Väter

Die Mütze

Bild zeigt eine Mütze.
geschrieben von: Lucas Schoppe

Eigentlich wollte ich in diesem Blog ja ganz verschiedene Sorten von Texten schreiben, nicht nur Essays, auch ab und zu kleine Geschichten oder Gedichte. Aber ich habe mich von Gender Studies, SPD und Grünen ein wenig mitreißen lassen und dieses wohlmeinende Vorhaben ein wenig aus den Augen verloren… Nun aber wird es Zeit, mal wieder etwas daran zu ändern.

Bei Vandenhoeck & Ruprecht ist gerade der Band „Scheiden tut weh. Elterliche Trennung aus der Sicht von Vätern und Jungen“ erschienen. Seltsamerweise besetzt keiner der Beiträger einen Gender-Lehrstuhl, obwohl das Thema doch eigentlich zentral für die Geschlechterforschung sein müsste…aber ich will natürlich nicht schon wieder damit anfangen.

Zur Gesundheit von Jungen in „Einelternfamilien“ – selbst grammatikalisch ist das Wort ja schon krumm – trägt in dem Band beispielweise Robert Schlack vom Robert-Koch-Institut eine Menge zusammen.
Jungen in Einelternfamilien haben demnach häufiger Übergewicht, haben häufiger problematischen Alkoholkonsum, rauchen mehr, konsumieren häufiger gewohnheitsmäßig illegale Drogen, haben mehr Schulprobleme, berichten häufiger über psychosomatischen Schmerz, haben mehr emotionale Probleme, haben mehr Verhaltensprobleme, sind häufiger unaufmerksam und hyperaktiv, haben mehr Probleme mit Gleichaltrigen, zeigen weniger prosoziales Verhalten, haben mehr Defizite in personalen, familiären und sozialen Ressource als Jungen in Kernfamilien mit leiblichen Eltern. Darüber hinaus bleiben die negativen Effekte elterlicher Trennung für die psychische Gesundheit bis in die späte Adoleszenz erhalten, werden die negativen Effekte elterlicher Trennung im Bezug auf Gewaltverhalten nicht oder nur geringfügig durch Schutzfaktoren gepuffert und werden die negativen Effekte elterlicher Trennung durch soziodemografische Faktoren nur wenig moderiert (was bedeutet, dass die negativen Effekte der Trennung weitgehend unabhängig von anderen Faktoren, etwa dem sozialen Status, messbar sind). (S. 141)

Kurz gefasst: Wäre das Aufwachsen in „Einelternfamilien“ ein Medikament, dann würde es entweder gar nicht zugelassen, oder es wäre verschreibungspflichtig und seine Anwendung auf seltene Ausnahmefälle beschränkt. Zumal die Folgen für Mädchen natürlich nicht deutlich besser sind als für Jungen – besonders belastend für Jungen ist aber der Umstand, dass sich hinter dem geschlechtsneutralen Begriff „Einelternfamilie“ ja tatsächlich in mehr als neun von zehn Fällen die mütterliche Alleinerziehung verbirgt und die Jungen auch in den Institutionen der Kindertagesstätten und Schulen jahrelang keine oder fast keine männlichen Bezugspersonen haben. Bei deutschlandweit etwa 1,6 Millionen „Alleinerziehenden“ ist das ein Massenexperiment, das möglicherweise pädagogisch interessante Ergebnisse liefern wird, aber vor keiner Ethikkommission standhalten würde.

Natürlich gibt es Situationen, in denen es schlicht nicht zu vermeiden ist, dass ein erwachsener Mensch ein Kind allein aufzieht – wenn nämlich der Partner oder die Partnerin, aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage ist, sich an der Sorge für die Kinder zu beteiligen. Es gibt in vergleichbarer Weise schließlich auch Notsituationen, in denen beispielsweise die Amputation von Gliedmaßen unvermeidbar ist. Kein Mensch aber würde deshalb auf die Idee kommen, dass es ganz normal sei und als Lifestyle-Choice zur bunten „Vielfalt der Lebensweisen“ dazu gehöre, sich selbst oder seinen Kindern ab und zu einmal das eine oder andere Körperteil abzutrennen.

Eben eine solche Position aber bezieht der Verband der alleinerziehenden Mütter (und, dingens, Väter), wenn er die „Alleinerziehung“ als Beitrag zur „Vielfalt der gelebten Familienformen in unserer Gesellschaft“ verklärt. Natürlich hat der Verband ein Eigeninteresse daran, dass möglichst viele Kinder in „Einelternfamilien“ aufwachsen – nicht vernünftig erklärbar aber ist es, dass die Politik solche Interessen bedient.

Verbissen hat der deutsche Gesetzgeber über viele Jahre an einer Gesetzgebung festgehalten, in der bei Nichtverheirateten die mütterliche Alleinerziehung der Normalfall und die gemeinsame Sorge die legitimationsbedürftige Ausnahme war. Bekanntlich waren massive gerichtliche Eingriffe in die Politik – durch den Gerichtshof für Menschenrechte und das Verfassungsgericht – notwendig, um Änderungen zumindest möglich zu machen. Trotzdem haben sich die Parteien des Bundestags daran geklammert, dass nichtverheiratete Eltern weiterhin nicht etwa von einer gemeinsamen Sorge für ihre Kinder, sondern von der mütterlichen Alleinsorge ausgehen. Anstatt die Eltern dazu aufzurufen, ihrer gemeinsamen Verantwortung gemeinsam gerecht zu werden, ruft der Gesetzgeber Mütter dazu auf, Gründe gegen die Beteiligung der Väter an der gemeinsamen Sorge zu finden – und Vätern signalisiert er, dass ihre Kindessorge nur dann nötig sei, wenn sie das wollen und beantragen.

Doch nicht nur rechtlich, sondern auch finanziell wird die „Alleinsorge“ gegenüber dem Aufwachsen mit beiden Eltern gefördert. Laut Spiegel ist es

„ein offenes Geheimnis (…), dass viele Paare die Trennung vortäuschen und sich die Väter nur zum Schein eine andere Wohnung suchen.“

Das ist so absurd, dass man es vielleicht ein zweites Mal lesen muss, um es zu glauben: Das Aufwachsen von Kindern in der Alleinerziehung wird staatlicherseits gegenüber dem Aufwachsen bei beiden Eltern so sehr gefördert, dass einige Paare sogar Trennungen vortäuschen, um mehr Geld beziehen zu können. Das ist ungefähr so (um bei dem Beispiel von oben zu bleiben), als wenn der Staat eine Belohnung für Menschen ausloben würde, die sich oder ihren Kindern Gliedmaßen amputieren.

Es kommt mir gar nicht auf die moralische Bewertung solcher Betrügereien an, die ist ohnehin klar. Ebenso wenig kommt es mir in der folgenden Geschichte darauf an zu entscheiden, wer denn eigentlich Schuld ist an der Trennung, Mutter oder Vater. Wichtig ist nur, dass es verrückt ist, eben die Formen des Aufwachsens von Kindern staatlich zu fördern und zu privilegieren, die für Kinder mit den größten Nachteilen, Schmerzen und Schäden verbunden sind.

Die Mütze

Mein Vater hat mir die Mütze gekauft, als wir zusammen in der Stadt waren. Eine Schiffermütze, sagte er und ich glaubte ihm. Ich war ein Kind, da glaubt man seinem Vater.

Ich nahm die Mütze nicht mehr ab, außer zum Schlafen. Ich möchte sie schließlich nicht aus Versehen eindrücken. Meine Mutter sagt nichts dazu, sie hat es aufgegeben. Früher erzählte sie mir oft, ich solle mir nichts auf den Kopf setzen, das wäre besser für die Haare. Im Winter müsste ich eine Fellmütze tragen.

Doch das mach ich nicht, und sie hat das verstanden. Jedenfalls sagt sie nichts mehr.

Meine Freunde in der Schule verstehen es auch, niemand macht sich über mich lustig. Und seitdem ich einmal einem Jungen, der zwei Jahre älter ist als ich und der mir die Mütze vom Kopf gerissen hatte, zwei Zähne ausgeschlagen habe – seitdem versucht auch niemand mehr, mir die Mütze wegzunehmen.

Schließlich war sie das Letzte, was mein Vater mir gekauft hat. Das Letzte, bisher. Der ist über alle Berge, der kommt nicht wieder, sagt meine Mutter. Doch das glaube ich nicht.

Er wird durch unser Tor treten, und ich werde dann nicht rennen, sondern ganz ruhig zu ihm gehen, und ich werde, so wie es die Älteren machen, die Mütze ziehen und ihm einen Guten Tag wünschen.

Zu Vincent van Goghs Schülerbildnis (Camille Roulin)

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9 Comments

  • Es gibt aktuell eine Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der PDL zur Lage der Alleinerziehenden in der BRD. Selbstverständlich kommen Väter nur am Rande vor. 10% sind offenbar irrelevant (daran sollte man die PDL am 22.9. erinnern: http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/bundestagswahl-linke-chef-riexinger-will-zehn-prozent/8653346.html).
    Bemerkenswert finde ich – und deshalb der Bezug zu Deinem Text- das sich keine der 24(!) Einzelfragen einer linken und, nach eigenem Selbstverständnis, progressiven -oppositionellen(!)- Partei mit den rechtlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Ursachen der „Alleinerziehung“ beschäftigt. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass der unterzeichnende Fraktionsvorsitzende seinen Sohn als „alleinerziehender“ Vater großgezogen hat (http://www.zeit.de/2006/25/Gysi_xml).
    Die ernsten Auswirkungen sind allseits bekannt doch statt einer Stärkung und Ermutigung der Väter, welche ja meistens das entbehrte Elternteil sind, wird sich oft genug für eine direkte oder indirekte Schuldzuweisung in deren Richtung entschieden.
    Anfrage: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/144/1714411.pdf
    Antwort: http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/145/1714518.pdf

  • Ich bin eigentlich mit so ziemlich jedem Deiner Worte in jedem Deiner Artikel konform, aber eins stößt mir in Deiner Einleitung doch sauer auf, zumal es ironischerweise in der Geschichte auch gestreift wird.

    Teil der Wahrheit über Väter ist auch, daß sie sich verpissen, das sie eben nicht amputiert werden. Und das sollte man auch ehrlicherweise klar aussprechen. Denn erst dann kann man erwarten vom Großteil der alleinerziehenden Mütter ernstgenommen zu werden wenn man sich eben nicht verpißt und auf die schreiende Ungerechtigkeit hinweist, der man sich als engagierter Scheidungsvater gegenübersteht.

    Dann im nächsten Schritt könnte man dann auch über eine ehrliche Diskussion darüber kommen, daß sich verpissende Väter vielleicht nicht nur egoistische Gründe für ihr Tun haben, dass eine Gleichstellungspolitik nicht nur zwingend Väterrechte im Auge haben sollte, sondern darüber hinaus daran arbeiten sollte, Väter ihre Wichtigkeit zu erklären und strukturell Angebote schaffen sollte.

  • @ Radaffe Vielen Dank für die Links, die sind sehr interessant!

    Es gibt ja möglicherweise im konkreten Fall durchaus Gründe, Vätern Schuld zuzuweisen (s.u.) – nur ist das eben nicht Aufgabe der Politik. Diffuse Schuldzuweisungen an Väter verdecken einfach den Unwillen, die eigene politische Aufgabe zu erledigen – nämlich solche Regelungen zu etablieren, mit denen das, was für die einzelnen Beteiligten wünschenswert und vernünftig ist, zusammenfällt mit dem, was gesellschaftlich, oder hier eben: im Hinblick auf das Kindeswohl wünschenswert ist.

    Wer Regelungen etabliert, die destruktives Verhalten auch noch belohnen, missachtet diese Aufgabe nun einmal und bringt die Kalküle der einzelnen Beteiligten in einen Widerspruch zu dem, was im Sinne der Kinder vernünftig ist. Die Klagen über egoistische Väter – oder manchmal auch: Mütter – verdecken in dieser Hinsicht eben nur die Fehler der Politik.

  • Das wollte ich eigentlich auch so schreiben, aber durch das in dieser Hinsicht tatsächlich irreführende Bild von der Amputation wird das tatsächlich nicht klar. Ich kenne, als Lehrer wie im privaten Bereich, Kinder, deren Väter sich „verpisst“ haben, und die Folgen für die Kinder sind in jedem Fall spürbar und sehr negativ. Die Botschaft, die bei ihnen jedes Mal unterschwellig ankommt, ist: Du bist es nicht wert, dass ich bei Dir bin (was dann für Kinder oft bedeutet: Du bist es nicht wert, da zu sein).

    Dieses Verhalten ist gegenüber Kindern nicht zu entschuldigen (und es ist natürlich auch enorm unfair gegenüber Müttern, die ihre Kinder eigentlich nicht allein aufziehen wollten). Wenn das so klar ist – dann kann man auch nach den Gründen für das Verhalten fragen und darüber sprechen.

    Aber auch in dieser Hinsicht finde ich die Gesetzgebung eben sehr schlecht. Wer Vätern signalisiert, dass sie Verantwortung für ihre Kinder nur tragen müssen, falls sie das beantragen – und wer darauf Wert legt, dass Mütter Möglichkeiten haben müssen, die Väter ihrer Kinder möglichst unkompliziert loszuwerden – der kann eben schlecht zugleich darauf bestehen, dass Väter sich ihrerseits aber bitteschön verlässlich einbinden lassen sollen.

    Insofern finde ich den alten Vorschlag gut, gar nicht mehr vom „Sorgerecht“, sondern von „elterlicher Verantwortung“ zu sprechen – die natürlich für beide gleichermaßen gilt (und zwar grundsätzlich, nicht erst auf Antrag).

  • „…die Gesetzgebung sehr schlecht“. Sehr vorsichtig ausgedrückt, in Deinem „über mich“-Kasten ist das gebührend deutlicher.

    Väter werden durch vielerlei Mechanismen von vornherein aus der Familie herausgedrückt. Alleine schon dadurch, die wirtschaftliche Sorge tragen zu müssen. Die Gründe dafür sind vielfältig, oft auch persönlich begründet und liegen genauso bei den Müttern. Ist ja nicht so, daß man ihnen verboten hat, ein Ingenieursdiplom zu erlangen oder sie mit einem jüngeren Krankenpfleger zwangsverheiratet hat. Und so muß sich ein gewordener Vater schon sehr anstrengen, die elterliche Sorge gleichberechtigt zu übernehmen.

    Es wird aber auch keinem Vater erklärt, daß er sich schadet und sich selbst viel wegnimmt, wenn er dem klassischen Weg folgt, der überspitzt so aussieht, daß er nach 40 Jahren Überstunden einem Herzinfarkt im Bürostuhl erliegt, ohne seine Kinder wirklich beim Aufwachsen begleitet zu haben.

    Jetzt kommt die Gesetzgebung und weist dem Scheidungsvater exakt und ausschließlich die Ernährerrolle zu. In einer Familie, der er nicht mehr angehört und hauptsächlich gnädigerweise jedes zweite Wochenende den Ausflugspapi machen darf. Ein absoluter Skandal.

    Das Sorgerecht braucht man eigentlich kaum, das Umgangsrecht wird gar nicht diskutiert, das Recht und die Verpflichtung zur beidseitigen, gleichberechtigten elterlichen Verantwortung ist in der Tat das was fehlt.

    Wir wandeln wieder auf Konsenspfaden, ich hatte einfach Lust es nochmal aufzuschreiben.

    Gerhard
    (derselbe anonyme auf den Du geantwortet hast)

  • @ Gerhard „
    Jetzt kommt die Gesetzgebung und weist dem Scheidungsvater exakt und ausschließlich die Ernährerrolle zu. In einer Familie, der er nicht mehr angehört und hauptsächlich gnädigerweise jedes zweite Wochenende den Ausflugspapi machen darf. Ein absoluter Skandal.“ Das ist ein zentraler Punkt, und auch ein Beleg dafür, wie reaktionär die „moderne“ Famileinpolitk der „Einelternfamilien“ ist. Während im koservativen bürgerlichen Famienideal die Männer das Geld verdienen und die Frauen sich um die Kinder kümmern, wird dieses Muster in der „modernen“ Familienpolitik, die eine mütterliche „Alleinerziehung“ privilegiert, absurd überspitzt: Die Mutter, und niemand sonst, kümmert sich um die Kinder – um vom Vater bleibt gar nichts anderes übrig als die Pflicht, diese verkorkste Familien-Simulation zu finanzieren.

    Dass das kaum jemand als skandalös empfindet, liegt übrigens nach meiner Erfahrung daran, dass viele über sie Situation schlicht nicht informiert sind, aber eben auch kein großes Interesse daran haben. Es ist also eine Politik, die nur deshalb funktioniert, weil sie weitgehend an der Öffentlichkeit vorbei geführt wird. Ich wüsste z.B. gerne, warum die usrprünglichen Vorschlage Leutheuser-Scharrenberges, die von einem gemeinsamen Sorgerecht ausgingen, stillschweigend wieder einkassiert wurden – wer genau hier eigentlich blockiert hat. Ich kann es mir denken (eine absurde, aber lang bewährte De-Facto-Allianz konservativer Familienpolitiker in der Union mir rot-grünen Frauenpolitikerinnen), aber öffentlich wurde hier eben keine Debatte geführt.

  • Über die „sich verpissenden Väter“ wird doch tagtäglich geschrieben. Wieso verliert jemand seine Glaubwürdigkeit, wenn er über das sonst Verschwiegene schreibt, ohne die Aufmerksamkeit erst auf das zu lenken, was ohnehin jeder weiß.
    Wenn ich über die Machenschaften von Monsanto schreibe, lasse ich mich doch auch nicht erst mal ausführlich über die Gewalttäter in der Ökoszene aus.

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