Sexuelle Gewalt durch die Mutter – Manfred Bielers "Still wie die Nacht"

Manfred Bielers Roman „Der Mädchenkrieg“, die Geschichte einer deutschen Familie in Prag, war 1976 mehrfach preisgekrönt verfilmt worden, die Verfilmung „Das Kaninchen bin ich“ des gleichnamigen, in der DDR verbotenen Bieler-Romans aus dem Jahr 1965 durfte erst 1989 vorgeführt werden. Das umreißt auch schon wesentliche Lebensstationen des Autors: Manfred Bieler wurde 1934 in Zerbst geboren, war bis zu seinem Ausschluss Mitglied des Schriftstellerverbands der DDR, siedelte 1965 nach Prag über und ließ sich schließlich nach dem Einmarsch in die Tschechoslowakei in München nieder.
Sein letzter großer literarischer Text erschien 1989, dreizehn Jahre vor seinem Tod, und ist auch heute noch tief irritierend: Still wie die Nacht. Memoiren eines Kindes. In diesem offenkundig autobiografischen Text erzählt Bieler aus den ersten sieben Jahren seines Lebens: vom Aufwachsen in einem Kleinbürgerhaushalt zwischen dem Vater, einem alkoholkranken Bauingenieur, der Mutter, in deren sexuelle Beziehungen mit vielen wechselnden Männern der Junge schon sehr früh hineingezogen wird, der Großmutter, die dem Jungen manchmal letzter Zufluchtsort ist und die ihn manchmal mit massiver Gewalt bedroht – und er erzählt auch vom sexuellen Missbrauch des Jungen durch die Mutter.

Kindheit als Höllenfahrt

 „Diese Höllenfahrt in die Abgründe der eigenen Kindheit kann niemanden, der das Kind in sich noch nicht ganz abgetötet hat, unberührt lassen. Wer sich auf dieses Buch einläßt, begibt sich in Gefahr, in einem Strudel aus Scham und Entsetzen zu ertrinken“,
schrieb nach dem Erscheinen des Textes Paul Kersten in seiner Rezension für den Spiegel.  Ganz ähnlich der Psychoanalytiker Tilmann Moser in seiner Rezension für Die Zeit:
„Es tut nicht gut, diesen schier endlosen Blick in den Abgrund einer Kindheit an einem Stück auszuhalten. Dies ist ein ernstgemeinter Rat. Denn der Schwindel erfaßt auch den geübten Leser. Die Atmosphäre steckt an wie eine unterirdisch eindringende Krankheit. Nach ein paar Stunden, wenn man sich wirklich einläßt, hat sich der eigene Blick auf die Welt verändert. Das eigene Unbewußte scheint vergiftet.“
„Schwindel“, „Strudel“, „Abgründe“, „Entsetzen“, „Krankheit“, „Ertrinken“, „Vergiftung“ – was von den Rezensenten in nur wenigen Zeilen so beschrieben wird, als ob es hier um einen Abstieg in die Hölle ginge, ist tatsächlich die Erinnerung an eine Kindheit, die zumindest nach außen hin weitgehend normal war. Auffällig ist allerdings, wie gegenwärtig diese Kindheit im Text ist: Bieler erzählt durchgehend im Präsens, als ob alles, wovon er berichtet, gerade erst geschähe. Selbst dann, wenn er über die Gefühle des ganz jungen Kindes schreibt, wirkt der Text einleuchtend, stimmig, allerdings auch bitter.

„Ich fühle die Gleichgültigkeit der Mutter, den Widerwillen, ihren wachsenden Haß, der mich mit Schüttelfrost überzieht. Eines Abends schiebt sie meinen Stubenwagen in die Wäschekammer und verbietet der Großmutter, bei mir zu bleiben. Zum erstenmal bin ich allein in der Dunkelheit. Ich zittere vor Angst und weine, aber die Mutter verläßt mich und kommt nicht zurück.“ (S. 9f.)
Die Mutter hatte sich ein Mädchen gewünscht, lehnt den Jungen ab, wendet sich ihm dann aber immer wieder unvermutet und werbend zu. Moser fasst eine wichtige Szene so zusammen:
„Als der Junge an seinem dritten Geburtstag über den schlechtsitzenden neuen Anzug quengelt, schlägt ihn die Mutter, reißt ihm die Sachen herunter und stürzt aus dem Haus. ‚Laß mich nicht allein‘, schreit er verzweifelt hinter ihr her. Erst spät am Abend kommt sie zurück, küßt ihn und fragt halb zärtlich und halb drohend: ‚Hast du mich noch lieb?‘ Da muß er lügen und ‚Ja‘ sagen, während die Tränen fließen.“
Ähnlich widersprüchlich sind alle Erwachsenen der Familie. Beim Vater ist der Junge zeitweilig glücklich, etwa wenn er in auf seinen Schultern trägt:
„Ich spüre seine Bartstoppeln an meinen Schenkeln. Ich bin so glücklich wie nie zuvor. Ich umarme seinen Kopf und lege mein Gesicht auf sein schwarzes Haar.“ (69)

Meist aber ist der Vater an seinem Sohn desinteressiert und abwesend in mehrfacher Hinsicht: fixiert auf seinen „Frühschoppen“, in wortloser Unterordnung unter Edith, seine Frau, und die Großmutter Louise, die bei der Familie lebt. Dass Edith in mit Arbeitskollegen und mit einem Freund betrügt, registriert er, ohne es offen anzusprechen.

Louise wiederum steht auf der Seite des Jungen, wenn sich ihre Tochter über ihn echauffiert und ihn für Kleinigkeiten maßlos bestraft, ist aber zu anderen Gelegenheiten auch unbegreiflich kühl und ablehnend. Die Widersprüchlichkeit der Erwachsenen spiegelt sich schon früh im Verhalten des Jungen. Auf ein Mädchen, das ihn freundlich und interessiert anspricht, reagiert er etwa unvermutet aggressiv:

„Ich liebe sie, ich hasse sie und spucke ihr ins Gesicht.“ (43)
Auffällig ist insbesondere, dass die Erwachsenen immer wieder selbst infantil agieren, seine Zuneigung suchen, aber sogleich auf ihrer erwachsenen Machtposition bestehen, wenn er nicht wie gewünscht darauf antwortet. Als etwa die Mutter den Kleinen küssen will, er sich aber angesichts ihres Mundgeruchs durch zwei faulige Zähne („Nur ihr zuliebe hab ich immer so getan, als würd es mich nicht stören.“, 110) von ihr abwendet, wird sie plötzlich grausam.
„Edith zerrt mich aus dem Bett und gibt mir einen Stoß. Ich taumele vor den Spiegel. Findest du etwa, daß du hübscher bist als ich? jault die Mutter. Sieh dich doch an, du Hampelmann! ruft sie mit einem gräßlichen Lachen, das ihren Mund zerreißt. Ich blick in den Spiegel und erkenne mich nicht.“ (111)
Nur selten unterbricht der erwachsene Erzähler das erzählende Kind, und auch dann ordnen seine Kommentare das Geschehen nicht, sondern formulieren Fragen.
„Wohin gehen wir, du und ich? Was wurde uns gestohlen, dir und mir? Wer nahm die Liebe aus deinem und meinem Herzen? Wer raubte dir und mir das Glück der kleinen Freuden, die Wohltat der unbefleckten Zärtlichkeit, das Geheimnis der Tränen, die Unschuld der Spiele, die Lust am Leben?“ (145)
„Gegen Ende kommt es zu sexuellem Mißbrauch“ Der schwerkranke Vater geht auf Jahre in ein Sanatorium, und als die Familie ihn dort besucht und in der Pension eines nahegelegenen Ortes wohnt, wird der Aufenthalt für den nun Sechsjährigen zu einer Tortur. Irritierend sind zunächst kleinere Grenzüberschreitungen der Mutter:
„Ich stehe auf und blicke dem Vater hinterher. Als er sich umdreht, winke ich ihm zu und fühle, wie Edith meine Knie zwischen ihre Schenkel nimmt.“ (291)
Als seine Mutter dann in der Pension, der „Freudenschloßbaude“, eine Affäre mit einem jungen Mann namens Toni beginnt, flößt sie ihrem Sohn Eierlikör ein, um ungestört mit ihrem Liebhaber schlafen zu können („Eierlikör, flüstert sie, den trinken nur wir beide, ganz heimlich, verstehst du?“ 304). Der Kleine, der im selben Zimmer wie seine Mutter schläft, wacht trotzdem in der Nacht auf, hört Tonis und Ediths Keuchen und ihre Reden beim Sex, und er onaniert unwillkürlich selbst dabei.
„Dann wische ich meine klebrigen Finger am Nachthemd ab. Dann lasse ich die Tränen laufen. Aber plötzlich höre ich eine Stimme, von der ich nicht weiß, woher sie kommt. Sie ist so laut, daß mir der Kopf zerspringt. Sie brüllt mir nicht in den Ohren. Sie dröhnt aus mir heraus, als sitze sie in meinem Bauch. Die Stimme hat keinen Mund. Sie sagt immer wieder das gleiche. Ich selber bin es, der spricht. Entweder vergißt du, was geschehen ist, oder du stirbst, schwöre ich mir.“ (306)

Er wird wiederholt Zeuge der Treffen von Edith und Toni, und er wird auch Zeuge, wie Toni sich von der Mutter distanziert, sie darunter leidet und schließlich wieder Nähe zum Vater sucht (320). Er schämt sich, dass die Mutter trotz Tonis Desinteresse immer noch an im hängt, leidet aber auch mit ihr – der Sechsjährige wird von der Mutter in die Position eines erwachsenen Freundes manövriert, der ihren Liebeskummer teilt und der zugleich ihr verschwiegener Verbündeter gegen den eigenen Vater ist.

Zudem benutzt sie ihn auch selbst als Liebhaber. Als Mutter und Sohn bei einem Spaziergang von Sturm und Regen überrascht werden, suchen sie Schutz unter einem Baum.

„Hilf mir, stöhnt sie, zitternd vor Angst. Ich springe zu Edith und umarme sie. (…) Wärme mich, bettelt Edit und schmiegt sich an mich. Ich tauche die Hand in ihr Kleid und streichele den nackten Rücken. Der Regen läuft mir in den Kragen, aber ich weiche nicht von der Stelle. So ist es gut, flüstert die Mutter und schiebt, als sie mich küßt, ihre Zunge in meinen Mund.“ (315)

In der Pension streicht sie dem Kleinen beim Waschen so lange mit der Hand über das Glied, bis er eine Erektion bekommt („Wehe, wenn das noch einmal passiert, droht sie, doch in ihren Augen ist ein Lächeln, das mich besänftigt und mir verzeiht“, 342). Sie zieht den Jungen beim Umziehen zwischen ihre nackten Beine und küsst ihn intensiv auf den Mund (343), sie nimmt ihn mit zu sich ins Bett und gibt ihm auch hier einen langen Kuss.

Er bittet darum, dass sie ihm Gute-Nacht-Lieder singt, sie tut es widerwillig und zieht ihn währenddessen aus.

„Laß das! fahre ich sie an und presse die Hand an meinen Schniepel, weil ich fühle, daß er jeden Moment platzen muß.“ (347)
Schließlich schläft sie mit ihm.
„Dann trennen wir uns. Ich zittere vor Angst. Ich brenne lichterloh. (…) Ich weine, ohne zu schluchzen. Ich will zu Louise. Ich will sie fragen, warum Edith mir das angetan hat. Es dauert eine Ewigkeit, bis ich die Antwort höre. Ach, mein Junge, sagt die Großmutter, darüber brauchst du dir keine Gedanken zu machen, es gibt viele Dinge im Leben, die man vergessen muß.“ (347)
Der Missbrauch des Jungen durch die Mutter spitzt zu, was auch schon zuvor die familiäre Situation geprägt hat. Der Vater ist abwesend und desinteressiert, die Großmutter bietet nur scheinbar eine Zuflucht, die Mutter nimmt sich vom Jungen, was sie will. Den Missbrauch bereitet sie durch ungewohnte Aufmerksamkeit vor:
„meine größte Freude bleibt, daß sie heute nur Augen für mich hat. Ich bin die Hauptperson. Mir gelten ihre Blicke. (…) Ich strotze vor Glück.“ (336)

Angesichts der zentralen Stellung der mütterlichen sexuellen Gewalt gegen den Sohn, in der die „Memoiren“ vor einem kurzen „Nachspiel“ ihren zugespitzten Abschluss finden, ist es irritierend, wie wenig davon in den Rezensionen spürbar ist. Paul Kersten erwähnt die Situation als „Verführung“ durch die Mutter, Tilmann Moser erträgt sie nur in einer unpersönlichen Umschreibung, die Edith nicht als Täterin nennt: „gegen Ende kommt es zu offenem sexuellen Mißbrauch“.

Schon dass der Junge sexuell missbraucht wurde, ist offenbar ein Tabu, das auch durch einen Psychoanalytiker nur in distanzierender Form angesprochen werden kann – dass es seine eigene Mutter war, die ihn missbraucht hat, geht offenbar beiden Rezensenten zu weit, um es deutlich aufschreiben zu können. Das ist bezeichnend für die Zeit, in der das Buch erschien, und prägt auch noch heutige Diskussionen um sexuelle Gewalt gegen Kinder.

Stille Schreie und ein ultimatives Tabu Michelle Elliott bezeichnete den sexuellen Missbrauch durch Frauen als „ultimatives tabu“ (ultimate taboo“), veröffentlichte 1993 (deutsch 1995) die Essaysammlung Female Sexual Abuse of Children (dt: Frauen als Täterinnen. Sexueller Mißbrauch an Mädchen und Jungen) und wurde dafür mit hasserfüllten Briefen von Feministinnen überschwemmt: „she was deluged by hate mail from feminists who saw it as an attempt to detract from the real problem“. 

Das gilt so auch für Deutschland: Ich weiß auch aus eigener Erfahrung, dass die Rede von Frauen als Täterinnen aus feministischer Perspektive als Strategie einer „Gegenbewegung“ gegen die Aufklärung über sexuellen Missbrauch dargestellt wurde, deren Ziel es lediglich sei, die Gewaltakte von Männern zu relativieren. Ein absurdes Argument, das die Rede über kinderfeindliche sexuelle Gewalt als Vertuschung diffamiert, die Errichtung von Gesprächstabus aber als Akt der Aufklärung feiert.

Der Hintergrund dafür ist natürlich, dass Arbeiten von Feministinnen tatsächlich sehr bedeutsam bei der Aufklärung über sexuellen Missbrauch von Kindern und seine destruktiven Folgen waren, dass aber diese Arbeiten immer das Ziel hatten, die sexuelle Gewalt von Erwachsenen an Kindern als eine Form männlicher Gewalt an Frauen und Mädchen zu deuten. Diese Aufklärung war und ist nicht nur einseitig, sie hat auch einen hohen Preis: Während sie einige Gesprächstabus abbaut, verstärkt sie zugleich andere, nämlich die Tabus der sexuellen Gewalt an Jungen und, mehr noch, der sexuellen Gewalt durch Frauen.

Dadurch, dass Feministinnen eine Aufklärung über solche Formen der Gewalt regelrecht bekämpften, haben auch sie dieser Gewalt Vorschub geleistet. Wenn also Alice Schwarzer heute zu Recht die Grünen im Zusammenhang der Pädophilie-Debatte dafür kritisiert, dass sie sich für die Opfer ihrer Politik niemals ernsthaft interessiert haben, unterschlägt sie, dass eben dieser Vorwurf in eben diesem Zusammenhang auch an Feministinnen gerichtet werden kann.

Dass Manfred Bielers Text nicht – wie er es verdient hätte – erfolgreicher und bekannter wurde, liegt sicher auch daran, dass seine Beschreibung der Geschlechter radikal unzeitgemäß, von handelsüblichen Klischees weit entfernt war und ist. Frauen erscheinen hier durchweg keineswegs als sanft und fürsorglich, auch nicht durchgehend als destruktiv, aber sie agieren dem Kind gegenüber immer wieder unbegreiflich grausam. Das gilt nicht nur für die Familie: Als der Junge sich einmal bei den Nachbarn Reichwein in die Hose macht, zieht die heimlich von ihm angehimmelte Frau Reichwein ihn im Bad angeekelt aus, stößt ihn in siedendheißes Wasser und beschimpft das schreiende Kind als „Hosenschisser“. (206)

Der Vater lässt das Kind allein, aber von ihm wünscht sich der Junge nicht nur Zuneigung, sondern auch, dass er einmal gegen Mutter und Großmutter aufbegehren würde. Er sucht sich imaginäre Ersatzväter – den Onkel Arnold beispielsweise, der ihm Klavierstunden gibt und der „ihr Saures (gibt)“, als Edith meint, der Junge würde es nie fertigbringen, auch nur eine Tonleiter zu lernen. (381) Beides – die selbstverständliche Darstellung brutaler Handlungen von Frauen, die hier keineswegs als Gegenwehr gegen patriarchale Gewalt oder als „Mittäterinnenschaft“ erscheinen, wie die Betonung der Bedeutung, die eine väterliche Präsenz für den Jungen gehabt hätte – ist auch heute noch provokativ.

 „Still wie die Nacht“ ist der Titel eines Lieblingsliedes der Mutter. Er ist hier aber natürlich auch eine Anspielung auf die Stille, die dem Jungen abverlangt wird: Er muss sein Wissen um die sexuellen Abenteuer der Mutter verschweigen, in die sie ihn bedenkenlos involviert, er muss verschweigen, was sie ihm tut, er hat aber auch schlicht keine Worte für das, was er von den Erwachsenen insgesamt erlebt. Seine stummen Schreie sind ein Leitmotiv des Textes:

„Der Tag kommt, an dem ich euch den Hals umdrehe! schrei ich, ohne daß es jemand hört.“ (309)

Der erwachsene Schriftsteller hat hier dem Jungen, der vergessen sollte und nicht vergessen hat, nachträglich seine Möglichkeiten geliehen, das Erlebte zu formulieren: „Memoiren eines Kindes“. Das ist irritierend angesichts des Wissens darum, dass Erinnerungen immer auch nachträgliche Rekonstruktionen sind – es ist aber auch den gesamten Text über auf beeindruckende und bedrückende Weise plausibel.

Still wie die Nacht ist heute, wie andere Texte von Bieler, nur noch antiquarisch erhältlich. Auch das ist bezeichnend: Während klischeekonforme Erfahrungs- und Meinungsfetzen als „Aufschrei“ zu einem medialen Großereignis hochgejubelt werden, sind die Erfahrungen dieses Jungen schon längst wieder in der Stille verschwunden, aus der er sie als erwachsener Autor in einer enormen Leistung für kurze Zeit herausgeholt hatte.

Alle nicht verlinkten Zitate stammen aus:
Manfred Bieler: Still wie die Nacht. Memoiren eines Kindes, Hamburg 1989
  1. Danke, lieber Schoppe, für die Rezension, ich habe mir soeben das Buch bestellt. Ich besitze auch das Buch „Frauen als Täterinnen“.
    Warum das Thema „Frauen als Täter“ nach wie vor tabuisiert wird, liegt meines Erachtens nicht nur an der Rolle der Feministen. Es ist einsichtig, dass diese Gruppierung kein Interesse daran hat. Sie verstehen Frauen grundsätzlich als Opfer, und wenn eine Frau mal zur Täterin wird, geschieht dies nur deshalb, weil sie zuvor selbst Opfer war. Täter sind für sie naturalmente immer nur Männer.
    Hinzu kommt die gesellschaftliche Vorstellung, dass man sich Frau nicht als Kinderschänderin vorstellen mag. Dabei schänden Frauen Mädchen wie Jungen gleichermaßen wie Männer. Der überwiegende Teil von erwachsener Gewalt gegen Kinder geht zudem von Frauen aus. Dennoch gibt es einen gesellschaftlichen Unwillen, das süße Mutterbild, das ja sich gerade in dem im letzten Jahrhundert anwachsenden Marienkult manifestiert, zu hinterfragen. Man denke nur an die Aufregung um Max Ernsts Bild „Die heilige Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“. Es mag analog auch ein männlicher Unwille sein, zu sehen, was offensichtlich ist. Denn würde man die Dinge benennen, rückte man selbst auch in die Pflicht und Verantwortung, sie zu ändern. Und deswegen schaut Mann lieber weg, selbst wenn er hinschaut.
    Weiters kommt hinzu, dass es kaum Überlebende sexueller Gewalt durch Mütter und Frauen gibt, die es wagen, sich zu outen. Der Hass und Spott gewisser Kreise wäre ihnen sicher. Noch ärger wäre dies für Männer, wie man am sehr fernen aber gerade aktuellen Beispiel von Boris Becker ablesen kann. Zudem ist die Scham der Überlebenden sehr groß.
    Es gibt auch kein Forum mehr im Internet, dass für Überlebende sexueller Gewalt durch Mütter und Frauen eine Anlaufstelle wäre. Vor zwei Jahren wurde das letzte von zwei Foren geschlossen. Die wenigen Berichte in öffentlich rechtlichen Medien – ich kenne nur zwei Dokumentationen – kranken zudem daran, dass sie erkennbare Pseudologen als Opfer präsentieren. Dass dem so ist, liegt zum einen daran, dass die Filmemacher sich in dem Thema nicht auskannten – man wollte nur eine bizarre Story -, und zum anderen daran, dass sich kaum Opfer vor die Kamera wagen. Ich habe bei einem Film hautnah mitbekommen, wie erschreckend unprofessionell nach Betroffenen gesucht worden war. Es war beschämend. Dementsprechend unglaubwürdig war dann auch die Dokumentation.
    Letztlich dürfte ein weiterer Punkt für das mangelnde Interesse an diesem Thema sein, dass es noch keinen Betreuungsmarkt und noch keine professionellen Opfermacher – ich denke da speziell an esoterisch aufgestellte Psychologen – gibt, die das Geschäft ins Laufen bringen. Es ist eben noch kein trendiges, sondern nur ein trauriges Thema.
    Servus M. M.

    Antwort

  2. Ich halte die Erinnerung von Erwachsenen als Verlorene, Angsterfüllte, Gefangene, Unsichere, Missachtende und, im Fall der Mutter, Missbrauchende für glaubhafter als jede Propanz der heiligen Urmutter und des dämonischen Teufelsmannes, die Feministinnen so gerne vor sich hertragen.

    Bekenntnisse der Traurigkeit lasse ich außen vor, sie würden nur mein Bedürfnis nach Distanz zum Missbrauch befriedigen.

    Antwort

  3. @ Matthias Mala Ich glaube auch, dass es falsch ist, allein Feministinnen verantwortlich zu machen für die Tabuisierung der weiblichen Täterschaft bei sexuellem Missbrauch. Es ist hier – wie auch in anderen Kontexten, z.B. beim Sorgerecht – in meinen Augen eher so, dass feministische Positionen Änderungen blockieren, die längst überfällig wären.

    Der sexuelle Missbrauch durch die Mutter war ja offenkundig auch für die männlichen, nicht-feministisch argumentierenden Rezensenten ein Problem. Hier hab ich selbst zunächst einen Fehler gemacht, den ich mittlerweile im Text korrigiert habe. Ich hatte zuerst geschrieben, dass Paul Kersten im Spiegel den sexuellen Missbrauch gar nicht erwähnt – tatsächlich zitiert er sogar entsprechende Passagen, stellt die Situation aber als „Verführung“ war. Ein Begriff, den ja auch Freud im Kontext des sexuellen Missbrauchs verwendet und der suggeriert, die Sexualität zwischen Mutter und Kind sei schließlich einvernehmlich gewesen, nur dass der Junge eben erst einmal in sie hineinbugsiert werden musste. Natürlich war auch 1989 schon klar, dass ein sexuelles Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern so nicht angemessen beschrieben werden kann.

    Auch Ihre anderen Beispiel zeigen ja, dass das Tabu der sexuellen Gewalt durch Mütter weiterhin tief (und nicht nur ein feministisches Tabu) ist.

    Servus!

    Antwort

  4. Aber warum werden von Feministinnen nur Männer im schlechten Licht dargestellt, während man Frauen von allem Negativen freisprechen möchte? Welchen politischen Zweck hat diese Strategie der Feministinnen?
    Ich denke, Männer sollen in der Öffentlichkeit diskreditiert werden, um weitere Privilegien für Frauen zu fordern. Diesem Zweck diente doch die Aufschrei-Kampagne. Politiker fast aller Parteien waren sich dessen einig, dass durch einen höheren Anteil von Frauen in Politik, Medien usw., also durch die Frauenquote, der „Sexismus“ verschwinden wird:
    http://www.bild.de/politik/inland/sigmar-gabriel/siegmar-gabriel-tochter-teil-1-28366844.bild.html

    Antwort

  5. Ich neige zu Masochismus, deshalb schaue ich mir auch regelmäßig „Frau TV“ an. Dann: Ein Bericht über einen Mann, der von seiner Mutter missbraucht wurde. Vor dem Videobeitrag erläutert die Moderatorin Lisa Ortgies, dass der Beitrag beinahe abgesetzt wurde, weil einige Damen in der Redaktion der Meinung waren, dies würde dem guten Ruf der Frauen schaden. Aha.

    Antwort

  6. Der Feminismus hat selbst eigene Leichen im Keller, die es zu verbergen gilt, in diesem „Man Tau“ Beitrag wurde dies beleuchtet:

    http://man-tau.blogspot.de/2013/02/dworkin-inzest-kindermord.html

    Antwort

  7. „Wie man sich als Prominenter, beziehungsweise als das, was wir in Deutschland dafür halten, ganz anders ins Gespräch bringen kann und dass dieser Weg weder an der Wiesn noch an der Theke vorbeiführen muss, zeigt Manfred Bieler. Der Mann, der als Romanautor erfolgreich war, beweist, dass es sich für sein Geschlecht durchaus lohnen kann, die eine oder andere Beziehung geführt zu haben. Müssen andere Männer durch Singen, Gastrollen oder Betrunkensein die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, beschreitet Bieler den „Weg der Mutter“. Er verwandelt seinen boulevard of broken dreams, seine gescheiterten Beziehungen, in die Währung Aufmerksamkeit.“

    Dieser leicht geänderten Meinung meiner Lieblingsautorin Silke Burmester (die ich nur leicht abgewandelt habe) schliesse ich mich voll und ganz an!
    Männer sollen nicht leiden, sie sind Täter! Und erwischt es sie doch, so sind sie nun mal keine Opfer, sondern Einzelschicksale! Aber hat eigentlich irgendjemand hier mal das Schicksal der armen Mutter betrachtet? Nein, natürlich nicht! Sie, allein gelassen mit dem Kind, einen Säufer als Mann, der nichts auf die Reihe kriegt, die Mutter als zukünftiger Pflegefall, eingesperrt in den Haushalt ohne Chance auszubrechen (selbst die Beziehung zu Toni ging warscheinlich wegen dem schreienden Balg zugrunde) und so alle Karrierechancen als Mauerschützin oder Politbürovorsitzende vergeben… Nein, Ihr hier betrachtet nur das vermeindliche Opfer, einen weinerlichen Autor, für den sich seine Mutter völlig aufgeopfert hat!

    Gruss
    Kai

    PS:
    Wer Rechtschreibfehler findet darf sie behalten!
    PPS:
    Wer Ironie findet darf sie ebenfalls behalten

    Antwort

  8. Ich finde das auch völlig richtig – schade, dass Silke Burmester noch keine Spon-Kolumne hatte, als Manfred Bieler sein manpain-Buch veröffentlichte. Aber glücklicherweise hast Du das ja, zum Glück ganz ohne Ironie, entlarvt und deutlich gemacht, wer das eigentliche Opfer der Geschichte ist. Wie könnte es auch anders sein.

    Aber mal im Ernst: So bitter-ironisch kann man wahrscheinlich gar nicht sein, dass man nicht von der Wirklichkeit dabei überholt werden würde. Burmesters Text über Becker scherte sich ja auch nicht darum, dass er von Gewalterlebnissen berichtete, und machte sich noch darüber lustig.

    Und beim Thema des sexuellen Kindesmissbrauchs waren die Fronten lange Zeit nach meinem Eindruck noch klarer und härter als heute. Ich kann mich an Diskussionen Ende der Neunziger erinnern – wer dort im Gespräch mit feministisch orientierten Diskutantinnen auch nur leise Zweifel an den Methoden der Aufdeckung formulierte oder über weibliche Täterschaft sprach, musste natürlich darauf gefasst sein, sogleich als Teil einer „Gegenbewegung“ gegen die Aufdeckung des Missbrauchs und als Angehöriger der „Täterlobby“ identifiziert zu werden.

    Gruss auch von mir
    Lucas

    Antwort

  9. Das war vermutlich als eine Art Triggerwarnung gemeint – ist ja auch schwer, wenn man kaum daran gewöhnt ist, dass Frauen und ihr Verhältnis zu Kindern in Massenmedien auch einmal kritisch dargestellt werden könnten…. Und ein gutes Beispiel für das „Sag das nicht so laut, das schadet dem Gegner“-Denken.

    Antwort

  10. Danke für den Hinweis. Der Text von Dworkin ist tatsächlich verrückt, und deutlich – eine Idealisierung des Mutter-Sohn-Inzests.

    Antwort

  11. @ Haselnuss Es sind ja eben gerade diese mythischen Idealbilder im Kopf, die dazu führen, dass konkrete Situationen gar nicht mehr wahrgenommen – oder als Ausnahmefälle abgetan werden. Auch deshalb finde ich den Bieler-Text so erstaunlich und lesenswert, weil er sich mit diesen so präsenten Idealen gar nicht weiter abgibt, aber sehr genau in der Beschreibung einzelner Situationen ist.

    Antwort

  12. „Politik ist in Deutschland immer noch sehr stark eine Männerdomäne. Auch deshalb ist die Quote wichtig.“ Das ist das gönnerhafte, von strukturellen Überlegungen erstaunlich unberührte Gerede eines Mannes, der sich seiner eigenen Position sicher sein kann und sich nun gnädig als großzügiger, emanzipierter Helfer von Frauen hinstellt.

    Wie lächerlich und unehrlich eine solche Pose ist, lässt sich tatsächlich nur dann über längere Zeit verdecken, wenn man die anderen Männer – die angeblich die Frauen allesamt unterdrücken wollen – denunziert und dämonisiert.

    Antwort

  13. „Aber hat eigentlich irgendjemand hier mal das Schicksal der armen Mutter betrachtet?“
    Aber hat eigentlich irgendjemand mal das Schicksal des armen Vaters betrachtet? Warum war der Vater ein Alkoholiker? Welche psychischen Probleme hat er gehabt? Warum hat er „nichts auf die Reihe gekriegt“?

    Antwort

  14. „sogleich als Teil einer „Gegenbewegung“ gegen die Aufdeckung des Missbrauchs und als Angehöriger der „Täterlobby“ identifiziert zu werden.“

    Ja, früher war alles besser, da gehörte man noch zur Täterlobby, heute ist man nur rechts…
    Kenne ich auch noch, entweder wurde man als zu blöd bezeichnet um das mit dem Patriachat zu verstehen oder man wurde noch öffentlich ausgeschimpft, weil man mit Pseudostudien untermauerte Behauptungen kritisierte etc. Heute? Man wird einfach nicht mehr zu Wort gelassen…
    Ja, früher war alles besser 🙂

    Auch Burmester ist nicht so neu, die gab es in veränderter Form auch damals schon. Zu Zeiten als Boris Wimbeldings gewann habe ich auf einer Bank gearbeitet, da habe ich alles erlebt. Von Mütern die den Kindsunterhalt schneller versoffen als der Mann ihn bezahlen konnte, über Frauen die vom Haushaltsgeld leben mussten und der Mann der den Löwenanteil für sich behielt (ein einziger Fall), bis hin zu Mord, Totschlag und Erbschaftsstreitereien… Die Mutter die den Kindsunterhalt versoff war natürlich ein Opfer vom allein gelassenen Mann, der jetzt mit ner jüngeren rummacht anstatt sich um das Balg zu kümmern (das wurde einfach mal als gegeben so hingenommen mit der jüngeren…). Der Haushaltsgeld zahlende Ehemann ein Ausbeuter, die arme Studentin die sich für 30.000 DM pro Monat prostituierte ein armes ausgenutztes Opfer und die Ehemänner, die wegen Arbeitslosigkeit keinen Unterhalt zahlten immer schon ehlende Schufte, die sich nicht um die Kinder kümmerten etc. etc. etc. Man durfte sich anhören wie schlimm und schwierig doch Hausarbeit war, und wenn ich sagte, meine zwei Zimmer Studiwohnung habe ich in 4 Stunden einmal die Woche durchgeputzt, Bügeln 2h pro Woche, Abendessen auch nur ne 1/2h und Kindererziehung sehe ich als Freude an, auch wenn ich damals noch keine hatte, wurde mir das ebenfalls negativ ausgelegt. Mann halt, der im bösen Patriachat sogar die Hausarbeit noch schneller hinbekommt als die Frau (oder so ähnlich)… Ich würde mich damals noch nicht als Feminismuskritisch beschreiben, aber ich glaube ich war damals schon zu intelligent für Feminismus…

    Burmesters Artikel würde aber auf Poth passen (auch wenn es hier genau so wenig angebracht gewesen wäre), die sich durch Bohlen in die Öffentlichkeit geheiratet hat. Als dann der Aufmerksamkeitsknick kam, schwups tränenreich in TV Sendungen von der Ehehölle mit Bohlen geredet hat. Aber sicherlich ist Verona ein Opfer, Becker, der in seinem mehrere Seiten dicken Buch hier ein paar Seiten opfer, ist natürlich jemand der sich nur in die Öffentlichkeit bringen will. Das Seine Exfrau auch durch ihn an Bekanntheit gewonnen hat, egal. Das sie mit den Kindern mal eben in die USA flog um vollendete Tatsachen zu schaffen, obwohl sie, zumindest nach Aussagen des Ehemannes, gewalttätig war, geschenkt… Die Burmesters dieser Welt mit ihrer netten Doppelmoral, die immer wissen auf welcher Seite sie stehen, denn wir die Burmesters und alle anderen Frauen, wir sind die guten!

    @Anonym
    Vater, wer interessiert sich denn bitte für den Versager? Wenn er als Mitglied des herrschenden Patriachats sein Versagen auch noch Öffentlich mit 2L Rotwein feiert, dann ist das doch seine Schuld!!! Nur die arme alleingelassene Frau, die auch noch die eigene Mutter pflegen muss, die sich in dieser Aufopferung alles versagt… Und dann dankt es der Sohn so?

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