Sexuelle Gewalt durch die Mutter – Manfred Bielers "Still wie die Nacht"

Manfred Bielers Roman „Der Mädchenkrieg“, die Geschichte einer deutschen Familie in Prag, war 1976 mehrfach preisgekrönt verfilmt worden, die Verfilmung „Das Kaninchen bin ich“ des gleichnamigen, in der DDR verbotenen Bieler-Romans aus dem Jahr 1965 durfte erst 1989 vorgeführt werden. Das umreißt auch schon wesentliche Lebensstationen des Autors: Manfred Bieler wurde 1934 in Zerbst geboren, war bis zu seinem Ausschluss Mitglied des Schriftstellerverbands der DDR, siedelte 1965 nach Prag über und ließ sich schließlich nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei in München nieder. 
Sein letzter großer literarischer Text erschien 1989, dreizehn Jahre vor seinem Tod, und ist auch heute noch tief irritierend: Still wie die Nacht. Memoiren eines Kindes. In diesem offenkundig autobiografischen Text erzählt Bieler aus den ersten sieben Jahren seines Lebens: vom Aufwachsen in einem Kleinbürgerhaushalt zwischen dem Vater, einem alkoholkranken Bauingenieur, der Mutter, in deren sexuelle Beziehungen mit vielen wechselnden Männern der Junge schon sehr früh hineingezogen wird, der Großmutter, die dem Jungen manchmal letzter Zufluchtsort ist und die ihn manchmal mit massiver Gewalt bedroht – und er erzählt auch vom sexuellen Missbrauch des Jungen durch die Mutter.



Kindheit als Höllenfahrt

 „Diese Höllenfahrt in die Abgründe der eigenen Kindheit kann niemanden, der das Kind in sich noch nicht ganz abgetötet hat, unberührt lassen. Wer sich auf dieses Buch einläßt, begibt sich in Gefahr, in einem Strudel aus Scham und Entsetzen zu ertrinken“,
schrieb nach dem Erscheinen des Textes Paul Kersten in seiner Rezension für den Spiegel.  Ganz ähnlich der Psychoanalytiker Tilmann Moser in seiner Rezension für Die Zeit:
„Es tut nicht gut, diesen schier endlosen Blick in den Abgrund einer Kindheit an einem Stück auszuhalten. Dies ist ein ernstgemeinter Rat. Denn der Schwindel erfaßt auch den geübten Leser. Die Atmosphäre steckt an wie eine unterirdisch eindringende Krankheit. Nach ein paar Stunden, wenn man sich wirklich einläßt, hat sich der eigene Blick auf die Welt verändert. Das eigene Unbewußte scheint vergiftet.“ 
„Schwindel“, „Strudel“, „Abgründe“, „Entsetzen“, „Krankheit“, „Ertrinken“, „Vergiftung“ – was von den Rezensenten in nur wenigen Zeilen so beschrieben wird, als ob es hier um einen Abstieg in die Hölle ginge, ist tatsächlich die Erinnerung an eine Kindheit, die zumindest nach außen hin weitgehend normal war. Auffällig ist allerdings, wie gegenwärtig diese Kindheit im Text ist: Bieler erzählt durchgehend im Präsens, als ob alles, wovon er berichtet, gerade erst geschähe. Selbst dann, wenn er über die Gefühle des ganz jungen Kindes schreibt, wirkt der Text einleuchtend, stimmig, allerdings auch bitter.
„Ich fühle die Gleichgültigkeit der Mutter, den Widerwillen, ihren wachsenden Haß, der mich mit Schüttelfrost überzieht. Eines Abends schiebt sie meinen Stubenwagen in die Wäschekammer und verbietet der Großmutter, bei mir zu bleiben. Zum erstenmal bin ich allein in der Dunkelheit. Ich zittere vor Angst und weine, aber die Mutter verläßt mich und kommt nicht zurück.“ (S. 9f.)
Die Mutter hatte sich ein Mädchen gewünscht, lehnt den Jungen ab, wendet sich ihm dann aber immer wieder unvermutet und werbend zu. Moser fasst eine wichtige Szene so zusammen:
„Als der Junge an seinem dritten Geburtstag über den schlechtsitzenden neuen Anzug quengelt, schlägt ihn die Mutter, reißt ihm die Sachen herunter und stürzt aus dem Haus. ‚Laß mich nicht allein‘, schreit er verzweifelt hinter ihr her. Erst spät am Abend kommt sie zurück, küßt ihn und fragt halb zärtlich und halb drohend: ‚Hast du mich noch lieb?‘ Da muß er lügen und ‚Ja‘ sagen, während die Tränen fließen.“
Ähnlich widersprüchlich sind alle Erwachsenen der Familie. Beim Vater ist der Junge zeitweilig glücklich, etwa wenn er in auf seinen Schultern trägt:
„Ich spüre seine Bartstoppeln an meinen Schenkeln. Ich bin so glücklich wie nie zuvor. Ich umarme seinen Kopf und lege mein Gesicht auf sein schwarzes Haar.“ (69)
Meist aber ist der Vater an seinem Sohn desinteressiert und abwesend in mehrfacher Hinsicht: fixiert auf seinen „Frühschoppen“, in wortloser Unterordnung unter Edith, seine Frau, und die Großmutter Louise, die bei der Familie lebt. Dass Edith in mit Arbeitskollegen und mit einem Freund betrügt, registriert er, ohne es offen anzusprechen.

Louise wiederum steht auf der Seite des Jungen, wenn sich ihre Tochter über ihn echauffiert und ihn für Kleinigkeiten maßlos bestraft, ist aber zu anderen Gelegenheiten auch unbegreiflich kühl und ablehnend. Die Widersprüchlichkeit der Erwachsenen spiegelt sich schon früh im Verhalten des Jungen. Auf ein Mädchen, das ihn freundlich und interessiert anspricht, reagiert er etwa unvermutet aggressiv:

„Ich liebe sie, ich hasse sie und spucke ihr ins Gesicht.“ (43)
Auffällig ist insbesondere, dass die Erwachsenen immer wieder selbst infantil agieren, seine Zuneigung suchen, aber sogleich auf ihrer erwachsenen Machtposition bestehen, wenn er nicht wie gewünscht darauf antwortet. Als etwa die Mutter den Kleinen küssen will, er sich aber angesichts ihres Mundgeruchs durch zwei faulige Zähne („Nur ihr zuliebe hab ich immer so getan, als würd es mich nicht stören.“, 110) von ihr abwendet, wird sie plötzlich grausam.
„Edith zerrt mich aus dem Bett und gibt mir einen Stoß. Ich taumele vor den Spiegel. Findest du etwa, daß du hübscher bist als ich? jault die Mutter. Sieh dich doch an, du Hampelmann! ruft sie mit einem gräßlichen Lachen, das ihren Mund zerreißt. Ich blick in den Spiegel und erkenne mich nicht.“ (111)
Nur selten unterbricht der erwachsene Erzähler das erzählende Kind, und auch dann ordnen seine Kommentare das Geschehen nicht, sondern formulieren Fragen.
„Wohin gehen wir, du und ich? Was wurde uns gestohlen, dir und mir? Wer nahm die Liebe aus deinem und meinem Herzen? Wer raubte dir und mir das Glück der kleinen Freuden, die Wohltat der unbefleckten Zärtlichkeit, das Geheimnis der Tränen, die Unschuld der Spiele, die Lust am Leben?“ (145)
„Gegen Ende kommt es zu sexuellem Mißbrauch“ Der schwerkranke Vater geht auf Jahre in ein Sanatorium, und als die Familie ihn dort besucht und in der Pension eines nahegelegenen Ortes wohnt, wird der Aufenthalt für den nun Sechsjährigen zu einer Tortur. Irritierend sind zunächst kleinere Grenzüberschreitungen der Mutter:
„Ich stehe auf und blicke dem Vater hinterher. Als er sich umdreht, winke ich ihm zu und fühle, wie Edith meine Knie zwischen ihre Schenkel nimmt.“ (291)
Als seine Mutter dann in der Pension, der „Freudenschloßbaude“, eine Affäre mit einem jungen Mann namens Toni beginnt, flößt sie ihrem Sohn Eierlikör ein, um ungestört mit ihrem Liebhaber schlafen zu können („Eierlikör, flüstert sie, den trinken nur wir beide, ganz heimlich, verstehst du?“ 304). Der Kleine, der im selben Zimmer wie seine Mutter schläft, wacht trotzdem in der Nacht auf, hört Tonis und Ediths Keuchen und ihre Reden beim Sex, und er onaniert unwillkürlich selbst dabei.
„Dann wische ich meine klebrigen Finger am Nachthemd ab. Dann lasse ich die Tränen laufen. Aber plötzlich höre ich eine Stimme, von der ich nicht weiß, woher sie kommt. Sie ist so laut, daß mir der Kopf zerspringt. Sie brüllt mir nicht in den Ohren. Sie dröhnt aus mir heraus, als sitze sie in meinem Bauch. Die Stimme hat keinen Mund. Sie sagt immer wieder das gleiche. Ich selber bin es, der spricht. Entweder vergißt du, was geschehen ist, oder du stirbst, schwöre ich mir.“ (306)
Er wird wiederholt Zeuge der Treffen von Edith und Toni, und er wird auch Zeuge, wie Toni sich von der Mutter distanziert, sie darunter leidet und schließlich wieder Nähe zum Vater sucht (320). Er schämt sich, dass die Mutter trotz Tonis Desinteresse immer noch an im hängt, leidet aber auch mit ihr – der Sechsjährige wird von der Mutter in die Position eines erwachsenen Freundes manövriert, der ihren Liebeskummer teilt und der zugleich ihr verschwiegener Verbündeter gegen den eigenen Vater ist.

Zudem benutzt sie ihn auch selbst als Liebhaber. Als Mutter und Sohn bei einem Spaziergang von Sturm und Regen überrascht werden, suchen sie Schutz unter einem Baum.

„Hilf mir, stöhnt sie, zitternd vor Angst. Ich springe zu Edith und umarme sie. (…) Wärme mich, bettelt Edit und schmiegt sich an mich. Ich tauche die Hand in ihr Kleid und streichele den nackten Rücken. Der Regen läuft mir in den Kragen, aber ich weiche nicht von der Stelle. So ist es gut, flüstert die Mutter und schiebt, als sie mich küßt, ihre Zunge in meinen Mund.“ (315)
In der Pension streicht sie dem Kleinen beim Waschen so lange mit der Hand über das Glied, bis er eine Erektion bekommt („Wehe, wenn das noch einmal passiert, droht sie, doch in ihren Augen ist ein Lächeln, das mich besänftigt und mir verzeiht“, 342). Sie zieht den Jungen beim Umziehen zwischen ihre nackten Beine und küsst ihn intensiv auf den Mund (343), sie nimmt ihn mit zu sich ins Bett und gibt ihm auch hier einen langen Kuss.

Er bittet darum, dass sie ihm Gute-Nacht-Lieder singt, sie tut es widerwillig und zieht ihn währenddessen aus.

„Laß das! fahre ich sie an und presse die Hand an meinen Schniepel, weil ich fühle, daß er jeden Moment platzen muß.“ (347)
Schließlich schläft sie mit ihm.
„Dann trennen wir uns. Ich zittere vor Angst. Ich brenne lichterloh. (…) Ich weine, ohne zu schluchzen. Ich will zu Louise. Ich will sie fragen, warum Edith mir das angetan hat. Es dauert eine Ewigkeit, bis ich die Antwort höre. Ach, mein Junge, sagt die Großmutter, darüber brauchst du dir keine Gedanken zu machen, es gibt viele Dinge im Leben, die man vergessen muß.“ (347)
Der Missbrauch des Jungen durch die Mutter spitzt zu, was auch schon zuvor die familiäre Situation geprägt hat. Der Vater ist abwesend und desinteressiert, die Großmutter bietet nur scheinbar eine Zuflucht, die Mutter nimmt sich vom Jungen, was sie will. Den Missbrauch bereitet sie durch ungewohnte Aufmerksamkeit vor:
„meine größte Freude bleibt, daß sie heute nur Augen für mich hat. Ich bin die Hauptperson. Mir gelten ihre Blicke. (…) Ich strotze vor Glück.“ (336)
Angesichts der zentralen Stellung der mütterlichen sexuellen Gewalt gegen den Sohn, in der die „Memoiren“ vor einem kurzen „Nachspiel“ ihren zugespitzten Abschluss finden, ist es irritierend, wie wenig davon in den Rezensionen spürbar ist. Paul Kersten erwähnt die Situation als „Verführung“ durch die Mutter, Tilmann Moser erträgt sie nur in einer unpersönlichen Umschreibung, die Edith nicht als Täterin nennt: „gegen Ende kommt es zu offenem sexuellen Mißbrauch“.

Schon dass der Junge sexuell missbraucht wurde, ist offenbar ein Tabu, das auch durch einen Psychoanalytiker nur in distanzierender Form angesprochen werden kann – dass es seine eigene Mutter war, die ihn missbraucht hat, geht offenbar beiden Rezensenten zu weit, um es deutlich aufschreiben zu können. Das ist bezeichnend für die Zeit, in der das Buch erschien, und prägt auch noch heutige Diskussionen um sexuelle Gewalt gegen Kinder.

 
Stille Schreie und ein ultimatives Tabu Michelle Elliott bezeichnete den sexuellen Missbrauch durch Frauen als „ultimatives tabu“ (ultimate taboo“), veröffentlichte 1993 (deutsch 1995) die Essaysammlung Female Sexual Abuse of Children (dt: Frauen als Täterinnen. Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen) und wurde dafür mit hasserfüllten Briefen von Feministinnen überschwemmt: „she was deluged by hate mail from feminists who saw it as an attempt to detract from the real problem“.  
 
Das gilt so auch für Deutschland: Ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass die Rede von Frauen als Täterinnen aus feministischer Perspektive als Strategie einer „Gegenbewegung“ gegen die Aufklärung über sexuellen Missbrauch dargestellt wurde, deren Ziel es lediglich sei, die Gewaltakte von Männern zu relativieren. Ein absurdes Argument, das die Rede über kinderfeindliche sexuelle Gewalt als Vertuschung diffamiert, die Errichtung von Gesprächstabus aber als Akt der Aufklärung feiert.

Der Hintergrund dafür ist natürlich, dass Arbeiten von Feministinnen tatsächlich sehr bedeutsam bei der Aufklärung über sexuellen Missbrauch von Kindern und seine destruktiven Folgen waren, dass aber diese Arbeiten immer das Ziel hatten, die sexuelle Gewalt von Erwachsenen an Kindern als eine Form männlicher Gewalt an Frauen und Mädchen zu deuten. Diese Aufklärung war und ist nicht nur einseitig, sie hat auch einen hohen Preis: Während sie einige Gesprächstabus abbaut, verstärkt sie zugleich andere, nämlich die Tabus der sexuellen Gewalt an Jungen und, mehr noch, der sexuellen Gewalt durch Frauen. 

Dadurch, dass Feministinnen eine Aufklärung über solche Formen der Gewalt regelrecht bekämpften, haben auch sie dieser Gewalt Vorschub geleistet. Wenn also Alice Schwarzer heute zu Recht die Grünen im Zusammenhang der Pädophilie-Debatte dafür kritisiert, dass sie sich für die Opfer ihrer Politik niemals ernsthaft interessiert haben, unterschlägt sie, dass eben dieser Vorwurf in eben diesem Zusammenhang auch an Feministinnen gerichtet werden kann.

Dass Manfred Bielers Text nicht – wie er es verdient hätte – erfolgreicher und bekannter wurde, liegt sicher auch daran, dass seine Beschreibung der Geschlechter radikal unzeitgemäß, von handelsüblichen Klischees weit entfernt war und ist. Frauen erscheinen hier durchweg keineswegs als sanft und fürsorglich, auch nicht durchgehend als destruktiv, aber sie agieren dem Kind gegenüber immer wieder unbegreiflich grausam. Das gilt nicht nur für die Familie: Als der Junge sich einmal bei den Nachbarn Reichwein in die Hose macht, zieht die heimlich von ihm angehimmelte Frau Reichwein ihn im Bad angeekelt aus, stößt ihn in siedendheißes Wasser und beschimpft das schreiende Kind als „Hosenschisser“. (206)

Der Vater lässt das Kind allein, aber von ihm wünscht sich der Junge nicht nur Zuneigung, sondern auch, dass er einmal gegen Mutter und Großmutter aufbegehren würde. Er sucht sich imaginäre Ersatzväter – den Onkel Arnold beispielsweise, der ihm Klavierstunden gibt und der „ihr Saures (gibt)“, als Edith meint, der Junge würde es nie fertigbringen, auch nur eine Tonleiter zu lernen. (381) Beides – die selbstverständliche Darstellung brutaler Handlungen von Frauen, die hier keineswegs als Gegenwehr gegen patriarchale Gewalt oder als „Mittäterinnenschaft“ erscheinen, wie die Betonung der Bedeutung, die eine väterliche Präsenz für den Jungen gehabt hätte – ist auch heute noch provokativ.

 „Still wie die Nacht“ ist der Titel eines Lieblingsliedes der Mutter. Er ist hier aber natürlich auch eine Anspielung auf die Stille, die dem Jungen abverlangt wird: Er muss sein Wissen um die sexuellen Abenteuer der Mutter verschweigen, in die sie ihn bedenkenlos involviert, er muss verschweigen, was sie ihm tut, er hat aber auch schlicht keine Worte für das, was er von den Erwachsenen insgesamt erlebt. Seine stummen Schreie sind ein Leitmotiv des Textes:

„Der Tag kommt, an dem ich euch den Hals umdrehe! schrei ich, ohne daß es jemand hört.“ (309)
Der erwachsene Schriftsteller hat hier dem Jungen, der vergessen sollte und nicht vergessen hat, nachträglich seine Möglichkeiten geliehen, das Erlebte zu formulieren: „Memoiren eines Kindes“. Das ist irritierend angesichts des Wissens darum, dass Erinnerungen immer auch nachträgliche Rekonstruktionen sind – es ist aber auch den gesamten Text über auf beeindruckende und bedrückende Weise plausibel.

Still wie die Nacht ist heute, wie andere Texte von Bieler, nur noch antiquarisch erhältlich. Auch das ist bezeichnend: Während klischeekonforme Erfahrungs- und Meinungsfetzen als „Aufschrei“ zu einem medialen Großereignis hochgejubelt werden, sind die Erfahrungen dieses Jungen schon längst wieder in der Stille verschwunden, aus der er sie als erwachsener Autor in einer enormen Leistung für kurze Zeit herausgeholt hatte.

 
 
Alle nicht verlinkten Zitate stammen aus:
Manfred Bieler: Still wie die Nacht. Memoiren eines Kindes, Hamburg 1989

Empörungstheater

„Frauen würden sich ihrer Obdachlosigkeit schämen und verstecken, sagt Renate Kaufmann. ‚Männer hingegen feiern ihr Schicksal quasi mit einem Doppelliter in der Öffentlichkeit‘, überspitzt die Bezirksvorsteherin von Mariahilf (SP) die Tatsache, dass obdachlose Frauen viel weniger sichtbar sind.“
Das wurde aber auch Zeit: Während oberflächlich argumentierende Menschen die geringere Sichtbarkeit weiblicher Obdachloser eindimensional darauf zurückführen, dass schätzungsweise 90% der Obdachlosen männlich sind, arbeitet die Wiener Sozialdemokratin die männliche Obdachlosigkeit also endlich als Teil patriarchaler Herrschaft heraus, in der Männer auch dann unbekümmert viel zu viel öffentlichen Raum einnehmen, wenn sie billigen Wein trinken und oft nicht einmal vernünftig gewaschen sind. Weit mehr als Männer nämlich nähmen Frauen
„eine gewaltvolle Beziehung oder sexuelle Ausbeutung in Kauf, nur um nicht auf der Straße zu landen und noch mehr ausgeliefert zu sein.“
Empörend: Während Frauen also in Gewaltbeziehungen verbleiben müssen, die Männer niemals erleben, und außer ein paar Frauenhäusern da und dort und außer dem nun endlich eröffneten zweiten Wiener Obdachlosenheim nur für Frauen keinerlei Anlaufstellen haben – währenddessen vergnügen sich die männlichen obdachlosen Luftikusse in aller Öffentlichkeit und streichen unbekümmert die patriarchale Dividende ein.
Warum aber ist das, was Kaufmann bemerkt, nicht vorher schon auch allen anderen aufgefallen? Es ist eben ihre Empörung, die ihr den scharfen Blick für diese Zusammenhänge ermöglicht und die sie davor bewahrt, sich von Scheinargumenten ablenken zu lassen. Ein großes Glück und eine sinnvolle Einrichtung der menschlichen Psyche ist es, dass wir alle an diesem scharfen Blick teilhaben können, dass man also Empörung lernen kann – und dass das sogar ganz einfach ist.


Empörung für Anfänger und Fortgeschrittene Was aber ist Empörung eigentlich? Alfred Andersch, ein großer Empörter und Empörer der neueren deutschen Literatur, schreibt das in einem Gedicht so:
„ausgeschlossen / sagen viele moral und / vergnügen / schließen sich aus // ich aber schreib’s in / einer / zeile // empört euch der himmel ist blau“
Wunderbar und auch sprachlich elegant macht Andersch also deutlich, was eigentlich moralisch ist: nicht etwa der Versuch, die Perspektiven anderer nachzuvollziehen – Möglichkeiten der gemeinsamen Verständigung zu schaffen – oder gar Rechte zu etablieren, die für alle gelten. Moralisch ist vielmehr die Auflehnung des reinen inneren Menschen gegen die Falschheit der Verhältnisse, die Empörung über deren Schlechtigkeit, die sich eben nicht durch Ablenkungsmanöver wie den Respekt vor unterschiedlichen Perspektiven zur Kumpanei mit dieser Schlechtigkeit verführen lässt.

Der Christdemokrat Armin Laschet, recht geschieht’s ihm, hat das gerade erst gemerkt. Da hat er doch auf Twitter glatt Trittin mit Brüderle verglichen:

„Bei Brüderle gab es wg Nichtigkeiten einen #aufschrei…“
Die passende Antwort gab es postwendend:
„Für den Herrn @ArminLaschet von den #CDU ist also #Sexismus eine Nichtigkeit? #aufschrei war und bleibt wichtig wegen sowas!“
Ein Beispiel dafür, dass eine gekonnte Äußerung von Empörung auch ein ästhetisches Vergnügen ist: Keinen Moment lang lässt sich die Autorin dadurch beirren, dass Laschet doch keineswegs Sexismus, sondern Brüderles Dirndl-Kommentar als Nichtigkeit bezeichnet hat, und das noch dazu in Relation zu Trittins Pädophilie-Unterstützung. Der klare Blick der Empörung liest zwischen den Zeilen und hält sich nicht lang und nutzlos mit den Zeilen selbst auf – er arbeitet heraus, was eigentlich gemeint ist, anstatt sich durch die Oberfläche der Äußerung ablenken zu lassen.

So ist denn auch kaum ein anderes Medium so empörungsgeeignet wie Twitter, und so war es auch kein Zufall, dass eine der effektivsten Gruppenempörungen der neueren Zeit, die Aufschrei-Kampagne, dort ihre Heimstatt hatte. Die Knappheit der 140 Zeichen verhindert jedes Hin- und Herreden, arbeitet klar das Wesentliche heraus und räumt damit eines der größten Hindernisse aus dem Weg, dem die aufrechte Erhebung des reinen inneren Menschen begegnen kann: dem Derailing durch Differenzierung (DdD).

 
Ob nun ein Spruch über die Brüste einer Frau, ein patriarchal-paternalistisches Türaufhalten, eine Vergewaltigung oder ein Mann, der mehr öffentlichen Raum einnimmt, als ihm von Rechts wegen zusteht: Die Knappheit der Empörung arbeitet die gemeinsame Struktur dieser Phänomene mühelos heraus und hält sich nicht mit irritierenden Unterscheidungen auf.

Zudem reduziert die Twitter-Knappheit eine Äußerung auf ihren wesentlichen Kern, nämlich auf die Frage: Auf welcher Seite stehst Du? Männer, die daherkommen und auch Sexismus erlebt haben wollen, nur weil sie ihre Kinder nicht mehr sehen oder in Gewaltbeziehungen keine Hilfe erhielten, sind schnell enttarnt und können durch geeignete Verfahren (Spam-Block, Verhöhnungen, Löschungen, virtuelle Pranger etc.) unschädlich gemacht werden. Keine Möglichkeit mehr, dass Hinz und Kunz angelaufen kommen, sich auch als Opfer präsentieren und die „Verunsichtbarmachung“ (Lantzsch) der rechtmäßigen Opfer, das berüchtigte Victim Vanishing (VV) betreiben.

Amateur-Empörte allerdings gehen unbefangen fröhlich durch die Welt und enragieren sich erst dann, wenn ihnen etwas begegnet, das ihnen die Schlechtigkeit der Verhältnisse in unerwarteter Weise vor Augen führt resp. vor den Latz knallt. Profis hingegen sind sich dieser Schlechtigkeit beständig bewusst, sie halten ihre Empörungsbereitschaft konstant auf hohem Niveau und scannen ihre Umgebung unermüdlich nach Gelegenheiten, dieses Potenzial abzurufen und in eingeübter, beeindruckender Weise vorzuführen. Die Stellenbeschreibung für die Nachfolge einer Meisterin des Fachs sieht dann so aus:

„Diese Person sollte in der Lage sein, sich binnen weniger Sekunden mit bebender Stimme über jeden beliebigen Vorgang und Sachverhalt im Umkreis von 10.000 Kilometern zu empören.“
Dergestalt aufgeklärt über das innere Wesen der Empörung und gefeit gegen die beiden größten Hindernisse, die sich in den Weg stellen, können wir nun selbst den Schritt von Amateuren zu Profis wagen und uns fragen: Wer sonst, neben christdemokratischen Sexismusverniedlichern und obdachlosen Breitmachmackern, hat unsere Empörung verdient?

Denn wenn auch dieses Mittel vielseitig einsetzbar ist, für linke wie für rechte Politik, für den Ausbau von Windrädern und den der Atomkraft, gegen den Hunger in der Welt und gegen Bayern München und manchmal sogar schon für Männeranliegen – so ist es doch oft eine feministische Politik gewesen, die hier besondere Meisterschaft entwickelte und zeitweilig sogar ein Monopol auf die Vorführung rechtschaffener Empörung in Geschlechterdebatten besaß. Mit ihr lässt sich ein besonders leichter Übergang von den Amateuren zu den Profis finden.

Männer sitzen machtausübend – und andere Aufführungen im Kleinen Haus  Breitmachmacker, übrigens, sind eben die Menschen, die ungehörig viel öffentlichen Raum einnehmen, die z.B. – als hätte die Welt nicht schon genügend Probleme – breitbeinig in öffentlichen Verkehrsmitteln sitzen. Zum Glück gibt es empörte tapfere Frauen, die sie dabei fotografieren und diese Fotos der Öffentlichkeit präsentieren. Sehr schön ist hier zu sehen, wie elegant jedes Derailing durch Differenzierung vermieden wird, wie selbstverständlich also niemand die alberne Frage stellt, ob nicht das ungefragte Fotografieren von Menschen, die unerlaubte Veröffentlichung dieser Fotos und das gezielte Bloßstellen der Betroffenen vor einer möglichst großen Öffentlichkeit  nicht ein wenig schlimmer sein könnte, als mit leicht geöffneten Beinen in einem Bus zu sitzen.

Wunderbar auch der geschärfte Blick, der sogleich in der männlichen Sitzhaltung die patriarchale Allmacht erkennt: Männer nehmen Raum ein und Frauen machen sich klein

Wie groß hingegen die Irritation, wenn ausnahmsweise auch Frauen einmal ein wenig Raum einnehmen. Dass der Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf eine frisch umgebaute Sporthalle nur für Frauen öffnen wollte und dies nun an fünf Tagen der Woche auch tut, führte sogleich zu gewagten Interpretation bis hin zum absurden Vorwurf, die Maßnahme sei „männerfeindlich“ (auch hier vgl. die oben erläuterte VV-Strategie).

„Die Idee zur Frauenturnhalle kommt von Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD). Dieser wollte ursprünglich die Halle sogar an sieben Tagen in der Woche in rein weibliche Hand geben. Denn in Marzahn-Hellersdorf ist nur ein Drittel der in Vereinen organisierten Sportler weiblich.“
Elegant und überzeugend die Logik, dass Frauen gerade deshalb eine eigene Sporthalle brauchen, weil viel weniger Frauen als Männer Sport treiben wollen. So ließe sich auch, beispielsweise, die Zahl der Studentinnen in MINT-Fächern mit einfachen Mitteln deutlich erhöhen – gerade weil hier so wenige Frauen studieren wollen, müsste man ihnen nur, über den Daumen gepeilt, 75% der Studienplätze reservieren. Es ist bezeichnend, dass noch niemand auf diese so simple wie naheliegende Lösung gekommen ist.
 
Doch gibt es in Marzahn-Hellersdorf irgendeinen Anlass zur Empörung? Allerdings: Schon wer sich nur probeweise – einfach um mal zu überprüfen, ob es passt – über Komoß empört, muss feststellen, dass seine Maßnahme ebenso wie das oben dokumentierte Foto scheinbar frauenfreundlich, tatsächlich jedoch von tiefer heterosexistischer Perfidie geprägt ist. Denn was wird hier Männern und Frauen vermittelt?

Männer können offenbar in aller Ruhe zuhause auf dem Sofa liegen, sich womöglich rundum  bedienen lassen – und trotzdem das Gefühl haben, ganz in Ordnung zu sein. Frauen hingegen wird bedeutet, dass sie an sich arbeiten müssen, dass sie so, wie sie sind, nicht in Ordnung sind, sondern sich erst angestrengt in Form bringen müssen.

Nur ein empörungsgeschärfter Blick kann also Komoß als den Frauenfeind entlarven, der er ist – ein Blick wie dieser hier:

„die 3 Regalmeter mit ‚Intimwaschlotion – creme, -parfum, -deodorant, …‘ in jedem Drogeriemarkt. Bei Budni in Hamburg gibt es derzeit 11 (!) verschiedene Produkte dieser Art, und zwar ausschliesslich für Frauen gedacht. Entsprechende Produkte zur ‚Intimhygiene‘ für Männer gibt es nicht. Botschaft??!?“ 
Doch auch die Grünen sind nicht besser als der Sozialdemokrat. Da müssen Menschen in der Beitritterklärung der Grünen Jugend ankreuzen, ob sie „weiblich“ oder „nicht weiblich“ sind, was ungeübte Beobachter mit Männerfeindlichkeit assoziieren. Nicht gesehen wird hier, dass die Grüne Jugend eben gerade Frauen eine definitive Selbstverortung in der heterosexistischen Matrix abverlangt, während Männer sich in einem großen Spektrum an Identitäten einlesen lassen können, solange sie eben nur nicht definitiv weiblich sind. Ein ungeheurer Fehlgriff, der noch nicht genügend Beachtung fand.

 

Es muss schon klar sein, wer Hauptopfer ist – Aufführungen im Großen Haus Mit dergestalt geschärftem Blick können wir uns nun auch der ganz großen Politik zuwenden und entdecken natürlich auch hier, und gerade hier, Grund uns zu empören.
„Frauen wählen gerne Studien, die persönliche Vorlieben bedienen, Männer die besser bezahlten technischen Fächer.“ 
Manche Männer weisen gar darauf hin, dass etwa drei Viertel der Einkommenssteuer von Männern erarbeitet wird und dass das für den Konsum vorhandene Geld zum weit überwiegenden Teil von Frauen ausgegeben wird. Gerade der Skandal des Gender Pay Gap, um den es hier natürlich geht, ist häufig Ziel solcher DdD-Attacken, und es ist gut und so wichtig, dass empörte Bürgerinnen sich hier nicht durch unnötige Argumente verwirren lassen.
 
Ähnlich in Debatten über die Wehrpflicht. Dass diese in Deutschland ausgesetzt ist, dass Männer ansonsten an allerlei interessanten Orten auf der Welt männliche Hegemonie in ihrer schärfsten Ausprägung ausagieren können, wird von ihnen unbeirrt als vollständige stattliche Verfügbarmachung männlicher Körper erlebt und mit Tod und Trauma und Verkrüppelung assoziiert – ein offenkundiges VV-Manöver zur Verunsichtbarung der Verfügbarmachung weiblicher Körper. Zum Glück hat Hilary Clinton auch hier schon längst das Notwendige klargestellt:
„Frauen waren immer schon die Hauptopfer im Krieg. Frauen verlieren ihre Gatten, ihre Väter, ihre Söhne im Kampf.“ 
Viel mehr Beispiele ließen sich noch anführen. Doch wie ineffektiv wäre unsere Empörung, wie leicht wäre sie lächerlich zu machen, wenn es nicht Institutionen gäbe, die sie tragen. Den Grünen ist – trotz aller Kritik – zum Beispiel für die Klarstellung zu danken, dass nicht nur die Wehrpflicht ursprünglich das Vorrecht des vollen Bürgers war, sondern dass auch das Sorgerecht, in dem nichteheliche Väter de facto rechtlos sind, tatsächlich frauendiskriminierend ist – weil es die Frau in der Position der Mutter festhält.

Zutiefst zu danken ist auch der EU, in der es Pläne gibt, unserer so wichtigen Empörung den längst überfälligen sicheren Rechtsrahmen zu geben.

„Take concrete action to combat intolerance, in particular with a view to eliminating racism, colour bias, ethnic discrimination, religious intolerance, totalitarian ideologies, xenophobia, antiSemitism, anti-feminism and homophobia.”
Endlich also wird erkannt, dass Rassismus, Antifeminismus und Antisemitismus drei Seiten derselben Medaille sind. Kein Derailing durch Differenzierung mehr, das absurde Unterschiede konstruiert zwischen der rassistischen oder judenfeindlichen Feindschaft gegen Menschen und der Kritik an bestimmten politischen Positionen. Keine Erwartung mehr, diese Positionen müssten aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, Interessen müssten miteinander abgeglichen werden (Victim Vanishing) – sondern die Reduzierung der Politik auf das im humanen Sinne Wesentliche: Was uns empört, ist falsch und muss weg.

Doch diese so wichtigen Maßnahmen bleiben wertlos, wenn sie nicht mit Leben gefüllt werden. Es liegt an allen, die Empörungsbereitschaft hoch zu halten, ihre Ausübung kontinuierlich einzuüben und wieder und wieder in einer beeindruckenden Performance die Schlechtigkeit der Verhältnisse auszustellen. Denn das Theater ist, wie schon die Klassiker wussten, eine moralische Anstalt.

Stinkefinger und Schwarze Witwe: Die Bundestagswahl 2013

Natürlich wurde Angela Merkel in der Berliner Runde von ARD und ZDF gefragt, ob sie eigentlich alle ihre Koalitionspartner zu Grunde richte: Peer Steinbrück erinnerte daran, dass die Koalition mit Merkels CDU für die SPD zu deprimierenden Ergebnissen geführt hatte, und damit ging es ihm immer noch besser als Rainer Brüderle vom aktuellen Koalitionspartner FDP – der war nicht einmal mehr zur Elefantenrunde eingeladen worden, weil seine Partei an der Fünfprozenthürde gescheitert war.
Die ihr angetragene Rolle als Schwarze Witwe übernahm Merkel nicht und verwies mit durchaus gutem Grund darauf, dass das SPD-Ergebnis dieser Wahl nicht wesentlich besser sei als das letzte nach der großen Koalition. Die Frage hatte ein Motiv der Merkel-Kritik aufgegriffen, dass mir selbst schon vielfach im Bekannten- und Freundeskreis begegnet ist: Sie würde mit ihrer präsidialen, ungreifbaren, abwartenden Art jede Diskussion ersticken, die Gegensätze unterschiedlicher Positionen übertünchen und sich so unangreifbar machen. Eben deshalb hätten auch Koalitionspartner keine Chance, sich neben ihr zu profilieren.
Insgeheim akzeptiert auch dieser Vorwurf Merkels unangefochten starke Position in der deutschen Politik: Er erweckt den Eindruck, als ob es eigentlich Merkel Aufgabe wäre, die Opposition zu ihrer Politik gleich auch mit zu organisieren – und als ob es aus nicht ganz erklärlichen Gründen ihre Verantwortung wäre, wenn die reale Opposition keine vernünftige Alternative zu ihrer Politik entwickeln kann.
Eben das aber ist, neben dem sensationellen Ausscheiden der FDP aus dem Bundestag, das wesentliche Ergebnis des Wahlabends: Er hat die ungeheure Schwäche der Opposition deutlich gemacht, und er hat auch schon einige Hinweise auf deren Gründe geliefert.

Wichtige und unwichtige Debakel Denn immerhin: Da die FDP mit 4,8% und die Alternative für Deutschland mit 4,7 % scheiterten, haben Parteien aus einem bürgerlich-konservativen Spektrum fast zehn Prozent der Wählerstimmen an der Fünfprozenthürde verpuffen lassen. Trotzdem hätte die Union beinahe die absolute Mehrheit der Mandate erreicht – für die Opposition aus SPD, Grünen und Linken müsste das eigentlich alarmierend sein.
Dabei ist zumindest die Zufriedenheit der Linken noch nachvollziehbar. Die Partei entwickelt zwar keine weithin überzeugenden Konzepte linker Politik, aber sie erfüllt offenkundig für viele Ostdeutsche eine Funktion als Vertreterin ihrer Interessen und hat sich trotzdem auch bundesweit etabliert – auch in Hessen zieht sie in den Landtag ein. Dass die Moderatoren der Berliner Runde, Stephan Frey (ZDF) und Thomas Baumann (ARD), den Linken-Vertreter Bernd Riexinger eine Dreiviertelstunde lang demonstrativ ignorierten, war daher eher eine arrogante Demonstration des Desinteresses als eine souveräne demokratische Geste der Abgrenzung von Links-Populisten.
Wesentlich gravierender ist die Situation der Grünen: Noch vor zwei Jahren konnten sie im Fukushima-Aufwind von 30 Prozent der Wählerstimmen träumen und liegen nun deutlich unter zehn Prozent. Trittin spricht erstarrt von ominösen „Kräften“, die gegen die Grünen gearbeitet hätten, und wird in der Elefantenrunde gleichwohl nur vorsichtig auf die Pädophilie-Debatte angesprochen. Mit kaum unterdrückter Wut – als ob ihm da ein lächerliches Thema viel wichtigere politische Projekte verhagelt hätte – tut er die Frage ab und konzentriert sich dann sogleich darauf, staatsmännisch darzulegen, weshalb die Grünen mit den Linken nicht koalieren könnten.
Ob tatsächlich ein Generationenwechsel ansteht, oder ob Trittin, Roth, Künast, Göring-Eckardt ihre Positionen verbissen verteidigen werden – oder ob sich nicht möglicherweise die Grünen ohnehin als eine Ein-Generationen-Partei erweisen werden, die nach der allmählichen Verrentung ihrer Gründungsmitglieder langsam wieder verschwindet – ob sich die verschiedenen Flügel der Partei wieder Kämpfe liefern werden  – diese Fragen werden vermutlich Schlagzeilen der kommenden Monate garantieren, sind aber tatsächlich nur begrenzt wichtig.
Unwichtig war auch das erwartete Debakel der Piraten. Der verrückte Wandel von einer „Post-Gender“-Partei, die sich gegenüber feministischen Automatismen wie der Frauenquote sperrt, zu einer Partei, die betonfeministische Hetze gegen Einzelne institutionell trägt, hat sicherlich dazu beigetragen.
„Das enorme Engagement, mit dem die Piraten Scharen an männlichen Wählern – ihre Stammklientel! – weggemobbt haben, war unbegreiflich“,
kommentiert Arne Hoffmann. Vermutlich aber war nicht nur diese kopflose Neu-Ausrichtung für das Desaster verantwortlich – ganze Gruppen von Piraten hatten sich ohnehin immer wieder als unverlässliche, infantile und dabei irritierend aggressive Verhaltensauffällige präsentiert – beispielsweise auf einem vom politischen Geschäftsführer in Hessen stolz über Twitter verbreiteten Foto, auf dem Piraten kollektiv und aus nichtigem Anlass ihrem Parteichef den Stinkefinger zeigten.
Mitgefühl haben allenfalls die verbliebenen integren Piraten verdient, die sich von ihrer Partei einmal die Möglichkeit für die Erneuerung demokratischer Prozesse erträumt hatten. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass die Piraten – was für eine solch kleine Partei eigentlich ganz unsinnig ist – bei den Wahlen mehr Erst- als Zweitstimmen erhalten haben. Offenbar waren die Kandidaten an der Basis, trotz ihrer Chancenlosigkeit in der Direktwahl, oft überzeugender als die Gesamtpartei. Übrigens waren diese Direktkandidaten – was Hoffmanns Rede von der „Stammklientel“ bestätigt – in weit überwiegender Anzahl männlich.
 
Die SPD trifft eine gute Fee und zeigt ihr den Stinkefinger Mit einem Stinkefinger hat auch Peer Steinbrück schließlich Politik zu machen versucht. Das hat ihn möglicherweise bei manchen sympathisch und frisch, bei anderen eher mittelschwer verwirrt erscheinen lassen – da er sich aber nun einmal für das Kanzleramt und nicht für DSDS beworben hat, konnte er damit gegen Merkels präsidialen Habitus nichts gewinnen.
Tatsächlich ist das Ergebnis der SPD, eine leichte Steigerung nach der letzten Bundestagswahl, dramatischer, als es scheint. Denn schließlich hatten Sozialdemokraten so günstige Bedingungen, als hätte ihnen eine gute Fee diesen Wahlkampf beschert: Die Piraten hatten sich selbst zerlegt, die Grünen verstrickten sich in ihrer Pädophilie-Affäre in eine arrogante, aber offensichtliche Doppelmoral und hatten sich vorher schon durch ihre Steuerpläne und die nebensächliche, aber symbolträchtige Forderung nach einem „Veggie-Day“ geschadet. Noch vor eineinhalb Jahren hätten die Piraten 8 % und die Grünen 20 % erreichen können – dann wäre die SPD wohl deutlich unter 20% gedrückt worden.
 
Dazu das Glück des knappen Scheiterns von FDP und AfD: Die SPD hat unter idealen Rahmenbedingungen, die besser kaum hätten sein können, eines der schlechtesten Ergebnisse ihrer Geschichte erreicht.
 
Interessant ist dabei unter anderem, dass wesentlich mehr Frauen als Männer CDU, aber mehr Männer als Frauen SPD gewählt haben. Dabei hatten Sozialdemokratinnen offensiv einen „Gender Gap“ im Wahlergebnis angestrebt – anstatt also um Stimmen von Männern wie von Frauen zu werden, kam es ihnen aus rational nicht ganz nachvollziehbaren Gründen vor allem darauf an, dass mehr Frauen als Männer SPD wählen.
 
Das Ergebnis zeigt unter anderem, dass solche Beiträge zu Debatten um feministische Positionen den meisten deutlich unwichtiger sind, als Feministinnen, aber auch ihre Kritiker das glauben. Mehr noch: Die Union hat die Einführung der Frauenquote auf die lange Bank geschoben und europäisch vorerst blockiert, sie hat das Betreuungsgeld eingeführt, das von SPD und Grünen als „Herdprämie“ verspottet wurde, und hat dabei gleichwohl eine deutliche Mehrheit der Frauenstimmen erhalten. Das Gros der Frauen lehnt feministische Vorstellungen davon, wie Frauen leben sollten, also entweder ab oder ignoriert sie souverän.
Ebenso zeigen sich aber auch viele Männer unbeeindruckt davon, dass die SPD ihr Geschlecht doch eigentlich im Interesse des „menschlicheren“ Geschlechts überwinden möchte. Folgen hat diese Politik eher indirekt: In den letzten Jahrzehnten hat die SPD fast die Hälfte der männlichen und etwa ein Drittel der weiblichen Mitglieder verloren.  Die Vorstellung, dass das Engagement von Männern verzichtbar sei, inspiriert offenkundig kein größeres Engagement von Frauen. Die SPD verliert damit schlicht einen großen Teil ihrer Basis, dabei auch den Kontakt zum alltäglichen Leben vieler Menschen, und sie schwächt sich in einer Weise, die sie nicht kompensieren kann.
Zudem fehlt es ihr an tragfähigen Konzepten zu ihrem Kernthema, der sozialen Gerechtigkeit. Sozialdemokraten, die allen Ernstes die Frauenquote in Führungspositionen – die der Privilegiensicherung einer kleinen Gruppe ohnehin schon privilegierter Frauen dient – als zentrale Gerechtigkeitsfrage behandeln und die mit einer „menschlichen“ Gesellschaft lediglich die Überwindung einer „männlichen“ Gesellschaft assoziieren, konzentrieren sich auf Scheinprobleme, stoßen ohne Not eben die Männer (und übrigens auch Frauen) vor den Kopf, die sie eigentlich zurückgewinnen müssten – und nehmen sich selbst die Möglichkeit, sich auf überzeugendere Konzepte sozialer Gerechtigkeit zu konzentrieren.
Dabei zeigt der Erfolg der AfD, die aus dem Stand fast in den Bundestag eingezogen wäre, dass es sich durchaus lohnt, politisch außerhalb eingeübter Routinen zu agieren. In der Elefantenrunde präsentierte sich Trittin zwar persönlich sehr verletzt von den Angriffen aus der Union und sprach von „Gräben“, gratulierte Merkel aber auch sehr artig und war intensiv um eine staatsmännische Pose bemüht. Eine schwarz-grüne Koalition könnte durchaus interessante Perspektiven schaffen: Sie wäre nämlich ein Anreiz für die SPD und auch die Linke, sich gegen die Union und zugleich auch gegen die Grünen zu positionieren. Vor allem für Sozialdemokraten wäre das eine Chance.
Zudem wäre es interessant zu beobachten, ob Merkel es schafft, auch die Grünen unter die Fünfprozenthürde zu koalieren.
 


Was haben die Grünen eigentlich für ein Problem?

Eigentlich könnten die Grünen aus dem Alptraum aufwachen und feststellen, dass alles halb so schlimm war: Niemand, der in den politischen Debatten Deutschlands eine Rolle spielt, bezweifelt ernsthaft das Urteil der Wissenschaftler Franz Walter und Stefan Klecha, dass
„Bündnis 90/Die Grünen schließlich mit ihrer Vergangenheit unwiderruflich gebrochen“
und sich von den Forderungen nach einer Straffreiheit für Pädophilie klar distanziert hätten.
 
 
Im Spiegel verteidigt ausgerechnet Jan Fleischhauer in seinem „Schwarzen Kanal“ Daniel Cohn-Bendit angesichts von dessen Äußerungen zur enormen erotischen Wirkung fünfjähriger Mädchen und seinen angeblichen pädophilen Erfahrungen als Kindergärtner.
„Man muss (…) irgendwann zur Kenntnis nehmen, dass sich trotz intensiver medialer Nachforschung bislang nicht ein Opfer gemeldet hat, das angibt, von Cohn-Bendit als Kind belästigt worden zu sein. Wer den Unterschied zwischen losem Reden und wirklichem Übergriff nicht mehr gelten lässt, begibt sich auf den Weg ins Totalitäre.“
Bei Anne Will verhalten sich auch politische Gegner der Grünen spürbar zurückhaltend angesichts der Diskussionen um die frühere grüne Unterstützung pädophiler Forderungen nach Straffreiheit:
„Kubicki gestand, er tue sich schwer damit, den hart in die Kritik geratenen Jürgen Trittin in dieser Sache anzugreifen. Und Bosbach erklärte unumwunden und glaubhaft, dass er nicht daran denke, nun den Rücktritt des Grünen-Spitzenmanns zu fordern.“ 
Dafür, dass Trittin presserechtlich verantwortlich war für die Aufnahme solcher Forderungen in das Kommunalwahlprogramm der Göttinger Grünen Liste im Jahr 1981, erhält er Unterstützung vom Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, der fordert, es müsse
„in Ruhe und losgelöst vom Wahlkampf und von populistischen Forderungen entschieden werden, wie man auf die Opfer angemessen und sensibel zugeht.“ 
Warum also haben die Grünen noch immer ein Problem mit der Affäre?
 
Schwierigkeiten mit den Freunden Es gibt natürlich Unterstützer der Partei, die das Wirken „von Kräften (…), die mit der angeblichen Pädophilen-Affäre den Grünen nachhaltig schaden wollen“, wittern. Die Flucht in ein Freund-Feind-Denken, die Folgen des eigenen problematischen Verhaltens auf das Konto der Böswilligkeit anderer bucht, wird der Situation allerdings allzu offenkundig nicht gerecht. Wer so argumentiert, übersieht etwa, wie nachhaltig die Affäre auch diejenigen unter Zugzwänge setzt, die ganz gewiss kein Interesse daran haben, den Grünen zu schaden.

Ein Beispiel sind die Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter und Stephan Klecha, die von den Grünen über die Böll-Stiftung bekanntlich mit der Untersuchung ihrer pädophilen-freundlichen Vergangenheit beauftragt wurde – offenkundig in der Hoffnung, dass die Partei so sich selbst ein Interesse an der Aufdeckung dieser Vergangenheit attestieren und zugleich das Thema aus dem Wahlkampf heraushalten kann.

 
Möglicherweise hätte es gute sachliche Gründe gegeben, die Informationen über Trittins pressrechtliche Verantwortung erst zu veröffentlichen, wenn der Kontext gründlich geklärt ist – wenn beispielsweise Klarheit über die  Kontakte zwischen Grünen und Pädophilen-Vertretern in Niedersachsen bis kurz vor der rot-grünen Übernahme der Landesregierung unter Schröder und Trittin geschaffen worden wäre.  Hätten aber Walter und Klecha mit der Veröffentlichung noch länger gewartet, dann hätten sie damit ihre Reputation als unabhängige Wissenschaftler gefährdet und den plausiblen Vorwurf auf sich gezogen, wesentliche Informationen bis nach der Wahl zurückgehalten zu haben.

Ganz ähnlich ist die Situation der taz, die schon einen grünen-kritischen Artikel von Christian Füller, taz-Journalist und einer der renommiertesten Bildungsjournalisten Deutschlands, aus dem Blatt gekippt hatte. Hätte die Zeitung nun abermals wichtige, für die Grünen problematische Informationen zurückgehalten, dann hätte sie damit auch noch ihre kleinen Restbestände an journalistischer Unabhängigkeit aufgegeben. Das übrigens hilft Füller selbst nicht, der in der taz offenbar kaltgestellt wurde und der seinen Text schließlich mit kleinen Änderungen in der Frankfurter Allgemeinen veröffentlichte.

Die Grünen, so scheint es, haben weniger Probleme mit ihren Feinden als mit Freunden, die vom Umgang der Partie mit dem Pädophilie-Skandal selbst in schwierige Situationen manövriert werden. Diejenigen politischen Gegner hingegen, die tatsächlich harte Vorwürfe an Grüne richten, machen eine Gegenwehr eigentlich leicht. Ein Beispiel ist der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, der Jürgen Trittin zum Rückzug auffordert und ihn als „Teil des Pädophilie-Kartells bei den Grünen“  hinstellt. Der impliziten Unterstellung, die Grünen seien eine Art Kindersex-Ring gewesen, an dem Trittin wesentlich beteiligt war, würde vermutlich nicht einmal ein nennenswerter Anteil von Dobrindts Parteifreunden Glauben schenken.

Warum aber die grüne Gegenwehr selbst gegen solche absurden Vorwürfe ins Leere läuft, zeigt besonders eindrucksvoll Claudia Roth. Sie attackiert Dobrindt und wirft ihm eine beispielweise die Diskriminierung von Schwulen und Lesben vor. Damit hat sie grundsätzlich Recht: Dobrindts Gerede von der „schrillen Minderheit“ Homosexueller etwa, die er einer „stillen Mehrheit“ gegenüberstellt, arbeitet tatsächlich mit Feindseligkeiten und Ressentiments – als ob die vorgeblich anständige, ruhige, zurückhaltende heterosexuelle Mehrheit der Menschen sich tagaus tagein von einer aggressiven schwulen und lesbischen Minderheit auf der Nase herumtanzen lassen müsste.

Statt sich aber mit solchen simplen Positionen klar auseinanderzusetzen, betont Roth mit Blick auf Dobrindt und andere Kritiker schlicht:

„Von all denen müssen wir Grüne uns nicht sagen lassen, was Moral ist und was verantwortungsvolles Handeln ist.“
Anstatt also den politischen Gegner auseinanderzunehmen, dokumentiert Roth lediglich den moralischen Hochmut der eigenen Partei: Die Grünen haben es in ihren Augen nicht nötig, sich von Menschen kritisieren zu lassen, die nicht selbst über jeden Zweifel erhaben sind.
 
Sprachliche Entgleisungen und falsche Bilder in Serie Reihenweise treffen Grüne und ihre Unterstützer mit ähnlich staunenswerter Sicherheit falsche Töne, setzen sie falsche Zeichen. Die Benutzung von Kindern auf Wahlplakaten wäre beispielweise in dem Umfang, wie er von den Grünen betrieben wird, auch unter normalen Umständen ein Tabubruch gewesen – angesichts des Pädophilie-Skandals ist er schlankweg verrückt.
 
Seltsam auch die Manöver zur Verteidigung der Partei gegen Vorwürfe. Die Sprecherin der Grünen Jugend, Sina Doughan, 26 Jahre alt, bezeichnet die Forderung nach einer Anlaufstelle für Opfer der grünen Pädophilie-Unterstützung als „wahnsinnig lächerlich“ und ereifert sich über Zeitzeugen, die nun „aus allen Ecken gekrochen“ kämen.  Stephan Hebel springt den Grünen in der Frankfurter Rundschau bei und fordert: „Klappe halten, alle miteinander“  – zwanghaft deplatziert angesichts von Missbrauchsopfern, die nach Jahrzehnten anfangen zu sprechen.

Reihenweise rechnen Grüne – Trittin, Roth, Göring-Eckardt – Politikern der Union vor, die Strafbarkeit von ehelichen Vergewaltigungen sei erst gegen den Widerstand von CDU und CSU durchgesetzt worden. Anstatt sich also klar zu den eigenen Schwierigkeiten zu äußern, agieren grüne Spitzen rundweg so, als befänden sie sich in einem perversen Kartenspiel, in dem der Vorwurf der Vergewaltigungs-Unterstützung den der Pädophilie-Unterstützung jederzeit übertrumpfen könne.

 
Göring-Eckardt schließlich erwartet von der stellvertretenden CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär explizit, von ihrem „hohen Ross“ herunterzukommen, und  fordert ultimativ: „Hören Sie endlich auf, mit diesem Thema Wahlkampf zu machen!“  – als ob die Grünen ein tiefes moralisches Recht hätten, nicht mitten im Wahlkampf mit Themen belästigt zu werden, die ihnen unangenehm sind.

Volker Beck übertrifft selbst noch diese Seltsamkeiten. Er hatte zunächst, ebenso wie die grüne kinder- und familienpolitische Sprecherin Katja Dörner, wahrheitswidrig erklärt, dass es niemals Parteibeschlüsse zur Straffreiheit für Pädophile gegeben habe, und dann jahrelang behauptet, ein Text von ihm zur Entkriminalisierung der Pädophilie sei vom Herausgeber erheblich verändert worden. Nun wird deutlich, dass die Änderungen des Herausgebers tatsächlich wesentlich geringer waren als von Beck suggeriert und dass schon Becks Manuskript  eben die Passage enthält, die ihm auch im Hinblick auf den 1988 veröffentlichten Text  zum Vorwurf gemacht worden war.

„Eine Entkriminalisierung der Pädosexualität ist angesichts des jetzigen Zustandes ihrer globalen Kriminalisierung dringend erforderlich“,
schreibt Beck, und er fordert zwar keine vollständige Streichung der entsprechenden Paragrafen, aber schlägt vor, die „‘Schutz‘-Altersgrenze zu überdenken und eine Strafabsehensklausel einzuführen.“ (Der Begriff „Schutz“ steht auch bei Beck in Anführungszeichen.) Irritierend ist auch eine Formulierung, in der er mit Bezug auf feministische Forderungen von einem „Schutzbedarf des Kindes, insbesondere des Mädchens“ schreibt – was den Schutzbedarf von Jungen zwar nicht verneint, aber herunterspielt. Trotz alledem präsentiert Beck noch immer zwei Plakate auf seiner Homepage, die unter dem Titel „Das versteht Merkel unter Aufklärung“ einmal auf Vernebelungen, das andere mal auf eine Salami-Taktik anspielen.

Dass die Grünen und ihre Unterstützer sprachliche Entgleisungen und falsche Bilder in Serie produzieren, ist symptomatisch dafür, dass die Partei bislang noch nicht einmal ansatzweise einen angemessenen Umgang mit ihrer pädophilie-freundlichen Vergangenheit gefunden hat. Zentral dabei ist die Weigerung, eine Anlaufstelle für mögliche Opfer dieser Politik einzurichten.

 
 
Warum es keine Opfer grüner Politik geben kann (und andere Glaubenssätze) Der sachlich unangemessene Vorschlag von Roth oder Trittin, Betroffene könnten sich doch an Franz Walter wenden, macht nur deutlich, welche Funktion der Wissenschaftler und sein Team für Spitzengrüne haben: Nach ihrem Verständnis haben sie das an Walter überwiesene Geld der Böll-Stiftung (die weitgehend aus Steuermitteln finanziert wird) eingesetzt, um die originäre Verantwortung der Partei an ein Wissenschaftlerteam delegieren zu können. Einzukalkulieren, dass ein solches Team für die Betreuung von Missbrauchsopfern kaum geeignet ist, kann dabei mitten im Wahlkampf natürlich niemand von ihnen erwarten.

„Empathie gibt es bei den Grünen immer nur für die Opfer der anderen“, schreibt Christian Füller in seinem Artikel. Selbst das ist möglicherweise noch zu wohlwollend formuliert. Nach dem grünen Selbstverständnis kann es offenbar überhaupt keine Opfer der eigenen Politik geben. Als „Gläubige“ bezeichnet Füller die Grünen:

„Sie glauben fest an die Moral der grünen Kirche von der Bewahrung der Schöpfung, der ehrlicheren Politik und einer besseren, weil grünen Welt.“
Das ist nicht polemisch zugespitzt, sondern trifft einen entscheidenden Aspekt.

Bis heute haben die Grünen ihren Erfolg wohl dem Eindruck zu verdanken, dass sie keine Partei wie alle anderen wären, dass sie mit einem besonderen Anspruch und einer außergewöhnlichen moralischen Integrität Politik betreiben würden. Selbst nachdem sie die Fundamentalopposition lange aufgegeben hatten, konnten sie den Anschein bewahren, nicht ganz Teil des üblichen Politikbetriebs zu sein. Während beispielsweise die SPD an den Folgen ihrer Agenda-Politik bis heute erheblich leidet, wurden die Konsequenzen dieser Politik den ebenso verantwortlichen Grünen niemals ernsthaft angelastet – was vermutlich auch daran liegt, dass die grüne Klientel von ihnen wesentlich weniger betroffen war als die herkömmliche Klientel der SPD.

Die Grünen distanzieren sich bis heute in ihren Selbstdarstellungen von der Profanität des herkömmlichen Betriebs und betreiben so eine heimliche Sakralisierung der Politik, und in dieser Hinsicht ist Füllers Bild der grünen Kirche durchaus exakt. Sogar einen Transsubstantiationszauber haben die Grünen, wie die katholische Kirche, im Angebot: Zwar verwandeln sie keine Hostie in den Leib Christi, aber sie verwandeln den Wahlbogen in einen Ablasszettel für alle, die das Kreuz an der richtigen Stelle machen.

So leben die Grünen weniger von den realen Konsequenzen ihrer Politik, sondern von dem Eindruck, eine prinzipiell bessere Politik sei möglich, idealistischer, menschlicher, reiner. Das Problem dabei ist keineswegs, dass sie im politischen Geschäft natürlich mitmischen wie alle anderen Parteien auch – sondern ihr Anspruch, zugleich doch irgendwie noch ganz anders zu sein.

Denn wenn es etwas Gutes in der Politik gibt, dann ist es ja eben nicht das Monopol einer aus zauberhaften Gründen moralisch besonders weit entwickelten Partei – sondern es ist die politische Debatte selbst, in der nicht nur verschiedene Perspektiven auf dieselben Sachverhalte möglich sind, sondern in der auch eben diese Perspektiven aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden können. Wer sich selbst beispielsweise für einen moralisch besonders integren Politiker hält, der eine fundamentale Kritik an den herrschenden Verhältnissen mit der Entwicklung nachhaltiger humaner Perspektiven für alle verbindet – der muss eben damit leben, dass er möglicherweise aus einer anderen Perspektive schlicht wie ein moralisierender Betonkopf aussieht, dem es eher um die Sicherung der eigenen Privilegien als um gerechtere Verhältnisse für alle geht.

Die Pädophilie-Debatte zeigt, dass die Grünen in eben dieser Hinsicht die Bedeutung der demokratischen Debatte niemals akzeptiert haben, sondern dass sie – als gleichsam naturwüchsige Vertreter einer humaneren Politik und der Opfer herkömmlicher Machtausübung – in dem Selbstverständnis agieren, aus einer besonderen, herausgehobenen, moralisch privilegierten Position zu handeln. Auf die Erkenntnis, dass Teile der grünen Partei aus der Perspektive anderer hässlich und brutal aussehen, reagieren ihre Vertreter entweder auf Kindergartenniveau – Wer’s sagt, ist es selber! – oder mit demonstrativer und deplatzierter Entrüstung.

Unverzeihlich aber ist vor allem, dass mit dem grünen Selbstverständnis der Gedanke nicht vereinbar ist, es könne Opfer der eigenen Politik geben. Eine pragmatisch agierende und moralisch weniger hochgestimmte Partei hätte angesichts des Pädophilie-Skandals schon längst eine Anlaufstelle für Opfer eingerichtet – allein schon, um zu erfahren, ob und inwieweit ihre Politik denn eigentlich Opfer produziert hat. Die Grünen aber wirken erstarrt in moralisierendem Größenwahn, der unvermittelt schwankt zwischen dem standesgemäßen Versprechen der rückhaltlosen Aufarbeitung und der herrischen Forderung, dass es doch jetzt endlich einmal gut sein müsse mit diesem Skandälchen.

Das Problem der Grünen ist also nicht, dass sie eine Partei sind wie alle anderen. Ihr Problem ist, dass sie das nicht anerkennen können.

Wo Schläge der Mutter dem Kindeswohl dienen – Eine Geschichte aus Deutschland

In dem Text „Milgram, Domino und die seltsame Sehnsucht nach Stalingrad“ hatte ich Väter erwähnt, die in sehr bedrückten Situationen – etwa angesichts von Gewaltakten der Mütter gegen die Kinder, oder aufgrund von willkürlicher Verhinderung allen Umgangs – von ihren Kindern getrennt leben und geschrieben:

„Es sind eben auch solche Väter, oder Männer in anderen bedrückenden Situationen, die – sobald sie es wagen, den Mund aufzumachen – von institutionengeschützen Betonfeministen als ‚Maskutrolle‘ beschimpft und verhöhnt werden, auch als ‚Hater‘, als Nazis, als ‚Dummbratzen‘ und Idioten.“

„Maskutroll“ – wenn Frauen öffentlich über Geschlechterthemen sprechen und Männer aus ihrer Perspektive etwas dazu äußern, eigene Erfahrungen beisteuern, Positionen von Frauen möglicherweise kritisieren oder relativieren, dass begegnet Männern dieser Begriff regelmäßig. Die ursprüngliche Bedeutung des Netz-Terminus „Troll“ wird dabei oft in ihr Gegenteil verkehrt.
 
Schließlich bezeichnet er ja eigentlich eine Person, die sich an einer Diskussion überhaupt nicht beteiligen will, sondern lediglich provoziert und eine bestehende Diskussion zu verhindern versucht. Wenn nun aber Menschen als „Trolle“ bezeichnet werden, die sich schlicht mit ihren Erfahrungen an der Diskussion zu beteiligen versuchen, dann sagt das mehr über die Art der Diskussion aus als über sie selbst.

Der Begriff „Maskutroll“ ist also – vergleichbar dem Begriff „Derailing“, der den Vorwurf formuliert ist, eine Diskussion zum Entgleisen zu bringen – ein Begriff, der in vielen seiner Verwendungen lediglich die Funktion hat, eine Diskussion abzudichten und gegen den freien Austausch von Meinungen und Erfahrungen zu schützen. Er ist in diesem Sinne selbst ein Troll-Begriff. Typisch für solche Abdichtungen war die Aufschrei-Kampagne, die ohnehin ein Medienhype und nicht die Graswurzelbewegung war, als die ihre Protagonistinnen sie gern präsentierten. Eine von ihnen, Anne Wizorek, erhob im Spiegel-Interview den Anspruch, ausgerechnet „das ganze Bild“ des Sexismus in Deutschland zu zeigen.

„Männer gehen sonst durch ihre eigene Welt und nehmen den alltäglichen Sexismus gar nicht wahr.“ 

Dass vor allem anderen Wizorek selbst ist, die Sexismus nicht wahrnimmt und nicht wahrnehmen will, könnte sie beispielsweise merken, wenn sie sich einmal Sendungen des „Väterradio“  aus Halle anhören würde.

Mütterliche Gewalt – und eine Tochter, die zurückschlägt Das Väterradio besteht seit elf Jahren, wird seit Kurzem erst von der Stadt Halle unterstützt und produziert monatlich eine Sendung von etwa 50 Minuten. Betreut wird es von Dietmar Nikolai Webel, ordinierter Gemeindepädagoge, der in der DDR wegen „Staatsverleumdung“ im Stasiknast saß, im September 1989 das neue Forum in Halle mit aufbaute und seit 2001 Mitglied im Väteraufbruch für Kinder ist. Im Interview beschreibt er die Motivation für seine Sendungen so: 

„Vor zehn Jahren kamen die Männer- und Väterthemen in der Medienlandschaft kaum vor. Wenn über Männer berichtet wurde, dann wurden ihre Lebensgeschichten als bedauernswerte Einzelschicksale dargestellt. Als Mitglied im Bundesvorstand des VAfK betreute ich häufig die Väterhotline und habe viele Lebensgeschichten gehört. Mir wurde deutlich, dass die Diskriminierung der Männer keine Einzelerfahrungen waren, sondern strukturelles Unrecht. Immer wieder habe ich versucht, die Medien auf diesen Punkt aufmerksam zu machen. Aber die gesellschaftspolitischen Hintergründe wurden ausgeblendet.“ 

Dass sie auch weiterhin ausgeblendet werden können, liegt natürlich unter anderem an massemedial aufgeblasenen Veranstaltungen wie dem „Aufschrei“, die darauf bestehen, dass allein Frauen als Opfer sexistischer Strukturen beschrieben werden können und die andere Beschreibungen mit eingeübter Empörungstheatralik abwehren. Es ist aber nicht der einzige Grund.
 
Es lohnt sich, sich Sendungen des Väterradio genauer anzuhören und darauf zu achten, welche allgemeinen Strukturen in den präsentierten Einzelfällen zum Vorschein kommen. Zum Beispiel das Interview mit Klaus in der Sendung vom 16. Mai dieses Jahres.

Klaus ist heute 53 Jahre alt, seine heute volljährige Tochter war gerade ein Jahr alt, als die Eltern sich trennten. Auch wenn er als nichtverheirateter Vater kein Sorgerecht hatte und seine Tochter nur noch jedes zweite Wochenende sehen konnte, hatte die Vaterschaft für ihn offenkundig eine große Bedeutung.

„Das Vatersein war sehr wichtig, und auch sehr schön zu sehen, wie sich meine Tochter entwickelt.“ (11:28)

Spätestens mit der Einschulung der Tochter aber begannen Probleme. Klaus erzählt,

„dass sie weniger Lebensfreude als vorher versprüht und zum Teil auch etwas bedrückt aussieht. Also, als wir einmal am Wochenende unterwegs waren, ist meine Tochter auf einem Kirmesplatz plötzlich zusammengebrochen und hat nur noch geschrien und hat sich dann auch beim Autofahren nicht beruhigt, erst nach 20, 25 Minuten.“ (17:40)
Klare Gründe sind nicht ersichtlich – der Eindruck von Klaus ist aber, dass die Tochter durch die Mutter einem erheblichen schulischen Leistungsdruck ausgesetzt wird.

Klaus erfährt durch Freunde von Gewalttätigkeiten der Mutter gegen die Tochter, die von der Tochter bestätigt werden. Da er durch die „weiche Tour“ (18:20) – also durch Versuche des Gesprächs mit der Mutter – nichts an der Situation ändern kann, geht er vor Gericht und zudem, anders als die Mutter, zu verschiedenen Beratungsstellen, beides ohne positives Resultat. Die Tochter, mittlerweile acht jahre alt, beginnt wieder einzunässen.

„Ich bin dann gegen Wände gelaufen.“ (19:30) Klaus hat keine Chance, das Sorgerecht zu erhalten, und leidet erheblich darunter, als Vater nicht in der Lage zu sein, sein Kind zu schützen. (19:41) Als  er versucht, das Sorgerecht zu beantragen, erlebt er, dass statt dessen sein Umgangsrecht gerichtlich in Frage gestellt wird. (39:30) Das möchte er nicht riskieren – auch wenn die Umgangsmöglichkeiten fast ohnehin erheblich eingeschränkt sind.

„Da und dort war es auch möglich, Ferien gemeinsam mit meiner Tochter zu verbringen.“ (20:08)

Auch sonst schränkt die Mutter ihn in seiner Vaterschaft erheblich ein,

„weil sie mir die Elternabende nicht gestattet hat (…) und auch ansonsten die Kindergartensphäre möglichst von mir fern hielt“ (20:30)

In der Pubertät der Tochter, etwa mit 13 jahren, entwickelt sie riskante Verhaltensweisen, konsumiert Alkohol zum Teil exzessiv, bleibt über Nacht weg, wird auch körperlich aggressiv, stiehlt – und Klaus macht sich Sorgen darüber, dass sie in eine Drogensucht abrutschen könnte. (21:40) Die Tochter macht auf ihn oft einen verzweifelten Eindruck. Sie sagt deutlich, dass sie beim Vater leben möchte, weil sie es bei ihrer Mutter nicht aushält – der Vater aber kann ihr nur sagen, dass die Gesetzeslage dies nicht erlaubt. (23:10)

Die Tochter schweigt daraufhin – und reagiert gegenüber der Mutter. Nach einer Ohrfeige von ihr schlägt sie die Mutter so, dass diese kurz bewusstlos wird, und tritt noch nach. Die Mutter möchte keine Hilfe, die Tochter flieht in die Nacht zu Freunden. (23:30) Als Resultat der Gewalt gegen die Mutter kommt die Tochter in eine sozialtherapeutische Einrichtung – ein „Wendepunkt“ (24:17) in ihrem Leben.

Ein Wendepunkt ist die Unterbringung der Tochter im Heim wohl auch deshalb, weil nun beide Eltern eingebunden werden und die Mutter den Vater nicht mehr beliebig ausgrenzen kann.

„Für mich war jetzt die Situation, ernst genommen zu werden.“ (38:21)

Der Vater fühlt sich nach der Unterbringung der Tochter im Heim enorm entlastet.

„Was hat meine Tochter denn auch erlebt: einen Vater, der nicht eingreifen kann und schwächlich ist, weil er das Sorgerecht nicht hat.“ (39:14)

Nachdem die Tochter mehrfache Schulwechsel hinter sich hatte, mit 13 Jahren zum Beispiel das Gymnasium verlassen musste, erholen sich ihre Leistungen im Heim. „Viele Ängste lösten sich in Luft auf.“ (40:08) Heute hat die Tochter, die mit 18 Jahren aus dem Heim entlassen wurde, seit einem Jahr eine eigene Wohnung, hat einen stabilen Freundeskreis und ist in der Schule integriert. (41:40) Der Vater will sie weiter unterstützen:

„Schließlich haben wir Glück mit unserer Tochter, weil sie sich der Verantwortung stellt.“ (42:10)


Wer genau ist hier eigentlich das Kind? „Befreiungsschlag ins Leben“ heißt die Sendung passend – wäre die Tochter nicht gewalttätig gegen die Mutter geworden, dann hätte sich in ihrem Leben wohl nichts zum Positiven geändert. An diesem Zusammenhang sind gleich mehrere Aspekte bedrückend.

Einerseits ist deutlich, dass Gesetzgeber, Gerichte und Ämter eine zivile Lösung der Situation systematisch blockierten. Die Tochter äußerte ausdrücklich den Wunsch, beim Vater zu leben – die Möglichkeit dazu aber gab es rechtlich nicht, nicht gegen den Willen der Mutter. Der Vater wiederum war schon vorher gerichtlich eingeschüchtert worden – sein Versuch, das Sorgerecht zu erhalten, zog gerichtliche Drohungen auf Einschränkungen des ohnehin schon begrenzten Umgangs nach sich, ohne dass die Gründe für die Initiative des Vaters überhaupt eine Rolle gespielt hätten.

 
Schließlich erreicht die Tochter, was sie sich offenbar ersehnt hat – sie kommt fort von der Mutter, aber dann in ein Heim und nicht zum Vater. Als ob es vernünftiger wäre, staatliche Gelder für die Unterbringung im Heim zu investieren, als ein Kind bei seinem Vater leben zu lassen.

Andererseits ist die enorme Schutz- und Schonhaltung gegenüber der Mutter auffallend, die hier behandelt wird, als wäre eigentlich sie das Kind, dessen Wohl zu schützen es gelte. Dass die Mutter offenkundig jahrelang die Tochter schlägt, ist irrelevant – dass dann aber die Tochter einmal zurückschlägt, wird von den zuständigen Institutionen so sehr als Skandal empfunden, dass sie nun endlich handeln. Anstatt dass also die Mutter in der von ihr beanspruchten alleinigen Verantwortung für das Kind angesprochen würde, legen Insititutionen regelrecht einen Schutzschirm um sie.

Diese irrationale Schutzhaltung gegenüber Müttern durchzieht viele Auseinandersetzungen um die Kindessorge. Es ist bei Familienanwälten beispielsweise durchaus gängig, Vätern davon abzuraten, mögliche psychische Probleme von Müttern überhaupt bei Ämtern oder Gerichten anzusprechen – es würde ihnen lediglich der Vorwurf gemacht werden, die Mutter schlecht machen zu wollen. Menschen, die vorgeblich professionell mit dem Kindeswohl befasst sind, erklären sich so für unfähig zu entscheiden, ob ein Vater solche Informationen aus gutem Grund oder lediglich zur Belastung der Mutter anführt.

Selbst in der Interviewsituation des Väterradios ist die Mutter noch geschützt. Als „Symptomträger für die Konfliktsituation der Eltern“ (22:55) wird die Tochter dort vorgestellt. Während ein wesentliches Problem der Konstellation ja gerade darin besteht, dass die Mutter auf der alleinigen Verantwortung besteht und der Vater keine rechtlichen Möglichkeiten zum Engreifen hat, wird auch hier die reale Verantwortung säuberlich zwischen beiden Eltern aufgeteilt. Den Konflikt allerdings hätte der Väter nur vermeiden können, wenn er die Gewalt der Mutter gegenüber der Tochter ignoriert hätte –  was nur zeigt, dass keineswegs jede Konfliktvermeidung dem Kindeswohl dient.

Der tief widersprüchlichen, blind unterstützenden Haltung gegenüber der Mutter, die gleichzeitig allmächtig und unendlich schutzbedürftig zu sein scheint, steht eine demütigende Degradierung des Vaters gegenüber. Er erwähnt kurz und freudig, dass er sogar ab und zu Ferien mit der Tochter habe verbringen können – als ob das keine Selbstverständlichkeit sein müsste. Vom Kindergarten wie von Elternabenden wird er durch die Mutter ferngehalten – was für mich als Lehrer regelrecht verrückt erscheint: Wir sind froh über alle Eltern, die zu Elternabenden kommen, und dass eine Mutter die Anwesenheit des Vaters in der Schule überhaupt willkürlich verhindern kann, ist pädagogisch eine schlichte Idiotie.

Wer braucht eigentlich schwache Väter? Einerseits macht diese durch die Rahmenbedingungen erzwungene Schwäche des Vaters nicht nur ihm, sondern auch der Tochter zu schaffen: Wer Väter schwächt, stärkt dadurch eben keineswegs die Kinder. Zugleich führt sie auch dazu, dass Geschichten wie die von Klaus, seiner ehemaligen Partnerin und ihrer gemeinsamen Tochter überhaupt weiterhin möglich sind. Das neue Sorgerecht hat kleine theoretische Möglichkeiten der Änderung geschaffen, aber nicht einmal versucht, die bestehenden Probleme zu lösen.

Klaus hätte eine prinzipiell einfache Möglichkeit gehabt, seine enorm schwache Position zu verlassen und seine erheblich eingeschränkte Autonomie zurückzugewinnen: Er hätte sich nur von seiner Tochter ganz distanzieren müssen. Eben zu dieser Distanzierung werden Väter durch die deutschen Rahmenbedingungen der Ämter und Gerichte regelrecht gedrängt, sobald die Mütter kein Interesse an einer Kooperation haben – und so erleben Institutionen wie der Väteraufbruch auch wieder und wieder, dass Väter zwar kurzzeitig engagiert sind, sich aber zurückziehen, sobald sie für ihre persönliche Situation eine Lösung gefunden haben.

Die Bedingungen des deutschen Familienrechts werden so kaum als strukturelles Problem deutlich, sondern lösen sich in Tausende von Einzelfällen auf, in denen Väter jeweils individuelle Lösungen – oder: Loslösungen – finden müssen. Auch bei Klaus scheint die Notwendigkeit der Distanzierung übrigens deutlich – allerdings nicht als Distanzierung von der Tochter, aber doch in einer sehr distanziert wirkenden, häufig auf einen Nominalstil zurückgreifenden Sprache.

Auffällig ist dabei außerdem, dass das Verhalten staatlicher Institutionen in einem wesentlichen Aspekt dem der beschriebenen Mutter sehr ähnlich ist: Sie beanspruchen in der Ausgrenzung des Vaters eine enorme Verantwortung, die real wahrzunehmen sie tatsächlich kaum bereit oder in der Lage sind. Die erhebliche Einschränkung der Rechte von nichtehelichen Vätern und ihren Kindern wird immerhin mit einem Interesse am Kindeswohl begründet – selbst diejenigen, denen diese Begründung einleuchtet, müssten also einräumen, dass staatliche Institutionen als Konsequenz davon in einer ebenso erheblichen Bringschuld stehen, ihre Verpflichtung gegenüber dem Kindeswohl auch nachzuweisen. Davon kann hier, wie in anderen Fällen, offenkundig keine Rede sein.

Während aber die radikale Schwächung ihrer väterlichen Position für die betroffenen Väter kaum zu ertragen ist, so dass sie Distanz dazu und zu ihren Kindern suchen, verhindert sie zugleich Solidarisierungen durch andere. Der Schmerzensmann ist kein Modell, das zur Identifikation einlädt – zumal Männer, anders als Frauen, sehr schnell der „Jammerei“ oder der Pflege einer „Opferideologie“ bezichtigt werden, wenn sie öffentlich über eigene Leiderfahrungen berichten.

Auch deshalb ist der Ansatz des Väterradio so wichtig: Das Leid, das durch die irrationalen Bedingungen des deutschen Familienrechts produziert wird, deutlich zu machen und so, unter anderem, dem blind-sexistischem Aufschrei-Gerede über Sexismus ein Gegengewicht zu bieten. Es ist aber eben auch wichtig, zugleich plausibel werden zu lassen, dass dieses Leid das Resultat von allgemeinen inhumanen Strukturen ist, die geändert werden können und werden müssen.

Rechte Kerle: Rosenbrock, Gesterkamp, Kemper

„Sollte man mit den Männerrechtlern oder nur über sie reden? Die Debatte darüber hat gerade erst begonnen.“

Eine seltsame Debatte: als ob es in einer Demokratie normal wäre, zunächst einmal langwierig zu diskutieren, ob bestimmte Gruppen überhaupt zur Diskussion zugelassen werden dürften. Der Autor, der hier über „Männerrechtler“ so schreibt, wie sonst ein wohlmeinender Rassist auch über Schwarze schreiben könnte, ist Thomas Gesterkamp in seinem berüchtigten Text „Geschlechterkampf von rechts“, den er für die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung verfasst hat. An anderer Stelle verlangt er explizit einen „cordon sanitaire“ in der Geschlechterpolitik  – eine boshafte Metapher, die aus der Seuchenbekämpfung stammt und die daher implizit den Einsatz für Männer- und Jungenrechte mit einer schwerwiegenden und gefährlichen Krankheit vergleicht.

Gesterkamps Einseitigkeit, mit der er die Männerrechtsbewegung manipulativ als rechts oder rechtsradikal denunziert, und die gleiche Einseitigkeit seines grünen Pendants Hinrich Rosenbrock in dessen Schrift über die „Antifeministische Männerrechtsbewegung“ sind schon häufig zitiert, die Unseriosität dieser Darstellung von Männerrechtlern ist schon gründlich klargestellt worden. Ein ebenso wichtiger Aspekt lässt sich dabei allerdings leicht übersehen: Gesterkamp, Rosenbrock und in ganz ähnlicher Weise auch Andreas Kemper hantieren nicht nur mit bestimmten Konstruktionen von (männerrechtlichen) Männern, sondern als Pendant dazu auch mit denen von (feministischen) Frauen.

Ich habe mir also einmal angeschaut, mit welchen Vorstellungen von Frauen Rosenbrock, Kemper und Gesterkamp hantieren, und finde das Ergebnis sehr interessant: Die Frauen-Phantasien von Rosenbrock und co sind so verhärtet, erstarrt und reaktionär, dass das gern verbreitete Bild der „rechten Kerle“ auf der Seite der Männerrechtsbewegung und das Selbstbild als moderne, emanzipatorisch orientierte Männer sich nicht ansatzweise halten lässt. Wesentlich angemessener wäre die Situation eben umgekehrt beschrieben.

Gesterkamps Geschlechterkampf Die „Netzwerke“ der Männerrechtsbewegung würden die „Errungenschaften der Frauenbewegung“ (S. 4) in Frage stellen, stellt Gesterkamp gleich zu Beginn seines Textes fest und formuliert damit schon ein Leitmotiv seiner Darstellung feministischer Positionen. Dass diese Positionen so wie andere auch, sei es mit guten oder schlechten Gründen, kritisiert, angegriffen oder revidiert werden könnten, erscheint so schon an sich als skandalös.

Tatsächlich geht es also nicht um einen Austausch von Argumenten, Erfahrungen und Positionen, von dem alle profitieren könnten, sondern um eine kämpferische Auseinandersetzung gegnerischer Gruppen, in der ein Raumgewinn der einen nur ein Verlust der anderen sein kann – ein illegitimer Verlust zudem, da die „Errungenschaften“ des Feminismus außer Frage stehen.

Dem tiefschwarzen – oder genauer: tief gebräunten – Bild von der Männerrechtsbewegung, das Gesterkamp für die SPD-Stiftung in diesem holzschnittartigen Gut-Böse-Muster entwirft, steht in ein irreal lichtes und strahlendes Bild von (feministischen) Frauen gegenüber. Wenn Männerrechtler von Gleichberechtigung sprechen, dann ist das hier selbstverständlich lediglich eine „Rhetorik der Gleichheit“ (nach Ilse Lenz, S. 5), tatsächlich sei diese Gleichheit weiterhin durch die „hegemoniale Männlichkeit“ (5) bedroht.

Männer würden „Opfermythen“ spinnen und sich als Benachteiligte präsentieren (5), aber auch wenn eine junge Migranten schulische Unterstützung gebrauchen könnten, stellt Gesterkamp ohne weitere Begründung – und als sei es auch gar nicht begründungsbedürftig – ausgerechnet im Kontext der Bildungsnachteile von Jungen klar:
„Das aber macht Frauen- und Mädchenförderung an Schulen und Hochschulen, in Unternehmen und Institutionen keineswegs überflüssig.“ (4)

Frauen und Mädchen sind also nicht nur diejenigen, die Förderung brauchen, sondern auch vordringlich diejenigen, die der Förderung Wert sind. Warum?

Die umfassend belegte These, dass auch Frauen in Beziehungen in ähnlichem Maße wie Männer Gewalt ausübten, führt Gesterkamp zwar an – aber lediglich als Position, mit der sich der von ihm kritisierte Professor Gerhard Amendt „eher in einem anderen politischen Spektrum“ als dem linksliberalen „verortet“ hätte (11). Ohne auch nur die Frage zu stellen, ob und wie die These von weiblicher Gewalt sachlich begründet ist, interpretiert Gesterkamp sie ohne weitere Diskussion als Ausweis rechter Gesinnung: Allein schon der Gedanke, dass auch Frauen gewalttätig sind, ist anstößig.

Wenn Gesterkamp Männern Opfererfahrungen zugesteht, dann folgerichtig nur als Opfer anderer Männer (16). Bezeichnend ist seine Darstellung der Position von Amendt, dem er schlicht eine blindwütige Gegnerschaft gegen Frauenhäuser unterstellt. Tatsächlich hat Amendt statt Frauenhäusern Zentren gegen familiäre Gewalt gefordert, zu denen alle Geschlechter Zugang hätten, und dies plausibel begründet:

„Wir gehen davon aus, dass Frauen die Gewalt so ähnlich wie ihr Partner erlebt haben: nämlich als vom Manne ausgehend. (…) Nur, was ist dann noch Wahrheit, wenn beide sich gegenseitig beschuldigen, die Gewalt begonnen zu haben? Beide Aussagen sind subjektive Wahrheiten. Beide lügen – zumeist – nicht. Aber beide können in ihrer jeweiligen Gekränktheit anders als den guten Zeiten sich nicht mehr darüber verständigen. Sie schweigen sich einander tot oder schreien sich an. Hier können Ehe- und Familienberater helfen, Sprachzerstörung zu überwinden.“

Einfach formuliert: In Amendts Augen wird eine Gewaltdynamik in Familien eben dadurch befeuert, dass männliche wie weibliche Beteiligte jeweils nur die anderen als gewalttätig wahrnehmen, für die eigene Gewalttätigkeit aber keinen Blick haben oder sie wohlwollend umdeuten. In diesem Sinne würde dann eben tatsächlich eine feministische Deutung, die Gewalt prinzipiell als männlich definiert, zur Gewaltdynamik beitragen, anstatt sie aufzuhalten.

Das ist – ob er ihr folgt oder nicht – grundsätzlich eine sachliche These, die Gesterkamp im Zusammenhang seiner Auseinandersetzung mit Amendt  eigentlich darstellen müsste, anstatt sich lediglich auf dessen polemische Zuspitzungen zu konzentrieren. Dafür allerdings müsste er auch Abstriche vom idealisierten Bild der Frau als gewaltloses Opfer männlicher Gewalt machen und eine ambivalentere Darstellung ermöglichen.

Statt dessen beschränkt er sich darauf, wohlwollend zu erwähnen, dass Frauenaktivistinnen Amendts Teilnahme am Männerkongress 2010 in Düsseldorf zu verhindern versucht hätten – ohne Hinweis darauf, dass dieser Widerstand unter anderem aus Drohungen gegen Amendt bestand, nach denen er auf dem Kongress nur noch mit Leibwächtern auftreten konnte.

Die Frau als frag- und begründungslos unterstützungsbedürftig, als unschuldig und gewaltlos, aber als potenzielles Opfer männlicher Gewalt – diese klinisch reine und irreal eindeutige Phantasie von Frauen wird bei Hinrich Rosenbrock noch weiter ins Absurde getrieben.

Väterausgrenzung als Frauendiskriminierung, Wehrpflicht als Privileg: Rosenbrock entdeckt das doublethink Bei Rosenbrock fehlt ebenso wenig wie bei Gesterkamp der pflichtgemäße Hinweis auf die angeblichen 23 % des Gender Pay Gap (Gesterkamp S. 5, Rosenbrock S. 28), und selbstverständlich besteht er darauf, dass dieser Unterschied nicht durch „individuelles Wahlverhalten“, sondern durch „strukturelle Zwänge“ zu erklären sei. Diese strukturellen Zwänge entdeckt Rosenbrock natürlich unter anderem in der traditionellen familiären Rollenaufteilung – das Sorgerecht, das Müttern die begründungslose Ausgrenzung von Vätern erlaubte, versteht er allein im Rahmen einer neopatriarchalen „Frauendiskriminierung“ (30), weil es dem „vorherrschenden Mutterbild“ entspreche (so wie er übrigens auch die männliche Wehrpflicht als traditionelles „Vorrecht des vollen Bürgers“ beschreibt, S. 29).

Ganz gewiss seien die Probleme des Sorgerechts

„nicht dem Feminismus zu Last zu legen (…), wie die Antifeministen das tun.“ (30)

Kein Wort davon, dass die reaktionären Strukturen des deutschen Familienrechts und der Ausgrenzung der Väter wesentlich der Lobbyarbeit solcher Organisationen wie dem VAMV, der de facto ein Mütterverband ist, zu verdanken ist – und dem Widerstand, der insbesondere von Frauen in den rot-grünen Fraktionen fairen Neuregelungen des Sorgerechts entgegengebracht wurde – und auch kein Wort davon, dass die Ausgrenzung von Vätern von Feministinnen als „Befreiung“ (Anita Heiliger) verkauft wurde. Selbst noch in massiven Privilegien erscheinen Frauen bei Rosenbrock allein als unschuldige Leidtragende einer umfassenden patriarchalen Gewalt, die gerade erst abgebaut werde.

Den Gedanken, dass auch Männer und Jungen gesellschaftlich benachteiligt werden können, tut er hingegen als „Opferideologie“ ab. Doch selbst für diese Monopolierung des Opferstatus müssen Feministinnen bei ihm keine Verantwortung übernehmen: Sie hätten sich vielmehr

„erfolgreich gegen die Stereotypisierung von Frauen als Opfer zur Wehr gesetzt“ (8).

Noch in der Monopolisierung des Opferstatus stehen (feministische) Frauen so als unschuldige Opfer da, denen dieser Status von machtbewussten Männern aufgedrängt worden sei, die aber zum Glück gelernt hätten, sich zu wehren.

Problematische Aspekte sind im Feminismus nicht zu entdecken – ein bemerkenswerter Sonderfall unter den politischen und sozialen Bewegungen aller Zeiten. Rosenbrock betont beispielweise mehrmals (S. 14, 36, 68), wie übrigens unisono auch Andreas Kemper (hier, Kommentar 26.6., 3:16), dass die feministische Faschistin Valerie Solanas im deutschen Feminismus nie eine Rolle gespielt habe.

Richtig ist daran, dass Solanas‘ wonnevolle Phantasie einer fabrikmäßigen Ermordung aller Männer nie den Stellewert eines politischen Programms für viele hatte – aber einflussreich war ihr Text SCUM, das „Manifest der Gesellschaft zur Vernichtung der Männer“ gleichwohl. Seit 1969 hat es immer wieder neue Auflagen der deutschen Übersetzung gegeben (in Internet-Antiquariaten lassen sich Auflagen folgender Jahre zusammentragen: 1969, 1970, 1975, 1983, 1984, 1990, 1996, 1997, 2010), der Text erschien unter anderem in so renommierten Verlagen wie dem Rowohlt-Verlag (1983), bei zweitausendeins (1975) oder ursprünglich im März-Verlag.

Zum Vergleich: Die deutsche Übersetzung eines der wichtigsten geschlechterpolitischen Texte der letzten Jahrzehnte, „The Myth of Male Power“ von Warren Farrell, der von Rosenbrock zurecht als eine wichtige Inspiration der Männerbewegung angeführt wird, erschien gerade zwei Mal, jeweils bei zweitausendeins: einmal 1980, einmal in einer Neuauflage 1995. Seitdem ist „Mythos Männermacht“ nur noch über Antiquariate zu beziehen.

Zudem ist Solanas ein selbstverständlicher Referenzpunkt. Eine der bekanntesten feministischen Bloggerinnen, Nadine Lantzsch von der vor einigen Jahren für den Grimme Online Award vorgeschlagenen „Mädchenmannschaft“, bezieht sich beispielsweise regelmäßig ohne Berührungsängste und auch ohne weiteren Anlass auf sie, etwa in beiläufigen Twitter-Nachichten.

„wecke die Valerie Solanas in dir.“
  oder:
Valerie Solanas hätte zur Verhütungsfrage sicher eine schnelle und effektive Antwort parat gehabt. Kchkchkch.“

Interessant ist eben nicht allein die Häme, mit der sie Solanas‘ Massenmord-Phantasien heranzieht, sondern vor allem, dass keine weitere Erklärung nötig ist: Lantzsch kann sich darauf verlassen, dass viele ihrer Leserinnen wissen werden, was gemeint ist. Solanas ist tatsächlich nie eine feministische Chefideologin gewesen, aber sie ist ein feministischer Pop-Star. Dass sie niemals eine Rolle gespielt habe, bedeutet lediglich, dass es im deutschen Feminismus niemals eine Auseinandersetzung mit der Frage gab, warum Gewaltphantasien wie die ihre immer wieder eine so große Anziehungskraft besaßen.

Diese Sachverhalte ehrlich zu erwähnen, hätte allerdings nicht nur die ohnehin auf sehr wackligen Beinen stehende Diffamierung der Männerbewegung als „rechtsradikal“ oder gewaltnah erschwert, sondern auch das reine, idealisierte Bild des Feminismus zerstört. Und das von Frauen.

Links blinken und dann die katholische Kirche rechts überholen Es ist keineswegs begehrenswert, im Kosmos von Rosenbrock und co eine Frau zu sein: So rein, so jenseits aller Ambivalenzen kann kein  vernünftiger Mensch vernünftig leben. Weibliche Ausnahmen sind bei den Autoren lediglich feminismuskritische Frauen wie Monika Ebeling oder Esther Vilar, doch ansonsten sind die Frauenphantasien in den Texten Rosenbrocks, Gesterkamps oder auch Kempers noch eindimensionaler als die der katholischen Kirche. Dort steht der reinen Jungfrau Maria immerhin noch die Sünderin Eva gegenüber – natürlich ein erheblich simplifizierender Dualismus, der aber immerhin noch mehr Spielräume schafft als die Reduzierung auf die reine Jungfrau allein.

Es wäre sicherlich psychologisch interessant zu erörtern, welches Interesse Männer daran haben können, Frauen rundweg und zwanghaft anmutend als rein, gut, human, aber eben auch als harmlos, gewaltunfähig und schutzbedürftig zu imaginieren. Interessanter aber sind die politischen Implikationen.

Wer Frauen menschlicher, also auch – wie Männer – als ambivalent betrachtet, macht sich in dieser Perspektive sogleich der Frauenfeindschaft oder gar des Frauenhasses verdächtig: Die rückhaltlose Idealisierung kennt als Gegenstück eben allein die Dämonisierung. So wird jeder Versuch einer Debatte sogleich in simplen Freund-Feind-Mustern festgezurrt, in denen sich die Protagonisten dieses reaktionären feministischen Geschlechterbildes selbst ausgerechnet die Rolle der progressiven Kämpfer für die menschliche Freiheit zuschreiben.

Dass die Männerbewegung nicht emanzipatorisch sein kann, beweist Andreas Kemper in einer simplen Klipp-Klapp-Logik: Da Männer aggressiv herrschten, die Männerbewegung sich also mit den Aggressoren identifiziere, könne sie per definitionem nicht emanzipatorisch sein.

Tatsächlich sind es, um auch einmal ein großes Wort dagegen zu setzen, wesentliche Leistungen der Moderne, die hier preisgegeben werden: Die Universalität und die Unteilbarkeit der Menschenrechte – die Einsicht, dass die Wahrnehmung von Menschen in ihren Ambivalenzen humaner ist als ihre Festlegung auf Eindeutigkeiten – und die Überzeugung, dass es Menschen zumutbar sei, Gesellschafts- und Herrschaftsstrukturen in ihrer Abstraktheit und Unübersichtlichkeit wahrzunehmen.

Dass Männer- und Jungenrechte auch Menschenrechte seien, wird bei Rosenbrock bestenfalls pro forma einmal erwogen – für ihn geht es der Männerbewegung selbstredend um männliche Vorrechte, nicht um Menschenrechte (S. 8). Tatsächlich spielen Verletzungen von Männer- oder Jungenrechten in den hier diskutierten feministischen Entwürfen keine erwägenswerte Rolle, da Männer ohnehin als Herrscher imaginiert werden und an Verletzungen ihrer Rechte, soweit es sie denn gibt, selbst die Verantwortung tragen.

Herrschaftsstrukturen hingegen werden personalisiert, was nicht passt, wird passend gemacht – Herrschaft erscheint als Herrschaft der Männer, an der in irgendeiner Weise beinahe jeder einzelne Mann beteiligt ist. Die für moderne Gesellschaften so typische Unüberschaubarkeit lässt sich so in handhabbare Freund-Feind-Strukturen herunterrechnen.

Das sind tief reaktionäre Strukturen, die den wichtigen Zumutungen der Moderne eine strikte Gruppenmoral entgegensetzen. Es sind wohl zur Zeit allein feministische Vorgaben, die Möglichkeiten bereitstellen, solch reaktionäre Positionen in herrschaftskritische, zukunftsweisende Ansätze umzudeuten.

Wenn also weiterhin ein cordon sanitaire um männerrechtliche Forderungen gelegt wird, wenn etwa die SPD verspricht, dass „die antifeministische Männerrechtsbewegung“ – eine von Rosenbrock übernommene Chiffre für männerrechtliche Forderungen, die sich nicht feministisch beglaubigen – „keinerlei Zugang“ erhalten werde, dann geht es dabei keineswegs darum, dass diese Forderungen etwa maßlos oder irrational wären: Sie werden ja demonstrativ abgelehnt, ohne überhaupt angehört worden zu sein.

Der cordon sanitaire hat lediglich die Funktion, vorgeblich linken Parteien die Möglichkeit zu geben, mit ihren Widersprüchen zwischen einem reaktionären Verständnis der Geschlechter und einem progressiven Selbstverständnis leben zu können, ohne diese Widersprüche überhaupt wahrnehmen zu müssen. Das aber wäre nicht möglich, wenn sie eine offene, demokratische Debatte zulassen würden.

Milgram, Domino und die seltsame Sehnsucht nach Stalingrad

Ich war in der vergangenen Woche auf Klassenfahrt und habe die Aufregung um das Domino-Fake (oder auch die Überlegungen um ein Domino-Fake-Fake) nur am Rande erlebt. Nicht nur deshalb hatte sie etwas ausgesprochen Unwirkliches. Es mag ja unplausibel sein, dass eine Werbeagentur in einen Blog und Twitter-Account investiert, um ein feminismuskritisches Model vorzutäuschen, das gar nicht existiert, bzw. das durchaus existiert, aber eben nicht feminismuskritisch ist – wofür? Als ich zum ersten Mal eine Nachricht davon las, dass „ochdomino“ ein Fake sei, hielt ich diese Idee regelrecht für krank – als ob es eine Frau, die durch Feministinnen bedroht wird, ganz einfach nicht geben dürfe.

Es ist allerdings müßig, darüber zu diskutieren – der Hauptverantwortliche, Michael Schwarz, der sich als Dominos Vater ausgegeben hatte, hat diese Version bestätigt. Die vielen, die sich nach den tatsächlichen oder vermeintlichen Drohungen gegen seine tatsächliche oder vermeintliche Tochter solidarisch erklärt hatten und die er getäuscht hat, hätten zwar eine etwas plausible Erklärung verdient – aber die wird es möglicherweise nie geben und ist sicherlich für Einzelne von Interesse, aber ansonsten verzichtbar.

Da es Domino nach Schwarz‘ eigener Darstellung gar nicht gegeben hat, kann ihre Geschichte – abgesehen von dem Schaden, der durch die Vortäuschung einer Bedrohungs-Situation natürlich entstanden ist – nun immerhin ganz ähnlich wie das Milgram-Experiment interpretiert werden. Dessen Ergebnisse sind schließlich aussagekräftig, auch wenn dort keine echten Stromstöße verteilt wurden. So ist denn auch die Domino-Geschichte auslegbar wie ein Experiment: Wie reagieren die verschiedenen Akteure geschlechterpolitischer Auseinandersetzungen auf die Information, dass eine junge feminismuskritische Frau nach der Anprangerung durch eine der Aufschrei-Protagonistinnen erhebliche Drohungen erhalten und daraufhin (panisch? eingeschüchtert?) sogar ihr Blog geschlossen hat?


Maskus im Kessel (und weitere Beiträge zu einem friedlichen Zusammenleben) Unübersehbar, selbst bei gelegentlicher Stippvisite, war die ungeheure Häme, mit der Feministinnen (generisches Femininum) auf die Eröffnung reagierten, die junge bedrohte Frau sei nur ein Fake gewesen – wobei nicht ganz klar ist, wieso diese Eröffnung eigentlich ein Sieg des Feminismus gewesen sein sollte. Glücklicherweise hatte ich es in der vergangenen Woche weitgehend mit Sechstklässlern zu tun, und die sind, angesichts vieler twitternder Politiker, Journalisten und anderer, vergleichsweise erwachsen, vernünftig und human.
Julia Schramm, eine der Gründerinnen des feministischen „Kegelclubs“ der Piraten, delirierte zum Beispiel vor Freude, wähnte sich im Zweiten Weltkrieg und twitterte:
„Stalingrad der Maskus“.
Der Blogger und Journalist Michael Seemann, der unter anderem für Zeit-Online und SPEX schrieb, kämpfte überzeugend und entschlossen gegen den Hass im Internet:
„maskus sind auf immer diskreditiert. ideologische dummbratzen, die menschenverachtenden hass mit brachialer idiotie verbinden“.
Das sind unbekümmert infantile Reaktionen angesichts einer Situation, bei der es ja völlig angemessen war, sie ernst zu nehmen. Frau Dingens hingegen sieht durch den Domino-Fake ihre Freiheit im Internet bedroht:
„Ich bin nicht frei, wenn ich hinter jedem wirren Account wieder einen Psychopathen Typen vermute, der sich als Frau ausgibt um ungehemmt gegen Feministinnen hetzen zu können.“
Nun ist es ja nicht an sich wirr, an feministischen Positionen Kritik zu üben, und Hetze ist es auch noch nicht. Dass wiederum eine Person, die im Internet als Frau auftritt, tatsächlich ein Mann sein könnte (und umgekehrt), mag ärgerlich sein, aber gewiss keine erschütternde Neuigkeit. Für Frau Dingens ist er zudem  eher stabilisierend als verunsichernd: Der Skandal, dass eine Frau feministische Positionen kritisiert, kann fortan durch die Vermutung entschärft werden, dass eigentlich ein Mann dahinter stecke.
„Ich dachte an ochdomino und dem fast erfolgreichen Versuch eines Maskulinisten mithilfe des anonymen Internets den Feminismus zu diskreditieren“,
schreibt wiederum Seemann in seinem Blog. Schließlich hat sich der Feminismus zuvor noch nie diskreditiert, nicht durch Massenmordphantasien, nicht durch eugenische Wunschträume der Reduzierung der männlichen Bevölkerung auf zehn Prozent, nicht durch Drohungen oder Angriffe gegen Kritiker.
 
Auch Seemanns Bedenken angesichts des anonymen Internets sind also an dieser Stelle grundlos. Nicht Michael Schwarz‘ verantwortungslose Fakes haben Feministinnen ein Image-Problem bereitet, sondern sie selbst: in der abwehrend-kalten Reaktion auf den Hinweis, es habe nach Stricks Vortrag massive Drohungen gegeben – und natürlich auch in den verrückt-triumphierenden Reaktionen auf die Nachricht vom Fake.
Deutlich wurde dabei immerhin, und das ist ein interessantes Resultat, dass Feministinnen sich weiträumig vom Definitionsmacht-Konzept verabschiedet haben – also von der Vorstellung, eine gewalthaltige Situation könne angemessen nur aus der Sicht des Opfers definiert werden. Schließlich äußerten viele schon vor den Zweifeln an Dominos Identität Zweifel an der Stichhaltigkeit der Drohungen gegen sie. Wer unter diesen Umständen noch am DefMa-Konzept festhalten will, muss schon erklären, warum die Definitionsmacht nicht nur nicht allein den Opfern, auch nicht allein weiblichen Opfern, sondern allein feministischen weiblichen Opfern zustehe.
 
Beton, institutionalisiert Noch ein weiterer Aspekt der Domino-Geschichte bleibt nach der Fake-Nachricht bedeutsam: Der Vortrag Jasna Stricks hat ungehemmt demagogisch mit Freund-Feind-Strukturen hantiert, aber ohne die Infrastruktur der Piratenpartei wäre er lediglich ein gnadenlos vereinfachendes, in der Art der Darstellung oft unbeholfenes, handwerklich schwaches Referat gewesen. Problematischer als einzelne Personen, so verhetzt und verhetzend sie auch agieren mögen, ist die institutionelle Hilfe, die sie unbekümmert erhalten.
Das ist auch anderswo in ähnlicher Weise wichtig. Ein Beispiel ist der NDR, der von „organisiertem Frauenhass im Netz“ spricht, dazu natürlich passend Hinrich Rosenbrock interviewt, der erwartbar und ganz auf Stricks Linie von maskulistischen Gruppen phantasiert, die quer durch das Netz gegen kritische Frauen pöbelten. Auch der NDR veröffentlicht sachliche Kritik nicht und beruft sich dann darauf, dass sie „hasserfüllt“ sei.
 
Diese vertraute Gleichsetzung von Hass und Kritik ist Ausdruck desselben Freund-Feind-Denkens, das auch Stricks Vortrag prägt – „Wer nicht für mich ist, ist gegen mich, ja: hasst mich.“ – , doch wenn ein großer gebührenfinanzierter Sender dieses demagogische Muster übernimmt, dann ist dies natürlich deutlich gravierender als der Vortrag einer einzelnen Faserpiratin.
Ein anderes Beispiel für die selbstverständliche institutionelle Übernahme dieser Freund-Feind-Strukturen ist die universitäre Praxis, für die Annahme wissenschaftlicher Arbeiten die sogenannte „geschlechtergerechte Sprache“ zur Bedingung zu machen (auf dieses Beispiel hat mich übrigens Anatol Stefanowisch gebracht, der freundlicherweise in diesem Blog kommentiert hat).
 
Dass die herkömmliche deutsche Sprache Frauen ausschlösse und die „geschlechtergerechte Sprache“ dies ändere, ist ein Glaubenssatz, keine belegte Annahme. Die Forderung nach sprachlicher Geschlechtergerechtigkeit in universitären Arbeiten ist also schlicht die Forderung, die richtige Gesinnung auszuweisen. Der wissenschaftliche Wert einer Arbeit gilt in dieser offenkundig irregulären, aber auch offenbar verbreiteten Praxis so lange als irrelevant, so lange dieser Ausweis nicht erfolgt ist.
 
Gibt es einen Feminismus mit menschlichem Antlitz? Im Domino-Fake haben sich Männerrechtler wohl ein Mittel erhofft, gegen die institutionengestützte Abwehr ihrer Anliegen ein Mittel zu finden und das in feministischen Positionen wieder und wieder funktionalisierte Damsel-In-Distress-Motiv auch einmal gegen feministische Verhärtungen zu wenden. Das ist in meinen Augen geschlechterpolitisch der wichtigste Aspekt dieser Episode:
Anstatt auf der Bedeutsamkeit des Lebens von Männern und Jungen zu bestehen, sollten  männerrechtliche Anliegen am Beispiel einer offenbar bedrohten jungen Frau verhandelt werden. Selbst eine gefakte Zwanzigjährige hat in diesem Sinn einen höheren Diskurswert als ein realer Mann oder Junge – es ist nicht verwunderlich, dass Betonfeministinnen diese Konstellation mit Häme und Triumphgesten begleiten, obwohl sie sich dabei, sachlich betrachtet, wesentlich nachdrücklicher bloßgestellt hatten als Männerrechtler.
Auch im Hinblick auf die Frage, wie bedeutsam das Leben von Männern und Jungen eigentlich ist,  ist das Milgram-Experiment relevant: Nach neueren Untersuchungen dazu ist nicht allein die Autoritätshörigkeit von Menschen dafür verantwortlich gewesen, dass sie bereit waren, andere mit (vorgetäuschten) Stromstößen zu quälen – sondern auch die Überzeugung, für eine gute Sache zu arbeiten.
Gewalt entsteht, wenn Bösartiges als tugendhaft dargestellt wird“.
Es ist eine erhebliche Gewalt, die durch die in der Domino-Diskussion abermals deutlich werdenden betonierten Freund-Feind-Muster ebenso verdeckt wie produziert wird.
Beim Väteraufbruch habe ich Situationen kennengelernt, die ich bis vor wenigen Jahren nur in einer inhumanen Diktatur für möglich gehalten hätte, ganz gewiss nicht in einem demokratischen Rechtsstaat. Ich weiß von Vätern, die voll arbeiten, zugleich durch die Unterhaltszahlungen finanziell ruiniert sind und die gleichwohl ihre Kinder seit Jahren nicht mehr sehen konnten – ohne dass ihnen irgendjemand etwas vorzuwerfen hätte.
 
Ich weiß von Vätern, die wissen, dass ihre Ex-Frauen gemeinsame Kinder verprügeln, die aber erleben, dass sich in den zuständigen Institutionen niemand dafür interessiert und dass sie noch um ihre Umgangskontakte fürchten müssen, wenn sie allzu deutlich gegen das Verhalten der Mütter Stellung beziehen. Die Liste ließe sich fortsetzen: Es sind keine Einzelfälle, sondern Resultate einer allgemeinen Praxis, die prinzipiell unendlich viele solcher Fälle produzieren kann.
Es sind eben auch solche Väter, oder Männer in anderen bedrückenden Situationen, die – sobald sie es wagen, den Mund aufzumachen – von institutionengeschützen Betonfeministen als „Maskutrolle“ beschimpft und verhöhnt werden, auch als „Hater“, als Nazis, als „Dummbratzen“ und Idioten.
Wer diesen dehumanisierenden Feminismus kritisiert, bekommt gewöhnlich zur Antwort, dass es doch DEN Feminismus gar nicht gäbe und dass die feministischen Anliegen doch nicht allgemein durch Fanatiker diskreditiert werden dürften. Wo aber ist er denn dann eigentlich, der „andere“ Feminismus, der Feminismus mit menschlichem Antlitz, dem es um Gleichberechtigung geht und nicht um weibliche Privilegien – der ein ziviles Zusammenleben der Geschlechter anpeilt, anstatt einen Kriegszustand herbeizufantasieren – der nicht prinzipiell davon ausgeht, dass geschlechtsbedingte Benachteiligungen allein Frauen treffen könnten – und der sich mit der Gewaltverliebtheit vieler feministischer Konzepte kritisch auseinandersetzen würde?
Weithin erkennbar ist lediglich ein Feminismus, der kein nennenswertes intellektuelles Konzept und keine moralische Überzeugungskraft, sondern lediglich gute Kontakte in öffentliche Institutionen besitzt. Dieser institutionengestütze Betonfeminismus – mit seiner Fetischisierung des weiblichen Opfers und seiner Ignoranz gegenüber männlichem Leid, mit seinem darauf basierenden Gerede von „Patriarchat“ und „hegemonialer Männlichkeit“, mit seinen festen Freund-Feind-Mustern, die zwischen sachlicher Kritik und gefährlichem Hass nicht unterscheiden können, und mit seiner festgezurrten Überzeugung, dass immer nur die anderen gewalttätig und hasserfüllt sind – dieser institutionengeschützte Betonfeminismus basiert auf nichts anderem als allein auf der primitiven und inhumanen Überzeugung, dass männliches Leben weniger Wert sei als weibliches.