiten der Geschlechter, sondern mit klischeehaft imaginierten, umfassenden Machtstrukturen auseinandersetzen. Diese Idee führt in eine Logik des Ressentiments, nicht in seriöse Wissenschaften.

Interdisziplinarität Sie ist aber verantwortlich für die halsbrecherische, auch radikal naive „Interdisziplinarität“ der Gender Studies – da die hegemoniale Logik der Geschlechterverhältnisse die gesamte Gesellschaft durchdringe, müsse sie also auch überall nachweisbar sein, in den Sozialwissenschaften ebenso wie in der Mathematik oder der Botanik. Es kann sicherlich, wie in anderen Feldern auch, für einige Forschungsprojekte sinnvoll sein, sie interdisziplinär anzulegen – die Gender Studies als grundsätzlich interdisziplinär formierten „Wissenschaftsbereich“ zu entwerfen, leistet lediglich dem ideologischen Ansatz Vorschub, diesen Bereich nicht durch ein gemeinsames Thema oder durch gemeinsame sachbezogene Fragen, sondern durch eine gemeinsame Weltanschauung zu definieren. Für eine seriöse Ausgestaltung hingegen wäre es wichtig, dass die Gender Studies ihre Methoden und ihre Grenzen konkretisieren.

Demokratische Kontrolle Dazu gehört eben auch, sich demokratischer Kontrolle zu stellen, anstatt Ressentiments gegen die demokratisch verfasste Gesellschaft und ihre „Geschlechterordnung“ zum Anlass zu nehmen, es sich in akademischen Wagenburgen gemütlich zu machen. Die Gender Studies sind ja nicht deswegen eine akademische Erfolgsgeschichte, weil sie allseits überzeugende Ergebnisse erarbeitet hätten – sondern weil die Idee, Forschung für die Unterdrückten zu betreiben (und dabei eigentlich nur diejenigen Gruppen zu bedienen, die seit eh und je schon privilegiert sind), eine große Werbewirksamkeit hat.

Wer von dieser Idee Abschied nimmt, muss stattdessen eben nachprüfbar machen, wofür die angesichts der Neuheit des Fachbereichs horrenden öffentlichen Mittel eigentlich verwendet werden. Sinnvoll wäre dafür nicht nur eine sprachliche Abrüstung des gender-typischen Jargons, die sich beispielswiese an dem Einstein zugeschriebenen Satz orientieren könnte, dass man alles so einfach wie möglich ausdrücken solle, aber nicht einfacher. Sinnvoll wäre auch ein Abschied von dem Begriff „Gender“ in der Bezeichnung des Bereichs. Schließlich können außerhalb akademischer Zusammenhänge vermutlich nur wenige nachvollziehen, was mit diesem Begriff eigentlich gemeint ist.

Öffnungen Das hätte zugleich den Vorteil, dass mit einem Ende der Fixierung auf die soziale Konstruktion von Geschlechtern etablierte Fächer wie die Biologie nicht mehr mit Ressentiments betrachtet werden müssten. Eben dies wäre die dritte Bedingung für eine seriöse Geschlechterwissenschaft, ganz wie sie das Feuerbringer-Magazin schon beschrieben hat – die Gender Studies müssen ihre Barrikaden abbauen. In der Literaturwissenschaft beispielsweise können fraglos sowohl Marxisten wie Anti-Kommunisten arbeiten, in den Gender Studies hingegen ist es ebenso fraglos ein Grund zur Ex-Kommunikation aus dem Fachbereich, antifeministische Positionen zu formulieren.

Statt dessen müsste eine seriöse Geschlechterforschung die Lebensbedingungen von Männern ebenso ernst nehmen wie die von Frauen, auch die von alten weißen heterosexuellen Männern, und maskulistische, feminimuskritische, feminismus- und maskulismuskritische Positionen müssen dort eine ebenso selbstverständlichen Platz haben wie feministische.

Dass eine solche seriöse Geschlechterforschung utopisch ist, liegt eben daran, dass in den vergangenen Jahren mit verantwortungsloser Kopflosigkeit und enormen finanziellen Einsatz ein „Wissenschaftsbereich“ flächendeckend aufgebaut wurde, der bis heute in jeder Hinsicht einen Nachweis schuldig geblieben ist, seriöse wissenschaftliche Standards entwickeln und etablieren zu können oder auch nur zu wollen. Wer nun aber in diesem Bereich Positionen besetzt, wird sie auch verteidigen.

Es ist sehr schade, aber wohl auch kein Zufall, dass dieser Bereich in eben der Zeit überhastet und kopflos etabliert wird, in der sich die außer-akademische Diskussion über Geschlechterverhältnisse – wie ja etwa der eingangs zitierte Text von Weiss zeigt – öffnet und von feministischen Einseitigkeiten verabschiedet. Der Feminismus wagt nicht den langen Marsch durch die Institutionen, sondern verschanzt sich in ihnen.

Die Autoren der Böll-Stiftung liegen also so falsch wie nur möglich, wenn sie glauben, Kritiker der Gender Studies hätten Angst vor einem Wandel der Geschlechterverhältnisse (S. 68) – tatsächlich sind es eben gerade die Gender Studies, die den Zweck erfüllen, das akademische Gespräch über „Geschlechterverhältnisse“ für die nächsten Jahrzehnte stillzustellen und eine Forschung zu etablieren, die nicht forscht, sondern zuverlässig allein an der Bestätigung ihrer eigenen Voraussetzungen interessiert ist.

Kurz gefasst: Die größten Feinde einer seriösen Geschlechterforschung agieren wohl in den institutionalisierten Gender Studies.
Das ist nun das Ende der kleinen Sommer-Serie. Es folgt noch als Nachschlag ein exklusiver Service für Gender-Studenten, den ich gemeinsam mit Frau Professorin Paula-Irene Villa erarbeitet habe (Frau Professorin Paula-Irene Villa weiß allerdings von dieser Zusammenarbeit noch nichts, wie ich fairerweise zugestehen muss).
Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die verlinkte Schrift „Gender, Wissenschaftlichkeit und Ideologie“ der grünen Heinrich-Böll-Stiftung, mit Ausnahme des Adorno-Zitats aus den „Meditationen zur Metaphysik“ aus Petra Kiedaisch: Lyrik nach Auschwitz? Adorno und die Dichter
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32 Comments

  • @ Schoppe

    *Stattdessen beschränken sich die Gender Studies auf ein absurdes Verständnis des Begriffs, wenn sie weiße heterosexuelle Männer als Erzfeinde der „diversity“ identifizieren und so ein Modell der Verschiedenheit entwickeln, das auf dem konsequenten, ressentimentgeladenen Ausschluss eines großen Teils der Bevölkerung basiert.*

    Das ist nicht absurd, sondern für einen Geschlechtersozialisten nur konsequent, für den weiße heterosexuelle Männer die „Bourgeoisie“ der Geschlechterklassengesellschaft repräsentieren, die entmachtet werden muss.

    Natürlich ist die ganze Ideologie, die sich als Wissenschaft tarnt, absurd, aber im Rahmen des Wahns ist die Bekämpfung weißer heterosexueller Männer logisch und konsequent.

    Auch Empathie muss man mit dem Klassenfeind nicht haben, schon gar nicht als Angehörige des Geschlechterproletariates = Frau.

    Frau Meßmers Witzeln ist also als ethisch verwerflich nur erkennbar von einem Standpunkt außerhalb des ideologischen Systems, dem sie sich verschrieben hat.

    *Es ist sehr schade, aber wohl auch kein Zufall, dass dieser Bereich in eben der Zeit überhastet und kopflos etabliert wird, … *

    Überhastet und kopflos?

    Das Vorgehen erscheint mir sehr planmäßig und überlegt. Die Gesellschaftsingenieure, die das Projekt „Geschlechterklassenlose Gesellschaft“ vorantreiben, wissen, was sie tun.

    Die alte Ordnung dekonstruieren, die neue top-down implementieren, etwa durch Einrichtung von Genderprofessuren, für die das Professorinnenprogramm genutzt wird, das in allen Fachbereichen Genderprofessuren einzurichten ermöglicht.

    Genderprofessuren, die das Potential haben, um von dort aus ideologische Gleichrichtung und Überwachung etwaiger Unbotmäßiger zu betreiben, FLÄ'CHENDECKEND, im gesamten akademischen Bereich.

    Hier ist ein neuer (alter) Totalitarismus im Anmarsch (früher Religion, dann Rassenlehre/Klassenlehre im Kommunismus, heute Genderismus), diesmal als Geschlechtersozialismus, der die neue, geschlechterklassenlose Zukunftsgesellschaft aufzubauen verheißt und – weil er ja dem vorgeblich Guten dient – Richtlinienkompetenz allüberall beansprucht.

    Wer sich ihm entegegenstellt, die Ideologis zu kritisieren wagt, zeigt, dass er ein Feind des Guten ist.

    * Der Feminismus wagt nicht den langen Marsch durch die Institutionen, sondern verschanzt sich in ihnen.*

    Er hat ihn „gewagt“ und ist gerade dabei, ihn erfolgreich zu vollenden.

    Nun, angekommen, kann man sich natürlich gut verschanzen und von den eroberten Positionen herab den ideologisch bestimmten Gesellschaftsumbau, der ja angenehmerweise immer auch Selbstförderung der ideologsichen Kader ist, weiter vorantreiben.

    All das hinter Tugendphrasen wohl versteckt.
    „Kampf für Gleichheit“ – muss ja etwas Gutes sein – für Geschlechtersozialisten bestimmt – auch wenn das Gleichzustellende u.U. von Natur aus ungleichartig ist (im Schnitt) und deshalb nur durch Abschaffung von Freiheit und Gleichberechtigung klassenmäßig gleichgestellt werden kann.

    Aber was sind Freiheit und Gleichberechtigung schon wert, wenn sie dem Aufbau des absolut und fraglos Guten, der geschlechterklassenlosen Gesellschaft, die alle Ausbeutungs – und Gewaltverhältnisse zu einem paradiesischen Ende bringen wird, im Wege stehen?

    Denn die behauptete uranfängliche Unterdrückung der Frauen(klasse) durch die Männer(klasse) ist die fundamentale Unterdrückungssünde der Menschheitsgeschichte, die Ur – und Erbsünde dieser säkularen Erlösungsreligion.

    Wenn wir von der erlöst werden, steht dem Paradies auf Erden nichts mehr im Wege.

    Ich erwarte dagegen eine neue Hölle, wenn diese Ideologen nicht gestoppt werden, denn der Sang ist mir nur allzu vertraut.

  • AUF EINER Ebene ist da Ganze eine Travestie des Sozialismus. Der war schon im 19. Jhdt. ein Mittel der intellektuellen Bourgeoisie, als „Elite des Proletariats“ die Arbeiterbewegung zu übernehmen, in den 60ern wurden die Interessen von Oberschichtskindern (Luxus ohne eigene Arbeit) mit (aus Sicht von deren Eltern) schockierend linken Phrasen versehen, dann kamen die höheren Töchter…

    Heute ist gender eine Veranstaltung, die alle einst linken, revoltierenden Beunruhigungen in der Gesellschaft aufsaugt, indem DIE FRAU zu dem unterdrückten Wesen schlechthin wurde – um eben dieses Aufsaugeeffektes willen: man kann nicht mehr links sein, ohne als erstes und fast schon einziges Übel die Unterdrückung der Frau zu bekämpfen. Faktisch unterstützt man damit aber die kleine Elite potenzieller Quotenfrauen – die hinter dem Rücken der Geschlechterkampfrhetorik sich die Spitzenplätze mit ihren Vätern / Brüdern / Ehemännern teilen. Die Quote richtet sich ja nicht und nie gegen die Männer, die schon „oben“ sind, sondern nur gegen solche, die erst noch „hinauf“ wollen.

    Geschlechterkampf für den Pöbel vs. den Pöbel ausschließende gender-gerechte Verteilung der Spitzenplätze zwischen den Damen und Herren der Oberschicht.

    DAS ist das gesamte Geheheimnis.

  • @ Anonymus

    *Geschlechterkampf für den Pöbel vs. den Pöbel ausschließende gender-gerechte Verteilung der Spitzenplätze zwischen den Damen und Herren der Oberschicht.*

    Ja, es gibt zahlreiche Interessenkoinzidenzen zwischen den Eliten des Finanz-und Konsumkapitalismus und den Geschlechtersozialisten (Zerschlagung der Familie, erhöht die Konsumentenzahl; raubt dem Individuum den Rückhalt einer von Korporationen/staatlichen Institutionen unabhängigen Strukrut, die zur Not und in der Not einspringen könnte – der Einzelne ist verwundbarer, abhängiger, beherrschbarer, totale Mobilmachung auch der Frauen für die Erwerbsarbet – erhöht das Angebot, senkt die Löhne; Beschäftigung der „Linken“ mit Geschlechterklassenkampf – lässt kapitalistische Interessen weitgehend unberührt; Verweiblichung von Parteien/Gewerkschaften – schwächt deren Kampfkraft, wo Frauen sind, wird kaum gekämpft, wo gekämpft wird, sind kaum Frauen usw.).

    Ich denke, das ist auch der Grund, warum die „Geschlechterlinke“ so viel erfogreicher ist als die klassische, marxistische Linke, gegen die Kapitalisten energisch kämpften, warum sie soviel tiefer und weiter in's ZNS westlicher Gesellschaften vordringen konnte.

    Die neue Geschlechterlinke wird durchgewunken, in den Medien, in den Universitäten, in der Politik.

    Von der Höhe der Bankentürme und Konzernzentralen aus erscheinen die Geschlechterlinken als nützliche Idioten.

    So wie diese wohl auch ihre Förderer und Ermöglicher einschätzen.

    Eine der beiden Seiten irrt sich.

    Zudem ist die Geschlechterlinke anschlussfähig an tief sitzende Instinktdispostionen des Säugetieres Mensch, bei Konservativen und linken Frauen und Männern („Frauen muss mann helfen, schützen und versorgen!“).

  • @Roslin

    „Eine der beiden Seiten irrt sich.“

    Ich bin mir da nicht sicher. Natürlich wird es ein paar nützliche Idioten unter dem gender-Fussvolk gehen, aber dass Fussvolk verheizt wird, ist ja nichts Neues.

    Ansonsten frage ich mich schon, ob es sich da nicht um ein sehr bewusstes Zusammengehen handelt (nicht umsonst gibt es diese Ehen gender-Professorin oder -Journalistin mit Spitzenmanager).

    Manchmal ist es ganz simpel: Viel Theorie, die den Kopf qualmen machtr, erklärt sich ganz simpel, sobald man die anschaut, die davon leben / profitieren.

    Deshalb: Einfach mal solche Rechnungen aufmachen, ganz konkret…

  • @ Alexander „aber im Rahmen des Wahns ist die Bekämpfung weißer heterosexueller Männer logisch und konsequent.“ Natürlich, wer straff bei einer Weltanschauung bleibt, die sich gegen Kritik und Relativierung immunisiert, kann allerhand Absurditäten als rational empfinden, z.B. auch die eigene Bevölkerung einmauern, um sie zu befreien.

    Es ist aber gerade wichtig, den Rahmen etwas zu vergrößern, einige Positionen der Gender Studies in einen weiteren Kontext zu stellen – anstatt zu akzeptieren, dass sie rechtmäßigerweise immer nur ihr eigener Kontext sein dürften.

    Ähnlich ist es mit folgendem Punkt:
    „Das Vorgehen erscheint mir sehr planmäßig und überlegt.“ Sicherlich ist es das auch, vom Standpunkt des Terraingewinns betrachtet. Im Lichte der Erwartungen an eine rationale Wissenschaftspolitik ist es aber völlig kopflos.

    Wer wirklich glaubt, die Gender Studies hätten wissenschaftliches Potenzial, der hätte ja kleinere Zentren einrichten und überprüfen können, ob die „Studies“ dieses Potenzial wirklich haben bzw. es realisieren können. Das wäre womöglich auch Geldverschwendung gewesen – aber es hätte nicht flächendeckend Strukturen etabliert, die dann vermutlich für Jahzehnte die universitäre Landschaft betonieren. Zig-Millionen investiert, mit einiger Wahrscheinlichkeit mit mehr Schaden als Nutzen – natürlich ist das kopflos (wie gesagt, im Lichte rationaler Erwartungen).

    „Kampf für Gleichheit“ – muss ja etwas Gutes sein – für Geschlechtersozialisten bestimmt – auch wenn das Gleichzustellende u.U. von Natur aus ungleichartig ist (im Schnitt) und deshalb nur durch Abschaffung von Freiheit und Gleichberechtigung klassenmäßig gleichgestellt werden kann.“

    Vertreter der Gender Studies würden natürlich einwenden, dass SIE es ja keineswegs sind, die alle gleichmachen wollen, sondern dass gerade sie für beliebig viele Verschiedenheiten eintreten. Es kommt wohl darauf an, um WELCHE Verschiedenheiten es geht…wer sich freudig in die „heterosexuelle Matrix“ einfügt, wird von Seiten der meisten GS-Vertreter eben nicht auf viel Verständnis rechenen dürfen.

    Die Gleichbehandlung von Ungleichem ist ungerecht – dieses Aristoteles-Prinzip kann man gut auf Situationen beziehen, die Ergebnisse von Verteilungen beschreiben. Wenn etwa jeder Mensch 2500 Euro monatlich bekäme, ohne Rücksicht darauf, was er dafür getan hat. Oder wenn Menschen nach bestimmten, immer willkürlichen Gruppenproportionalitäten Führungspositionen zugeschanzt bekämen, wiederum ohne Rücksicht auf Leistungen.

    Was jedoch gleiche grundsätzliche Rechte angeht, wird die Gleichbehandlung des Verschiedenen eben nicht ungerecht. Und so ist es wohl ein wesentliches rhetorischer Mittel heutiger Frauenpolitik, Gleichberechtigung und Ergebnisgleichheit zu vermischen – und das bedeutet: Gezielt Ungerechtigkeiten im Namen der Gerechtigkeit zu produzieren.

    Ein weiterer Punkt, der im System schlüssig, aber tatsächlich absurd ist.

  • Ich sehe die Gender-Politik nicht als sozialistisch an – der Begriff „Travestie“ passt m.E. sehr gut. Mich interessiert die Frage sehr, warum eigentlich gerade die Parteien mit einem irgendwie „linken“ Selbstverständnis, insbesondere die Grünen und die SPD, so panisch abblocken, wenn die Gleichberechtigung der Geschlechter auch von Männerseite aus eingefordert wird.

    „man kann nicht mehr links sein, ohne als erstes und fast schon einziges Übel die Unterdrückung der Frau zu bekämpfen“ Ich glaube: Je mehr „linke“ Parteien eigentlich bürgerliche Parteien wurden (oder immer schon waren, siehe die Grünen), und zwar solche, deren Mitglieder es vor allem darum ging, die Bewahrung der eigenen Privilegien als „linke“ Politik zu verkaufen – desto nützlicher war es, den Feminismus zum Kernbestandteil linker Poltik zu erklären und den „Klassenkampf“ (so sehr der sich ohnehin schon totgelaufen hatte) als Geschlechterkampf travestierend neu aufzulegen.

  • @ Alexander „Ich denke, das ist auch der Grund, warum die „Geschlechterlinke“ so viel erfogreicher ist als die klassische, marxistische Linke, gegen die Kapitalisten energisch kämpften, warum sie soviel tiefer und weiter in's ZNS westlicher Gesellschaften vordringen konnte.“ Das finde ich sehr plausibel. Ich weiß nur eben nicht, was denn eigentlich an feministischer Poltik prinzipiell „links“ sein soll.

  • @ Schoppe

    Ich weiß ja auch nicht, Schoppe, was an „linker“ Politik links sein soll (abgesehen von der der Sozialdemokraten, der alten Sozialdemokratie, die sehr früh von der Linken als „sozialfaschistisch“ denunziert wurde, die wirklich etwas zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der kleinen Leute erreicht hatte).

    Auch linke Politik ist ja in erster Linie Elitenpolitik, die die Einfachen und Dummen als Kanonenfutter für ihre Sache benutzen. Nur ist das die Sache einer konkurrienden Elite, einer oppositionellen, die dorthin will, wo die etablierten Eliten bereits sind und die die Dummen und Schwachen als Reitesel benutzen, um dorthin zu kommen.

    Keine Revolution hat je denen etwas gebracht, für die sie angeblich gemacht wurde, auch die 1789'er nicht.

    Ganz im Gegenteil.

    Gestorben sind vor allem die kleinen Leute, verhungert, als Soldaten verheizt, brutalst zusammengeschlagen von den neuen Herren (Vendée), wenn sie aufzumucken wagten.

    Dasselbe hat sich dann in noch weitaus größerem Maßstab und in seiner mörderischen Brutalität noch um ein Vielfaches gesteigert nach 1917 wiederholt im bolschewistischen Russland.

    Links und Rechts, das macht für die Dummen, Armen, Schwachen keinen Unterschied. Sie werden benutzt und belogen.

    Für die Zwecke anderer, interessieren nur als Schwungmasse, die der einen oder anderen Bewegung und deren jeweiligen Anführern Momentum geben soll.

    Spielmaterial für Zyniker.

    Links und Rechts hat für mich längst keine Bedeutung mehr.

    Es interessiert mich nur noch, was REAL an Verbesserung für die, die nicht kapieren können, was läuft, heraus kommt, ob das mit linker oder rechter Phraseologie garniert wird – unwichtig.

    Und möglichst demokratisch sollte es sein.

    Nicht, weil ich von der Demokratie an sich, die ja auch immer nur eine getarnte Form der Elitenherrschaft ist, viel erwartete, nein, aber Demokratie verhindert doch immerhin das Schlimmste, ermöglicht das regulierte Konkurrieren von Eliten, die Ablösung der einen durch die andere ohne Bürgerkrieg und Revolution, ist eine Versicherung gegen das totalitäre Durchregieren einer Seite, jedenfalls solange nicht wieder eine Ideologie mit umfassendem Heilsanspruch und totalitärem Willen ihr hässliches Haupt erhebt.

  • Ich finde es in der Tat einigermaßen faszinierend, wie sehr der vorherrschende Feminismus und seine Institutionalisierung in Form der real existierenden Gender-Studies es geschafft hat, erst die sog. Linke zu vereinnahmen und sich anschließend auch im bürgerlichen Lager fest zu etablieren.

    Anfang des 20. Jahrhunderts gab es noch recht klare Frontlinien zwischen der bürgerlichen Frauenbewegung, die eben die Anliegen der Bürgersdamen fokussierte und sich z.B. aus naheliegenden Gründen einen feuchten Kehrricht um das Elend der Dienstmädchen scherte, und der proletarischen Frauenbewegung, die die Frauenfrage in einen gesamtökonomischen Kontext stellte, als „Nebenwiderspruch“ auffasste.

    Die proletarische Frauenbewegung betrachtete sich als „Unterabteilung“ der Arbeiterbewegung. „Feind“ war in erster Linie nicht „der Mann“, sondern die Kräfte, die die das Elend der Arbeiter aufrecht erhielten.

    Bis Ende der 1960er war die Sozialdemokratie in der Hinsicht auch recht Konsequent: Die „Frauenfrage“ war wichtig, aber eben stets „nur“ Teil eines Gesamtkonzeptes.

    Beinahe jede Errungenschaft bzgl. der Gleichberechtigung der Frau, in Deutschland, wurde durch diese Politik erreicht – angefangen vom Wahlrecht 1918 über das Gleichberechtigungsgesetz 1957 bis hin zur nach der Regierungsübernahme der sozialiberalen Koalition 1969 sogleich in Angriff genommenen Abschaffung des gesetzlichen Leitbildes der Hausfrau 1969. (Da war Alice Schwarzer noch das blonde Hascherl in der PARDON-Redaktion)

  • ..Der vorherrschende Feminismus kam erst Mitte der 1970er auf, als das, was er sich Heutzutage allzugerne auf die Fahnen schreibt – eben aufgrund traditioneller sozialdemokratischer Politik und ohne allzuviel Bohei – schon längst in trockenen Tüchern war. (§218 war zwar vielleicht noch ein Thema, allerdings gab es auch dazu lang etablierte sozialdemokratische Positionen)

    Was Mitte der 1970er an Feminismus aufkam entstammte eher einer ganz anderen Tradition. Das war zum einen ein US-Import: Es war ja schon lange ein Trend, zu schauen was der Große Bruder so macht. Rockmusik, neuer Hedonismus, Selbstverwirklichung (->“Human Potential Movement“), „Counter-Culture“ ..

    Zum Anderen gab es auch eine Rückbesinnung auf die Deutsche Zivilistationskritik des frühen 20. Jahrhunderts (->Jugendbewegung)

    Das waren natürlich in erster Linie bürgerliche Strömungen, die mit traditioneller Sozialdemokratie sehr wenig am Hut hatten. Das war die Grundlage, auf der die GRÜNE Partei entstand. Weg vom Ideal des technologischen Fortschrittes, den man zuvor mit Massenwohlstand verband, hin zum Ökobauernhof, der (für diejenigen, die sich das leisten konnten) Selbstverwirklichung und Rückbesinnung auf innere, natürliche Werte, Entschleunigung, Nachhaltigkeit etc. versprach.

    Man besann sich folgerichtig auf die entsprechenden Geschlechterbilder. Mütterlichkeit als Liebe zu Mutter Natur, die Erdverbundenheit des Weiblichen und der ganze Kitsch. Dementsprechend natürlich auch die „Kritik an der männlichen Wissensproduktion“, „Newtons Rape Manual“ und „die Privilegierung der Geschwindigkeit des Lichtes“: Die Romantik war ja eine fundamentale Kritik an die kalte Rationalität der Auklärung, und da kommt das Ganze ja her.

    Das stand allerdings im krassen Widerspruch zu allem, was sich seit den 1960ern als „neues Frauenbild“ etabliert hatte. Dieses Frauenbild orientierte sich ja daran, dass Frauen und Männer gleichermaßen am (technogischen) Fortschritt und an der Produktion partizieren sollen. Was darauf hinausläuft, dass Frauen auch „ihren Mann stehen“ – wie es ja auch der real existierende Sozialismus versucht hat.

    Der radikale Feminismus hat sich aber nicht weiter um diesen Widerspruch scheren müssen, er hat einfach die Frauenfrage zum Hauptwiderspruch erklärt. Dann ist eben die „männliche Vergewaltigung der Natur und die Abwertung des Weiblichen“ ebenso „Patriarchat“ wie der „Ausschluß der Frauen aus Technik und Produktion“

    Diese „neue Bürgerlichkeit“ hat es geschafft, sich den Begriff „Links“ unter den Nagel zu reißen. Weil die klassische Sozialdemokratie nicht unerhebliche Verluste bei den ursprünglich sozialdemokratieaffinen Bildungsbürgern (Lehrer, Sozialbürokratie etc), an die GRÜNEN, hinnehmen mussten, hielten sie es für Klug zu versuchen, diese Wählerschichten zurückzugewinnen.

    Als diese Politik etabliert war „entdeckte“ man schnell, dass das ursprüngliche Subjekt sozialdemokratischer Politik „undankbarerweise“ doch sowieso „nur die Bildzeitung“ liest und „lieber RTL guckt“, anstatt sich für die Partei zu engagieren. Die Führungskader sind/waren eben selbst eher Bildungsbürger.

    Es ist eben sehr schön: Das Klischeebild von Männlichkeit, an dem sich die bürgerliche Frauenbewegung schon immer abgearbeitet hat ist eben der „Macho-Proll mit Goldkettchen“, der „Bauarbeiter, der lüstern hinterherpeift“, der „working-class deadbeat-dad“

    Es hat also imho sehr viel mit „Eliten“ zu tun, die den Plebs pädagogisieren. Da ist die Gender-„Forschung“ eben der „Think Tank“

    Das sozialdemokratische Projekt ist eben zu einer „Männlichkeitsreform“ mutiert, ganz in der Tradition der „Wohltätigkeits-“ und „Sozialreformbewegung“ der Viktorianischen/Willhelminischen (Bildugs-)Bürgersdamen.

  • Pinker schlägt in 'The blank Slate' als Lösung dieses Problems vor (einem Vorschlag Thomas Sowells folgend), zwei Arten von Visionen zu unterscheiden: die tragische und die utopische. Linke und Feministen wären demnach utopisch.

    „In der utoischen Vision sind psychologische Beschränkungen Artefakte, die aus den sozialen Organisationsformen erwachsen, und daher dürfen wir nicht zulassen, daß sie uns den Blick auf die Möglichkeiten in einer besseren Welt verstellen. Ihr Credo könnte sein: 'Einige Menschen sehen die Dinge, wie sie sind und fragen: Warum?; ich träume von Dingen, die niemals waren, und frage: Warum nicht?'…Nach der utopischen Vision verändert sich die menschliche Natur mit den sozialen Verhältnissen, und darum haben traditionelle Institutionen keinen inhärenten Wert…Traditionen sind die tote Hand der Vergangenheit, der Versuch, aus dem Grab zu regieren. Sie müssen explizit formuliert werden, damit ihre Begründung untersucht und ihr moralischer Wert beurteilt werden kann. In diesem Test fallen viele Traditionen durch: Die Festlegung der Frauen auf Küche und Kinder, die Stigmatisierung von Homosexualität und vorehelicher Sexualität, die abergäubischen Vorstellungen der Religion, die Ungerechtigkeit der Rassentrennung, die Gefahren des Patriotismus.“

    Finde ich einleuchtend.

  • Das Problem an dieser Ausführung ist, dass sie auf den ersten Blick und vorgelesen eine magische Klangfarbe entwickelt.

    Beim nachdenken jedoch stellt sich die Frage woraus das Individuum, welches die utopische Vision entwickelt, den Standpunkt bezieht, wenn nicht aus eben den genannten sozialen Verhältnissen, die auch seine eigene menschliche Natur bestimmen.
    Genau dieser Standpunkt, sein Verhältnis zu den sozialen Verhältnissen bleibt verschwommen und wird eben nicht explizit formuliert – er stellt eine Forderung, die selber nicht einzulösen im Stande ist.

    Es wird hier also implizit ein Individuum „konstruiert“, das sich außerhalb ebendieser Verhältnisse sieht und aus dieser Warte des magischen außen – von der ich behaupte, sie existiert nicht – die Utopie einer besseren Welt entwickelt.

    Dieses Individuum ist offensichtlich den „psychologischen Beschränkungen“ der sozialen Organisationsformen nicht unterworfen und braucht sich daher auch nicht mit der Frage befassen, warum die Dinge sind wie sie sind.
    Sich also mit niederen Dingen wie der empirischen Wirklichkeit auseinander setzten.
    Die es in der historischen Gewordenheit zu verstehen und zu kritisieren gelte, wollte man sie wirklich verändern.

    Denn nun kann das konstruierte Individuum sofort zur – nur exklusiv ihm zugänglichen – Welt als Vision seines Geistes springen und von Dingen träumen “die niemals waren“.
    Auch das ist ein ziemlich erstaunlicher Vorgang, denn er suggeriert, es hätte z.B. niemals eine stigmatisierungsfreie Homosexualität gegeben, was die alten Griechen sehr erstaunt zur Kenntnis nehmen würden.

    Das ist nicht nur elitär, sondern ignorant gegenüber der empirischen Realität und ihrer Geschichte.
    Das sind philosophisch idealistische Schrullen und Intellektueller Eskapismus.

    Gruß, crumar

  • @Jürgen Bolt Danke für das Zitat! Der Verweis auf das utopische Denken passt gut zu Adorn – in einer Gesellschaft, die als grundsätzlich falsch wahrgenommen wird, ist etwas Positives eben nur möglich ganz außerhalb dieser gegebenen Bedingungen.

    Das Problem dabei ist u.a., dass das Bestehende eben grundsätzlich unter dem Aspekt des Verwerflichen betrachtet wird – die Beispiele, die Pinker bringt, sind ja auch tatsächlich alle negativ. Was wäre aber mit anderen Traditionen, z.B. auch gern mit von Konservativen geschätzten wie der Familie? Oder demokratischen Traditionen, die es ja mittlerweile immerhin auch gibt?

    Wenn etwas zur Tradition geworden ist, hat es sich schließlich auf irgend eine Weise bewährt – das kann trügerisch sein, das Funktionale kann dysfunktional werden, es aber rundweg abzulehnen, ohne seine Funktionalität beachtet zu haben, ist eigentlich nur ignorant.

    @ Crumar Schön, von Dir zu hören!

    Ich stimme ganz zu. Es gibt in Büchners „Leonce und Lena“ ein Zitat, das mir im Kopf geblieben ist, in etwa: „Ich würde mir so gern einmal auf den Hinterkopf schauen können.“ Das geht eben nicht – bestmmte Aspekte der eigenen Position sind einem grundsätzlich nicht bewusst, und zwar vermutlich nicht deshalb, weil sie so ungeheuer mysteriös wären, sondern weil man sie als völlig selbstverständlich wahrnimmt. Und dazu gehören ganz sicher auch die „sozialen Verhältnissen, die auch seine eigene menschliche Natur bestimmen“.

    Das nicht wahrzunehmen, hat tatsächlich den Charakter einer Flucht („Eskapismus“), aber es hat auch etwas davon, dass man Gott spielt.

  • @ Alexander „Links und Rechts hat für mich längst keine Bedeutung mehr.“ Ich dachte mal, ich könnte beides gut unterscheiden, aber sicher bin ich mir da auch nicht mehr. Rechts als Bewahrung des bestehenden, was natürlich auch den Schutz der Interessen derer bedeutet, die gerade profitieren – links als Versuch, Änderungen einzuleiten im Interesse derer, denen es schlechter geht. Orientierung war für mich dabei tatsächlich, was auch einen familiären Hintergrund hat, die klassische Sozialdemokratie, die ja eben tatsächlich etwas „etwas zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der kleinen Leute erreicht hatte.“

    Dass sich diese Zuordnung so nicht mehr halten läst, finde ich auch offensichtlich. Trotzdem spielt die Rechts-links-Zuordnung für mich noch eine Rolle, neben möglicherweise eher sentimentalen Gründen noch aus einem weiteren Motiv. Die Zuordnung als „rechts“ eignet sich in großen Kreisen derer, die sich für links halten, trefflich als Mittel zur Exkommunikation von Menschen mit abweichenden Meinungen (während ich den Eindruck habe, dass manche „Rechte“ sich ganz gerne auch mal mit „Linken“ unterhalten und sich damit sogar schmücken). Deshalb bleibt es für mich beispielsweise wichtig, dass es albern ist, den Feminismus ungefragt als „progressive“, „linke“ Politik einzuordnen und Kritik daran als „rechts“ abzutun.

    Was das Thema Demokratie angeht, find ich deine Position keineswegs melancholisch – es ist ja tatsächlich viel gewonnen, wenn man eine Form gefunden hat, die immerhin das Schlimmste verhindert. Das ist nicht nur die zweitbeste Lösung, sondern es ist ja wirklich etwas wert.

  • „Die proletarische Frauenbewegung betrachtete sich als „Unterabteilung“ der Arbeiterbewegung. „Feind“ war in erster Linie nicht „der Mann“, sondern die Kräfte, die die das Elend der Arbeiter aufrecht erhielten.“ Es wäre auch regelrecht kontraproduktiv gewesen, den Mann als Feindbild aufzubauen – und gewiss als Versuch zur „Spaltung der Arbeiterklasse“ aufgenommen worden. Diskussionen zwischen sozialistischen oder sozialdemokratischen Frauen und Männern zu diesem Thema, soweit ich sie kenne, gingen völlig phne Zweifel davon aus, dass Frauen wie Männer grundsätzlich gleiche Ziele haben.

    Auch ansonsten viel Zustimmung zu Deinem Kommentar. Ich hatte beispielsweise auch schon wiederholt den Eindruck, dass feministsiche Klischees über Männer eigentlich Klischees einer (vorgeblichen) bürgerlichen „Verfeinerung“ gegen eine (angebliche) proletarische Grobheit und Primitivität ausspielen.

    Und auch den Rückgriff auf die Zivilisationskritik verstehe ich. Man könnte ihn noch weiter spinnen zur ressentimentgeladenen Gegenüberstellung von „Kultur“ und „Zivilisation“, die Elias ja schon für das deutsche Bürgertum zum Beginn der Moderne skizziert. Auf der einen Seite eine oberflächliche, egoistische, an Machtinteressen orientierte „Zivilisation“, auf der anderen eine „Kultur“, die wirklich in die Tiefe gehe und echte humane Substanz habe. Eine primitive Gegenüberstellung, die aber eben den Vorteil hat, dass man selbst dabei immer gut wegkommt.

  • *Man könnte ihn noch weiter spinnen zur ressentimentgeladenen Gegenüberstellung von „Kultur“ und „Zivilisation“, die Elias ja schon für das deutsche Bürgertum zum Beginn der Moderne skizziert.*

    Interessanter Aspekt.

    Das könnte nmE so einiges erklären. Feminismus, Bioladen und „neue Männlichkeit“ als Symbole der sozialen Distinktion, weil die althergebrachten Symbole der „Kultiviertheit“ (->“Goethe, Schiller, klassische Musik“) aus der Mode gefallen sind? Aus der Mode gefallen, weil man sich im NS die Hände schmutzig gemacht hat, bewiesen hat, dass man mit solch einer „Kultiviertheit“ auch problemlos Menschen ins Gas schicken kann?

    Den Eindruck habe ich schon seit einiger Zeit.

    Das Bildungsbürgertum hat gelernt und Selbstanzeige erstattet. Frisch geläutert kann es sich nun wieder ans Werk der kultivierung des Volkes machen, es endlich den „wahren“ Systemfehler „white hetersexual male“ als den entscheidenden Schadcode identifiziert.

  • ..“GRÜNES Männermanifest:

    „Die Krise ist männlich. Klimakrise, Finanz- und Wirtschaftskrise, Hunger- und Gerechtigkeitskrise, all dies sind direkte Folgen einer vor allem „männlichen“ Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftsweise, die unseren Planeten an den Rand des Ruins getrieben hat. Entfesselter Wachstum und ungehemmter Profit müssen ein Ende haben. Wir wollen anders leben!“

    Die in den Gender-„wissenschaften“ vertretene Welterklärung ist nach meiner Auffassung nur verbrämter, im Kern nicht wirklich differenzierter.

    R.W. Connell:
    „Die neue Unternehmer-Männlichkeit will ihren Anteil am wachsenden internationalen Sexhandel, hat mit der globalen Zerstörung der Wälder zu tun und führt einen Kampf gegen den Wohlfahrtsstaat im Namen internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Eine modernisierte Unternehmer-Männlichkeit kann sich auf gleiche Einstellungschancen für qualifizierte Frauen bereitwillig einlassen, während sie riesige Profite durch die Ausbeutung von Fabrikarbeiterinnen und durch den Absatz von Fast Food macht. Nicht alle Modernisierungen von Männlichkeit sind progressiv.“

    Was fürn Bullshit, man setze einfach „jüdische Männlichkeit“ ein, dann weiß man auf welchem Geist das aufbaut.

  • @Schoppe Schön wieder hier zu sein – hatte einen schweren Unfall.

    Ich denke ebenfalls, bestimmte Aspekte der eigenen Position sind einem selbst nicht bewusst. Trotzdem sind diese durch eine rationale Kritik zu erhellen und werden dadurch zugänglich. Auch als und durch Selbstkritik.
    Das ist aber im gemeinten Sinn, also niemals endend prozesshaft, und als Resultat das genaue Gegenteil von einer „Standpunktwissenschaft“.

    Die nämlich den Standpunkt personalisiert und zugleich aus diesem Grund auch bestreiten muss, ein solcher Standpunkt sei ebenso rational zu kritisieren.
    Und unterstellt, damit sei Reflektion schon eingangs und per se gewährleistet.
    Weil ja das richtige Personal schreibt.

    Wie glorios der Genderismus damit gescheitert ist, sieht man an der Unfähigkeit, mit den eigenen blind spots umzugehen, die ihm in Form der Kritik um die Ohren gehauen werden. 😉

    Dann möchte ich dir ausdrücklich Recht geben: Die Totalität, bspw. des Kapitalismus, ist Produkt einer gedanklichen Abstraktion. Niemand erfährt Totalität unmittelbar.

    Schöne Grüsse, crumar

  • „Das Bildungsbürgertum hat gelernt und Selbstanzeige erstattet. Frisch geläutert kann es sich nun wieder ans Werk der kultivierung des Volkes machen, es endlich den „wahren“ Systemfehler „white hetersexual male“ als den entscheidenden Schadcode identifiziert.“

    Das heißt, die „Substanz“ der eigenen Kultiviertheit war unberührt – was Goethe und Humboldt nicht retten konnten, retten die Frauen.

    Die Vorstellung der „friedfertigen Frau“, der friedfertigen deutschen Frau nämlich, die spätestens von Margarethe Mitscherlich mit einem Allround-Persilschein ausgestattet wurde und ganz gewiss ganz unschuldig am Nationalsozialismus war – diese Vorstellung wäre demnach nicht nur eine narzistische feministische Phantasie, sondern durchaus eine Gemeimschaftsproduktion von Frauen UND Männern.

    „Was fürn Bullshit, man setze einfach „jüdische Männlichkeit“ ein, dann weiß man auf welchem Geist das aufbaut.“ Die Parallele finde ich in diesem Fall absolut naheligend und berechtigt. International (und das bedeutet eben auch: nicht an die nationale „Wohlfahrt“ gebunden) – gierig – profitorientiert – berechnend – mächtig – auf destruktive Weise modern – und dazu natürlich noch Frauen organisiert in die Prostitution treibend: Das Cornell-Zitat wirkt, als wäre es eine begeisterte Bearbeitung der Aufgabe, möglichst viele klassische antisemitische Klischees in möglichst wenig Sätzen unterzubringen.

    Und selbst wenn einem der Rückgriff auf judenfeindliche Klischees nicht auffällt, müsste man doch zumindest merken, wie verrückt Connells Zusammenstellung ist.

  • @ Crumar „bestimmte Aspekte der eigenen Position sind einem selbst nicht bewusst. Trotzdem sind diese durch eine rationale Kritik zu erhellen und werden dadurch zugänglich. Auch als und durch Selbstkritik.“ Ja, und das wollte ich nicht bezweifeln. Nötig dafür ist in meinen Augen natürlich schon, sich ab und zu auch mit Perspektiven auf sich selbst auseinanderzusetzen, die von dem eigene Wunsch-Selbstbild abweichen.

    Und daran fehlt es eben, wenn man überzeugt ist, einen akademischen Punkt zur Aushebelung der ganzen Gesellschaft gefunden zu haben – und meint, alle Kritiker hätten ganz gewiss immer nur das eine Ziel, eben diese (doch so nötige) Aushebelung der Gesellschaft mit allen Kräften zu verhindern.

    Auch von mir schöne Grüße! Ich hoffe, es geht Dir gut, und dass Du alles gut überstanden hast!

  • *..diese Vorstellung wäre demnach nicht nur eine narzistische feministische Phantasie, sondern durchaus eine Gemeimschaftsproduktion von Frauen UND Männern.*

    Deutsche „Vergangenheitsbewältigung“ unter Ausklammerung ausgerechnet des spezifische Deutschen Ressentiments bzgl. der „Kulturlosen“ „Zivilisation“? Ja, das Wesenhafte/Geerbte bleibt natürlich unberührt, wenn man es auf „unsere Frauen“ abbildet. Das könnte erklären, warum einer ganzen Generation Männern der radikalste Feminismus nicht radikal genug sein konnte, wenn es darum ging die „Sozialschädlichkeit“ der „traditionellen“ Männlichkeit (der „anderen“, „ungeläuterten“ Männer) anzuprangern.

    Der Historikerinnenstreit war ja letztlich auch ein Witz: Frauen als „Mit“täterinnen, diese Debatte lief darauf hinaus, dass Frauen eben unter den Bedingungen des Patriarchates „nicht anders konnten“:

    *Mittäterschaft geht von der These aus, dass Frauen in der patriarchalen Kultur(sic!) Werkzeuge entwickeln und sich zu Werkzeugen machen lassen, mit denen sie das System stützen und zu dessen unentbehrlichen Bestandteil werden können.*

    http://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-531-91972-0_11

    Es blieb also beim „Patriarchat“ als Hauptwiderspruch, als Prototyp aller „anderen“ Unterdrückungsformen. Auch Connell bleibt im Ergebnis dabei, da er/sie von „betonter Weiblichkeit“ im Kontrast zur „hegemonialen Männlichkeit“ spricht.

    Ein Problem dieser Erklärung sehe ich allerdings darin, dass es diesen Trend auch (zuerst) in den USA gab. Wobei dort ja ähnliche identitätsstiftende Mechanismen bzgl. der Versklavung und Entrechung von Schwarzen möglicherweise Wirksam waren. Immerhin kam auch dort der radikale Feminismus erst nach der Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen zum Tragen. Was dort auffällt ist die starke Reaktivierung des „white slavery“-Komplexes aus dem 19. Jhd, der wir wohl auch die master-metapher des 2nd Wave, „rape culture“, zu verdanken haben.

    Der Begriff „Sexismus“ als Übertragung von „Rassismus“ spielt vielleicht auch eine ähnliche Rolle wie die Übertragung des Leides der Sklaverei („white slavery“) auf die so unschuldig gemachte weiße Weiblichkeit im 19. Jahrhundert.

    Vielleicht sind das alles eben ganz alte Muster bürgerlicher Geschlechterrollen: Die Bürgersfrau praktiziert Charity, und verschafft so der Familie eine soziale Legitimation dafür, dass sie in Wohlstand lebt – während die Arbeiterschaft gleichzeitig in krasser Armut lebt. „Wir sind (wesenhaft) human, weil unsere Frauen human sind“

    Dabei fokussierte die wohtätigkeitsstiftende Bürgersdame allzu oft das Elend der Unterschichtfrauen, um zu „beweisen“ dass der Unterschichtmann ein ganz böser ist, der sich zum Schaden seiner FrauenUndKinder seinen Lastern (insbesondere Sex und Alkohol) hingibt, anstatt seiner Familie Wohlstand zu erarbeiten. Die krasse Armut war somit selbsverschuldet.

    Wenn man die bürgeriche Frauenrolle als etwas darstellt, das Frauen unmöglich selbst gewählt haben können, als „Zuschreibung des Patriarchates“, dann verdeckt man eben vollständig dieses „Guter Bulle / böser Bulle“ – Spiel. Der Mann stellt dabei natürlich seine Frau auf ein „humanistisches“ Podest. Das ist also eigentlich so alt wie das Bürgertum selbst, das hat nicht erst der Feminismus erfunden.

    Ich will keine „Bürgerlichkeitsschelte“ betreiben, mir geht es um eine Betrachtung der historischen Wurzeln des vorherrschenden Feminismus. Die soziale Frage war ja im 18. / 19. Jahrhundert eine _ganz_ andere. Ich frage mich allerdings, wer heutzutage es warum noch nötig hat, sich dieser lang tradierten Legitimationsmuster zu bedienen.

    Es muss ja einen Grund dafür geben, dass der offenkundige Unsinn der Gender-„Forschung“ getragen wird.

  • *Und selbst wenn einem der Rückgriff auf judenfeindliche Klischees nicht auffällt, müsste man doch zumindest merken, wie verrückt Connells Zusammenstellung ist.*

    Ja, sie dient eben dazu, alle negativen Phänomene der Welt einer „transnational hegemonalien Männlichkeit“ zuzuschreiben. Dabei muss natürlich auch der global agierende Businessman angegriffen werden, dem Geschlecht einfach scheißegal ist. Weil das Kapital sich eben für Geschlecht nicht interessiert, sollte man meinen, aber Connell muss eben seinen (klammheimlichen?) Hauptwiderspruch der Geschlechterfrage am Kochen halten.

    Wobei „Hauptwiderspruch“ vielleicht unzutreffend ist, der Antagonismus sei ja überwindbar. Er nimmt ja die „tatsächlich progressiv modernisierte Männlichkeit“ – also die „tatsächlich geläuterte Männlichkeit“, er und Seinesgleichen – aus.

    Der ehemalige Ministrant und anti-porn Aktivist hat eben seine gute bürgerliche Erziehung nicht vergessen.

    Man landet wohl zwangsläufig bei antisemitischen Klischees, wenn man so einen Männlichkeitsdämon an die Wand malt.

  • Tja, Demokratie.

    Es ist nicht zu übersehen, dass wir uns in einer Umbruchsituation befinden.

    Wahlbeteiligungen sinken, „Politikverdrossenheit“ macht sich breit, man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass Gesetze nicht (mehr) von Polikern, sondern von Konzernen gemacht werden. Konzerne, die so riesig sind wie nie zuvor.

    Es gibt ja durchaus diese sogenannte „linke Mehrheit“ im Parteienspektrum. Es gibt auch Kritik an Neoliberalismus, Deregulierung, Agenda 2010. Mindestlöhne sind durchaus Gesprächsthema.

    Dem gegenüber stehen immer mehr wirtschaftliche „Zwänge“, auch TINA genannt.

    Irgendwas hat sich da verändert.

    Was früher die „Verbesserung der Lebensverhältnisse der kleinen Leute“ war, ist heute vielleicht der Aufstieg der Entwicklungsländer. Mal 'ne steile These: Was die Finanzhaie bei uns abziehen, wird letztlich dort investiert, und das ist vielleicht gar nicht so ungerecht.

  • @Schoppe Vielen dank, leider habe ich es erst in ungefähr sechs Monaten überstanden; zumindest jedoch, soweit derzeit absehbar, ohne irreversible Schäden. Naja… ich muss Geduld haben.

    Zum Inhalt: Ich glaube, ich habe große Schwierigkeiten, meine Position in knappen Sätzen darzustellen.
    Das erklärbare Problem der Gender studies in der derzeitigen Verfassung ist meines Erachtens, sie betreiben eine unreflektierte Personalisierung und Entpolitisierung.

    Und dies ist der politischen Einstellung der Akteure geschuldet, die bewusst oder unbewusst die Apologetik der nach rechts gewendet Politik von rot-grün betreiben.
    Sie haben eine Ideologie, sie nutzen die Massenmedien und sie haben ein politisches Ziel, welches von genannten Parteien geteilt wird.

    Ein Beispiel: der wiederholte Vorwurf an die Männer, sie würden nicht im gleichen Umfang care-Tätigkeiten übernehmen wie Frauen, welche zugleich immer stärker den Arbeitsmarkt integriert würden ist von vorne bis hinten verlogen.
    Diesen Vorwurf hat beispielsweise Rosin in dem Buch „Das Ende der Männer“ wiederholt und penetrant plakatiert.

    Schaut man sich die Empirie an, so gab es einen Prozess der Annäherung der Arbeitszeiten der Geschlechter in Sachen Erwerbsarbeit und care-Tätigkeiten die gesamten Neunzigerjahre über. (Sie gibt sogar die Quelle selber an, behauptet aber im Text das Gegenteil. Kein Journalist und keine Journalistin hat offensichtlich in kritischer Haltung die Quellen auf Stichhaltigkeit untersucht. Ein Text für Gläubige)

    Das ließ uns alle hoffen und diese Hoffnung findet sich als Artefakt im Massenbewusstsein – genau darauf greifen die Apologeten immer wieder zurück und damit spielen sie.

    Dieser Prozess wurde jedoch unter Clinton gestoppt und umgekehrt – und ebenso unter Schröder und Fischer.
    Inzwischen ist es so, dass Männer, addiert man Erwerbstätigkeit und Care Tätigkeit, mehr (!!!) arbeiten als Frauen.
    Und beide zusammen investieren mehr Zeit in die Erwerbsarbeit als noch vor 20 Jahren – für das gleiche Einkommen.

    Erfolgreich etabliert haben die Ideologen jedoch den Terminus Doppelbelastung, welcher ausschließlich für Frauen gilt.
    Schaut man sich die Empirie genauer an, trifft auch diese weibliche Doppelbelastung nur für einen extrem kurzen Zeitraum zu und dieser ist genau deckungsgleich mit der Entstehung der zweiten Welle der Frauenbewegung.
    Davor existierte diese nicht und danach auch nicht.

    Das, wie du sagst, Wunsch-Selbstbild ist bereits der Effekt einer Propaganda und die Voraussetzung einer nützlichen Politik.

    Die Personalisierung, wonach Männer nicht bereit wären sich zu ändern ist die Entpolitisierung des politischen Umstands, dass rot-grün nicht bereit sind, eine alternative Politik zu betreiben.
    Die Umstände den Männern anzulasten, ihrem Verhalten, entlastet die politischen Akteure, die die Verhältnisse geschaffen haben, in denen sich Männer verhalten müssen.

    Das zum ersten Teil!
    crumar

  • Zweiter Teil
    Diese politische Entlastungsfunktion durch Ideologieproduktion ist meines Erachtens grundlegend für die gender studies. Das ist die eine Seite.

    Beispiel: Dem „Patriarchat“ die Minimalrente der Frau anzulasten und nicht den Resultaten der Agenda 2010 ist nützlich, wenn man verschleiern möchte, das auf dem Sonderparteitag der Grünen, welcher selbstverständlich quotiert war, 90% der Anwesenden für die Annahme stimmten.
    Zur Ehrenrettung der SPD-Frauen kann nur gesagt werden, der Zustimmungsgrad auf dem SPD Sonderparteitag beschränkte sich auf lediglich 80%. Wenn es der Wahrheitsfindung dient…
    Was keinerlei Spielraum für die Theorie lässt, Frauen seien nicht per se für Sozialabbau zu gewinnen, weil sie sozialere Wesen seien.
    Es reicht die Solidarität mit dem „Kollektivsubjekt Frau“ für die Frauen in besagten Parteien schichtbedingt nur soweit, als sie diese als Monstranz „Repräsentanz“ für die eigenen Zwecke nutzen können.

    Kommen wir zu einem weiteren Beispiel und der anderen Seite, die bisher noch nicht thematisiert worden ist:

    Du hast ja die gute Professorin schon zitiert, doch möchte ich ein Zitat noch einmal genauer analysieren:

    „Ich nehme hier das Beispiel männliche Erzieher. Es gibt ja die politische Kampagne, dass mehr Männer in die Kitas sollen. Aber was meinen die Leute mit „männlichen Erziehern“? Erst einmal geht man davon aus, dass es sich eben um männliche Erzieher handelt, basta. Aber wenn man dann mit den Eltern, den Erziehern, Kolleginnen und Kindern spricht, stellt man auf einmal fest, dass es dabei ziemlich viele Facetten gibt: Die einen meinen, einen männlichen Erzieher kann es gar nicht geben, denn ein männlicher Erzieher ist schwul, pervers oder pädophil, also auf alle Fälle kein richtiger Mann.“

    Hier fällt zunächst auf, sie belegt unreflektiert und unwidersprochen „Mann“ im Kontext mit Erziehung mit Eigenschaften wie „schwul“, „pervers“ oder „pädophil“.
    Man kann das für eine gedankenlose gruppenbezogene Abwertung oder Stigmatisierung halten; es ist doch jeden Fall ein gutes Beispiel für die so genannte Selbst-Reflexivität (blind spot).
    Auf jeden Fall aber reproduziert sie Stereotypen, die tatsächlich in einem Milieu existieren und produziert sie zugleich massenmedial im Interview.
    Genau das ist der Trick mit dem magischen außen; es wird so getan als greife man gesellschaftliche Stereotypen auf, deren Produzent man in Wirklichkeit ist.

    Angenommen jedoch wir tragen der Tatsache Rechnung, dass der Einstieg der bürgerlichen Frauen in die Berufswelt im Sozialsektor begann und berücksichtigen weiterhin, dass 50 % der Beschäftigten Frauen im öffentlichen Dienst im Erziehungssektor arbeiten.
    Angenommen wir berücksichtigen, dass Frauen ihr Studienverhalten nicht verändert haben und immer mehr Studentinnen genau die gleichen Fächer studieren, dann machen diese Stereotype bzw. Stigmatisierung auf zweierlei Weise Sinn:

    Erstens man schlägt die männliche Konkurrenz durch Stigmatisierung (als per se und natürlich biologisch ungeeignet für den sozialen Sektor) aus dem Feld.
    Zweitens wird so die fraueninterne Konkurrenz (immer mehr Frauen mit akademischer Bildung konkurrieren um genau die gleichen Arbeitsplätze) umgedeutet als Geschlechterkampf.
    Man erhält sich so eine virtuelle „Frauensolidarität“, dies angesichts von 70-80 % Frauenanteil in einem Studium logischerweise nicht geben kann, wenn das Angebot die Nachfrage nach solchen Frauen bei weitem übersteigt.

    Die Ideologie entstammte jedoch so aus einer materiellen Realität und ihren Erfordernissen und wirkt auf diese zurück.
    Es ist meines Erachtens daher unmöglich, dass die Vertreterinnen dieser Ideologie eine rationale Kritik an dieser Ideologie zulassen können.
    Von daher komme ich zum selben Schluss wie du, in der derzeitigen Form als Wissenschaft nicht weiter zu betreiben. Occupy gender studies! 😉

    Schönen Gruß,crumar

  • @ Srephan Fleischhauer „Was die Finanzhaie bei uns abziehen, wird letztlich dort investiert, und das ist vielleicht gar nicht so ungerecht.“ Das ist sicher ENN Aspekt der Globalisierung – eine gerechtere Verteilung und föachere Hierarchien weltweit (der NY-Times-Kolumnist Thomlas L. Fredman macht das ja z.B. in seinem Buch „The World is Flat“ stark).

    Fragt sich eben nur, wer in den ärmeren Ländern und bei uns von diesen Investitionen profitiert… Hier wie dort werden zugleich mit der weltweit vielleicht etwas ausgeglicheneren Verteilung die Unterschiede zwischen den Reicheren und den Ärmeren (oder eben in den ärmeren Ländern: den Besitzlosen) vergrößert, nicht nivelliert.

  • „Wir sind (wesenhaft) human, weil unsere Frauen human sind“ Dabei ist es ja möglicherweise eben gerade diese Arbeits-, bzw. Moralitätsteilung, die große gesellschaftliche Verbrechen überhaut erst möglich macht. Dass war ja eben eine zentrale These von Claudia Koonz in ihrer Schrift „Mütter im Vaterland“. Dagegen zu halten, dass Frauen eine größere Moralität besäßen, wiederholt schlicht nur die angegriffene These, anstatt sich mit dem Argument auseinanerzusetzen.

    „Er nimmt ja die „tatsächlich progressiv modernisierte Männlichkeit“ – also die „tatsächlich geläuterte Männlichkeit“, er und Seinesgleichen – aus.“ Die Läuterung kann eben auch im „Austritt“ aus dem männlichen geschlecht bestehen. Das macht die Feindschaft nicht besser, sondern intensiviert sie nur: Ein Mann ist Mann sozusagen per Selbstwahl, er könnte ja auch anders – und daher ist er eben auch ganz allein dafür verantwortlich, wenn er „Mann“ bleibt.

  • @ Crumar Erst einmal wünsche ich Dir natürlich alles Gute, besonders für das kommende halbe Jahr, und dass sich die Situation gut für Dich entwickelt!!

    „eine unreflektierte Personalisierung und Entpolitisierung“ Das trifft in meinen Augen das Problem sehr genau. Überlegungen wie die zur Verteilung der Arbeit, die Du dann weiter anstellst, haben natürlich in einer Weltanschauung keinen Platz, in der soziale Probleme an der Geschlechtszugehörigkeit Beteiligter erklärt werden.

    Ich kann mich, dazu passend, an Olaf Scholz erinnern, wie der Schuld an der internationalen Finanzkrise beim „männlichen“ Wirtschaften entdeckte – was ihm dann praktischerweise die Frage ersparte, inwieweit auch seine Partie Strukturen geschaffen und getragen hat, die Bedingung für diese Krise waren. Insofern hat die poltische Misandrie unter anderem die Funktion einer klassischen Sündenbocktheorie.

    „Genau das ist der Trick mit dem magischen außen; es wird so getan als greife man gesellschaftliche Stereotypen auf, deren Produzent man in Wirklichkeit ist.“ Das ist mir so ähnlich auch schon aufgefallen, zum Beispiel am Berliner Programm der SPD, und zwar genau an der Stelle, an der 1998 zum ersten Mal der berüchtigte Satz „Wer die menschleiche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden“ im Programm auftaucht. Direkt vor diesem Satz heißt es:

    „Die Zukunft verlangt von uns allen, Frauen und Männern, vieles, was lange als weiblich galt; wir müssen uns in andere einfühlen, auf sie eingehen, unerwartete Schwierigkeiten mit Phantasie meistern, vor allem aber partnerschaftlich mit anderen arbeiten.“

    Die Idealisierung von Frauen implziert hier natürlich eine massive Abwertung der (unempathischen, phantasielosen, selbstbezogenen) Männer. Der Teilsatz „was lange als weiblich galt“ hält die Passage aber in der Schwebe: Einderseits werden Geschlechter als Konstruktionen vorgestellt, als verbreitete Klischees – andereserseits aber sollen Frauen eben WIRKLICH besser sein als Männer.

    So schiebt das SPD-Grundsatzprogramm seine eigenen Geschlechterklischees auf diffuse, angeblich weit verbreitete Vorstellungen der Leute. (Das Hamburger Programm von 2007 wiederholt das dann so nicht mehr, enthält aber trotzdem noch den Satz mit der menschlichen nicht-männlichen Gesellschaft, der der SPD offenbar besonders wichtig ist).

    Gut finde ich auch den Ansatz, die Gender-Klischees auf materielle Voraussetzungen zurückzuführen. So kann auch deutlich werden, warum das Gender-Projekt so stark auf Expansion angelegt ist (anstatt erst einmal ein paar begrenzte Zentren einzurichten und zu überprüfen, ob und inwiefern die Gender-Ansätze für die Forschung eigentlich ertragreich sind). Eine verschärfte Konkurrenzsituation kann eben auch durch die Requirierung neuer Mittel gemildert werden, wenn auch immer nur vorerst (weshalb dann immer weitere Mittel notwendig sind).

    Stimmt das so, dann habe die Gender Studies ein prinzipielles Interesse an einer Dramatisierung der „männlichen Herrschaft“, weil ja nur so Druck aufgebaut werden kann, immer neue Mittel zur Bollwerkbildung gegen diese „Herrschaft“ aufzubringen.

    Einen schönen Gruß auch an Dich!

  • Besten Dank für deine Wünsche; ich komme so langsam wieder zurück ins Leben. Es ist jedoch streckenweise mühsam.

    Du hast ja das SPD Grundsatzprogramm zitiert und den legendären Satz, der nicht nur ahistorisch und asozial ist, sondern radikal zu Ende gedacht Männer nicht als Bestandteil einer menschlichen Gesellschaft sieht.
    Zerlegt man den Satz in Gegensatz Paare, wird deutlich, dass Frauen das Menschsein verkörpern, womit Männern nur noch die Position des zu überwindenden Unmenschen bleibt.

    Ahistorisch insofern, da wir durch Kucklick aufgeklärt sind, dass die bürgerliche Gesellschaft ihre eigenen Effekte nicht anders zu reflektieren im Stande war, als in der Personalisierung und Biologisierung.
    Entfremdung und Arbeitsteilung, Spezialisierung und Profitorientierung, um nur einige Aspekte zu nennen, waren den Akteuren unheimlich und es war klar, diese „Moderne“ würde die Grundlagen eben dieser bürgerlichen Gesellschaft untergraben.

    Was lag also näher, als die negativen Effekte genau dem Geschlecht zuzuschreiben, welches diese kapitalistische Modernisierung betrieb?
    Auf der Ebene der Erscheinung war dies absolut folgerichtig.
    Und im Gegenzug ein Geschlecht – die Frau – imaginieren, welches die zu bewahrenden (dieser Tradititionalismus ist komischerweise niemals kritikwürdig )Momente verkörpern sollte.

    Der Haken dabei: Kreativität, Einfühlungsvermögen, Selbstverwirklichung – positive menschliche Eigenschaften – wurde dem einen Geschlecht zugeschrieben, dem anderen Geschlecht jedoch aberkannt.
    Nur sind dies Eigenschaften, die sich in einer kapitalistischen Gesellschaft nicht per se verwerten lassen.

  • Teil zwei, nachdem ich die untere Diskussion von dir und einem Autor leider ohne Nickname noch einmal gelesen habe.

    Wichtig ist mir zu betonen, dass die Ausführungen des ersten Teils natürlich nur für eine schmale soziale Schicht galten.
    Es macht nur Sinn für bürgerliche Frauen in einer bürgerlichen Gesellschaft.

    Der meines Erachtens springende Punkt ist, dass die Geschlechterverhältnisse schon so umgestaltet waren, als die bürgerlichen Frauen auf den Arbeitsmarkt drängten.
    Damit meine ich, die Bewusstseinsformen waren schon so entwickelt.

    Beispiel: Selbstverwirklichung war kein Bestandteil männlicher Sozialisation; die den Frauen zugestandene Selbstverwirklichung beruhte und beruht auf der zukünftigen Alimentierung durch die Versorgerehe (ersatzweise heute den Versorgerstaat).
    Das kann man natürlich als in ökonomischer Abhängigkeit halten lesen, wenn man großzügig darauf verzichtet zu fragen, warum dies einem Geschlecht zugestanden wird, dem anderen jedoch nicht.

    Nun erfolgte der Einzug der bürgerlichen Frau in den Sozialsektor, den Erziehungssektor, das Gesundheitswesen etc., welche die oben genannten Eigenschaften erfordert.

    Das erste Problem an diesen Sektoren der Gesellschaft ist, sie bilden die Reproduktionsbasis der Gesellschaft und sind ohne Alimentierung durch die Produktion (materieller oder immaterieller) Güter nicht zu haben.
    Immer wenn die „weibliche“ Gesellschaft als Reich der Freiheit imaginiert wird, wird „vergessen“, dass diese Fantasie genau jenen Teil der Gesellschaft ausklammert, in dem der Zwang regiert – von deren Resultaten diese Gesellschaft jedoch lebt.

    Diese Ideologie wiederum ergibt sich aus der historischen Abwesenheit von bürgerlichen Frauen im Produktionssektor, der nie Bestandteil ihrer Erfahrung oder überhaupt ihres Tätigkeithorizonts war.
    Es ist in Rosins Buch als Stolz nachlesbar, dass Frauen sich haben nie die Hände schmutzig machen müssen – wobei „Frauen“ hier natürlich bürgerliche Frauen bedeutet (immer wieder komisch, wie universell die bürgerliche Frau ist).

    Nun: die durch die Geschlechterverhältnisse herbeigeführte Spezialisierung auf partielle menschliche Eigenschaften und der Einzug in die genannten Sektoren führten zu der völlig irrigen Annahme, es gebe diese Eigenschaften per se als spezifisch weibliche Eigenschaften.
    Meine Behauptung, „Essentialismus“ als Vorwurf geht am Kern des Problems vorbei.
    Die Spezialisierung auf bestimmte Eigenschaften und Tätigkeiten in einem bestimmten Teil der Gesellschaft und die Tätigkeit in diesen bestimmten Teil der Gesellschaft reproduzierte genau diese partiellen menschlichen Eigenschaften.
    Weil diese eben erforderlich für die Tätigkeit waren und sind.

    Auch die Stereotype über Weiblichkeit haben demnach eine materielle Basis.

    Schönen Gruss, crumar

  • Einer „Logik der Feindschaft“ folgt dieser Artikel offenbar sehr viel deutlicher als die von ihm Kritisierten. Woher Sie etwa nehmen, dass Köhnen in seiner Schrift Adorno empfiehlt, lassen Sie leider im Dunkeln. Auch dass „die Autoren der Böll-Stiftung Wissenschaft als Parteinahme für Unterdrückte verstehen, die umfassend durch als männlich phantasierte Machtverhältnisse unterjocht“ sei, sagen dieselben Autoren an keiner Stelle, die ich gefunden hätte.
    Ständig müssen empiriefern Behauptungen aufgestellt werden, um einzelne Autoren oder wahlweise die ganzen Gender Studies als empiriefern darzustellen.
    So stützen sich angeblich „die Gender Studies auf ein absurdes Verständnis des Begriffs, wenn sie weiße heterosexuelle Männer als Erzfeinde der „diversity“ identifizieren“ – hallo, wo haben Sie das denn her? Wäre nicht ein einziges mal eine Quellenangabe sinnvoll um nachzuweisen, dass diese Forschungsrichtung tatsächlich
    auf einem „konsequenten, ressentimentgeladenen Ausschluss eines großen Teils der Bevölkerung basiert“?
    Hier wird offenbar viel Ressentiment gegen „Gender“ zusammengerührt. Das zeigt mir eher, dass die Böll-Autoren mit ihrer Kritik nicht so falsch liegen.

  • Manfred Köhnen wirft in seinem Beitrag zur Böll-Schrift Michael Klein und Heike Diefenbach vor, sie hätten zwar Popper und Albers zitiert, nicht aber die Gegenseite im „Positivismusstreit“, und er führt dafür explizit Adorno an. (S. 45) Steht ja so eigentlich auch schon im Text. Eine der wenigen Konkretisierungen des allgemeinen Vorwurfs übrigens, Gender-Studies-Kritiker hätten ein verkürztes Verständnis von Wissenschaft. Nun zu zeigen, dass auch mit Adorno Gender Studies nicht begründet werden könnten, ist da doch ein sinnvolles Gegenargument (etwa so: „Du hast behauptet, dass zwei plus zwei nicht fünf sei, aber das ist verkürzt, denn du hast gar nicht die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass zwei plus zwei auch drei sein könnte!!!“ – „Naja, zwei plus zwei ist aber auch nicht drei.“). Was stört Sie daran?

    „Ständig müssen empiriefern Behauptungen aufgestellt werden“ – ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen: nicht, was mit müssen gemeint ist (Wer muss? Wer sagt das?), oder mit empiriefernen Behauptungen, oder an wen sich hier der Vorwurf richtet. Wichtig ist doch: Von Vertretern einer sich selbst als empirisch ausgebenden Wissenschaft muss man verlangen können, dass sie ihre Aussagen auch empirisch belegen. Vor allem wäre es wichtig zu begründen, dass es sinnvoll oder auch nur möglich ist, die Gender Studies als eine Art Meta- oder Super-Wissenschaft etablieren zu können, die Logiken ganz verschiedener Disziplinen sinnvoll kombinieren kann (http://man-tau.blogspot.de/2013/07/gender-studies-als-wissenschaft-von.html)?

    Abgesehen davon ist es übrigens natürlich möglich, sich als empirisch ausgebende Äußerungen zu überprüfen, ohne selbst ein empirisches Forschungsprogramm zu starten – nichts anderes tut man z.B., wenn man überlegt, ob ein Argument logisch korrekt ist.

    Auch ansonsten schließen Sie sich dem aus Kontexten der Gender Studies gewohnte Vorgehen an, diffus in der eigenen Argumentation zu bleiben, aber diese Diffusität dann nicht als Problem wahrzunehmen, sondern sie Kritikern vorzuhalten („Das hab ich doch gar nicht gesagt.“). Der kritische Blick von unten, auf den sich die Böll-Schrift mit Bezug auf Sandra Harding (übrigens eine der wichtigsten Referenzen der ganzen Schrift, vgl. http://man-tau.blogspot.de/2013/07/gender-studies-wissenschaft-von-unten.html), bezieht sich in den Gender Studies auf—was? Feministische Theoretikerinnen, in der Böll-Schrift als wesentliche Quellen der Gender Studies angeführt (S. 36), wenden sich gegen – was? Connells Rede von einer „hegemonialen Männlichkeit“, Bezugspunkt z.B. in den Texten von Gärtner und Schele, bezieht sich auf – was? Die Herrschaft der Bayern, der Rechtshänder, der Matjesesser? Das finde ich, mit Verlaub, unwürdig: Natürlich positionieren sich Gender Studies als „herrschaftskritische“ Wissenschaft, und natürlich ist damit eine männliche Herrschaft gemeint. Wer das ehrlich verneint, hat mit Gender Studies noch nicht viel zu tun gehabt.

    Die Rede von den „heterosexuellen weißen Männern“ habe ich, wie ja eigentlich auch schon im text steht, von der berühmtesten deutschen Gender-Studies-Doktorandin übernommen, die ihre Aggressionen über Twitter gern öffentlich gemacht hat. Wenn Sie glauben, der unterstellte naheliegende Zusammenhang mit den „herrschaftskritischen“, feindbildpflegenden Strukturen des Fachs sei unbegründet, möchte ich Sie bitten, das genauer zu erklären. Das Konzept der „Diversity“ habe ich dann, das steht auch schon im Text, als positives Konzept angeführt, aber geschrieben, dass es in den Gender Studies absurd ins Gegenteil verkehrt wird, wenn bestimmte Gruppen von Menschen als Erzfeinde der Diversity identifiziert und dementsprechend ausgeschlossen werden. Ich dachte, das sei eigentlich eine schlüssige Argumentation – was stört sie daran?

    Ich freue mich, wenn hier auch Verteidiger der Gender Studies posten. Es wäre aber sinnvoll, mir und anderen nicht nur pauschal „Ressentiments“ zu unterstellen, sondern ab und zu auch auf die Argumente einzugehen. Ganz ehrlich: Lesen hilft (besonders, wenn man mit Texten zu tun hat)!

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