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„Verhetzung, Lüge, Dreck“ – Wie die Böll-Stiftung Böll verwurstet

Bild zeigt eine Statue von Heinrich Böll.
geschrieben von: Lucas Schoppe

„Der Schriftsteller Eckhard Henscheid hat den bekannten Schulbuchautor Heinrich Böll in einer Rezension einmal als ’steindumm‘, ‚kenntnislos‘ und ‚talentfrei‘, kurz: als ‚Knallkopf‘ bezeichnet. Obwohl nicht wenige diese Einschätzung als zutreffend und in jeder Hinsicht überfällig empfanden, musste sich Henscheid auf Betreiben eines Böll-Sohns vor Gericht verantworten.“

Jan Fleischhauer ist als Spiegel-Kolumnist offenkundig auch 28 Jahre nach dessen Tod nicht sonderlich gut auf Böll zu sprechen (zum Urteil, auf das er sich bezieht, mehr hier). Ganz ähnlich wie Fleischhauer sieht Michael Klein Böll:

„Kennen Sie auch die Ansichten eines Clowns? Diesen unsäglichen Roman über einen suizidalen Clown, dessen trübe Stimmung dem regnerischen Wetter in nichts nachsteht? Überhaupt regnet es bei Böll immer, wenn die Helden seiner Romane gerade einmal Trübsal blasen. Öde Langeweile in fahle Bilder gegossen.“

Die gehässige Rede vom „Schulbuchautor“ trifft: Als Schriftsteller ist Böll, wenn nicht gerade eine seiner Kurzgeschichten (gern: „Wanderer, kommst du nach Spa…“ ) oder „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ in der Schule gelesen wird, weitgehend vergessen. Ein wenig ist er vielleicht noch als „Gewissen der Nation“ in Erinnerung, und über diesen Umweg wird er dann auch auf ganz unvermutete Weise wieder aktuell: Die Grünen haben Bölls Image als moralisch integrer, widerständiger Mahner genutzt und ihre millionenschwere parteinahe Stiftung nach ihm benannt.

Auf eine Schrift eben dieser Stiftung bezieht sich auch Klein in seinem Böll-Verriss. Wenn im Zusammenhang mit geschlechterpolitischen Debatten der Name „Böll“ verwendet wird, dann meist im Gespräch über eine als „Expertise“ bezeichnete Schrift der Heinrich-Böll-Stiftung, die bekanntlich den Einsatz für Männerrechte willkürlich mit den Massenmorden Anders Breiviks und mit rechtsradikaler Politik in Verbindung bringt  – oder über eine Schrift zur Verteidigung der Gender Studies, die seltsamerweise nicht etwa deren wissenschaftliche Grundlage erläutert, sondern die sich auf Kritik an ihren Gegnern beschränkt und deren Gegnerschaft ebenfalls in einen rechtsradikalen Zusammenhang stellt.

Da ich Böll schon sehr lange nicht mehr gelesen habe, da ich aber in meiner Jugendzeit ein viel positiveres Bild von den „Ansichten eines Clowns“ – als junger pubertierender Katholik war ich begeistert von der Geschichte einer tragischen Liebe, die an der hartherzigen Moralität der katholischen Kirche scheitert – und auch einiger seiner Essays hatte, habe ich mir einige von ihnen noch einmal angeschaut. Das Ergebnis kann der Böll-Stiftung nicht gefallen….

Warum Heinrich Böll heute Studienabbrecher wäre Dabei ist Böll als Gewährsmann für feminismuskritische Positionen tatsächlich nicht geeignet, auch wenn sich in seinen vielen Essays natürlich auch Zitate finden lassen, die aufrechten Feministen nicht gefallen können – etwa wenn er in seinem „Brief an einen jungen Katholiken“ betont, dass er Freier von Prostituierten nie habe verurteilen können, weil er die „Spaltung der Liebe in die sogenannte körperliche und die andere“ ohnehin nie recht nachvollziehen konnte (S. 97), oder wenn er sich in seinen Gedanken über das achte Gebot darüber mokiert, dass eine Frau „in gewissen Kreisen“ nicht mehr zugeben könne, dass sie gern kocht, ohne damit „eine ganze Kette von Schimpf und Vorurteilen in Bewegung“ zu setzen (S. 536), oder wenn er überhaupt ganz selbstverständlich von „Brüderlichkeit“ spricht, ohne die Schwesterlichkeit zu bedenken.
Eine Freundin erzählte mir einmal von einer ihrer Professorinnen, der heutigen Rektorin der Leipziger Universität, die sich prinzipiell und ohne Rücksicht auf die Qualität des Textes geweigert habe, studentische Arbeiten anzunehmen, die nicht in „geschlechtergerechter Sprache“ verfasst seien – Böll hätte unter diesen Bedingungen nicht einmal einen Proseminarsschein bekommen (auch wenn zu seinen Gunsten, wenn auch widerwillig, eingeräumt werden könnte, dass zu seinen Lebzeiten der Sinn der geschlechtergerechten Sprache noch nicht allen so deutlich war wie heute).
Trotzdem kam mir Bölls Vorstellung von Frauen – auf die Spitze getrieben in seinem letzten Roman „Frauen vor Flußlandschaft“, in dem lauter edle Politikergattinnen anmutig und tragisch unter der Korruptheit des politischen Systems in Deutschland leiden – immer ausgesprochen katholisch vor: Frauen haben bei ihm keine Positionen in den Hierarchien, keine Macht, aber dafür sind sie auch besonders unverdorben und rein. Warum aber die Böll-Stiftung sich gleichwohl nicht auf ihn berufen kann, ohne sich lächerlich zu machen, wird an seinen Essays deutlich, die er in den Siebziger Jahren zum Terror der RAF und den Reaktionen darauf geschrieben hat.
Denkmäler für Terroristen Bölls Essay „Soviel Liebe auf einmal“ erschien 1972 im Spiegel 1972 unter dem Titel „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit“, der unzutreffend eine persönliche Nähe zwischen Böll und Ulrike Meinhof suggerierte (S. 844). Doch auch ohne diese Verzerrung hätte sich Böll mit diesem Text Ärger eingehandelt. Nach Kaufhausbrandstiftungen im Jahr 1968, der Verhaftung Andreas Baaders, seiner Befreiung im Jahr 1970, an der die damals als konkret-Kolumnistin berühmte Ulrike Meinhof wesentlich beteiligt war, nach Banküberfällen und mehreren Toten war die öffentliche Stimmung gegen die „Baader-Meinhof-Bande“ enorm aufgeheizt, und besonders die Bild-Zeitung legte beständig nach.
Böll keilt in seinem Essay gegen eben diese Springer-Zeitung mächtig aus, wirft den Bild-Journalisten vor, Hetze zu betreiben, Anschuldigungen als Tatsachen zu verkaufen und Sachverhalte demagogisch zu verzerren.
„Ich kann nicht begreifen. daß irgendein Politiker einem solchen Blatt noch ein Interview gibt. Das ist nicht mehr kryptofaschistisch, nicht mehr faschistoid, das ist nackter Faschismus. Verhetzung, Lüge, Dreck.“
Dabei schlägt er sich nicht auf die Seite der Terroristen, fordert aber einen fairen Prozess gegen sie:
„Ulrike Meinhof will möglicherweise keine Gnade, wahrscheinlich erwartet sie von dieser Gesellschaft kein Recht. Trotzdem sollte man ihr freies Geleit bieten, einen öffentlichen Prozeß, und man sollte auch Herrn Springer öffentlich den Prozeß machen, wegen Volksverhetzung.“
Die Reaktion auf Böll ist hart. Böll wird nicht nur von der Springer-Presse als „Sympathisant“ des Terrors diffamiert, sein Haus wird durchsucht, ebenso das seines Sohnes. Der CDU-Fraktionsvorsitzende Karl Carstens redet sich noch 1974 so in Rage, dass ihm gleich mehrere Details durcheinandergeraten :
„Ich fordere die ganze Bevölkerung auf, sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere den Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blüm ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt.“
Auf die Forderung der Distanzierung war Böll schon zwei Jahre zuvor in seinem Text „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ eingegangen.
„Seit wann muß man sich lautstark von etwas distanzieren, mit dem man sich nie identifiziert hat? Muß von nun ab jeder publizierende Bundesbürger jeden Morgen hübsch brav seine Distanzierungslitanei aufsagen?“ (S. 472)
Seine Erfahrungen spiegelt er in seiner 1974 erschienenen Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ – die Geschichte einer Frau, die sich in einen fälschlich als Bankräuber und Mörder verfolgten Deserteur verliebt und die darüber in dem Boulevardblatt „ZEITUNG“ als „Terroristenbraut“ diffamiert wird. In der Perspektive des Hetzblatts ist sie schuldig nicht durch das, was sie denkt oder tut, sondern allein dadurch, dass sie mit einem polizeilich Gesuchten assoziiert werden kann.

Was bei diesem kleinen Rückblick ins Auge sticht: Heute ist es ausgerechnet die Heinrich-Böll-Stiftung, die ebenso vorgeht wie die ZEITUNG in Bölls Erzählung oder die Springer-Presse der Siebziger Jahre. Sie instrumentalisiert realen Terror, um politisch Andersdenkende zu diffamieren, sie baut dabei auf bloß assoziativ hergestellte Verbindungen, ohne ihre Vorwürfe inhaltlich begründen zu können oder dies auch nur zu wollen, sie setzt auf Stimmungsmache und politische Verleumdung anstatt auf eine offene Debatte, sie fordert willkürlich Distanzierungen ein, wo sich niemand identifiziert hatte, und sie etabliert simple Gut-Böse-Schemata.

Böll selbst hat, damals noch mit Bezug auf den Ost-West-Konflikt, eine solchermaßen dualisierte Welt als „dumm“ bezeichnet und ihren „Austausch von Unmenschlichkeitskonten“ kritisiert (Schwierigkeiten mit der Brüderlichkeit, S. 447), und er hat mit Bezug auf den haitianischen Terrorherrscher François Duvalier formuliert:

„Bin ich nun ein Kommunist, wenn ich den Antikommunismus Duvaliers für eine ziemliche Zumutung für die Menschheit halte? Dieser törichte Dualismus führt uns nicht weiter und hilft uns nicht zum Frieden.“ (Feindbild und Frieden, S. 576)

Ganz anders natürlich der Dualismus von Feminismus und Antifeminismus, wie ihn Hinrich Rosenbrock für die Böll-Stiftung entwirft, der ist gewiss und selbstredend Garant für eine friedlichere und gerechtere Welt.

Die Hetze der Springer-Presse drückte dabei in Bölls Augen keineswegs Abscheu gegen den Terror aus:

„Die gesamte Halali-Gruppe, zu der keineswegs nur der Springer-Konzern gehört, müßte doch eigentlich der Baader-Meinhof-Gruppe Denkmäler bauen, da sie, ausgerechnet sie, einen Einschüchterungsvorwand geschaffen hat, wie man ihn besser nicht hätte finden können.“ (Die Würde des Menschen ist unantastbar, S. 474)
Ähnlichkeiten mit Rosenbrock oder Ralf Homann, die erregt auf die Massenmorde Anders Breiviks anspringen und sie regelrecht begeistert mit Kritik an feministischen Positionen in Verbindung bringen, sind an dieser Stelle weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.
Vom Gewissen der Nation zum Schutzheiligen der politischen Denunziation Von der grünen Stiftung wird Böll gleichwohl als Schutzheiliger der politischen Denunziation benutzt und als Gewährsmann für die seltsame Vorstellung, dass die Diffamierung Andersdenkender der freien Gesellschaft dienlich sei. Am Beispiel dieser absurden Verwurstung Bölls durch die Böll-Stiftung zeigt sich auch eine Änderung in den Selbstverständlichkeiten linker Politik – oder einer Politik, die sich als links versteht.

Wenn Böll in „Soviel Liebe auf einmal“ vorrechnet, dass die Bundesrepublik 60.000.000 Einwohner, die Baader-Meinhof-Gruppe aber nur etwa sechs Mitglieder habe (S. 469f.), dann begründet er seine Forderung nach einem fairen Prozess eben durch eine Position der Stärke. Eine offene, freiheitliche Gesellschaft kann und muss nach dieser Vorstellung eben stark genug sein, selbst mit ihren Todfeinden souverän und human umzugehen – ganz zu schweigen natürlich von Menschen, die diese Gesellschaft unterstützen und lediglich Positionen einnehmen, die von bereits etablierten Positionen abweichen.

Eine vorgeblich progressive Politik hingegen, wie sie von der Böll-Stiftung in den zitierten Schriften vertreten wird, hat einen ganz anderen und in entscheidenden Aspekten auch entgegengesetzten Ausgangspunkt. Hier steht nicht die Gemeinsamkeit einer offenen Gesellschaft, die ganz unterschiedliche Meinungen benötigt und vertragen kann, sondern die Vorstellung eines erbitterten Konflikts unterschiedlicher Gruppen im Mittelpunkt. Wichtig ist hier nicht der Schutz eines gemeinsamen Forums für die öffentliche Debatte, sondern hier geht es darum, festzulegen, welche Gruppen der Gesellschaft am meisten unter der Gewalt und den Herrschaftsansprüchen anderer Gruppen zu leiden hätten und daher vor allen anderen schutzbedürftig seien.

Hier verschwindet also sowohl die Perspektive einer umfassenden Gemeinschaft als auch die des Individuums, das unabhängig von seiner spezifischen Gruppenzugehörigkeit einen Anspruch auf den Schutz seiner Rechte hat.
Entsprechend mündet die gezielt diffamierende Radiosendung „Maskuline Muskelspiele“, die wesentlich auf der Böll-Schrift Rosenbrocks fußt, tatsächlich in der kaum verblümten Forderung, Kritik an feministischen Positionen staatlich zu verfolgen.

In diesem Geiste müsste dann eigentlich auch die Heinrich-Böll-Stiftung feststellen, dass sie sich nach einer ausgesprochen zwielichtigen Person benannt hat. Da der millionenschweren Stiftung aber natürlich eine Namensänderung nicht zuzumuten ist, sollte sie vielleicht den Erben Bölls und dessen Verlagen verbieten, den Namen „Heinrich Böll“ weiter zu verwenden – denn immerhin ist diese Namensverwendung gewiss geeignet, den makellosen Ruf der Stiftung ernsthaft zu beschädigen.

Alle nicht verlinkten Zitate stammen aus:

Heinrich Böll: Widerstand ist ein Freiheitsrecht… Schriften und Reden zu Literatur, Politik und Zeitgeschichte, hrsg. Von René Böll, Köln 2011

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13 Comments

  • Das ist interessant. Offenbar unabhängig von mir bist du zu dem selben Schluss gekommen wie ich, was die Heinrich-Böll-Stiftung angeht:

    http://www.cuncti.net/haltbar/94-tina-groll-a-co-welche-journalisten-auf-die-qrosenbrock-expertiseq-hereingefallen-sind-und-wie-rechtsextreme-davon-profitieren

    Und ja, auch Ralf Homann kommt meinem Eindruck nach dem „Toetgen“ in der „Katharina Blum“ sehr nahe.

    Was ich aber viel faszinierender finde: Du hast es tatsächlich geschafft, „Frauen vor Flusslandschaft“ durchzulesen? Böll war mein Prüfungsthema im Germanistik-Examen, aber bei diesem Quatsch war echt Schluss. Da verfügt ja ein Telefonbuch über eine spannendere, eingängiger erzählte Handlung.

  • @ Arne Ich hab es sogar geschafft, Grass' „Rättin“ durchzulesen, dagegen ist „Frauen vor Flußlandschaft“ ein Klacks.;-) Ich war allerdings gezwungen worden (ich musste mal eine Arbeit über „Die Rättin“ korrigieren und hatte zu diesem Zweck das Buch gelesen, stellte dann aber fest, dass die Verfasserinnen selbst das Buch nicht gelesen hatten; was ich ihnen dann aufgrund meiner eigenen Schmerzen sehr übel nahm, aber verstehen konnte).

    Und danke für den Link! Es ist eine Weile her, dass ich den Text gelesen hatte, und vielleicht hatte sich die Passage über Böll bei mir unbemerkt festgesetzt: „Die Heinrich-Böll-Stiftung allerdings begeht, wenn sie genau jene Mechanismen zum Einsatz bringt, gegen die Heinrich Böll selbst immer angeschrieben hat, einen Akt von Leichenschändung, der beispiellos ist.“

    Das sehe ich auch so. Ich kenn Böll eigentlich von Kindheit an, weil meine Eltern beide von ihm begeistert waren – und irgendwie hatte ich damals ein anderes Bild von ihm als das, was Rosenbrock und co. vermitteln…

  • Zu Böll mag ich nichts sagen, ich las ihn zuletzt vor knapp 50 Jahren. Es blieb wenig in Erinnerung. Doch zu Breivik dachte ich, angeregt durch Ihre Gedanken, an die Feststellung, dass er als Junge von seiner Mutter sexuell und gewalttätig geschändet wurde. Hier ein Link:
    http://kriegsursachen.blogspot.de/2012/11/breivik-als-kleinkind-von-der-mutter.html
    Wenn wir die Klipp-klapp-Psychologie: Täter waren einst selbst Opfer, für diesen Fall anwenden, so hat die Mutter ihn durch ihren Missbrauch zum Täter geformt. Dann aber ist der Vorwurf, Männerrechtler seien Breiviks im Westentaschenformat, zu kurz gegriffen, denn dann müsste auch die Mutterrolle mit einbezogen werden und man behaupten, dass Männerrechtler Opfer ihrer Mütter sind, ergo Mütter die wahren misogynen Antifeministen seien.
    Servus M. M.

  • Ich will nur darauf hinweisen, dass die Böll-Stiftung keine Stiftung ist, sondern ein e.V.. Die Stiftung ist nicht millionenschwer, denn sie hat keinerlei Eigenmittel. Die HB-Stiftung ist zu 99% aus Steuermitteln finanziert vertreibt ihre Ideologie auf unser aller Kosten.

  • „Billard um halb Zehn“ ist meines Erachtens eines der grossen Werke der deutschen Literatur, das auch einen grossen Film hervorgebracht hat, „Nicht versöhnt oder Es hilft nur Gewalt wo Gewalt herrscht“. Vielleicht ist es in der Tat erst dieser Film, der die eigentliche Groesse des Werkes hervorholt (naemlich es „hart“ macht, waehrend Boell eine Tendenz zur Sentimentalitaet hat).

    Zu dem Henscheid fallen mir nur ein paar Anmerkungen ein; einige wenige gute Zeichnungen, und der Rest Ironie-Mechanik, gute Ueberlegenheitsgefuehle garantiert. Die Titanic gehoert ja auch zum Feminismus-Block, einzig zu den „Sprachverirrungen“ melden sie sich, das geht dann ja doch etwas zu weit, sonst ist das aber ein Tabu.

    Zur Heinrich-Boell-Stiftung kann ich nicht viel sagen, aber habe eben mal auf http://www.boell.de/ reingeschaut. Die aussenpolitischen Komponenten machen einen ziemlich gewoehnlichen Eindruck auf mich.

    Wer mehr damit zu tun hat, sollte evtl. mal schauen, ob es nicht eine Spaltung in dieser Organisation gibt. Vielleicht ist es nicht angemessen, gleich die ganze Institution zu verurteilen (vielleicht schon, vielleicht aber auch nicht). Manchmal hat man den Eindruck, dass es ausserhalb der „Maennerthemen“ (die ja lustigerweise gar keine Maennerthemen sind, sondern eigentlich Frauenthemen) gar nichts gaebe fuer manchen Maennerrechtler, und das erzeugt eine geistige Enge. Und gaukelt eine feindliche Einheitsfront vor, erzeugt sie vielleicht geradezu.

    Dies war allgemein gesagt. Laut http://www.boell.de/stiftung/struktur/struktur-geschlechterdemokratie-leitbild-18129.html gibt es ein „geschlechterdemokratische(s) Leitbild der Heinrich-Böll-Stiftung“, und von daher waere die Feminismuskomponente zentral. Auf der Hauptseite kommt's nicht so stark raus. Wie kommen die eigentlich dazu, sich auf Heinrich Boell zu berufen? Auf http://www.boell.de/stiftung/struktur/struktur-16450.html finden wir ein Foto vom „Namensgeber“, das war's. Gegruendet 1997, aha, auf http://www.boell.de/stiftung/geschichte/geschichte.html finden wir „im Einverständnis mit der Familie Böll und der Bundesversammlung von Bündnis 90/Die Grünen trägt die Stiftung den Namen Heinrich-Böll-Stiftung“. Tja, ist wohl so, dass die Familie im allgemeinen die Namensrechte besitzt. Muss man vielleicht in sein Testament hineinschreiben: „nach mir darf keine Stiftung benannt werden“.

    Lustig auf http://www.boell.de/stiftung/ehrungen/ehrungen-Nominierungskriterien-Anne-Klein-13610.html die Rede von

    „Frauen-, Menschen- und Freiheitsrechten“.

    Noch lustiger wohl die Forderung nach „Verwirklichung der Geschlechterdemokratie“ : wie man Parteiendemokratie hat, so besagt Geschlecherdemokratier wohl, dass wir ueberall einen Geschlechterproporz brauchen. Dies ist eines der wichtigsten Schlachtschiffe des Spaetkapitalismus: totale Installierung des Proporzgedankens, was jede politische Aktivitaet im Keim ersticken wird (und schon tut — siehe z.B. Piraten).

  • Es ist jedenfalls nicht besonders wissenschaftlich, irgendwelche Parallelen zwischen Bölls Werk und den Aktivitäten der Böll-Stiftung zu ziehen. Böll ist sicher einer der wichtigsten Autoren der jungen Bundesrepublik (neben z.B. Koeppen, dessen „Treibhaus“ die Probleme der Parteiendemokratie ziemlich hellsichtig vorhersieht). Daß er in seinen Romanen auf innere Stimmungen, Atmosphäre und Subtexte setzt, führt natürlich dazu, daß ein Leser, der mehr (oder nur) mit plotgetriebener Literatur a la Grisham etwas anfangen kann, Böll langweilig findet.
    Bedauerlich ist jedenfalls, daß aus der üblichen neoliberalen Ecke der Männerbewegung eine reflexhafte Ablehnung des Linken Böll kommt. Böll ist anerkannt, und in seinen Werken finden sich mehrere Ansätze für Männerpolititk. „Haus ohne Hüter“ thematisiert die vaterlose Familie, „Und sagte kein einziges Wort“ die spezifisch männlichen Probleme, die die Arbeitslosigkeit mit sich bringt. Das „Ende einer Dienstfahrt“ kann man als Aufhänger für die Sachzwänge, denen Männer in unserer Gesellschaft unterliegen, nehmen.
    Nebenbei: „Frauen vor Flußlandschaft“ habe ich nicht gelesen, und die „Ansichten eines Clowns“ haben mir gefallen, gerade weil sie depressiv-melancholisch sind. Daß Böll nicht mehr so präsent ist, liegt auch daran, daß seine Romane sehr zeitbezogen waren. Aber einiges (s.o.) bleibt immer aktuell oder wird immer aktueller.

  • Die Ablehnung von Böll aus der neoliberalen Ecke hat nichts damit zu tun, dass Böll links ist. Im Gegensatz zur linken Ecke von was auch immer ist die neoliberale Ecke von was auch immer nicht dazu bereit, ad hominem Fehlschlüsse vorzunehmen. Die neoliberale Ecke ist vielmehr geprägt von angelsächsichen Novellen, wie sie z.B. Charles Dickens, Jane Austen, Charlotte Bronte oder Dylan Thomas (in poems) oder auch Wilkie Collins oder Algernon Blackwood verkörpern. Angesichts der sprachlichen Vielfalt, der witzigen Einfälle und der unglaublichen Menge stilistischer Mittel, die sich in den Werken der Autoren finden, kann man die stilistische Öde und die Langeweile der immer selben sprachlichen Mittel, die einem Böll zumutet nur als müden Abklatsch von Literatur bezeichnen. Aber es ist eben alles eine Frage des Geschmacks und der Geschmack schlichterer Gemüter mag ja mit Langeweile befriedigt sein.

  • Wir sollten aufpassen, hier nicht zwei Themen zu vermischen.
    Nummer eins ist Ihr Anspruch auf Wissenschaftlichkeit Ihrer Blogeinträge. Die spreche ich Ihnen ab – Ihr Blog besteht im Wesentlichen aus vorgefertigten Meinungen und darauf aufbauender Polemik und hat nicht viel mehr wissenschaftlichen Gehalt als die Genderideologie. Das ist schade, denn sachliche Kritik an Gender Mainstreaming wäre wichtig und notwendig. Es fällt außerdem auf, daß Sie auf Kritik oder abweichende Meinungen meist sofort mit persönlichen Beleidigungen antworten, sowohl in Ihrer eigenen Kommentarspalte als auch anderswo, z.b. hier („der Geschmack schlichterer Gemüter mag ja mit Langeweile befriedigt sein“). Davon sollte man Abstand nehmen, wenn man Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erhebt. Wissenschaft und die Bewertung/Überprüfung von Thesen beginnt übrigens immer mit der Beobachtung der Realität, das gilt sowohl für die Theorien der Neoliberalen als auch die der Linken. Und da ist halt festzustellen, daß weder der Glaube, daß ein Markt, der so frei wie möglich ist, alles optimal regeln kann, noch der Glaube daran, daß alles sozialistisch zu lösen ist, dieser Beobachtung standhalten kann. Derartig differenzierte Betrachtungsweisen vermisse ich in der „neoliberalen Ecke“.
    Das zweite Thema ist die Literatur, deren Qualität sich wesentlich schwerer objektivieren läßt als die von naturwissenschaftlichen oder marktwirtschaftlichen Theorien. Mir ist bspw. nicht ganz klar, wie Charlotte Bronte in diese Auswahl kommt – „Jane Eyre“ ist ein besserer Arztroman, quasi ein frühes „Twilight“, eine Alles-wird-gut-Schnulze par excellence. Wenn Sie dagegen Emily Bronte genannt hätten… (die „Sturmhöhe“ ist ein rauhes, unversöhnliches zeitloses Meisterwerk). Daß Dickens und Austen gute, interessante und (im Falle Dickens) auch sozialkritische Bücher geschrieben haben, steht außer Frage, warum das allerdings andere Literatur, die nicht in dieses Raster paßt, abwertet, ist mir nicht ganz klar. Es gibt halt nicht nur angelsächsische erzählende Prosa, oder sind Joyce und Bernhard dann auch nichts mehr wert? Wobei ich Austen die stilistische Vielfalt absprechen würde, die schreibt klassisch-lineare Erzählungen. Echte stilistische Vielfalt ist bei einzelnen Autoren eigentlich gar nicht so häufig. Böll hat da allerdings einiges zu bieten, wenn man bspw. die „Ansichten eines Clowns“ mit „Ende einer Dienstfahrt“ vergleicht. Aber, wie schon gesagt, künstlerischen Geschmack zu objektivieren, ist viel schwieriger als die Evaluierung von wissenschftlichen Thesen.
    Ansonsten noch mal ein Lob für den Hausherrn, für die nüchterne Aufarbeitung von emotional aufgeladenen Themen.

  • Danke für diesen wirklich heiteren Beitrag. Wenn Sie uns die Wissenschaftlichkeit absprechen, dann muss es wohl so sein, dass wir nicht wissenschaftlich sind, denn natürlich kann ein anonymer Kommentator, der zwar keinerlei Belege für seine Fähigkeiten und Kompetenzen vorzuweisen hat, einschätzen, was wissenschaftlich ist und was nicht, aber das tut der Gewichtigkeit seines Auftritts offenbar keinen Abbruch.

    Übrigens hat Sie allein das Geschwätz von neoliberal in meinen Augen diskreditiert. Aber was solls, es ist eben alles eine Stilfrage und mein Stil ist ein direkter. Ich kann diese hintenrum Sticheleien, wie Sie sie praktizieren, wenn Sie nicht einmal Ross und Reiter nennen können, einfach nicht leiden und aus dem gleichen Grund sage ich Feigling zu denen, die ich für einen Feigling halte.

    Ansonsten werde ich mich kurzfassen und einfach nur feststellen, wenn alles eine schwer objektivierbare Sache ist, warum Sie dann so akribisch dabei sind, die so schwer objektivierbare Sache zu objektivieren. Wie inhaltsleer dieses Gefasel ist, wird Ihnen vielleicht deutlich, wenn ich sage, dass ich Austen nicht die stilistische Vielfalt abspreche und nicht der Ansicht bin, sie schreibe lineare Erzählungen… Sie hat einiges zu bieten, wenn man z.B. Northanger Abbey, eine klassische Satire mit Emma vergleicht… Ja, ich weiß, dass Joyce in der Mittelschicht beliebt ist, deshalb habe ich ihn nicht genannt. Übrigens halte ich Ulysses für einen monumentalen Langweiler, der einem fast zum Warten auf Godot verleitet. Und wieso sie sich über die kleine Spitze des schlichten Gemüts aufregen, weiß ich nicht, ist nicht der Hauptdarsteller in Ansichten eines Clowns nach Ansicht seines Autors so monogam wie ein Esel? An Schlichtheit mangelt es offensichtlich ebensowenig wie an Langeweile.

    Ich hoffe, ich desillusioniere Sie nicht, wenn ich feststelle, Dickens ist alles andere als ein Sozialkritiker. Lesen Sie die Pickwick Papers, ich wette, Sie erkennen sich in der ein oder anderen Gestalt wieder.

  • Ich will auch nur darauf hinweisen, dass alle politischen Stiftungen (die der FDP nahen ebenfalls) zu 98-99 Prozent von öffentlichen Geldern leben.

    Es ist ebenfalls bezeichnend, dass die Gelder für die politischen Stiftung permanent erhöht werden und zwar in annähernd gleichem Umfang, wie den politischen Parteien die Mitglieder weglaufen.
    Aktuell beläuft sich die Subventionierung dieser „think tanks“ der Parteien auf eine halbe Milliarde Euro pro Jahr.

    Die Heinrich-Böll-Stiftung ist insofern eine Ausnahme, da satzungsgemäß unter „Geschlechterdemokratie“ ein Zustand verstanden wird, indem Frauen prinzipiell einen Anteil von *mindestens* 50 % an allen haben müssen.
    50 plus x also.

    Dieses „mindestens“ bedeutet im konkreten Fall, dass 75% aller Beschäftigten der Heinrich-Böll-Stiftung Frauen sind.
    66% der Leitung bestehen aus Frauen, die Geschäftsführerin ist eine Frau, ein sich offen nennender „Frauenrat“, bestehend aus zehn Frauen (vorbildliche Quotierung) sorgt sich um die Umsetzung der “Geschlechterdemokratie“.
    Kleinigkeit am Rande: das Aufsichtsgremium besteht nur aus neun Personen, in diesem Gremium haben wiederum zwei Beschäftigte Sitz und Stimme.
    So macht Demokratie Spaß.

    Natürlich benötigt eine solche Organisation noch weitere „gender focal points“ und wir können gemeinsam raten, welches gender diese Frauen haben.
    Damit nicht genug gibt es regelmäßig Seminare für die Beschäftigten, die „Genderkompetenz“ vermitteln. Und zwar in gestaffelten Modulen.
    In irgendeiner Form muss die ideologische Rechtfertigung dieses Klientelismus ja erfolgen.

    Was haben wir eigentlich anderes erwartet?
    In diesem Klima wachsen sie auf, die Gesterkamps und Rosenproxies.
    Erst kommt das fressen und dann kommt die Moral.

    Schönen Gruß, crumar

  • Ja, es ist ein sehr wichtiger Punkt, dass diese „Stiftung“ fast vollständig von öffentlichen Geldern lebt, und auch, dass ihre interne Struktur nicht gerade transparent ist und nach Vorteilsnahme riecht. Das ist übrigens auch ein wichtiger Unterschied zwischen Böll-Stiftung (oder gern auch: Böll-Verein) und Bild-Zeitung, den ich in meinem Text unterschlagen habe: Die Bild-Zeitung hat ihre Hetze über Verkäufe selbst finanziert, die Stiftung finanziert sie aus Steuermitteln. Was allerdings die Bild-Zeitung auch nicht sympathisch macht.
    Schöne Grüße auch von mir!

  • „Manchmal hat man den Eindruck, dass es ausserhalb der „Maennerthemen“ (die ja lustigerweise gar keine Maennerthemen sind, sondern eigentlich Frauenthemen) gar nichts gaebe fuer manchen Maennerrechtler, und das erzeugt eine geistige Enge.“ Ja, das stimmt. Aber fokussiert zu sein, anderes auszublenden und auch ein wenig das Gefühl für Relationen zu verlieren – das lässt sich vielleicht gar nicht vermeiden, wenn man sich mit einem bestimmten Thema intensiv auseinandersetzt. Zumal es ja hier ein Thema ist, bei dem es ohnehin schwierig ist, innere Distanz zu halten. Ich hab aber auch oft das Gefühl, ich müsste mich auch mal mehr um anderes kümmern….

    Zu Böll: Ich hatte Böll tatsächlich auch lange als Langweiler gespeichert. Seltsamerweise waren es insbesondere die Namen seiner Figuren, die mir als besonders albern und bieder in Erinnerung geblieben waren.

    Ich hab mich dann wieder über die Essays angenähert. Die sind wesentlich weniger verschwurbelt als z.B. Essays von Grass, und einige – besonders eben die zum Terrorismus in den Siebziger Jahren und zu den Reaktionen darauf – sind wirklich mutig und kommen nicht nur in gratismutigem Gestus daher. Danke für die Empfehlungen literarischer Böll-Texte – offenbar sind es ja vor allem Empfehlungen für frühere Bücher (Frauen vor Flußlandschaft ist z.B. wirklich nicht sonderlich erträglich).

    Bei der Debatte um englische Literatur fehlt mir eh die Distanz. Ich bin von Jane Austen-Texten begeistert gewesen, weil ich die durchgängige Ironie grandios fand, Ulysses hab ich nur kapitelweise lesen können, fand die aber zum Teil fantastisch. Dickens war natürlich AUCH Sozialkritiker (Hard Times), ich würd noch George Eliots Middlemarch mit in die Debatte werfen, eher als Sozialanalytikerin denn als -Kritikerin, oder Mary Shelleys Frankenstein als einen philosophischen Roman. Aber wie gesagt: Bei dem Thema packt mich ein wenig die Begeisterung, da bin ich keine große Hilfe.

    Ein schönes Wochenende!

    @ Oliver K. was ist eigentlich aus dem Brief an die SPD geworden, hast Du eine Antwort bekommen?

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