Feindbild Mann

Sind Männer Menschen? Fragen Sie Ihren SPD-Kandidaten!

Bild zeigt Martin Schulz von der SPD.
geschrieben von: Lucas Schoppe
„Vielen Dank für Ihre Nachricht und dafür, dass Sie sich offensichtlich intensiv mit dem Grundsatzprogramm der SPD auseinander setzen – und das in der Woche, in der meine Partei den 150. Geburtstag feiern konnte.“

So beginnt die Nachricht eines SPD-Bundestagskandidaten, der auf die Frage antwortet, wie denn eigentlich der berüchtigte Satz aus dem SPD-Grundsatzprogramm zu verstehen sei, dass die männliche Gesellschaft überwinden müsse, wer die menschliche Gesellschaft wolle. Der Fragesteller „Horsti“, hat sie in einem Kommentar zu dem Artikel „Wie die SPD unwählbar wurde“ dokumentiert.

Interessant ist die ganze Antwort: Der Kandidat beruft sich auf die Gleichberechtigung der Geschlechter, die doch von der SPD angestrebt werde, erläutert aber nicht, was das denn eigentlich mit dem umstrittenen Satz zu tun habe. Vor allem aber nimmt er das Problem nicht wahr, das der Frage offenkundig zu Grunde liegt – dass sie sich nämlich auf die Gegenüberstellung von Menschlichkeit und Männlichkeit bezieht, mit der die Formulierung der menschlichen männlichkeitsüberwindenden Gesellschaft arbeitet. Da er also die Frage nicht akzeptiert, kann er sie auch gar nicht beantworten.

Obwohl diese wortreich ausweichende Antwortsimulation ja erwartbar war, schreiben noch einige weitere Kommentatoren zu dem Artikel darüber, wie sie selbst an Kandidaten der SPD geschrieben haben. Ich greife die Kommentare hier noch einmal im Zusammenhang auf. Oliver K. schließlich schlägt vor, eine gemeinsame Aktion zu starten und Briefe an SPD-Abgeordnete zu schicken. Das will ich hier unterstützen. Es ist zwar unwahrscheinlich, dass wir damit ergiebigere oder ehrlichere Antworten bekämen als „Horsti“, aber verglichen mit der schweigenden Akzeptanz der SPD-Position sind solche Nachfragen in meinen Augen die deutlich bessere Alternative.  Antworten können dann hier im Kommentarstrang dokumentiert werden – so bekommen wir einen guten Überblick, zumindest einen Einblick.

Liebe SPD, bin ich/ist mein Mann ein Mensch? Oliver K. macht  einige Vorschläge, wie solch ein Brief gestaltet werden könnte. Der Brief könne z.B. geschrieben sein aus der Perspektive

 

„eines Menschen, der prinzipiell der SPD nahesteht (sie z.B. in der Vergangenheit mal gewaehlt hat), fuer den sie aber jetzt unwaehlbar geworden ist“.

 

Ich glaube auch, dass das sinnvoll ist – aber auch Menschen, die prinzipiell anderen Parteien nahe stehen, hätten ja Gründe, sich gegen die Darstellung der SPD auszusprechen. Auch ein FDP-Wähler kann sich darauf berufen, dass er nicht durch eine der (immer noch) größten deutschen Parteien qua Geschlecht als Nicht-Mensch präsentiert wird.

Interessant fänd ich es übrigens, wenn auch Frauen nachfragen würden. Schließlich würden auch Männer (soweit sie noch alle Tassen im Schrank haben) den Kopf schütteln über eine Partei, die einen Gegensatz von Menschlichkeit und Weiblichkeit konstruiert. Es waren zudem auch einige Frauen in der SPD, so wie Hannelore Kraft, die sich ursprünglich für die Entfernung des Satzes aus dem Grundsatzprogramm ausgesprochen hatten.

Die von Oliver K. vorgeschlagene und von Klaus T. auch schon in einer Mail formulierte  Konzentration auf den einen Satz finde ich auch richtig. Es gibt sicherlich vieles, was an der SPD-Politik auszusetzen wäre – aber je mehr Punkte genannt werden, desto mehr Möglichkeiten ausweichender Antworten werden geschaffen. (So ähnlich wie bei allzu harten Formulierungen – die geben immer die Gelegenheit, die sachliche Ebene zu verlassen und statt dessen über die Form einer Äußerung die Nase zu rümpfen.)

Ob man dem Brief überhaupt noch zusätzliche Informationen zufügt, kommt auf die persönlichen Zusammenhänge an. Gut wäre es vermutlich, die unzureichende Begründung des Satzes als Beitrag zur Gleichberechtigung schon vorwegzunehmen. Etwa so:
„Mit der Forderung nach Gleichberechtigung hat der Satz jedenfalls nichts zu tun – wenn man einen Gegensatz von Menschlichkeit und Männlichkeit konstruiert, dann geht es ja eben gerade nicht um Gleichberechtigung, sondern darum, eines der Geschlechter pauschal für die Unmenschlichkeiten der Gesellschaft verantwortlich zu machen. Eine Sündenbockstrategie, die zudem ernsthafte politische Analysen verhindert.“

Und welchen Sinn hat das? Natürlich lässt sich immer fragen, welchen Sinn eine solche Aktion haben soll, und ob man denn ernsthaft glaube, damit irgendetwas ändern zu können. Immerhin aber bekommen wir – wie schon durch die von „Horsti“ dokumentierte Mail – einen Einblick in die Hintergründe des zitierten Satzes: Welche Begründungen finden Sozialdemokraten eigentlich dafür, dass sie einen solchen Satz seit nun fast 25 Jahren im Parteiprogramm stehen haben? Gibt es vielleicht auch irgendjemanden, der sich davon distanziert?

Also: Der Bundestagswahlkampf ist ein guter Anlass, einmal bei den SPD-Kandidaten nachzufragen, was sie sich eigentlich bei diesem Satz denken. Ich werde es auf jeden Fall auch tun. Vielleicht haben ja auch schon einige entsprechende Briefwechsel mit ihren Kandidaten oder örtlichen SPD-Verantwortlichen geführt, die sie hier posten könnten.

Ich bitte Euch also, Eure SPD-Kandidaten wegen des Satzes mit der menschlicheren männlichkeitsüberwindenden Gesellschaft anzuschreiben und die Antworten dann hier in den Kommentaren zu dokumentieren. Auf diese Art und Weise bekommen wir zumindest einen guten Einblick, wie sich eigentlich die Bundestagsabgeordneten – die gegenwärtigen, zukünftigen oder potenziellen – der SPD zu diesem Satz stellen. Selbst wenn wir nur vorgefertigte Standardantworten erhalten, ist das ja auch ein Ergebnis.

Und: Wenn man Menschen auf die Nerven geht, ändert man damit ja noch nichts. Wenn man Menschen aber nicht ab und zu auf die Nerven geht, wird man gewiss nichts ändern.

Viel Spaß dabei!

Eine Überblicksseite über das Bürgergespräch mit SPD-Kandidaten habe ich hier eingerichtet:
Sind Männer Menschen? Die SPD im Bürgergespräch

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80 Comments

  • Das hier ist die Mail, die ich heute an meine Abgeordnete verschickt habe:

    Sehr geehrte ****,

    ich schreibe an Sie, weil Sie die SPD-Bundestagskandidatin meines Wahlbezirks sind.

    Ich stamme aus einer klassischen SPD-Familie, meine Eltern seit vielen Jahrzehnten Parteimitglieder,sogar schon einige Groß- und Urgroßeltern gehörten ihrer Partei an. Ich selbst habe jahrelang bei jeder Wahl SPD oder Grüne gewählt.

    Das hat sich geändert (nicht nur für mich, auch für meine Eltern), als ich vor einigen Jahren Vater wurde. Meine damalige Partnerin und ich waren nicht verheiratet, gleichwohl war unser Kind ein Wunschkind, und wir haben beide zu gleichen Teilen dafür gesorgt. Erst nachdem sie sich aber von mir getrennt hatte, wurde mir klar, wie ungeheuer rechtlos nichteheliche Kinder und Väter nach deutschem Recht hat waren. Ich erlebte auch, wie das SPD-geführte Justizministerium unter Brigitte Zypries jahrelang vom Verfassungsgericht 2003 auferlegte Untersuchungen verschleppte, die zu einer Verbesserung der Situation hätten beitragen können – wie ich, mittlerweile Mitglied im Väteraufbruch („Allen Kindern beide Eltern“), von Pamphleten der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung („Geschlechterkampf von rechts“) und der grünen Heinrich-Böll-Stiftung („Die antifeministische Männerrechtsbewegung“) deswegen als rechtsradikal präsentiert wurde – und wie sich die SPD den winzigen Verbesserungen für nichteheliche Väter und Kinder, die aufgrund der Urteile des Menschenrechtsgerichtshofs und des Verfassungsgerichts notwendig wurden, im Bundestag entgegenstemmte.

    Und ich habe eben auch das Parteiprogramm der SPD gelesen und dort einen unsäglichen Satz, der so niemals im Programm einer demokratischen Partei hätte auftauchen dürfen, der aber vieles erklärt: „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

    Ich kenne Sozialdemokraten, die behaupten, dieser Satz würde ein Bemühen um Gleichberechtigung ausdrücken. Das ist absurd. Schließlich arbeitet der Satz mit einem Widerspruch von Menschlichkeit und Männlichkeit – es geht eben NICHT um gleiche Rechte. Der Satz begründet schlicht eine gruppenbezogene Feindschaft, mit der die Angehörigen des einen Geschlechts pauschal für die Unmenschlichkeiten der Gesellschaft verantwortlich gemacht werden – eine Sündenbockstrategie, die ernsthaften Analysen politischer Konflikte im Wege steht.
    Kein vernünftiger Mensch, weder Mann noch Frau, würde eine Partei wählen, die einen solchen Widerspruch zwischen Menschlichkeit und Weiblichkeit beschreiben würde („Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die weibliche überwinden.“) – warum sollte also jemand IHRE Partei wählen?

    Daher meine Fragen:

    Was hat die SPD Menschen zu bieten, die für eine Gleichberechtigung der Geschlechter eintreten – was eben bedeutet, dass geschlechtsbedingte Benachteiligungen von Frauen UND von Männern beseitigt werden müssen?

    Was hat die SPD nichtehelichen, aber auch ehelichen Vätern und Kindern zu bieten – was haben Sie und ihre Partei für eine Verbesserung der rechtlichen Situation getan? Welche Gewähr können Sie beispielsweise dafür bieten, dass rechtlich notwendige Verbesserungen im Falle einer SPD-Regierungsbeteiligung nicht wieder, wie unter Zypries, durch administrative Verschleppung verhindert werden?

    Und schließlich: Was tun Sie, und was tut Ihre Partei dafür, dass dieser unsägliche und auch unsagbar peinliche Satz, der einen Widerspruch zwischen Menschlichkeit und Männlichkeit konstruiert, aus Ihrem Parteiprogramm verschwindet?

    Mit freundlichen Grüßen

  • Lieber Herr Schoppe, ich bewundere Sie für Ihre Formulierungskünste! Bin auf die Antwort gespannt, naja eigentlich gespannt, wie sich die betreffende Damen herausreden wird, welche Allgemeinplätze sie von sich geben wird.
    KlausT

  • Demnächst bei der Heinrich-Böll-Stiftung:
    Rechtsextreme Männerrechtler und Parteipolitiker – Wie Männerrechtler linke Parteipolitker bedrohen und einschüchtern um ihre finsteren Ziele durchzusetzen. Eine wissenschaftliche Expertise herausgegeben von den Sozialforschern Thomas Kemper und Hinrich Rosenbrock.

  • Die Argumentation seitens der SPD war häufig, dass man eine Gesellschaft überwinden wolle, die männlich dominiert sei, hin zu einer gleichberechtigten bla bla bla…

    Man könnte die Abgeordneten ja mal fragen, ob sie nicht auch folgenden Satz ins Programm übernehmen wollen:

    „Wer die menschliche Erziehung will, muss die weibliche überwinden“

    Als Begründung: wir wollen weg von einer Erziehung, an der sich Männer nicht beteiligen (wollen/dürfen), hin zu einer Erziehung, in der Männer und Frauen gleichermaßen Verantwortung übernehmen bla bla bla…

    Beste Grüße

    Kevin Fuchs

  • Der betreffende Bundestagskanditat ist übrigens dieser hier:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Carstensen

    Ich hatte ihn vor einigen Jahren bereits einmal angeschrieben, weil er im Familienrechtsausschuss des Bundestages saß. Leider lehnte er es damals ab für eine volle Gleichstellung von Männern beim Sorgerecht einzutreten, daher habe ich ihn nicht gewählt.

  • Hier mein Schriftwechsel mit dem Büro Steinmeier, Teil I:

    „Sehr geehrter Herr Steinmeier,

    vor dem Hintergrund Ihres Aufrufes im Hinblick auf eine Frauenzwangsquote teile ich Ihnen mit, dass ich beabsichtige die nächste Bundestagswahl zu boykottieren.

    Begründung: Männer/Väter sind hierzulande nach politischen Willen der etablierten Parteien nur noch nach Belieben zu diskriminierende Verfügungsmasse und werden zunehmend ihrer freiheitlichen Grundrechte beraubt.
    Mittels Familienrecht wurden Männer maßgeblich entrechtet und sind nurmehr mütterlicher Willkür unterworfen. Dieses „Recht“ orientiert sich am Geschlecht und nicht am Gleichheitsgrundsatz.
    Anstatt jedoch die klassisch im Familienrecht verankerten Versorgungsprogramme für Frauen/Mütter zu gendern und damit ein Burden sharing mit für Mann und Frau gleicher materieller Verantwortung einzuleiten, richtet sich das politische Interesse auf weitere Komfortzonen und Privilegien allein für Frauen. Parallel zu laufender Erwerbsobligenheit für Männer/Väter inkl. „fiktiven Einkommen“, doppelt so hoher Sanktionierung von männlichen ALG-II-Empfängern und einer Kindeswohlauslegung, die sich auf Mutter reimt. Bzgl. der Suizidzahlen bzw. der männlichen Lebenserwartung lässt unsere stramm feministische Politik hingegen keinerlei Interesse oder gar Gegenmaßnahmen erkennen. Das ist jenseits der im SPD-Parteiprogramm als Ziel ausgegebenen menschlichen Gesellschaft.

    Die hiesige Geschlechterpolitik feministischer Provenienz findet auf dem Rücken der Männer und bekanntlich bereits der Jungs statt. Das ganze Ausmaß dieser Doppelstandards zeigt sich in der Tatsache, dass eine Zwangsquote für die Bundeswehr so gar nicht gefordert ist. Eher wird die Wehrpflicht ausgesetzt, als Frauen Pflichten aufzuerlegen. Gleichberechtigung im Familienrecht ist nicht gegeben und bleibt nach Lage der Dinge frauenfokussiert. Nun also soll die Wirtschaft mit ähnlichen Comfort Spaces für das ach so schwache Geschlecht ausgestattet werden. Dabei sagt ein Blick auf Studien- und Ausbildungswahl bereits alles über die Verteilung von technischer Qualifikation und damit einhergehender Berufskarriere.

    Ich bin nicht länger bereit dieser galoppierenden Geschlechterapartheid, die sich exemplarisch im Gesetz zur Beschneidung von Jungen widerspiegelt auch noch meine Stimme zu geben.

    MfG“

  • Teil II

    Antwort:

    „Sehr geehrter Herr XXX,
     
    vielen Dank für Ihre Email an Herrn Dr. Steinmeier. Er hat mich gebeten, Ihnen zu antworten und Sie zu grüßen.
     
    Ich entnehme Ihrer Email eine gewisse Frustration darüber, dass Frauen in letzter Zeit häufig das Thema in der politischen Debatte waren. Als Mann fühlt man sich davon nicht angesprochen und manchmal sogar vor den Kopf gestoßen. Man könnte meinen, es werde mittlerweile genug für Frauen getan.
    Leider wird in der Tat viel geredet und von der Bundesregierung auf diversen Gipfeln viel versprochen. Das Problem ist aber: gehandelt wird nicht! Die Benachteiligung von Frauen ist ein Fakt. Ihre Vorstellungen von Komfortzonen und Privilegien für Frauen entsprechen nicht der Realität. In den 200 größten Unternehmen sind nur 13 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder Frauen, in Vorstandsetagen weniger als 4 Prozent. Zudem erhalten Frauen im Schnitt 22 Prozent weniger Lohn bei gleicher Arbeit.
    Das muss sich ändern! Und dafür müssen wir gerade als Männer kämpfen. Denn es geht doch eigentlich gar nicht um Frauen, es geht um Gleichberechtigung. Und das betrifft Männer in gleichem Maße. Sie sprechen das deutsche Familienrecht an. „Mütterliche Willkür“ herrscht dort zwar nicht, in der Tat gibt es aber manch merkwürdigen Paragraphen. So heißt es in § 1592 Abs. 1 Satz 1 BGB: „Vater eines Kindes ist der Mann, der zum Zeitpunkt der Geburt mit der Mutter verheiratet ist.“ Hingegen ist gemäß § 1591 BGB Mutter eines Kindes die Frau, die es geboren hat. Diese Paragraphen wurden aber nicht erst in jüngster Zeit eingefügt. Sie sind über hundert Jahre alt! Dem deutschen Familienrecht liegt in manchen Teilen ein veraltetes Familienbild zu Grunde, wonach Männer arbeiten und Frauen zuhause bleiben und die Kinder erziehen sollen. Und dieses überkommene Gesellschaftsmodell ist doch das Problem, für Frauen und für Männer.
    Wenn nun die SPD-Bundestagsfraktion für eine Frauenquote eintritt, dann tritt sie für ein modernes und faires Verhältnis zwischen den Geschlechtern ein. Wir sehen Frauen und Männer als gleichberechtigte Partner, in der Erwerbstätigkeit, im Haushalt und vor allem der Erziehung.
    Die Frauenquote ist also kein Grund die Bundestagswahl zu boykottieren, sie ist ein Grund, sich darauf zu freuen, denn sie bietet die Gelegenheit, mit der SPD für eine moderne Gesellschaft zu stimmen, in der Gleichberechtigung nicht nur eine hohle Phrase ist.
     
    Mit freundlichen Grüßen, auch im Namen von Herrn Dr. Steinmeier
     
    Constantin von der Groeben“

  • Teil III:

    „Sehr geehrter Herr von der Groeben,

    danke für Ihre Rückmeldung.

    Es ist ermüdend permanent feministische Mythen korrigieren zu müssen und erschreckend, dass sie selbst vom Büro Steinmeier verbreitet werden. Laut statistischem Bundesamt sind es nur 8% Lohnunterschied und zwar OHNE Berücksichtigung relevanter Daten, weil sie ganz einfach nicht vorlagen. Zudem ist die Lohnschere im ÖD am höchsten. Na so was! Warum? Weil die „harten“ Arbeitsbereiche von Frauen gemieden werden.

    Bzgl. Frauenquote hat die SPD bekanntlich 25 Jahre Erfahrung – in einem Maße, dass Ihr Parteifreund Klaus Funken meint, es sei genug damit, denn seither zu beobachtender deutlicher Mitgliederschwund, keine Kanzlerkandidatin und ein bundesweites Wählerpotential um die 22% von ehemals 40% sollten doch die Untauglichkeit dieser dirigistischen Maßnahme hinreichend deutlich gemacht haben. Seine Analyse verdient wesentlich mehr innerparteiliche Beachtung.

    Aber die ASF bleibt eben die ASF. Und mit Brigitte Zypries ist die gesetzlich verankerte Mutterhoheit ja wieder ganz oben auf der Agenda. Insofern viel Erfolg weiterhin beim gerechten Kampf für die Frauen, Herr von der Groeben – insbesondere für eine SPD-Kanzlerkandidatin. Da gilt es noch allerhand Benachteiligung durch Ihre Genossen auszuräumen. 
    😉

    MfG auch an Herrn Steinmeier“

    Es zeigt sich eine geradezu reaktionäre Ignoranz ggb. männlicher Lebenssituationen. Die SPD ist für mich nur noch die Sozialfemokratische Partei Deutschlands. Für Humanisten und Demokraten unwählbar.

  • Als ich noch in der SPD war haben wir regelmäßig verzweifelt nach Frauen gesucht, die bereit waren, für die Kommunalwahl zu kandidieren. Wir haben niemals genug Frauen gefunden, die bereit waren, sich für die mit eher wenig Prestige und viel Arbeit verbundenen Mandate aufstellen zu lassen, es haben sich einfach keine gemeldet.

  • Und noch von mir nachgeschoben:

    „Sehr geehrter Herr von der Groeben,

    noch am selben Tag hatte ich Sie auf die innerparteiliche Entwicklung bei der SPD nach 25 Jahren Frauenquote hingewiesen, ohne dass Sie darauf eingegangen wären. Sie werden Ihre Gründe haben, Klaus Funkens Analyse zu ignorieren.

    Ihre Heilsversprechungen infolge Frauenquote (diese wohlgemerkt NICHT auf allen Ebenen und damit unglaubwürdig), Herr von der Groeben, folgen einem feministischem Mythos, welcher der SPD längst den politischen Abstieg beschert hat. Merken Sie das denn nicht? Der männliche Wähler wendet sich ab. Aber vielleicht ist Ihnen das auch – salopp gesagt – vollkommen schnuppe, denn schließlich leben hierzulande laut aktuellem Zensus rund 2 Millionen mehr Frauen als Männer. Mehr Wählerinnen als Wähler also. Soviel zu menschliche Gesellschaft und männliche überwinden. Mich würde nicht wundern, wenn die vernachlässigte Minderheit bald mit ganz anderen Gesetzen – von einer weiblichen Mehrheit bundestäglich erlassen – konfrontiert wäre. Dagegen ist das aktuelle deutsche Sorgerecht – europagerichtlich mehrfach als väterdiskriminierend verurteilt und noch immer weitgehend das alte – wohl nur ein kleiner Vorgeschmack, denn Frauen haben bekanntlich keine ähnlich hohe Meinung von Männern wie umgekehrt. Deshalb schließen ja auch die Frauen im Bundesfamilienministerium seit Jahrzehnten Männer konsequent vom Familienbegriff aus, ohne dass sie irgendjemand daran hindert.
    Genau diese Geisteshaltung findet sich so ja auch im SPD-Parteistatut: Männlich gehört abgeschafft.

    Na dann fangen Sie schon mal bei sich an, Herr von der Groeben.

    MfG“

    Zugegeben, sehr direkt. Aber nach aller Erfahrung werden verhaltene Töne nicht gehört.

  • „Die Benachteiligung von Frauen ist ein Fakt. Ihre Vorstellungen von Komfortzonen und Privilegien für Frauen entsprechen nicht der Realität“
    …Das haben wissenschaftlich-objektive Arbeiten der Genderforschung doch immer wieder bestätigt. Warum nur haben all die Wähler eine Wahrnehmung die erwiesenermaßen falsch ist? 😉

  • @ EL_Mocho

    Und was habt Ihr dann mit den Frauen gemacht, die sich gemeldet haben? Wurden die ALLE automatisch Kandidaten? Das müssen ja lustige Kandidatenwahlen gewesen sein.

    DerdieBuchstabenzählt

  • „Die Frauenquote ist also kein Grund die Bundestagswahl zu boykottieren, sie ist ein Grund, sich darauf zu freuen, denn sie bietet die Gelegenheit, mit der SPD für eine moderne Gesellschaft zu stimmen, in der Gleichberechtigung nicht nur eine hohle Phrase ist.“

    Eine moderne Gesellschaft legalisiert ganz sicher nicht Genitalverstümmelung im Namen Gottes. Und sie teilt auch nicht Menschenrecht in weiblich und männlich. Aber wenn man wie die SPD, Männer nicht unter 'Mensch' subsumiert, dann kann diese – nennen wir es Lebensform Mann – freilich auch beschnitten werden. Es müsste dahin gehend im Parteiprogramm noch klarer formuliert werden, dass Männer da unmenschlich auch keine Menschenrechte reklamieren dürfen, sondern artgerecht zu halten sind.

  • Ich bin sicher, dass dieses hirarchische Geschlechterverständnis der SPD, das abgesehen davon, dass ich es für einen Mythos halte von der heutigen Realität längst überholt wurde, die SPD schon viele Stimmen gekostet hat. Nicht umsonst werden wir seit langem, obwohl Medien und Genderforschung ins gleiche Horn blasen wie die SPD, von einer CDU regiert, die stärker denn je im Sattel sitzt. Und ich glaube nicht, dass man dies bei der SPD wirklich merkt. Es ist gut, wenn sich Männer über die Geschlechterapartheit der SPD beschweren, aber der größere Teil der ehemaligen männlichen SPD-Wähler wird still und heimlich das politische Lager gewechselt haben oder nicht mehr zur Wahl gegangen sein, weil sie richtigerweise das gesellschaftliche Klima so deuten, dass männlichen Befindlichkeiten genau so wenig Empathie entgegengebracht wird wie eh und je.

  • Variationen zu dem Satz:
    „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männlich überwinden.“

    Wer will menschlich sein.
    Wer will männlich sein.
    Gesellschaft überwinden, menschlich sein.
    Menschlich sein überwinden, männlich sein.
    Wer männlich sein will, muss menschlich sein.
    Ist menschlich sein männlich?
    Die Gesellschaft überwinden.
    Männlich menschlich.
    Wer Übermännlich will, muss sich winden.
    Wer muss, ist menschlich.

    😉 (KlausT)

  • Ich habe folgenden Text geschrieben:

    Sehr geehrte Frau Ypsilanti,

    Mir stand die SPD in der Vergangenheit einmal nahe, und ich habe sie auch jahrelang gewaehlt. Ich schreibe Sie nun an als Bundestagsabgeordnete fuer Frankfurt.

    In Ihrem Parteiprogramm findet sich der Satz „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

    Ueber Tausende von Jahren wurde die heutige Zivilisation aufgebaut von Milliarden (maennlichen) Arbeitern. Von der Jagd bis zur Wissenschaft. Und dies meist unter harten, oft brutalen Bedingungen (die niemals so auf Frauen zutrafen). Der genannte Satz verhoehnt all diese Arbeiter.

    Ich fordere Sie auf, sich dafuer einzusetzen, diesen menschenverachtenden Satz ersatzlos aus dem Parteiprogramm zu streichen. Bis dahin bleibt die SPD fuer mich unwaehlbar.

    Dieser E-Brief ist Teil der Aktion „Sind Männer Menschen? Fragen Sie Ihren SPD-Kandidaten!“ auf
    http://man-tau.blogspot.de/2013/08/sind-manner-menschen-fragen-sie-ihren.html

    Zusaetzliche Information ist auch unter
    http://man-tau.blogspot.de/2013/08/wie-die-spd-unwahlbar-wurde.html
    zu finden.

    Ich betrachte diese Kommunikation als von oeffentlichem Interesse, und habe
    vor, sie zumindest summarisch auf diesem Internetblog zu dokumentieren.
    Wenn Sie mir eine Art offizielle Antwort schicken moechten, so markieren
    Sie bitte den zu veroeffentlichenden Teil.

    Wenn Sie zuerst an einer Diskussion interessiert sind, dann wuerde ich mich
    darueber freuen, und wir koennen dies zuerst per E-Brief durchfuehren, bis
    eine Art Endergebnis vorliegt, dass ich dann veroeffentlichen koennte.

    Mit freundlichen Gruessen

  • Ich bin eine Frau und lasse mich nicht Verbiegen , weder von diesen hohlen Lila Pudeln – Feministinen , noch von dem neu Sprech / Schreib , noch von irgendwelchen anderen Geschichten , sage immer meine Meinung und lasse mich nicht Unterkriegen ! Weder von diesem Versager System noch von irgendwelchen Ämtern / Institutionen (Irrenhäuser ) und lasse mich auch nicht zwingen oder mir vorschreiben was ich zu tun oder zu lassen hätte . Alle bekommen sie von mir Ihr Fett weg und man staune , so wie man den Mund aufmacht _ sich verantwortet und seine Meinung sagt ; Da merken sie auf einmal was und funktionieren so wie es sein soll ! Also liebe Männer Meinung vertreten macht den Mund auf sagt was euch stört und auf der Seele liegt wir sind ALLE MENSCHEN ! Ich für meine Weibliche Person – mag Männer sehr – hab euch alle lieb nicht verzagen – weitersagen ! Und die Deutsche Sprache fördern – wir benötigen kein Denglisch auch wenn wir es können . Unser Land ist DEUTSCHLAND und das soll und wird auch so bleiben !! LG Silvia

  • „Die Benachteiligung von Frauen ist ein Fakt. Ihre Vorstellungen von Komfortzonen und Privilegien für Frauen entsprechen nicht der Realität“

    Woher beziehen diese Menschen eigentlich ihre Informationen? Aus der Emma oder aus unseren Müll-Stream-Medien? Oder sind das alles junge Leute, die die 70er Jahre nicht mitbekommen haben? Schon irgendwie unglaublich, wie man sich so – jenseits der Realität – Phantasmen herbeiredet.

  • „Ich entnehme Ihrer Email eine gewisse Frustration darüber, dass Frauen in letzter Zeit häufig das Thema in der politischen Debatte waren. Als Mann fühlt man sich davon nicht angesprochen und manchmal sogar vor den Kopf gestoßen…“

    Der Mann hat ein völlig antiquiertes Verständnis von Gleichstellungspolitik. Er glaubt, da müsse die eine Seite etwas hergeben damit es auf der anderen Seite gegeben werden kann. Ein Ausgleich also.

    Genau darum geht es bei „Gender Mainstreaming“ aber nicht. Hier geht es um einen ganzheitlichen Blick für beide Geschlechter gleichermaßen (in der Theorie – die Praxis sieht anders aus). Es geht darum, anzuerkennen, dass nicht Frauen pauschal benachteiligt sind, sondern dass es Benachteiligungen auf beiden Seiten gibt.

    Wenn er schreibt „Und dafür müssen wir gerade als Männer kämpfen“, dann zeigt sich zwischen den Zeilen, was für ein Frauenbild er hat. Harte Tarzans, die für ihre zarten Janes alles tun ohne ihre eigenen Bedürfnisse zu reflektieren. Ein durch und durch archaisches Rollenverständnis. Der Mann ist ein Chauvi, der Frauen aus einer Gönnerpose heraus behandelt.

    „für eine moderne Gesellschaft zu stimmen, in der Gleichberechtigung nicht nur eine hohle Phrase ist.“

    Na da ist ihm jetzt aber eine Sicherung durchgebrannt, sein ganzer Brief besteht doch nur aus hohlen Phrasen. So ein Depp!

    Besten Gruß

    Kevin

  • @ Wolle Vielen Dank für die Verlinkung! „Es ist doch etwa erstaunlich, dass heute Männer und Frauen zwar in gleicher Zahl studieren, die Frauen sogar tendenziell die besseren Zeugnisse haben, aber in den Vorständen der deutschen DAX-Unternehmen 92,2 % Männer und in den Aufsichtsräten 87,1 % Männer sitzen.“ Herrje, ist das kurzschlüssig … und es ist auch unverschämt, wenn man bedenkt, dass Du in der Frage ausdrücklich auf Diskriminierungen als alleinerziehender Vater und auf die deutlich geringere Lebenserwartung von Männern Bezug genommen hast.

    Herr Mindrup kann da ja durchaus anderer Meinung sein – aber es ist eine regelrecht verrückte Form der Kommunikation, diese Punkte nicht einmal der Form halber aufzugreifen. Er antwortet wie ein Sprechapparat, und zudem wie ein schlecht programmierter.

    Typisch aber ist es offenbar, dass SPD-Kandidaten die Frage nach dem Satz von der menschlichen männlichkeitsüberwindenden Gesellschaft stereotyp mit dem Hinweis auf Gleichberechtigung beantworten und damit das Problem der Frage schlicht übergehen. Mein Eindruck ist, dass vielen Sozialdemokraten schlicht nicht klar ist, was sie da eigentlich in ihrem Grundsatzprogramm stehen haben.

    Viele Grüße!

  • @ Kevin Fuchs Das ist ein gutes Beispiel. Es gäbe ja gute Gründe, von einer „weiblichen Erziehung“ zu sprechen (wesentlich bessere Gründe als für die Rede von einer „männlichen Gesellschaft“). Trotzdem würde so ein Satz kaum in einem Parteiprogramm auftauchen, weil die Feindseligkeit, die in der „Überwindung“ des einen Geschlechts besteht, allzu deutlich wäre. Diese Sensibilitäten (die ja keineswegs Hypersensibilitäten sind) fehlen eben völlig, sobald es um Männer geht.

  • @ Horsti Danke! Ich kopiere hier noch einmal der Brief von Herrn Carstensen und deine Einleitung dazu:

    Vor kurzem habe ich meinen SPD-Bundestagskandidaten gefragt, wie denn das im Eingangsposting genannte Zitat zu verstehen sei.
    Ich erhielt folgende Antwort:

    „Vielen Dank für Ihre Nachricht und dafür, dass Sie sich offensichtlich intensiv mit dem Grundsatzprogramm der SPD auseinander setzen – und das in der Woche, in der meine Partei den 150. Geburtstag feiern konnte.

    Nun aber zu Ihrer Frage. Der von Ihnen zitierte Satz ist die Kurzform dessen, was in den Absätzen davor im Kapitel 3.4 unseres Hamburger Programms unter der Überschrift „Die Gleichstellung der Geschlechter“ beschrieben ist. Dort findet sich noch ein anderer Satz, der unsere Grundhaltung (und darum geht es in einem Grundsatzprogramm) sehr gut zum Ausdruck bringt. Heißt es doch dort: „Wir Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten wollen, dass Frauen und Männer gleiche Rechte und Chancen haben – nicht nur auf dem Papier, sondern im täglichen Leben. Wir kämpfen für eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleich, frei und solidarisch miteinander leben können.“

    Die konkrete Fortsetzung unserer Grundsätze findet sich u.a. im SPD-Regierungsprogramm 2013-2017. Darin sind unsere – aus dem von Ihnen zitierten Satz abgeleiteten – Forderungen z.B. nach einem Entgeltgleicheitsgesetz, nach einer Umgestaltung des Ehegattensplittings zu einem Partnertarif für Ehegatten oder auch zur besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf formuliert.

    Auf diesem Wege wollen wir das Ziel einer Gesellschaft, in der Männer und Frauen tatsächlich gleichberechtigt sind, weiter verwirklichen.

    Mit freundlichen Grüßen“

    http://man-tau.blogspot.de/2013/08/wie-die-spd-unwahlbar-wurde.html?showComment=1376126258490#c3467803912052672371

  • @ ReVolte Tatsächlich eine frustrierende Antwort. Ich gebe Kevin Recht – es ist eine Ansammlung von Phrasen, und der Brief trieft tatsächlich von einer Gönnerhaftigkeit gegenüber Frauen, die fast putzig ist. „Und dafür müssen wir gerade als Männer kämpfen.“ Was meint er denn damit – warum müssen „gerade wir Männer“ dafür sorgen, dass mehr Frauen Karriere machen?

    Dass er es da, @ Matthias Mala, mit den Fakten nicht so genau nehmen kann, muss man eigentlich verstehen…

    „Mütterliche Willkür“ herrscht dort zwar nicht, in der Tat gibt es aber manch merkwürdigen Paragraphen.“ Doch, es war gerade der Sinn des Kindschaftsrechts bei Nichtverheirateten, dass es allein auf die mütterliche Willkür ankam. Die Mutter musste es nicht einmal begründen, wenn sie dem Vater die gemeinsame Sorge verweigerte. Und der Vater konnte dagegen nicht vor Gericht gehen, weil er nach der Rechtslogik ja ohnehin kein Sorgerecht hatte, daher auch kein Recht von ihm verletzt werden konnte er und er daher also auch keine Grundlage hat, vor Gericht zu gehen. Was versteht Herr von Groeben denn unter Willkür, wenn nicht das?

    Die SPD übrigens hat im Bundestag bekanntlich gegen die winzigen Änderungen dieser Gesetzgebung gestimmt.

  • Fakt versus Vorstellungen – solch eine Gegenüberstellung erlaubt es eben, noch die seltsamsten Ideen gegen alle Einwände zu immunisieren. Es geht ja nicht einmal darum, eine umfassende Frauenherrschaft zu beschreien – aber für das Büro Steinmeier ist schon die Vorstellung unerträglich, dass es irgendwo auch Privilegien für Frauen geben könnte.

    Was für Männer sind es eigentlich, die um jeden Preis an der Vorstellung festhalten müssen, Frauen seien allüberall schwach, hilflos und unterdrückt? Wozu braucht ein Mann diese Idee?

  • „Und sie teilt auch nicht Menschenrecht in weiblich und männlich.“ Es ist ja gerade der entscheidende Aspekt der Menschenrechte, dass sie nicht teilbar sind. Wer Menschenrechte nur selektiv anerkennt – der erkennt sie tatsächlich gar nicht an.

  • „Ich bin sicher, dass dieses hirarchische Geschlechterverständnis der SPD, das abgesehen davon, dass ich es für einen Mythos halte von der heutigen Realität längst überholt wurde, die SPD schon viele Stimmen gekostet hat.“

    Ich glaube das auch. Dabei geht es vielleicht nicht einmal allein darum, dass viele Männer (und auch Frauen) von feministischer Politik angeödet sind – es ist eben auch so, das die Zelebrierung des Geschlechterkampfes, die Konzentration auf eine angebliche „Männerherrschaft“ ernsthaftere politische Analysen in den Hintergrund drängen. Das Problem der SPD ist wohl nicht nur das, was sie da tut – sondern auch das, was sie währenddessen versäumt.

  • @ KlausT Danke schön! Vielleicht ist das das beste, was man mit dem Satz machen kann – einfach ein bisschen damit zu spielen.

    „Menschlich sein überwinden, männlich sein.“ So umgedreht wird noch deutlicher, wie sehr die Gegenüberstellung menschlich-männlich an traditionelle Geschlechterklischees anknüpft…

  • Vor ein paar Monaten war in unserer Lokalzeitung ein Artikel über den neuen SPD-Wahlkreiskanditaten und wie toll er von seinem Mann unterstützt wird. Schon damals hatte ich mir vorgenommen, ihn mal zu fragen, wie er es so hält mit der unmenschlichen Männlichkeit – aber faul wie ich bin, hatte ich es immer vor mir hergeschoben. Insofern vielen Dank für den Anschubser, es endlich mal zu tun, und für den Absatz über die Gleichberechtigung, den ich gleich mal geklaut habe.

    Wie üblich ein wenig zu lang und ein wenig zu pathetisch lag dann das hier in meinem Mailausgang:
    (Zum Verständnis: Uta Zapf war die alte Wahlkreiskandidatin, mit der ich damals im Rahmen der Agens-Aktion das Vergnügen hatte.)

    =====
    Sehr geehrter Herr Hagelstein,

    ich habe mich gefreut, als ich las, daß der neue Bundestagskandidat der SPD für meinen Wahlkreis ein Mann ist, noch dazu einer, der -bitte verzeihen Sie mir diese Plattheit- Männer liebt.
    Und das nicht aus Sexismus – im Gegenteil. Aber ich erhoffe mir von Ihnen eine persönlichere Antwort auf ein Anliegen, das mich seit längerem umtreibt und auf das ich von Frau Zapf seinerzeit nur eine formelhafte und mich nicht zufriedenstellende Replik erhalten habe.

    Obwohl politisch in der Ära Kohl sozialisiert, stehe ich vielen sozialdemokratischen Positionen nahe. So sind Gerechtigkeit und soziale Teilhabe für alle neben der Freiheit des Individuums wichtige Werte für mich. Vor diesem Hintergrund können Sie sich sicher meine Genugtuung vorstellen, als es die Landes-SPD unter Andrea Ypsilanti 2008 schaffte, die kurz zuvor eingeführten Studiengebühren in Hessen wieder zu kippen.

    Doch seit ich mich vor einigen Jahren einmal mit dem Grundsatzprogramm der SPD beschäftigt habe, ist Ihre Partei für mich leider absolut unwählbar geworden. Grund dafür ist insbesondere ein einzelner Satz ganz unten auf der Seite 41 des Hamburger Programms von 2007:

    „*Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.*“

    Viele Sozialdemokraten, darunter Ihre Vorgängerin Uta Zapf, haben mir versichert, wer diesen Satz als diskriminierend und männerfeindlich empfinde, habe ihn falsch verstanden. Eine in diesem Sinne richtige Interpretation nannte mir aber keiner von ihnen.

    Mir ist durchaus klar, daß hier von der SPD nicht die Ausrottung der Männer gefordert wird, und ich bezweifle auch nicht, daß Männlichkeit, vor allem in der Form, wie sie traditionell normativ definiert wird, auch ihre schlechten und schädlichen Aspekte hat.

    Aber dennoch ergibt der Satz nur dann einen Sinn, wenn man alle negativen, gar unmenschlichen Seiten der gegenwärtigen Gesellschaft ausschließlich als männlich assoziiert. Männlich sind dann also beispielsweise Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Gier, Umweltzerstörung, Raubtierkapitalismus und Neoliberalismus; alles Dinge, die einer menschlich(er)en und zweifellos erstrebenswerten Gesellschaft im Wege stehen.

    Allerdings bezweifle ich nicht nur, daß diese einseitige Zuordnung -Männlichkeit quasi als „Bad Bank“ gesellschaftlicher Eigenschaften- richtig ist. Vor allem habe ich auch das Gefühl, daß die so getroffene Zuweisung die Augen vor möglichen positiven Konnotationen verschließt. Müßte eine „menschliche Gesellschaft“ nach Definition des Hamburger Programms nicht auch eine sein, in der das deutsche Patentamt nur noch ein Zwanzigstel der heutigen Erfindungen pro Jahr zu registrieren hätte; in der Weltkriegsbomben unentschäft in unseren Städten herumlägen; in der keine Häuser, Straßen und Eisenbahnstrecken mehr gebaut und kaum noch Müll abgeholt würde?
    Eine seltsame Vorstellung, daß ausgerechnet die SPD ihre Ursprünge als Arbeiterpartei vergessen und ihre Stammklientel, Menschen, die durch harte körperliche Arbeit ein bescheidenes Auskommen für sich und ihre Familie erwirtschaften, derart verunglimpfen sollte.
    =====

    (Sorry, das wird ein Dreiteiler…)

  • =====
    Nachdem ich erfahren habe, daß sich dieser Satz bereits seit 1989 im Grundsatzprogramm Ihrer Partei findet, kann ich auch ausschließen, daß es sich hier lediglich um eine unglückliche und dadurch mißverständliche Formulierung handelt. Wäre das der Fall, hätte man bei seiner (ja durchaus kontroversen) Diskussion 2007 sicherlich eine klarere gefunden.

    Sie haben auf Ihrer Webseite im Juli einen Artikel über die Gleichberechtigung als verfassungsrechtlich verbrieftes Grundrecht veröffentlicht. Mit Gleichberechtigung aber hat der inkriminierte Satz jedenfalls nichts zu tun – wenn man einen Gegensatz von Menschlichkeit und Männlichkeit konstruiert, dann geht es ja eben gerade nicht um Gleichberechtigung, sondern darum, eines der Geschlechter pauschal für die Unmenschlichkeiten der Gesellschaft verantwortlich zu machen. Eine Sündenbockstrategie, die zudem ernsthafte politische Analysen verhindert.

    Sie, ich, und 40 Millionen andere Bundesbürger sind Männer und damit schon rein deskriptiv männlich. Egal, wen wir lieben, welche Sportarten wir mögen (oder nicht) und was wir beruflich machen.
    Und zumindest ich fühle mich durch einen Satz im Grundsatzprogramm einer großen deutschen Partei -Ihrer Partei-, der eine Eigenschaft, mit der ich geboren wurde und die ich auch nicht ablegen könnte, selbst wenn ich es wollte, mit ausschließlich Negativem assoziiert und sogar in Opposition zur Menschlichkeit stellt, auf's Gröbste diskriminiert und verunglimpft – von den gesellschaftlichen und politischen Implikationen solch einer Zuschreibung an eine ganze Bevölkerungsgruppe ganz zu schweigen.

    Daher würde ich mich freuen, wenn Sie mir ganz persönlich die folgenden Fragen beantworten können:

    1. Wie stehen Sie zu diesem Satz?
    2. Wie interpretieren Sie ihn?
    3. Wie werden Sie ihn in ihrer politischen Arbeit im Bundestag umsetzen?

    Mit freundlichen Grüßen und vielem Dank im Voraus,
    (Bombe 20)


    Sollten Sie mit der Veröffentlichung Ihrer eventuellen Antwort in einem privaten, nicht-kommerziellen Blog nicht einverstanden sein, teilen Sie mir dies bitte mit.
    =====

    Und das muß man ihm lassen: Er hat (offenbar) selbst und noch am gleichen Tag geantwortet und scheint sich ausweislich der Zeitstempel von Lesebestätigung und Antwort immerhin eine halbe Stunde Zeit dafür genommen zu haben.
    Und noch dazu geht die Antwort für Politikerverhältnisse sehr genau auf meine Fragen ein.

    =====
    Sehr geehrter Herr (Bombe 20),

    der Satz:“*Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.*“ ist meines Erachtens insofern etwas unglücklich, weil er eigentlich nicht das aufzeigt, worum es geht.

    Die Gewalt, resp. die Macht in unserer Gesellschaft wird noch immer überproportional von Männern ausgeübt. Insbesondere in patriachalen Gesellschaften, wie zB. derzeit in Russland, Iran und Nordkorea, wird dieses Machtspiel mit unglaublicher Brutalität ausgeübt. Dennoch ist es hier nicht in allererster Linie das Geschlecht, um das es geht. Eine Gesellschaft mit einer starren Machtausübung kann durchaus von einer Frau regiert werden und dennoch alle Merkmale einer ungerechten, unemanzipierten und brutalen Gesellschaft aufweisen. In einer gerechten Gesellschaft arbeite ich gleichberechtig mit Menschen unterschiedlichem Geschlechts, Hautfarbe oder sexuellen Orientierung zusammen – ausschlaggebend wird nur das persönliche Engagement zur Erreichung der gemeinsamen Ziele sein.

    Wenn der Satz also hier die Übertragene Bedeutung hätte, so könnte ich ihn aus meiner innersten Überzeugung tragen. Denn sie bedeutete Gleichstellung der Menschen und die Möglichkeiten entsprechend der persönlichen Leistungsfähigkeit sich und die Gesellschaft weiterzubringen – ohne eine Abwertung aufgrund unveränderlicher Merkmale zu erleiden die durch die herrschende Mehrheit entschieden und durchgesetzt wird.

    Fast alle mit denen ich sprach und die am Programm mitgewirkt haben, teilen diese Sichtweise. Er impliziert also nicht die Überwindung des Mannes sondern der bisherigen Machtkomplexe.
    =====

  • =====
    Da ich für eine gerechte und freie Ordnung in Deutschland eintrete, in der Frauen und Männer sich durch ihre Leistungen voll einbringen können und weder durch die oben genannten Merkmale, noch durch die weiteren im Grundgesetz aufgeführten diskriminiert werden, werde ich diesen Satz entsprechend als Aufruf zur Gestaltung einer besseren Gesellschaftsordnung verstehen.

    Ich hoffe Ihnen Ihre Frage beantwortet zu haben und stehe für Rückfragen gerne zur Verfügung.

    Mit freundlichen Grüßen
    Ihr
    Gene Hagelstein
    =====

    Ein wenig erinnert mich diese Antwort dann ja doch an die Geschichte von klein Fritzchen, der für eine Klassenarbeit alles über die Kuhhaltung gelernt hat, stattdessen überraschend mit der Aufgabe konfrontiert wird, einen Aufsatz über Frankreich zu schreiben, und dann anfängt: „Frankreich ist ein Land in Europa. In Frankreich gibt es viele Kühe…“

    Gleich nach seinem Eingangssatz, den man je nach persönlichem Zynismuslevel entweder als sehr schwachen Versuch, verständnisvoll zu erscheinen, oder als die ihm maximal mögliche Kritik an dem fraglichen Satz interpretieren kann, bestätigt er meine Kritik, indem das erste, das ihm zu Männern einfällt, die von ihnen ausgeübte Gewalt ist – selbst wenn er dazu übergangslos von unserer Gesellschaft zu der in Rußland, dem Iran oder Nordkorea springen muß. Daß auch die meisten Opfer von Gewalt männlich sind, muß dabei natürlich unter den Tisch fallen.

    Dabei war das erste, was mir durch den Kopf ging, als ich die Worte Männer, Gewalt und Rußland im Zusammenhang las, „Dedowschtschina“ (naja, das Konzept – das Wort mußte ich googlen), und in der Folge das nächste, daß Ende 2010 die SPD die einzige Partei war, die sich noch gegen die Aussetzung der Männerzwangsdienste aussprach; mit anderen Worten, es war ausgerechnet die SPD, nach deren Willen junge Männer weiterhin zwangsweise zum Ausüben (und Hinnehmen) von Gewalt ausgebildet werden sollten.

    Ab dann fühle ich mich endgültig wie im Schleudergang: Eigentlich hat Gewalt ja überhaupt kein Geschlecht; selbst wenn sie von einer Frau ausgeübt wird, ist sie männlich*. Und eigentlich bedeutet für ihn der Satz, den ich kritisiere, weil er mich aufgrund eines angeborenen und unveränderlichen Merkmals diffamiert, daß niemand aufgrund unveränderlicher Merkmale eine Abwertung erleiden sollte. Äh… WHAT?
    Aber ich vergaß: Da war ja vorher ein Konjunktiv. ((Wenn „Alle Frauen gehören täglich vergewaltigt“ eigentlich bedeuten würde, wir sollten zärtlich und achtsam mit den Menschen in unserem Leben umgehen, dann könnte ich diesen Satz voll unterschreiben.)) Und fast alle, die an dem Programm mitgearbeitet haben, teilen seine Konjunktivitis. Heißt das nun „Wir reden der ASF nach dem Maul, denken uns aber unseren Teil“ oder was?

    Nee, nee. Wähler überzeugen geht anders…

    Bombe 20

    *) (Ich frage mich ja, ob das eine indirekte Antwort auf eine Frage sein könnte, die mir in den Fingern juckte, die ich dann aber doch lieber weggelassen habe: Müßte ein SPD-Anhänger, der den Satz ernst nimmt, nicht eher Angela Merkel wählen statt des unzweifelhaft männlichen Peer Steinbrück? Das muß für die pseudolinken Genderati doch eh eine höchst schmerzhafte kognitive Dissonanz verursachen, mit den Themen Frauenförderung und Frauenquoten einen männlichen Kanditaten gegen eine Bundeskanzlerin unterstützen zu müssen.)

  • @ Bombe 20 Vielen Dank! Ich finde Deinen Brief sehr gut, überhaupt nicht pathetisch, hab teilweise vor Lachen über der Tastatur gelegen („Frankreich ist ein Land in Europa. In Frankreich gibt es viele Kühe…“) und finde aber auch die Antwort des SPD-Kandidaten sehr aufschlussreich.

    Es stimmt, es ist gut, dass Gene Hagelstein schnell und selbst antwortet, und im Unterschied zu den bisher hier verlinkten Briefen versucht er wenigstens, auf die Frage einzugehen.

    Gerade dabei merkt man aber (ich hab fast gedacht: leider, denn Hagelstein bemüht sich sichtlich um eine vertretbare, nicht klischeehafte Argumentation), wie er von einer unhaltbaren Position zur nächsten wandert. „Er impliziert also nicht die Überwindung des Mannes sondern der bisherigen Machtkomplexe.“ Das setzt selbstverständlich voraus, dass der Begriff „männlich“ so ziemlich dasselbe bedeutet wie der Begriff „Machtkomplexe“, oder dass er zumindest eine geeignete Metapher dafür ist.

    Vielen Dank für Deine Kommentare und Dokumentationen!

  • Ich meine, man muss die Antwort etwas anders analysieren.

    Gehen wir von „Fast alle mit denen ich sprach und die am Programm mitgewirkt haben, teilen diese Sichtweise. Er impliziert also nicht die Überwindung des Mannes sondern der bisherigen Machtkomplexe.“ aus. Und betrachteten wir die optimistischste Interpretation: Herr Hagelstein denkt, dass der Satz in der Tat unsinnig ist, und dass „maennlich“ hier nur eine bloss statistische, nicht ursaechliche, und daher irrefuehrende Konnotation ist. Seine Antwort so zu interpretieren scheint mir nicht ganz abwegig (zumal dies ja eine oeffentliche Diskussion ist, und er mit der Parteidisziplin rechnen muss).

    In jedem Falle aber ist seine Sichtweise, dass dieser Satz ja von den meisten nicht woertlich, sondern in seinem Sinne interpretiert wird.

    Und dies ist nun wohl ein wesentliches Element von Ideologie: Die allermeisten (vielleicht alle) glauben eben gerade NICHT an die Ideologie, sondern halten einen privaten Abstand (im Beispiel werden Kernsaetze der Ideologie privat uminterpretiert). Real schuetzen sie dadurch die Ideologie, fuer sich und vor anderen.

    Nebenbemerkung: Geradezu charakteristisch fuer den Feminismus ist ja, dass er diese Verschiebungen perfektioniert hat, strukturelle Ambiguitaet ist hier Teil der Ideologie selbst. Bei der Gelegenheit kommt mir der Gedanke, ob der Feminismus vielleicht dem Ideal der reinen Ideologie bisher am naechsten kommt. „Frauen“ und „Maenner“, da kann man kaum abstrakter werden.

    Nun waere es schwer, wenn fuer die SPD die Feminismus-Ideologie so tief verankert in jedem Individuum waere, dass sie jederzeit alle Formulierungen umaendern koennten, ohne dass sich je was aenderte. Totale Gehirnwaesche, wie bei einer Sekte, man kann nie ueber etwas konkretes sprechen, der unbewusste Dialog ist immer ein anderer, der Unnennbar ist.

    Sondern ich glaube, dass man mit Hilfe jenes (gluecklichen, wunderbaren!) Satzes Ideologie sichtbar machen koennte. Naemlich in dem ganz banal weiter gebohrt wird: Okay, prima, falsche Formulierung, dann streichen wir ihn doch, oder reden in ihm nicht ueber Maennlichkeit etc. Dies wird aber (wenn wir Glueck haben!) ueberhaupt nicht einfach sein, wie im Kino, dass von einer allmaechtigen Verschwoerung handelt, wird es immer an irgendwelchen Kleinigkeiten scheitern. Ja, schon 2007 waer's fast geaendert worden. Usw. — bis die Ideologie einen wirklichen Knacks bekommt (hofffentlich noch zu unseren Lebzeiten).

    Deshalb in meinem An-die-SPD-Brief die Forderung, den Satz zu streichen. So ganz banal-naiv versuche ich hier, die Ideologie „direkt anzusprechen“. Wie gesagt, wenn wir Glueck haben, haben wir hier Ideologie verortet, wir koennen an diesem wunden Punkt ansetzen. Alle werden sagen, „nicht so gemeint“, aber den Satz zu aendern, das wird weh tun.

    @ Bombe 20: Ich wuerde einfach rueckantworten, z.B. „Na prima, der Satz ist missverstaendlich, und verletzt meine Gefuehle und die von vielen anderen, dann sollte er also gestrichen werden. Mit dem Satz werde ich (und andere) die SPD bestimmt nicht waehlen. Moechten sie sich nicht dafuer einsetzen?“

  • „Na prima, der Satz ist missverstaendlich, und verletzt meine Gefuehle und die von vielen anderen, dann sollte er also gestrichen werden. Mit dem Satz werde ich (und andere) die SPD bestimmt nicht waehlen. Moechten sie sich nicht dafuer einsetzen?“

    Klar und eindringlich. Dem ist schwer zu widersprechen.

    Beste Grüße

  • Ein zweiter Aspekt, wo man meines Erachtens fundamentaler argumentieren sollte, ist „Die Gewalt, resp. die Macht in unserer Gesellschaft wird noch immer überproportional von Männern ausgeübt.“

    Die richtige Antwort besteht meines Erachtens nicht darin, dass Maenner ja auch Opfer sind, sondern dass Maenner ganz einfach absolut durch die Geschichte hinweg, und auch heute noch in den westlichen Staaten, die Arbeit gemacht haben. Also repraesentieren sie auch dort durchweg die Macht, wo es Arbeit zu machen gibt. (Waehrend die Macht bloss „auszuueben“, wo es keine Arbeit zu machen gibt, auch den Frauen immer offen stand (als Herrscherinnen und Priesterinnen).) In der extremsten Form: Krieg ist eine Form von Arbeit, zumal gefaehrlich, und somit werden in ihm hauptsaechlich Maenner verwendet. Dass heutzutage es mehr weibliche Soldaten gibt, ist ja alleinig dem technischen Fortschritt zu verdanken, der den Krieg eliminiert, und durch eine Ausloeschungsoperation ersetzt.

    Gerade fuer eine ehemalige „Arbeiterpartei“ wie die SPD ist die obige Argumentation pervers: Das Prolerariat wird ausgebeutet, und dafuer, dass die Proletarier die Schmutzarbeit machen, werden sie nicht nur real umgebracht, sondern nun auch symbolisch ausgeloescht.

    (Waehrend fuer eine „Bonzenpartei“ mit dem Feminismus natuerlich alles paletti ist — Die Ausgebeuteten sind nun auch noch moralisch schuldig, und zwar fuer alles Uebel der Welt. Ha, das ist doch eine schoene Loesung.)

  • Auch ich finde den Satz absurd. Er ist hochgradig parteischädigend. Seit nunmehr fast 50 Jahren bin ich SPD-Mitglied. Ich habe einige Fälle parteischädigende Verfahren mit erlebt. Es ging da durchweg um Einzelfälle. Seit der Abwahl von Helmut Schmidt haben sich nur Spinner und Opportunisten an der SPD-Spitze etabliert. Scharping, LaFontaine, Riester, Schröder, Müntefering und Gabriel. Scharping planscht als Verteidigungsminister und verheirateter Familienvater mit seiner Geliebten in einem Luxusbad in Spanien, am Morgen hatte er noch schnell deutsche Soldaten in den Krieg auf den Balkan geschickt. Oder LaFontaine, der ohne Not sein Ministeramt und den Vorsitz der Partei abwarf und dann ohne Folgen jahrelang gegen die SPD hetzte, um dann bei der PDS eine neue politische Heimat zu finden. Riester mit der Schwächung der Rentenversicherung und Stärkung des Großkapitals bei Banken und Versicherungen, durch die sogenannte „Riester-Reform“.Oder Gerhard Schröder, mit der völlig unausgegorenen „Hartz-Reform“, die in der Konsequenz zum großen Teil Klientel der SPD traf. Oder Münterferings „Rentenreform“. Bis weit in die 70er-Jahre wurdeen Hauptschüler mit 14 oder 15 Jahren in die Lehrer entlassen. Nach bis zu 50 Rentenbeitragsjahren mussten dann die Handwerker und Facharbeiter damit rechnen, mit Rentenkürzung bestraft zu werden. Oder Gabriel, der die bewährte 20jährige SPD-Bildungspoltik in Niedersachsen an die Wand gefahren hat. Und dann wundern sich die Führungsgenossen in der SPD, dass die Partei bei der letzten B.-Tagswahl mit 23% abscheidet.
    Auch der Satz „Wer eine menschliche Gesellschaft will, muss das Männliche überwinden“ trägt, wie der Blog zeigt, zur Verunsicherung und zum Unverständnis bei.Ich hoffe, dass er so schnell, wie möglich öffentlichwirksam aus der SPD-Programmatik verschwindet

  • Liebe Leute,

    ihr habt ja Recht. TAKTISCH würde ich aber ein bisschen abwarten: JETZT bekommt ihr nur Seifenblasen. Aber NACH DER WAHL, da dürfte die Partei großes Interesse an allen Leuten haben, die ihr erklären, warum sie die SPD NICHT gewählt haben.

  • Stimmt. Aber andererseits bedeutet das: Vor einer Wahl braucht man gar nicht erst zu hoffen, irgendwas Substantielles von einer Partei zu erfahren. Das bekommt man erst, wenn überhaupt, sobald es nicht mehr schaden kann, sobald man nämlich erstmal keine Stimme mehr zum Abgeben hat.

    Substantiell ist es dann aber auch nach der Wahl nicht mehr. Und so finde ich es jetzt interessant zu sehen, was passiert, wenn man einfach mal so tut, als ob es einen Dialog zwischen Bürgern und ihren Vertretern gäbe – und als ob wählende Menschen tatsächlich erwarten könnten, von Kandidaten die Informationen zu erhalten, die sie für ihre Wahlentscheidung brauchen.

    Und bis jetzt wird in meinen Augen deutlich, dass die SPD-Kandidaten auf eine solche Situation gar nicht eningestellt sind. Was ja auch ein Ergebnis ist.

  • @ Oliver K. „Die richtige Antwort besteht meines Erachtens nicht darin, dass Maenner ja auch Opfer sind, sondern dass Maenner ganz einfach absolut durch die Geschichte hinweg, und auch heute noch in den westlichen Staaten, die Arbeit gemacht haben“ Man könnte es auch so sagen: Männer gehen tendeziell in ihrer Lebensfürhung deutlich größere Risiken ein als Frauen. Das hat oft schlechte Folgen (sieht man ja z.B. an den Obdachlosenstatistiken), manchmal aber zahlt es sich eben auch aus.

    Der Trick der „Männerherrschfts“-Ideologie ist es, allein auf die wenigen Situationen zu achten, in denen sich das Risiko gelohnt hat, die vielen anderen zu ignorieren und daraus dann den schluss zu ziehen, die männliche Existenz sei offenkundig privilegiert. Was dann denjenigen gegenüber, die sich weitab von Machtpositionene in der Erwerbsarbeit aufreiben, tatsächlich zynisch ist.

  • „Die allermeisten (vielleicht alle) glauben eben gerade NICHT an die Ideologie, sondern halten einen privaten Abstand (im Beispiel werden Kernsaetze der Ideologie privat uminterpretiert). Real schuetzen sie dadurch die Ideologie, fuer sich und vor anderen.“ Das ist in meinen Augen ein wichtiger Punkt. Vermutlich gibt es niemanden in der SPD, der tatsächlich glauben und offen vertreten würde, dass Menschlichkeit und Männlichkeit Oppositionen sind. Aber zugleich setzt sich niemand offen dafür ein, dass dieser Satz – der eben gerade mit dieser Opposition arbeitet – verschwindet. Alle leben mit der Ideologie eben dadurch, dass sie einen kleinen persönlichen Komfortabstand halten.

  • Danke für den Kommentar! – Und für die Erinnerung daran, dass der SPD durchaus noch vieles mehr in die Hose gegangen ist als allein die Geschlechterpolitik…

    Die Frage ist nur – wie sollte der Satz verschwinden? Auf mich wirkt die SPD eigentlich seit Jahren so, als ob sie sich in einer Schockstarre befinden würde – geschockt wohl aber kaum von den allgemeinen politischen Entwicklungen, sondern von sich selbst und der eigenen Unfähigkeit, politische Perspektiven zu entwickeln.

    Ich weiß nicht, ob irgendjemand in der SPD den Mut hätte, eine solche Diskussion zu beginnen. Ironischerweise werden es wohl, wenn überhaupt, eher Frauen als Männer sein (so wie 2007 ja auch eher Frauen auf eine Abschaffung des Satzes gedrungen haben – während sich natürlich zugleich die Frauen der ASF entschieden dagegenstemmten).

  • ich denke das ganze muss man in einem größeren Zusammenhang sehen. Seit Anfang der 80er Jahre hat in der gemäßigten Linken ein Paradigmenwechsel stattgefunden, weg von sozialen- und Verteilungsproblemen hin zu solchen von Identität, Diversität, Multikulturalsimus usw.
    Das gilt für die SPD genau wie für die britische Labour Party und für die Demokraten in den USA.
    Musterbeispiel die Regierung Schröder und Hartz IV, Akzeptanz von mehr ökonomischer Ungleichheit im Ausgleich für alle möglichen Frauen- und Minderheitenförderungsprogramme.

    Das Programm fährt z.Z. an die Wand, weil man es mit der Ungleichheit etwas übertrieben hat.

    Sehr gut thematisiert das Walter Benn Michaels:

    http://jacobinmag.com/2011/01/let-them-eat-diversity/

  • Das werde ich auf jeden Fall tun. Nächste Woche kommt ein SPD BT Abgeordneter in den Gemeindesaal.

    Ausreden lasse ich auch nicht zählen. So von wegen ist doch nicht so gemeint blabla.

    Sonst werde ich ihm erzählen das Hitler auch vieles nicht so gemeint hat und das Deutsche Sozialisten anscheinend Kommunikationsprobleme haben…

    Die packen auch bei jedem Mist die Nazikeule aus.

    Das wird eine Gaudi.

  • GRUNDSÄTZLICH

    Wie wäre es, einen Gegenslogan zu propagieren, möglichst oft zu wiederholen, gehirnwäscheartig massiv überall einzusetzen, z.B.:

    Eine Gesellschaft, die nicht auch männliche Probleme in den Blick nimmt, ist keine menschliche Gesellschaft.

    Eine Politik, die nicht auch männliche Probleme in den Blick nimmt, ist keine menschliche Politik.

    WIEDERHOLEN, WIEDERHOLEN, WIEDERHOLEN…

  • Aus zweierlei Gruenden bin ich diesem Vorschlag nicht zugeneigt:

    1. Ganz banal — och noooeee, noch mehr nichtssagende Sprueche! Wenn ich solche Sprueche lesen wuerde, wuerde ich ziemlich automatisch denken (zumindest nach einiger Zeit): gut so, alle Maenner ausrotten!!!

    (Dies bedenkend, welche koennte man ja hinterpfotzig, wenn man die Moeglichkeit haette, ueberall Sprueche wie „Frauen sind gut.“ oder „Menschliche Politik nur mit Frauen.“ oder „Frauen sind Menschen.“ hinpflastern, vielleicht haetten die meisten Menschen davon auch irgendwann mal genug. Oder auch nicht.)

    Wenn schon Werbung, dann muss sie pfiffig sein. Wir hatten ja schon Ansaetze. Wage ich es mal, hier der ultimative Slogan:

    Mensch = Frau – Mann

    (das „-“ als Minuszeichen).
    Faellt mir gerade so ein, kann man in die verschiedensten Richtungen interpretieren.

    Nun denn, zurueck zum Thema.

    2. Das hoert sich so weinerlich an. Ich als Mann wollte damit nichts zu tun haben. „Maennliche Probleme“ ??

    Nicht vergessen, wir sind das allmaechtige Patriarchat. Wir unterdruecken Alles und Jede.

    Vielleicht:

    AUFRUF AN ALLE PATRIARCHEN: UNTERDRUECKUNG DER FRAU WEITERFUEHREN!

  • Ich bin seit lngem Mitglied der SPD. Das derzeitige Problem liegt darin, dass seit Helmut Schmidt und dem Tode Willy Brandts es an überzeugenden Autoritäten fehlt. Ich habe z.B. Herbert Wehner bei vielen Veranstaltungen erlebt. Seine Ausbrüche bei schwachsinnigen Vorschlägen sind mir noch in guter Erinnerung. Bei ihm wäre natürlich der männerfeindliche Satz in den letzten beiden Parteiprogrammen nie durchgegangen. Auch die „Hartz-Reformen“ nicht oder den Vorschlag der Rente mit 67 für die traditionellen SPD-Wähler. Die Mitgliedschaft der SPD hat sich allein in den letzten 10 Jahren halbiert. Das mag scheinheilig bedauert werden, aber ich sehe keinerlei Entwicklungen in der Partei, dass sich irgendetwas ändern könnte. Auch ich habe schon häufig mit dem Gedanken gespielt aus der Partei auszutreten. Aber ich hätte es als Verrat empfunden, gegenüber den Genossen, die im Kampf gegen die Nazi-Ideologie hingerichtet wurden oder ins KZ wanderten: Leber, Leuschner, von Mierendorff, Reichwein, Schumacher und Wels. Ich werde allerdings Peer Steinbrück wählen, der immerhin bestimmte Entwicklungen der Partei kritisiert hat und weit und breit die letzte Hoffnung ist, denn sonst sehe ich kaum überzeugende Typen, die in der Lage wären,die Fackel des demokratischen Sozilismus in die Zukunft zu tragen.

  • „Das derzeitige Problem liegt darin, dass seit Helmut Schmidt und dem Tode Willy Brandts es an überzeugenden Autoritäten fehlt.“ Das bedeutet ja nicht einmal, sich fehlererlose Lichtgestalten an der Spitze zu wünschen. Brandt hat ja auch erhebliche Böcke geschossen, den Radikalenerlass zum Beispiel – und Schmidt wäre für mich, wenn ich zu seiner Kanzlerzeit Mitglied der SPD gewesen wäre, sicher eine Reizfigur gewesen. Große Autorität haben aber beide, einfach in dem Sinne, dass es sinnvoll ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

    Bei den folgenden Parteivorsitzenden hingegen lohnt es sich meist nicht enmal, ihr Gegner zu sein – entweder befinden sie sich auf endlosen Egotrips wie Schröder oder Lafontaine, oder sind von enormer Geistlosigkeit, wie Beck, oder sie schaffen sogar, beides zu verbinden, wie Scharping oder Gabriel.

    Das wäre vielleicht einmal ein Verständnis von Autorität, mit dem sich auch anti-autoritäre Impulse versöhnen ließen – repäsentative Figuren, bei denen die Auseinandersetzung sich lohnt. Solche Figuren waren in der SPD, warum auch immer, traditionell meist männlich – umso seltsamer ist der Satz von der Notwendigkeit der Männlichkeitsüberwindung. Denkt man dann noch an die erwähnten getöteten Sozialdemokraten oder die in den Konzentrationslagern, dann merkt man endgültig, wie irre der Satz auch angesichts der Parteigeschichte ist.

  • Ich halte die typische Einschaetzung von Lafontaine fuer einen schweren Fehler: Lafontaine ist wohl der einzige nennnenswerte Politiker Deutschlands der sagen wir letzten 30 Jahre (der auch ein hoeheres Amt inne hatte).

    Ich habe einmal zufaellig eine seiner Reden herausgegriffen:

    http://www.youtube.com/watch?v=cvvkStJ5opg&list=PL3B28F67B4D008706&index=4

    Dies wuerde ich als eine „Arbeitsrede“ einschaetzen. Man nenne mir einen von SPD/CDU/FDP/Gruene, der allein sowas hinbekommen wuerde.

    Und eben weil er einer der wenigen „gefaehrlichen“ Poliker war, wurde gegen ihn europaweit eine Kampagne gefahren. Ganz aktuell hat Albrecht Mueller etwas dazu gesagt:

    http://www.nachdenkseiten.de/?p=18286

    (da steht auch viel anderes drin, aber auch einige Anmerkungen zu Lafontaine; das sollte mal fuer den Anfang reichen).

    Wo wir hier speziell den Blickpunkt „Maennlichkeit“ betonen, das ist ja vielleicht auch hier ganz fruchtbar: In welchem Umfeld kommt es dazu, von „Egotrips“ zu sprechen? Ist dies nicht ein typischer Vorwurf an Maenner, sie wuerden sich zuviel herausnehmen, waehrend Frauen so schoen bescheiden an der Sache interessiert waeren? Das Result ist Mutti.

  • Eine Woche später: Leider keine Antwort von Frau Dr. Carola Reimann, MdB. Schade eigentlich.

    Ich bitte auch andere, es hier kurz im Kommentar mitzuteilen, wenn sie nach einer Woche noch keine Antwort haben. Danke!

  • Gestern hat mich folgende Mail von einem Leser erreicht, der an seinen SPD-Kandidaten geschrieben hat.

    „Hallo Herr Schoppe,

    …habe mich gern an Ihrer Aktion zur Befragung der SPD beteiligt. Anbei die Antwort meines Kandidaten für die Bundestagswahl. Ich habe übrigens schon seinen Vorgänger vor 2 Jahren mal dazu angeschrieben, auch der war nicht glücklich mit diesem Satz aus dem Hamburger Programm.

    Meine Antwort auf seine Antwort war sinngemäß, dass ich ihm persönlich Glauben schenke, dies jedoch nicht für die Gesamtstruktur und Ausrichtung der SPD sehe, diese deswegen auch nicht wählen werde. OK, danach war dann seinerseits Funkstille.
    Mir ist es wichtig, den angeschriebenen Politikern freundlich gegenüber zu treten. Wir wollen diese ja zum Nach- bzw Umdenken bewegen. Das erreichen ich als Bürger nicht mit Vorwürfen, sondern mit höflichen, aber in der Sache klaren Aussagen.

    Sie können dies gern auf Ihrem Blog veröffentlichen..wie Sie wollen.

    Herzliche Grüsse
    Jörg D.“

    Natürlich veröffentliche ich den Briefwechsel sehr gern.

    Hier kommt erst einmal die Nachricht an den SPD-Kandidaten Dierk Timm, dann dessen Antwort. In meinen Augen wird auch hier wieder ein wesentliches Problem der SPD-Position deutlich – der Anspruch, in Strukturen zu denken – diese Strukturen aber dann, eben über das Wort „männlich“, zu personalisieren.

    Und @ Jörg D.: Vielen Dank!!

    Sehr geehrter Herr Timm,

    als politikinteressierter Bürger nehme ich gern mein Wahlrecht zum 18. Bundestag wahr. Insbesondere, da ich als ehemaliger DDR-Bürger dieses Privileg lange nicht genießen konnte und somit besonders zu schätzen weiß.

    Kurz und gut: ich habe mich natürlich auch mit Ihrem Wahlprogramm
    beschäftigt und folgenden Satz im Hamburger Programm gefunden. „Wer
    die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“

    Das macht mich sprachlos. Dieser Satz stellt mich (und auch Sie) als ein zu überwindendes Übel dar und spricht mir die Menschlichkeit ab, weil ich ein MANN bin. Auf den Punkt gebracht ist dies Geschlechterrassimus. Was ist aus der echten Gleichberechtigung, dem gutem Ziel der freien Entfaltung des Individuums geworden?

    Bitte geben Sie mir doch Ihre Einschätzung dazu. Verzichten Sie jedoch bitte auf die übliche politische Rhetorik, so nach dem Motto“…steht stellvertretend für…..“
    Wenn man es anders meint, hätte man es auch anders schreiben können.

    In Erwartung Ihrer Antwort verbleibe ich mit besten Grüßen
    Jörg D.

    Sehr geehrter Herr D…,

    vielen Dank für Ihre Email und die Bitte um meine Einschätzung.

    Ich verstehe, worauf Sie anspielen, kann Ihre Argumentation aber nicht nachvollziehen. Wie Sie richtig zitieren ist im Hamburger Programm von der Überwindung der ,männlichen Gesellschaft' die Rede. Das heißt, dass weder Sie, noch beispielsweise ich, als Individuen damit gemeint sind sondern die Gesellschaft als Ganzes. Sie werden mir sicher zustimmen: Es ist richtig, Teile der Gesellschaft sind männlich dominiert. Bestes Beispiel dafür sind die vielzitierten Vorstandsetagen vieler Unternehmen, die vorwiegend mit Männern besetzt sind. Daran sind ganz sicher nicht einzelne Männer Schuld, wohl aber aber männlich dominierte Strukturen in unserer Gesellschaft. Solche Ungerechtigkeiten zu durchbrechen ist erklärtes Ziel der SPD, darauf bezieht sich der betreffende Abschnitt im Hamburger Programm. Ich kann Sie also beruhigen: Sie sind kein zu überwindendes Übel 😉

    Ich stehe Ihnen bei allen Anliegen immer gern zur Verfügung und würde mich freuen, die bei Gelegenheit persönlich kennenzulernen.

    Mit freundlichen Grüßen

    Dierk Timm – Ihr Bundestagskandidat

  • Hier meine jüngste E-Mail an die bayerische SPD-Landtagskandidatin, die mir die beiden verlinkten Postkarten in den Postkasten werfen ließ: http://www.bilder-hochladen.net/files/l23k-1-c4ca.jpg

    Sehr geehrte Frau Zacharias,

    danke für den verlogenen Unsinn, den Sie mir per Postkarte in den Briefkasten werfen ließen. 22 % Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen. Ich bin es müde, mit Wortverdrehern wie Ihnen dieses Thema noch diskutieren. Es ist dazu längst alles gesagt. Hier nur ein Link unter vielen: http://sciencefiles.org/?s=Gender-pay

    Eine Partei, wie die Ihre, die sich so aufstellt und in ihrem Grundsatzprogramm mit der These wirbt: „Wenn wir gleiche Teilhabe für Frauen und Männer verwirklichen wollen, müssen wir alle Lebensbereiche umgestalten: Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“, einer solchen Partei traue ich auch nicht, wenn sie wie auf der zweiten eingeworfenen Postkarte behauptet: „Weil Bayern für die Schwachen genauso da sein muss wie für die Starken“.

    Schließlich ist in ihrer These auch angelegt, dass die überproportionale Selbstmordrate von Männern noch nicht diskrepant genug, die frühere Sterblichkeit von Männern noch zu wenig progressiv und die bildungspolitische Vernachlässigung von Jungen noch nicht effizient genug ist; um nur drei Beispiele von hingenommener und Politikern wie Ihnen bewusst übersehener Benachteiligung im Kontrast zur umfassenden Begünstigung von Frauen zu nennen.

    Wählbar, unwählbar, SPD
    in diesem Sinne verbleibe ich mit freundlichen Grüßen
    Matthias Mala

    Nachtrag zur Jetzt-geht's-um-die-Wurst-Postkarte: Seit wann verzehrt man Weißwürste mit der Kuchengabel? Und das ganz gar noch ohne süßen Senf? Und warum steht für Sie ein vom Schnupftabak verschmierter Handrücken für Armut??

  • Hier nun – urlaubsbedingte verspätet – eine Antwort der SPD Hessen. In Hessen wird nämlich am gleichen Tag der Landtag gewählt (KlausT):

    Sehr geehrter Herr T****,

    für Ihr Schreiben an die HessenSPD bedanke ich mich. Schön, dass Sie sich intensiv mit den Grundsatz- und Wahlprogrammen der SPD auseinandersetzen!

    Zu Ihrer Kritik an der zitierten Aussage möchte ich Ihnen folgendes antworten: Es geht uns keineswegs um eine pauschale Abwertung des männlichen Individuums.

    Die Aussage bezieht sich auf überkommene gesellschaftlichen Strukturen und Mechanismen, die heute noch dafür sorgen, dass Frauen bei gleichwertiger Arbeit ein Viertel weniger Gehalt bekommen als Männer. Oder dass der Anteil an Frauen in Spitzenpositionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Forschung immer noch verschwindend gering ist.

    Nach wie vor ist der Niedriglohnsektor von Frauenarbeit dominiert. Strukturelle Benachteiligungen wie beispielsweise in der mangelnden Vereinbarkeit von Familie und Beruf wollen wir abbauen, das Ehegattensplitting soll reformiert werden.

    Wir wollen den Augenmerk auf die Missstände legen, die einer modernen, freiheitlichen und solidarischen Gesellschaft im Wege stehen und die unter schwarz-gelb im Bund wie im Land viel zu lange ignoriert wurden. Weil Gerechtigkeit der notwendige Kitt einer jeden funktionierenden Gesellschaft ist. Dazu gehört auch die Geschlechtergerechtigkeit.

    Es grüßt Sie herzlich
    *****

  • Pure Egomanie mit Mitteln der Demagogie – blind und taub für die Situation der Männer.
    Laut einer von EMMA in Auftrag gegebenen Allensbach-Studie fühlen sich aktuell angeblich zwei von drei Frauen so geknechtet, dass sie bereit wären sich mit anderen Frauen zusammen zu tun.
    Und laut Zensus 2013 leben im deutschen Patriarchat 2 Millionen mehr Frauen als Männer. Dennoch sind Männer doppelt so häufig mit Sanktionen der Arbeitsagenturen konfrontiert. Logisch, da muss Frau sich organisieren – wo kommen wir denn sonst hin, wenn die Verfügungsmasse Mann nicht mehr nach belieben dienstbar gemacht werden kann?

    Es mag ja wahltaktisch „klug“ sein, sich einer um 2 Millionen größeren weiblichen Bevölkerungsgruppe auf Kosten der männlichen Minderheit anzudienen. Mit Sozialdemokratie bzw. der Zielsetzung einer menschlichen Gesellschaft hat dies jedoch nichts aber auch gar nichts zu tun.
    Die Sozialfemokraten liefern einen Vorgeschmack auf den endgültig feministischen Terrorstaat, wenn sie wie geschehen ankündigen, die problematische Situation der männlichen Minderheit unter SPD-Regierung komplett verleugnen, ignorieren und weiterhin allein Politik für Frauen betreiben zu wollen. Dass profeministisch eben nicht gleichbedeutend mit demokratisch und schon gar nicht progressiv ist, zeigt der Zustand der seit 25 Jahren frauenquotierten, ehemals sozialdemokratischen Partei: Mitgliederzahl und bundesweite Wählergunst seit Quotenbeschluss halbiert. Die Öffentlichkeit muss immer wieder über den feministischen Fundamentalismus der GenossInnen und damit einhergehenden destruktiven Auswirkungen für die Partei informiert werden.

  • @ KlausT. Vielen Dank dafür, dass Du den Brief hier noch eingestellt hast! Ich finde ihn auch interessant, weil er vieles ganz gut deutlich macht.

    „Es geht uns keineswegs um eine pauschale Abwertung des männlichen Individuums.“ Nein, aber schon um eine Abwertung der Männer insgesamt.

    Dann die übliche Konzentration auf Spitzenpositionen, mit Ausblendung der meisten anderen Bereiche. (Dazu hier ein schöner Text: http://erzaehlmirnix.wordpress.com/2013/08/24/feministinnen-fordern-obdachlosenquote/ ). Eine selektive Wahrnehmung, mit der nach Sachverhalten gesucht wird, die als Benachteiligung von Frauen ausgelegt werden können, und nur nach solchen – und die dann zu dem überraschenden Ergebnis führt, dass Frauen benachteiligt seien.

    Der Widerspruch von Menschlichkeit und Männlichkeit schließlich als Beitrag zur „Geschlechtergerechtigkeit“.

  • @ Matthias Mala Es wäre interessant zu wissen, ob einmal eine Antwort auf diesen Brief kommt. Wahrscheinlich werden solche Briefe schnell als Belästigung durch Maskutrolle eingeordnet. Dabei würde ich wirklich gern hören bzw. lesen, was SPD-Abgeordnete zu Bereichen sagen, in denen Nachteile von Männern oder Jungen überdeutlich sind.

    Und die klischeehafte Darstellung von Reichtum und Armut auf der unteren Postkarte tut ihr Übriges. Die SPD bestätigt wieder und wieder den Eindruck, dass sie die Menschen gar nicht mehr kennt, für die einzutreten sie behauptet. Ich glaube: Wenn die Partie nicht von ihrer Tradition leben würde, sondern auf das bauen müsste, was sie heute leistet – dann könnte sie froh sein, bei Wahlen überhaupt über die 5-Prozent-Hürde zu kommen.

    Servus!

  • Statusbericht: bis jetzt keine Antwort (trotz nochmaliger Nachfrage).

    Bin gerade nochmal alle Beitraege durchgegangen. Mein Fazit: Der Fetisch „Frau“ (der es einem ermoeglicht, sich mit „reinem Gewissen“ mit dem herrschenden System abzufinden) ist unantastbar.

    Und ich glaube, das die „Befreiung des Menschen“ sehr viel mit der „Befreiung des Mannes“ (als Arbeiter!) zu tun hat. Gerade dieses macht es sehr schwer, von „Maennerproblemen“ zu reden, da der Mann immer „verschwindet“. (Wobei man „Arbeiter“ unbedingt von (strikt) koerperlicher Arbeit losloesen muss.)

    Aber genau dieses Verschwinden (in der Allgemeinheit) ist das utopische Moment an der „maennlichen Gesellschaft“. Den schoenen Satz (ich meine das ernst — er funkelt voller Ideologie und untergruendiger Wahrheit) „Wer die menschliche Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.“ sollte man hegelsch lesen — die wirkliche maennliche(!) Gesellschaft muss notwendigerweise die maennliche Gesellschaft ueberwinden, zum einen, weil die Selbstueberwindung und das Verschwinden im Allgemeinen das utopische Wesen des „Mannes“ ist, zum anderen, weil die (biologische) „maennliche Gesellschaft“ den Mann auf Geschlecht, Frau und Kind festnagelt.

    (In dem Punkt stimme ich (fast) mit Feministen ueberein, dass man „draufschlagen“ muss auf die „weinerlichen Kerle“, nur aus einem anderen Grund — die wirkliche maennliche Gesellschaft ist die Zukunft, und da ist all die Selbstverleugnung grausam.)

    Hm, diese Gedanken sind noch nicht ausgereift, aber vielleicht kann jemand damit was anfangen.

    (Noch einige Anmerkungen, die vielleicht voellige Unverstaendlichkeit herstellen ;-): Die Feminismus-Phantasie der „Frau“ ist die eines „vollen Wesens“, eines substantiellen Wesens. Der leere (allgemeine) Begriff des Arbeiters wird durch den vollen Begriff der Frau ersetzt (wie zuvor der Arbeiter durch den Arier (Nationalsozialismus) und das Parteimitglied (Stalinismus) ersetzt wurde). Eine wesentliche Basis des Konstrukts Feminismus ist der Penisneid, von dem (wohl mit Lacan) hervorzuheben ist, das er ein Neid auf den *Mangel* ist (der Penis ist naemlich ein Symbol des Mangels): Neid, weil der Mangel Freiheit bedeutet, in die Welt hinauszugehen. „Feminismus“ ist praezise Hausfrauenwissenschaft, die totale Sicht auf die Welt von der Hausfrauenperspektive (Totalisierung des Hausfrauenhorizonts, aus dem es kein Entrinnen mehr gibt). Dieser Neid wird immer rasender, weil „die Frau“ immer voller wird; ein erstickendes Monster. Die Identifikation eines Mannes mit dem Feminismus ist im Kern immer Flucht. So wie die SPD auf der Flucht ist.)

  • Ein zweiter Aspekt, wo man meines Erachtens fundamentaler argumentieren sollte, ist „Die Gewalt, resp. die Macht in unserer Gesellschaft wird noch immer überproportional von Männern ausgeübt.“

    Na dann geb ich auch noch meinen Senf dazu. 🙂

    Mit einer ähnlich reduktionistischen Sicht kann auch gesagt werden, dass kriminelle Handlungen überproportional von Immigranten oder Menschen mit Migrationshintergrund begangen werden. Es gibt genügend Statistiken, die genau dies belegen. Eine derart reduktionistische Analyse kann aber nur plumpe Vorurteile befördern. Eine differenziertere Analyse würde zeigen, dass viele relevante Merkmale wie beispielsweise die Alterstruktur u.a ignoriert werden, Merkmale, die nicht ignoriert werden dürfen, wenn nach den Gründen gesucht wird.

    Um bei erwähnten Analogie zu bleiben: Kriminalität ist kein Charakteristikum von Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund, da die Mehrheit nicht kriminell ist. Genau so wenig ist Gewalt und Macht ein Charakteristikum der Gruppe Männer, da die meisten nicht gewalttätig sind und auch nicht über eine erwähnenswerte Machtfülle verfügen.

    Die Analogien sind nicht zufällig. So wie der Rassist nur die Kriminaliätsstatistiken anschaut und behauptet, damit sei das kriminelle Wesen der Ausländer hinreichend belegt, so argumentiert auch der Feminist. Er blendet den spezifischen soziokulturellen Kontext aus und frönt einem dummen Reduktionismus und Essentialismus.

    Darin liegt die Perversion des Feminismus: Das „Männliche“ wird als etwas Destruktives konstruiert, das zu überwinden eine Notwendigkeit auf dem Weg zur wirklich humanen Gesellschaft sei. Die suggerierte binäre Logik ist doch offensichtlich. Das Männliche ist der Gegensatz zum Weiblichen, das Männliche der Gegensatz zum Menschlichen.

    Gibt es nicht viel Bewahrenswertes, was vorwiegend von Männern geprägt wurde? Warum wird dieses Bewahrenswerte dann nicht unter „männlich“ subsummiert? Vielleicht weil damit das simple Feindbild flöten ginge?

    Der Feminismus beschädigt die Linke in ihrem Kern. Die politische Linke verstand sich immer als die Interessensvertretung der unteren sozialen Klassen. Der Gegensatz war kein biologischer, sondern der zwischen denen, die Kapital besitzen und denen, die kein Kapital oder nur wenig besitzen. Wenn nicht mehr die sozialen Klassen die grundlegende Analysekategorie der Linken ist sondern Geschlecht, Gender oder sexuelle Orientierung, dann hat die Linke aufgehört eine Linke zu sein. Der Versuch der Synthese, so wie die Linke das versucht, führt zu unauflöslichen Widersprüchen.

  • @ Oliver K. Vielen Dank für die teilnahme an der Aktion, auch wenn ich es sehr schade finde, dass von Ypsilanti keine Antwort gekommen ist. Hätte ich interessant gefunden… Noch zwei Kommentare, der erste zur „Hegelschen“ Lesart des SPD-Satzes.

    Ich finde das eine gute Idee, auch wenn es der SPD wohl zu viel der Ehre antun würde zu unterstellen, dass sie bei dem Satz philosophische Ideen irgendeiner Art gewälzt hat. Mit Hegel kann man das „Überwinden“ ja als „Aufheben“ interpretieren – das heißt, ein konservatives Element („Aufbewahren“) wäre auch enthalten, und es ginge nicht darum, dass Männliche rundweg zu negieren.

    Lohnend finde ich auch, zweitens, die Idee, Männer als „Mangelwesen“ zu beschreiben, auch wenn mir in dem Zusammenhang der Penis als Symbol des Mangels nicht klar ist. „Mangelwesen“ eben in dem Sinn, dass man mit dem Zustand, den man vorfindet, nicht zufrieden sein kann, das man sich weiter entwickeln muss, neue Handlungsmöglichkeiten schaffen muss, etc.

    Prinzipiell würde das natürlich für alle Menschen gelten, trotzdem finde ich die Bemerkungen im Hinblick auf den Feminismus stimmig: Je mehr Versorgung eingeklagt wird (sei es durch Quoten, sei es durch die Zementierung der mütterlichen Position, durch geschlechtsspezifische Unterstützungs- und Fördermaßnahmen aller Art, durch einen explizit geschlechtsspezifischen Schutz vor Gewalt, demnächst möglicherweise durch ein Entgeldgleichheitsgesetz, etc.), desto weniger nötig ist es ja, die vorgefundenen Mängel durch eigene Leistungen auszugleichen. Was wiederum die Position von Frauen tatsächlich beschädigt. Somit wäre Feminismus ein politisches perpetuum mobile, und er schafft beständig eben die Mängel, zu deren Beseitigung er sich zugleich als dringend benötigtes Mittel anbietet.

  • @Peter „Wenn nicht mehr die sozialen Klassen die grundlegende Analysekategorie der Linken ist sondern Geschlecht, Gender oder sexuelle Orientierung, dann hat die Linke aufgehört eine Linke zu sein. Der Versuch der Synthese, so wie die Linke das versucht, führt zu unauflöslichen Widersprüchen.“
    Das sehe ich genauso. Nachvollziehbar ist mir der emanzipatorische Anspruch noch im Hinblick auf die sexuelle Orientierung – allerdings sind Rechte von Homosexuellen, um die es dabei immer vor allem ging, ja nicht einmal ein spezifisch linkes Anliegen, sondern ein liberales.

    Der Gedanke, dass der Versuch der Synthese von feministischem und linkem Denken zu Denkwidersprüchen führt, lässt sich noch durch einen weiteren Aspekt ergänzen: Die Folgen sind nicht nur auf der intellektuellen Ebene gravierend, sondern auch auf einer alltagspragmatischen. Besonders deutlich bei der SPD, der in den letzten 25 Jahren ja ein enormer Anteil ihrer Mitglieder weggebrochen sind.

    Dabei ist die Zahl der weiblichen Mitglieder um etwa ein Drittel, die der männlichen um fast die Hälfte gesunken (was von einigen Sozialdemokraten alberner Weise dann als Erfolg der Frauenquote verkauft wird, weil damit ja der Anteil der Frauen gestiegen ist). Das heißt: es gehen der Politik einfach enorme Ressourcen verloren, nicht nur was die intellektuelle Auseinandersetzung, sondern auch, was die alltägliche politische Arbeit angeht.

    Dass so viele Männer verloren gingen, ist vermutlich besonders gravierend, da – so mein Eindruck – Männer im Schnitt politisch deutlich aktiver und engagierter sind als Frauen.

  • Nun ist auch die Antwort der SPD-Kandidatin meines Wahlkreises bei mir eingegangen. Ich hatte bei ihrem ersten Schreiben bzgl. konkreter Maßnahmen insistiert.

    „Sehr geehrter Herr …,

    Frau Kolbe hat bei Ihren umfangreichen Fragen tatsächlich die zur elterlichen Sorge übersehen.

    Dies hole ich nun nach, mit Verweis auf eine parlamentarische Initiative der SPD. Die SPD möchte das gemeinsame Sorgerecht von unverheirateten Vätern und Müttern, da es am ehesten dem Kindeswohl dient. Nach Vorstellung der SPD muss die gemeinsame Sorge zum Regelfall werden. Auch das Veto der Mutter darf nicht einfach zum Kindesentzug führen. Bitte entnehmen Sie die Details dem beigefügten Antrag, der mit den Stimmen der CD/CSU/FDP abgelehnt wurde.

    Erlauben Sie mir auch den Hinweis, dass es die amtierende Bundesregierung von CDU/CSU und FDP ist, die das geltende Sorgerecht eingeführt hat. Wir stehen für ein gleichberechtigtes Erziehungsrecht von Vater und Mutter ein. Insofern vertritt die SPD Ihre Interessen als unverheirateter Vater.

    Mit freundlichen Grüßen“

    Der Antrag kann hier nachgelesen werden:

    http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/086/1708601.pdf

    Immerhin, die SPD stellt im Jahre 2012 endlich die Kinderrechte in den Vordergrund. Ein Schritt in die richtige Richtung – Skepsis bleibt dennoch, denn warum erst ein Amt zwischengeschaltet werden muss statt dem leiblichen Vater obligatorisch das Sorgerecht zu erteilen, bleibt offen. Zumal mit Brigitte Zypries eine sattsam bekannte Verfechterin mütterlicher Hoheit Steinbrücks Kompetenzteam angehört.

  • Hallo zusammen,

    auch hier in Deutschlands Süden (Wahlkreis 257) wird die Konstruktion des Gegensatzes von menschlich und männlich unter Rückgriff auf unser Grundgesetz und den 'Gender-Pay-Gap' verteidigt bzw. eigentlich überhaupt nicht als solcher wahrgenommen. Aber lest selbst:

    Zunächst meine Frage (in Anlehnung an Wolle Pelz: http://www.nuklearsprengkopf.de/2013/08/anfrage-an-den-spd-kandidaten-in-berlin-pankow-beantwortet/ ):

    Sehr geehrter Herr Spitz,

    als unentschlossener Wähler und Bewohner Ihres Wahlkreises habe ich eine – für mich – sehr wichtige Frage an Sie.

    Ich wurde auf diesen speziellen Satz im “Hamburger Programm” Ihrer Partei aufmerksam gemacht:
    “Wenn wir gleiche Teilhabe für Frauen und Männer verwirklichen wollen,
    müssen wir alle Lebensbereiche umgestalten: Wer die menschliche
    Gesellschaft will, muss die männliche überwinden.”

    Als geschiedener, mittlerweile wiederverheirateter Vater dreier Kinder, Kuckucksvater eines vierten und Grundschullehrer habe ich in den letzten Jahren nicht sehr viel von einer “männlichen Gesellschaft” gespürt. Im Gegenteil: Die fortschreitende Feminisierung unserer Gesellschaft hat für Jungen und Männer mittlerweile spürbare Benachteiligungen zur Folge. So etwa bei den Bildungschancen, der Familienpolitik oder auch bei der Besetzung von Professorenstellen an unseren Universitäten welche z. B. ein sehr herausstechendes Merkmal dieser Benachteiligungen (anhand des Geschlechts!) darstellt.
    Die geringere Lebenserwartung von Männern ist ebenfalls ein schwerwiegendes Argument für die Benachteiligung von Männern. Daher nun endlich zu meiner Frage:

    Wie verstehen Sie diesen Satz und wie gedenken Sie, diesen Satz umzusetzen? Funktioniert unsere Gesellschaft nicht gerade durch die Anwesenheit BEIDER Geschlechter? Ist menschlich für Ihre Partei etwa das Gegenteil von männlich?
    Ihrer Antwort entgegensehend verbleibe ich mit freundlichen Grüßen

    Heute, gut vier Wochen und eine Erinnerung später, nun die Antwort:

    Sehr geehrter Herr Spicker,
    vielen Dank für Ihre eMail vom 17.08 und vom 13.09. Für die verzögerte Antwort möchte ich mich bei Ihnen entschuligen. Aufgrund eines Problems auf unserem Server habe ich Ihre eMail erst in dieser Woche erhalten.

    Nun zu Ihrer Frage:
    Im Artikel 1 des Grundgesetzes heißt es „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Da heißt es „Menschen“ also alle Menschen ob Frau ob Mann ob Schwarz ob weiß usw.
    An diesen Artikel müssen wir uns alle halten und das ist auch gut so.

    Desweiteren heißt es im Grundgesetz:

    „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ – dieser Anspruch des Grundgesetzes wird bislang nicht erfüllt. Das muss sich ändern!

    Denn gleiche Teilhabe ist die Grundvoraussetzung dafür, dass Menschen sich als Teil der Gesellschaft verstehen und sich in ihr engagieren. Die SPD möchte allen Menschen die gleichen Perspektiven ermöglichen – unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Weltanschauung oder einer bestehenden Behinderung.

    Bisher sehe ich diese Gleichberechtignung in unserer Gesellschaft nur zum Teil verwirklicht. Wie kann es z.B. sein, dass eine Frau die den gleichen Job, in der gleichen Firma, macht und im Durchschnitt ca. 25 % weniger Lohn bekommt als ihr männlicher Kollege. Hier gibt es noch Defizite. Das müssen wir ebenfalls ändern.

    Unsere Gesellschaft funktioniert gerade durch die Anwesenheit BEIDER Geschlechter! Da gebe ich Ihnen uneingeschränkt recht!

    Aber wir müssen erstmal alle auf einem gleichen Stand sein egal ob Frau oder Mann. Und dafür kämpfen wir.

    Ich hoffe ich konnte Ihnen weiterhelfen und verbleibe

    mit freundlichen Grüßen

    Rolf Spitz

  • Wie ich sehe, einiges ist gleich in dieser Antwort im Vergleich mit meiner.

    Zunächst war in beiden Fällen eine Erinnerung nötig. Dann bekommt eine Antwort die aus reinem Gefasel und Nichtwissen besteht.

    „Schön“ ist auch das erneute Wiederkäuen der „Gender-pay-gap-Lüge“. Außerdemn geht er wieder überhaupt nicht auf die Argumente bezüglich der Benachteiligung von Jungs und Männern ein.

    Beide Antworten der Politiker – sowohl diese als auch die Antwort auf meine Anfrage – zeigen, dass mit der SPD gar nicht mehr zu rechnen ist.

    Die sind ja derartig feminisiert, dass anscheinend in deren Welt für die Belange für Wesen des männlichen Geschlechts überhaupt kein Platz mehr ist.

  • Ergänzend noch das erste Schreiben:

    „Sehr geehrter Herr …,

    haben Sie herzlichen Dank für Ihre o.g. E-Mail, die ich aufmerksam gelesen habe. Entschuldigen Sie bitte die verzögerte Antwort.
    Die SPD setzt sich für soziale Gerechtigkeit unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Glauben, sexueller Orientierung oder Alter ein. Das ist unser Maßstab und unser Antrieb zugleich. Daher ist das programmatische Leitbild der SPD die menschliche Gesellschaft. Dies kann nur durch die Gleichstellung von Frau und Mann verwirklicht werden. Eine moderne Gesellschaftspolitik muss beide Geschlechter im Blick haben. Dass bedeutet, dass Männer ihre Rolle in der heutigen Gesellschaft finden können müssen. Hier ist viel in Bewegung.
    Klassische Rollenbilder für Männer und Frauen sind im Umbruch. Wir können heute freier und selbstbestimmter leben. Individuelle Lebensstile sind heute möglich. Davon profitieren Männer wie Frauen.
    Als Sozialdemokratin bin ich stolz auf das historisch enge Verhältnis der SPD zur Frauenbewegung: Beginnend mit den Impulsen August Bebels in „Die Frau und der Sozialismus“ und der Frauenrechtlerin Clara Zetkin, die sich vehement für das Frauenwahlrecht engagierte, bis hin zur Sozialdemokratin Marie Juchacz, der ersten Parlamentarierin, die vor der deutschen Nationalversammlung sprach. Alles wichtige Etappen zu einer modernen Gesellschaft von Freien und Gleichen.
    Heutzutage ist die formale Gleichstellung der Geschlechter weitestgehend realisiert: Es gilt das gleiche Wahlrecht, der freie Zugang zu Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Um aber echte Geschlechtergerechtigkeit im sozialen und wirtschaftlichen Leben zu verwirklichen, ist noch einiges zu tun. Gleiche Arbeit muss gleich bezahlt werden, die Gesundheitsversorgung muss an den Bedürfnissen von Patienten und Patientinnen orientiert sein, wir brauchen gute Bildung für Jungen und Mädchen, um nur einige Beispiele zu nennen.
    In der SPD-Bundestagsfraktion wird das Thema Männergesundheit regelmäßig bearbeitet, da wir auf die Besonderheiten von Männern und Frauen in der Gesundheit achten. Wir wollen geschlechtersensible Präventions- und Therapiekonzepte und eine geschlechtersensible Gesundheitsberichterstattung. Sie haben Recht, die Lebenserwartung von Frauen ist höher. Denn Frauen pflegen einen gesünderen Lebensstil: sie rauchen weniger, sie ernähren sich gesünder und nehmen häufiger Arzttermine wahr. Viele Männer glauben, wenn sie sich gut fühlen, sie seien gesund. Das ist aber häufig nicht der Fall. Besonders für Männer aus sozial schwächeren Schichten wollen wir Sozialdemokraten und Sozialdemokratinnen mehr tun.

    Mit freundlichen Grüßen
    Daniela Kolbe, MdB“

    Stereotypisch wieder: Männer sind selbst schuld – sobald Frauen im Vorteil sind ist dies ein Beleg dafür, dass sie verantwortlicher handeln bzw. die besseren Menschen sind.

    Der zweite Kandidat, Herr Tiefensee, hielt es gar nicht erst für nötig zu antworten.

    Tschüss deutsche Sozialdemokratie.

  • @ ReVolte Vielen Dank für die Nachrichten! Ich stimme Dir zu – dass immerhin ein Bekenntnis dazu, dass die gemeinsame Sorge prinzipiell im Interesse des Kidneswohls sei, von den Parteien durchweg geleistet wird, ist ein Fortschritt.

    Haltlos wird die Position der SPD dadurch, dass sie dann de facto mit einem „falls“ versehen wird – im Falle der SPD: Die gemeinsame Sorge dient dem Kindeswohl, falls die Eltern eine gemeinsame Sorgeerklärung abgeben (was auch vorher schon möglich war), falls sie heiraten (was auch voher schon möglich war) oder falls das Familiengericht die gemeinsame Sorge anordnet (das ist neu – basiert aber nicht auf der Initiative der SPD, sondern wurde durch die Urteile des Europäischen Gerichtshofs und des Verfassungsgerichts unausweichlish).

    Leider wurde die ustprüngliche Idee des Justizministeriums nicht beibehalten, grundsätzlich von der gemeinsamen Sorge auszugehen, aber die Möglichkeit eines Widerspruchs (allerdings nur der Mutter) zu schaffen. Wodurch diese Idee gekippt wurde, wurde nie öffentlich klar: Nach meinem Eindruck zunächst durch Widerstände aus der Union, von Leuten, die den Status der Ehe schützen wollten – und dann durch Widerstände von feministisch inspirierten Familienmpolitikerinnen bei der SPD und den Grünen, so dass auch dort keine Mehrheiten zu holen gewesen wären. Diese faktische Kumpanei wischen konservativer und feministischer Familienpolitik ist nach meinem Eindruck über Jahre hin das größte parlamentarische Hindernis für eine Stärkung der Väterrechte gewesen.

    Insofern vrmittelt Frau Kolbe einen falschen Eindruck, wenn sie schreibt: „Bitte entnehmen Sie die Details dem beigefügten Antrag, der mit den Stimmen der CD/CSU/FDP abgelehnt wurde.“ Die SPD stürmte nicht vor und wurde dann von Konservativen zurückgepfiffen – die Uneinigkeit bestand schließlich nur noch in der Frage, WIE es denn zu einem Beschluss der Familiengerichts zur gemensamen Sorge kommen solle.

    Hier setzte sich in der Regierung die Position durch, dass das Familiengericht beschließt, falls der Vater einen Antrga abgibt und die Mutter nicht fristgemäß widerspricht.

    Das ging der SPD zu weit: Das „vereinfachte Verfahren“, in dem das Gericht ohne Anhörung der Eltern entscheidet, wurde von ihr abgelehnt. http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/121/1712198.pdf Die SPD hätte sich auch für den Fall, dass die Mutter keinen Widerspruch einlegt, das Jugendamt mit im Boot gewünscht. Also weitere Überprüfungen, ob denn die väterliche Sorge wirklich im Interesse des Kindes sei – und das unvermeidliche Einschalten einer Institution, die nicht gerade für ihre Aufgeschlossenheit gegenüber Väterinteressen bekannt ist.

    Das heißt: In den Augen der SPD gab es immer noch nicht genügend Hindernisse für eine gemeinsame Sorge – de facto wäre ihr Vorschlag darauf hinausgelaufen, dass auch weiterhin eine gemeinsame Sorge nur dann möglich ist, wenn die Mutter zustimmt.

    Insofern fehlt in Frau Kolbes Bekenntnis zur gemeinsamen Sorge ein kleines Wort: „Die SPD möchte das gemeinsame Sorgerecht von unverheirateten Vätern und Müttern, da WO es am ehesten dem Kindeswohl dient.“ Und das ist bei der vorgeschlagenen Regelung ihrer Partie in aller Regel eben dort der Fall, wo es dem Willen der Mutter nicht widerspricht.

    Fazit: Die Neuregelung war durch zwei wichtige Gerichtsurteile nötig geworden. die feststellten, dass bisherige Regelungen Menschenrechte und Grundrechte erhebich verltzten. Anstatt über ihre eigene Beteiligung an diesen Rechtsverletzungen irritiert zu sein, war die SPD vor allem darum bemüht, die alten Regelungen möglichst unverändert beibehalten zu können.

    Vielen Dank noch einmal für das Posten! Beste Grüße

  • @ ReVolte „Männer sind selbst schuld – sobald Frauen im Vorteil sind ist dies ein Beleg dafür, dass sie verantwortlicher handeln bzw. die besseren Menschen sind“ Hab ich auch gedacht, als ich das gelesen habe. Wenn Männer sich so durchweg „ungesünder“ verhalten, könnt Frau Kolbe doch zumindest auch einmal fragen, ob das nicht auch strukturelle Ursachen hat.

    Klischeehaft ist ja auch der Hinweis, Gleichberechtigung sei erreicht, aber für reale Gleichberechtigung sei noch viel zu tun. Interessant ist nur, dass sie sofort von „Gleichstellung“ redet. Was ist denn noch zu tun? Und warum stehen Rechte von Jungen und Männern so selbstverständlich nicht auf dieser Agenda?

    Auch hier vielen Dank für das Posten!

  • @ Markus Spicker, Wolle Pelz Ja, ich sehe das auch so, dass in den Antworten aus der SPD fast durchweg dieselben Positionen wiedergekäut werden, ohne weitere Reflexion und Begründung. An keiner Stelle wird von irgendeinem Sozialdemokraten der Gedanke erwogen: „Könnte es nicht auch anders sein? Könnte es nicht auch sein, dass ein Satz wie der von der menschlicheren männlichkeitsüberwindenden Gesellschaft tatsächlich nicht vertretbar ist?“

    Und ich finde es NICHT naiv, so etwas von ihnen zu erwarten, auch im Wahlkampf nicht. „Wir sind für Gleichberechtigung, aber da nur Frauen benachteiligt sind, bedeutet Gleichberechtigung auch, nur Frauen zu unterstützen“ – diese Position ist so simpel und fadenscheinig, dass man zumindest erwarten könnte, Sozialdemkraten würden sich irgendetwas Differenzierteres, Abgewogeneres, oder zumindest Gewitzteres ausdenken.

    Vielen Dank für die Beteiligung und für das Posten der Briefe!

  • Grosse Koalition und Quote als Narkotikum

    Ich moechte hier ein ganz kurzes Fazit ziehen, und in einem zweiten Kommentar einen Vorschlag machen, wie die Wirksamkeit dieses Blogs verbessert werden koennte.

    Auf Genderama ist gerade der SPON-Bericht zu Koalitionsverhandlungen und Quote verlinkt worden: http://genderama.blogspot.de/2013/10/spd-frauen-fordern-feste-quote-im.html

    Dies passt ja zu der Grundrichtung der Kommentare: Ueber Feminismus wird nicht diskutiert, sondern das wird einfach gemacht. Er ist in Deutschland das wesentliche Narkotikum der „Linken“, um nichts zu aendern. Die grosse Koalition waere Ausdruck der Korruption der SPD, es kommt nur auf Posten an. Um eben nichts zu veraendern (an der Wirtschaftsordnung), wird sich auf die Quote kapriziert, und es sollte auch ein leichtes sein, dies von der CDU/CSU zu bekommen (von deren Sicht aus sollte dies ein Brocken sein, den man leichterhand der SPD vor die Fuesse werfen kann). Spricht einiges dafuer, dass dies klappen koennte (muss aber nicht, es gibt noch andere taktische Moeglichkeiten).

    Bei dieser totalen Herrschaft der Feminismus-Ideologie muss man meines Erachtens die Gleichzeitigkeit mit der (wirklichen) bleiernen Zeit, in der wir heute leben, beachten (zumindest seit den 60ern scheint mir ein derartiger Stillstand im Denken nicht vorgekommen zu sein in Deutschland, ein Stillstand, der vielleicht 99% der Bevoelkerung befallen hat). Auch der Aufschrei-Schwachsinn war ja eine winzige Sache, bloss aufgepustet durch die „offiziellen“ Medien. Es findet keine Diskussion zu irgendetwas statt, jeder sucht sich nur anzupassen.

    Bzgl. des Verfalls der SPD bleibt wohl nur die Beobachtung. Aber um wenigstens den Versuch machen zu koennen, in Zukunft den Verrat der SPD (die klassische Verraeterpartei, die sich zeitweilig aus ihrem Sumpf zu erheben versuchte, und nun vollstaendig darin versinkt) sichtbar zu machen fuer mehr als die's eh schon wissen, meine ich, sollte der Blog gestaerkt werden — siehe naechsten Kommentar.

  • Groessere Zusammenhaenge und Kontinuitaet

    Im allgemeinen krankt die gesamte Blogwelt an der Zusammenhangslosigkeit des Denkens: es gibt einzelne Beitraege mit einer im wesentlichen linearen Ansammlung von Kommentaren, und diese einzelnen Beitraege sind eigentlich nie vernetzt. So entsteht eine gewisse „Blase“: die Teilnehmer des Blogs denken, etwas „erarbeitet“ zu haben, aber von aussen sieht man's nicht, und wohl ist in den allermeisten Faellen nicht wirklich etwas erarbeitet worden, sondern es wurden nur Meinungen bestaetigt.

    Das etwas rauskommen sollte, halte ich fuer ganz wesentlich. Dies geschieht in mathematisch-informatischen Bereichen schon recht gut, aber im Feld des Sozialen, der Philosophie etc. sieht's ziemlich mau aus. Ich glaube der fatale Fehler sind hier die „Denkwelten“ — anstelle von isolierbaren Definitionen und Hypothesen muss man immer ein ganzes Denk-Paket kaufen, eine ganze Weltsicht.

    Nun glaube ich dass man tau schon recht produktiv ist (in der Tat der produktivste Blog ausserhalb der Mathematik/Informatik, den ich kenne). Aber es fehlen die groesseren (expliziten!) Zusammenhaenge (die hoffentlich eine groessere analytische Wucht ergeben koennten). Wenn z.B. in vier Jahren wieder Wahl ist, koennen wir dann auf die Analysen der letzten Zeit zurueckgreifen? So dass wir z.B. Fehler erkennen — das waere so wichtig, wann aber geschieht dies? Wo stellte jemand mal fest, dass er sich geirrt hat (im allgemeinen); dies ist fast strukturell unmoeglich, da ja alles so vag gehalten wird. Oder dass wir auf den alten Analysen aufbauen koennten? Oder den Aussenstehenden zeigen koennten: seht her, die ganze Malaise war deutlich erkennbar, schon damals, ihr aber wolltet in euer Unglueck rennen!

    Ein Schritt zu solchen groesseren Zusammenhaengen (mit einer gewissen Kontinuitaet in der Bearbeitung) koennte durch Meta-Seiten gemacht werden, d.h., Seiten die in gewissem Sinne eine Uebersicht geben. Im einfachsten Falle wuerden solche Seiten einfach Zeiger (vielleicht mit kurzen Kommentaren) zu relevanten Blog-Seiten sein. Ich glaube das wuerde schon sehr helfen, fuer die Teilnehmer an den Diskussionen (was habe ich und andere schon gesagt?), und fuer Neulinge (die definitiv keine Uebersicht haben).

    Um anzufangen: Man koennte eine Meta-Seite „SPD und Feminismus“ eroeffnen:
    1. http://man-tau.blogspot.de/2013/04/rot-gruner-beton.html
    (allgemeine Diskussion der Feminismushoerigkeit bei Gruenen und SPD, mit
    Betonung der Quote, und allgemeine Diskussion von „Quote“ (die dann zur
    allgemeinen Diskussion von „Geschlecht“ wird)
    2. http://man-tau.blogspot.de/2013/08/wie-die-spd-unwahlbar-wurde.html
    (zum „Hauptsatz der SPD“; Anfaenge der Aktion)
    3. http://man-tau.blogspot.co.uk/2013/08/sind-manner-menschen-fragen-sie-ihren.html
    (die Aktion)
    4. http://man-tau.blogspot.de/2013/09/stinkefinger-und-schwarze-witwe-die.html
    (zur Bundestagswahl im allgemeinen)
    5. http://man-tau.blogspot.de/2013/08/die-spd-als-gender-streber-und.html
    (wie die SPD versucht, die feministische Staatspartei zu werden).

  • Ich finde die Vorschläge auch sehr gut. Mir leuchtet z.B. der Zusammenhang zwischen den „Denkwelten“ und der fehlenden Vernetzung ein. Wenn deutlich würde, dass dieselben oder ähnliche Argumente in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen und politischen Hintergründen auftauchten, dann ließen sie sich ja sehr wohl leicht isolieren, ohne dass jeweils ein ganzer weltanschaulicher Apparat mit herangekarrt werden müsste.

    Auch den Hinweis auf die Linearität finde ich wichtig. Was vor ein paar Wochen, gar Monaten geschrieben wurde, gerät – von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen – aus dem Blickfeld, obwohl gegenwärtige Diskussionen sich damit auseinandersetzen, darauf aufbauen, daran Anstoß nehmen etc. könnten. Christian stellt ja bei „Alles Evolution“ immer mal wieder Listen von Artikeln zu einem Thema zusammen, das finde ich sehr sinnvoll.

    Sehr gut als Einführungen in bestimmte Themen sind natürlich die Texte von man.in.th.middle, die ja auch oft schon Linklisten enthalten. Und natürlich die Linkliste bei Arne Hoffmann.

    Es wäre gut, das weiter zu führen – als eine thematisch strukturierte Bibliothek von (wie oben bei Oliver) kommentierten Links. Ich habe von machine learning keine Ahnung, deshalb fällt mir dazu schon nur eine handgemachte Liste als work in progress ein, die z.B. über die Kommentarfunktion von allen jederzeit ergänzt und erweitert werden kann. (@jungsundmaedchen)

    @ Oliver K Vielen Dank für die Liste zum Thema „SPD und Feminismus“ und die Vorschläge! Ich hab jetzt Ferien, werde zwar viel unterwegs sein, hab aber auch ein wenig Zeit. Mal sehen, ob mir noch weiter etwas dazu einfällt.

  • „Bzgl. des Verfalls der SPD bleibt wohl nur die Beobachtung.“ Das fürchte ich auch. Das Partei-Establishment hat sich gewissermaßen der Basis entledigt, stört sich nicht daran, dass ihm fast die Hälfte weggebrochen ist, sondern nimmt das möglicherweise sogar als Stärkung der eigenen Position wahr.

    Eine persönliche Bemerkung, die ich bei dem Thema ja schon ab und zu gemacht habe: In den vorangegangenen Generationen meiner Familie hat die SPD jeweils eine sehr große, und gute, Rolle gespielt – deshalb hab ich wohl unbemerkt immer noch irgendwie das Gefühl, dass von der Partei doch noch einmal etwas Besseres kommen müsste.

    Aber das ist eigentlich keine rationale Einschätzung: Bei Licht betrachtet wüsste ich nicht, woher die SPD die Möglichkeit nehmen sollte, ihren Verfall zu stoppen. Denn der intellektuelle und ethische Verfall der Partei ist ja längst noch viel größer als der bei den Wählerstimmen (obwohl der ja auch beachtlich ist).

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