Frau Schrupp hat nichts gegen Fremde

Frau Schrupp hat nichts gegen Fremde. Sie würde eigentlich sogar gern freundlich zu Fremden sein, aber das ist leider nicht möglich, was auch Frau Schrupp „eigentlich schade“ findet.
„Ich bin ein viel unfreundlicherer Mensch als ich sein könnte, vor allem im öffentlichen Raum, dort, wo ich niemanden kenne.“

Frau Schrupp erzählt selbst, wodurch sie so unfreundlich wurde:

„Es war beim Rumknutschen mit einem der Fremden, mit dem ich befreundet war, ich glaube, ich war ungefähr 14 oder so. Wir küssten und streichelten uns, aber an einem gewissen Punkt wollte ich nicht weitermachen. Dieser Fremde, ein sehr netter Mensch übrigens, reagierte ärgerlich und sagte mir, dass ich so etwas nicht machen könne: erst aufgeilen und dann doch nicht zum Ende kommen.
Ich erinnere mich noch daran, dass mich das damals sehr schockierte, weil ich bis dahin ganz selbstverständlich (in einer von der Überfremdung offenbar noch ungestörten Naivität) davon ausgegangen war, dass Sex zu wirklich jedem Zeitpunkt des Verfahrens von allen Beteiligten einseitig beendet werden kann.“
Ich verstand Frau Schrupps Erzählungen zuerst nicht, denn schließlich, so dachte ich, hatte sie den Sex doch offenbar tatsächlich einseitig beenden können. In meiner Gutmütigkeit, die mir allerdings schon in manch anderer Situation einen ungünstigen Weg gewiesen hat, glaubte ich zudem zu wissen, dass der Ärger des fremden Jungen doch zwar unhöflich, aber nicht völlig unverständlich sei. 
„Nicht jeder Fremde, so warnte er mich, würde in einer entsprechenden Situation ohne weiteres von mir ‚ablassen‘.“
Dies allerdings ist nicht nett, denn immerhin versucht der Junge hier, sich selbst in ein gutes Licht zu setzen, indem er der jungen Frau Schrupp andere Fremde als Gewalttäter ausmalt – doch auch hier verstand ich nicht, warum die ältere Frau Schrupp das noch heute allen Fremden vorwirft, anstatt sie, innerlich zwar, aber doch entschieden einschreitend, gegen die Anklage des jungen Fremden in Schutz zu nehmen.

An dieser Stelle muss ich ein Geständnis einflechten, mit dem ich eigentlich den ganzen Text schlechterdings hätte beginnen müssen, so dass dieses Geständnis nun weit verspätet kommt und fast gar nichts mehr wert sein kann, zumal es gewiss eine schwache Ausrede ist, dass ich nicht wusste, wo ich es vorher hätte einfügen können:

Ich selbst bin auch ein Fremder.

Es gab Zeiten, in denen ich das zu verbergen versucht habe, bis ich merkte, dass auch das die Einheimischen irritiert – zumal es mir offenbar ohne Schwierigkeiten anzusehen ist, wenn ich auch nicht weiß, wodurch. Immerhin bin ich in diesem Land geboren, meine Eltern sind hier geboren, alle Generationen meiner Familie, soweit ich zurückblicken kann, sind hier geboren und haben hier gelebt, so dass ich lange nicht recht verstehen konnte, was mich zum Fremden machte und wodurch die rechtschaffenen einheimischen Menschen mich sogleich und ohne Zögern und Zweifel als Fremden erkennen können.

Doch nun, dank Frau Schrupp, die ganz sicher nicht beabsichtigte, mir mein Fremdsein zu erklären, als ob es nichts Wichtigeres gäbe – so dass ich mir gewiss nicht mit lächerlicher Überschätzung die Bedeutung zumesse, sie hätte etwa an mich und meinesgleichen gedacht, als sie von sich erzählte – durch die Erzählungen Frau Schrupps verstehe ich es nun gleichwohl besser.

Die Einheimischen erkennen uns an dem, was wir ihnen antun – antun allein schon dadurch, dass wir da sind.

„Ich lernte, dass ich damit rechnen muss, dass mein Entgegenkommen, mein Mich Öffnen, meine Freundlichkeit, von Fremden (sicher nicht von allen, aber eben doch von welchen, ohne dass ich vorher wissen könnte, ob dieser konkrete Fremde, mit dem ich es gerade zu tun habe, dazu gehört) quasi als Versprechen auf ‚Mehr‘, interpretiert werden kann. Sogar als Verpflichtung.“
Das sagt Frau Schrupp, und das verstehen wir nicht, weil wir ja selbst die Fremden sind und trotz aller erdrückender Beweise des Gegenteils nicht ganz das Gefühl verloren haben, es sei normal und ein Teil des Menschseins gar, ein Fremder zu sein. Niemals geben wir uns zufrieden, kein Teil des Landes ist uns groß genug, bis wir nicht das ganze Land besitzen, und die Einheimischen, die an ein friedliches Leben gewohnt sind und die Grobheiten der Fremden nicht kennen, sind hilflos dagegen: Wer uns den Finger hinhält, gibt bald die ganze Hand hin, und wer Fremden einen Blick zuwirft, wird an sie seine Augen verlieren.

Wie hätte die junge Frau Schrupp da auch in dem jungen Fremden, der ihr so unerfreulich begegnete, einfach den enttäuschten Jungen sehen können, der er ja nur aus unserer verblendeten Sicht war – wie hätte sie übersehen können, dass er gewiss nicht einfach ein Junge ist, sondern ein Statthalter der Überfremdung, ein Räuber der Unschuld so oder so, der sie aus ihrer „ungestörten Naivität“ herausriss und in das erbarmungslosere und unfreundlichere Land führte, das seine eigentliche Heimat ist.

„Auf diese Weise begann es, dass ich unfreundlich wurde, unfreundlich zu Fremden. Ich begann auch, Fremde zu unterteilen in solche, mit denen ich gegebenenfalls Sex haben könnte und solche, mit denen ich das ausschloss. Und überhaupt nur mit ersteren fing ich irgendeine Art von freundschaftliches Verhältnis an. Ich dachte mir, wenn die mich dann irgendwann vergewaltigen würden, wäre es immerhin nicht so schlimm.“
Wie können wir denken, die Einheimischen würden nicht merken, wie wir danach trachten, ihren Raum einzunehmen, ihre Unschuld zu zerstören und ihre Züge zum Entgleisen zu bringen.
„Und genau das ist das Schlimme an der alltäglichen Fremdenfeindlichkeit: Sie vergiftet das Verhältnis zwischen Einheimischen und Fremden.“
Ich war angesichts dieser Worte zuerst erleichtert, erfreut, erlöst sogar, bis ich mir verschämt eingestehen musste, dass ich sie – und ganz durch eigene Schuld natürlich, nicht etwa, weil diese Worte nicht eindeutig und klar gewesen wären – missverstanden hatte: Nicht die Feindlichkeit gegen Fremde meint Frau Schrupp hier, wie auch, denn das wäre ein Gespräch über etwas, was es gar nicht gibt – sondern es ist die Feindlichkeit der Fremden selbst, die den Alltag vergiftet.

Die Einheimischen zeigen auf Internetseiten, wie wir Fremden in ihren U-Bahnen sitzen und mehr Platz beanspruchen, als wir rechtschaffen benötigen, und sie rechnen vor, dass unsere Lungenvolumen größer sind als ihre, so dass wir mehr der öffentlichen Luft verbrauchen als sie selbst. Sie zeigen, dass wir in alle Machtpositionen klimmen, Müllabfuhr und Straßenbau und den Soldatenstand von Alters her übernehmen, auf öffentlichen Straßen unsere Obdachlosigkeit mit Doppellitern triumphierend feiern, auf Konzerten provozierend und lachend unsere entblößten Oberkörper zeigen, während die züchtigen Einheimischen sich bedeckt halten und der Demonstration unserer Nacktheit hilflos zuschauen müssen.

Wie kann angesichts all dessen ein ungeduldiger und unfreundlicher Junge einem jungen Mädchen von hier einfach als ungeduldiger und unfreundlicher Junge erscheinen und nicht als „Einweihung in die symbolische Ordnung der Überfremdung“, so dass er ihr als eine der Fratzen kenntlich wird, mit denen die Macht der Fremdheit und die fremde Macht den naiven Einheimischen entgegengrinst.

Es ist daher nicht an uns, mit Einheimischen zu diskutieren, wenn sie über uns sprechen – wir können nur zuhören und lernen. Ein Beispiel:

Wenn Einheimische und Fremde gemeinsam Kinder haben, was trotz allem immer wieder vorkommt – was bei Licht betrachtet tatsächlich sogar sehr häufig ist, ja gar den gewöhnliche Fall von Kindsgeburten in diesem Lande darstellt, so dass alle anderen Fälle ungewöhnliche Ausnahmen sind – wenn also Einheimische und Fremde gemeinsam Kinder haben, dann können die einheimischen Eltern allein darüber entscheiden, ob die fremden Eltern ebenfalls für die gemeinsamen Kinder sorgen dürfen.

Wie vermessen von uns, solch eine Regelung als Anmaßung zu empfinden, als Eingriff in unsere Elternschaft – und zu übersehen, wie sehr in die Ecke gedrängt die Einheimischen ihren Raum gegen uns behaupten müssen, zumal sie ja gar nicht wissen können, ob wir wirklich für unsere Kinder sorgen wollen oder ob die Sorge für die Kinder nicht ein weiterer Vorwand ist, unser Territorium zu erweitern.

Frau Schrupp aber bleibt von solcher Gewalt unbehelligt.

„Allen Fremden gegenüber blieb ich reserviert. Ich vermied es, sie auch nur anzulächeln, geschweige denn zu berühren. Ich fertigte sie mehr oder weniger geschäftlich ab.“
Und sie sagt:
„Ich weiß, dass ich dadurch die Gelegenheit verpasse, nette Fremde kennenzulernen, weil ich sie mit ihren ekligen Zeitgenossen einfach in einen Topf werfe. Aber ganz ehrlich: Das Leben ist so leichter für mich.“
So erlebt sie nur wenig Gewalt durch Fremde, doch sie findet gleichwohl, dass auch sie einen „hohen Preis“ bezahlt:
„Denn ich erlebe nur deshalb wenig Fremdengewalt, weil ich Fremde meide, die mir unbekannt sind.“
 
Frau Schrupp hat nichts gegen Fremde. Einige ihrer besten Freunde sind Fremde. Aber es wäre besser gewesen, wenn die Fremden dort geblieben wären, wo sie hingehören.

Wo das ist? Das weiß ich nicht. 

Jedenfalls nicht hier.

Weiterführende Literatur:   

Antje Schrupp (Aus Liebe zur Freiheit): Wie ich zu einer unfreundlichen Person wurde

Christian Schmidt (Alles Evolution): „Sowas kannst Du nicht machen, mich aufgeilen und dann nicht zum Ende kommen“ 

 
„Bei sexuellen Übergriffen handelt es sich eindeutig um einen bestimmten, in unserer Kultur vielfach gepflegten Akt der Konstruktion von Männlichkeit, der sich schier unendlich in Literatur und Kulturproduktion generell belegen lässt. Das nicht sehen zu wollen, sondern die Kritik daran mit Rassismus gleichzusetzen, ist nicht nur verantwortungslos, weil es Sexismus befördert, es ist auch eine Verharmlosung von Rassismus.“ (Antje Schrupp)

„PS: Weitere Kommentare, die meinen eigentlichen Blogpost derailen, indem sie auf das Thema ‚Das ist ja dasselbe wie Rassismus‘ umleiten, werde ich nicht freischalten.“ (Antje Schrupp)

Die Absicht des vorliegenden Textes ist es, diese Position von Antje Schrupp zu überprüfen und herauszufinden, ob sich ihre Position tatsächlich nicht in eine rassistische übersetzen lässt. Dazu habe ich ein Experiment angestellt, in dem ich aus ihrem Text den Begriff „Mann“ durch „Fremder“, den Begriff „Frau“ durch „Einheimische“, den Begriff „Patriarchat“ durch „Überfremdung“ und den Begriff „Sexismus“ durch „Fremdenfeindlichkeit“ ersetzt habe. Ansonsten sind die Passagen aus Antje Schrupps Text unverändert.

 

 

 

Vom Privileg, sich opfern zu dürfen (und weitere seltsame Geschichten des "disposable male")

Die hier besprochenen Filme Elysium und Gravity haben mindestens eine interessante Gemeinsamkeit: In beiden Filmen opfert sich ein männlicher Held, das eine Mal für das Überleben einer Frau (Gravity), das andere Mal für eine geliebte Frau und deren Tochter, aber der Einfachheit halber auch gleich für alle anderen (Elysium). In den Diskussionen der Kommentarstränge war dieses Motiv des männlichen Opfers immer wieder Thema, verbunden mit einer vorsichtigen Hoffnung:
„Aber vielleicht wirkt ja das Gift der Aufklaerung beim naechsten Mal, beim naechsten Film, wo sich ein Mann opfert (ich bin zuversichtlich, dass es noch ein paar geben wird), vielleicht erinnert man sich dann, und faengt an zu zweifeln.“ (Oliver K.)
Dabei waren sich die Kommentatoren über die Bedeutung des Opfers keineswegs einig. Luc macht im Bezug auf Gravity deutlich, das Selbst-Opfer des Mannes bedeute hier keineswegs, dass er von der Frau als verfügbar (disposable male) betrachtet werde: Bullocks Stone werde nicht „als eine Figur porträtiert, die Clooneys Figur als Verfügungsmasse sieht“. Dass ein Mensch sich freien Stückes in einer Extremsituation für das Überleben eines oder mehrerer anderer opfere, sei durchaus anerkennenswert – fraglich sei jedoch die Einschätzung dieses Opfers:
„Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass das nicht mehr sofort als bewundernswert, als durchweg positiv wahrgenommen wird?“
 Problematisch sei nicht die Opferbereitschaft von Männern wie den dargestellten, sondern die Tatsache,
„dass männliche Opferbereitschaft ausgenutzt wird, mittlerweile sogar institutionell per Gleichstellungsbüros und Frauenquoten.“
Das ist ganz im Einklang mit Darstellungen des Autors, der den Begriff „disposable male“ überhaupt bekannt gemacht hat. Warren Farrell fragt in seinem grundlegenden Text The Myth of Male Power, was wir denn eigentlich tun könnten, solange es noch keine Gleichberechtigung der Geschlechter gäbe, das männliche Opfer immer noch als selbstverständlich betrachtet werde und beispielsweise die Zahl getöteter männlicher Soldaten weiterhin um Vielfaches höher sei als die weiblicher? Seine Antwort: „We can express our appreciation.“ (The Myth of Male Power, S. 162)

In anderen Kommentaren wurde das Problem des männlichen Opfers allerdings anders beschrieben.

Sind schöne Grabsteine eigentlich ein Privileg? „Der schönste Grabstein, das größte Ehrenmal nützen mir nichts, wenn ich darunter liege“, schreibt Bombe 20 in einer Antwort auf Luc. Er finde die Vorstellung wenig erfreulich,
„Männer würden sich auch weiterhin mit Freude für Frauen opfern, wenn sie dafür nur gelegentlich ein wenig Anerkennung erhalten würden.“
Er formuliert Skepsis gegenüber einer Gruppe, bei der die Bereitschaft, sich für andere zu opfern, „als konstituierendes Merkmal dieser Gruppe gesehen wird“, und erinnert an die Verachtung, die Männern begegnete, die zu diesem Opfer nicht bereit waren.

Ein berühmtes historisches Beispiel dafür waren die „White Feathers“, die auch englische Frauen – und gerade Feministinnen – im ersten Weltkrieg Männern überreichten, die nicht auf das Schlachtfeld gezogen waren: als Zeichen ihrer Verachtung für die ihnen unterstellte Feigheit. Überraschend allerdings ist, dass auch heute, etwa hundert Jahre später, das männliche Opfer weiterhin als selbstverständlich erscheint. Nicht nur können Filme mit dem Motiv dieses Opfers noch immer ohne weitere Erklärungen spielen, auch in politischen Bewertungen männlichen Leids wird männliche Opferbereitschaft offenkundig als selbstverständlich angenommen:

 
Noch immer sind Soldaten, die im Kampf getötet werden, mit gigantischer Mehrheit männlich, vorwiegend männliche Leiderfahrungen wie Obdachlosigkeit werden eher mit Verachtung als Mitleid betrachtet, Frauen und Männern gemeinsame Leiderfahrungen wie Gewalt in Partnerschaften hingegen völlig unterschiedlich bewertet – die der Frauen mit großer Sorge, Empörung und Hilfsbereitschaft, die der Männer mit Spott und Desinteresse. Reaktionäre Autoren wie Hinrich Rosenbrock können, unterstützt von einflussreichen Institutionen wie der grünen Partei, mit der Fiktion einer „männlichen Opferideologie“ hausieren gehen, und so den Versuch denunzieren, auch männliches Leid und männliche Opfer ernsthaft zum Thema der Politik zu machen.

Wie ist diese Erstarrung möglich – warum ist das männliche Opfer nicht längst ein ebenso großer Skandal wie das weibliche?

 
Dass einst männliche Opferbereitschaft funktional war, hat ja schon Farrell in seinem Text plausibel beschreiben. In Zeiten der Ressourcenknappheit oder der Bedrohung durch äußere Feinde sei es im Interesse der Gruppe sinnvoll gewesen, diejenigen zu schützen, die ihren Fortbestand sichern konnten.
 
Die Männer hätten gleichsam als lebender Schutzwall funktioniert, Ressourcen bereitgestellt oder Bedrohungen abgewehrt, um zumindest einen kleinen sicheren Lebensraum für Frauen und Kinder zu bewahren. Mit vertauschten Geschlechterrollen hätte das weniger funktioniert: Auch wenige überlebende Männer können schließlich mit mehreren Frauen Kinder haben, aber wenn sich viele Frauen geopfert hätten, dann hätte die Reproduktionsfähigkeit der Gruppe auf dem Spiel gestanden.

Heute allerdings haben sich die Bedingungen radikal geändert. Die Ressourcen sind so reichhaltig, dass sie für alle genügen, und äußere Bedrohungen existieren angesichts einer jahrzehntelangen europäischen Epoche des Friedens nicht mehr. Zudem haben technische Entwicklungen die Hausarbeit so weit ökonomisiert, dass die Tätigkeit der Hausfrau heute nicht mehr notgedrungen ein Fulltime-Job sein muss, so dass Frauen in immer größerer Zahl als Konkurrentinnen und Kolleginnen von Männern auf dem Arbeitsmarkt in Erscheinung traten – und sich selbst entsprechend präsentieren.

„Unter solchen Voraussetzungen muß es ihnen [den Männern] doch zwangsläufig absurd vorkommen, nun andererseits zurückstehen zu sollen für diejenigen, von denen sie doch ganz genau wissen, daß sie ihnen (mindestens) ebenbürtig sind und auch ohne Hilfe alles schaffen, das sie erreichen wollen.“ (Bombe 20)
Die Ideologie des männlichen Opfers und des „disposable male“ (was übrigens vorsichtig mit „verfügbarer Mann“, aber auch deutlicher mit „Wegwerf-Mann“ übersetzt werden kann) konnte angesichts dieser mächtigen und durchdringenden Veränderungen nur mit großen politischen Anstrengungen aufrechterhalten werden – die ihrerseits auf die Angst vieler Menschen, Männern wie Frauen, vor solchen Veränderungen bauen konnten.
 
Jim Knopf und Lukas in der Geschlechterpolitik Nötig wäre, so beschreibt es Elmar Diederichs, eine Analyse, die zeige, dass der Feminismus „die Geschlechterrollen falsch beschrieben hat“ und dass er „die wahren traditionellen Geschlechterrollen tatsächlich fortsetzt“. Tatsächlich hat eine feministisch inspirierte Geschlechterpolitik wesentlich zu der beschriebenen dysfunktionalen Erstarrung beigetragen. Crumar weist in einem Kommentar auf die Ironie hin, dass
„Genderisten (…) genau die Stereotype und Klischees (bedienen), die sie vorgeblich bekämpfen, bzw. auflösen wollen.“
Wie können Strukturen, die einmal funktional waren und die nun dysfunktional geworden sind, dennoch bewahrt werden? Crumar macht auf den fundamentalen Unterschied zwischen sozialen Klassen und einem Verständnis von „Geschlecht“ als Klasse aufmerksam. Wer etwa auf die mangelnde Repräsentanz von Arbeiterkindern in höheren Bereichen des Bildungssystems hinweist, der könne mit diesem Hinweis auf den sozioökonomischen Hintergrund zugleich eine plausible Erklärung des weitreichenden Ausschlusses formulieren. Der Hinweis auf die Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen erkläre jedoch viel weniger:
„Eine Frau eines traditionellen Managers hat ordinär nichts gemein mit der Frau an der Kasse des Supermarkts; deren Kinder haben komplett verschiedene Ausgangsvoraussetzungen. Genau diese Unterstellung ist jedoch die BASIS einer Position, die GLEICHSTELLUNG der Geschlechter fordert und NICHT Gleichberechtigung.
So verwandelt sich pures (biologisches!) Dasein als Frau in einen Anspruchs- oder Eigentumstitel. Der Unterschied ist, dass die REALE und KONKRETE Benachteiligung auf der Grundlage einer sozioökonomischen Position nun etwas ganz anderem Platz machen muss. Nämlich einer generalisiertem Unterstellung der Diskriminierung auf der Grundlage des Geschlechts.“
Damit aber, dass nun Frauen gleichsam als unterdrückte Klasse konstruiert würden, werde eine beständige Wiedergutmachung für die erfahren Unterdrückung notwendig: Es gehe um „Gleichstellung als Kompensation erlittener Repression und nicht Gleichberechtigung.“

Kurz: Die Idee einer umfassenden Männerherrschaft ist gleichsam der Transmissionsriemen, mit dem dysfunktional gewordene Schutz- und Versorgungsansprüche von Frauen wieder und wieder in die Gegenwart gezogen werden können. Damit aber produziert eine feministisch inspirierte Politik beständig eben die Ungleichheit der Geschlechter, als deren dringend benötigtes Korrektiv sie sich zugleich in Szene setzt.

In Michael Endes Jim Knopf-Geschichten bauen Jim und Lukas ein Perpetumobil: Sie spannen einen Magneten vor ihre Lokomotive Emma, der Magnet zieht die Lokomotive und wird durch sie zugleich nach vorn geschoben, so dass er sie immer weiter ziehen kann – Emma bewegt sich potenziell endlos vorwärts. Ähnlich funktioniert feministische Politik: Die mit moralisierender Dringlichkeit vorgetragene Erwartung, dass die Geschlechter „gleichgestellt“ werden müssten, dient als Magnet, um einen Apparat in Betrieb zu setzen, der seinerseits beständig die benötigte Ungleichheit aufrechterhält.

Natürlich funktioniert ein perpetuum mobile in der Politik ebenso wenig wie in der Physik – für beides ist eine beständige, aber kaschierte Investition von außen notwendig. Etabliert werden kann dieses System nur deshalb, weil die männlichen Leistungen, die für seinen Betrieb notwendig sind, entweder geleugnet oder abgewertet werden. Während Weiblichkeit weiterhin offen oder unterschwellig mit Mütterlichkeit, Mitmenschlichkeit und Fürsorge assoziiert wird, erscheint Männlichkeit als entfremdet, inhuman und an Herrschaft orientiert.

Es liegt nahe, dass Männer sich entziehen und ihren Beitrag zu solchen Strukturen verweigern, in den „Streik“ treten. Das betrifft besonders einen Kern heutiger Geschlechterpolitik, das verbissene Festhalten an der massiven rechtlichen Bevorzugung der Mütter gegenüber den Vätern. In der rabiaten und irrationalen Trennung von Sorgerecht und Unterhaltspflicht, die zudem routiniert ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt werden, sind Männer beständig mit der Möglichkeit konfrontiert, für eben die Bedingungen arbeiten und sorgen zu müssen, die sie zugleich radikal ausschließen und unter denen sie wie ihre Kinder leiden.

 
Eben solche Strukturen, in denen Arbeitern das Resultat ihrer eigenen Arbeit als Fremdes und Feindliches gegenübertritt, belegt Marx übrigens mit dem Begriff der Entfremdung“ – nur dass die hier thematisierte Entfremdung eben gerade nicht typisch männlich ist, sondern Resultat politischer Entscheidungen, die männliche Verfügbarkeit organisieren.
 
Hat Frau Ortgies eigentlich zur Vergewaltigung aufgerufen? Auf die Möglichkeit eines männlichen Rückzugs aus solchen entfremdenden Strukturen reagieren einige Frauen scharf. Ein erstaunliches Beispiel lieferte schon 2005 die Moderatorin von frauTV im WDR Fernsehen, Lisa Ortgies, die Frauen offen empfahl, die Pille wegzulassen, wenn ihr Partner nicht freiwillig Vater werden wollte. Auf Kritik antwortete sie als Gast in der Harald Schmidt Show damit, dass sie ihre Position noch einmal nachdrücklich betonte. Frauen sollten Männer ruhig in ihr Glück schubsen – wenn nur ein Kind dabei entstehe.
 
Ich habe, als ich dieses Interview sah (es ist mittlerweile bei Youtube aus Urheberrechtsgründen nicht mehr einsehbar), überlegt, warum eigentlich keiner der Beteiligten auf die Idee kam zu fragen, ob Ortgies hier nicht eigentlich eine Vergewaltigung empfiehlt. Natürlich: Das deutsche Gesetz spricht zwar unter anderem von der „Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist“, aber diese Vorgabe müsste äußerst weit interpretiert werden, um auf Ortgies‘ Empfehlung zu passen. Nach dem Gesetz zumindest hat Ortgies nicht zu Vergewaltigungen aufgerufen.

Zudem ist bei ihr der Mann ja zum Geschlechtsverkehr bereit und wird keineswegs mit Gewaltmitteln dazu gezwungen. Hier allerdings ist die Situation nur scheinbar klar – zu DEM Geschlechtsverkehr, den Ortgies empfiehlt, ist der Mann schließlich ausdrücklich nicht bereit. In dieser Hinsicht ist die Situation vergleichbar mit der zweier Menschen, die zwar miteinander schlafen wollen, von denen einer aber eine bestimmte sexuelle Spielart ausdrücklich ablehnt, der andere jedoch eben diese Spielart gegen den Willen des Partners erzwingt.

Dass zudem die Frau den Mann nicht im Interesse eigener Lust betrügt, sondern um ein Kind entstehen zu lassen, macht die Situation eher gravierender als harmloser. Ein Kind zu bekommen ist, wie immer ein Mensch damit umgeht, schließlich eine radikale Erfahrung, die tief in sein Leben eingreift. Ihn gegen seinen erklärten Willen in diese Situation zu bringen, ist ganz gewiss ein Gewaltakt.

Es wird auch deutlich, dass die Verfügbarkeit des Mannes zugleich auch das Kind verfügbar macht: Es ist Ortgies ja gleichgültig, dass die Existenz des Kindes auf einem Betrug gegründet wird, ebenso wie es keine Rolle spielt, dass es einem Vater geboren wird, der das Kind nicht wollte. Zum disposable male gehört das disposable child.

Tatsächlich verzichtet Ortgies‘ Vorschlag nicht einmal auf die Androhung von Gewalt, nur dass diese Gewalt delegiert wird: Es geht ihr bei der erzwungenen Vaterschaft ja offenkundig nicht um einen liebenden Vater, wohl aber um einen Versorger für Mutter und Kind – und eben diese Versorgungsleistung wird sehr wohl mit staatlichen Repressionsdrohungen erzwungen, völlig unabhängig davon, ob der Mann Vater werden wollte oder nicht.

Nach weiten feministischen Definitionen, die alle nicht vollständig konsensuelle Sexualität oder körperliche Annäherung als Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung fassen, müsste Ortgies‘ Äußerung ohnehin als Vergewaltigungs-Aufforderung verstanden werden. In meinen Augen belegt das eher die Unbrauchbarkeit dieser Definitionen, gleichwohl ist es bezeichnend, mit welchem Desinteresse ihre Äußerungen von Feministinnen wahrgenommen wurden. Hätte ein bekannter Moderator Vergleichbares geäußert und etwa öffentlich und wiederholt davon fantasiert, dass eine Frau in sexueller Hinsicht ab und zu in ihr Glück geschubst werden müsse, dann wären diese Äußerungen mit Sicherheit und mit guten Gründen als Skandal wahrgenommen worden.

So ist denn Ortgies‘ Gerede zwar keine Ermunterung zur Vergewaltigung, weil dieses Verständnis die strafrechtliche Definition willkürlich ausweiten würde, aber trotzdem gleich in doppelter Hinsicht sexistisch: Die Moderatorin macht nicht nur deutlich, dass eine Frau die Verfügbarkeit des Mannes als Samenspender und Versorger, wenn nötig, gern auch gegen seinen erklärten Willen herstellen könne – sie geht zudem davon aus, dass niemand auch nur auf die Idee kommen wird, diese Äußerung als Aufforderung zur Gewalt zu interpretieren. Entscheidend ist bei ihr nicht, was Menschen anderen Menschen tun – sondern ob diese Menschen Frauen oder Männer sind.

Es passt, dass Ortgies heute stellvertretende Vorsitzende der Lobby-Gruppe proQuote ist. Der von ihr vertretene Feminismus, der mit Männerherrschaftsphantasien weibliche Versorgungsansprüche und männliche Verfügbarkeit reproduziert, hat sich moralisch, intellektuell und politisch so weit diskreditiert, dass er in offenen Diskussionen nicht mehr bestehen und nur noch über die Verankerung in institutionellen Machtpositionen gehalten werden kann.

Es ist ein Feminismus, der beständig sehnsüchtig in die Vergangenheit blickt und standhaft behauptet, dort liege die bessere Zukunft, in welche die gesamte Gesellschaft geführt werden müsste.

 
Wer diese bestehende Gesellschaft als Patriarchat imaginiert, der geht davon aus, dass jede Änderung männliche Privilegien angreifen, „den“ Frauen aber nützen müsse. Ein absurder Schluss aus dieser Haltung ist, dass jede politische Entscheidung, die für irgendeine noch so kleine Gruppe von Frauen mit Nachteilen verbunden ist, als reaktionär und repressiv dargestellt werden kann – selbst eine Gleichberechtigung von Müttern und Vätern im Sorgerecht wäre damit ein Schritt rückwärts, weil sie weibliche Privilegien angreift (die es, davon unbenommen, definitionsgemäß ohnehin und selbstverständlich gar nicht geben kann).

Wesentlich plausibler ist Farrells Beschreibung einer modernisierten Gesellschaft, in der Geschlechterverhältnisse dysfunktional geworden sind, die einmal funktional waren. Sowohl für Frauen wie für Männer sind die damit einhergehenden Veränderungen mit Schwierigkeiten verbunden, aber für beide bieten sie auch große Chancen. Bombe 20 drückt das in einem Kommentar so aus: 

„(Mir) ist jeder Mann, der nicht für eine ihm eingeimpfte Ideologie oder den Gewinn eines anderen als Kanonenfutter verheizt wird, lieber als einer, dessen großes Opfer mit einer Statue oder einem Gedenktag geehrt wird. Und jede Frau, die sich selbst helfen kann, lieber als eine, die jeden Tag Blumen auf das Grab ihres Retters legt.“

Literatur, soweit nicht verlinkt:
Warren Farrell: The Myth of Male Power,  New York 1993

Wie Nicole von Horst einmal erklärte, warum Feminismus auch für Männer gut ist

Als der Rechtsanwalt Markus Kompa vor wenigen Tagen einen kritischen Artikel zur Berichterstattung der feministischen Journalistin Hannah Beitzer über die Piratenpartei veröffentlichte,  erlebte er einen erheblichen „Shitstorm“, in dem ihm vorgehalten wurde, er hätte einen „antifeministischen Text“ geschrieben – und bei dem er positiv lediglich anmerkte, dass ihm „offenbar nur eine Person den Tod wünschte“.  All dies, obwohl Kompa – so kommentierte Arne Hoffmann„sich eher für als gegen eine Frauenquote aussprach und sich über ‚Maskulinisten‘ sehr abfällig äußerte.“  Kompa selbst stellt ausdrücklich klar:
„Ich habe nichts gegen intelligenten Feminismus. Im Gegenteil. Bei der Piratinnenkon hat Nicole von Horst eine entwaffnend starke Keynote gehalten, und ich hätte mir gewünscht, dass es den TeilnehmerInnen gelungen wäre, das Niveau zu halten.“
Nun ist über die Piratinnenkon im März dieses Jahres schon genug geschrieben worden, und die politische Leiche der Piratenpartei möchte ich auch nicht ein weiteres Mal begutachten. Der Hinweis auf die „Keynote“, die Grundsatzrede von Horsts zur Konferenz aber hat mich neugierig gemacht. Schließlich hatte ich mich gerade mit der einflussreichen französischen Feministin Élisabeth Badinter beschäftigt und fand diese Auseinandersetzung sehr lohnend.
 
Wenn also Nicole von Horst, die für ihre Aufschrei-Beteiligung bekanntlich einen Grimme Online Award erhalten hat, bei einer schlagzeilenträchtigen Konferenz einer damals noch halbwegs hoffnungsvollen Partei eine intelligente, entwaffnend starke Rede gehalten hat, dann – so dachte ich – lohnt sich vielleicht auch die Beschäftigung damit.
Tatsächlich verstehe ich, nachdem ich die Rede nun gehört habe, nicht, wie Kompa zu seinem Urteil gekommen ist. Es erscheint mir regelrecht gönnerhaft, als ob es eine unerhörte, staunenswerte Leistung wäre, wenn eine erwachsene Frau eine Viertelstunde lang etwas von einem Blatt abliest und dabei nicht mehr als zwei Mal „Kacke“ verwendet. Die Rede ist ein Musterbeispiel für eine feministische Position, die nicht intelligent, sondern ressentimentgeladen ist, die nicht stark argumentiert, sondern ihre Schwächen kaschiert, und mit der ein Dialog vollkommen sinnlos ist.
 
Warum er aber sinnlos ist – das ist interessant. Ein Schluss der Auseinandersetzung mit dem Text Badinters war, dass ein Dialog lohnend sein kann, wenn Frauen und Männer ihre Interessen in die gemeinsame Perspektive universeller Rechte stellen und wenn sie  nicht in Opferkonkurrenzen verharren. Von Horsts Rede ist ein regelrecht prototypisches Beispiel für eine Position, die beide Bedingungen missachtet – und als solches hat sie auch nach Monaten noch einen bleibenden Wert.
Masku-Mobs in Röcken und Strumpfhosen Die Piratinnenkon (interessante Berichte davon gab es unter anderem bei Asemann, bei Telepolis, bei Danisch und, einschließlich eines offenen Briefes an die Piraten, bei Alles Evolution) war schon im Vorfeld erheblich kritisiert worden – mit gutem Grund.
„Das Thema der Konferenz ist ‚Frauen in der Piratenpartei / Gleichstellung von Frauen in der Gesellschaft‘. Wortbeiträge, die diesem Thema entgegen arbeiten (z.B. Maskulinismus, Männerrechtler) widersprechen dem Thema der Konferenz und werden deshalb auf dieser Konferenz keinen Raum erhalten.“
Dass die ursprünglichen Konferenzregeln Gegenstimmen zu feministischen Interpretationen des Themas in dieser Form unmöglich machten, kaschierten die Veranstalterinnen in ihrer Außendarstellung. Warum sie denn „massiv angefeindet“ worden seien, fragte etwa die Frauenzeitschrift Brigitte eine von ihnen, und die antwortete ungerührt:
„Für diese Männer sind Frauen, die für ihre Rechte kämpfen, ein Feindbild. Ich weiß nicht, ob da je eine Annäherung möglich ist, aktuell sehe ich das nicht.“
Ganz im Einklang mit der Brigitte phantasierte die linke Jungle World einen „Mob der Maskulisten“, von dem sich die Veranstalterinnen gottlob „nicht unterkriegen lassen“ würden. Gleichwohl wurden die Konferenzregeln schließlich zumindest in ihren Formulierungen entschärft („Wir stellen Fragen und hören aufmerksam zu ohne zu beurteilen oder zu diskutieren“), ohne dass das etwas an ihrer Funktion geändert hätte.

Das also war der Rahmen, in dem von Horst ihre „Keynote“ ablas.  „Was ihr macht, ist so unfassbar notwendig und wichtig“, lobt sie gleich zu Beginn die Feministinnen in der Piratenpartei (4.38), und sie erklärt auch, warum: Eine Revolution werde schließlich nicht einfach ausgerufen („Kommt, Kinder, wir machen jetzt Revolution!“, 5:26), sondern entwickle sich aus vielen kleinen unscheinbaren Beiträgen – „Jeder minikleine Kommentar (…) macht was.“ (5:20) Damit beispielsweise der Hashtag „Aufschrei“ (in Deutschland findet die Revolution ja wegen schlechten Wetters bei Twitter statt) so zünden konnte, habe vorher viel im Stillen geschehen müssen.

Im Kontrast zu dieser ultrasensiblen Wertschätzung jedes kleinen Tweets steht allerdings die Missachtung jeder Äußerung, die nicht ideologisch opportun ist. Dass beispielsweise die Seite alltagssexismus.de, die dem „bald von Spam und Antifeminismus verwässerten Hashtag“ (6:50) gefolgt sei, ausdrücklich nur

„Erlebnisse zu Sexismus, Homo-, Queer- und Transfeindlichkeit und zu Rassismus, Klassismus und Ableismus, den Frauen erleben“  (Hervorhebung von mir, L.S.)
sammle, findet von Horst nur aus einem Grund schlecht: Damit würden Menschen ausgegrenzt, die sich keinem Geschlecht zuordnen wollten.

Dass die zahlenmäßig unwesentlich größere Gruppe der Männer damit auch ausgegrenzt wird, unterstützt sie hingegen ausdrücklich. Vor ein paar Jahren hätte sie der Kritik daran noch zugestimmt:

„Ich fand‘s sexistisch, dass Jungs nicht zugestanden wird zu weinen – dass Röcke und Strumpfhosen an Männern nicht gebilligt werden.“ (7:30)
Dann aber habe sie verstanden, „dass das nicht sexistisch ‚gegen Männer‘ ist“ (ein offensichtlich absurder Gedanke übrigens, der sich verständlicherweise nur mit deutlich angezeigten Gänsefüsschen formulieren lässt):
„Diese Dinge sind bei Männern stigmatisiert, weil sie mit Weiblichkeit verknüpft sind – und die gesellschaftlich weniger Achtung erfährt als Männlichkeit.“ (7:40)
Dergestalt demonstriert von Horst eindrucksvoll, wie gut sie sich mit den Anliegen von Männerrechtlern auskennt: Dass Väter willkürlich den Kontakt zu ihren Kindern verlieren und trotzdem arbeiten müssen, um ihre Ex-Frauen zu finanzieren; dass Jungen flächendeckend zu Verlierern des Bildungssystems werden; dass die nur ausgesetzte Wehrpflicht allein Männer betraf und betrifft; dass Leistungen des Gesundheitssystems für Männer schlechter sind als für Frauen, und noch vieles mehr – das ist alles wahrlich nichts im Vergleich zur zentralen Forderung, dass Männer endlich Röcke tragen dürfen.

So könnten denn allerdings auch Männer behaupten, Feministinnen würden sich lediglich darüber aufregen, dass Bärte bei Frauen als unschick gelten – was doch offenkundig keinesfalls Frauen, sondern nur ihre Maskulinisierung, also eigentlich Männer diskriminiere. 

Feminismus ist gut für Dich (wenn du die Klappe hältst)! Ähnlich unernst sind dann von Horsts Ausführungen zu den Diskriminierungen von Vätern im Sorgerecht. Es schränke eigentlich Frauen ein,
„wenn vorausgesetzt wird, dass Frauen Sorgearbeit, vor allem für Kinder, übernehmen, weil sie es mutmaßlich besser können. (…) An all dem ist übrigens nicht der Feminismus schuld, sondern — tadaah — patriarchale Denkvorstellungen, und die stinken.“ (9:20).
Ich war – das nur nebenbei bemerkt – an dieser Stelle des Vortrags nicht unglücklich über meine insgesamt durchaus intakte Impulskontrolle, weil ich ohne sie meinen liebgewonnen Laptop aus dem Fenster geschmissen hätte. Die Passage ist, um das in aller gebotener Höflichkeit und Sachlichkeit zu formulieren, selbst nach den Maßstäben dieser „Keynote“ von ganz erstaunlicher Verlogenheit und Verrohtheit.
 
Dass das Gerede von „patriarchalen Denkvorstellungen“ klischeehaft ist, weiß von Horst selbst, und sie zeigt das in ihrer „Tadaah“-Ironisierung auch – selbstverständlich aber, ohne dass sie deshalb darauf verzichten würde. Immerhin kann so klargestellt werden, dass Männer selbst Schuld sind und bitteschön nicht jammern sollen.
Dass es seit Jahrzehnten Feministinnen sind, die für die Ausgrenzung von Vätern agitieren („Alleinerziehung als Befreiung“) – dass der Alleinerziehendenverband VAMV, der beständig auf entsprechende Argumentationsmuster zurückgreift, die wichtigste und einflussreichste Lobby gegen Väterrechte bildet – dass es Frauen in den vorgeblich „progressiven“ Parteien sind, die sich der rechtlichen Gleichberechtigung von Vätern entgegenstemmen, obwohl sie wissen, dass sie damit menschenrechts- und grundrechtswidrig handeln – das sind hier Petitessen. Wichtig ist:
„Männer können von Feminismus genauso profitieren wie Frauen (…) Damit das gut funktionieren kann, darf an Feminismus allerdings nicht der Anspruch geknüpft sein, sich nach den Bedingungen von Männern zu richten.“ (9:30)
Was ich tu, ist gut für Dich, auch wenn Du das nicht glaubst – und jetzt halt doch bitte die Klappe! Und als wäre das nicht schon absurd autoritär genug, hat von Horst schließlich noch mehr gute Ratschläge für Männer parat:
„Männer können den Raum, den sie in der Gesellschaft haben, nehmen und ihn feministischer machen – und müssen dafür nicht extra einen Raum in feministischen Diskursen beanspruchen.“ (12:40)
Und wenn Türken irgendwie deutsch sein wollen, dann sollen sie doch bitteschön nach Ankara zurückgehen und da eine Leberwurstsemmel-Bude aufmachen – anstatt hier zu bleiben und den Menschen auf die Nerven zu gehen. Gell, Fröken von Horst?

Zugegeben: Das letzte Beispiel stellt die Rednerin in eine rechte Ecke – das ist Absicht, da gehört sie auch hin. Feministinnen haben bei ihr nicht schlicht eine  Position unter mehreren möglichen zu Geschlechterfragen, oder allgemeiner zu Fragen sozialer Gerechtigkeit – statt dessen sind die Diskurse, an denen sie sich beteiligen, „feministische Diskurse“, aus denen sich andere bitteschön heraushalten sollen.
 

Nicht nur diese autoritäre Haltung, der es um die Hegemonie in Diskursen und nicht um deren offene Gestaltung geht, ist demokratiefeindlich – auch die hier erneut vorgeführte feministische Obsession mit dem Raumeinnehmen von Männern hat, leicht erkennbar, ihr Vorbild in rechtsradikalem Denken. Von Horst und andere interpretieren die rassistische Phantasie einer Überfremdung, bei der die feindlichen Rassen und Völker immer mehr Raum einnehmen und den edleren heimischen Völkern keinen mehr lassen, schlicht sexistisch um – als aggressive, um sich greifende männliche Hegemonie, gegen die Frauen entschlossen Schutzräume behaupten müssen.
Während beispielsweise Badinter schon Jahre vorher offen über die Machtpositionen von Feministinnen geschrieben hat (Badinter, Die Wiederentdeckung der Gleichheit, S. 135: „Beide Geschlechter stellen sich als Opfer des jeweils anderen dar, nur dass die Frauen mit erhobener Stimme sprechen und die Männer murmeln“, vgl. 137), ist der Feminismus in von Horsts Augen noch immer marginalisiert:
„Was Feminismus übrigens nicht kann, ist jemanden zu unterdrücken, weil er eine Oppositionsbewegung ist.“ (11:40)
Männer erdrücken Frauen mit Privilegien und rauschen dabei im Hintergrund Hier hat ein Gespräch nicht nur keinen Sinn, hier ist auch gar kein Gespräch möglich. Philosophen wie Willard von Orman Quine und Donald Davidson haben als Bedingung einer sinnvollen Kommunikation das „Principle of Charity“ beschrieben, das kurz gefasst bedeutet: Voraussetzung für eine sinnvolle Kommunikation ist es, dem Gesprächspartner grundsätzlich und bis auf weiteres zuzugestehen, dass er wahrheitsgetreu zur Sache redet, und ihm weder den Versuch der Täuschung noch prinzipielle Irrationalität zu unterschieben.
Hintergrund ist nicht ein naives Vertrauen auf die Gesprächspartner, sondern eine pragmatische Überlegung: Wer dem Gesprächspartner grundsätzlich unterstellt, dass er lüge oder verrückt sei, der gebe ihm keine Chance mehr – um eine Äußerung überhaupt als vernünftig interpretieren zu können, müssen wir ihr gleichsam einen Vertrauensvorschuss geben.

Eben das können wir nach Davidson auch – denn selbst wenn wir in Einzelfragen unterschiedlicher Meinung seien, so müssten wir doch, um diese Unterschiede überhaupt formulieren zu können, in einem großen Teil unserer Weltsicht übereinstimmen. Wer bezweifelt, dass Bayern München am Wochenende gegen Mainz 05 gewonnen hat – der teilt mit Menschen, die das anders sehen, immerhin die Meinung, dass es Bayern München und Mainz 05 gibt, dass sie am Wochenende gespielt haben, dass es ein Spiel mit gemeinsamen Regeln gibt, dass dieses Spiel gewonnen und verloren werden kann, etc.: Die möglichen stillschweigenden Voraussetzungen für einen Zweifel am Sieg der Bayern sind prinzipiell endlos.

Die Pointe solcher Überlegungen ist, dass wir grundsätzlich von sehr weit reichenden Gemeinsamkeiten mit unseren Gesprächspartnern ausgehen können – wir leben in einer gemeinsamen Welt, und das macht Gespräche möglich.

Eben das aber wird durch Beiträge wie dem von Horsts dementiert. Männer und Frauen sind hier gleichsam durch die Herrschaftsschranke voneinander abgegrenzt, und Männern wird prinzipiell unterstellt, dass ihre Rede weder wahrhaftig noch vernünftig sei, sondern Hegemonialansprüche kaschiere – was übrigens noch schlimmer sei, wenn die Männer das nicht einmal merken würden. 

Die Konsequenz ist eine Geschlechter-Segregation in öffentlichen Debatten, in der die einen – immer dieselben – zu schweigen haben, wenn die anderen – ebenfalls immer dieselben – reden. Das dementiert den Sinn einer Perspektivenübernahme ebenso wie den der Goldenen Regel.
 
Männer und Frauen leben bei ihr in radikal unterschiedlichen Welten, und feministische Positionen garantieren diese Trennung, verwandeln radikale Privilegien schwuppdiwupp in bösartige Diskriminierungen und verzaubern Gesprächsversuche von Männern in störendes, aber ausblendbares Hintergrundrauschen.
Die bedenkenlose Aufteilung menschlicher Erfahrung in werte und unwerte – die Abschottung gegen offene Diskurse – die massive Diskreditierung von Gegenmeinungen – die Aufteilung von Menschen in radikal unterschiedliche Gruppen – die Phantasie einer Überfremdung, gegen die das „Eigene“ entschlossen verteidigt werden muss – die Absage an eine gemeinsame und gemeinsam zu formulierende Perspektive: All das hat von Horsts Position, die für den gegenwärtigen Feminismus ja durchaus typisch ist, mit rechtsradikalem Denken gemein.
 
Es mag ja richtig sein, wenn die Piratenpartei der Meinung war, dass selbst solche Positionen Teil einer allgemeinen Debatte sein und Gehör finden müssen. Aber eben: als Teil einer Debatte. Einer solchen Position eine Bühne zu bieten und gleichzeitig zu gewährleisten, dass sie nicht mit Kritik konfrontiert werden kann – das war politisch und moralisch und intellektuell korrupt.
Elmar Diederichs strebt, wie er in einem neueren Beitrag schreibt, eine Diskussion an, die zeigt, „wie sehr Feminismus mit einem vernünftigen Humanismus in Widerspruch steht“. Das trifft auf einen Feminismus wie den Badinters nicht zu – auf den Feminismus des Typs von Horst ganz sicher. Warum aber fällt es nicht auf, wie massiv sich Positionen wie ihre von eigentlich allgemein akzeptierten demokratischen und humanistischen Überzeugungen unterscheiden?

Gibt es einen Feminismus mit menschlichem Antlitz? – Élisabeth Badinters "Die Wiederentdeckung der Gleichheit"

Bei Alles Evolution wurden vor kurzer Zeit zwei sehr interessante Diskussionen geführt – eine zur Frage des Umgangs mit gemäßigten Feministinnen und eine zur Frage, wann feministische Positionen als Ideologie  und wann sie berechtigte Interessenvertretung zu verstehen sind.  Hat es also überhaupt irgend einen Sinn, den Dialog mit Feministinnen zu suchen oder feministische Positionen ernsthaft zu rezipieren – ist es sinnvoll, verschiedene Strömungen zu unterscheiden – oder ist es naiv, Feministinnen Dialogbereitschaft gegenüber nicht-feministischen oder kritischen Positionen zu unterstellen?

In der ersten dieser Diskussionen verweist Leszek in einem Kommentar auf verschiedene Feministinnen, die mit einem „misandrischen Radikal- und Gender-Feminismus“ wenig zu tun hätten: auf die anarchistische Feministin Wendy McElroy, die Equity-Feministin Christina Hoff Sommers – und auf die bedeutende französische Feministin Élisabeth Badinter.

„Der liberale Feminismus einer Elisabeth Badinter, die ein ganzes Buch zur Kritik der Männerfeindlichkeit im radikalen Feminismus geschrieben hat, ist etwas ganz anderes als der misandrische Radikalfeminismus einer Dworkin, Daly, Solanas etc.“

Als „die neue Simone de Beauvoir“ wird Badinter im Interview mit dem Tagesspiegel bezeichnet, und die französische Zeitschrift „Marianne“ nenne sie „Frankreichs einflussreichste Intellektuelle“. In der deutschen Emma wurde ihr letztes Buch „Der Konflikt – Die Frau und die Mutter“ (Le conflict, la femme et la mère) aus dem Jahr 2010 als „sehr kluges Buch“ und als Mittel gegen den „deutschen Mief“ gelobt, und auch in Badinters Einsatz gegen das „Kopftuch als Symbol“ ist Schwarzers Zeitschrift ganz auf ihrer Seite.  Trotzdem erklärt Badinter im Tagesspiegel-Interview, dass sie beständig „von Feministinnen attackiert“ werde.

Das Buch, von dem Leszek schreibt, ist wohl „Die Wiederentdeckung der Gleichheit“ aus dem Jahr 2003 (dt. 2004), dessen französischer Titel die kritische Auseinandersetzung mit dem Feminismus noch deutlicher macht: Fausse route, „Der falsche Weg“. Welchen falschen Weg also ist der Feminismus aus der Sicht der Feministin Élisabeth Badinter gegangen – und lohnt es sich für feminismuskritische Männer oder Frauen, sich mit diesem Buch auseinanderzusetzen?

 
Ist Madame Badinter eine Agentin des Maskulismus? Tatsächlich ist Badinters Buch über weite Strecken regelrecht eine Fundgrube für eine liberale Feminismuskritik. Ansatzpunkt ihrer Kritik ist die Frage, ob der
„alles über einen Kamm scherende Begriff der ‚männlichen Herrschaft‘ nicht ein begriffliches Hindernis ist“ (S. 53)
– denn in Badinters Augen
„verwehrt er jede Aussicht darauf, die Geschlechter in ihrem wechselseitigen Einfluss aufeinander zu begreifen und ihre gemeinsame Zugehörigkeit zur Menschheit zu ermessen.“ (54)
Ihr Text spielt die negativen Folgen durch, die dieses „Schwarzweiß-Denken“ (54) habe – beispielsweise einen weiblichen „Seperatismus“, der Frauen und Männer voneinander trenne, eine gemeinsame Basis unmöglich mache, und der zugleich eine grundsätzliche Gleichartigkeit der Frauen unterstelle (55f.)

Ausführlich setzt sie sich mit der unterschiedlichen Bewertung von männlicher und weiblicher Gewalt auseinander.

„Der Mann steht grundsätzlich unter Verdacht, und seine Gewalt ist überall. Die Kind-Frau muss bei der Justiz Zuflucht suchen wie ein Kind, das von seinen Eltern Schutz erwartet.“ (40)
Nicht mehr einzelne gewalttätige Männer würden angeklagt, sondern „vorbehaltlos das männliche Geschlecht selbst“ (41) – ohne Perspektive einer gemeinsamen Entwicklung würden sich Frauen und Männer so als Unterdrückte und Herrscher gegenüberstehen.

Sie berichtet über den „Hass militanter Feministinnen“ (36) gegenüber Wissenschaftlern, die diesen einfachen Gegenüberstellungen widersprachen – und sie kritisiert Studien zur Gewalt in Partnerschaften, die mit einem erweiterten Gewaltbegriff arbeiten, der auch „unfreundliche Bemerkungen“, Kritik oder die Verweigerung von Gesprächen als Gewalt wertet:

„Darf man eine Vergewaltigung und eine unfreundliche oder verletzende Bemerkung mit derselben Vokabel erfassen?“ (29)
Sie fragt auch, warum denn eigentlich noch niemand auf die Idee gekommen sei, diesen Fragebogen Männern vorzulegen (79) – und macht deutlich, dass solche Untersuchungen in ihren Augen das Ausmaß männlicher Gewalt gegen Frauen gezielt dramatisieren, die Gewalt von Frauen gegen Männer aber marginalisieren. Weibliche Gewalt nämlich werde im Rahmen des skizzierten Schwarzweiß-Denkens als „statistisch bedeutungslos“ abgetan, als „Antwort auf männliche Gewalt“ entschuldigt oder schlicht generell als „legitim“ wahrgenommen. (65)

Ganz ähnlich setzt sich Badinter auch mit feministischen Bewertungen von Sexualität auseinander. Sie verteidigt die Prostitution gegen ihre feministische Gleichsetzung mit Vergewaltigungen, zweifelt an der Rede von einer „rape culture“, „in der Vergewaltigung ein ‚normales männliches Verhalten‘ sei“ (35), und grenzt sich deutlich von den amerikanischen Feministinnen Catherine MacKinnon und Andrea Dworkin ab, für die „Vergewaltigung das Paradigma der Heterosexualität“ ist. (121)

 
Sie zweifelt auch an der Idee, dass es eine „reine“ Sexualität gäbe, bei der ein Sexualakt nur durch einen klaren, expliziten Vertrag beider Beteiligter – was de facto heißt: mit der ausdrücklichen und unzweifelhaften Zustimmung der Frau – legitim werde und andernfalls Frauen der „Gefahr einer Vergewaltigung aufgrund eines sprachlichen Missverständnisses“ (111) aussetze:
„Wie stets läuft das Märchen von der Reinheit am Ende auf Repression heraus.“ (108)
Die Konnotation männlicher Sexualität mit Macht und Herrschaft, die von weiblicher mit Liebe und Ohnmacht lehnt sie ausdrücklich ab – für sie ist es beispielsweise ein weiblicher „Machtmissbrauch, das Sperma eines Mannes zu benutzen, der kein Kind will.“ (84)

Die Überschneidungen mit männerrechtlichen Positionen, hier nur skizziert, sind also groß – was aber ist daran noch feministisch?

 
 
Was ist denn daran, bitteschön, noch feministisch? Badinters kritischer Feminismus wird beispielswiese deutlich, wenn sie fast wörtlich, wenn auch mit anderer Akzentsetzung, stillschweigend Warren Farrells Unterscheidung von der Frau als „human being“ und dem Mann als „human doing“ zitiert.
„Leitet man Weiblichkeit von der Fähigkeit zur Mutterschaft ab, so definiert man die Frau durch ein Sein und nicht durch die Wahl. Umgekehrt gibt es keine symmetrische Definition des Mannes, der immer von dem her verstanden wird, was er tut, und nicht von dem, was er ist. (…) Mutterschaft ist ein Schicksal, Vaterschaft hingegen eine Entscheidung.“ (146)
Ein Feminismus der systematischen „Viktimisierung“ (17) von Frauen, der in immergleichen Schwarz-Weiß-Mustern Frauen als reine Opfer, Männer aber als herrschaftssüchtige Täter präsentiert, dämonisiert damit in Badinters Augen nicht nur die Männer, sondern würdigt insgeheim auch die Frauen herab – als Kind-Frauen, als Untätige, als Verantwortungsunfähige. Ausdrücklich stimmt die Margaret Mead zu: „Wenn ein Geschlecht leidet, leidet das andere ebenfalls.“ (134)
 
Daraus folgt eben zweierlei: Dass Männer keineswegs ein allgemeines Interesse daran haben, Frauen Leid zuzufügen (so wie das etwa die Rede von der „rape culture“ unterstellt) – und dass ein Feminismus, der Vorteile für Frauen auf Kosten männlichen Leids erreichen will, schließlich nicht nur Männern, sondern auch Frauen schade.

Badinters Perspektive ist eine strikt universalistische, orientiert an der Idee der Menschenrechte, die Frauen wie Männer gleichermaßen einschließe. Von dort aus kritisiert sie auch „positive Diskriminierungen“ wie etwa Frauenquoten – weil sie eine „Aufnahme der Geschlechterdifferenz in die Verfassung“ bedeutet hätten. (139) Wer eine Quote zwischen Männern und Frauen verbindlich mache, müsse dafür eben zunächst die Differenz von Männern und Frauen gesetzlich festschreiben und sie als seperate Gruppen behandeln.

„Der Begriff einer Menschheit, der alle menschlichen Wesen jenseits ihrer Geschlechts- und Rassenunterschiede umfasst, verschwand von der Bühne, und damit verlor der Begriff des Universellen schlicht seinen Inhalt.“ (145)
Badinters Befürchtung ist, dass eine solche Abkehr von der Vorstellung universeller gleicher Rechte reaktionären Geschlechtermodellen Vorschub leiste.
 
Ihre damit verbundene grundsätzliche Kritik an biologischen Erklärungen von Geschlechtsunterschieden steht ganz in der Tradition de Beauvoirs, ist dabei gegenüber evolutionären Modellen zwar blind, verfällt aber immerhin nicht der Idee, Menschen seien beliebig form- und erziehbar. Eine „antisexitische Jungenpädagogik“, die eigentlich höchst sexistisch ist, ließe sich mit Badinter nicht begründen.
„Die Erziehung kann alles, behauptete der Philosoph Gottfried Wilhelm von Leibniz, sogar Bären zum Tanzen bringen. Doch kleine Jungen sind keine Bären, und man spielt nicht mit dem Erwerb der sexuellen Identität.“ (127)
Inkohärent wird Badinter dort, wo sie Männern zuschreibt, eifersüchtig ihre „ökonomische und finanzielle Macht“ zu hüten oder davon spricht, dass die „gläserne Decke“ kein Mythos sei. (137) Hier entwirft sie gegen Ende ihres Textes doch noch ein Bild männlicher Herrschaft, gegen die Frauen kaum ankommen könnten. Für sie ist es besonders das Ideal der Mutterschaft, das diese Machtstrukturen aufrecht erhalte und das Klischees von Männern und Frauen bewahre.
„Es ist zu befürchten, dass die Männer dabei alles zu gewinnen und die Frauen viel zu verlieren haben.“ (148)
An keiner Stelle räumt sie auch nur probeweise den Gedanken ein, dass es ja möglicherweise gar nicht im Interesse der meisten Frauen ist, die männlichen Machtpositionen im Beruf zu besetzen und die entsprechenden Nachteile – wenig Zeit für sich selbst und die Familie, hohe Belastungen in der beruflichen Konkurrenz, ein enormes berufliches Arbeitspensum – in Kauf zu nehmen.

Doch auch wenn sie in solchen Passagen im letzten Teil ihres Buches selbst Herrschafts-Ohnmachts-Muster skizziert, die sie zuvor so überzeugend kritisiert hatte, so bleibt Badinter auch hier abgewogen. Sie fragt zum Beispiel:

„Wie soll man der Ungleichheit der Löhne sowie der Ungleichverteilung der Funktionen ein Ende setzen, wenn man der Frau eine Instinkt zuschreibt, der sie dazu prädisponiert, zu Hause zu bleiben?“ (158)
Der offenkundige Zusammenhang zwischen einer Mutterschaftsideologie, nach der die Kinder zur Mutter gehören und Väter mit gutem Grund rechtlich benachteiligt sind, und der schwächeren Stellung von Frauen in vielen Berufsfeldern wird etwa in deutschen Diskussion regelmäßig routiniert übersehen. Ein putziges Beispiel ist Antje Schrupp, die Badinters Mutterschaftskritik ihrerseits kritisiert und der dabei bewundernswert mühelos der unmögliche gedankliche Spagat gelingt, eine stärkere Beteiligung von Vätern an der Kindessorge einzufordern und im gleichen Atemzug die Forderung nach gleichen Rechten für Väter als „frauenfeindlich“ abzutun.
 
Was nützt schon das Gespräch mit Feministinnen? Was aber ist der Nutzen einer Auseinandersetzung mit Badinter – denn auch wenn ihre Kritikpunkte überzeugend sind, so sind sie doch längst, und oft kohärenter, auch von Männern formuliert worden?
 
Dass sie überhaupt feministische Positionen kritisiert, ist jedenfalls nicht schon an sich ein Grund, auf Dialogbereitschaft zu hoffen. Kritik von Feministinnen an Feministinnen ist alltäglich, und oft dient diese Kritik keinesfalls der Öffnung nach außen, etwa gegenüber männerrechtlichen Positionen, sondern ist eher ein Instrument des Abschlusses. Ein absurdes Beispiel ist die Selbstzerfleischung der „Mädchenmannschaft“, die ja keine Folge einer Selbstkritik war, sondern Teil einer destruktiven Konkurrenz um die möglichst reinste herrschaftskritische Position.

Auch eine gleichheitsfeministische Position, wie Badinter sie bezieht, bietet gegenüber differenztheoretischen Positionen nicht an sich schon die Chance für einen Dialog (zur Kategorisierung feministischer Positionen gab es übrigens ebenfalls gerade eine sehr hilfreiche Diskussion bei Alles Evolution). Wer nämlich gleiche Rechte einfordert, aber grundsätzlich davon ausgeht, dass allein Frauen rechtlich benachteiligt sein können und gestärkt werden müssen, wird männerrechtliche Positionen nach Möglichkeit delegitimieren.

Wichtig aber ist die universalistische Perspektive, die mit Badinters Gleichheitsfeminismus unmittelbar verbunden ist. Dass Männer und Frauen unterschiedliche Meinungen zu geschlechtsspezifischen Benachteiligungen haben, ist ja weder verwunderlich noch tragisch – so lange sie eine gemeinsame Möglichkeit haben, darüber sachlich zu sprechen, und so lange sie eine universelle Perspektive haben, die Rechte beider gleichermaßen garantiert. Wer hingegen betonfeministisch universelle Menschenrechte als „Rotz“ abtut und als Herrschaftsinstrumente denunziert, verweigert ein solches gemeinsames Gespräch.

So ist denn Badinters Kritik an einem Viktimisierungs-Feminismus und an der gedanklichen Imagination einer umfassenden männlichen Herrschaft von besonders großer Bedeutung. Klar wird bei ihr nämlich, wie sehr ein solcher Feminismus, der Frauen grundsätzlich als Opfer männlicher Gewalt begreift, und ein Staatsfeminismus zusammenhängen.

Der Begriff „Staatsfeminismus“ bezeichnet ja keineswegs einen rundum feministisch ausgerichteten Staat, sondern im Gegenteil einen Feminismus, der nicht auf die Überzeugungskraft der besseren Argumente, sondern auf die Gewalt staatlicher Institutionen setzt. Ein solcher Feminismus braucht einen autoritären, starken Staat, der als großer Bruder jederzeit den vermeintlich Bedrohten zu Hilfe kommt, sie stützt und fördert – während ein liberaler Staat, der sich selbst Grenzen setzt, aus dieser Perspektive grundsätzlich unter dem Verdacht steht, gegenüber der unterstellten männlichen Gewalt sträflich gleichgültig zu sein.

Zugleich wird eben auch deutlich, wie sehr umgekehrt eine offensiv und einseitig eingreifende staatliche Geschlechterpolitik gerade einen solchen Feminismus züchtet, der Frauen viktimisiert und Männer dämonisiert, der eine Perspektive gemeinsamer Menschenrechte beschädigt und der offene demokratische Diskussionen durch beständige Ausschlussforderungen – zum vermeintlichen Schutz der vermeintlich Schwächeren – erheblich behindert. Ein humaner Feminismus hingegen, ein Feminismus mit menschlichem Antlitz (der auch Männern ein menschliches Antlitz zugesteht), wird dadurch eher blockiert.

So ist es denn kein Zufall, dass gerade solche Feministinnen offen gegenüber Perspektiven von Männern sind, die – wie die liberale Feministin Élisabeth Badinter oder die schon erwähnte anarchistische Feministin Wendy McElroy – zugleich skeptisch gegenüber der segensreichen Wirkung staatlicher Eingriffe sind.

Eine gemeinsame Perspektive universeller Rechte und ein Verzicht auf die Konstruktion starrer Opfer-Täter-Muster – das ist offensichtlich eine Bedingung dafür, dass verschiedene Positionen in der Geschlechterpolitik, männliche wie weibliche, männer- wie frauenrechtliche sinnvoll miteinander ins Gespräch kommen können. Dass ein Gespräch dort keinen Sinn hat, wo diese Bedingungen nicht erfüllt sind – das wird Thema und These des nächsten Textes hier sein, in dessen Mittelpunkt dann die Rede einer bekannten deutschen Feministin steht.

Alle Zitate dieses Textes, die nicht verlinkt sind, stammen aus:
Élisabeth Badinter: Die Wiederentdeckung der Gleichheit. Schwache Frauen, gefährliche Männer und andere feministische Irrtümer, München 2004

Übermensch in Unterwäsche – Alfonso Cuaróns "Gravity"

Schon kurze Zeit nach seinem Start wird dieser Film als Kinoereignis des Jahres gehandelt. „Gravity“, mit Sandra Bullock und George Cloney, ist für Daniel Kothenschulte in der Welt „der betörendste Science-Fiction-Film seit langem“, gilt, so der Spiegel, bereits „kurz nach dem Start (…) als neuer Science-Fiction-Klassiker, bricht alle Kassenrekorde“, wird dort sogleich „zum neuen Kinoklassiker“ erklärt und als „zutiefst sinnliches Erlebnis“ gefeiert:
„Dieser Film reißt einem den Boden unter den Füßen weg“.

„‘Gravity‘ ist Kino der Zukunft“, verkündet gar Fritz Göttler in der Süddeutschen Zeitung.

Hier in den Kommentaren wurde der Film ein wenig anders bewertet:
„Sandra Bullock wir dort als die Superfrau dargestellt, die sich im Weltall rettet und alle Hindernisse meistert. Dieses Motiv der Superfrau tritt in sehr vielen neuen Hollywood-Produktionen auf, z.B. in Ridley Scotts ‚Prometheus‘ oder in den Resident-Evil-Produktionen mit Milla Jovovich. Diese Filme vermitteln die Botschaft ‚Frauen können es auch‘ oder ‚Frauen können es noch besser‘.“
Männer hingegen seien, so ein späterer Kommentar,  
„in solchen Filmen nur dazu da, Frauen zuzuarbeiten, sich für Frauen zu opfern“.
Was denn nun? Kino der Zukunft oder misandrisches Machwerk? Ist es überhaupt sinnvoll, Gravity im Hinblick auf die Darstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit zu interpretieren, nur weil eine Frau und ein Mann fast die einzigen Akteure des gesamten Films sind? Wäre der Film beispielsweise ebenso möglich, wenn zwei Männer im Zentrum stünden?

Spoiler-Warnung: Wer den Film noch nicht gesehen hat, wird in diesem Text viele Informationen finden, die die Spannung beim ersten Anschauen erheblich beeinträchtigen können.
Lässig in das Weltall stürzen Ganz sicher jedenfalls ist der Film ein grandioses visuelles Erlebnis und gleich zu Beginn – ganz unmetaphorisch ausgedrückt – schwindelerregend:
„Hier (…) taumeln wir schon nach einer Viertelstunde mit Astronautin Sandra Bullock hilflos durch das All, ihr Shuttle ist nach einem Zusammenprall mit Weltraumschrott nun selber welcher.“ (Kothenschulte in der Welt)
Gerettet wird die Ärztin Ryan Stone (Bullock), die auf ihrer ersten Weltraummission ist, vom Raumfahrt-Routinier Matt Kowalski (Clooney). Gleich zu Beginn macht der Film ihre unterschiedlichen Positionen klar: Während Stone außen am Shuttle arbeitet, an ihm befestigt, weit unter sich die beeindruckend anzusehende Erde, düst Kowalski mit einem Jet-Pack spielerisch um das Shuttle herum, hört zum Missfallen Stones dabei Country-Musik und sinniert darüber, ob er wohl den Rekord für den längsten Weltraum-Spaziergang brechen könnte.
Als dann das Shuttle getroffen und Stone in den Weltraum herausgeschleudert wird, reagiert er jedoch sofort pragmatisch und professionell. Er rettet sie vor dem Abdriften ins All, kehrt mit ihr zum Shuttle zurück, erkennt ohne Zögern an, das dort niemand zu retten ist und dass es auch selbst zur Rettung nicht mehr taugt – und hat sofort einen anderen Rettungsplan parat. Mit Stone fliegt er zu einer internationalen Raumstation, die verlassen ist und nur noch eine Sojus-Kapsel besitzt, die ihrerseits zwar zum Eintritt in die Atmosphäre nicht mehr taugt, sehr wohl aber zum Weiterflug zu einer intakteren chinesischen Raumstation.
Als Kowalski und Stone aber die sowjetische Station erreichen, können sie sich dort nicht beide halten – er wird in den Weltraum gezogen, und sie kann nur gerettet werden, wenn das Verbindungsseil zwischen ihnen gekappt wird. Auch hier tut er lakonisch das Notwendige („Das ist nicht ihre Entscheidung“), macht sich los, erklärt ihr noch in aller Ruhe über Funk, wie sie in die Station einsteigen muss – und stellt lässig fest, dass er nun einen Rekord für einen Weltraumspaziergang aufstellen wird, der wohl lange nicht mehr überboten werden kann.
Stone hält sich an Kowalskis Rettungsplan. Auch als sie schließlich verzweifelt, weil die Sojus-Kapsel, in die sie sich rettet, keinen Treibstoff mehr hat, hilft er ihr entscheidend weiter: Sie hat den Sauerstoff in der Kapsel gedrosselt, will nicht mehr leben und fantasiert sterbend, dass er zu ihr in die Kapsel steigt, sie aufmuntert und ihr erklärt, wie sie mit den Bremstriebwerken zur chinesischen Station kommen könnte. Eben das ist der Wendepunkt des Geschehens – sie rafft sich auf, aktiviert ihren Lebenswillen und die Triebwerke, fliegt zur chinesischen Station und von dort mit einer Kapsel wieder zur Erde.
 
Rätselhaft aber bleibt nicht nur, warum Kowalski eigentlich sterben musste – physikalisch ist sein Tod durch eine unwiderstehliche Kraft, die ihn in den Weltraum zieht, nicht erklärbar. Rätselhaft ist auch ein anderer Tod, der zur Hintergrundgeschichte Stones gehört.
Übermenschin und Wegwerf-Mann Bei einem Unfall, so erzählt sie Kowalski, hatte sie ihre vierjährige Tochter verloren, erfuhr davon während einer Autofahrt und sei seitdem immer wieder ziellos mit dem Auto umhergefahren, wie festgefroren in dem Moment der schrecklichen Nachricht.
 
Anstatt aber der Figur Tiefe und Ernsthaftigkeit – gravity – zu verleihen, macht diese Hintergrundgeschichte sie unglaubwürdiger: Wie schafft es eine in Depressionen absinkende Ärztin, im Weltraumprogramm der NASA aufgenommen zu werden, innerhalb weniger Monate alle wichtigen Trainingseinheiten zu absolvieren und Tests zu bestehen und dann auch bald zu ihrer ersten Mission zu starten?
Zu erklären ist die Funktion der unplausiblen Todesfälle mit einem Blick auf das Ende des Films. Stone stürzt mit der chinesischen Kapsel in ein Gewässer, erhält vom Kontrollzentrum die Nachricht, dass ein Bergungsteam unterwegs sei – sie aber verlässt die Kapsel, in der sie sonst ertrunken wäre, schwimmt zum Ufer, bleibt eine Weile erschöpft im Matsch liegen, steht dann auf und geht wankend fort.
Um ganz sicher zu gehen, dass auch gewiss jeder die Bedeutung dieses Moments versteht, schwillt die Musik pathetisch in eben dem Moment an, als Stone ihren Fuß auf das Land setzt und aufsteht. Die Kamera bleibt unten, liegt gemeinsam mit den Zuschauern gleichsam im Dreck vor ihr, während sie sich aufrichtet und wie eine Gigantin den Kopf in den Himmel reckt. Dass Stone hier nur noch Unterwäsche trägt, bedient nicht nur Schaubedürfnisse – sie hat die gesamte Weltraumtechnik, die nun verschrottet durch das Weltall treibt, im See liegt oder am Himmel verglüht, hinter sich gelassen und überwunden, und sie geht nun weiter ohne deren Hilfe, ohne Weltraumanzug, ohne Stütze, keines weiteren Schutzes bedürftig.
„Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Schritt für die Menschheit“ – während Neil Armstrong nur den Mond betrat, betritt Stone die Erde, aber als ein neuer Mensch. Der Regisseur Cuarón  betont,  dass sie „nichts weniger als ihre persönliche Wiedergeburt erlebt“ – aber er inszeniert diese Wiedergeburt als Geburt eines neuen Menschen, eines Übermenschen.
Eben diese Inszenierung jedoch würde Kowalski, der pragmatische, sachliche, unpathetische, erfahrene Raumfahrer stören, wenn er noch leben würde. Sie hat zwar überlebt, weil sie seiner Planung gefolgt ist – würde er aber noch bei ihr sein, dann wäre sie einfach eine unerfahrene Raumfahrerin, die von der Kooperation mit einem erfahrenen Raumfahrer profitiert hat und die sich kaum als Übermenschin darstellen ließe.
Gerade die Hohlheit von heroischen Weiblichkeitsinszenierungen im Kino, so hat Oliver K hier in den Kommentaren plausibel argumentiert, betone eigentlich die Abhängigkeit der dargestellten Frauen:
„die Frau wird als phantasmatischer Popanz aufgebaut, wobei gleichzeitig dem Unterbewusstsein vermittelt wird, das dies ja alles blosse Mache ist, nichts dahinter ist.“
Anstatt aber eine glaubwürdigere Heldin zu entwerfen, schützt Cuarón ihre Inszenierung dadurch, dass der Mann am Ende tot ist und so ihre Präsentation nicht mehr stören kann. Kowalski ist tatsächlich ein „disposable male“ (Warren Farrell), ein beliebig verfügbarer, aber eben auch ein Wegwerf-Mann, der gehen kann und muss, nachdem er seine Schuldigkeit getan hat. Das Klischee des männlichen Opfers für das Wohlergehen der Frau ist dem Film so wichtig, dass er für den Tod des Mannes auch grobe Unwahrscheinlichkeiten in Kauf nimmt.
Was aber hat der Tod des Kindes damit zu tun?
Völlig losgelöst auf die Erde Ein Leitmotiv des Films ist das Motiv des Loslösens – und das wird gleich zu Beginn deutlich, wenn wir als Zuschauer mit den Akteuren gemeinsam weit über der Erde schweben. Stone muss sich widerwillig von ihrer Arbeit lösen, als der Weltraumschrott sich nähert – sie muss sich nach der Kollision von den Teilen des Raumschiffs lösen, an denen sie durch das All geschleudert wird – sie muss, wenn auch panisch, akzeptieren, dass Kowalski sich wieder von ihr löst, nachdem er sie gerettet hat und in den Armen hält – beide müssen sich darauf einstellen, dass der Funkkontakt zur Bodenstation abgerissen ist – sie muss akzeptieren, dass Kowalski sich an der sowjetischen Station losmacht und ins All schwebt („Du musst lernen loszulassen!“, sagt er ihr hier) – sie muss dann die brennende sowjetische Station wieder verlassen und kurz darauf auch die Sojus-Kapsel, in der sie zur chinesischen Station fliegt – und auch dort muss sie sich vor dem Eintritt in die Erdatmosphäre in einer anderen Kapsel lösen – die sie schließlich auch wieder verlassen muss, als sie im Wasser gelandet ist.
Vor allem aber muss sie sich natürlich innerlich vom Tode ihres Kindes und von ihrem Kind selbst lösen. Nachdem ihr Lebenswille wieder erwacht ist, denkt sie an Kowalski und bittet ihn, ihrer Tochter etwas auszurichten, nämlich dass sie nicht aufgebe – sie selbst aber kehrt zur Erde zurück. Als sie in der chinesischen Station sitzt und die Apparate bedienen muss, spielt sie ein Eene-meene-muh-Spiel, um die richtigen Knöpfe zu finden: Wichtig ist, so scheint es, keineswegs eine seriöse Beherrschung der Technik, sondern allein die richtige innere Einstellung.
Eben dadurch wird sie also zum Übermenschen, der schließlich die Erde wieder betreten kann, als sei sie Neuland, zur Eroberung bereit: Sie hat alle Bindungen gekappt und ist nun ein ganz neuer, ganz freier Mensch. Was zu Beginn des Films schwindelerregend und erschreckend war, ist schließlich die Bedingung ihrer Neugeburt.
Diese Inszenierung des weltraumgeborenen Übermenschen aber wäre tatsächlich ohne Geschlechterklischees kaum möglich. Genießbar sind solche Inszenierungen ja eigentlich nur in einem Kontext, der sie als Spiel kenntlich macht, etwa in Superhelden-Geschichten. Als realistisches Modell aber wird zumindest der männliche Übermensch nun schon seit langer Zeit – und zwar meist von Männern selbst, keineswegs von Feministinnen, die ja eher auf das Modell der „männlichen Herrschaft“ fixiert sind – ironisiert, persifliert und zerstört, so dass ein Mann kaum so inszeniert werden könnte wie Bullock am Ende von Gravity. Zumindest nicht, wenn der Regisseur nicht das Ziel einer allgemeinen Publikumsbelustigung im Auge hat.
Dass eine solche Übermenschen-Inszenierung hohl und absurd ist, kann hier nur deshalb überspielt werden, weil sie sich an längst gängige, feministisch inspirierte Weiblichkeitsklischees andockt: an die Idee, dass die Zukunft weiblich (oder gar nicht) sei – dass Frauen ein großes unentdecktes Potenzial hätten – dass dieses Potenzial allein durch die Bindungen an Mann und Kinder an seiner Entfaltung gehindert werde – dass Frauen sich aus diesen Bindungen lösen müssten, um frei zu sein – dass die männliche Technik ebenso herrschaftsfixiert wie unzureichend sei – dass sie überwunden werden müsse und könne, gern im Rückgriff auf typisch weibliche Qualitäten – usw. usw.
Nun sind Übermenschen-Inszenierungen ja nicht plötzlich gehaltvoll, plausibel und human, nur weil sie feministisch daherkommen. In einem grandiosen Gedicht von Percy Bisshe Shelley aus dem Jahr 1817 werden sie an der Figur des „Ozymandias“ bloßgestellt. Ein Reisender aus einem antiken Land berichtet darin vom Sockel eines Standbildes, das er mitten in der Wüste gesehen habe, umgeben von Sand – nur noch zwei Beinstümpfe hätten auf diesem Sockel gestanden, in lächerlichem Kontrast zur Inschrift auf dem Sockel, in der ein Herrscher namens Ozymandias sich als „König aller Könige“ („king of kings“) verherrlicht hätte:
„Seht auf meine Werke, ihr Mächtigen, und verzweifelt!“ („Look on my works, ye Mighty, and despair.“)
Zur Verzweiflung haben die Mächtigen hier natürlich tatsächlich allen Grund – aber eben nicht, weil eine Herrschaft wie die von Ozymandias so unerschütterlich, sondern weil sie so offensichtlich hohl ist. Es ist schon lange niemand mehr da, der dem Herrscher zu Füßen liegen und der an ihm heraufschauen würde, und daher auch niemand, der sein Standbild vor dem Verfall schützen könnte.
Auch die Inszenierung Stones am Ende des Films funktioniert nur als Momentaufnahme. Der Gedanke, dass die Loslösung von allen Bindungen eine neue, größere Existenz ermögliche, ist ebenso unglaubwürdig wie die Idee, dass fortgeschrittene Hochtechnologie nicht in der Kooperation mit anderen, sondern wesentlich besser im Vertrauen auf die eigene einsame Intuition beherrscht werden könnte. Wenn Bullock als Stone am Ende mit unsicheren, aber würdevollen Schritten barfuß einer neuen Zukunft entgegengeht, dann ist das nur so lange plausibel, so lange diese Zukunft nicht sichtbar wird. Um Shelley einmal mit Tucholsky zu ergänzen:
„Und darum wird beim happy end im Film jewöhnlich abjeblendt.“

Was Frauen wollen und Männer wollen sollen

Die von der  „Bild der Frau“ beim Allensbach-Institut in Auftrag gegebene Studie „Der Mann 2013: Arbeits- und Lebenswelten – Wunsch und Wirklichkeit“  beginnt im Vorwort mit einem skurril wirkenden Kommentar zwischen Wunsch und Wirklichkeit: 
„Und damit sind wir bei der großen guten Botschaft der Männer-Studie: Sein Respekt vor Frauen wächst! Das freut uns, nicht zuletzt, weil auch Frauenzeitschriften einen nicht ganz kleinen Anteil an dieser Entwicklung haben.“
So seltsam dieser Kommentar über die männerrespektsteigernde Wirkung von Frauenzeitschriften wirkt, so typisch ist er für die gesamte Tendenz der Studie: Männer erscheinen diffus als erziehungs- und veränderungsbedürftig, während der Anteil von Frauen an der Interaktion der Geschlechter auf überraschende Weise beschrieben wird.
 Das gilt ebenso für eine vergleichbare Studie, deren Ergebnisse kurz zuvor veröffentlicht worden waren: Die von der  „Brigitte“ beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und dessen Präsidentin, Jutta Allmendinger, in Auftrag gegebene „Frauen auf dem Sprung“-Studie „Lebensentwürfe heute. Wie junge Frauen und Männer in Deutschland leben wollen“.  Beide Studien wurden weithin massenmedial kommentiert, auch wenn die Diskussionen auf dem Blog Alles Evolution jeweils deutlich ergiebiger und ausführlicher waren. 
Es lohnt sich, einige Ergebnisse zu vergleichen.
 
Muss a) mehr für Gleichberechtigung getan werden, oder b) haben Sie was gegen Frauen? Den größten Nachhall hatte eine Frage in der Allensbach-Studie, die eigentlich leicht als Musterbeispiel für eine manipulative Befragung erkennbar ist:
„Zum Thema Gleichberechtigung: Wie sehen Sie das: Sind Männer und Frauen in Deutschland weitgehend gleichberechtigt, oder sind Frauen gegenüber Männern noch nicht gleichberechtigt, muss noch mehr für die Gleichberechtigung von Frauen getan werden, oder geht die Gleichberechtigung inzwischen sogar zu weit, werden Männer manchmal gegenüber Frauen benachteiligt?“ (S. 31)
Geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten können im Kosmos der Studie per Definition ausschließlich Frauen treffen. Wer daher ausdrücken will, dass auch Männer und Jungen Benachteiligungen erleben, kann das nur mit Hilfe einer logischen Verrenkung tun – indem er angibt, dass die Gleichberechtigung zu weit gegangen sei. Kurz: Wer Benachteiligungen von Männern und Jungen ablehnt, muss sich als Gegner der Gleichberechtigung präsentieren.

Die massenmedialen Kommentare waren erstaunlich kritik- und distanzlos. Anstatt die offenkundigen Mängel der Frage herauszustellen, wurden ihre Ergebnisse ungebrochen und gern auch empört vervielfältigt. „Allensbach-Studie: Männer haben genug von Gleichberechtigung“ (Spiegel) – „Männer haben von Gleichberechtigung die Schnauze voll“ (Focus) – „Jetzt reicht es mit der Gleichberechtigung“ (Abendblatt)  – „Den Männern reicht es mit der Gleichberechtigung“ (Welt)  Tatsächlich hatten nur 6% aller befragten Männer geantwortet, dass Männer manchmal benachteiligt seien (S. 31), aber auch lediglich 29% gefordert, dass für die Gleichberechtigung der Frau mehr getan werden müsste. (S. 32)

Interessanter sind zunächst ohnehin die Ergebnisse zur Verteilung der Arbeit – und zu Erwartungen der Frauen und Männer aneinander. Chefredakteurin und Verlagsleiterin machen gleich zu Beginn (S. 4) ihrem Ärger darüber Luft, dass Männer noch immer weniger im Haushalt täten als Frauen – natürlich ohne dabei zu erwähnen, dass Männer zugleich auch den Löwenanteil der Erwerbsarbeit erledigen. Insgesamt vermitteln die Kommentare der Ergebnisse den Eindruck, dass Frauen entschlossen in die neue Zeit zögen, mit dem Willen, auf den eigenen Füßen zu stehen und zugleich für die Familie zu sorgen – während Männer an ihrer althergebrachten Versorgerehe hängen würden.

„Auch bei jungen Männern ist kaum eine Bereitschaft zu erkennen, die für sie bequeme Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern im Haushalt zu verändern.“ (S. 46)
Wenn überhaupt einmal jemand anderem als den Männern Verantwortung für die dabei entstehenden Spannungen zugeteilt wird, dann nicht etwa Frauen – sondern den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. „Auch das Umfeld ist Schuld!“ (S. 69) Dass Erwartungen und Verhalten von Männern wie von Frauen in der Interaktion miteinander entstehen – dass also Frauen dabei eine ähnlich große Verantwortung wie Männer tragen: Das legen die Ergebnisse nahe, wird aber von ihren Kommentatorinnen beflissen übersehen.

Sowohl Männer als auch Frauen bevorzugen mit deutlicher Mehrheit ein Familienmodell, in dem der Mann Vollzeit, die Frau Teilzeit arbeitet (S. 56) – wenn Männer angesichts dieser Ausgangslage weniger als Frauen im Haushalt erledigen, ist also keineswegs durch männliche Bequemlichkeit zu erklären. Zugleich wird die weibliche Erfahrung der Lohndiskriminierung relativiert (S. 35), ohne dass dieser naheliegende Zusammenhang in der Studie selbst hergestellt würde: Wer in Teilzeit arbeitet, hat nun einmal schlechtere Aufstiegschancen als jemand auf einer vollen Stelle.

Dass Männer „viele Aufgaben im Haushalt und in der Familie übernehmen“, erwarten 66 % der Frauen, dass Männer „für den Unterhalt der Familie sorgen“, 60%. (S. 23) Dass Männer diese widersprüchliche Erwartung noch deutlicher wahrnehmen als Frauen, wird in den Kommentaren beiläufig abgetan:

„So wähnen sich Männer häufiger mit Erwartungen konfrontiert, für den Unterhalt der Familie zu sorgen, beruflichen Erfolg anzustreben oder Durchsetzungsstärke zu zeigen, als sich das Frauen tatsächlich von Männern wünschen: Während Männer zu 71 Prozent davon ausgehen, man erwarte von ihnen, für den Unterhalt der Familie zu sorgen, erwarten das tatsächlich ‚nur‘ 60 Prozent der Frauen.“ (17)
Die Autorinnen präsentieren Männer eher als wahnhaft, als dass sie zumindest probehalber den naheliegenden Gedanken erwägen würden, dass Männer die Erwartungen von Frauen realistischer einschätzen könnten, als die Frauen sie in ihrer Selbstpräsentation darstellen.

An keiner Stelle werden die Auskünfte überprüft, die Frauen zu ihren Erwartungen an Männer geben– obwohl ja anzunehmen ist, dass viele von ihnen Versorgungserwartungen herunterspielen, weil sie ein Interesse daran haben, sich als selbstständige, moderne Frauen darzustellen, die von Männern unabhängig sind. Diese Kritiklosigkeit wird noch deutlicher in der Studie Allmendingers.

 

Nehmen Sie a) die Bedürfnisse von Frauen ernst oder b) sind Sie larmoyant und zynisch? Dass Männer zu über 70 Prozent den Eindruck haben, Frauen würden von ihnen die Rolle des Familienversorgers erwarten, bestätigt ein Detail in der Allmendinger-Studie, das dort in den Kommentaren nicht eigens erwähnt wird: 72% aller befragten Frauen erwarten von ihrem Partner, dass er „viel Geld verdient“ (gegenüber 44,6 % der Männer, S. 59). Natürlich lassen sich die Ergebnisse zu zwei ganz ungleich strukturierten Gruppen nicht unmittelbar vergleichen, trotzdem macht dieser Bezug ein bezeichnendes Problem beider Studien deutlich: Bei beiden fehlen Kontrollfragen, mit denen überprüft werden könnte, ob die erteilten Auskünfte verlässlich sind oder ob Männer und Frauen jeweils ein Wunsch-Selbstbild präsentieren.

Das hat seinen Grund auch in den Interpretationsroutinen der Aussagen von Männern und Frauen. Die Aussagen der Männer werden durch die Interpretinnen schlicht auf ihren Symptomcharakter abgeklopft: Zeigen sich die Männer als modern und aufgeschlossen, oder sind sie gegen allen Widerstand der gutwilligen Frauen traditionellen Rollenbildern verhaftet, möglicherweise gar mit einer Neigung zu „Larmoyanz oder Zynismus“ (die Allmendinger, zum Glück, nur bei wenigen Männern entdeckt, S. 45)?

Dabei gibt es keinen vernünftigen Grund, die Einschätzungen der Männer nicht ernst zu nehmen. Schon dadurch, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen eine Trennung für Männer wesentlich schmerzhafter und teurer machen als für Frauen, sind viele von ihnen schließlich in der Beziehung in hohem Maße erpressbar – es ist in ihrem eigenen Interesse, von den Erwartungen der Partnerin ein realistisches Bild zu haben.

Die Aussagen von Frauen sind für die Interpretinnen, ganz im Unterschied zu denen der Männer, jeweils schlicht wichtige Hinweise darauf, was in der Geschlechterpolitik noch erledigt werden muss, wo Frauen noch weitere Hindernisse aus dem Weg geräumt werden müssen. Allmendinger verlangt beispielsweise, dass Betriebe von einer „Kultur der Anwesenheit“ gerade bei der beruflichen Karriere Abstand nehmen müssten (S. 52) – diese Kultur verbaue schließlich Karrierewege für Frauen.

 
Auch hier ist es für die Interpretin schlicht nicht von Belang, dass es eine solche „Kultur“ plausible pragmatische Gründe geben könnte – es scheint, als sei es allein eine Frage guten Willens, die Bedingungen der Arbeitsmarktes den geäußerten Bedürfnissen der Frauen anzupassen. Was hier weiblichen Führungskräften selbstverständlich ermöglicht werden soll, würde allerdings so selbst Schülern nicht zugestanden: Was würde wohl einem Schüler geantwortet werden, der beständig die Schule schwänzt, das Problem aber nicht in seinem eigenen Verhalten, sondern in einer irrationalen schulischen „Kultur der Anwesenheit“ entdecken würde?

Fast absurd spitzt Allmendinger ihre Orientierung an den Bedürfnissen der befragten Frauen zu, wenn sie „im Sinne einer Humanisierung der Arbeit“ (S. 50) eine 32-Stunden-Woche fordert, ohne zu erwähnen, wie sie denn ausgerechnet auf 32 Stunden gekommen ist: 32 Stunden sind die durchschnittliche Wunsch-Arbeitszeit in den Selbstauskünften von Frauen (S. 38).

Sind Sie a) partnerschaftlich oder b) machen Sie Frauen keinen Platz? „Es sind Frauen, die auf Frauen schauen, und es sind Frauen, die Männer beurteilen“, kommentiert Arne Hoffmann die hier zitierten und andere Studien.  Mehr noch: Während die Bedürfnisse und Erwartungen von Frauen hier ganz selbstverständlich als Maßstab begriffen werden, an dem die politische Wirklichkeit – und natürlich das Verhalten der Männer – zu messen sei, wird zugleich ein Anteil der Frauen an der Interaktion zwischen den Geschlechtern überhaupt nicht wahrgenommen. MANNdat kommentiert:

„Völlig unberücksichtigt bleibt die Frage, warum Frauen das Recht haben sollen, von Männern die Erfüllung ihrer Wünsche fordern zu dürfen, ohne sich verpflichtet zu fühlen, im gleichen Maße auf die Wünsche und Forderungen ihrer Männern einzugehen.“ 
Wenn aber Allmendinger eine „partnerschaftliche“ Beziehung (S. 27, 35) zwischen den Geschlechtern fordert, dann meint sie dabei keineswegs eine Beziehung, in der sich beide auf ein Modell des Zusammenlebens geeinigt haben, mit dem sie beide leben können. Sie weiß immer schon vorher genau, wie eine Partnerschaft auszusehen hat: als ein Zusammenleben, bei dem Mann und Frau Haushalt und Kindessorge zu gleichen Teilen aufteilen. Kein Wort allerdings dazu, wie dies realisierbar sein sollte angesichts einer Erwerbssituation, bei der offenkundig ein großer Teil der Frauen selbst zwar etwas zum Familieneinkommen beitragen möchte, die Verantwortung für die finanzielle Reproduktion der Familie aber weiterhin selbstverständlich beim Mann sieht.
 
Kein Wort auch dazu, dass ein solches Modell voraussetzen würde, Ungerechtigkeiten gegenüber Männern im Sorgerecht zu beenden. Im Ergebnis werden Männer und eine weitgehend durch Männer finanzierte Geschlechterpolitik dafür verantwortlich gemacht, Frauen immer gleich zwei Plätze freizuhalten – die etablierte weibliche Herrschaftsposition in Familie und Kindessorge zu bewahren und zugleich in dazu passendes berufliches Umfeld bereitzustellen, das auf Wunsch genutzt werden kann.

Frauen werden dabei in einer so vernichtenden Weise präsentiert, dass es rätselhaft ist, warum sich eigentlich außer Birgit Kelle keine Frau daran stört – als Wesen, von denen es schlicht nicht erwartet werden könnte, ihren eigenen Anteil an der sozialen Interaktion wahrzunehmen. Für Männer ist die daraus entstehende Situation absurd: In der Partnerschaft sind sie weiterhin in aller Regel mit Versorgungserwartungen konfrontiert und darin erpressbar – und zugleich müssen sie mit einer öffentlichen Rhetorik der Gleichberechtigung arrangieren, die Verantwortung von Frauen klein redet und nicht einmal die Möglichkeit männlicher Benachteiligungen einräumt. 

Offenbar reagieren viele Männer auf diese Spaltung zwischen den realen Erwartungen in der Partnerschaft und öffentlicher Rhetorik mit stillschweigenden Rückzügen – beispielsweise, indem sie ihren Kinderwunsch zurückstellen und dadurch in der Partnerschaft weniger erpressbar werden. Ausgerechnet das ermutigendste Ergebnis der Studien aber wurde in der Rezeption am meisten skandalisiert: dass nämlich ein Großteil der Männer eine Gleichberechtigungspolitik ablehnt, die ihre eigenen Bedürfnisse missachtet und männliche Benachteiligungen programmatisch übersieht – und dass also viele Männer bereit sind, sich nicht mehr nur stillschweigend zurückzuziehen, sondern auch offensiv mit einer absurden Geschlechterpolitik auseinanderzusetzen.

Warum ein Messias uns auch nicht weiterhilft – Neil Blomkamps „Elysium“

Vom „smartesten und subversivsten Sommer-Blockbuster“ und vom „linksliberalsten Sommer-Blockbuster“ spricht Andreas Bocholte im Spiegel. Als gekonntes Action-Spektakel mit linkem politischem Anliegen beschreibt auch Dietmar Dath in der FAZ den Film, der wirke wie die
„paradoxe Erfindung eines hollywoodgeschulten sowjetischen Propagandafilms für heute oder die James-Cameron-Überarbeitung des ‚Bitterfelder Wegs‘ im Sozialistischen Realismus.“
Eine „115 Millionen Dollar schwere marxistische Polemik“ („a 115 million $ Marxist polemic“) sei der Film, über dessen Abspann eigentlich die „Internationale“ gespielt werden könnte, schreibt gar ein irischer Kritiker.
 
 
Tatsächlich ist Neil Blomkamps „Elysium“ unübersehbar eine politische Allegorie und spiegelt in seinem Szenario einer Zukunft in der Mitte des 22. Jahrhunderts heutige Zustände. Bocholte beendet seine Rezension ebenso euphorisch wie bitter:
„Viel zu selten sieht man zurzeit so leidenschaftlich inszeniertes Zukunftskino. Dabei, sagt Blomkamp, sei ‘Elysium’ gar keine Science-Fiction: ‘This is today. This is now.’“

Ganz weit oben, ganz weit unten In dieser Welt ist die Erde weitgehend zerstört, wirkt wie ein riesiger Slum, in dem Menschen im Dreck leben, sich mühsam mit Kleinkriminalität ernähren oder in Fabriken ausbeuten lassen, ohne auseichende gesundheitliche Versorgung in überfüllten Städten lebend, kontrolliert von jederzeit gewaltbereiten Roboter-Polizisten, die auch kleine Ordnungsverstöße rigoros bestrafen.
Die Reichen haben sich auf eine Raumstation zurückgezogen, die aussieht wie ein riesiges Rad: Elysium, eine künstlich geschaffene heile Welt über der kaputten Erde, wo die Menschen in repräsentativen Villen mit Swimming Pools und großen Gärten leben und wo in jedem Haushalt ein „Med-Pop“ steht, ein sonnenbankähnliches Gerät, das jede Krankheit heilen kann. Während die Lebenserwartung der Menschen unten kurz ist, sind hier oben Krankheit und Tod weitgehend besiegt.
Von der Erde aus ist Elysium beständig zu sehen, wirkt zum Greifen nah und ist unerreichbar weit entfernt. Selbst das Versprechen eines sozialen Aufstiegs gibt es hier nicht mehr.
„Die soziale Schere hat sich noch ein wenig weiter geöffnet und klafft nun bis zum Weltraum“,
schreibt Martina Knoben in der Süddeutschen Zeitung.  Der junge Max wächst in einem von katholischen Schwestern geführten Heim auf und verspricht dort seiner Jugendliebe Frey, dass er sie beide eines Tages nach Elysium bringen wird.
Der erwachsene Max (Matt Damon) ist ein mehrfach vorbestrafter Krimineller auf Bewährung, der durch Diebstähle versucht hatte, das Geld für eine Reise nach Elysium zusammen zu bekommen. Er arbeitet unter miserablen Umständen in einer Fabrik des Armadyne-Konzerns, der auch Elysium gebaut hatte und der eben die Roboter erstellt, von denen die Menschen kontrolliert werden. Das Resultat seiner eigenen Arbeit also begegnet Max feindlich und destruktiv – an dieser Stelle, beispielweise, ist der Verweis auf einen marxistischen Hintergrund und das marxistische Verständnis von „Entfremdung“ völlig stimmig. Bei einem fahrlässig durch seinen Vorgesetzten riskierten Arbeitsunfall wird Max verstrahlt, hat nun noch fünf Tage zu leben und wird entlassen.
Kurz zuvor hatte er Frey (Alice Braga) nach langer Zeit wiedergesehen, die zwischenzeitlich die Stadt – ein Los Angeles, dessen Bilder in den Slums von Mexico City gedreht wurden – verlassen hatte und die nun zur Behandlung ihrer schwerkranken Tochter Matilda (Emma Tremblay)zurückgekehrt ist. Max und sein bester Freund Julio (Diego Luna) treffen eine Vereinbarung mit dem kriminellen Hacker Spider (Wagner Moura): Er verschafft ihnen und auch Frey und ihrer Tochter eine Möglichkeit zur Reise nach Elysium, wo Max und das Mädchen geheilt werden können, und als Gegenleistung verschaffen sie ihm sensible Daten, die im Kopf de Armadyne-Bosses Carlyle gespeichert sind.
Diese Daten sind brisanter als vermutet. Sie Verteidigungsministerin von Elysium, Delacourt (Jodie Foster), hatte einige Flüchtlingsschiffe abschießen lassen, die versucht hatten, Elysium zu erreichen, war dafür vom Präsidenten Elysiums gerügt worden und bereitet nun einen Umsturz vor – und ausgerechnet Carlyle hat für sie die Möglichkeit entwickelt, Elysiums Computersystem ganz neu zu starten, und hat die dafür notwendigen Daten in seinem Kopf.
Es ist bezeichnend für die Kluft zwischen Arm und Reich, dass sich die Protagonisten beider Seiten, Max und Delacourt, niemals direkt begegnen. Der gemeinsame Kontakt ist der psychotisch-brutale Söldner Kruger, der Max im Auftrag Delacourts die sensiblen Daten wieder abnehmen soll: Wenn in diesem Universum, in dem alle vermittelnden Instanzen fehlen, Arm und Reich aufeinanderstoßen, dann nur mit maßloser Gewalt.
Delacourt kann schließlich selbst die Gewalt Krugers, die sie so lange instrumentalisiert hatte, nicht mehr kontrollieren und wird von ihm getötet. Max hingegen gelingt mit Spiders Hilfe tatsächlich die Reise nach Elysium, er startet dort dessen Computersystem neu, macht damit alle Menschen der Erde zu Bürgern Elysiums und verschafft so auch Matilda die Möglichkeit zur rettenden medizinischen Behandlung. Dabei opfert er sein eigenes Leben.
Das Ende der Männer und der Aufstieg der Frauen?
„Es ist eine stramm linke, leider immer wieder plakativ-naiv formulierte Message – die, das ist der besondere Reiz dieses Films, ein testosteron- und adrenalingetriebener Blockbuster transportiert. Das bringt ‚linke‘ und ‚rechte‘ Filmvorlieben zusammen.“
Dieses Urteil Knobens ist nur unter der Voraussetzung plausibel, dass Testosteron an sich irgendwie politisch rechts sei. Tatsächlich kombiniert der Film traditionell linke und reaktionäre politische Ansätze, und tatsächlich wird dies bei einem Blick auf seine Geschlechterverhältnisse deutlich – aber in einer ganz anderen Weise, als Knoben das andeutet.
Die gefährlichen, dreckigen und gesundheitsschädlichen Arbeiten auf der Erde werden hier fast durchweg von Männern geleistet – nur auf Großeinstellungen der Fabrik sind auch wenige Frauen zu sehen. Ansonsten arbeiten Frauen in sozialen Tätigkeiten, soweit es sie gibt – Frey ist Schwester in einem der schlecht ausgestatteten Krankenhäuser. Das elende Leben auf der Erde ist weitgehend männlich geprägt – Max ist sein filmischer Repräsentant, und auch sein bester Freund Julio, Spider oder der brutale Kruger sind wesentlich präsenter als Frey, die – abgesehen von zwei Szenen, in denen sie Max versorgt – ihre Bedeutung vorwiegend darin hat, das Verhalten von Max zu motivieren.
Ganz anders auf Elysium. Auf den Bildern des Müßiggangs, in denen das Leben dort repräsentiert wird, dominieren Frauen. Diese Welt hat zwar einen männlichen Präsidenten, geprägt aber wird ihre Politik durch die Verteidigungsministerin.
In vielen Aspekten ist „Elysium“ einem anderen Film des Sommers ähnlich, den Arne Hoffmann bereits aus einer männerpolitischen Perspektive rezensiert hat: „Oblivion“ mit Tom Cruise. Beide Filme stellen eine weitgehend zerstörte Erde dar, arbeiten mit einer Oben-Unten-Symbolik, die leicht erkennbar Herrscher und Beherrschte repräsentiert, und in beiden Fällen ist das Oben weiblich, das Unten männlich konnotiert.
„Inszeniert wird hier eine winzige, aber mutige und edle Männlichkeit in der Konfrontation mit einer gigantischen, unterdrückenden Weiblichkeit“,
spitzt Hoffmann das für „Oblivion“ zu.
So klar allerdings ist das Bild in Blomkamps Film nicht, hier sind erkennbar Männer und Frauen auf der Seite der Herrscher und auf der Beherrschten. Das Generalthema des Regisseurs in seinen bisherigen Filmen ist die Ausgrenzung großer Gruppen – als rassistische Ausgrenzung in „District 9“, als soziale Ausgrenzung in „Elysium“. Dieser Film erlaubt viele Interpretationen, die mit Geschlechterverhältnissen kaum etwas zu tun haben: als Kommentar zu den größer werdenden sozialen Unterschieden in westlichen Ländern, als Kommentar zur Abschottung Europas gegen Flüchtlinge  oder, und das war Blomkamps eigener Inspiration, zur Abschottung der USA gegen mexikanische Einwanderer.
Interessant aber ist die Legitimation dieser Herrschaft: Als Delacourt sich für den Abschuss der Flüchtlingsschiffe rechtfertigen muss, stellt die die vordergründige Liberalität des Präsidenten als verantwortungslose Humanitätsduselei dar und beruft sich gegen den kinderlosen Mann auf ihre mütterliche Verantwortung, mit der sie die Kinder Elysiums und ihre Kinder gegen die Zerstörung des Habitats durch die schrankenlose Zuwanderung von der Erde schützt: eine „ultraharte Mutter, die zum Schutz von Nest und Brut über Leichen geht“ (Knoben).
Während sie also diese Gewaltherrschaft mit dem Hinweis auf als typisch weiblich phantasierte Verantwortungen legitimiert und dies gegen den schwachen männlichen Präsidenten ausspielt, deligiert sie die dafür notwendige Gewalt an einen Mann. Der Söldner Kruger ist eine abermals pervertierte Version der klassischen Rambo-Figur, ein Soldat, der – wie im ersten Rambo-Film – andernorts bedenkenlos für sein Land zu tötet, aber damit in eben diesem Land keinen Platz haben kann.
Diese Konstellation lässt sich unschwer als durchaus differenzierter Kommentar auf gegenwärtige soziale Verhältnisse verstehen: Eine sich radikalisierende Abgrenzung Wohlhebender von Armen, Herrschender von Beherrschten, die zwar nicht geschlechterpolitisch motiviert ist, deren Gewalttätigkeit, Selbstbezüglichkeit und deren Egoismus aber durch eine Rhetorik verdeckt und legitimiert wird, die als spezifisch weiblich daherkommt. Die Inszenierung einer als naturwüchsig imaginierten weiblichen Fürsorglichkeit verkauft eine brutale Herrschaft als Schutz der Schwächsten.
Maria und Jesus in Action Was aber ist an dieser Analyse reaktionär? So einleuchtend der Film als politische Allegorie ist, so unplausibel wird er in seiner Lösung. Der Wohlstands Elysiums ist tatsächlich seiner Abschottung gegen den großen Rest der Menschheit zu verdanken, und auch wenn Max‘ Opfer alle Menschen formal eingebürgert hat, ist diese Einbürgerung real nicht umzusetzen. In der Logik dieser Welt sind plausible Lösungen jeweils zynisch und inhuman: Die Position der Verteidigungsministerin ist deutlich realistischer als das schnelle, traurige Happy End, und die Ausgrenzung eines Großteils der Menschen von einer befriedigenden medizinischen Versorgung ist wohl der einzige Faktor, der die Überbevölkerung der Erde überhaupt noch eindämmt.
Anstatt aber zumindest Perspektiven für zivile, humane Lösungen zu entwerfen, flüchtet sich der Film am Ende in längst überlebte, dysfunktional gewordene Geschlechterrollen. Während Delacourt sich zur Legitimation ihrer Politik auf eine ideelle Mutterschaft beruft, selbst aber niemals als Mutter zu sehen ist, stehen ihr auf der zerstörten Erde zwei ideale Mütter gegenüber, die der Film in der beständigen Sorge für ihre Kinde inszeniert: Frey und eine andere, namenlose Frau, die wie sie ihrem Kind die notwendige medizinische Behandlung auf Elysium ertrotzt.
Der dazu passende Mann ist nicht, wie Kruger bei Delacourt, eine brutale Kampfmaschine, sondern eine sich selbst opfernde Kampfmaschine. Max verkörpert das Männerideal der vaterentziehenden Mutter: Er opfert sich für Frey und ihr Kind auf, ohne eigene Ansprüche zu stellen. Selbst die eigentlich erwartbare Pointe, dass er sich schließlich als der leibliche Vater Matildas erweist, bleibt ihm versagt.
Gegenstück ist auch hier Kruger: Er bietet Frey Hilfe an, weil er sich eine Familie wünscht. In der zerstörten Welt der Erde, in der familiäre Beziehungen zerstört sind und der leibliche Vater von Freys Kind ganz selbstverständlich nicht einmal erwähnt wird, erscheinst schon der bloße Wunsch eines Mannes nach einer Familie als aggressiver Akt der Frau gegenüber.
Unterschwellig mündet der Film also in vertrauten religiösen Mustern: dem der Maria, voller Gnade und Fürsorge für ihr Kind, und dem des Messias, der sich für die Erlösung aller opfert. Geschlechterpolitisch sind diese Muster reaktionär: die Frau, die für ihr Kind sorgt und der dieses Kind daher eigentlich auch rechtschaffen gehört, und der Mann, der hinaus in die Welt zieht und sich opfert, um die Familie durchzubringen, deren Teil er nicht sein kann.
So ist „Elysium“ aber gerade in seinen großen Schwächen ein sehr aufschlussreicher Film, weil er die Ratlosigkeit angesichts gegenwärtiger politischer Konstellationen plausibel spiegelt. Er zeichnet das Bild einer skrupellos exerzierten sozialen Exklusion der meisten Menschen, die ihre Brutalität dadurch verdeckt, dass sie sich mit dem Rückgriff auf weiblich konnotierte Werte legitimiert.
Ganz ähnlich lässt sich ja beispielsweise schon in der deutschen Politik die Bedeutung feministischer Positionen verstehen: Sie sind nicht grundsätzlich verantwortlich für die Organisation sozialer Ausschlüsse, aber sie befördern ein Selbstgespräch der Privilegierten, die „soziale Ungerechtigkeiten“ beispielsweise durch Frauenquoten in den bestbezahlten Positionen bekämpft und die sozialen Notlagen vieler – auch und gerade: vieler Männer – überhaupt nicht mehr wahrnimmt.
Deutlich wird aber auch, dass traditionelle Klischees der Geschlechter, die Imagination urwüchsiger weiblicher Fürsorglichkeit und der Appell an männliche Opferbereitschaft, plausible Lösungen für bedrückende soziale Verhältnisse eher blockieren als ermöglichen. Nach seinem Tod zeigt der Film noch einmal kurz ein Bild von Max als Jungen. Eine Lösung hätte er nur skizziert, wenn dieser Junge sich nicht als Messias hätte opfern müssen, sondern, hinreichend zufrieden und glücklich, sein Leben hätte leben und dann irgendwann als uralter Mann hätte sterben können.