Geschlechterkampf

Empörungstheater

Bild zeigt ein Konzert mit viel Rauch.
geschrieben von: Lucas Schoppe
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„Frauen würden sich ihrer Obdachlosigkeit schämen und verstecken, sagt Renate Kaufmann. ‚Männer hingegen feiern ihr Schicksal quasi mit einem Doppelliter in der Öffentlichkeit‘, überspitzt die Bezirksvorsteherin von Mariahilf (SP) die Tatsache, dass obdachlose Frauen viel weniger sichtbar sind.“
Das wurde aber auch Zeit: Während oberflächlich argumentierende Menschen die geringere Sichtbarkeit weiblicher Obdachloser eindimensional darauf zurückführen, dass schätzungsweise 90% der Obdachlosen männlich sind, arbeitet die Wiener Sozialdemokratin die männliche Obdachlosigkeit also endlich als Teil patriarchaler Herrschaft heraus, in der Männer auch dann unbekümmert viel zu viel öffentlichen Raum einnehmen, wenn sie billigen Wein trinken und oft nicht einmal vernünftig gewaschen sind. Weit mehr als Männer nämlich nähmen Frauen
„eine gewaltvolle Beziehung oder sexuelle Ausbeutung in Kauf, nur um nicht auf der Straße zu landen und noch mehr ausgeliefert zu sein.“
Empörend: Während Frauen also in Gewaltbeziehungen verbleiben müssen, die Männer niemals erleben, und außer ein paar Frauenhäusern da und dort und außer dem nun endlich eröffneten zweiten Wiener Obdachlosenheim nur für Frauen keinerlei Anlaufstellen haben – währenddessen vergnügen sich die männlichen obdachlosen Luftikusse in aller Öffentlichkeit und streichen unbekümmert die patriarchale Dividende ein.
Warum aber ist das, was Kaufmann bemerkt, nicht vorher schon auch allen anderen aufgefallen? Es ist eben ihre Empörung, die ihr den scharfen Blick für diese Zusammenhänge ermöglicht und die sie davor bewahrt, sich von Scheinargumenten ablenken zu lassen. Ein großes Glück und eine sinnvolle Einrichtung der menschlichen Psyche ist es, dass wir alle an diesem scharfen Blick teilhaben können, dass man also Empörung lernen kann – und dass das sogar ganz einfach ist.

Empörung für Anfänger und Fortgeschrittene Was aber ist Empörung eigentlich? Alfred Andersch, ein großer Empörter und Empörer der neueren deutschen Literatur, schreibt das in einem Gedicht so:
„ausgeschlossen / sagen viele moral und / vergnügen / schließen sich aus // ich aber schreib’s in / einer / zeile // empört euch der himmel ist blau“

Wunderbar und auch sprachlich elegant macht Andersch also deutlich, was eigentlich moralisch ist: nicht etwa der Versuch, die Perspektiven anderer nachzuvollziehen – Möglichkeiten der gemeinsamen Verständigung zu schaffen – oder gar Rechte zu etablieren, die für alle gelten. Moralisch ist vielmehr die Auflehnung des reinen inneren Menschen gegen die Falschheit der Verhältnisse, die Empörung über deren Schlechtigkeit, die sich eben nicht durch Ablenkungsmanöver wie den Respekt vor unterschiedlichen Perspektiven zur Kumpanei mit dieser Schlechtigkeit verführen lässt.

Der Christdemokrat Armin Laschet, recht geschieht’s ihm, hat das gerade erst gemerkt. Da hat er doch auf Twitter glatt Trittin mit Brüderle verglichen:

„Bei Brüderle gab es wg Nichtigkeiten einen #aufschrei…“
Die passende Antwort gab es postwendend:
„Für den Herrn @ArminLaschet von den #CDU ist also #Sexismus eine Nichtigkeit? #aufschrei war und bleibt wichtig wegen sowas!“

Ein Beispiel dafür, dass eine gekonnte Äußerung von Empörung auch ein ästhetisches Vergnügen ist: Keinen Moment lang lässt sich die Autorin dadurch beirren, dass Laschet doch keineswegs Sexismus, sondern Brüderles Dirndl-Kommentar als Nichtigkeit bezeichnet hat, und das noch dazu in Relation zu Trittins Pädophilie-Unterstützung. Der klare Blick der Empörung liest zwischen den Zeilen und hält sich nicht lang und nutzlos mit den Zeilen selbst auf – er arbeitet heraus, was eigentlich gemeint ist, anstatt sich durch die Oberfläche der Äußerung ablenken zu lassen.

So ist denn auch kaum ein anderes Medium so empörungsgeeignet wie Twitter, und so war es auch kein Zufall, dass eine der effektivsten Gruppenempörungen der neueren Zeit, die Aufschrei-Kampagne, dort ihre Heimstatt hatte. Die Knappheit der 140 Zeichen verhindert jedes Hin- und Herreden, arbeitet klar das Wesentliche heraus und räumt damit eines der größten Hindernisse aus dem Weg, dem die aufrechte Erhebung des reinen inneren Menschen begegnen kann: dem Derailing durch Differenzierung (DdD).

Ob nun ein Spruch über die Brüste einer Frau, ein patriarchal-paternalistisches Türaufhalten, eine Vergewaltigung oder ein Mann, der mehr öffentlichen Raum einnimmt, als ihm von Rechts wegen zusteht: Die Knappheit der Empörung arbeitet die gemeinsame Struktur dieser Phänomene mühelos heraus und hält sich nicht mit irritierenden Unterscheidungen auf.

Zudem reduziert die Twitter-Knappheit eine Äußerung auf ihren wesentlichen Kern, nämlich auf die Frage: Auf welcher Seite stehst Du? Männer, die daherkommen und auch Sexismus erlebt haben wollen, nur weil sie ihre Kinder nicht mehr sehen oder in Gewaltbeziehungen keine Hilfe erhielten, sind schnell enttarnt und können durch geeignete Verfahren (Spam-Block, Verhöhnungen, Löschungen, virtuelle Pranger etc.) unschädlich gemacht werden. Keine Möglichkeit mehr, dass Hinz und Kunz angelaufen kommen, sich auch als Opfer präsentieren und die „Verunsichtbarmachung“ (Lantzsch) der rechtmäßigen Opfer, das berüchtigte Victim Vanishing (VV) betreiben.

Amateur-Empörte allerdings gehen unbefangen fröhlich durch die Welt und enragieren sich erst dann, wenn ihnen etwas begegnet, das ihnen die Schlechtigkeit der Verhältnisse in unerwarteter Weise vor Augen führt resp. vor den Latz knallt. Profis hingegen sind sich dieser Schlechtigkeit beständig bewusst, sie halten ihre Empörungsbereitschaft konstant auf hohem Niveau und scannen ihre Umgebung unermüdlich nach Gelegenheiten, dieses Potenzial abzurufen und in eingeübter, beeindruckender Weise vorzuführen. Die Stellenbeschreibung für die Nachfolge einer Meisterin des Fachs sieht dann so aus:

„Diese Person sollte in der Lage sein, sich binnen weniger Sekunden mit bebender Stimme über jeden beliebigen Vorgang und Sachverhalt im Umkreis von 10.000 Kilometern zu empören.“

Dergestalt aufgeklärt über das innere Wesen der Empörung und gefeit gegen die beiden größten Hindernisse, die sich in den Weg stellen, können wir nun selbst den Schritt von Amateuren zu Profis wagen und uns fragen: Wer sonst, neben christdemokratischen Sexismusverniedlichern und obdachlosen Breitmachmackern, hat unsere Empörung verdient?

Denn wenn auch dieses Mittel vielseitig einsetzbar ist, für linke wie für rechte Politik, für den Ausbau von Windrädern und den der Atomkraft, gegen den Hunger in der Welt und gegen Bayern München und manchmal sogar schon für Männeranliegen – so ist es doch oft eine feministische Politik gewesen, die hier besondere Meisterschaft entwickelte und zeitweilig sogar ein Monopol auf die Vorführung rechtschaffener Empörung in Geschlechterdebatten besaß. Mit ihr lässt sich ein besonders leichter Übergang von den Amateuren zu den Profis finden.

Männer sitzen machtausübend – und andere Aufführungen im Kleinen Haus  Breitmachmacker, übrigens, sind eben die Menschen, die ungehörig viel öffentlichen Raum einnehmen, die z.B. – als hätte die Welt nicht schon genügend Probleme – breitbeinig in öffentlichen Verkehrsmitteln sitzen. Zum Glück gibt es empörte tapfere Frauen, die sie dabei fotografieren und diese Fotos der Öffentlichkeit präsentieren. Sehr schön ist hier zu sehen, wie elegant jedes Derailing durch Differenzierung vermieden wird, wie selbstverständlich also niemand die alberne Frage stellt, ob nicht das ungefragte Fotografieren von Menschen, die unerlaubte Veröffentlichung dieser Fotos und das gezielte Bloßstellen der Betroffenen vor einer möglichst großen Öffentlichkeit  nicht ein wenig schlimmer sein könnte, als mit leicht geöffneten Beinen in einem Bus zu sitzen.

Wunderbar auch der geschärfte Blick, der sogleich in der männlichen Sitzhaltung die patriarchale Allmacht erkennt: Männer nehmen Raum ein und Frauen machen sich klein.

Wie groß hingegen die Irritation, wenn ausnahmsweise auch Frauen einmal ein wenig Raum einnehmen. Dass der Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf eine frisch umgebaute Sporthalle nur für Frauen öffnen wollte und dies nun an fünf Tagen der Woche auch tut, führte sogleich zu gewagten Interpretation bis hin zum absurden Vorwurf, die Maßnahme sei „männerfeindlich“ (auch hier vgl. die oben erläuterte VV-Strategie).

„Die Idee zur Frauenturnhalle kommt von Bezirksbürgermeister Stefan Komoß (SPD). Dieser wollte ursprünglich die Halle sogar an sieben Tagen in der Woche in rein weibliche Hand geben. Denn in Marzahn-Hellersdorf ist nur ein Drittel der in Vereinen organisierten Sportler weiblich.“
Elegant und überzeugend die Logik, dass Frauen gerade deshalb eine eigene Sporthalle brauchen, weil viel weniger Frauen als Männer Sport treiben wollen. So ließe sich auch, beispielsweise, die Zahl der Studentinnen in MINT-Fächern mit einfachen Mitteln deutlich erhöhen – gerade weil hier so wenige Frauen studieren wollen, müsste man ihnen nur, über den Daumen gepeilt, 75% der Studienplätze reservieren. Es ist bezeichnend, dass noch niemand auf diese so simple wie naheliegende Lösung gekommen ist.

Doch gibt es in Marzahn-Hellersdorf irgendeinen Anlass zur Empörung? Allerdings: Schon wer sich nur probeweise – einfach um mal zu überprüfen, ob es passt – über Komoß empört, muss feststellen, dass seine Maßnahme ebenso wie das oben dokumentierte Foto scheinbar frauenfreundlich, tatsächlich jedoch von tiefer heterosexistischer Perfidie geprägt ist. Denn was wird hier Männern und Frauen vermittelt?

Männer können offenbar in aller Ruhe zuhause auf dem Sofa liegen, sich womöglich rundum  bedienen lassen – und trotzdem das Gefühl haben, ganz in Ordnung zu sein. Frauen hingegen wird bedeutet, dass sie an sich arbeiten müssen, dass sie so, wie sie sind, nicht in Ordnung sind, sondern sich erst angestrengt in Form bringen müssen.

Nur ein empörungsgeschärfter Blick kann also Komoß als den Frauenfeind entlarven, der er ist – ein Blick wie dieser hier:

„die 3 Regalmeter mit ‚Intimwaschlotion – creme, -parfum, -deodorant, …‘ in jedem Drogeriemarkt. Bei Budni in Hamburg gibt es derzeit 11 (!) verschiedene Produkte dieser Art, und zwar ausschliesslich für Frauen gedacht. Entsprechende Produkte zur ‚Intimhygiene‘ für Männer gibt es nicht. Botschaft??!?“ 

Doch auch die Grünen sind nicht besser als der Sozialdemokrat. Da müssen Menschen in der Beitritterklärung der Grünen Jugend ankreuzen, ob sie „weiblich“ oder „nicht weiblich“ sind, was ungeübte Beobachter mit Männerfeindlichkeit assoziieren. Nicht gesehen wird hier, dass die Grüne Jugend eben gerade Frauen eine definitive Selbstverortung in der heterosexistischen Matrix abverlangt, während Männer sich in einem großen Spektrum an Identitäten einlesen lassen können, solange sie eben nur nicht definitiv weiblich sind. Ein ungeheurer Fehlgriff, der noch nicht genügend Beachtung fand.

Es muss schon klar sein, wer Hauptopfer ist – Aufführungen im Großen Haus Mit dergestalt geschärftem Blick können wir uns nun auch der ganz großen Politik zuwenden und entdecken natürlich auch hier, und gerade hier, Grund uns zu empören.
„Frauen wählen gerne Studien, die persönliche Vorlieben bedienen, Männer die besser bezahlten technischen Fächer.“
Manche Männer weisen gar darauf hin, dass etwa drei Viertel der Einkommenssteuer von Männern erarbeitet wird und dass das für den Konsum vorhandene Geld zum weit überwiegenden Teil von Frauen ausgegeben wird. Gerade der Skandal des Gender Pay Gap, um den es hier natürlich geht, ist häufig Ziel solcher DdD-Attacken, und es ist gut und so wichtig, dass empörte Bürgerinnen sich hier nicht durch unnötige Argumente verwirren lassen.
Ähnlich in Debatten über die Wehrpflicht. Dass diese in Deutschland ausgesetzt ist, dass Männer ansonsten an allerlei interessanten Orten auf der Welt männliche Hegemonie in ihrer schärfsten Ausprägung ausagieren können, wird von ihnen unbeirrt als vollständige stattliche Verfügbarmachung männlicher Körper erlebt und mit Tod und Trauma und Verkrüppelung assoziiert – ein offenkundiges VV-Manöver zur Verunsichtbarung der Verfügbarmachung weiblicher Körper. Zum Glück hat Hilary Clinton auch hier schon längst das Notwendige klargestellt:
„Frauen waren immer schon die Hauptopfer im Krieg. Frauen verlieren ihre Gatten, ihre Väter, ihre Söhne im Kampf.“ 

Viel mehr Beispiele ließen sich noch anführen. Doch wie ineffektiv wäre unsere Empörung, wie leicht wäre sie lächerlich zu machen, wenn es nicht Institutionen gäbe, die sie tragen. Den Grünen ist – trotz aller Kritik – zum Beispiel für die Klarstellung zu danken, dass nicht nur die Wehrpflicht ursprünglich das Vorrecht des vollen Bürgers war, sondern dass auch das Sorgerecht, in dem nichteheliche Väter de facto rechtlos sind, tatsächlich frauendiskriminierend ist – weil es die Frau in der Position der Mutter festhält.

Zutiefst zu danken ist auch der EU, in der es Pläne gibt, unserer so wichtigen Empörung den längst überfälligen sicheren Rechtsrahmen zu geben.

„Take concrete action to combat intolerance, in particular with a view to eliminating racism, colour bias, ethnic discrimination, religious intolerance, totalitarian ideologies, xenophobia, antiSemitism, anti-feminism and homophobia.”

Endlich also wird erkannt, dass Rassismus, Antifeminismus und Antisemitismus drei Seiten derselben Medaille sind. Kein Derailing durch Differenzierung mehr, das absurde Unterschiede konstruiert zwischen der rassistischen oder judenfeindlichen Feindschaft gegen Menschen und der Kritik an bestimmten politischen Positionen. Keine Erwartung mehr, diese Positionen müssten aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet, Interessen müssten miteinander abgeglichen werden (Victim Vanishing) – sondern die Reduzierung der Politik auf das im humanen Sinne Wesentliche: Was uns empört, ist falsch und muss weg.

Doch diese so wichtigen Maßnahmen bleiben wertlos, wenn sie nicht mit Leben gefüllt werden. Es liegt an allen, die Empörungsbereitschaft hoch zu halten, ihre Ausübung kontinuierlich einzuüben und wieder und wieder in einer beeindruckenden Performance die Schlechtigkeit der Verhältnisse auszustellen. Denn das Theater ist, wie schon die Klassiker wussten, eine moralische Anstalt.

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14 Comments

  • „Nicht gesehen wird hier, dass die Grüne Jugend eben gerade Frauen eine definitive Selbstverortung in der heterosexistischen Matrix abverlangt, während Männer sich in einem großen Spektrum an Identitäten einlesen lassen können, solange sie eben nur nicht definitiv weiblich sind. Ein ungeheurer Fehlgriff, der noch nicht genügend Beachtung fand.“

    Ich weiß nicht wie es Ihnen geht, Schoppe, aber je mehr mir inzwischen von jenem irrationalen Stumpfsinn, der sich im Zuge von Feminismus/Genderismus allgemein breitmacht zu Ohren kommt, um so weniger bin ich bereit diesem noch länger Gehör zu schenken. Es besteht einfach die Gefahr, dass Mann hierüber seinen gesunden Verstand verliert und am Ende irre lachend nur noch vertrackteste Sarkasmen skandiert. Zumal – wie Sie ja richtig bemerken – jene institutionalisierten Betonköpfe sich nunmal dadurch auszeichnen, dass sie eben NICHT DISKUTIEREN – auch hier nicht, was Ihre herausragende Leistung an dieser Stelle, Schoppe, keinesfalls in Abrede stellen soll. Ihre Texte sind erhellende Schlaglichter auf das aktuell komplett geistig umnachtete Ideologiegebäude Feminismus/Genderismus.
    Nur halte ich es aus persönlichen Gründen inzwischen für das Beste den Dingen ihren Lauf zu lassen, bis eben gar nichts mehr geht. Erst dann fällt bekanntlich die Mauer.

  • Mir fallen gerade auch nur ein paar humorlose Bemerkungen ein:

    „, bis eben gar nichts mehr geht. Erst dann fällt bekanntlich die Mauer.“ — Ich glaube, wir erleben gerad erst den Anfang, and das „das“ sehr lange weitergehen kann.

    Bzgl. Empoerung im allgemeinen: Es gibt ja jenes „Empoert Euch!“ http://de.wikipedia.org/wiki/Emp%C3%B6rt_Euch! Halte ich fuer einen grossen Fehler. Empoerung ist immer nur lokal sinnvoll (wie obiger Text das ja auch darstellt). Global braeuchten wir Eiseskaelte.

    (Letzte Bemerkung: Glaube der Text funktioniert nicht ganz, der er vielleicht nicht richtig „loslaesst“, die Vernunftebene ist zu greifbar. Mehr Wahnsinn ist vonnoeten.)

  • @ ReVolte „aber je mehr mir inzwischen von jenem irrationalen Stumpfsinn, der sich im Zuge von Feminismus/Genderismus allgemein breitmacht zu Ohren kommt, um so weniger bin ich bereit diesem noch länger Gehör zu schenken“ Ja. Ob nun eine Sozialdemokratin die extreme Männerquote bei Obdachlosen als Ergebnis männlicher Privlegien verkauft, ein Berliner Bezirk die rassistische „Nur für Weiße“-Praxis sexistisch nachäfft oder die Grüne Jugend nichtmal mehr ein simples Beitrittsformular entwerfen kann, ohne zu demonstrieren, dass allein die Benutzung des Wortes „männlich“ doch irgendwie schon unerträglich ist – all das ist so bekloppt, dass es eigentlich der Aufmerksamkeit nicht Wert ist.

    Das Problem, das mich mehr und mehr anwidert, ist aber, dass dieser Mist und anderer institutionell getragen wird, so dass man damit früher oder später auch konfrontiert wird, wenn man ihn vernünftigerweise zu ignorieren versucht.

    Ich fand Strauß' Sonthofen-Strategie – die sozialliberale Bundesregierung so an die Wand fahren zu lassen, dass eine Regierungsübernahme möglich wird – immer zynisch und illegitim. Es kann aber tatsächlich sein, dass es geschlechterpolitisch gezwungenermaßen dazu kommt. Ein schöner Zug war in dieser Hinsicht ja z.B. schon der Professorinnen-Quatsch der Leipziger Uni, der viele wohl überhaupt erst auf die blödsinnigen und kleinlich-gängelnden Aspekte der „geschlechtergerechten“ Sprache aufmerksam gemacht hat.

  • @ Oliver K. „die Vernunftebene ist zu greifbar. Mehr Wahnsinn ist vonnoeten“ Hmm, das ist rauszulesen? Ich hatte den Text erstmal deutlich verrückter geschrieben, dem Thema entsprechend. Dann hatte ich aber Bedenken, dass zu viele beim Lesen „Was soll das denn?“ denken würden, und den Text nochmal überarbeitet.

    Aber für meine Geschmack ist das, worum es geht, immer noch bekloppt genug.

  • Jene Demagogie kommt inzwischen von allen Seiten. Und die Skala ist bekanntlich noch weit nach oben offen. Was in den 30iger Jahren des vorigen Jahrhunderts die Juden waren, sind heute die Männer. Sie werden genauso pauschal für alles Unglück verantwortlich gemacht und von Ämtern ausgeschlossen. Insofern tragen Männer bereits symbolisch den Stern. Kauft nicht bei Männern, glaubt nicht, was sie euch erzählen, denn es ist alles Lüge, um die Weltherrschaft zu erlangen. Sie betrügen dich um deinen Lohn und häufen Schätze an. Sie sind das Übel dieser Welt, teuflische Missgeburten der Hölle entstiegen und gehören – wo sie sich der Verweiblichung entziehen – nach Ghetto und weitestgehender Nutzbarmachung der Endlösung zugeführt. Erst dann kann das reine Licht weiblicher Güte und Rechtschaffenheit in vollem Glanze über unsere von Männern gereinigte Welt erstrahlen. Jawohl, am weiblichen Wesen wird die Welt genesen.
    Nein, soweit wird es in Konsequenz sicher nicht kommen. Jedoch geht das gesellschaftliche Klima – nein es gallopiert – genau in diese Richtung.

    Die Folge gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit war bisher immer die Entstehung von Parallelwelten, deren Angehörige im gleichen Maße wie die ihnen entgegengebrachte Ablehnung kulturelle Eigenständigkeit bis hin zu seperatistischen Bestrebungen entwickelten.

    Helen Smith (Men on strike) fragte die Leser ihres Blogs nach negativen Präsentationen von Männern in den Medien. Sie erhielt 240 Antworten. Eine davon veranschaulicht, wo der Weg vermutlich hinführen wird:

    „Frauen haben viel zu befürchten in einer Welt, in der Männer sie nicht nur nicht mehr respektieren, sondern auch nicht mehr mögen. Dazu wird es kommen, und Frauen haben die Schuld nur bei sich selbst zu suchen. Junge Mädchen werden in einer wesentlich härteren Welt leben wegen der Fehler, die ihre Mütter und Schwestern in den letzten dreißig Jahren begangen haben.“

    Den Dingen ihren Lauf lassen, bis eben gar nichts mehr geht. So muss es wohl sein.

  • @ ReVolte Tatsächlich sind es in einige Fälen antisemitische Klischees, die misandrisch gewendet wieder aufgewärmt werden: Bei Solanas ist das überdeutlich, auch bei Connells Beschreibung des internationalen Unternehmertypus. Angesichts der absurden Sporthallen-Entscheidung in Berlin ist mir zudem durchaus der Spruch „Männer sind hier unerwünscht“ eingefallen.

    Aber zugleich sind die Unterschiede ja auch deutlich. Die Frauensporthalle ist bekloppt, aber sie ist eben eine einzelne Entscheidung, die Männern in Berlin viele Ausweichmöglichlkeiten lässt und Männer anderer Städte nur medial berührt. Eben das war für Juden, natürlich, ja ganz anders. Man könnte noch viele Beispiele mehr anführen, die Unterschiede sind ja ohnehin klar.

    Deswegen gehe ich davon aus, dass es schlicht noch andere Spielräume gibt als die Mögölichkeit, alles gegen die Wand fahren zu lassen. Es gibt eine Logik der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in der Geschlechterdebatte, aber sie ist nicht total. Über Gewalt gegen Männer wird heute beispielsweise schon deutlich anders gesprochen als noch vor zehn Jahren. Boris Becker z.B. wird von manchen, die ein Interesse daran haben, wegen seiner Erzählungen von der Gewalt seiner Fau lächerlich gemacht – aber diese Position ist bei Weitem nicht repräsentativ.

    Ich glaube also schon, dass es Möglichkeiten ziviler Änderungen gibt.

    Mein Eindruck: Es gibt Verbesserungen, auch im Hinblick auf die Wahrnehmung männlicher Benachteiligungen – aber je mehr vorsichtige Verbesserungen es gibt, desto deutlicher wird auch, wie erheblich die Widerstände dagegen sind.

  • Natürlich entwickelt Demagogie eine Eigendynamik, die unter demokratischen Verhältnissen noch offengelegt werden kann. Deshalb ja auch das generelle Verbot von Feminismuskritik – also totalitäre Rahmenbedingung um die Wahrnehmung männlicher Benachteiligungen im Geiste von „Wer braucht Feminismus“ zu steuern bzw. zu löschen, zu filtern, zu diffamieren.
    Totalitäre Verhältnisse sind also das Ziel, dass es zu erreichen gilt. Und wenn es dann soweit ist, zieht Widerstand in Sachen Schwimmhalle automatisch staatliche Sanktionen nach sich.

  • Vielen Dank für DdD – habe es meinem Abkürzungsschatz hinzugefügt ;-).

    So langsam habe ich auch den Eindruck, das man auf diese wirren Statements nur noch mit Satire und Spott reagieren kann. Es geht voran: BRD – Bekloppten Republik D.

    (Aber zumindest ist das Problem nicht völlig neu:
    „… weil in diesem Lande in der Tat noch kein sicheres Maß und Gewicht vorhanden ist, um Gründlichkeit von seichtem Geschwätz zu unterscheiden.“ Kant, Prolegomena A6)

    Gruß Seitenblick

  • „dass allein die Benutzung des Wortes „männlich“ doch irgendwie schon unerträglich ist“

    Ich habe inzwischen eine Theorie, warum nur wichtig ist, daß man weiblich ist: vermutlich gibt es analog zur Wahlordnung der Grünen irgendwelche Privilegien für Frauen in dem Zentrum. Wenn man die Privilegien haben will. muß man sich als weiblich identifizieren.

    Tückischerweise sind Privilegien meistens binär – entweder man hat sie oder hat sie nicht. Das schafft natürlich einige Probleme, wenn man das Geschlecht als binäre Eigenschaft ablehnt.
    Der gewählte Ausweg (Bezug auf das biologische Geschlecht) ist leider ein übler Fauxpas, den man den Fanatikern vorhalten kann: 1. heteronormativ, denn bei Intersexuellen ist nicht klar, ob sie Frau sind oder nicht (oder wenn verlangt wird, daß jemand 100% Frau ist, dann diskriminiert man diejenigen, die zu 60% Frau sind). 2.transphob, denn Transsexuelle (m2f) sind biologisch immer noch Männer.

    Empörend, diese Abgründe an Diskriminierung, die sich da auftun.

    Damit wäre bewiesen: Privilegien für Frauen schaffen nur Probleme und sollten abgeschafft werden.
    q.e.d.

  • @ ReVolte „Totalitäre Verhältnisse sind also das Ziel, dass es zu erreichen gilt.“ Ja, für eine ganze Reihe stimmt das, auch wenn sie es selbst so natürlich nicht sehen würden. Dann natürlich, wo eine Kritik an bestimmten, feministischen politischen Positionen verboten werden soll. Eigentlich ein Eingeständnis, dass die eigene Position auch von ihren Vertretern als sehr schwach empfunden wird – wenn sie das Gefühl haben, in einer offenen Diskussion nicht bestehen zu können, und statt dessen nach staatlichen Repressionen rufen.

    Ich glaube aber trotz allem, dass es noch genügend Gegenkräfte gibt, und dass es zu einer solchen Zuspitzung nicht kommt. Aber allein schon die Tatsache, dass es solche Forderungen ernsthaft gibt, hätte ich vor Kurzem noch nicht für möglich gehalten – deshalb weiß ich nicht, ob ich meinem eigenen Urteilt ganz trauen kann…

    @ man.in.th.middle Ich glaube auch, dass das ein Grundproblem der genderbasierten Frauenförderung ist: Einerseits die heterosexuelle Matrix in ihrer binären Geschlechterordnung zu kritisieren – und zugleich Privilegien für eines der beiden Geschlechter einzustreichen. Und dies auch noch nach streng biologistischen Kriterien – wenn es um geldwerte Vorteile geht (oder auch ganz einfach um Geld), dann reicht sowas wie die Rede von gesellschaftlichen Konstruktionen etc. natürlich nicht, dann braucht es schon klare, knackige Unterscheidungen.

    Nicht, dass da irgend so ein biologischer Mann, der sich irgendwie als Frau fühlt, daherkommt, auf Hilfe beim Professorinnenprogramm pocht und damit richtigen Frauen in die Quere kommt.
    Löschen

  • Die nächste Folge heißt dann, „Derailing durch Denken“ (DDD – auch daily defined dose). Sehe ich das richtig?

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