Die SPD als Gender-Streber und Fettnapftreter

„Die antifeministische Männerrechtsbewegung wird, wenn wir in Regierungsverantwortung sein sollten, keinerlei Zugang bekommen. Wir werden dafür sorgen, dass progressive und profeministische Kräfte in der Männerpolitik gestärkt werden.“
Besten Dank, Thorben Albrecht, Abteilungsleiter Politik im SPD-Parteivorstand, für diese klaren Worte. Ein Leser, „Bombe 20“, hatte sie als Antwort auf Wahlprüfsteine der Lobbyistinnengruppe „Gender Mainstreaming Experts International“ entdeckt und hier in den Kommentaren gepostet. Übrigens hat Herr Albrecht dann keine Antworten mehr auf den Zweifel Arne Hoffmanns, dass die SPD den wilden Spagat schaffen könne, gleichzeitig progressive UND profeministische Kräfte zu stärken. (Mehr dazu auch auf Kritische Wissenschaft.) 
„‘Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden‘, so steht es im Grundsatzprogramm der SPD seit 1989. Gleichstellung von Frauen und Männern hat für die SPD einen hohen Stellenwert. Nur eine gleichgestellte Gesellschaft ist eine moderne Gesellschaft.“

So beginnt Albrecht für die SPD seine Antworten auf den Fragekatalog – und beim Lesen hatte ich den seltsamen Eindruck, er sei stolz wie Bolle darauf, dass seine Partei schon seit 1989 einen Satz in ihrem Parteiprogramm stehen hat, den in dieser Krassheit nicht einmal die Grünen und die Linken zu bieten haben. Übrigens ist er eine Reminiszenz an den alten selbstgerechten feministischen Spruch „Weniger Mann ist mehr Mensch“ aus den siebziger Jahren, der also nur ca. 15 Jahre gebraucht hat, um progressiv und der Zukunft zugewandt im Grundsatzprogramm der Sozialdemokraten zu landen.

 
 
Freier Wille contra Gleichstellung Die Rede von der „gleichgestellten Gesellschaft“ allerdings ist natürlich etwas verwirrend, weil naive Leser wie ich sich unwillkürlich fragen, womit denn nun eigentlich die Gesellschaft gleichgestellt werden soll. Der Begriff „Gleichstellung“ hat für Sozialdemokraten jedenfalls den Charakter eines politischen Zauberworts, wie früher die Begriffe „Solidarität“, „Freiheit“ oder „Menschenwürde“, die ihnen heute aber nicht mehr ganz so wichtig sind.
Die SPD habe beispielweise 2013 einen „Aktionsplan für die tatsächliche Gleichstellung von Frauen und Männern“ vorgelegt, was gleich aus mehreren Gründen interessant ist: Einerseits ist nicht ganz klar, wie denn eigentlich eine untatsächliche Gleichstellung aussehen könnte, andererseits steht im Grundgesetz nun einmal etwas von „tatsächlichen Durchsetzung der Gleichberechtigung“, was auch nicht unbedingt eine geniale Formulierung, aber ja doch etwas ganz anderes ist. Wenn unterschiedliche Menschen gleiche Chancen und Rechte haben, werden sie sie unterschiedlich nutzen und so zu unterschiedlichen Resultaten kommen – der Begriff „Gleichstellung“ ist also keine Fortsetzung des Begriffs „Gleichberechtigung“, sondern in wichtiger Hinsicht ein glatter Gegensatz dazu.

Das kann Herr Albrecht für die SPD so natürlich nicht stehen lassen und schreibt tatsächlich:

„Freiwilligkeit bringt uns in der Gleichstellungspolitik keinen Schritt weiter.“
Das bezieht sich auf Quotenforderungen, ist aber in dieser Allgemeinheit natürlich ein schrecklicher Satz (so wie die SPD ja aus undurchschaubaren Gründen ohnehin ein seltsames Talent dafür hat, in der Geschlechterpolitik einen schrecklichen Satz nach dem anderen zu formulieren). Was Menschen aus freien Stücken tun, ist einfach nicht zielführend, und eine vernünftige Gleichstellung erreicht man nur, wenn man die Sache mit dem freien Willen nicht zu hoch hängt.

Jedenfalls träumt Herr Albrecht im Namen der SPD von Rahmenbedingungen,

„die in jeder Lebensphase jeder und jedem die gleichen Wahlmöglichkeiten und Teilhabechancen eröffnen“.
Das funktioniert eben nur, wenn die getroffene Wahl niemals reale Konsequenzen hat, die dann nun einmal später neuen Wahlmöglichkeiten eröffnen und andere verbauen.

Stolz zitiert Albrecht Peer Steinbrücks Versprechen, „eine Staatsministerin für die Gleichstellung von Frauen und Männern“ in sein Kabinett zu holen, und beweist selbst spielerisch seine Gender-Kompetenz:

„Orientierung bieten Bundesländer, wie beispielsweise Berlin, wo Gender Budgeting bereits erfolgreich umgesetzt wird, oder Bremen.“
Mit dieser Orientierung an zwei der – was ja weit und breit bekannt ist – finanzpolitisch kompetentesten Länder Deutschlands kann dann eigentlich nichts mehr schiefgehen.

Demokratie contra Meinungsfreiheit Der Begriff „Gender-Kompetenz“ stammt übrigens aus dem Fragenkatalog der internationalen Gender Mainstreaming Expertinnen. Er bezeichne eine

„fundierte Kenntnis der Geschlechterverhältnisse, der Diskriminierungstatbestände und der gleichstellungspolitischen Strategien zur Verhinderung bzw. zum Ausgleich von Diskriminierung“.
Das ist nun möglicherweise nicht ganz verständlich, kann aber so übersetzt werden, dass „Gender-Kompetenz“ immer eben die Kompetenz ist, welche die Fragestellerinnen in außergewöhnlich hohem Maße vorweisen. Verständlicherweise wollen sie vor allem wissen, ob und wie diese Gender-Kompetenz „in der Regierungsarbeit genutzt“ werden soll, möglichst auch mit konkreten Berufsperspektiven.

Wichtig in diesem Sinne ist natürlich auch die Frage, ob die Parteien „institutionelle und organisatorische Strukturen wie Ministerien, Stabstellen, Abteilungen etc. nutzen, ausbauen oder einrichten“ wollen. „Bombe 20“ kommentiert: 

„Sie sind weniger ideologisch als finanziell motiviert, also im Prinzip nichts anderes, als wenn der Bauernverband die Parteien fragt, wie sie es mit den Agrarsubventionen halten.“  Und später:
„Da fehlt doch eigentlich nur noch die Bitte, schon mal die nach der Wahl anstehenden einschlägigen Ausschreibungen mitzuschicken, damit die infrage kommenden Mitgliederinnen vorsorglich passende Angebote formulieren können. Um meinen Vergleich von oben nochmal zu bemühen: Der Bauernverband fragt nicht nur allgemein nach Agrarsubventionen, sondern bittet gleich um eine Aufstellung, mit welcher Getreideart in welcher Landschaft jeweils die maximale Förderung abzuschöpfen wäre.“
Die internationalen Gender Mainstreaming Expertinnen (international“ dabei im Sinne von: deutsch“) sind übrigens unter anderem und soweit ich das googeln konnte: Friedel Schreyögg, selbstständige Gender-Trainerin,  Regina Frey, die ja schon für die grüne Heinrich-Böll-Stiftung an der Schrift zur Verteidigung der Gender Studies gegen ihre Verächter mitgearbeitet hat, Renée  Parlar, die in München für „gleichstellungsorientierte Haushaltssteuerung“ zuständig ist, und Petra Ahrens, freiberufliche Gender Mainstreaming-Beraterin. 
 
Das widerlegt nicht unbedingt die böse Unterstellung, Gender-Kompetenz umfasse vor allem die Fähigkeit, sich aus öffentlichen Mittel für berufliche Tätigkeiten zu bedienen, bei denen kein Mensch so recht weiß, was in diesen Tätigkeiten denn nun eigentlich getan wird. Um ehrlich zu sein: Unbedarft, wie ich bin, kommen mir Begriffe wie „Gender-Trainerin“ oder „freiberufliche Gender-Beraterin“ oder „gleichstellungsorientierte Haushaltssteuerung“ so ähnlich vor wie die Scientology-Quatsch-Begriffe „Thetan“ oder „Auditor“ oder „Pre-Clear“,  oder ähnliches.

„Soweit ich das googeln konnte“ – leider ist nämlich die Seite der internationalen Gender Mainstreaming Expertinnen nicht mehr ohne Passwort erreichbar. Ob es nun stimmt, dass die Seite – wie angegeben – tatsächlich „gewartet“ wird, oder ob die Gender-Kompetenten einfach einmal unter sich sein wollen: Das ist natürlich nicht leicht zu entscheiden, wenn man passwortlos draußen vor der Tür stehen bleiben muss.

 
In jedem Fall ist das Resultat skurril: Die internationalen Expertinnen erstellen Wahlprüfsteine, die von Parteien (SPD, Grünen, Linken, Piraten) auch beantwortet werden – aber diese Antworten bekommen dann vor der Bundestagswahl nur Insider zu Gesicht. Wenn sie nicht gerade im Cache nachschauen.

Der Verdacht jedenfalls, dass Gender-Kompetenz und öffentliche Debatte sich einfach nicht gut vertragen, ebenso wenig wie Gleichstellungspolitik und Freiwilligkeit, wird im Fragekatalog bestätigt. Wie nämlich würden sich die Parteien, einmal in der Regierung, gegenüber

„Agitationen anti-demokratischer Organisationen und Einzelpersonen verhalten, die verfassungsrechtliche Standards wie die Gleichberechtigung und staatliche Gleichstellungspolitik von Männern und Frauen diskreditieren“?
Ein Schelm, der hier den Ruf nach Sanktionen und staatlicher Verfolgung von Kritikern heraushört. Staatlicher Gleichstellungspolitik mit ihren vielen dringend benötigten Funktionen für genderkompetente Expertinnen wird flugs Verfassungsrang unterstellt, so dass ihre Kritiker als Verfassungsfeinde dastehen, die kein echter Demokrat ruhigen Gewissens in Ruhe lassen darf. Wo kämen wir denn hin, wenn in einer Demokratie jeder zu meinen könnte meinte, was er meinen will.

Wie Gender-Mainstreaming-Expertinnen einmal eine gute Tat vollbrachten Es ist übrigens eben diese Frage, auf die Albrecht in seinen eingangs zitierten Sätze antwortet – und wie peinlich und schäbig diese Antwort ist, lässt sich auch im Vergleich mit einer anderen Antwort zeigen, die vorsichtig, aber doch überraschend Erwartungen der Fragestellerinnen unterläuft: an der Antwort der Grünen nämlich, die Hans-Christian Mrowietz aus dem Referat Öffentlichkeitsarbeit in der Bundesgeschäftstelle verfasst hat.

Seine Antwort auf die letzte Frage:

„Bei verfassungsfeindlichen Organisationen oder Einzelpersonen ist das Strafrecht gefragt. Ob dieses Instrument bei Agitationen gegen Gleichberechtigung greift, scheint allerdings fraglich. Wir verstehen Politik auch als Austausch von Meinungen, als gesellschaftlichen Dialog und Diskussion, als Aushandlungsprozess. Wir wollen gesellschaftliche Mehrheiten für Gleichberechtigung und werden immer dafür streiten. Abweichende Minderheitenpositionen müssen und können demokratische Gesellschaft aushalten.“
Während es bei Albrecht fast bedauernd klingt, dass die „Pressefreiheit“ gelte, stellt sich Mrowietz für die Grünen immerhin gegen Forderungen nach Sanktionen, die Feminismus- und Gender-Mainstreaming-Kritiker treffen sollen. Das ist natürlich kein Grund zum Jubeln, eher einer zur Sorge darüber, dass solche Selbstverständlichkeiten allen Ernstes eigens betont werden müssen. Immerhin ist es ein Beleg dafür, dass auch die Grünen in der Frage der Gender-Expertinnen ein Verlangen nach ernsten Sanktionen wittern.

Auch wenn sich die meisten Männerrechtler in die „gesellschaftlichen Mehrheiten für Gleichberechtigung“ einordnen würden, sehen die Grünen sie hier offenbar eher als Gegner in Minderheitenpositionen. Dass Gleichberechtigung auch die Beseitigung von Ungerechtigkeiten gegenüber Männern umfasst, ist eine Position, mit der sich die Politik streitend auseinandersetzen müsse – dass diese Position gut begründet sein könnte, räumt Mrowietz hier nicht ein.

An anderer Stelle aber antwortet er ungefragt (denn natürlich bezieht sich keiner der Wahlprüfsteine auf Ungerechtigkeiten gegenüber Männern und Jungen, das gehört nun einfach nicht zu fundierten Kenntnissen von Diskriminierungstatbeständen dazu):

„Wir wollen Männer, Jungen und Väter darin unterstützen, sich in gleichstellungspolitischen Anliegen besser zu vernetzen. Sie sind Partner bei der Umsetzung von Gleichstellung. Ihre Anliegen und Bedürfnisse sollen in der geschlechter-politischen Debatte ihren eigenen Raum finden. Die Politik muss ebenso wie die Wissenschaft die Veränderungen der Rollenbilder auch von Männern stärker berücksichtigen. (…) Wir brauchen einen Aufbruch für die Männergesundheit und mehr Forschung ebenso wie eine gesellschaftliche Debatte zum Thema Männer als Opfer von Gewalt.“
Anders als bei der SPD ist hier nicht die Rede davon, dass nur profeministische Männer Unterstützung bräuchten. Die Hinweise auf Männergesundheit und Männer als Opfer von Gewalt greifen traditionelle Themen der Männerbewegung auf, ohne sie sogleich wieder feministisch zu verschrotten – ohne beispielweise den routinierten und irreführenden Hinweis hinterherzuschieben, dass Männer zwar Opfer, aber doch in den meisten Fällen auch Täter von Gewalt wären.

Das sind keine Gründe zum Frohlocken und natürlich auch noch keine Gründe, Grüne zu wählen. Es wäre illusionär zu hoffen, dass die Grünen in der Regierung tatsächlich auch eine entsprechende Politik machen würden. Zudem suggeriert die Rede von den „Veränderungen der Rollenbilder“, dass Männer traditionell eigentlich Hohlköpfe gewesen seien, keiner Unterstützung wert, und dass sie erst neuerdings in einer Weise auftreten würden, die eine Berücksichtigung durch die Politik rechtfertigt.

Immerhin weiß aber gewiss auch Mrowietz, dass die genderkompetenten Prüfsteinentwicklerinnen eigentlich ganz andere Antworten im Sinn hatten als Hinweise darauf, dass zur Gleichberechtigung der Geschlechter auch gleiche Rechte für Männer gehören. Während die SPD also als genderpolitische Streberin auftritt und zeigt, dass sie Schlüsselbegriffe wie „antifeministische Männerrechtsbewegung“ sicher drauf hat und ordnungsgemäß aufsagen kann, versuchen ausgerechnet die Grünen, neben vielen erwartbaren Bekenntnissen, ihre gestrengen Prüferinnen ein bisschen zu ärgern.

Nicht so weit, dass es weh täte oder der Prüfungserfolg gefährdet wäre, natürlich nicht. Aber immerhin zeigt sich daran, dass Themen der Männerbewegung nicht mehr im „cordon sanitaire“ zu halten sind, den genderkompetente Besitzstandswahrerinnen darum zu legen versuchen. Sie süppen durch.

Und damit hat dann glatt auch mal eine Aktion von Gender Mainstreaming-Expertinnen aus Versehen ein nachvollziehbares Ergebnis, das noch dazu selbst Männerrechtlern gefallen kann.

 
Ein ganz kleines bisschen jedenfalls.

@Bombe 20 (Der Name ist, wenn ich das richtig verstehe, eine Anspielung auf den Film „Dark Star“, oder? Jedenfalls:) Herzlichen Dank für die Informationen, die Du herausgesucht, hier verlinkt und kommentiert hast!

"Verhetzung, Lüge, Dreck" – Wie die Böll-Stiftung Böll verwurstet

„Der Schriftsteller Eckhard Henscheid hat den bekannten Schulbuchautor Heinrich Böll in einer Rezension einmal als ’steindumm‘, ‚kenntnislos‘ und ‚talentfrei‘, kurz: als ‚Knallkopf‘ bezeichnet. Obwohl nicht wenige diese Einschätzung als zutreffend und in jeder Hinsicht überfällig empfanden, musste sich Henscheid auf Betreiben eines Böll-Sohns vor Gericht verantworten.“

Jan Fleischhauer ist als Spiegel-Kolumnist offenkundig auch 28 Jahre nach dessen Tod nicht sonderlich gut auf Böll zu sprechen (zum Urteil, auf das er sich bezieht, mehr hier). Ganz ähnlich wie Fleischhauer sieht Michael Klein Böll:

„Kennen Sie auch die Ansichten eines Clowns? Diesen unsäglichen Roman über einen suizidalen Clown, dessen trübe Stimmung dem regnerischen Wetter in nichts nachsteht? Überhaupt regnet es bei Böll immer, wenn die Helden seiner Romane gerade einmal Trübsal blasen. Öde Langeweile in fahle Bilder gegossen.“
Die gehässige Rede vom „Schulbuchautor“ trifft: Als Schriftsteller ist Böll, wenn nicht gerade eine seiner Kurzgeschichten (gern: „Wanderer, kommst du nach Spa…“ ) oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ in der Schule gelesen wird, weitgehend vergessen. Ein wenig ist er vielleicht noch als „Gewissen der Nation“ in Erinnerung, und über diesen Umweg wird er dann auch auf ganz unvermutete Weise wieder aktuell: Die Grünen haben Bölls Image als moralisch integrer, widerständiger Mahner genutzt und ihre millionenschwere parteinahe Stiftung nach ihm benannt.

Auf eine Schrift eben dieser Stiftung bezieht sich auch Klein in seinem Böll-Verriss. Wenn im Zusammenhang mit geschlechterpolitischen Debatten der Name „Böll“ verwendet wird, dann meist im Gespräch über eine als „Expertise“ bezeichnete Schrift der Heinrich-Böll-Stiftung, die bekanntlich den Einsatz für Männerrechte willkürlich mit den Massenmorden Anders Breiviks und mit rechtsradikaler Politik in Verbindung bringt  – oder über eine Schrift zur Verteidigung der Gender Studies, die seltsamerweise nicht etwa deren wissenschaftliche Grundlage erläutert, sondern die sich auf Kritik an ihren Gegnern beschränkt und deren Gegnerschaft ebenfalls in einen rechtsradikalen Zusammenhang stellt.

Da ich Böll schon sehr lange nicht mehr gelesen habe, da ich aber in meiner Jugendzeit ein viel positiveres Bild von den „Ansichten eines Clowns“ – als junger pubertierender Katholik war ich begeistert von der Geschichte einer tragischen Liebe, die an der hartherzigen Moralität der katholischen Kirche scheitert – und auch einiger seiner Essays hatte, habe ich mir einige von ihnen noch einmal angeschaut. Das Ergebnis kann der Böll-Stiftung nicht gefallen….

 
 
Warum Heinrich Böll heute Studienabbrecher wäre Dabei ist Böll als Gewährsmann für feminismuskritische Positionen tatsächlich nicht geeignet, auch wenn sich in seinen vielen Essays natürlich auch Zitate finden lassen, die aufrechten Feministen nicht gefallen können – etwa wenn er in seinem „Brief an einen jungen Katholiken“ betont, dass er Freier von Prostituierten nie habe verurteilen können, weil er die „Spaltung der Liebe in die sogenannte körperliche und die andere“ ohnehin nie recht nachvollziehen konnte (S. 97), oder wenn er sich in seinen Gedanken über das achte Gebot darüber mokiert, dass eine Frau „in gewissen Kreisen“ nicht mehr zugeben könne, dass sie gern kocht, ohne damit „eine ganze Kette von Schimpf und Vorurteilen in Bewegung“ zu setzen (S. 536), oder wenn er überhaupt ganz selbstverständlich von „Brüderlichkeit“ spricht, ohne die Schwesterlichkeit zu bedenken.
 
Eine Freundin erzählte mir einmal von einer ihrer Professorinnen, der heutigen Rektorin der Leipziger Universität, die sich prinzipiell und ohne Rücksicht auf die Qualität des Textes geweigert habe, studentische Arbeiten anzunehmen, die nicht in „geschlechtergerechter Sprache“ verfasst seien – Böll hätte unter diesen Bedingungen nicht einmal einen Proseminarsschein bekommen (auch wenn zu seinen Gunsten, wenn auch widerwillig, eingeräumt werden könnte, dass zu seinen Lebzeiten der Sinn der geschlechtergerechten Sprache noch nicht allen so deutlich war wie heute).
Trotzdem kam mir Bölls Vorstellung von Frauen – auf die Spitze getrieben in seinem letzten Roman „Frauen vor Flußlandschaft“, in dem lauter edle Politikergattinnen anmutig und tragisch unter der Korruptheit des politischen Systems in Deutschland leiden – immer ausgesprochen katholisch vor: Frauen haben bei ihm keine Positionen in den Hierarchien, keine Macht, aber dafür sind sie auch besonders unverdorben und rein. Warum aber die Böll-Stiftung sich gleichwohl nicht auf ihn berufen kann, ohne sich lächerlich zu machen, wird an seinen Essays deutlich, die er in den Siebziger Jahren zum Terror der RAF und den Reaktionen darauf geschrieben hat.
 
Denkmäler für Terroristen Bölls Essay „Soviel Liebe auf einmal“ erschien 1972 im Spiegel 1972 unter dem Titel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit“, der unzutreffend eine persönliche Nähe zwischen Böll und Ulrike Meinhof suggerierte (S. 844). Doch auch ohne diese Verzerrung hätte sich Böll mit diesem Text Ärger eingehandelt. Nach Kaufhausbrandstiftungen im Jahr 1968, der Verhaftung Andreas Baaders, seiner Befreiung im Jahr 1970, an der die damals als konkret-Kolumnistin berühmte Ulrike Meinhof wesentlich beteiligt war, nach Banküberfällen und mehreren Toten war die öffentliche Stimmung gegen die „Baader-Meinhof-Bande“ enorm aufgeheizt, und besonders die Bild-Zeitung legte beständig nach.
 
Böll keilt in seinem Essay gegen eben diese Springer-Zeitung mächtig aus, wirft den Bild-Journalisten vor, Hetze zu betreiben, Anschuldigungen als Tatsachen zu verkaufen und Sachverhalte demagogisch zu verzerren.
„Ich kann nicht begreifen. daß irgendein Politiker einem solchen Blatt noch ein Interview gibt. Das ist nicht mehr kryptofaschistisch, nicht mehr faschistoid, das ist nackter Faschismus. Verhetzung, Lüge, Dreck.“
Dabei schlägt er sich nicht auf die Seite der Terroristen, fordert aber einen fairen Prozess gegen sie:
„Ulrike Meinhof will möglicherweise keine Gnade, wahrscheinlich erwartet sie von dieser Gesellschaft kein Recht. Trotzdem sollte man ihr freies Geleit bieten, einen öffentlichen Prozeß, und man sollte auch Herrn Springer öffentlich den Prozeß machen, wegen Volksverhetzung.“
Die Reaktion auf Böll ist hart. Böll wird nicht nur von der Springer-Presse als „Sympathisant“ des Terrors diffamiert, sein Haus wird durchsucht, ebenso das seines Sohnes. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Karl Carstens redet sich noch 1974 so in Rage, dass ihm gleich mehrere Details durcheinandergeraten :
„Ich fordere die ganze Bevölkerung auf, sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere den Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blüm ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt.“
Auf die Forderung der Distanzierung war Böll schon zwei Jahre zuvor in seinem Text „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ eingegangen.
„Seit wann muß man sich lautstark von etwas distanzieren, mit dem man sich nie identifiziert hat? Muß von nun ab jeder publizierende Bundesbürger jeden Morgen hübsch brav seine Distanzierungslitanei aufsagen?“ (S. 472)
Seine Erfahrungen spiegelt er in seiner 1974 erschienenen Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ – die Geschichte einer Frau, die sich in einen fälschlich als Bankräuber und Mörder verfolgten Deserteur verliebt und die darüber in dem Boulevardblatt „ZEITUNG“ als „Terroristenbraut“ diffamiert wird. In der Perspektive des Hetzblatts ist sie schuldig nicht durch das, was sie denkt oder tut, sondern allein dadurch, dass sie mit einem polizeilich Gesuchten assoziiert werden kann.
 
Was bei diesem kleinen Rückblick ins Auge sticht: Heute ist es ausgerechnet die Heinrich-Böll-Stiftung, die ebenso vorgeht wie die ZEITUNG in Bölls Erzählung oder die Springer-Presse der Siebziger Jahre. Sie instrumentalisiert realen Terror, um politisch Andersdenkende zu diffamieren, sie baut dabei auf bloß assoziativ hergestellte Verbindungen, ohne ihre Vorwürfe inhaltlich begründen zu können oder dies auch nur zu wollen, sie setzt auf Stimmungsmache und politische Verleumdung anstatt auf eine offene Debatte, sie fordert willkürlich Distanzierungen ein, wo sich niemand identifiziert hatte, und sie etabliert simple Gut-Böse-Schemata.

Böll selbst hat, damals noch mit Bezug auf den Ost-West-Konflikt, eine solchermaßen dualisierte Welt als „dumm“ bezeichnet und ihren „Austausch von Unmenschlichkeitskonten“ kritisiert (Schwierigkeiten mit der Brüderlichkeit, S. 447), und er hat mit Bezug auf den haitianischen Terrorherrscher François Duvalier formuliert:

„Bin ich nun ein Kommunist, wenn ich den Antikommunismus Duvaliers für eine ziemliche Zumutung für die Menschheit halte? Dieser törichte Dualismus führt uns nicht weiter und hilft uns nicht zum Frieden.“ (Feindbild und Frieden, S. 576)
Ganz anders natürlich der Dualismus von Feminismus und Antifeminismus, wie ihn Hinrich Rosenbrock für die Böll-Stiftung entwirft, der ist gewiss und selbstredend Garant für eine friedlichere und gerechtere Welt.

Die Hetze der Springer-Presse drückte dabei in Bölls Augen keineswegs Abscheu gegen den Terror aus:

„Die gesamte Halali-Gruppe, zu der keineswegs nur der Springer-Konzern gehört, müßte doch eigentlich der Baader-Meinhof-Gruppe Denkmäler bauen, da sie, ausgerechnet sie, einen Einschüchterungsvorwand geschaffen hat, wie man ihn besser nicht hätte finden können.“ (Die Würde des Menschen ist unantastbar, S. 474)
Ähnlichkeiten mit Rosenbrock oder Ralf Homann, die erregt auf die Massenmorde Anders Breiviks anspringen und sie regelrecht begeistert mit Kritik an feministischen Positionen in Verbindung bringen, sind an dieser Stelle weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.
 
Vom Gewissen der Nation zum Schutzheiligen der politischen Denunziation Von der grünen Stiftung wird Böll gleichwohl als Schutzheiliger der politischen Denunziation benutzt und als Gewährsmann für die seltsame Vorstellung, dass die Diffamierung Andersdenkender der freien Gesellschaft dienlich sei. Am Beispiel dieser absurden Verwurstung Bölls durch die Böll-Stiftung zeigt sich auch eine Änderung in den Selbstverständlichkeiten linker Politik – oder einer Politik, die sich als links versteht.
 
Wenn Böll in „Soviel Liebe auf einmal“ vorrechnet, dass die Bundesrepublik 60.000.000 Einwohner, die Baader-Meinhof-Gruppe aber nur etwa sechs Mitglieder habe (S. 469f.), dann begründet er seine Forderung nach einem fairen Prozess eben durch eine Position der Stärke. Eine offene, freiheitliche Gesellschaft kann und muss nach dieser Vorstellung eben stark genug sein, selbst mit ihren Todfeinden souverän und human umzugehen – ganz zu schweigen natürlich von Menschen, die diese Gesellschaft unterstützen und lediglich Positionen einnehmen, die von bereits etablierten Positionen abweichen.

Eine vorgeblich progressive Politik hingegen, wie sie von der Böll-Stiftung in den zitierten Schriften vertreten wird, hat einen ganz anderen und in entscheidenden Aspekten auch entgegengesetzten Ausgangspunkt. Hier steht nicht die Gemeinsamkeit einer offenen Gesellschaft, die ganz unterschiedliche Meinungen benötigt und vertragen kann, sondern die Vorstellung eines erbitterten Konflikts unterschiedlicher Gruppen im Mittelpunkt. Wichtig ist hier nicht der Schutz eines gemeinsamen Forums für die öffentliche Debatte, sondern hier geht es darum, festzulegen, welche Gruppen der Gesellschaft am meisten unter der Gewalt und den Herrschaftsansprüchen anderer Gruppen zu leiden hätten und daher vor allen anderen schutzbedürftig seien.

 
Hier verschwindet also sowohl die Perspektive einer umfassenden Gemeinschaft als auch die des Individuums, das unabhängig von seiner spezifischen Gruppenzugehörigkeit einen Anspruch auf den Schutz seiner Rechte hat. 
Entsprechend mündet die gezielt diffamierende Radiosendung „Maskuline Muskelspiele“, die wesentlich auf der Böll-Schrift Rosenbrocks fußt, tatsächlich in der kaum verblümten Forderung, Kritik an feministischen Positionen staatlich zu verfolgen.
 
In diesem Geiste müsste dann eigentlich auch die Heinrich-Böll-Stiftung feststellen, dass sie sich nach einer ausgesprochen zwielichtigen Person benannt hat. Da der millionenschweren Stiftung aber natürlich eine Namensänderung nicht zuzumuten ist, sollte sie vielleicht den Erben Bölls und dessen Verlagen verbieten, den Namen „Heinrich Böll“ weiter zu verwenden – denn immerhin ist diese Namensverwendung gewiss geeignet, den makellosen Ruf der Stiftung ernsthaft zu beschädigen.

Alle nicht verlinkten Zitate stammen aus:

Heinrich Böll: Widerstand ist ein Freiheitsrecht… Schriften und Reden zu Literatur, Politik und Zeitgeschichte, hrsg. Von René Böll, Köln 2011

Die Mütze

Eigentlich wollte ich in diesem Blog ja ganz verschiedene Sorten von Texten schreiben, nicht nur Essays, auch ab und zu kleine Geschichten oder Gedichte. Aber ich habe mich von Gender Studies, SPD und Grünen ein wenig mitreißen lassen und dieses wohlmeinende Vorhaben ein wenig aus den Augen verloren… Nun aber wird es Zeit, mal wieder etwas daran zu ändern.

Bei Vandenhoeck & Ruprecht ist gerade der Band „Scheiden tut weh. Elterliche Trennung aus der Sicht von Vätern und Jungen“ erschienen. Seltsamerweise besetzt keiner der Beiträger einen Gender-Lehrstuhl, obwohl das Thema doch eigentlich zentral für die Geschlechterforschung sein müsste…aber ich will natürlich nicht schon wieder damit anfangen.

 
Zur Gesundheit von Jungen in „Einelternfamilien“ – selbst grammatikalisch ist das Wort ja schon krumm – trägt in dem Band beispielweise Robert Schlack vom Robert-Koch-Institut eine Menge zusammen.
Jungen in Einelternfamilien haben demnach häufiger Übergewicht, haben häufiger problematischen Alkoholkonsum, rauchen mehr, konsumieren häufiger gewohnheitsmäßig illegale Drogen, haben mehr Schulprobleme, berichten häufiger über psychosomatischen Schmerz, haben mehr emotionale Probleme, haben mehr Verhaltensprobleme, sind häufiger unaufmerksam und hyperaktiv, haben mehr Probleme mit Gleichaltrigen, zeigen weniger prosoziales Verhalten, haben mehr Defizite in personalen, familiären und sozialen Ressource als Jungen in Kernfamilien mit leiblichen Eltern. Darüber hinaus bleiben die negativen Effekte elterlicher Trennung für die psychische Gesundheit bis in die späte Adoleszenz erhalten, werden die negativen Effekte elterlicher Trennung im Bezug auf Gewaltverhalten nicht oder nur geringfügig durch Schutzfaktoren gepuffert und werden die negativen Effekte elterlicher Trennung durch soziodemografische Faktoren nur wenig moderiert (was bedeutet, dass die negativen Effekte der Trennung weitgehend unabhängig von anderen Faktoren, etwa dem sozialen Status, messbar sind). (S. 141)

Kurz gefasst: Wäre das Aufwachsen in „Einelternfamilien“ ein Medikament, dann würde es entweder gar nicht zugelassen, oder es wäre verschreibungspflichtig und seine Anwendung auf seltene Ausnahmefälle beschränkt. Zumal die Folgen für Mädchen natürlich nicht deutlich besser sind als für Jungen – besonders belastend für Jungen ist aber der Umstand, dass sich hinter dem geschlechtsneutralen Begriff „Einelternfamilie“ ja tatsächlich in mehr als neun von zehn Fällen die mütterliche Alleinerziehung verbirgt und die Jungen auch in den Institutionen der Kindertagesstätten und Schulen jahrelang keine oder fast keine männlichen Bezugspersonen haben. Bei deutschlandweit etwa 1,6 Millionen „Alleinerziehenden“ ist das ein Massenexperiment, das möglicherweise pädagogisch interessante Ergebnisse liefern wird, aber vor keiner Ethikkommission standhalten würde.

Natürlich gibt es Situationen, in denen es schlicht nicht zu vermeiden ist, dass ein erwachsener Mensch ein Kind allein aufzieht – wenn nämlich der Partner oder die Partnerin, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage ist, sich an der Sorge für die Kinder zu beteiligen. Es gibt in vergleichbarer Weise schließlich auch Notsituationen, in denen beispielsweise die Amputation von Gliedmaßen unvermeidbar ist. Kein Mensch aber würde deshalb auf die Idee kommen, dass es ganz normal sei und als Lifestyle-Choice zur bunten „Vielfalt der Lebensweisen“ dazu gehöre, sich selbst oder seinen Kindern ab und zu einmal das eine oder andere Körperteil abzutrennen.

Eben eine solche Position aber bezieht der Verband der alleinerziehenden Mütter (und, dingens, Väter), wenn er die „Alleinerziehung“ als Beitrag zur „Vielfalt der gelebten Familienformen in unserer Gesellschaft“ verklärt. Natürlich hat der Verband ein Eigeninteresse daran, dass möglichst viele Kinder in „Einelternfamilien“ aufwachsen – nicht vernünftig erklärbar aber ist es, dass die Politik solche Interessen bedient.

Verbissen hat der deutsche Gesetzgeber über viele Jahre an einer Gesetzgebung festgehalten, in der bei Nichtverheirateten die mütterliche Alleinerziehung der Normalfall und die gemeinsame Sorge die legitimationsbedürftige Ausnahme war. Bekanntlich waren massive gerichtliche Eingriffe in die Politik – durch den Gerichtshof für Menschenrechte und das Verfassungsgericht – notwendig, um Änderungen zumindest möglich zu machen. Trotzdem haben sich die Parteien des Bundestags daran geklammert, dass nichtverheiratete Eltern weiterhin nicht etwa von einer gemeinsamen Sorge für ihre Kinder, sondern von der mütterlichen Alleinsorge ausgehen. Anstatt die Eltern dazu aufzurufen, ihrer gemeinsamen Verantwortung gemeinsam gerecht zu werden, ruft der Gesetzgeber Mütter dazu auf, Gründe gegen die Beteiligung der Väter an der gemeinsamen Sorge zu finden – und Vätern signalisiert er, dass ihre Kindessorge nur dann nötig sei, wenn sie das wollen und beantragen.

Doch nicht nur rechtlich, sondern auch finanziell wird die „Alleinsorge“ gegenüber dem Aufwachsen mit beiden Eltern gefördert. Laut Spiegel ist es

„ein offenes Geheimnis (…), dass viele Paare die Trennung vortäuschen und sich die Väter nur zum Schein eine andere Wohnung suchen.“
Das ist so absurd, dass man es vielleicht ein zweites Mal lesen muss, um es zu glauben: Das Aufwachsen von Kindern in der Alleinerziehung wird staatlicherseits gegenüber dem Aufwachsen bei beiden Eltern so sehr gefördert, dass einige Paare sogar Trennungen vortäuschen, um mehr Geld beziehen zu können. Das ist ungefähr so (um bei dem Beispiel von oben zu bleiben), als wenn der Staat eine Belohnung für Menschen ausloben würde, die sich oder ihren Kindern Gliedmaßen amputieren.

Es kommt mir gar nicht auf die moralische Bewertung solcher Betrügereien an, die ist ohnehin klar. Ebenso wenig kommt es mir in der folgenden Geschichte darauf an zu entscheiden, wer denn eigentlich Schuld ist an der Trennung, Mutter oder Vater. Wichtig ist nur, dass es verrückt ist, eben die Formen des Aufwachsens von Kindern staatlich zu fördern und zu privilegieren, die für Kinder mit den größten Nachteilen, Schmerzen und Schäden verbunden sind.

Die Mütze

Mein Vater hat mir die Mütze gekauft, als wir zusammen in der Stadt waren. Eine Schiffermütze, sagte er und ich glaubte ihm. Ich war ein Kind, da glaubt man seinem Vater.

Ich nahm die Mütze nicht mehr ab, außer zum Schlafen. Ich möchte sie schließlich nicht aus Versehen eindrücken. Meine Mutter sagt nichts dazu, sie hat es aufgegeben. Früher erzählte sie mir oft, ich solle mir nichts auf den Kopf setzen, das wäre besser für die Haare. Im Winter müsste ich eine Fellmütze tragen.

Doch das mach ich nicht, und sie hat das verstanden. Jedenfalls sagt sie nichts mehr.

Meine Freunde in der Schule verstehen es auch, niemand macht sich über mich lustig. Und seitdem ich einmal einem Jungen, der zwei Jahre älter ist als ich und der mir die Mütze vom Kopf gerissen hatte, zwei Zähne ausgeschlagen habe – seitdem versucht auch niemand mehr, mir die Mütze wegzunehmen.

Schließlich war sie das Letzte, was mein Vater mir gekauft hat. Das Letzte, bisher. Der ist über alle Berge, der kommt nicht wieder, sagt meine Mutter. Doch das glaube ich nicht.

Er wird durch unser Tor treten, und ich werde dann nicht rennen, sondern ganz ruhig zu ihm gehen, und ich werde, so wie es die Älteren machen, die Mütze ziehen und ihm einen Guten Tag wünschen.

Zu Vincent van Goghs Schülerbildnis (Camille Roulin)

Die grüne Unfähigkeit, sich zu schämen

Wenn ich mich richtig erinnere, war es Václav Havel, der einmal gefordert hat, Politikern zu verbieten, Kinder auf den Arm zu nehmen, sich mit ihnen ablichten zu lassen und sie so für die eigene Präsentation zu benutzen. Ich mache mir diese Forderung jedenfalls gern zu eigen und möchte sie auf Wahlkampfplakate ausweiten – Kinder sind für die beauftragten Werbeagenturen offenbar Mittel der Wahl, wenn es darum geht, der Inhaltsleere in den Positionen Erwachsener den Anschein der Lebensfreude und Vitalität zu geben.
Dabei sind beispielsweise Kinder auf den CDU-Wahlkampfplakaten zumindest noch inhaltlich motiviert – wenn eine Parte Politik für Familien zu machen verspricht, dann ist es zumindest nicht absurd, dies mit Bildern von Eltern und Kindern zu illustrieren. Wesentlich schamloser sind in dieser Hinsicht Plakate der Grünen – und deren Zusammenhang mit der Pädophilie-Debatte, mit der die grüne Partei seit Monaten konfrontiert ist.



Sex sells. Aber Kinder gehen auch immer.

Natürlich eine Anspielung an Hello Kitty, die den Eindruck erweckt, Kinder würden es sehnlich erwarten, möglichst früh von ihren Eltern in eine Kita gegeben zu werden. Der Ausbau von Kindertagesstätten ist sinnvoll, aber es geht dabei um die Interessen Erwachsener, darum, berufliches und familiäres Leben vereinbaren zu können – ob die Kinder von den entwickelten Lösungen angetan sind, spielt dabei keine Rolle.
Absurder noch ist dieses Plakat:

Das ist nicht einmal mehr assoziativ und am Rande ein Kinderthema, hier ist der Junge ganz selbstverständlich Sprachrohr der Bedürfnisse seiner Mutter. Interessanter als das angepeilte Thema der Spitzenplätze für Frauen ist denn auch, was das Plakat über grüne Fantasien zum Mutter-Kind- bzw. Mutter-Sohn-Verhältnis aussagt – das Kind ist, als sei gar nichts dabei, bloß Gefäß für die Bedürfnisse einer Erwachsenen.
Auf interessante Weise wird auch im folgenden Plakat ein Kind, nun ein Mädchen, für die politischen Forderungen Erwachsener benutzt:

Hier imaginieren sich Erwachsene selbst als Kinder, sind noch klein (und natürlich, entsprechend der traditionellen Bedeutung von Kindern in der politischen Propaganda, unschuldig), aber ihre Energiekonzepte werden später ganz gewiss einmal ganz groß sein und das ganze Land versorgen.
Das einzige Kinder- und Jugendlichen-Plakat der Grünen, das tatsächlich an die Interessen des dargestellten Jungen oder Mädchens anknüpft, ist dieses hier:
 

Auch hier aber sind es nur indirekt Kinderinteressen, die im Mittelpunkt stehen – die Interessen des Jungen werden erst dann von Belang sein, wenn er einmal erwachsen ist und für die heute angehäufte Schuldenlast aufkommen muss.
Logische Konsequenz der Schamlosigkeit, mit der die Grünen Kinder für ihre Wahlkampfplakate benutzen, ist dann ein kleiner Kasten auf der zentralen grünen Wahlkampf-Website – ein Mädchen bittet um Spenden für die Partei.
 

Als ich das erste Mal eines dieser grünen Wahlplakate sah, nämlich das Hello-Kita-Bild, kam mir die Situation sehr unwirklich vor. Ich fragte mich kurz, ob die Grünen nun eigentlich endgültig den Verstand verloren haben, hatte dann aber das seltsame Gefühl, dass sich sonst niemand an diesen Plakaten störte. Jedenfalls ist die Souveränität beachtlich, mit der die Grünen ignorieren, dass ihre Partei sich seit einigen Monaten mit nachdrücklichen, dringlichen und gut begründeten Fragen zu ihrer Unterstützung der Pädophilie auseinandersetzen muss.
Was wäre wohl geschehen, wenn die katholische Kirche während ihrer Pädophilie-Skandale auf die irre Idee gekommen wäre, in ganz Deutschland Bilder von Kindern zu plakatieren, denen Empfehlungen zur Mitgliedschaft in der katholischen Kirche in den Mund gelegt wurden? Vermutlich hätten führende Grünen-Politiker zu den ersten gehört, die sich angesichts der ungeheuren Unsensibilität gegenüber den Opfern publikumswirksam erschüttert gezeigt hätten.
 
Gewissens-Outsourcing und andere unschuldige Lümmeleien Die Grünen aber haben, was Fragen nach der grünen Pädophilie-Unterstützung angeht, ein erfolgreiches Outsourcing betrieben und eine Arbeitsgruppe des Göttinger Politikwissenschaftlers Franz Walter beauftragt, die Rolle der Grünen bei der politischen Lobbyarbeit für die sexuelle Verfügbarmachung von Kindern zu untersuchen. Nico Fried kommentiert das Verhalten der Grünen in der Süddeutschen Zeitung:
„Ihre historische Aufarbeitung ist lobenswert, ihr politisches Gebaren jämmerlich. Bedurfte es wirklich einer wissenschaftlichen Studie für die Feststellung, dass sich die Partei im ersten Grundsatzprogramm von 1980 für eine Legalisierung sexueller Beziehungen von Erwachsenen mit Minderjährigen aussprach? Ein Blick ins hauseigene Archiv hätte genügt.“
Walters Zwischenergebnisse, die er gemeinsam mit seinem Mitarbeiter Stephan Klecha zuerst in der FAZ veröffentlichte, sind allerdings zweischneidig. Einerseits wird, so Fried, die „Verteidigungslinie hinfällig“, in der grüne Parteiverantwortliche wie Volker Beck oder Katja Dörner behauptet hatten, es hätte niemals Parteibeschlüsse zur Legalisierung der Pädophilie gegeben. Nach Walter und Klecha findet sich
„die Forderung nach einer strafrechtlichen Freistellung von Pädophilie (…) schon im ersten Grundsatzprogramm der Grünen aus dem Jahr 1980“ und blieb in Kraft „bis zur Fusion mit Bündnis 90 im Jahr 1993“.

Gleichwohl ist auch Walters und Klechas FAZ-Beitrag „Distanzierungstango in der Pädofrage“ durchsetzt von Formulierungen, mit denen sie die Verantwortung Grüner eher kaschieren als aufklären. Der Text steigt ein mit einem berüchtigten Zitat Daniel Cohn-Bendits aus einer französischen Talkshow des Jahres 1982, in dem dieser von der umwerfenden erotischen Wirkung eines fünfjährigen Mädchens beim Ausziehen schwärmt.
Die Wissenschaftler verbuchen dieses Zitat als Lust an der Provokation und beschreiben Cohn-Bendit als „pausbäckigen Lümmel“ – ausgerechnet angesichts einer Situation also, die von der Machtdifferenz zwischen Erwachsenen und Kindern geprägt ist, infantilisieren sie den erwachsenen Mann, präsentieren so die Situation unterschwellig als Spiel zwischen Kindern und kopieren damit eben das pädophile Selbstverständnis, das aufzuklären sie vorgeben.
Ihre aufsehenerregendsten Ergebnisse bestehen darin, dass sie andere Parteien – und insbesondere die FDP, Intimfeindin der Grünen – belasten. Beispielsweise zitieren sie einen Artikel der FDP-Bundestagskandidatin Döring, die ihre Kandidatur inzwischen zurückgezogen hat und die 1980 für die Legalisierung der Pädophilie eintrat. „Kausal keineswegs zwingend, aber doch interessant“ ist es in den Augen Walters und Klechas, dass sie 27 Jahre später in die FDP eintrat – was eine gepflegte Umschreibung des Umstands ist, dass sie zwar keinen logischen Zusammenhang zwischen Dörings Artikel und dem FDP-Beitritt konstruieren können, aber ja doch irgendwie das eine mit dem anderen etwas zu tun haben müsse.
Günter Verheugen schließlich habe 1980 während einer Veranstaltung von Schwulen- und Lesbengruppen in der Bonner Beethovenhalle vor Pädophilie-Lobbyisten eine „Revision der Paragraphen 174 und 176“, in denen es um sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen und von Kindern geht, für möglich gehalten. Verheugen wiederum, der erst der FDP und dann der SPD angehörte, empört sich darüber, dass Walter mit ihm niemals über die Vorwürfe gesprochen habe – was Walter im Spiegel gewunden damit erklärt, dass er nun einmal keine „Oral History“ betreibe, sondern mit Dokumenten arbeite (als ob es für Historiker und Politikwissenschaftler völlig absurd wäre, die Arbeit mit Dokumenten durch Zeitzeugeninterviews zu ergänzen, falls es möglich ist).
Natürlich ist es möglich, sogar wahrscheinlich, dass die Grünen nicht die einzige Partei sind, der eine Unterstützung pädophiler Anliegen vorzuwerfen ist, und dass dies in einer sorgfältigen Forschungsarbeit auch deutlich wird. Dass Walters Arbeit gleichwohl ein Gschmäckle hat, merkt er offenbar selbst: Er klärt über die Grünen nur das auf, was ohnehin nicht mehr lange zu vertuschen war, und belastet ansonsten die politische Konkurrenz seines Auftraggebers.

Es wäre durchaus witzig, wenn der Hintergrund nicht so bitter wäre: Noch die eigene Haltung, Schuld immer nur bei anderen wahrzunehmen, nehmen die Grünen immer nur bei anderen wahr.
Im Spiegel verteidigt Walter sein Vorgehen, beruft er sich auf Schilderungen von Opfern Pädophiler und schließt seinen Text mit einem moralisierenden Overkill, nämlich mit dem Satz „Es widert mich an.“ Es sind aber eben nicht die Täter, über die sich Walter hier so wirkungsvoll empört, sondern diejenigen, die Zweifel an der Unvoreingenommenheit seiner wissenschaftlichen Arbeit formulieren.
Ihren FAZ-Text schließen Walter und Klecha mit der Feststellung, dass
„Bündnis 90/Die Grünen schließlich mit ihrer Vergangenheit unwiderruflich gebrochen“ hätten.  
Sie begründen diesen Persilschein mit der grünen Ablehnung sexualisierter Gewalt aus dem Grundsatzprogramm 2002, doch diese Begründung ist nicht tragfähig. Denn schließlich haben die Grünen sich niemals, ebenso wenig wie eine andere demokratische Partei, für sexualisierte Gewalt ausgesprochen und mussten daher auch nicht damit „brechen“ – ihr Problem bestand und besteht darin, dass sie Sexualität zwischen Kindern und Erwachsenen überhaupt nicht als Gewalt wahrnahmen. Wie aber war das möglich?
 
Die Unfähigkeit, sich zu schämen Nachdem die „Verteidigungslinie“, dass es nie entsprechende Beschlüsse gegeben habe, nicht mehr haltbar ist, haben sich Grüne offenbar nun darauf verständigt, dass
„Nachsicht und Toleranz gegenüber pädophilen Bestrebungen“ (auch hier: Walter/Klecha)
ihr Problem gewesen seien. Diese Selbstkritik hat etwas entschieden Selbstverliebtes: Noch in ihrer programmatischen Position, dass die sexuelle Ausbeutung von Kindern durch Erwachsene straffrei sein müsse, entdecken die Grünen und die aufklärenden Wissenschaftler nichts als eine demokratische Tugend, nämlich eine große Toleranz, die nun einmal leider ausgenutzt worden sei.
Das ist unplausibel. Die programmatischen grünen Beschlüsse sind nur unter der Voraussetzung zu erklären, dass die Verantwortlichen keinen Unterschied zwischen den Bedürfnissen Erwachsener und den basalen Interessen von Kindern machten. Möglicherweise gab es im linksalternativen Milieu, aus dem sich die grüne Partei speiste und speist, in eben dieser Hinsicht spezifische und besonders günstige Voraussetzungen für Pädophile.
Wer die Tabus der „bürgerlichen Gesellschaft“ rundweg für menschliches Elend verantwortlich machte und gar nicht auf die Idee kam zu fragen, ob manche dieser Tabus nicht auch vernünftige Funktionen erfüllen könnten – für den sind eben gerade die Menschen attraktiv, die in der eigenen Imagination noch nicht von diesen Tabus infiziert sind. Kinder konnten so zur Projektionsfläche der Sehnsucht Erwachsener nach einer Unschuld außerhalb der rigiden „bürgerlichen Sexualmoral“ werden.
Zudem operiert diese Position mit einer klaren Gut-Böse-Zuordnung, die eine ehrliche Reflexion des eigene Handelns erschwert – auf der einen Seite stehen die Vertreter einer reaktionären Zwangsgesellschaft, auf der anderen Seite die humanen Repräsentanten einer zukünftigen besseren Welt.
Es ist beispielsweise plausibel davon auszugehen, dass die schwerkriminellen Strukturen der Odenwaldschule ohne solche Schwarz-Weiß-Klischees niemals über Jahrzehnte hinweg hätten verdeckt werden können: Wer über den systematischen sexuellen Missbrauch von Kindern an dieser reformpädagogischen Vorzeigeeinrichtung berichtet hätte, wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit dem Vorwurf begegnet, damit den Vertretern einer „reaktionären“ Pädagogik in die Hände zu spielen.
Die Chefredaktion der inoffiziellen grünen Parteizeitung taz kommt gar nicht auf die Idee, aus diesen Zusammenhängen Schlüsse zu ziehen. Gerade erst hat die Chefredakteurin Ines Pohl einen kritischen Artikel des renommierten Bildungsjournalisten und taz-Redakteurs Christian Füller mit fadenscheinigen Argumenten aus dem Blatt gekippt – offenkundig, um den Grünen im Wahlkampf nicht zu schaden. Sätze wie die folgenden sollten also taz-LeserInnen nicht erreichen (der unterdrückte Füller-Artikel findet sich, mit Dank an Genderama, hier):
„Empathie gibt es bei den Grünen nur für die Opfer der anderen. Als die Bundesregierung 2010 einen Runden Tisch einrichtete, gehörte Fraktionschefin Renate Künast zu denen, die am lautesten Aufklärung forderten — von der katholischen Kirche. Jürgen Trittin weicht noch in seinem jüngsten Interview in der »Welt« jedem Vergleich mit der Kirche aus. Das ist insofern richtig, als die katholische Kirche anders aufklärt als die Grünen — besser und gründlicher.“
Auch die grüne Weigerung, Anlaufstellen für die Opfer ihrer Politik zu schaffen, ist wohl auf ein einfaches Gut-Böse-Verständnis der politischen Landschaft zurückzuführen: Es wäre für Grüne offenbar Neuland, den Gedanken zu akzeptieren, dass auch die Politik ihrer eigenen Partei Opfer produziert. Vor allem aber ist noch in der Weigerung, Opfer der eigenen Politik anzuerkennen, die alte brutale Überzeugung aufbewahrt, dass Pädophilie ein „Verbrechen ohne Opfer“  wäre – die Grünen behandeln die sexuell ausgebeuteten Kinder, die heute erwachsen sind, als Kollateralschäden im ehrbaren Kampf um die sexuelle Befreiung (ein Bericht über eines der Opfer findet sich in der Welt).
 
Die Unfähigkeit, sich über die eigenen Positionen zu schämen, zeigt sich auch an der letzten grünen Verteidigungslinie gegen Pädophilie-Vorwürfe, nämlich dem Hinweis, dass sich die „Sichtweise der feministischen Strömungen bei den Grünen“ (erneut: Walter/Klecha) durchgesetzt hätte. Tatsächlich hat beispielsweise Alice Schwarzer schon früh gegen die Verharmlosung der Pädophilie deutlich Stellung bezogen.
 
Doch die feministische Pädophilie-Kritik hat einen Preis: Die sexuelle Ausbeutung von Kindern durch Erwachsene wird darin als Nebenwiderspruch patriarchaler Verhältnisse, die tatsächliche Herrschaftsdifferenz zwischen Erwachsenen und Kindern als Teil einer imaginierten männlichen Herrschaft begriffen.
„Ganz wie die Kinder mit den Pädophilen machen es die Frauen mit den Freiern angeblich ‚einvernehmlich‘ und ‚freiwillig‘“
– diese krumme Parallele zwischen dem sexuellen Missbrauch von Kindern und der Prostitution konstruiert Schwarzer ausgerechnet in einem Text, der mit den pädophilenfreundlichen Positionen der Grünen abrechnet. Sie nimmt dabei gleichfalls Kinder für Interessen Erwachsener in Haftung, während ihr etwa die Inzestverherrlichung ihres Idols Andrea Dworkin niemals ein Wort der Kritik wert war.
Die feministische Position Schwarzers kopiert also eben die problematischen Strukturen, die Bedingung für die grüne Unterstützung von Pädophilen waren: die Identifikation der Bedürfnisse Erwachsener mit den basalen Interessen von Kindern und die klare Einteilung der Welt in simple Gut-Böse-Strukturen.

Wenn die Grünen sich nun auf eine leider allzu große Toleranz und auf die Durchsetzung feministischer Positionen berufen, dann basteln sie sich wiederum Verteidigungslinien, die sachlich nicht haltbar sind. Sie sind nur eben weniger klar durch Sachinformationen zu widerlegen als die primitive Behauptung, es habe niemals Parteibeschlüsse zu Gunsten Pädophiler gegeben.

„Aufgeklärt!“, titelte die taz als grünes Sprachrohr Mitte August, als ob sie das großmäulige Bush-Statement „Mission accomplished“ nachäffen wollte. Nicht nur die flächendeckende, angesichts der Pädophilie-Debatte irrwitzig schamlose Benutzung von Kindern auf den grünen Wahlplakaten zeigt, dass diese Behauptung verfehlt ist. Das Gegenteil ist richtig: Die Aufklärung über die Unterstützung der Grünen für die sexuelle Verfügbarmachung von Kindern und Jugendlichen hat noch nicht einmal ernsthaft begonnen.
 

Der FAZ-Artikel von Franz Walter und Stephan Klecha ist noch nicht online erhältlich. Ich zitiere hier aus:

Franz Walter/Stephan Klecha: Distanzierungstango in der Pädofrage, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12. August 2013, S. 7

Antifeminismus zwischen Demagogie und Flirthilfe

Da lese ich, im Zug sitzend, unschuldig auf meinem Laptop ein paar Texte zum Thema „Antifeminismus“, kämpfe mich zum Beispiel ohne Rücksicht auf mich selbst durch Rolf Pohls „Männer – das benachteiligte Geschlecht? Weiblichkeitsabwehr und Antifeminismus im Diskurs über die Krise der Männlichkeit“ und bleibe trotz des wikipedia-Artikels mit der großen Überschrift „Antifeminismus“ wach – und in der ganzen Zeit blickt mir zuerst die junge Frau rechts von mir, und auch die links über den Gang hinter mir beständig über die Schulter und zeigt sich hochinteressiert an dem, was ich da tu.
 
Das erzählt mir jedenfalls die Dame, die mir gegenübersitzt – sie hätte bei den Blicken gedacht, ich würde einen Porno schauen (obgleich der Vergleich Pohls und der wikipedia mit Pornographie natürlich ein wenig ehrabschneidend ist, auch wenn ich im Moment nicht genau weiß, für welche von beiden Seiten). Das nur mal als Tipp nebenbei – interessierte Lektüre von Antifeminismus-Texten könnte gegebenenfalls einen guten Gesprächsanlass bieten…ich weiß allerdings nicht recht, wohin das führt, ich habe es nicht ausprobiert.

Immerhin wird dadurch deutlich, dass der Begriff „Antifeminismus“ ausgesprochen attraktiv ist, wenn auch nicht ganz so deutlich ist, ob er dabei eher positive oder negative Emotionen auslöst. Der wikipedia-Artikel jedenfalls bastelt eher unschöne Parallelen, verknüpft den Antifeminismus und den Antisemitismus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts und zieht eine gerade Linie vom Widerstand gegen das Frauenwahlrecht zu Katharina Rutschky, die doch glatt Alice Schwarzers „Emma“ kritisiert habe.

Ismen, Anti-Ismen und die Kollaboration mit dem Feind Der Bezug zum Antisemitismus ist natürlich demagogisch – insbesondere angesichts der Tatsache, dass damit schlankweg und ohne unnötige Scham auch „moderne Männerrechtler oder Maskulisten“ einbezogen werden. Gleichwohl hängt dieser Bezug mit einer Schwäche des Begriffs (der auch schon auf dem Blog Alles Evolution diskutiert wurde) zusammen – denn „Antifeminismus“ changiert ja tatsächlich zwischen verschiedenen Bedeutungen, die entweder durchaus vertretbar oder die schlicht bescheuert sind. Er könnte eine prinzipielle Gegnerschaft gegen Frauen bezeichnen und damit tatsächlich eine Parallelbildung zum Begriff „Antisemitismus“ sein, er könnte aber auch – dann eher als Parallelbildung zum „Antifaschismus“ – Name für die Gegnerschaft gegen eine inhumane Ideologie sein.

Doch auch diese positivere Deutung als Gegnerschaft gegen eine Ideologie erzeugt Probleme. Das Blog erzaehlimirnix setzt sich in einem Artikel mit Anti-ismen auseinander und zeigt, wie sie Routinen der Unterstellung hervorbringen.

„Das Gefühl ein Opfer zu sein in einer Welt voller gegen einen gerichteten -ismen verstärkt sich dadurch, dass alle mehrdeutigen Situationen als negativ wahrgenommen werden und jegliche Möglichkeit der Korrektur von Irrtümern ausgeschlossen wird.“ 
Das ist plausibel – wer sich selbst in der grundsätzliche Gegnerschaft gegen eine bestimmte Weltanschauung oder Ideologie definiert, der hat eben ein Interesse daran, diese Gegnerschaft auch wieder und wieder zu begründen und den Anhängern dieser Ideologie abzusprechen, dass sie auch plausible Gründe für ihre Position haben könnten. Wo sich Ismen und Anti-Ismen ineinander verbeißen, gibt es nun einmal nur noch wenig Bewegungsspielraum, weil Kompromissbereitschaft und Wohlwollen als Kollaboration mit dem Feind erscheinen.
 
Feminismus, Antifeminismus und andere Täter-Opfer-Holzschnittarbeiten Welche Gründe aber könnte es dann für eine  grundsätzliche Gegnerschaft zum Feminismus geben? Schließlich vertritt ihre Weltanschauung in den Augen von Feministinnen lediglich Positionen, die eigentlich jeder vernünftige Mensch vertreten würde – vor allem ein Bemühen um die Gleichberechtigung der Geschlechter.

Nun ist allerdings Gleichberechtigung keineswegs ein spezifisch feministisches Ziel – spezifisch ist lediglich, dass Feministinnen für Gleichberechtigung in aller Regel allein unter der Prämisse eintreten, dass es eine umfassende Männerherrschaft gäbe und dass „Gleichberechtigung“ daher grundsätzlich eine Stärkung von Frauenrechten bedeute. Damit verkehrt sich der Ruf nach Gleichberechtigung in den Ruf nach rechtlichen und politischen Privilegien, die behauptete oder tatsächliche Benachteiligungen auszugleichen hätten.

Eine unangenehme Konsequenz solcher Täter-Opfer-Holzschnittarbeiten ist es, dass sie den Startschuss für eine umfassende Opferkonkurrenz setzen –  wer sich überzeugender als andere als Opfer gesellschaftlicher Machtverhältnisse präsentiert, erwirbt sich damit auch mehr Ansprüche auf Hilfen und Unterstützungen. 

 
Eine womöglich noch schlimmere Folge ist eine programmatische antidemokratische Intoleranz – wenn abweichende Positionen als „Täterpolitik“ identifiziert werden, dann reicht natürlich nicht die argumentative Auseinandersetzung mit ihnen, sondern dann muss im Interesse der „Opfer“ überhaupt die offene Äußerung nicht genehmer Meinungen verhindert werden. Die Krawalle, die regelmäßig bei Vorträgen Monika Ebelings angezettelt werden, sind dafür ebenso Beispiele wie die massiven, alle inhaltliche Auseinandersetzung vermeidenden, aber aus öffentlichen Mitteln finanzierten Diffamierungen von Männerrechtlern in Publikationen der grünen Böll-Stiftung oder der ARD.

Eine weitere beunruhigende Folge des Täter-Opfer-Holzschnitte ist die feministische Bejahung politischer Gewalt, die angesichts der eigene Opferposition rundweg als Notwehr erscheint. Von den extremen Gewaltphantasien der feministischen Faschistin Valerie Solanas über akademische oder literarische Gewaltbejahung einer Mary Daly oder Sally Miller Gearhardt bis zu der massenmedial tauglichen Gewaltfreude Alice Schwarzers oder der Femen („Das Blut der Männer wird fließen“) – ganz unterschiedliche feministische Akteurinnen zeichnen sich gleichwohl gemeinsam durch eine große Sympathie für politisch und sexistisch motivierte Gewalt aus.

Wenn auch nicht alle Feministinnen sich diese Gewaltfreude zu eigen machen, verhalten sie sich ihr gegenüber doch durchweg gleichgültig – es gibt nirgendwo eine offene, selbstkritische Diskussion darüber. Auch offizielle politische Kampagnen, die auf feministischen Vorgaben fußen, führen regelrecht demonstrativ vor, dass Gewalt unproblematisch sei, sobald sie Männer trifft – ein Beispiel von vielen ist die Brandenburger Kampagne „Keine Gewalt gegen Frauen und ihre Kinder“.

So gibt es also gute Gründe für eine grundsätzliche Kritik am Feminismus: seine Ablehnung von gleichen Rechten aller Menschen, seine Intoleranz gegenüber Andersdenkenden und seine Nähe zu politisch und sexistisch motivierter Gewalt. Allerdings muss eben deshalb niemand „Antifeminist“ sein, um feministische Positionen grundsätzlich zu kritisieren – es genügt, demokratisch zu sein, Gewalt abzulehnen und die Universalität der Menschenrechte anzuerkennen.

Wenn andererseits eine Feministin gegen Verletzungen der Rechte aller Menschen eintritt, sich mit abweichenden Meinungen auseinandersetzt und Gewalt ablehnt – dann gibt es keinen Grund, ihr gegenüber eine radikal ablehnende Haltung einzunehmen. Ich würde sie möglicherweise fragen, warum sie sich überhaupt noch als „Feministin“ bezeichnet und wäre vermutlich in vielen Punkten anderer Ansicht als sie, trotzdem käme mir die Selbst-Definition als „Antifeminist“ in dieser Situation albern vor. Ich würde mich ja auch nicht als „Antichristdemokrat“ definieren, nur weil ich die Positionen der CDU in vielen Punkten nicht teile.

 
Der Begriff „Antifeminismus“ ist also zwar nicht skandalös, aber er ist entweder unnötig, oder er ist sinnlos. Warum aber spielt er dann für Verteidiger feministischer Positionen trotzdem eine so zentrale Rolle?
 
Wie dem Professor Pohl die Welt abhanden kam (und andere Seltsamkeiten von Anti-Anti-Feministen) Rolf Pohl, Soziologie-Professor in Hannover, entdeckt in seinem Aufsatz über „Wirklichkeitsabwehr und Antifeminismus“ am Beispiel eines ausgegrenzten Vaters einen „ideologischen Propagandafeldzug mit hohen projektiven Anteilen“. Seine Kritik an seiner Entsorgung als Vater
„gipfelte in seiner Zustimmung zu der unsäglichen, den Nationalsozialismus und die Shoah verharmlosenden These, die Verantwortung für die NS-Verbrechen hätte letztendlich bei den Müttern der weitgehend vaterlos aufgewachsenen Täter gelegen.“ (S. 1)
Nun könnte Pohl ja einfach die Folgen der Vaterlosigkeit von Kindern überprüfen und würde dann womöglich feststellen, dass die These nicht absurd, aber einseitig ist – das aber erspart er sich durch die beliebige Behauptung, die Kritik verharmlose den Massenmord an den europäischen Juden. Diese Behauptung ergibt überhaupt nur unter der Voraussetzung Sinn, dass Massenmorde harmlos seien, wenn sie durch Frauen verursacht worden sind – und mit dieser Position steht Pohl wohl außerhalb eines extrem-feministischen Umfelds recht allein. Typisch für seinen ganzen Text aber ist die Weigerung, den sachlichen Gehalt von Äußerungen zu überprüfen.

Er listet beispielsweise die negativen Folgen auf, die Vaterlosigkeit nicht nur in den Augen von Väterrechtlern für Kinder haben (S. 3), erspart sich aber jede Auseinandersetzung damit – allein die Tatsache, dass hier „Kritik am Feminismus und an den Auswirkungen der Frauenbewegung“ geübt werde, reicht ihm aus, diese Kritik als unbegründet abzubuchen. Ob er sich über Benachteiligungen von Jungen in der Schule äußert (S. 6, 8), misandrische Klischees in den Medien (S. 7), Gewalt gegen Männer (S. 9) oder ob er der Erwerbsarbeit eine wesentliche Funktion für die „Konstitution der hegemonialen Männlichkeit“ (S. 12) zuschreibt, ohne auch nur auf die Idee zu kommen, dass sie zuallererst eine Funktion für den Gelderwerb von Familien hat: 

 
Nirgendwo überprüft er Thesen von „Männerrechtlern“ auf ihren sachlichen Gehalt, sondern sieht diese Thesen allein schon dadurch als widerlegt an, dass sie feministische Positionen kritisieren. Regelrecht verleumderisch präsentiert er Gerhard Amendts Forderung nach einer Umwandlung von Frauenhäusern in Zentren gegen familiäre Gewalt und unterstellt Amendt beliebig pornografische Fantasien, ohne zu merken, dass diese Fantasien seine eigenen sind:
„Im Grunde wollen die Frauen ‚es‘ von den Männern so richtig ‚besorgt‘ kriegen.“ (S. 9)
In Pohls Kosmos äußern sich die Beteiligten einer Diskussion nicht über eine gemeinsam erfahrene Welt, und er kommt auch gar nicht auf die Idee, dass die Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Äußerungen in dieser Welt auch überprüft werden könnte. Für ihn gibt es lediglich einen „Diskurs“, indem sich Feministen und Antifeministen gegenüberstehen und in dem von Beginn an feststeht, wer moralisch und sachlich (was ohnehin irgendwie das Gleiche ist) im Recht ist.
 
„Antifeministen“ beziehen sich bei Pohl also prinzipiell nicht auf reale gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, sondern verteidigen lediglich ihre männliche Hegemonie und fühlen sich vom Weiblichen gerade deshalb bedroht, weil sie es machtgierig verdrängt hätten (S. 17) – er unterstellt den von ihm Diffamierten eben den Wirklichkeitsverlust, der sein eigenes Schreiben prägt.

So wie Ilse Lenz und Hinrich Rosenbrock Männerrechtlern eine „Opferideologie“ unterschieben, so macht sich auch Pohl lustig über ein

„scheinheiliges Gerede, mit dem ‚der“ Mann larmoyant zum beklagenswerten Opfer der als ‚feminisiert‘ angeprangerten Verhältnisse stilisiert wird.“ (S. 21)
Auch das verzeichnet nicht nur die Positionen der politischen Gegner, auch hier entdeckt Pohl – wiederum im Gleichschritt mit Lenz und Rosenbrock – in diesen Gegnern eben die Fixierung auf den gesellschaftlichen Opferstatus, den er bei der eigenen Position nicht wahrnehmen möchte. Als Opferideologie“ wird von ihnen schlicht jeder Zweifel an der feministischen Pole-Position in der gesamtgesellschaftlichen Opferkonkurrenz einsortiert.

Eine „antifeminine und antifeministische Gegenbewegung“ (S. 21) gegen Verluste männlicher „Hegemonie“, gerichtet also gleichermaßen gegen Frauen und gegen den Feminismus – das ist alles, was Pohl entdecken kann, wenn Menschen darauf bestehen, dass das Konzept der Menschenrechte Männer und Jungen ebenso einschließt wie Frauen und Mädchen.

 
Natürlich gibt es auch extreme, unvertretbare Positionen von Männerrechtlern. Der Unterschied zu feministischen Positionen ist aber, dass Männer schon klaren Widerspruch anderer Männerrechtler erhalten, wenn sie statt von Frauen von Weibern“ sprechen, während feministische Texte über den Massenmord an allen Männern generationenübergreifend einen Status als Kultbücher erlangen. Während ikonische Feministinnen wie Schwarzer oder die Femen genüsslich Kastrationen von Männern herbeifantasieren können und der Feminismus in seiner allgemeinen Präsentation trotzdem als Bewegung für die Gleichberechtigung der Geschlechter beschönigt wird, werden heißlaufende Brachial-Maskulisten, die sich in irgendeinem Winkel des Internets ein Ende des Frauenwahlrechts herbeisehnen, von hochinteressierten Wissenschaftlern zu Repräsentanten der Männerrechtsbewegung stilisiert.

Der Begriff „Antifeminismus“ erweckt entsprechend den Eindruck, dass feministische Positionen weithin gesellschaftliche Normalität und eigentlich von allen geteilt seien und dass lediglich eine kleine wilde reaktionäre Gruppe von „Antifeministen“ daran noch etwas auszusetzen fände. Tatsächlich ist es eben andersherum. „Antifeminismus“ in der Verwendung von Pohl, aber viel prominenter noch von der grünen Böll-Stiftung und ihren massenmedialen Sprachrohren, ist ein demagogischer Begriff. Sein Ziel ist es, Positionen zu diffamieren, die im demokratischen, rechtsstaatlichen Spektrum nicht nur selbstverständlich, sondern unerlässlich sind: die Überzeugung, dass Menschrechte unteilbar sind – den Einsatz für Meinungsfreiheit – und die Ablehnung politischer Gewalt.

Sind Männer Menschen? Fragen Sie Ihren SPD-Kandidaten!

„Vielen Dank für Ihre Nachricht und dafür, dass Sie sich offensichtlich intensiv mit dem Grundsatzprogramm der SPD auseinander setzen – und das in der Woche, in der meine Partei den 150. Geburtstag feiern konnte.“
So beginnt die Nachricht eines SPD-Bundestagskandidaten, der auf die Frage antwortet, wie denn eigentlich der berüchtigte Satz aus dem SPD-Grundsatzprogramm zu verstehen sei, dass die männliche Gesellschaft überwinden müsse, wer die menschliche Gesellschaft wolle. Der Fragesteller „Horsti“, hat sie in einem Kommentar zu dem Artikel „Wie die SPD unwählbar wurde“ dokumentiert.

Interessant ist die ganze Antwort: Der Kandidat beruft sich auf die Gleichberechtigung der Geschlechter, die doch von der SPD angestrebt werde, erläutert aber nicht, was das denn eigentlich mit dem umstrittenen Satz zu tun habe. Vor allem aber nimmt er das Problem nicht wahr, das der Frage offenkundig zu Grunde liegt – dass sie sich nämlich auf die Gegenüberstellung von Menschlichkeit und Männlichkeit bezieht, mit der die Formulierung der menschlichen männlichkeitsüberwindenden Gesellschaft arbeitet. Da er also die Frage nicht akzeptiert, kann er sie auch gar nicht beantworten.

Obwohl diese wortreich ausweichende Antwortsimulation ja erwartbar war, schreiben noch einige weitere Kommentatoren zu dem Artikel darüber, wie sie selbst an Kandidaten der SPD geschrieben haben. Ich greife die Kommentare hier noch einmal im Zusammenhang auf. Oliver K. schließlich schlägt vor, eine gemeinsame Aktion zu starten und Briefe an SPD-Abgeordnete zu schicken. Das will ich hier unterstützen. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass wir damit ergiebigere oder ehrlichere Antworten bekämen als „Horsti“, aber verglichen mit der schweigenden Akzeptanz der SPD-Position sind solche Nachfragen in meinen Augen die deutlich bessere Alternative.  Antworten können dann hier im Kommentarstrang dokumentiert werden – so bekommen wir einen guten Überblick, zumindest einen Einblick.

Liebe SPD, bin ich/ist mein Mann ein Mensch? Oliver K. macht  einige Vorschläge, wie solch ein Brief gestaltet werden könnte. Der Brief könne z.B. geschrieben sein aus der Perspektive


„eines Menschen, der prinzipiell der SPD nahesteht (sie z.B. in der Vergangenheit mal gewaehlt hat), fuer den sie aber jetzt unwaehlbar geworden ist“.

 
Ich glaube auch, dass das sinnvoll ist – aber auch Menschen, die prinzipiell anderen Parteien nahe stehen, hätten ja Gründe, sich gegen die Darstellung der SPD auszusprechen. Auch ein FDP-Wähler kann sich darauf berufen, dass er nicht durch eine der (immer noch) größten deutschen Parteien qua Geschlecht als Nicht-Mensch präsentiert wird.

Interessant fänd ich es übrigens, wenn auch Frauen nachfragen würden. Schließlich würden auch Männer (soweit sie noch alle Tassen im Schrank haben) den Kopf schütteln über eine Partei, die einen Gegensatz von Menschlichkeit und Weiblichkeit konstruiert. Es waren zudem auch einige Frauen in der SPD, so wie Hannelore Kraft, die sich ursprünglich für die Entfernung des Satzes aus dem Grundsatzprogramm ausgesprochen hatten.

Die von Oliver K. vorgeschlagene und von Klaus T. auch schon in einer Mail formulierte  Konzentration auf den einen Satz finde ich auch richtig. Es gibt sicherlich vieles, was an der SPD-Politik auszusetzen wäre – aber je mehr Punkte genannt werden, desto mehr Möglichkeiten ausweichender Antworten werden geschaffen. (So ähnlich wie bei allzu harten Formulierungen – die geben immer die Gelegenheit, die sachliche Ebene zu verlassen und statt dessen über die Form einer Äußerung die Nase zu rümpfen.)

 
Ob man dem Brief überhaupt noch zusätzliche Informationen zufügt, kommt auf die persönlichen Zusammenhänge an. Gut wäre es vermutlich, die unzureichende Begründung des Satzes als Beitrag zur Gleichberechtigung schon vorwegzunehmen. Etwa so:
„Mit der Forderung nach Gleichberechtigung hat der Satz jedenfalls nichts zu tun – wenn man einen Gegensatz von Menschlichkeit und Männlichkeit konstruiert, dann geht es ja eben gerade nicht um Gleichberechtigung, sondern darum, eines der Geschlechter pauschal für die Unmenschlichkeiten der Gesellschaft verantwortlich zu machen. Eine Sündenbockstrategie, die zudem ernsthafte politische Analysen verhindert.“
 
 
Und welchen Sinn hat das? Natürlich lässt sich immer fragen, welchen Sinn eine solche Aktion haben soll, und ob man denn ernsthaft glaube, damit irgendetwas ändern zu können. Immerhin aber bekommen wir – wie schon durch die von „Horsti“ dokumentierte Mail – einen Einblick in die Hintergründe des zitierten Satzes: Welche Begründungen finden Sozialdemokraten eigentlich dafür, dass sie einen solchen Satz seit nun fast 25 Jahren im Parteiprogramm stehen haben? Gibt es vielleicht auch irgendjemanden, der sich davon distanziert?

Also: Der Bundestagswahlkampf ist ein guter Anlass, einmal bei den SPD-Kandidaten nachzufragen, was sie sich eigentlich bei diesem Satz denken. Ich werde es auf jeden Fall auch tun. Vielleicht haben ja auch schon einige entsprechende Briefwechsel mit ihren Kandidaten oder örtlichen SPD-Verantwortlichen geführt, die sie hier posten könnten.

Ich bitte Euch also, Eure SPD-Kandidaten wegen des Satzes mit der menschlicheren männlichkeitsüberwindenden Gesellschaft anzuschreiben und die Antworten dann hier in den Kommentaren zu dokumentieren. Auf diese Art und Weise bekommen wir zumindest einen guten Einblick, wie sich eigentlich die Bundestagsabgeordneten – die gegenwärtigen, zukünftigen oder potenziellen – der SPD zu diesem Satz stellen. Selbst wenn wir nur vorgefertigte Standardantworten erhalten, ist das ja auch ein Ergebnis.

Und: Wenn man Menschen auf die Nerven geht, ändert man damit ja noch nichts. Wenn man Menschen aber nicht ab und zu auf die Nerven geht, wird man gewiss nichts ändern.

 
Viel Spaß dabei!

Eine Überblicksseite über das Bürgergespräch mit SPD-Kandidaten habe ich hier eingerichtet:
Sind Männer Menschen? Die SPD im Bürgergespräch
 

Wie die SPD unwählbar wurde

Es gibt wohl kaum einen Satz in der gegenwärtigen deutschen Politik, der in der Männerbewegung ähnlich oft zitiert wird. In der „Champions League des Sexismus“, die gerade von MANNdat veranstaltet wird, ist er natürlich mit dabei, und der Bremer Professor Gerhard Amendt bezeichnet ihn in der „Welt“ als einen „Aufruf zum Kampf gegen die Männer“, der sie in den „Status der Unmenschlichkeit“ rücke.
Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“
Ein Satz, der zum ersten Mal im Berliner Programm der SPD von 1989 auftauchte (S. 22) und der dann 2007 auch in das Hamburger Programm übernommen wurde (S. 41). Diese Übernahme war nicht selbstverständlich – prominente SPD-Frauen wie Hannelore Kraft, Gesine Schwan und Kerstin Griese hatten gefordert den Satz zu streichen, da er „rhetorisch verstaubt“ und „nicht mehr angemessen“ sei.  Auf Druck der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF) und der Jusos war er auch jedoch auch in die Neufassung des Grundsatzprogramms aufgenommen worden  – und nach dringlicher Fürsprache Erhard Epplers:
„Dieser Satz stammt nicht von einer radikalen Feministin, sondern von mir. Und ihr dürft ihn getrost ins Hamburger Programm übernehmen.“
Der Gedanke verharmlost den Satz, dass er nur deshalb problematisch sei, weil er rhetorisch nicht mehr auf der Höhe der Zeit wäre. In einem Kommentar hier bezieht sich Crumar beispielsweise auf
„den legendären Satz, der nicht nur ahistorisch und asozial ist, sondern radikal zu Ende gedacht Männer nicht als Bestandteil einer menschlichen Gesellschaft sieht. Zerlegt man den Satz in Gegensatz Paare, wird deutlich, dass Frauen das Menschsein verkörpern, womit Männern nur noch die Position des zu überwindenden Unmenschen bleibt.“ 
Ganz gleich, wie immer der ja tatsächlich ausgesprochen wolkige Satz interpretiert wird, er arbeitet mit einem Gegensatz von Männlichkeit und Menschlichkeit. Demokraten würden selbst Nazis zwar als politische Gegner bekämpfen, ihnen aber nicht die Zugehörigkeit zum Menschsein abstreiten.

Warum aber sollten aus Sicht der SPD Männer insgesamt noch schlimmer sein als Nazis? Und wie gerät ein solcher Satz in das Grundsatzprogramm eine Partei, die sich als demokratisch versteht, und wie kann er sich dort über Jahrzehnte behaupten? Um auf die Fragen eine Antwort zu finden, lohnt sich ein Blick auf die Zusammenhänge, in denen dieser Satz steht.

 
 
Vom männlichen Bedürfnis nach Schichtdienst (und anderen Seltsamkeiten des Berliner Programms)
„Die Zukunft verlangt von uns allen, Frauen und Männern, vieles, was lange als weiblich galt; wir müssen uns in andere einfühlen, auf sie eingehen, unerwartete Schwierigkeiten mit Phantasie meistern, vor allem aber partnerschaftlich mit anderen arbeiten.“ (S. 22)
Im Berliner Programm von 1989 geht dieser Abschnitt dem Satz von der menschlicheren männlichkeitsüberwindenden Gesellschaft direkt voran. Einerseits reproduziert er natürlich Klischees – anders als Frauen erscheinen Männer als phantasielos, als unfähig zur Einfühlung und zum partnerschaftlichen Arbeiten, als hilflos gegenüber unerwarteten Schwierigkeiten. Andererseits und zugleich aber („was lange als weiblich galt“) distanziert er sich von eben diesen Klischees, stellt sie als überlebte gesellschaftliche Konstruktionen dar.
 
Eine seltsame Zwitterposition – während Zuschreibungen an Männlichkeit und Weiblichkeit lediglich den Status von Klischees haben, sollen Frauen zugleich auch tatsächlich in einem deutlich besseren Licht dastehen als Männer. Diese Widersprüchlichkeit zieht sich durch die vorhergehenden Abschnitte. Noch immer, so beklagt die SPD etwa,
„werden Zeitabläufe und Organisationsformen von Erwerbsarbeit und ehrenamtlicher Tätigkeit durch männliche Bedürfnisse bestimmt.“ (S. 21)
Diese Äußerung ist gerade bei einer ehemaligen Arbeiterpartei überraschend – vermutlich wäre kein Mitglied der traditionellen Arbeiterbewegung auch nur auf die Idee gekommen, dass beispielsweise der Schichtdienst nicht der Gewinnmaximierung von Unternehmen diene, sondern die Bedürfnisse der männlichen Arbeiter befriedige.

Erklären lässt sich dieser Satz nur, wenn vorausgesetzt wird, dass „weibliche Bedürfnisse“ darauf gerichtet sind, Erwerbsarbeit und Kindessorge zu verbinden, während „männliche Bedürfnisse“ ganz in der Erwerbsarbeit aufgingen. Von eben dieser Aufteilung allerdings distanziert sich das Programm gerade einen Absatz vorher, wenn die SPD dort beklagt, Frauen werde noch immer „der private Bereich, Hausarbeit und Kindererziehung zugewiesen“. Die SPD rettet sich aus diesem Widerspruch mit der Forderung nach einer 30-Stunden-Woche für Frauen UND Männer.

Dass Frauen möglicherweise gute Gründe haben könnten, die häusliche Arbeit der Erwerbsarbeit vorzuziehen, kommt im SPD-Denken nicht vor – ebenso wenig wie die Idee, dass es auf den Wünschen von Frauen selbst basieren könnte, dass sie weniger ehrenamtliche Tätigkeiten leisten als Männer.

„In allen Gremien sollen Frauen und Männer je zur Hälfte vertreten sein; wo Überzeugungsarbeit dies nicht erreicht, sind gesetzliche Quoten nötig.“ (S. 21f.)
Wer auch nur probehalber auf die Idee käme, dass die relative Zurückhaltung von Frauen auf ihren Entscheidungen selbst und nicht bloß auf feindseligen Strukturen beruhen könnte, müsste diesen Satz als Aufforderung verstehen, Frauen über gesetzlichen Druck in Ehrenämter und andere Gremien hinein zu zwingen.

So ist der Satz von  der menschlicheren männlichkeitsüberwindenden Gesellschaft in seinem ursprünglichen Habitat mehrdeutig. Einerseits drückt sich in ihm die nirgendwo belegte oder gar überprüfte Überzeugung aus, dass „die herrschende Kultur männlich geprägt“ (S. 20) sei, so dass die „menschlichere Gesellschaft“ wohl die wäre, die weniger männlich dominiert ist. Zugleich aber werden Frauen auch tatsächlich als menschlicher präsentiert als Männer, als „Opfer männlicher Gewalt“ (S. 21), deren soziale Kompetenzen doch viel größer seien als die ihrer Peiniger.

Für Männer schafft die SPD damit eine absurde Kommunikationsbasis. Nehmen sie ihn ernst, dann können sie sich eigentlich nur noch in die Ecke zurückziehen und sich schämen (anstatt sich, wie Eppler, eitel und öffentlich für die Erfindung des Satzes zu rühmen). Ansonsten müssen sie zwangsläufig ein Doppelspiel spielen: Entweder sie  gehen davon aus, dass natürlich nicht sie, sondern nur andere Männer gemeint seien. Oder – und das ist die humanere Variante – sie stimmen dem Satz vordergründig zu und schütteln zugleich, sobald sie sich unbeobachtet fühlen, den Kopf darüber, welchen Quatsch man als Sozialdemokrat manchmal erzählen muss, nur um die Genossinnen von der ASF zufrieden zu stellen.

 
 
Von Schlüssel- und Führungspositionen (und anderen typischen SPD-Interessen im Hamburger Programm) Im Hamburger Programm von 2007 hat sich die Situation nur vordergründig verbessert.
„Wir Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen wollen, dass Frauen und Männer gleiche Rechte und Chancen haben (…). Wir wollen, dass Frauen und Männer ihren Weg – gemeinsam oder getrennt, mit oder ohne Familie – selbstbestimmt wählen können.“ (S. 40)
Das muss beispielsweise in den Ohren entsorgter Väter wie Hohn klingen. Hätten die „Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen“ auch nur einmal die revolutionäre Idee durchgespielt, dass auch Männer unter rechtlichen Benachteiligungen leiden können, dann wäre es nicht SPD-Politik gewesen, auch kleine Verbesserungen der heillosen rechtlichen Position von nicht-ehelichen Vätern und ihren Kindern über Jahre hinweg und mit großem Aufwand zu blockieren.

Während sich die SPD 2007 mit klischeehaften Zuschreibungen an Geschlechter stärker zurückhält als 1989, gerät ein anderer Aspekt in den Vordergrund.

„Die Schlüsselpositionen von Wirtschaft und Gesellschaft werden ganz überwiegend von Männern besetzt. Frauen erhalten vielfach weniger Lohn als gleich qualifizierte Männer.“ (S. 40)
Der zweite Satz ist phrasenhaft, er wäre genau andersherum auch richtig – wer beispielsweise in Teilzeit arbeitet, erhält eben weniger Lohn als gleichqualifizierte Arbeitskollegen, die eine Vollzeitstelle haben. Eine Anspielung auf das Gender Pay Gap“, die schon von dem Wissen geprägt ist, dass die Vorstellung einer Benachteiligung von Frauen bei den Löhnen nicht haltbar ist – und die trotzdem nicht von ihr lassen kann.

Wichtiger aber ist die für eine ehemalige Arbeiterpartei überraschende Fixierung auf „Schlüsselpositionen“, auf die obersten Plätze der Gesellschaft und des Arbeitslebens. Das ist kein Zufall:

„Erforderlich sind gesetzliche Maßnahmen für die gleiche Teilhabe von Frauen an Führungspositionen in Unternehmen, Verwaltung, Wissenschaft und Forschung sowie Aufsichtsgremien.“ (S. 41)
Keine Rede von einer allgemeinen gleichen Teilhabe: Soweit das Programm einer ehemaligen Arbeiterpartie, die vergessen hat, dass es Arbeiter gibt.
 
 
Wofür gläserne Decken gut sind Ein schönes Beispiel für die sozialdemokratische Verdrängung des Erbes als Arbeiterpartei, das vordergründig mit Geschlechterthemen nicht viel zu tun hat, ist die „Rente mit 67“. Es hat die SPD Jahre gekostet, bis sie gemerkt hat, dass diese Rente vor allem die Menschen trifft, die ehemals ihre Klientel waren: Bergleute, Maurer, Betonbauer, Zimmerer, Dachdecker, Gerüstbauer, Textilverarbeiter, Gartenbauer und andere, die schon das Renteneinstiegsalter von 65 zu großen Teilen nicht erreichen. Das Demographische Netzwerk dazu:
„So geht von den im Hoch- oder Tiefbau beschäftigten Personen fast jeder Zweite aus Gesundheitsgründen vorzeitig in Rente. In Ausbauberufen, wie z.B. Fliesenleger oder Heizungsbauer und in Berufen der Holzbearbeitung liegt diese Quote jeweils bei über 40%. Anders bei akademischen Berufen.“
Für alle diese Menschen ist die Rente mit 67 faktisch eine „verkappte Rentenkürzung“ (worauf übrigens ausgerechnet die FDP die SPD schon früh aufmerksam machte), und die Verantwortung für diese Kürzung wird eben gerade auf die abgewälzt, die unter ihr leiden – sie hätten ja schließlich länger arbeiten können. Als klassische sozialdemokratische Politik lässt sich das auch mit großem propagandistischem Geschick nicht verkaufen.

Die SPD jedoch, ganz fixiert auf vermeintliche gläserne Decken für karrierebewusste Frauen, bekam nicht einmal mehr mit, dass große Teile ihrer ehemaligen Wähler mittlerweile in den Keller fielen. Möglicherweise liegt das eben auch daran, dass die am stärksten betroffenen Berufe fast ausschließlich Männerberufe sind. Wer nur auf „Schlüsselpositionen“ starrt, dort viele Männer entdeckt und so eine „männliche Herrschaft“ fabuliert, kann mit gesellschaftlich produziertem männlichen Leid eben nur wenig anfangen.

Ihre eigene Vergangenheit als Arbeiterpartei verdrängt die SPD also machtvoll und führt sie nur noch gelegentlich aus Gründen der Imagepflege vor. Das ist Resultat einer weitgehenden Verbürgerlichung der Partei und keine Konsequenz feministischer Positionsnahmen. Die feindseligen feministischen Klischees im SPD-Grundsatzprogramm und ihre Wirkungen in der Partie verdecken jedoch diesen Prozess und verstärken ihn. Der Blick wandert von sozialen Unterschieden hin zu Geschlechterunterschieden, und Reflexionen privilegierter Männer und Frauen über die Aufstiegs- und Karrierechance privilegierter Frauen erscheinen als zentrale, ja einzig nennenswerte Beiträge zu Fragen sozialer Gerechtigkeit.

So erfüllt die hohle, demagogische Gegenüberstellung von Menschlichkeit und Männlichkeit eben doch einen Zweck. Anstatt sich mit politischen Zusammenhängen auseinandersetzen zu müssen, und mit der eigenen Verantwortung für politische Entwicklungen, personalisiert die SPD gesellschaftliche Konflikte und entdeckt die Verantwortung dafür in einem vorgeblich „männlichen“ Verhalten. Oder noch einmal in Crumars Worten, hier im Kommentar:

„Die Umstände den Männern anzulasten, ihrem Verhalten, entlastet die politischen Akteure, die die Verhältnisse geschaffen haben, in denen sich Männer verhalten müssen.“
Eine Partei, die solche gruppenbezogenen Feindschaften pflegt und die Angehörige großer Gruppen schlicht aus der Menschlichkeit hinausdefiniert, um politische Analysen zu vermeiden und ihre eigene politische Verantwortung zu verwischen, ist selbstverständlich unwählbar – für Männer und für Frauen.