Deutschland

Was haben die Grünen eigentlich für ein Problem?

Bild zeigt eine Sonnenblume.
geschrieben von: Lucas Schoppe
Eigentlich könnten die Grünen aus dem Alptraum aufwachen und feststellen, dass alles halb so schlimm war: Niemand, der in den politischen Debatten Deutschlands eine Rolle spielt, bezweifelt ernsthaft das Urteil der Wissenschaftler Franz Walter und Stefan Klecha, dass
„Bündnis 90/Die Grünen schließlich mit ihrer Vergangenheit unwiderruflich gebrochen“
und sich von den Forderungen nach einer Straffreiheit für Pädophilie klar distanziert hätten.
Im Spiegel verteidigt ausgerechnet Jan Fleischhauer in seinem „Schwarzen Kanal“ Daniel Cohn-Bendit angesichts von dessen Äußerungen zur enormen erotischen Wirkung fünfjähriger Mädchen und seinen angeblichen pädophilen Erfahrungen als Kindergärtner.
„Man muss (…) irgendwann zur Kenntnis nehmen, dass sich trotz intensiver medialer Nachforschung bislang nicht ein Opfer gemeldet hat, das angibt, von Cohn-Bendit als Kind belästigt worden zu sein. Wer den Unterschied zwischen losem Reden und wirklichem Übergriff nicht mehr gelten lässt, begibt sich auf den Weg ins Totalitäre.“
Bei Anne Will verhalten sich auch politische Gegner der Grünen spürbar zurückhaltend angesichts der Diskussionen um die frühere grüne Unterstützung pädophiler Forderungen nach Straffreiheit:
„Kubicki gestand, er tue sich schwer damit, den hart in die Kritik geratenen Jürgen Trittin in dieser Sache anzugreifen. Und Bosbach erklärte unumwunden und glaubhaft, dass er nicht daran denke, nun den Rücktritt des Grünen-Spitzenmanns zu fordern.“
Dafür, dass Trittin presserechtlich verantwortlich war für die Aufnahme solcher Forderungen in das Kommunalwahlprogramm der Göttinger Grünen Liste im Jahr 1981, erhält er Unterstützung vom Beauftragten der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, der fordert, es müsse
„in Ruhe und losgelöst vom Wahlkampf und von populistischen Forderungen entschieden werden, wie man auf die Opfer angemessen und sensibel zugeht.“
Warum also haben die Grünen noch immer ein Problem mit der Affäre?

Schwierigkeiten mit den Freunden Es gibt natürlich Unterstützer der Partei, die das Wirken „von Kräften (…), die mit der angeblichen Pädophilen-Affäre den Grünen nachhaltig schaden wollen“, wittern. Die Flucht in ein Freund-Feind-Denken, die Folgen des eigenen problematischen Verhaltens auf das Konto der Böswilligkeit anderer bucht, wird der Situation allerdings allzu offenkundig nicht gerecht. Wer so argumentiert, übersieht etwa, wie nachhaltig die Affäre auch diejenigen unter Zugzwänge setzt, die ganz gewiss kein Interesse daran haben, den Grünen zu schaden.

Ein Beispiel sind die Göttinger Politikwissenschaftler Franz Walter und Stephan Klecha, die von den Grünen über die Böll-Stiftung bekanntlich mit der Untersuchung ihrer pädophilen-freundlichen Vergangenheit beauftragt wurde – offenkundig in der Hoffnung, dass die Partei so sich selbst ein Interesse an der Aufdeckung dieser Vergangenheit attestieren und zugleich das Thema aus dem Wahlkampf heraushalten kann.

Möglicherweise hätte es gute sachliche Gründe gegeben, die Informationen über Trittins pressrechtliche Verantwortung erst zu veröffentlichen, wenn der Kontext gründlich geklärt ist – wenn beispielsweise Klarheit über die  Kontakte zwischen Grünen und Pädophilen-Vertretern in Niedersachsen bis kurz vor der rot-grünen Übernahme der Landesregierung unter Schröder und Trittin geschaffen worden wäre.  Hätten aber Walter und Klecha mit der Veröffentlichung noch länger gewartet, dann hätten sie damit ihre Reputation als unabhängige Wissenschaftler gefährdet und den plausiblen Vorwurf auf sich gezogen, wesentliche Informationen bis nach der Wahl zurückgehalten zu haben.

Ganz ähnlich ist die Situation der taz, die schon einen grünen-kritischen Artikel von Christian Füller, taz-Journalist und einer der renommiertesten Bildungsjournalisten Deutschlands, aus dem Blatt gekippt hatte. Hätte die Zeitung nun abermals wichtige, für die Grünen problematische Informationen zurückgehalten, dann hätte sie damit auch noch ihre kleinen Restbestände an journalistischer Unabhängigkeit aufgegeben. Das übrigens hilft Füller selbst nicht, der in der taz offenbar kaltgestellt wurde und der seinen Text schließlich mit kleinen Änderungen in der Frankfurter Allgemeinen veröffentlichte.

Die Grünen, so scheint es, haben weniger Probleme mit ihren Feinden als mit Freunden, die vom Umgang der Partie mit dem Pädophilie-Skandal selbst in schwierige Situationen manövriert werden. Diejenigen politischen Gegner hingegen, die tatsächlich harte Vorwürfe an Grüne richten, machen eine Gegenwehr eigentlich leicht. Ein Beispiel ist der CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt, der Jürgen Trittin zum Rückzug auffordert und ihn als „Teil des Pädophilie-Kartells bei den Grünen“  hinstellt. Der impliziten Unterstellung, die Grünen seien eine Art Kindersex-Ring gewesen, an dem Trittin wesentlich beteiligt war, würde vermutlich nicht einmal ein nennenswerter Anteil von Dobrindts Parteifreunden Glauben schenken.

Warum aber die grüne Gegenwehr selbst gegen solche absurden Vorwürfe ins Leere läuft, zeigt besonders eindrucksvoll Claudia Roth. Sie attackiert Dobrindt und wirft ihm eine beispielweise die Diskriminierung von Schwulen und Lesben vor. Damit hat sie grundsätzlich Recht: Dobrindts Gerede von der „schrillen Minderheit“ Homosexueller etwa, die er einer „stillen Mehrheit“ gegenüberstellt, arbeitet tatsächlich mit Feindseligkeiten und Ressentiments – als ob die vorgeblich anständige, ruhige, zurückhaltende heterosexuelle Mehrheit der Menschen sich tagaus tagein von einer aggressiven schwulen und lesbischen Minderheit auf der Nase herumtanzen lassen müsste.

Statt sich aber mit solchen simplen Positionen klar auseinanderzusetzen, betont Roth mit Blick auf Dobrindt und andere Kritiker schlicht:

„Von all denen müssen wir Grüne uns nicht sagen lassen, was Moral ist und was verantwortungsvolles Handeln ist.“
Anstatt also den politischen Gegner auseinanderzunehmen, dokumentiert Roth lediglich den moralischen Hochmut der eigenen Partei: Die Grünen haben es in ihren Augen nicht nötig, sich von Menschen kritisieren zu lassen, die nicht selbst über jeden Zweifel erhaben sind.
Sprachliche Entgleisungen und falsche Bilder in Serie Reihenweise treffen Grüne und ihre Unterstützer mit ähnlich staunenswerter Sicherheit falsche Töne, setzen sie falsche Zeichen. Die Benutzung von Kindern auf Wahlplakaten wäre beispielweise in dem Umfang, wie er von den Grünen betrieben wird, auch unter normalen Umständen ein Tabubruch gewesen – angesichts des Pädophilie-Skandals ist er schlankweg verrückt.

Seltsam auch die Manöver zur Verteidigung der Partei gegen Vorwürfe. Die Sprecherin der Grünen Jugend, Sina Doughan, 26 Jahre alt, bezeichnet die Forderung nach einer Anlaufstelle für Opfer der grünen Pädophilie-Unterstützung als „wahnsinnig lächerlich“ und ereifert sich über Zeitzeugen, die nun „aus allen Ecken gekrochen“ kämen.  Stephan Hebel springt den Grünen in der Frankfurter Rundschau bei und fordert: „Klappe halten, alle miteinander“  – zwanghaft deplatziert angesichts von Missbrauchsopfern, die nach Jahrzehnten anfangen zu sprechen.

Reihenweise rechnen Grüne – Trittin, Roth, Göring-Eckardt – Politikern der Union vor, die Strafbarkeit von ehelichen Vergewaltigungen sei erst gegen den Widerstand von CDU und CSU durchgesetzt worden. Anstatt sich also klar zu den eigenen Schwierigkeiten zu äußern, agieren grüne Spitzen rundweg so, als befänden sie sich in einem perversen Kartenspiel, in dem der Vorwurf der Vergewaltigungs-Unterstützung den der Pädophilie-Unterstützung jederzeit übertrumpfen könne.

Göring-Eckardt schließlich erwartet von der stellvertretenden CSU-Generalsekretärin Dorothee Bär explizit, von ihrem „hohen Ross“ herunterzukommen, und  fordert ultimativ: „Hören Sie endlich auf, mit diesem Thema Wahlkampf zu machen!“  – als ob die Grünen ein tiefes moralisches Recht hätten, nicht mitten im Wahlkampf mit Themen belästigt zu werden, die ihnen unangenehm sind.

Volker Beck übertrifft selbst noch diese Seltsamkeiten. Er hatte zunächst, ebenso wie die grüne kinder- und familienpolitische Sprecherin Katja Dörner, wahrheitswidrig erklärt, dass es niemals Parteibeschlüsse zur Straffreiheit für Pädophile gegeben habe, und dann jahrelang behauptet, ein Text von ihm zur Entkriminalisierung der Pädophilie sei vom Herausgeber erheblich verändert worden. Nun wird deutlich, dass die Änderungen des Herausgebers tatsächlich wesentlich geringer waren als von Beck suggeriert und dass schon Becks Manuskript  eben die Passage enthält, die ihm auch im Hinblick auf den 1988 veröffentlichten Text  zum Vorwurf gemacht worden war.

„Eine Entkriminalisierung der Pädosexualität ist angesichts des jetzigen Zustandes ihrer globalen Kriminalisierung dringend erforderlich“,

schreibt Beck, und er fordert zwar keine vollständige Streichung der entsprechenden Paragrafen, aber schlägt vor, die „‘Schutz‘-Altersgrenze zu überdenken und eine Strafabsehensklausel einzuführen.“ (Der Begriff „Schutz“ steht auch bei Beck in Anführungszeichen.) Irritierend ist auch eine Formulierung, in der er mit Bezug auf feministische Forderungen von einem „Schutzbedarf des Kindes, insbesondere des Mädchens“ schreibt – was den Schutzbedarf von Jungen zwar nicht verneint, aber herunterspielt. Trotz alledem präsentiert Beck noch immer zwei Plakate auf seiner Homepage, die unter dem Titel „Das versteht Merkel unter Aufklärung“ einmal auf Vernebelungen, das andere mal auf eine Salami-Taktik anspielen.

Dass die Grünen und ihre Unterstützer sprachliche Entgleisungen und falsche Bilder in Serie produzieren, ist symptomatisch dafür, dass die Partei bislang noch nicht einmal ansatzweise einen angemessenen Umgang mit ihrer pädophilie-freundlichen Vergangenheit gefunden hat. Zentral dabei ist die Weigerung, eine Anlaufstelle für mögliche Opfer dieser Politik einzurichten.

Warum es keine Opfer grüner Politik geben kann (und andere Glaubenssätze) Der sachlich unangemessene Vorschlag von Roth oder Trittin, Betroffene könnten sich doch an Franz Walter wenden, macht nur deutlich, welche Funktion der Wissenschaftler und sein Team für Spitzengrüne haben: Nach ihrem Verständnis haben sie das an Walter überwiesene Geld der Böll-Stiftung (die weitgehend aus Steuermitteln finanziert wird) eingesetzt, um die originäre Verantwortung der Partei an ein Wissenschaftlerteam delegieren zu können. Einzukalkulieren, dass ein solches Team für die Betreuung von Missbrauchsopfern kaum geeignet ist, kann dabei mitten im Wahlkampf natürlich niemand von ihnen erwarten.

„Empathie gibt es bei den Grünen immer nur für die Opfer der anderen“, schreibt Christian Füller in seinem Artikel. Selbst das ist möglicherweise noch zu wohlwollend formuliert. Nach dem grünen Selbstverständnis kann es offenbar überhaupt keine Opfer der eigenen Politik geben. Als „Gläubige“ bezeichnet Füller die Grünen:

„Sie glauben fest an die Moral der grünen Kirche von der Bewahrung der Schöpfung, der ehrlicheren Politik und einer besseren, weil grünen Welt.“

Das ist nicht polemisch zugespitzt, sondern trifft einen entscheidenden Aspekt.

Bis heute haben die Grünen ihren Erfolg wohl dem Eindruck zu verdanken, dass sie keine Partei wie alle anderen wären, dass sie mit einem besonderen Anspruch und einer außergewöhnlichen moralischen Integrität Politik betreiben würden. Selbst nachdem sie die Fundamentalopposition lange aufgegeben hatten, konnten sie den Anschein bewahren, nicht ganz Teil des üblichen Politikbetriebs zu sein. Während beispielsweise die SPD an den Folgen ihrer Agenda-Politik bis heute erheblich leidet, wurden die Konsequenzen dieser Politik den ebenso verantwortlichen Grünen niemals ernsthaft angelastet – was vermutlich auch daran liegt, dass die grüne Klientel von ihnen wesentlich weniger betroffen war als die herkömmliche Klientel der SPD.

Die Grünen distanzieren sich bis heute in ihren Selbstdarstellungen von der Profanität des herkömmlichen Betriebs und betreiben so eine heimliche Sakralisierung der Politik, und in dieser Hinsicht ist Füllers Bild der grünen Kirche durchaus exakt. Sogar einen Transsubstantiationszauber haben die Grünen, wie die katholische Kirche, im Angebot: Zwar verwandeln sie keine Hostie in den Leib Christi, aber sie verwandeln den Wahlbogen in einen Ablasszettel für alle, die das Kreuz an der richtigen Stelle machen.

So leben die Grünen weniger von den realen Konsequenzen ihrer Politik, sondern von dem Eindruck, eine prinzipiell bessere Politik sei möglich, idealistischer, menschlicher, reiner. Das Problem dabei ist keineswegs, dass sie im politischen Geschäft natürlich mitmischen wie alle anderen Parteien auch – sondern ihr Anspruch, zugleich doch irgendwie noch ganz anders zu sein.

Denn wenn es etwas Gutes in der Politik gibt, dann ist es ja eben nicht das Monopol einer aus zauberhaften Gründen moralisch besonders weit entwickelten Partei – sondern es ist die politische Debatte selbst, in der nicht nur verschiedene Perspektiven auf dieselben Sachverhalte möglich sind, sondern in der auch eben diese Perspektiven aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden können. Wer sich selbst beispielsweise für einen moralisch besonders integren Politiker hält, der eine fundamentale Kritik an den herrschenden Verhältnissen mit der Entwicklung nachhaltiger humaner Perspektiven für alle verbindet – der muss eben damit leben, dass er möglicherweise aus einer anderen Perspektive schlicht wie ein moralisierender Betonkopf aussieht, dem es eher um die Sicherung der eigenen Privilegien als um gerechtere Verhältnisse für alle geht.

Die Pädophilie-Debatte zeigt, dass die Grünen in eben dieser Hinsicht die Bedeutung der demokratischen Debatte niemals akzeptiert haben, sondern dass sie – als gleichsam naturwüchsige Vertreter einer humaneren Politik und der Opfer herkömmlicher Machtausübung – in dem Selbstverständnis agieren, aus einer besonderen, herausgehobenen, moralisch privilegierten Position zu handeln. Auf die Erkenntnis, dass Teile der grünen Partei aus der Perspektive anderer hässlich und brutal aussehen, reagieren ihre Vertreter entweder auf Kindergartenniveau – Wer’s sagt, ist es selber! – oder mit demonstrativer und deplatzierter Entrüstung.

Unverzeihlich aber ist vor allem, dass mit dem grünen Selbstverständnis der Gedanke nicht vereinbar ist, es könne Opfer der eigenen Politik geben. Eine pragmatisch agierende und moralisch weniger hochgestimmte Partei hätte angesichts des Pädophilie-Skandals schon längst eine Anlaufstelle für Opfer eingerichtet – allein schon, um zu erfahren, ob und inwieweit ihre Politik denn eigentlich Opfer produziert hat. Die Grünen aber wirken erstarrt in moralisierendem Größenwahn, der unvermittelt schwankt zwischen dem standesgemäßen Versprechen der rückhaltlosen Aufarbeitung und der herrischen Forderung, dass es doch jetzt endlich einmal gut sein müsse mit diesem Skandälchen.

Das Problem der Grünen ist also nicht, dass sie eine Partei sind wie alle anderen. Ihr Problem ist, dass sie das nicht anerkennen können.

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19 Comments

  • Insbesondere Volker Beck, der schwule „menschenrechtspolitischen Sprecher der Bundestagsfraktion“ und gleichzeitig Beschneidungslegalisierer, der alle Beschneidungsgegner pauschal und in sattsam bekannt demagogischer Weise dem rechten Lager zuordnet, ist für mich neben C. Roth der abstossende Inbegriff verlogener, selbstherrlicher Borniertheit.
    Man lese den Kommentar-Thread zur „Straffreiheit der Beschneidungen minderjähriger Jungen“ um sich ein hinreichendes Bild von der Beckschen Persönlichkeitsstruktur und die seines Büroleiters zu machen.

    Einmal mehr lesenswerter Artikel, Herr Schoppe.

    Beste Grüße

  • Glückwunsch zum 100dersten Beitrag, dir ist damit wieder ein sehr schöner Artikel gelungen ist!
    Weiter so!!
    Gruß Velosoph

  • „Das Problem der Grünen ist also nicht, dass sie eine Partei sind wie alle anderen. Ihr Problem ist, dass sie das nicht anerkennen können.“

    Ja, sehr gut auf den Punkt gebraucht. Aber in gewissem Sinne ist das nur eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist wohl so etwas wie ein zu dieser Realitätsverweigerung passendes Bedürfnis nicht so kleiner Gruppen – da schießt einem ja das Stichwort vom Unbehagen an der Moderne durch den Kopf.
    Die Grünen bedienen mit dieser sakralen Stilisierung ja ein Bedürfnis nach Übersichtlichkeit und Eindeutigkeit, und vor allem nach dem eindeutig Guten. Das vertreibt die ungeliebten Ambivalenzen, die man ja manchmal nur schwer aushalten kann.

    Und die Zeche für dieses Bedürfnis, das die eine Seite hat und die andere Seite ungehemmt bedient, bezahlen mal wieder andere.
    Opfer, die „hervorgekrochen kommen“ – schon unglaublich, was sich hier wiederholt.

    Gruß vom Seitenblick

  • @ Seitenblick „Das vertreibt die ungeliebten Ambivalenzen, die man ja manchmal nur schwer aushalten kann.“ Das sehe ich ebenso. Und diese Ambivalenzen beziehen sich eben auch auf die Wahrnehmung der eigenen Position – es gehört eben eigentlich dazu, zu verstehen, dass meine eigene Position, so gut und richtig ich sie finde, aus der Perspektive eines anderen bedrohlich, dumm oder sonstwie ablehnenswert sein könnte.

    Eben das fehlt bei den Grünen nach meinem Eindruck vollständig. Trittin geht massig in die Offensive, redet einfach nur von der „Hetze der Schwarzen“ (http://genderama.blogspot.de/2013/09/trittin-im-wahlkrampf-ja-so-ist-er-der.html) – Volker Beck präsentiert der Öffentlichkeit jahrelang sein eigenes Wunschbild von seinem Verhalten, droht gar mit dem Staatsanwalt, wenn ihm jemand das nicht abkauft, und auch nachdem seine Falschdarstellung aufgeflogen ist, bleibt er prinzipiell bei seiner Position.

    Als Erklärung für die jahrelange Unterstützung der Pädophilie bieten die Grünen denn auch nur ehrenwerte Motive an – eine allzu große Toleranz, die ausgenutzt worden sei. Selbst wenn wir Mist bauen, haben wir dabei nur gute Gründe. Das ist der Punkt, der nach meinem Eindruck die Grünen in Schwierigkeiten bringt: Die Unfähigkeit, von dem maßlos geschönten Selbstbild Abstand zu nehmen.

  • Danke für den Link! In seinem Text zitiert Beck, wenn auch offenkundig zustimmend, feministische Positionen, wo er vom „Schutzbedarf des Kindes, insbesondere des Mädchens“ spricht. Seine Gründe in der Beschneidungsdebatte zeigen, dass er das – gemeinsam mit dem Gros der anderen Grünen – durchaus auch heute noch so sieht.

    „Die teilweise oder vollständige Entfernung der Penisvorhaut greift zweifelsohne in die körperliche Integrität des zu Beschneidenden ein. Rechtswidrig wird sie jedoch nur, wenn bei minderjährigen Jungen keine Einwilligung der Eltern vorliegt oder diese gegen die guten Sitten verstößt.“ Das heißt in diesem Fall: Die Jungenbeschneidung verstößt nicht gegen die guten Sitten. Warum eigentlich nicht?

    „In beiden Religionsgemeinschaften findet dieser Eingriff in Europa in der Regel durch fachkundiges Personal statt.“ Dass die Beschneidung von Mädchen in Ordnung wäre, soweit sie nur durch „fachkundiges Personal“ durchgeführt wurde, würde niemand so behaupten. Es ist für die Position von Beck und anderen (Roth, Göring-Eckardt, Marieluise Beck etc.) begründungslos selbstverständlich, dass der Schutzanspruch von Jungen kleiner ist als der von Mädchen.

    „Zudem möchten wir das Recht des Kindes stärken. Das Kind muss, soweit es dazu schon in der Lage ist, auch schon vor dem 14. Lebensjahr von ärztlicher Seite über den Eingriff aufgeklärt werden. Selbstverständlich muss der Junge dann auch die Möglichkeit zum Widerspruch haben, wenn er den Eingriff nicht wünscht.“ Diese Stärkung des Kindesrechts ist natürlich bloß selbstgefälliges Wortgeklingel, wenn man bedenkt, dass die Jungen, um die es hier geht, i.d.R. deutlich jünger sind und vom Bundestag ausdrücklich die Möglichkeit zu einer medizinisch nicht notwendigen Beschneidung im Säuglingsalter geschaffen wurde. Auch hier geht es lediglich darum, dass die Grünen sich ihr Selbstbild bewahren können: Sie treffen eine Entscheidung, die das Kindeswohl – soweit es sich bei diesen Kindern um Jungen handelt – ignoriert, wollen sich selbst aber gern das Gefühl bewahren, dass ihnen das Kindeswohl natürlich sehr am Herzen liege…

    Beste Grüße auch von mir.

  • Gratuliere ebenfalls herzlich zum 100.!
    Reife Leistung, da steckt wirklich Arbeit drin. Ich selber schaffe mal so gerade einen Post pro Monat (und wegen Zeitmangel wird es in nächster Zeit eher noch weniger werden).

    Zum Wahlkampf der Grünen: Das Benutzen von Bildern ziemlich junger Kinder ist mir noch aus einen anderen Grund sauer aufgestoßen: gängigen (und einigermaßen zutreffenden) Klischees zufolge reagieren Frauen viel stärker als Männer mit einen unterbewußten Beschützer-Reflex auf den Anblick von Kindern. Daher kann man diese Kinderbilder-Strategie als Optimierung des Wahlkampfs auf die „Hauptkundschaft“ (62% weibliche Wähler; eigentlich wäre lila oder rosa die bessere Farbe für die Grünen) interpretieren, die sich ja auch in anderer Hinsicht nachweisen läßt.

    Daß die Kinderbilder-Strategie vor allem auf das Unterbewußtsein zielt, ist unabhängig von der Pädophilie-Problematik in doppelter Hinsicht bemerkenswert:
    1. es ist der Versuch einer Manipulation (analog zu Sex sells in der üblichen Werbung) und von daher moralisch anrüchig.
    2. es ist anti-intellektuell, weil damit keine sachlichen bzw. politischen Argumente mehr benutzt werden bzw. entsprechende Diskussionsstandpunkte emotional aufgeladen werden und eine reine Sachdiskussion torpediert wird. Das will so gar nicht zum intellektuell geprägten Selbstbild der Grünen passen.

  • Nun ist aber das Original-Manuskript von Volker Beck aufgetaucht (Spiegel Online), das zeigt, dass damals doch nicht redaktionll verfälscht wurde Auch wenn man die neuesten Forderungen der Grünen Jugend liest (Queere Resolution 2013) kann man nicht glauben, dass dieses Gedankengut gänzlich verschwunden ist.
    Nach wie vor wird von den Grünen das von den Gender-Ideologen propagierte „social engineering“ in Richtung Übersexualisierung im Erziehungsbereich schon der Kleinsten und Jüngsten (Krippe, Kita, Schule) akzeptiert bzw. gefördert..
    Es kann nicht ernst genug genommen werden, was die Vernichtung des Selbstverständnisses von Mann und Frau für Buben und Mädchen bedeutet, die sich gemäß ihren genetischen Vorgaben an Vorbildern entwickeln müssen (siehe Buch: „Vergewaltigung der menschlichen Identität. Über die Irrtümer der Gender-Ideologie, 3. Auflage, Verlag Logos Editions, Ansbach, 2013)

  • Ich frage mich, warum erst jetzt eine breite Öffentlichkeit die Scheinheiligkeit der grünen Politik wahrnimmt. Einige haben das schon 1999 bemerkt, als der grüne Außenminister maßgeblich am Zustandekommen der NATO-Militärintervention im Kosovokrieg beigetragen hat. Das war ein weitaus heftigerer und folgenreicherer Akt, als eine presserechtliche Unterschrift, denn er mündete in der Bombardierung und Ermordung unschuldiger Kinder. http://bit.ly/14sJvQh

    Zurück zu meiner anfänglichen Frage: ich vermute, dass hier der Presse eine entscheidende Rolle zukommt. Damals lag der sensationsgeile und oft geradezu kriegslüsterne Mainstream ganz auf der Linie der Führung einer Partei, die ihre historische Parole „ökologisch, gewaltfrei, basisdemokratisch“ inzwischen ad absurdum geführt hatte.

    Seit dieser Zeit hat der größtenteils grün angehauchte Presse-Mainstream seine Rolle als Beschützer und Verteidiger der Moralapostel-Partei lückenlos fortgeführt. Bis ein Thema aufkam, das offenbar so viel Sprengpotenzial bietet, dass die Medien ihren Schutzschirm nicht mehr aufrecht erhalten konnten. Dass sie ihn jedoch so lange aufrecht erhalten hatten, ist ein beinahe ebenso großer Skandal, wie der aktuelle.

    Ich bin gespannt, wie es nach diesem Thema weiter geht. Für mich haben sowohl die Grünen, als auch die Medien ihre letzten Reste an Glaubwürdigkeit verloren.

  • Die aktuelle Debatte dreht sich vor allem um die Aufarbeitung einer „abgeschlossenen Periode“ in der grauen Vergangenheit. Die Frage muß dennoch erlaubt sein, ob vergleichbare Denkmuster und Fehlleistungen auch heute noch vorliegen (bei den Grünen, aber auch bei anderen Parteien!).

    Worin bestand denn damals die eigentliche Fehlleistung? Die Grundidee, bisherige Wertungen und Moralvorstellungen infragezustellen, ist als solche nicht zu kritisieren, sie hat ja auch bei der Homosexualität zu einem Wertewandel geführt.

    Im Falle der Pädophilie hätte aber das folgende klar sein müssen: Kinder sind alleine aus biologischen Gründen (unfertige körperliche und mentale Entwicklung, fehlende geistige Reife, hohes Risiko erheblicher psychischer Schädigungen) in besonderem Maße schutzwürdig und als Versuchskarnickel in sozialen Experimenten, in denen bisher unerprobte Formen von Sexualität und Beziehungen ausprobiert werden, ausgeschlossen!

    Diese Grundregel, Kinder nicht für sexualitätsbezogene soziale Experimente zu mißbrauchen, wird nach wie vor bei den Grünen verletzt: wenn ich mir die Pläne der grünen Jugend ansehe, z.B.

    http://www.gruene-jugend.de//node/17438#gothere
    http://www.gruene-jugend.de//node/17432#gothere
    http://www.gruene-jugend.de//ueberuns/bildungsarbeit/juniortrainerinnen#gothere

    dann wird alles daran gesetzt, möglichst schon vor der Pubertät in die sexuelle Selbstfindung ideologisch einzugreifen, den statistischen Normalfall Heterosexualität zu diskreditieren und extrem kleine Minderheiten (denen die Kinder wahrscheinlich nie begegnet sind) ständig als Leitbild einzuhämmern. Eine unglaubliche Anmaßung.

    Ob die Schäden bei den betroffenen Kindern genauso gravierend sind wie bei direktem sexuellen Mißbrauch, weiß man nicht, man kann sie jedenfalls nicht ausschließen. Teilweise waren sie zumindest einkalkuliert (wie bei der Zielsetzung von „nichtidentitärer Jungenarbeit“: „nicht der andere Junge, sondern gar kein Junge“, s. René Pfister „Der neue Mensch“, http://www.spiegel.de/spiegel/a-457053.html) oder liegen nahe.

    Wenn die Grünen (und einige andere!) die Lektion verstanden hätten, müßte längst eine viel grundsätzlichere Diskussion stattfinden, welche Risiken hier und heute geplante sexuelle Gehirnwäschen bei Kindern haben. Die Blindheit gegenüber diesen Risiken bzw. ihre Leugnung ist die auffällige Gemeinsamkeit mit den damaligen Pädophilie-Vorfällen. In diesem für mich viel wichtigeren Sinne haben die Grünen überhaupt nicht mit ihrer Vergangenheit gebrochen.

    Diese Lernunfähigkeit ist m.E. kein Zufall: Die Annahme, Kinder hätten eine eigene angeborene Sexualität, die man vielleicht sogar beschädigen kann, ist unvereinbar mit radikalfeministischen Dogmen, die wiederum das ideologische Fundament der Grünen bilden.

  • Nur 2 Punkte aus dem grünen Wahlprogramm zur BTW 2013.

    1. „Im Besonderen brauchen wir für Menschen aller Altersklassen und vor allem Jugendliche einen Ausbau der Comingout-Beratung. Im Unterricht sollen alle Lebensweisen und sexuellen Identitäten gleichberechtigt dargestellt werden.“
    Das bringt jede Menge Stellen auf Staatsknete. Außerdem bedingt es eine verstärkte Sexualisierung der Kinder und Jugendlichen mit jeder Menge nachfolgender Probleme, die wiederum von grünen Sozialarbeitern betreut werden können.
    Nebenbei bemerkt fordern die Grünen in diesem Zusammenhang in ihrem Programm auch die staatliche finanzielle Unterstützung der Hirschfeld-Eddy-Stiftung. So unverschämt Steuergelder für das eigene Klientel abgreifen zu wollen, ist grünenspezifisch, die anderen Parteien zeigen da mehr Scham beim Gerangel um den Futtertrog.

    2. “In Artikel 3 des Grundgesetzes muss ergänzt werden, dass niemand wegen der sexuellen Identität diskriminiert werden darf.“
    Pädophile verstehen ihre sexuelle Neigung als sexuelle Identität, jedenfalls behaupten dies pädophile Interessengruppen. Und eben aus diesem Grund ist am 30. Juni 2011 die Initiative 3+ der Grünen im Bundestag gescheitert. Woraus die Grünen sichtlich nichts dazugelernt haben. Offenbar wirken da noch vergangene Verbundenheiten.

    Servus M. M.

  • @ man.in.th.middle Danke für die Glückwünsche! Aber poste bitte weiter regelmäßig, auch wenn's mal eineinhalb Monate dauert 🙂

    Mich hat an den Kinderbildern noch ein weiterer Punkt gestört: Ein offensiver Einsatz von Kinderbildern im Wahlkampf war eigentlich ein Tabu, das nur ab und zu für einzelne Plakate unterbrochen wurde – und in aller Regel dann thematisch motiviert war. Dass die Grünen das Tabu massiv gebrochen machen, vermittelt: Wenn wir das machen, ist es was anderes.

    Der Punkt, dass hier gezielt Frauen angesprochen werden sollen, leuchtet mir aber auch ein. Dazu eine kleine Geschichte, heute aus der Innenstadt. Ich kam mit einer Freundin am Stand der SPD vorbei, der von Plakaten zur „Frauenpolitik“ eingerahmt war – eine SPD-Wahlkämpferin stürzte sich sofort auf meine Freundin, beachtete mich mit keinem Blick und fragte, ob sie denn die Frauenpolitik der SPD kenne.

    Interessant war an dem Gespräch, das dann folgte, unter anderem, dass die SPD-Wahlkämpferin offenbar überhaupt nicht mit Widerspruch oder Kritik gerechnet hatte und auch schlicht nicht daran gewöhnt war, schon gar nicht von einer anderen Frau – sie verabschiedete sich dann sehr schnell wieder.

    Aber was für eine idiotische Taktik: Zu erwarten, dass Männer auch weiterhin SPD wählen, auch wenn ihnen demonstriert wird, dass ihre Interessen nicht von Belang sind. Die SPD hat (leider) in diesem Wahlkampf enormes Glück, sonst würde sie mit dieser Taktik auf die Nase fallen. Aber da die Piraten sich zerlegt haben, die Grünen gerade damit beschäftigt sind, sich zu zerlegen – und da (da bin ich mir jedenfalls sicher) die AfD in den Bundestag kommen und es daher für Schwarz-Gelb nicht reichen wird – wird die Wahl für die SPD wohl einigermaßen glimpflich ausgehen.

    Was frauenpolitik-fixierte Sozialdemokratinnen sich dann vermutlich als ihr Verdienst zurechnen werden.

  • Die Grünen waren seit ihrer Gründung in der Mitte der Siebziger Jahre nicht frei von Heuchelei. Mit ihnen hätte der Umweltschutz in der Bundesrepublik erst angefangen. Sie verstanden es mit Hilfe naiver Journalisten ein Image zu verbreiten, die erste Umweltschutzpartei zu sein. Darauf fielen naive Wähler, vor allem Frauen, rein.Die erste Forderung nach Umweltschutz in der Bundesrepublik kam 1961 von Willy Brandt, der die poilitische Forderung nach dem „blauen Himmel über der Ruhr“ansprach. Es dauerte noch bis 1969, als die sozial-liberale Regierung unter Brandt, Genscher und Scheel die ersten Umweltschutzgesetze auf den Weg brachten. Das hieß, die wilden Müllkippen, die es unzählig in Deutschland gab, zu verbieten. Das Gesetz zur ordentlichen Aufarbeitung von Abwasser durch Kanalisation und der Pflicht Kläranlagen zu errichten, hat diese Regierung besorgt.1976 wurden beispielsweise in Bremen und Bremerhaven Kläranlagen in Funktion genommen. Bis dahin wurden Abwässer ungeklärt in die Weser entsorgt, genauso in den Rhein, die Ems oder die Elbe mit ihren Nebenflüssen. Auch die Verpflichtung Filteranlagen an die Raffinerien, Berg-und Hüttenwerke zu erstellen, hat 1969 begonnen. Die „Atomgegnerpartei“ aus der sich die Grüne Partei in der Bundesrepublik entwickelte, bekam ihren Drive, als bestimmte K-Gruppen (Kommunistischer Bund Westdeutschland)beschlossen, sich bei den Grünen zu engagieren. Die Führung der Grünen bestand bald aus Personen, die ausnahmslos von den K-Gruppen kamen. Damit ist auch die Offenheit in den Gründerjahren der Grünen gegenüber Minderheiten in der Gesellschaft zu verstehen. Auch die Mitglieder von K-Gruppen betrachteten sich als Minderheit, bei Wahlen wurden sie durchweg abgestraft. Erst bei den Grünen hatten sie das glaubwürdige Umfeld gefunden, bei Wahlen erfolgreich zu sein. Das begründet auch das unkritische Verhalten, pädophilen Tendenzen und Anträgen nicht zu widersprechen, sondern in Landesparteitagen, z.B. in NRW Mehrheiten zu bekommen, die Straffreiheit zu sexuellen Handlungen zwischen Erwachsenen und Kindern strafrechtlich nicht mehr zu verfolgen. Es hat lange gedauert, bis diese Tatsache allgemein in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gekommen ist. In der deutschen Presselandschaft wurde dieser Umstande weitgehend ignoriert bzw. es wurden Gegenstrategien zum Schutz der Grünen angestrengt. Es ist zu begrüßen, dass neben der Geschichte der Linkspartei und ihren Wurzel in der SED, nun auch die zweifelhafte Erfolgsgeschichte der Grünen aufgearbeitet wird.

  • Interessant, das Erlebnis am SPD-Stand. Frauen sind offenbar bei der SPD strategisch als vorrangiges Marketing-Ziel definiert worden; nach meinem Eindruck, wenn ich mir
    http://www.spd.de/themen/103054/moderne_gesellschaft.html oder
    https://www.spd-fem.net/ ansehe, aber mit deutlicher Tendenz zur Karrierefrau bzw. Mittelklasse (wenn man den Begriff heute überhaupt noch sinnvoll verwenden kann), die auch von den Grünen massiv und allen anderen Parteien merklich umworben wird.
    In wenigen Tagen, wenn die Wahlanalysen vorliegen, werden wir wissen, wer die Gunst der Damenwelt erringen konnte.

    Zur Unterhaltung zwischendurch: eine etwas andere Wahlwerbung mit Kindern: http://eulenfurz.wordpress.com/2013/08/29/und-du/

  • @ Matthias Mala „Im Unterricht sollen alle Lebensweisen und sexuellen Identitäten gleichberechtigt dargestellt werden.“ Lange Zeit war das Wort „schwul“ in der Schule regelrecht ein Allround-Schimpfwort (das ist allerdings nach meiner Erfahrung in den vergangenen Jahren etwas weniger geworden). „Was ist denn das für eine schwule Aufgabe?“ – „Gib mal das schwule Buch da her.“ – usw. Vor dem Hintergrund finde ich es völlig richtig, sich Ressentiments entgegenzustellen.

    Ich weiß auch, dass es homosexuelle Lehrkräfte gibt, für die es weiterhin ein großes Problem ist, inwieweit sie sich in der Schule etwas davon anmerken lassen können. Dabei geht es ja nicht um „schwule Propaganda“, sondern um simple Alltäglichkeiten: Wie z.B. reagiert ein homosexueller Lehrer auf die Frage von Schülern, ob er eigentlich schwul sei? Ich weiß, dass solche und vergleichbare Situationen für viele tatsächlich immer noch ein Problem sind.

    Insofern finde ich es ganz richtig zu überlegen, ob nicht im Klima an Schulen weiterhin Ressentiments gegen Homosexuelle eine Rolle spielen – und zu versuchen, solche Ressentiments verschwinden zu lassen.

    Nur geht das, was die Grünen da fordern, ja viel weiter. Tatsächlich sind sexuelle Identitäten, soweit anderen nicht geschadet wird, ja gleichberechtigt – das ist eine Selbstverständlichkeit, und ich wüsste nicht, wo etwas anderes unterrichtet wird. Nur ist es eben illusorisch so zu tun, als ob man sich „sexuelle Identität“ gleichsam aus einem Katalog von Möglichkeiten zusammensuchen könnte. Wir bedienen uns eben nicht beliebig an einem Buffet, sondern müssen uns, wie die Schüler, damit auseinandersetzen, was wir uns wünschen, was uns erregt, inwieweit das mit allgemeinen Erwartungen kollidiert oder übereinstimmt, usw.

    Das ist daher das größte Problem der grünen Forderungen: Sie stülpen Schülern erwachsene Vorstellungen von liberalisierter Sexualität über, die mit den Problemen, mit denen die Kinder und Jugendlichen konfrontiert sind, überhaupt nichts zu tun haben.

    Für die ist es nämlich wichtig, sich zu überlegen, wie ihre „Identität“ aussieht – und wie nicht, wo es für sie also auch Grenzen gibt. Ihnen den Eindruck einer beliebigen Wahlfreiheit zu vermitteln, bei der aus Sicht der Erwachsenen zudem jede Wahl gleichermaßen toleriert werde – das ist sowohl im Hinblick auf die Erfahrungen der Jugendlichen als auch im Hinblick auf die Vorstellungen Erwachsener deplatziert und unehrlich.

    Dass Grüne bei der Forderung, Menschen sollten aufgrund ihrer „sexuelle Identitäten“ nicht diskriminiert werden, gar nicht an Pädophile denken – oder dass insgeheim manche Grüne sich sogar weiterhin als Sprachrohre Pädophiler verstehen – , zeigt nur, wie fixiert die grünen Vorstellungen auf die Werte und Bedürfnisse Erwachsener sind und wie wenig sie dabei Kinder und Jugendliche wahrnehmen.

    Servus!

  • „Die Frage muß dennoch erlaubt sein, ob vergleichbare Denkmuster und Fehlleistungen auch heute noch vorliegen“ Das sehe ich auch so. Insgesamt, nicht nur in der Pädagogik, wird die Erfahrungswelt von Kindern heute weiträumig durch Erwachsene sexualisiert. Ich weiß, dass schon Sechstklässler sich darüber austauschen, welche Porno-Seiten im Internet es gibt, wo man die findet, was es da gibt, etc.

    Das Problem ist: Viele lernen sehr früh medial sexuelle Praktiken kennen, von denen heute Erwachsene erst in sehr viel höherem Alter(wenn überhaupt) erfahren hatten, Bondage, Sodomie etc. – sie haben aber selbst oft noch nicht einmal die Erfahrung des Händchenhaltens gemacht.

    Gerade im Hinblick auf Sexualität ist es heute also sehr wichtig zu überlegen, wie die kindliche Erfahrungswelt gestärkt werden kann – gegen leicht verfügbare Präsentationen von Sexualität, die auch für einen Großteil der Erwachsenen fremd sind, Kindern aber als normal, wenn auch sensationell verkauft werden.

    Eben der Aspekt fehlt bei den grünen Vorschlägen – auch dort geht es weitgehend darum, Kinder mit Sexualitäts-Vorstellungen vertraut zu machen, die für Erwachsene relevant sind, die sich um die Möglichkeiten von Kindern aber überhaupt nicht kümmern, diese Vorstellungen im Rahmen ihrer Erfahrungswelt nachvollziehen zu können.

  • Heuchlerich ist das Verhalten Grüner eben auch heute. Zum Beispiel Volker Beck: Er hätte ja leicht in den letzten Jahren selbst einmal im Archiv der Grünen nach seinem Text suchen, oder suchen lassen, können, um seine Behauptungen zu Änderungen des Herausgebers an seinem Manuskript zu belegen. Statt dessen hat er schlicht Vertrauen eingefordert, bei dem jetzt deutlich ist, dass er es getäuscht hat (und er hat sogar mit dem Staatsanwalt gedroht, wenn ihm jemand seine Darstellung nicht abnahm).

    Zum Beispiel Jürgen Trittin: Es ist einfach unglaubwürdig, dass er sich als grüner Spitzenkandidat nie dafür interessiert hat, ob nicht auch ihn etwas mit der Pädophilie-Affäre in Verbindung bringen könnte (wenn er sich denn nicht eh daran erinnerte). Geäußert hat er sich aber erst, als es nicht mehr anders ging und als andere seine Verstrickung offengelegt hatten.

    Es gibt ja noch eine weitere Erklärung für das seltsame Verhalten der Grünen in dieser Affäre, die ich so im Text gar nicht formuliert hatte – z.B. für die Weigerung, eine Anlaufstelle für Opfer einzurichten. Vermutlich wollen viele gar nicht so genau wissen, was eigentlich – abgesehen von den Forderungen nach einer „Entkriminalisierung“ – tatsächlich passiert ist, was also Kindern im Umfeld der grünen Partie und von Parteimitgliedern, gefördert durch dieses Unterstützer-Klima, tatsächlich getan wurde.

    Möglicherwiese steckt hinter dem Widerstand gegen eine Opfer-Anlaufstelle vor allem die Befürchtung, dass die Zahl der Opfer groß sein könnte. Auf jeden Fall aber haben die Grünen ein großes Interesse daran, die Vorstellung der „Opfer“ ihrer Politik abstrakt zu halten und sie nicht mit konkreten Lebensgeschichten zu verbinden.

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