Wissenschaft

Was Frauen wollen und Männer wollen sollen

Bild mit einem Verkehrsschild mit Aufschrift: "Frauenparkplatz - bitte 2 Plätze freihalten".
geschrieben von: Lucas Schoppe
Die von der  „Bild der Frau“ beim Allensbach-Institut in Auftrag gegebene Studie „Der Mann 2013: Arbeits- und Lebenswelten – Wunsch und Wirklichkeit“  beginnt im Vorwort mit einem skurril wirkenden Kommentar zwischen Wunsch und Wirklichkeit:
„Und damit sind wir bei der großen guten Botschaft der Männer-Studie: Sein Respekt vor Frauen wächst! Das freut uns, nicht zuletzt, weil auch Frauenzeitschriften einen nicht ganz kleinen Anteil an dieser Entwicklung haben.“
So seltsam dieser Kommentar über die männerrespektsteigernde Wirkung von Frauenzeitschriften wirkt, so typisch ist er für die gesamte Tendenz der Studie: Männer erscheinen diffus als erziehungs- und veränderungsbedürftig, während der Anteil von Frauen an der Interaktion der Geschlechter auf überraschende Weise beschrieben wird.
 Das gilt ebenso für eine vergleichbare Studie, deren Ergebnisse kurz zuvor veröffentlicht worden waren: Die von der  „Brigitte“ beim Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und dessen Präsidentin, Jutta Allmendinger, in Auftrag gegebene „Frauen auf dem Sprung“-Studie „Lebensentwürfe heute. Wie junge Frauen und Männer in Deutschland leben wollen“.  Beide Studien wurden weithin massenmedial kommentiert, auch wenn die Diskussionen auf dem Blog Alles Evolution jeweils deutlich ergiebiger und ausführlicher waren.
Es lohnt sich, einige Ergebnisse zu vergleichen.

Muss a) mehr für Gleichberechtigung getan werden, oder b) haben Sie was gegen Frauen? Den größten Nachhall hatte eine Frage in der Allensbach-Studie, die eigentlich leicht als Musterbeispiel für eine manipulative Befragung erkennbar ist:
„Zum Thema Gleichberechtigung: Wie sehen Sie das: Sind Männer und Frauen in Deutschland weitgehend gleichberechtigt, oder sind Frauen gegenüber Männern noch nicht gleichberechtigt, muss noch mehr für die Gleichberechtigung von Frauen getan werden, oder geht die Gleichberechtigung inzwischen sogar zu weit, werden Männer manchmal gegenüber Frauen benachteiligt?“ (S. 31)

Geschlechtsspezifische Ungerechtigkeiten können im Kosmos der Studie per Definition ausschließlich Frauen treffen. Wer daher ausdrücken will, dass auch Männer und Jungen Benachteiligungen erleben, kann das nur mit Hilfe einer logischen Verrenkung tun – indem er angibt, dass die Gleichberechtigung zu weit gegangen sei. Kurz: Wer Benachteiligungen von Männern und Jungen ablehnt, muss sich als Gegner der Gleichberechtigung präsentieren.

Die massenmedialen Kommentare waren erstaunlich kritik- und distanzlos. Anstatt die offenkundigen Mängel der Frage herauszustellen, wurden ihre Ergebnisse ungebrochen und gern auch empört vervielfältigt. „Allensbach-Studie: Männer haben genug von Gleichberechtigung“ (Spiegel) – „Männer haben von Gleichberechtigung die Schnauze voll“ (Focus) – „Jetzt reicht es mit der Gleichberechtigung“ (Abendblatt)  – „Den Männern reicht es mit der Gleichberechtigung“ (Welt)  Tatsächlich hatten nur 6% aller befragten Männer geantwortet, dass Männer manchmal benachteiligt seien (S. 31), aber auch lediglich 29% gefordert, dass für die Gleichberechtigung der Frau mehr getan werden müsste. (S. 32)

Interessanter sind zunächst ohnehin die Ergebnisse zur Verteilung der Arbeit – und zu Erwartungen der Frauen und Männer aneinander. Chefredakteurin und Verlagsleiterin machen gleich zu Beginn (S. 4) ihrem Ärger darüber Luft, dass Männer noch immer weniger im Haushalt täten als Frauen – natürlich ohne dabei zu erwähnen, dass Männer zugleich auch den Löwenanteil der Erwerbsarbeit erledigen. Insgesamt vermitteln die Kommentare der Ergebnisse den Eindruck, dass Frauen entschlossen in die neue Zeit zögen, mit dem Willen, auf den eigenen Füßen zu stehen und zugleich für die Familie zu sorgen – während Männer an ihrer althergebrachten Versorgerehe hängen würden.

„Auch bei jungen Männern ist kaum eine Bereitschaft zu erkennen, die für sie bequeme Aufgabenteilung zwischen den Geschlechtern im Haushalt zu verändern.“ (S. 46)

Wenn überhaupt einmal jemand anderem als den Männern Verantwortung für die dabei entstehenden Spannungen zugeteilt wird, dann nicht etwa Frauen – sondern den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. „Auch das Umfeld ist Schuld!“ (S. 69) Dass Erwartungen und Verhalten von Männern wie von Frauen in der Interaktion miteinander entstehen – dass also Frauen dabei eine ähnlich große Verantwortung wie Männer tragen: Das legen die Ergebnisse nahe, wird aber von ihren Kommentatorinnen beflissen übersehen.

Sowohl Männer als auch Frauen bevorzugen mit deutlicher Mehrheit ein Familienmodell, in dem der Mann Vollzeit, die Frau Teilzeit arbeitet (S. 56) – wenn Männer angesichts dieser Ausgangslage weniger als Frauen im Haushalt erledigen, ist also keineswegs durch männliche Bequemlichkeit zu erklären. Zugleich wird die weibliche Erfahrung der Lohndiskriminierung relativiert (S. 35), ohne dass dieser naheliegende Zusammenhang in der Studie selbst hergestellt würde: Wer in Teilzeit arbeitet, hat nun einmal schlechtere Aufstiegschancen als jemand auf einer vollen Stelle.

Dass Männer „viele Aufgaben im Haushalt und in der Familie übernehmen“, erwarten 66 % der Frauen, dass Männer „für den Unterhalt der Familie sorgen“, 60%. (S. 23) Dass Männer diese widersprüchliche Erwartung noch deutlicher wahrnehmen als Frauen, wird in den Kommentaren beiläufig abgetan:

„So wähnen sich Männer häufiger mit Erwartungen konfrontiert, für den Unterhalt der Familie zu sorgen, beruflichen Erfolg anzustreben oder Durchsetzungsstärke zu zeigen, als sich das Frauen tatsächlich von Männern wünschen: Während Männer zu 71 Prozent davon ausgehen, man erwarte von ihnen, für den Unterhalt der Familie zu sorgen, erwarten das tatsächlich ‚nur‘ 60 Prozent der Frauen.“ (17)

Die Autorinnen präsentieren Männer eher als wahnhaft, als dass sie zumindest probehalber den naheliegenden Gedanken erwägen würden, dass Männer die Erwartungen von Frauen realistischer einschätzen könnten, als die Frauen sie in ihrer Selbstpräsentation darstellen.

An keiner Stelle werden die Auskünfte überprüft, die Frauen zu ihren Erwartungen an Männer geben– obwohl ja anzunehmen ist, dass viele von ihnen Versorgungserwartungen herunterspielen, weil sie ein Interesse daran haben, sich als selbstständige, moderne Frauen darzustellen, die von Männern unabhängig sind. Diese Kritiklosigkeit wird noch deutlicher in der Studie Allmendingers.

Nehmen Sie a) die Bedürfnisse von Frauen ernst oder b) sind Sie larmoyant und zynisch? Dass Männer zu über 70 Prozent den Eindruck haben, Frauen würden von ihnen die Rolle des Familienversorgers erwarten, bestätigt ein Detail in der Allmendinger-Studie, das dort in den Kommentaren nicht eigens erwähnt wird: 72% aller befragten Frauen erwarten von ihrem Partner, dass er „viel Geld verdient“ (gegenüber 44,6 % der Männer, S. 59). Natürlich lassen sich die Ergebnisse zu zwei ganz ungleich strukturierten Gruppen nicht unmittelbar vergleichen, trotzdem macht dieser Bezug ein bezeichnendes Problem beider Studien deutlich: Bei beiden fehlen Kontrollfragen, mit denen überprüft werden könnte, ob die erteilten Auskünfte verlässlich sind oder ob Männer und Frauen jeweils ein Wunsch-Selbstbild präsentieren.

Das hat seinen Grund auch in den Interpretationsroutinen der Aussagen von Männern und Frauen. Die Aussagen der Männer werden durch die Interpretinnen schlicht auf ihren Symptomcharakter abgeklopft: Zeigen sich die Männer als modern und aufgeschlossen, oder sind sie gegen allen Widerstand der gutwilligen Frauen traditionellen Rollenbildern verhaftet, möglicherweise gar mit einer Neigung zu „Larmoyanz oder Zynismus“ (die Allmendinger, zum Glück, nur bei wenigen Männern entdeckt, S. 45)?

Dabei gibt es keinen vernünftigen Grund, die Einschätzungen der Männer nicht ernst zu nehmen. Schon dadurch, dass die rechtlichen Rahmenbedingungen eine Trennung für Männer wesentlich schmerzhafter und teurer machen als für Frauen, sind viele von ihnen schließlich in der Beziehung in hohem Maße erpressbar – es ist in ihrem eigenen Interesse, von den Erwartungen der Partnerin ein realistisches Bild zu haben.

Die Aussagen von Frauen sind für die Interpretinnen, ganz im Unterschied zu denen der Männer, jeweils schlicht wichtige Hinweise darauf, was in der Geschlechterpolitik noch erledigt werden muss, wo Frauen noch weitere Hindernisse aus dem Weg geräumt werden müssen. Allmendinger verlangt beispielsweise, dass Betriebe von einer „Kultur der Anwesenheit“ gerade bei der beruflichen Karriere Abstand nehmen müssten (S. 52) – diese Kultur verbaue schließlich Karrierewege für Frauen.

Auch hier ist es für die Interpretin schlicht nicht von Belang, dass es eine solche „Kultur“ plausible pragmatische Gründe geben könnte – es scheint, als sei es allein eine Frage guten Willens, die Bedingungen der Arbeitsmarktes den geäußerten Bedürfnissen der Frauen anzupassen. Was hier weiblichen Führungskräften selbstverständlich ermöglicht werden soll, würde allerdings so selbst Schülern nicht zugestanden: Was würde wohl einem Schüler geantwortet werden, der beständig die Schule schwänzt, das Problem aber nicht in seinem eigenen Verhalten, sondern in einer irrationalen schulischen „Kultur der Anwesenheit“ entdecken würde?

Fast absurd spitzt Allmendinger ihre Orientierung an den Bedürfnissen der befragten Frauen zu, wenn sie „im Sinne einer Humanisierung der Arbeit“ (S. 50) eine 32-Stunden-Woche fordert, ohne zu erwähnen, wie sie denn ausgerechnet auf 32 Stunden gekommen ist: 32 Stunden sind die durchschnittliche Wunsch-Arbeitszeit in den Selbstauskünften von Frauen (S. 38).

Sind Sie a) partnerschaftlich oder b) machen Sie Frauen keinen Platz? „Es sind Frauen, die auf Frauen schauen, und es sind Frauen, die Männer beurteilen“, kommentiert Arne Hoffmann die hier zitierten und andere Studien.  Mehr noch: Während die Bedürfnisse und Erwartungen von Frauen hier ganz selbstverständlich als Maßstab begriffen werden, an dem die politische Wirklichkeit – und natürlich das Verhalten der Männer – zu messen sei, wird zugleich ein Anteil der Frauen an der Interaktion zwischen den Geschlechtern überhaupt nicht wahrgenommen. MANNdat kommentiert:

„Völlig unberücksichtigt bleibt die Frage, warum Frauen das Recht haben sollen, von Männern die Erfüllung ihrer Wünsche fordern zu dürfen, ohne sich verpflichtet zu fühlen, im gleichen Maße auf die Wünsche und Forderungen ihrer Männern einzugehen.“ 
Wenn aber Allmendinger eine „partnerschaftliche“ Beziehung (S. 27, 35) zwischen den Geschlechtern fordert, dann meint sie dabei keineswegs eine Beziehung, in der sich beide auf ein Modell des Zusammenlebens geeinigt haben, mit dem sie beide leben können. Sie weiß immer schon vorher genau, wie eine Partnerschaft auszusehen hat: als ein Zusammenleben, bei dem Mann und Frau Haushalt und Kindessorge zu gleichen Teilen aufteilen. Kein Wort allerdings dazu, wie dies realisierbar sein sollte angesichts einer Erwerbssituation, bei der offenkundig ein großer Teil der Frauen selbst zwar etwas zum Familieneinkommen beitragen möchte, die Verantwortung für die finanzielle Reproduktion der Familie aber weiterhin selbstverständlich beim Mann sieht.

Kein Wort auch dazu, dass ein solches Modell voraussetzen würde, Ungerechtigkeiten gegenüber Männern im Sorgerecht zu beenden. Im Ergebnis werden Männer und eine weitgehend durch Männer finanzierte Geschlechterpolitik dafür verantwortlich gemacht, Frauen immer gleich zwei Plätze freizuhalten – die etablierte weibliche Herrschaftsposition in Familie und Kindessorge zu bewahren und zugleich in dazu passendes berufliches Umfeld bereitzustellen, das auf Wunsch genutzt werden kann.

Frauen werden dabei in einer so vernichtenden Weise präsentiert, dass es rätselhaft ist, warum sich eigentlich außer Birgit Kelle keine Frau daran stört – als Wesen, von denen es schlicht nicht erwartet werden könnte, ihren eigenen Anteil an der sozialen Interaktion wahrzunehmen. Für Männer ist die daraus entstehende Situation absurd: In der Partnerschaft sind sie weiterhin in aller Regel mit Versorgungserwartungen konfrontiert und darin erpressbar – und zugleich müssen sie mit einer öffentlichen Rhetorik der Gleichberechtigung arrangieren, die Verantwortung von Frauen klein redet und nicht einmal die Möglichkeit männlicher Benachteiligungen einräumt.

Offenbar reagieren viele Männer auf diese Spaltung zwischen den realen Erwartungen in der Partnerschaft und öffentlicher Rhetorik mit stillschweigenden Rückzügen – beispielsweise, indem sie ihren Kinderwunsch zurückstellen und dadurch in der Partnerschaft weniger erpressbar werden. Ausgerechnet das ermutigendste Ergebnis der Studien aber wurde in der Rezeption am meisten skandalisiert: dass nämlich ein Großteil der Männer eine Gleichberechtigungspolitik ablehnt, die ihre eigenen Bedürfnisse missachtet und männliche Benachteiligungen programmatisch übersieht – und dass also viele Männer bereit sind, sich nicht mehr nur stillschweigend zurückzuziehen, sondern auch offensiv mit einer absurden Geschlechterpolitik auseinanderzusetzen.
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26 Comments

  • Offensive Auseinandersetzungen sind nur abseits massenmedialer Diskursreservate möglich. Hin und wieder geht mal unvermittelt eine Leuchtrakete wie der Kucklick-Artikel in DIE ZEIT hoch. Ansonsten ist's im Hinblick auf offene Debatten und demokratische Gesprächskultur bei fast allen Medien zappenduster. Der feministische Mief in Institutionen, Verwaltungen und Redaktionsstuben ist inzwischen zum schneiden. Und wenn man glaubt, dass es bornierter und demagogischer nicht mehr geht, wird man immer noch eines besseren belehrt.

    Die Revolte wird einfach als Restauration gelabelt. Schon Mielke & Co kochten nach diesem Rezept ihr Süppchen.

    Es ist insofern angesichts massiver Faktenignoranz mit dem Ziel der unverhohlenen Privilegierung bereits mehr als deutlich geworden, dass nurmehr der Rückzug bleibt, um so den Dingen ihren Lauf zu lassen bis das ganze faule, verlogene System auch hier in sich zusammenfällt.

  • Sehr gut und treffend beschrieben.

    Die weiblche Haltung, die dabei deutlich wird, erinnert mich an „Hypogamy“. Ein Wort, das offenbar einen weiblichen sozial recht zerstörerischen Trieb beschreibt (kann jeder googeln).

  • Ich muss mich verbessern. Es handelt sich um „Hypoagency“ nicht „Hypogamy“, obwohl letzteres offenkundig nicht weniger sozial destruktiv ist.

    (bin noch nicht so firm in so etwas)

  • „Hypoagency“, als Herunterspielen eigener Handlungsmöglichkeiten oder als Leugnen des eigenen Beitrags zur sozialen Interaktion passt tatsächlich sehr gut.

    „Hypogamy“ wäre m.E. eine dazu passende männliche Verhaltensweise – die Bereitschaft, Frauen zu heiraten, deren sozialer Status, vor allem aber: deren Verdienstmöglichkeiten deutlich geringer sind als die eigenen, so dass die männliche Versorgerposition von Beginn an weitgehend zementiert ist.

    „(bin noch nicht so firm in so etwas)“ Naja, ich schlag ja auch nach 🙂

  • Übersetzt man „Hypogamy“ mit „Hypergamie“ so beschreibt der Begriff lt. Wikipedia das soziale Hinaufheiraten von Frauen. Im englischen scheint der Begriff auch eher für ein bestimmtes weibliches Verhalten dieser Art zu sein.

    „Hyperagency“ scheint noch keinen deutsche Begrifflichkeit zu haben und scheint etwas umfassender zu sein als „nur“ das Herunterspielen eigener Verantwortlichkeit in verbindung mit eigenmotivierten Handlungen, nämlich der weibliche Drang alles männliche bzw. männliche Gemeinschaften kontrollierenzu wollen.

  • Hab gerad gesehen, dass der allesevolution blog die Begrifflichkeiten erklärt. Es kann sein, dass sie eine größere Rolle spielen als bisher wahrgenommen.

  • Das würde ich vermuten: Feministen erklären hypoagency durch Patriachat oder hegemoniale Männlichkeit. female hypoegancy und male hyperagancy sind zentral für alle Varianten feministischer Theorien. Christoph Kucklick argumentiert in seiner Dissertation Das unmoralische Geschlecht: Zur Geburt der Negativen Andrologie (2008) dafür, daß das entsprechende Männerbild bereits zwischen 1750 – 1850 und damit weit vor dem Feminismus entstand. Passivität wird damit zur Norm für Weiblichkeit, was man – obwohl Konfiktstraftaten alle Geschlechter betreffen – an den fehlenden weiblichen Gefängnisinsassen sieht. Die Konsequenz wäre, daß der Feminismus die Geschlechterrollen falsch analysiert hat und die tatsächlichen tradierten Geschlechterrollen fortschreibt. Passivität als Merkmal der weiblichen Geschlechterrolle wird von Männerrechtlern auch hinter Quoten für Frauen gesehen, da Frauen die Gründung einer weiblichen Parallelgesellschaft jederzeit offenstünde. Offensichtlich ist female hypoagancy sexistisch und Feminismus erscheint von diesem Standpunkt lediglich als Radikalisierung traditioneller Weiblichkeit.

    Insofern würde ich fast von einer „Gelenkstelle“ beim Verständnis feministischer Phänomene sprechen.

  • „Dass Männer zu über 70 Prozent den Eindruck haben, Frauen würden von ihnen die Rolle des Familienversorgers erwarten, bestätigt ein Detail in der Allmendinger-Studie, dass dort in den Kommentaren nicht eigens erwähnt wird: 72% aller befragten Frauen erwarten von ihrem Partner, dass er „viel Geld verdient“ (gegenüber 44,6 % der Männer, S. 59)“
    An dieser Stelle hilft ein kleines Wissensschnippselchen: Untersuchung auf Untersuchung bestätigt immer wieder, dass das Idealbild der Mehrheit der Frauen die Teilzeitarbeit ist. Der Trend in neueren Untersuchungen geht darüber hinaus verstärkt zur Rolle als Hausfrau und Mutter, sprich, die jüngeren Frauen wollen weniger arbeiten und mehr zu Hause sein als ihre Mütter.
    Diesen Fakt ignorieren professionell geschulte Gender-Theoretiker selbstverständlich souverän. Denn, wenn die Fakten nicht passen, dann sind sie halt misogyn.

    „Fast absurd spitzt Allmendinger ihre Orientierung an den Bedürfnissen der befragten Frauen zu, wenn sie „im Sinne einer Humanisierung der Arbeit“ (S. 50) eine 32-Stunden-Woche fordert (…)“
    Da hat doch irgendjemand mal einen guten Beitrag verfasst über einen Satz im Wahlprogramm der SPD, der auch irgendetwas mit der Gegenüberstellung von männlich und menschlich als Antonyme sowie der Identifikation von weiblich mit menschlich zu tun hatte. Hier taucht jetzt in gleicher Funktion das substantivierte Fremdwort, Humanisierung, auf. Ich weiß gerade leider nicht mehr, wer den Artikel geschrieben hat, sonst würde ich ihn jetzt verlinken… ( 🙂 )

  • @ Haselnuss „Untersuchung auf Untersuchung bestätigt immer wieder, dass das Idealbild der Mehrheit der Frauen die Teilzeitarbeit ist.“ Dagegen ist an sich ja auch gar nichts zu sagen – wenn klar ist, dass dieses Ideal mit dem Partner auch ausgehandelt werden muss, der ja möglicherweise ebenfalls nicht das Ideal hat, Vollzeitarbeit zu verrichten, um seiner Frau ihre Lebensvorstellungen zu ermöglichen. Tatsächlich aber ist der Staat darum bemüht, Männer entsprechend unter Druck zu setzen, wenn sie nicht von sich aus alles Nötige beitragen – Sorgerechts- und Unterhaltsregelungen geben Frauen eben die Möglichkeit, ihr Ideal notfalls auch gegen den Willen des Mannes durchzusetzen, wenn er nicht mitspielt. Nur ist es dafür eben nötig, dass sie auch einen Partner hat, der ausreichend und ausreichend sicher verdient (und dass Frauen mit großer Mehrheit darauf achten, wird ja in den Befragungen deutlich).

    Und endgültig bescheuert wird es eben, wenn die Entscheidungen von Frauen – für Teilzeitmodelle, für Berufszweige außerhalb der lukrativen MINT-Fächer – als Diskriminierung verkauft werden („Gender Pay Gap“), so dass der Staat zum Ausgleich einschreiten müsse. Herrje, ich hätte auch mehr verdienen können, wenn ich gewollt hätte – ich hab mir aber (ganz wie viele Frauen) einen Beruf gesucht, den ich schlicht gern machen wollte, auch wenn es anderswo finanziell lukrativer gewesen wäre. Deshalb kann ich mich doch nicht als „diskriminiert“ verkaufen….

    Eben das ist der gegenwärtigen Frauenpolitik ja auch vorzuwerfen. Wenn Männer und Frauen partnerschaftlich Vereinbarungen treffen, dann gibt es ja keine Notwendigkeit, von außen einzugreifen und deutlich zu machen, wie diese Vereinbarungen denn bitteschön auszusehen hätten. Geschlechterpolitik aber baut staatliche Institutionen als eine Art Super-Ehemann auf, der – sei es strafend, sei es zahlend – einzugreifen habe, wenn der reale Ehemann nicht wie erwünscht mitspielt.

    Danke für den Hinweis auf den Artikel, übrigens. Ich schau mal, ob ich ihn irgendwo finde, ich erinnere mich auch dunkel daran.

  • „Dagegen ist an sich ja auch gar nichts zu sagen – wenn klar ist, dass dieses Ideal mit dem Partner auch ausgehandelt werden muss, der ja möglicherweise ebenfalls nicht das Ideal hat, Vollzeitarbeit zu verrichten, um seiner Frau ihre Lebensvorstellungen zu ermöglichen. Tatsächlich aber ist der Staat darum bemüht, Männer entsprechend unter Druck zu setzen, wenn sie nicht von sich aus alles Nötige beitragen – Sorgerechts- und Unterhaltsregelungen geben Frauen eben die Möglichkeit, ihr Ideal notfalls auch gegen den Willen des Mannes durchzusetzen, wenn er nicht mitspielt. Nur ist es dafür eben nötig, dass sie auch einen Partner hat, der ausreichend und ausreichend sicher verdient (und dass Frauen mit großer Mehrheit darauf achten, wird ja in den Befragungen deutlich).“
    Für mich war das erste Anliegen, dass die Wahrnehmung der Mehrheit der Männer beim „Wer ernährt die Familie?“ so was von ins Schwarze trifft, dass es schwärzer nicht geht. Aber weder Frau Schwarzer noch sonst irgendeine Feministin erkennt dieses Faktum an oder überlegt gar, inwiefern dieser Fakt die gegenwärtige Situation prägt – wenn der Fakt überhaupt erwähnt wird, dann erwähnen Feministinnen ihn als schnell zu überwindendes und schnell überwindbares Hindernis. Diesen Weg des Verschleierns durch Nichterwähnen geht ja auch die Studie.

    Ich habe vor einiger Zeit mal beim Feminismus-Physiker Joachim eine Umfrage vorgestellt, die nach der idealen Lebenssituation der Frauen gefragt hat. Die Ergebnisse waren wie zu erwarten eindeutig: für die Mehrheit verwirklicht sich das Ideal in Teilzeit oder ohne Arbeit. Die Verrenkungen, die da einige User im Anschluss gemacht haben, waren beeindruckend. Eigentlich musste ich am Ende in jedem Beitrag ad hominems abwenden und die Diskussion refokussieren. Mir stellte sich damals und jetzt, bedingt durch die Studie, erneut die Frage: Warum wehren diesen Umstand, dass Frauen eben gernein Teilzeit arbeiten, so viele Feministinnen ab? Ich sage ja nicht, dass das gut oder schlecht ist, aber dass es so ist, könnten die Feministinnen vielleicht mal zur Kenntnis nehmen. Oder?

    Beim weiblichen Opt-out (aus der Arbeitswelt oder dem Vollzeiterwerb) dachte ich vor allem daran, dass für Männer gesellschaftlich ein enormer Druck besteht, viel zu verdienen. Selbst wenn ich die Zahlen einfach so als wahr annehme, sagen ja 60 % der Frauen explizit, dass der Mann für den Unterhalt der Familie sorgt/sorgen muss. Zu diesem offen zugegebenen Rollenverständnis kommt ein weiterer Punkt. Selbst wenn ich als Frau diese Erwartung nicht hege oder sie nicht offen zugebe, hat meine ('weibliche') Teilzeitpräferenz schlicht die Konsequenz, dass er für die Familie sorgen muss, einfach weil sonst das Geld ausgeht. Das ist schlicht die notwendige und zwingende Konsequenz aus der Entscheidung für Teilzeit, es sei denn, die gesamte Familie nimmt sozialen Abstieg in Kauf.

    Du hast selbstverständlich recht, wenn du darauf verweist, dass der Staat diese Teilung mit seiner Macht und vielen Sanktionen stützt.

  • Teil 2

    „Und endgültig bescheuert wird es eben, wenn die Entscheidungen von Frauen – für Teilzeitmodelle, für Berufszweige außerhalb der lukrativen MINT-Fächer – als Diskriminierung verkauft werden (…)“
    Bescheuert halte ich aus folgendem Grund noch für viel zu nett: In der gleichen Diskussion beim Feminismus-Physiker, die oben erwähnt ist, habe ich mal auf einen interessanten Umstand hingewiesen. Die Mehrheit der Frauen gibt an, in Teilzeit arbeiten zu wollen. Die Mehrheit der Frauen arbeitet in Teilzeit. Jetzt behaupten Feministinnen diese Frauen würden diskriminiert. Das ist nicht mehr nur bescheuert, dass trägt wahnhaft-geisteskranke Züge. Und so ist es eben auch bei der Lohnlücken-Lüge. Wahnhaft bis geisteskrank.

    Zusammenfassung:
    Es steht offensichtlich fest, dass die Mehrheit der Frauen in Teilzeit arbeiten will. Es steht weiterhin offensichtlich fest, dass sie das gerne tut und das ihrem idealen Leben entspricht. Wer dennoch Diskriminierung behauptet, macht sich in meinen Augen lächerlich. Wer meint, dagegen vorgehen zu können, indem er Frauen noch hundert Förderungsprogramme vor die Füße legt, zeigt deutlich, dass er nicht verstanden hat, wie der Hase läuft. Er zeigt auch, dass er ein Sexist der schlimmsten Sorte ist. Wer behauptet, dass Frauen nicht Vollzeit arbeiten würden, liege an Männern, macht sich in meinen Augen ebenfalls lächerlich.
    Der Fakt, dass die Mehrheit der Frauen gerne Teilzeit arbeitet hat offensichtlich Konsequenzen für Männern, solange der Staat als Big Daddy bereit steht auf Männer strafend einzuwirken. Diese Konsequenzen berauben unnötiger- und sexistischerweise viele Männer ihrer Entscheidungsfreiheit.
    Und so lange Big Daddy bereit steht, haben Männer keine Möglichkeit irgendetwas auszuhandeln.

  • „Bescheuert halte ich aus folgendem Grund noch für viel zu nett: In der gleichen Diskussion beim Feminismus-Physiker, die oben erwähnt ist, habe ich mal auf einen interessanten Umstand hingewiesen. Die Mehrheit der Frauen gibt an, in Teilzeit arbeiten zu wollen. Die Mehrheit der Frauen arbeitet in Teilzeit.“

    Obendrein wird immer wieder betont, dass man Frauen die Wahlfreiheit lassen wolle. Widerspruchsärmer geht es wohl nicht.

    (Ja, der Feminismus-Physiker ist in puncto Realsatire schon ein ziemlich lustiger Zeitgenosse, in vielerlei Hinsicht. Habe mich neulich wieder köstlich amüsiert: Sein Kollege hatte ihn in einem Tweet auf die Tatsache hingewiesen, dass wir zur Auswertung (nicht: zur Gewinnung) von Bildinformationen im Hirn Fourier-Transformationen anwenden.

    http://www.scilogs.de/quantenwelt/t-glich-brauche-ich-fourier-transformationen/

    Joachim weiß natürlich sofort Bescheid und beschreibt ein Modell, wie die Abbildungsfunktion einer Linse funktioniert. Auf den Hinweis, dass wohl eher das akustische Sinnesorgan an sich auf einer Fourier-Transformation beruhe behauptet er einfach, es würden keine Phasen ausgewertet, sonnst könnte das MP3-Verfahren gar nicht funktionieren. Wie wir dann räumlich hören sollen bleibt ebenso sein Geheimnis wie sein neu erfundener MP3-Codec. Das MP3-Verfahren hätte, wenn er es denn ansatzweise kennen würde, ihm vielleicht einen Hinweis gegeben..

    Kurz: In seinem speziellen Fachgebiet mag er Ahnung haben, allerdings scheint er aufgrunddessen der Ansicht zu sein, immer ohne weitere Recherche über allesaufderwelt Bescheid zu wissen, alle anderen sind offenbar einfach so dumm dass man über ihre Argumente gar nicht erst nachdenken muss. Das beharrliche Vertreten des Diskriminierungsdogmas trotz gegenteiliger Umfrageergebnisse ist da nur allzu konsequent.)

    – Nick

  • @ Elmar „Insofern würde ich fast von einer „Gelenkstelle“ beim Verständnis feministischer Phänomene sprechen.“ Da stimme ich zu. Das Resultat ist dann, dass frauenpolitische Positionen ein politisches perpetuum mobile werden – immer wieder neu Positonen weiblicher Verantwortungs-Unmöglichkeit, nämlicher weiblicher Machtlosigkeit zu konstruieren, denen mit Unterstützung von außen abgeholfen werden muss – und dabei Abhängigkeiten zu schaffen, die dann wiederum Konstruktionen weiblicher Machtlosigkeit erlauben, etc.pp.

    Das ist insofern eine sachlich falsche, unhaltbare Geschlechterkonstruktion – aber eine politisch sehr ergiebige. Kein Erfüllen einer Forderung kann die Situation irgendwann einmal befrieden, sondern jede Erfüllung von Forderungen gebiert sogleich die Notwendigkeit neuer Forderungen.

    Natürlich klappt so ein Modell nur, wenn gesellschaftliche Verhältnisse so beschreben werden, dass vernünftiges Handeln für die „Opfer“ dieser Verhältnisse schlicht nicht möglich ist – dass also niemals mit gutem Gewissen von ihnen verlangt werden kann, selbst für sich zu sorgen oder gar für erhaltene Leistungen auch Gegenleistungen zu erbringen.

  • @ Haselnuss „Die Mehrheit der Frauen gibt an, in Teilzeit arbeiten zu wollen. Die Mehrheit der Frauen arbeitet in Teilzeit. Jetzt behaupten Feministinnen diese Frauen würden diskriminiert. Das ist nicht mehr nur bescheuert, dass trägt wahnhaft-geisteskranke Züge.“ Ja, aber dieser Wahn findet eben Hilfskonstruktionen und Rationalisierungen. Das Argument ist ja eigentlich:

    Prämisse 1: A will x tun.
    Prämisse 2 A tut x.
    Also (Conclusion): A ist Opfer von B.

    Diese Zusammenhang lässt sich dann herstellen, wenn man davon ausgeht, dass A in allem, was sie will und tut, völlig von B abhängig ist. Das knüpft wieder an die Diskussion um die „female hypoagency“ oben an – und dass Frauen so sehr als macht- und hilflos beschreiben werden, rechtfertigt dann praktischerweise auch den Einsatz des Staats als großen Bruder.

    @ Nick Ich kenne von Joachim Schulz vor allem seine Texte zu Gender-Themen, wo er z.B. Christian von „Alles Evolution“ als Betreiber eines „antifeministischen Blogs“ beschreibt. Muss ja alles seine Ordnung haben – wo kämen wir denn da hin, wenn nicht von vornherein klar wäre, wo die Freunde und wo die Feinde sitzen? (http://www.scilogs.de/quantenwelt/was-mich-gender-k-mmert/) Nicht, dass man aus Versehen mal die Falschen für dumm erklärt in der ganzen Aufregung.

    Wobei es zugleich ja wiederum Zeitgenossen gibt, die den Blog als „feministisch“ beschreiben, was ja alles wieder durcheinanderbringt. Während ich ja wiederum finde, dass die solcherart gestiftete Verwirrung sehr FÜR den Blog Alles Evolution spricht.

  • Schöner Beitrag, Schoppe.

    Was ich aber nicht verstanden habe ist: „Zugleich wird die weibliche Erfahrung der Lohndiskriminierung relativiert..“ Glaubst Du auch an die berüchtigte Lohndiskiminierung oder wie ist das zu verstehen?

    DerdieBuchstabenzählt

  • @ DdBz Danke!

    Nein, die Lohndiskriminierung ist ein Gerücht, aber ein bewusst gestreutes. EIN Ergebnis der erwähnten Umfrage war, dass eine sehr große Anzahl von Frauen die Erfahhung der Lohndiskiminisrung gemacht hätte. Mir ging es an der Stelle nur darum, darauf hinzuweisen, dass andere Ergebnisse der Studie diese „Erfahrung“ offenkundig relativieren – ohne dass aber dieser offensichtliche Zusammenhang hergestellt würde.

    Dass so viele Frauen die Erfahrung der „Lohndiskriminierung“ gemacht zu haben angeben, ist in meinen Augen ein Zeichen dafür, dass die entsprechende Propaganda („Gender Pay Gap!“) großen Erfolg hat – nicht dafür, dass viele Frauen tatsächlich selbst erlebt haben, schlechter bezahlt zu werden, nur weil sie Frauen sind.

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