Literatur

Übermensch in Unterwäsche – Alfonso Cuaróns „Gravity“

Bild zeigt Logo mit der Aufschrift "Gravitiy".
geschrieben von: Lucas Schoppe

Schon kurze Zeit nach seinem Start wird dieser Film als Kinoereignis des Jahres gehandelt. „Gravity“, mit Sandra Bullock und George Cloney, ist für Daniel Kothenschulte in der Welt „der betörendste Science-Fiction-Film seit langem“, gilt, so der Spiegel, bereits „kurz nach dem Start (…) als neuer Science-Fiction-Klassiker, bricht alle Kassenrekorde“, wird dort sogleich „zum neuen Kinoklassiker“ erklärt und als „zutiefst sinnliches Erlebnis“ gefeiert:

„Dieser Film reißt einem den Boden unter den Füßen weg“.

„‘Gravity‘ ist Kino der Zukunft“, verkündet gar Fritz Göttler in der Süddeutschen Zeitung.

Hier in den Kommentaren wurde der Film ein wenig anders bewertet:
„Sandra Bullock wir dort als die Superfrau dargestellt, die sich im Weltall rettet und alle Hindernisse meistert. Dieses Motiv der Superfrau tritt in sehr vielen neuen Hollywood-Produktionen auf, z.B. in Ridley Scotts ‚Prometheus‘ oder in den Resident-Evil-Produktionen mit Milla Jovovich. Diese Filme vermitteln die Botschaft ‚Frauen können es auch‘ oder ‚Frauen können es noch besser‘.“
Männer hingegen seien, so ein späterer Kommentar,
„in solchen Filmen nur dazu da, Frauen zuzuarbeiten, sich für Frauen zu opfern“.
Was denn nun? Kino der Zukunft oder misandrisches Machwerk? Ist es überhaupt sinnvoll, Gravity im Hinblick auf die Darstellung von Weiblichkeit und Männlichkeit zu interpretieren, nur weil eine Frau und ein Mann fast die einzigen Akteure des gesamten Films sind? Wäre der Film beispielsweise ebenso möglich, wenn zwei Männer im Zentrum stünden?

Spoiler-Warnung: Wer den Film noch nicht gesehen hat, wird in diesem Text viele Informationen finden, die die Spannung beim ersten Anschauen erheblich beeinträchtigen können.
Lässig in das Weltall stürzen Ganz sicher jedenfalls ist der Film ein grandioses visuelles Erlebnis und gleich zu Beginn – ganz unmetaphorisch ausgedrückt – schwindelerregend:
„Hier (…) taumeln wir schon nach einer Viertelstunde mit Astronautin Sandra Bullock hilflos durch das All, ihr Shuttle ist nach einem Zusammenprall mit Weltraumschrott nun selber welcher.“ (Kothenschulte in der Welt)
Gerettet wird die Ärztin Ryan Stone (Bullock), die auf ihrer ersten Weltraummission ist, vom Raumfahrt-Routinier Matt Kowalski (Clooney). Gleich zu Beginn macht der Film ihre unterschiedlichen Positionen klar: Während Stone außen am Shuttle arbeitet, an ihm befestigt, weit unter sich die beeindruckend anzusehende Erde, düst Kowalski mit einem Jet-Pack spielerisch um das Shuttle herum, hört zum Missfallen Stones dabei Country-Musik und sinniert darüber, ob er wohl den Rekord für den längsten Weltraum-Spaziergang brechen könnte.
Als dann das Shuttle getroffen und Stone in den Weltraum herausgeschleudert wird, reagiert er jedoch sofort pragmatisch und professionell. Er rettet sie vor dem Abdriften ins All, kehrt mit ihr zum Shuttle zurück, erkennt ohne Zögern an, das dort niemand zu retten ist und dass es auch selbst zur Rettung nicht mehr taugt – und hat sofort einen anderen Rettungsplan parat. Mit Stone fliegt er zu einer internationalen Raumstation, die verlassen ist und nur noch eine Sojus-Kapsel besitzt, die ihrerseits zwar zum Eintritt in die Atmosphäre nicht mehr taugt, sehr wohl aber zum Weiterflug zu einer intakteren chinesischen Raumstation.
Als Kowalski und Stone aber die sowjetische Station erreichen, können sie sich dort nicht beide halten – er wird in den Weltraum gezogen, und sie kann nur gerettet werden, wenn das Verbindungsseil zwischen ihnen gekappt wird. Auch hier tut er lakonisch das Notwendige („Das ist nicht ihre Entscheidung“), macht sich los, erklärt ihr noch in aller Ruhe über Funk, wie sie in die Station einsteigen muss – und stellt lässig fest, dass er nun einen Rekord für einen Weltraumspaziergang aufstellen wird, der wohl lange nicht mehr überboten werden kann.
Stone hält sich an Kowalskis Rettungsplan. Auch als sie schließlich verzweifelt, weil die Sojus-Kapsel, in die sie sich rettet, keinen Treibstoff mehr hat, hilft er ihr entscheidend weiter: Sie hat den Sauerstoff in der Kapsel gedrosselt, will nicht mehr leben und fantasiert sterbend, dass er zu ihr in die Kapsel steigt, sie aufmuntert und ihr erklärt, wie sie mit den Bremstriebwerken zur chinesischen Station kommen könnte. Eben das ist der Wendepunkt des Geschehens – sie rafft sich auf, aktiviert ihren Lebenswillen und die Triebwerke, fliegt zur chinesischen Station und von dort mit einer Kapsel wieder zur Erde.
Rätselhaft aber bleibt nicht nur, warum Kowalski eigentlich sterben musste – physikalisch ist sein Tod durch eine unwiderstehliche Kraft, die ihn in den Weltraum zieht, nicht erklärbar. Rätselhaft ist auch ein anderer Tod, der zur Hintergrundgeschichte Stones gehört.
Übermenschin und Wegwerf-Mann Bei einem Unfall, so erzählt sie Kowalski, hatte sie ihre vierjährige Tochter verloren, erfuhr davon während einer Autofahrt und sei seitdem immer wieder ziellos mit dem Auto umhergefahren, wie festgefroren in dem Moment der schrecklichen Nachricht.
Anstatt aber der Figur Tiefe und Ernsthaftigkeit – gravity – zu verleihen, macht diese Hintergrundgeschichte sie unglaubwürdiger: Wie schafft es eine in Depressionen absinkende Ärztin, im Weltraumprogramm der NASA aufgenommen zu werden, innerhalb weniger Monate alle wichtigen Trainingseinheiten zu absolvieren und Tests zu bestehen und dann auch bald zu ihrer ersten Mission zu starten?
Zu erklären ist die Funktion der unplausiblen Todesfälle mit einem Blick auf das Ende des Films. Stone stürzt mit der chinesischen Kapsel in ein Gewässer, erhält vom Kontrollzentrum die Nachricht, dass ein Bergungsteam unterwegs sei – sie aber verlässt die Kapsel, in der sie sonst ertrunken wäre, schwimmt zum Ufer, bleibt eine Weile erschöpft im Matsch liegen, steht dann auf und geht wankend fort.
Um ganz sicher zu gehen, dass auch gewiss jeder die Bedeutung dieses Moments versteht, schwillt die Musik pathetisch in eben dem Moment an, als Stone ihren Fuß auf das Land setzt und aufsteht. Die Kamera bleibt unten, liegt gemeinsam mit den Zuschauern gleichsam im Dreck vor ihr, während sie sich aufrichtet und wie eine Gigantin den Kopf in den Himmel reckt. Dass Stone hier nur noch Unterwäsche trägt, bedient nicht nur Schaubedürfnisse – sie hat die gesamte Weltraumtechnik, die nun verschrottet durch das Weltall treibt, im See liegt oder am Himmel verglüht, hinter sich gelassen und überwunden, und sie geht nun weiter ohne deren Hilfe, ohne Weltraumanzug, ohne Stütze, keines weiteren Schutzes bedürftig.
„Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Schritt für die Menschheit“ – während Neil Armstrong nur den Mond betrat, betritt Stone die Erde, aber als ein neuer Mensch. Der Regisseur Cuarón  betont,  dass sie „nichts weniger als ihre persönliche Wiedergeburt erlebt“ – aber er inszeniert diese Wiedergeburt als Geburt eines neuen Menschen, eines Übermenschen.
Eben diese Inszenierung jedoch würde Kowalski, der pragmatische, sachliche, unpathetische, erfahrene Raumfahrer stören, wenn er noch leben würde. Sie hat zwar überlebt, weil sie seiner Planung gefolgt ist – würde er aber noch bei ihr sein, dann wäre sie einfach eine unerfahrene Raumfahrerin, die von der Kooperation mit einem erfahrenen Raumfahrer profitiert hat und die sich kaum als Übermenschin darstellen ließe.
Gerade die Hohlheit von heroischen Weiblichkeitsinszenierungen im Kino, so hat Oliver K hier in den Kommentaren plausibel argumentiert, betone eigentlich die Abhängigkeit der dargestellten Frauen:
„die Frau wird als phantasmatischer Popanz aufgebaut, wobei gleichzeitig dem Unterbewusstsein vermittelt wird, das dies ja alles blosse Mache ist, nichts dahinter ist.“
Anstatt aber eine glaubwürdigere Heldin zu entwerfen, schützt Cuarón ihre Inszenierung dadurch, dass der Mann am Ende tot ist und so ihre Präsentation nicht mehr stören kann. Kowalski ist tatsächlich ein „disposable male“ (Warren Farrell), ein beliebig verfügbarer, aber eben auch ein Wegwerf-Mann, der gehen kann und muss, nachdem er seine Schuldigkeit getan hat. Das Klischee des männlichen Opfers für das Wohlergehen der Frau ist dem Film so wichtig, dass er für den Tod des Mannes auch grobe Unwahrscheinlichkeiten in Kauf nimmt.
Was aber hat der Tod des Kindes damit zu tun?
Völlig losgelöst auf die Erde Ein Leitmotiv des Films ist das Motiv des Loslösens – und das wird gleich zu Beginn deutlich, wenn wir als Zuschauer mit den Akteuren gemeinsam weit über der Erde schweben. Stone muss sich widerwillig von ihrer Arbeit lösen, als der Weltraumschrott sich nähert – sie muss sich nach der Kollision von den Teilen des Raumschiffs lösen, an denen sie durch das All geschleudert wird – sie muss, wenn auch panisch, akzeptieren, dass Kowalski sich wieder von ihr löst, nachdem er sie gerettet hat und in den Armen hält – beide müssen sich darauf einstellen, dass der Funkkontakt zur Bodenstation abgerissen ist – sie muss akzeptieren, dass Kowalski sich an der sowjetischen Station losmacht und ins All schwebt („Du musst lernen loszulassen!“, sagt er ihr hier) – sie muss dann die brennende sowjetische Station wieder verlassen und kurz darauf auch die Sojus-Kapsel, in der sie zur chinesischen Station fliegt – und auch dort muss sie sich vor dem Eintritt in die Erdatmosphäre in einer anderen Kapsel lösen – die sie schließlich auch wieder verlassen muss, als sie im Wasser gelandet ist.
Vor allem aber muss sie sich natürlich innerlich vom Tode ihres Kindes und von ihrem Kind selbst lösen. Nachdem ihr Lebenswille wieder erwacht ist, denkt sie an Kowalski und bittet ihn, ihrer Tochter etwas auszurichten, nämlich dass sie nicht aufgebe – sie selbst aber kehrt zur Erde zurück. Als sie in der chinesischen Station sitzt und die Apparate bedienen muss, spielt sie ein Eene-meene-muh-Spiel, um die richtigen Knöpfe zu finden: Wichtig ist, so scheint es, keineswegs eine seriöse Beherrschung der Technik, sondern allein die richtige innere Einstellung.
Eben dadurch wird sie also zum Übermenschen, der schließlich die Erde wieder betreten kann, als sei sie Neuland, zur Eroberung bereit: Sie hat alle Bindungen gekappt und ist nun ein ganz neuer, ganz freier Mensch. Was zu Beginn des Films schwindelerregend und erschreckend war, ist schließlich die Bedingung ihrer Neugeburt.
Diese Inszenierung des weltraumgeborenen Übermenschen aber wäre tatsächlich ohne Geschlechterklischees kaum möglich. Genießbar sind solche Inszenierungen ja eigentlich nur in einem Kontext, der sie als Spiel kenntlich macht, etwa in Superhelden-Geschichten. Als realistisches Modell aber wird zumindest der männliche Übermensch nun schon seit langer Zeit – und zwar meist von Männern selbst, keineswegs von Feministinnen, die ja eher auf das Modell der „männlichen Herrschaft“ fixiert sind – ironisiert, persifliert und zerstört, so dass ein Mann kaum so inszeniert werden könnte wie Bullock am Ende von Gravity. Zumindest nicht, wenn der Regisseur nicht das Ziel einer allgemeinen Publikumsbelustigung im Auge hat.
Dass eine solche Übermenschen-Inszenierung hohl und absurd ist, kann hier nur deshalb überspielt werden, weil sie sich an längst gängige, feministisch inspirierte Weiblichkeitsklischees andockt: an die Idee, dass die Zukunft weiblich (oder gar nicht) sei – dass Frauen ein großes unentdecktes Potenzial hätten – dass dieses Potenzial allein durch die Bindungen an Mann und Kinder an seiner Entfaltung gehindert werde – dass Frauen sich aus diesen Bindungen lösen müssten, um frei zu sein – dass die männliche Technik ebenso herrschaftsfixiert wie unzureichend sei – dass sie überwunden werden müsse und könne, gern im Rückgriff auf typisch weibliche Qualitäten – usw. usw.
Nun sind Übermenschen-Inszenierungen ja nicht plötzlich gehaltvoll, plausibel und human, nur weil sie feministisch daherkommen. In einem grandiosen Gedicht von Percy Bisshe Shelley aus dem Jahr 1817 werden sie an der Figur des „Ozymandias“ bloßgestellt. Ein Reisender aus einem antiken Land berichtet darin vom Sockel eines Standbildes, das er mitten in der Wüste gesehen habe, umgeben von Sand – nur noch zwei Beinstümpfe hätten auf diesem Sockel gestanden, in lächerlichem Kontrast zur Inschrift auf dem Sockel, in der ein Herrscher namens Ozymandias sich als „König aller Könige“ („king of kings“) verherrlicht hätte:
„Seht auf meine Werke, ihr Mächtigen, und verzweifelt!“ („Look on my works, ye Mighty, and despair.“)
Zur Verzweiflung haben die Mächtigen hier natürlich tatsächlich allen Grund – aber eben nicht, weil eine Herrschaft wie die von Ozymandias so unerschütterlich, sondern weil sie so offensichtlich hohl ist. Es ist schon lange niemand mehr da, der dem Herrscher zu Füßen liegen und der an ihm heraufschauen würde, und daher auch niemand, der sein Standbild vor dem Verfall schützen könnte.
Auch die Inszenierung Stones am Ende des Films funktioniert nur als Momentaufnahme. Der Gedanke, dass die Loslösung von allen Bindungen eine neue, größere Existenz ermögliche, ist ebenso unglaubwürdig wie die Idee, dass fortgeschrittene Hochtechnologie nicht in der Kooperation mit anderen, sondern wesentlich besser im Vertrauen auf die eigene einsame Intuition beherrscht werden könnte. Wenn Bullock als Stone am Ende mit unsicheren, aber würdevollen Schritten barfuß einer neuen Zukunft entgegengeht, dann ist das nur so lange plausibel, so lange diese Zukunft nicht sichtbar wird. Um Shelley einmal mit Tucholsky zu ergänzen:
„Und darum wird beim happy end im Film jewöhnlich abjeblendt.“
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35 Comments

  • Ich habe den Film nicht gesehen (glaube ihn mir nun gut vorstellen zu koennen, und habe einfach keine Lust mehr auf die Hollywood-Superheldinnen), aber die Besprechung, mit der Erwaehnung von country-song und ploetzlichem Ableben, ruft doch diesen Kommantar Slavoj Zizeks zur Titanic wach:

    http://www.youtube.com/watch?v=RHAWcozS0lk

    Passt doch, oder? Eine ordentliche Injektion Vitalitaet fuer die Mittelklassenfrau, vom Unterschichtsmann. Als ein weiterer Aspekt.

  • Was jetzt doch (hoffentlich!) interessant waere, waere eine Reaktion der Jubelarien-Schreiber.

    Ich habe ja doch eine gewissen Hoffnung, dass man beim Feminismus Ideologie so direkt beobachten kann (im Unterschied zum Spaetkapitalismus), dass es doch eine Chance geben sollte zur Aufklaerung.

    Stelle mir vor, die erste Reaktion ist „Schwachsinn! So ist das halt, das sind die Gesetze des Genres, das hat gar keine Bedeutung.“ Aber vielleicht wirkt ja das Gift der Aufklaerung beim naechsten Mal, beim naechsten Film, wo sich ein Mann opfert (ich bin zuversichtlich, dass es noch ein paar geben wird), vielleicht erinnert man sich dann, und faengt an zu zweifeln.

  • Man koennte sagen, dass Zizek selbst auf die Ideologie des Films Titanic reinfaellt: wesentlich ist vielleicht nicht (mehr) der Klassenaspekt, sondern der abstrakte Mann-Frau-Aspekt (der Klassenunterschied maskiert das Geschlechterverhaeltnis, vielleicht weil im Spaetkapitalismus Arbeiter und Mann zusammenfallen). Nur ein paar Spekulationen (vielleicht zu weit weg vom besprochenen Film).

  • „Science-Fiktion-Klassiker“, „neuer Kinoklassiker“ – das kann doch nur ein Witz sein! So etwas können nur heutige Journalisten schreiben, die gar keine Ahnung von Filmkunst haben. Es handelt sich bei diesem Film eine Hollywood-Standardproduktion, um einen Film für ein nicht-intellektuelles Publikum (ich möchte mich hier nicht als Intellektueller aufspielen, aber mit fällt dazu kein besseres Wort ein), einen Film für Jugendliche.
    Der Film enthält außer den Effekten nichts, was herausragend wäre: mittelmäßige bis schlechte schauspielerische Leistung, ein gewöhnlichers Drehbuch, nichts Tiefsinniges oder Geistreiches, nichts künstlerisch Anspruchsvolles. Und wie man diesen Film mit „Odyssee 2001“ vergleichen kann, wie es in den verlinkten Artikeln gemacht wird, wird für mich ein Rätsel bleiben,
    Vielleicht komme ich aus einer anderen Zeit, aber ich kann mit solchen Idioten-Filmen wie „Gravity“ wirklich nichts anfangen – ich kann darüber nur lachen. Ich komme aus einer Zeit, in der Studenten nächtelang über künstlerisch anspruchvolle und gesellschaftspolitisch relevante Filme von Godard, Truffaut oder Antonioni philosophiert haben.
    Ansonsten gebe ich Lucas Schoppe in allen Punkten recht. Schade nur, dass diese Aspekte nur von so wenig Leuten erkannt werden.

  • Den Film mit „2001: A Space Odyssey“ zu vergleichen ist natürlich Quatsch – „Gravity“ ist ein Katastrophenfilm und am Ehesten mit Tom Hanks' „Apollo 13“ vergleichbar – „2001“ dagegen ist ein philosophischer hard Sci-Fi Film der zu seiner Zeit wegweisende Effekte aufwies, Heute aber vor Allem wegen seiner Tiefsinnigkeit und nonlinearen Erzählkunst besticht.

    „Gravity“ ist wunderschön anzusehen in 3D und auf einer riesigen Leinwand – so wie „Avatar“. Ob man beide Filme in einigen Jahrzehnten in einem Atemzug mit Klassikern der Filmkunst wie „2001“ nennen wird, wage ich zu bezweifeln.

    Die Journaille erschöpft sich gerne in solchen vorschnellen Superlativen, das gehört zum Geschäft. Ernst muss man das nicht nehmen.

    Clooneys Opferszene ist übrigens eine nahezu astreine Kopie von Tim Robbins' Suizid zum Wohle der um seine Rettung bemühten Partnerin aus „Mission to Mars“. Der letzte Film in dem ich diese abgedroschene Mann-Frau Dynamik mal in umgekehrter Besetzung erlebt habe war der blödsinnige Monsterhorrorstreifen „Deep Blue Sea“ – ich erinnere mich noch gut daran, weil die Opferung der Hauptdarstellerin im Finale damals ein echt origineller und überraschender Pluspunkt in einem ansonsten durchschnittlichen Actionfilm war.

  • Losloesung vom Kinde ?

    Bei der Losloesung vom Kind habe ich gewissen Zweifel. Bei maennlichen Superhelden ist es heutzutage sehr haeufig, dass sie in eine Krise geraten, und dann ein Junge sie an ihre Heldenhaftigkeit erinnert (der letzte Iron Man, vorher z.B. so ein Film mit boxenden Robotern, oder Unbreakable). Ueberhaupt macht erst die Verbindung zu Weib und Kind ihre Kraft aus. Das liegt dann hier etwas anders, aber kann man nicht auch das Eene-meene-muh-Spiel als Verbindung mit der Tochter deuten? So dass sie ebenfalls erst aus dieser (nun virtuellen) Beziehung ihre Kraft gewinnt?

    Vielleicht koennte man sagen, dass sie nicht als Versorgerin belastet werden soll (waehrend die Maenner in diesen Filmen auch als richtige (Ersatz-)Vaeter auftreten muessen), sondern rein spirituell, qua Frausein, die Muttermacht/kraft bezieht?

  • Nur Geduld – in Gravity Teil II sehen wir dann nur noch Clooney und erleben in 90 Minuten wie er das brandneue Kepler-Teleskop nur mit McGyver-Ausrüstung zu einem Shuttle umbaut und zurück zur Erde düst. Letzte Szene: Gemeinsamer Spaziergang mit Sandra dem Sonnenuntergang entgegen.

  • @ Oliver K Ich finde Zizeks Interpretation zur Titanic sehr passend, danke für den Link! Angesichts des Klassenunterschieds war die Liebesgeschichte dort ja ohnehin unwahrscheinlich und zukunftslos, und der Untergang des Schiffes bzw. des Mannes hat der Frau dort die Möglichkeit gegeben, keine unangenehme Entscheidung zur Beendigung dieser Beziehung treffen zu müssen.

    Was das Männer-Opfer angeht: Ich verstehe es gut, wenn jemand, der einfach einen Unterhaltungsfilm sehen will, verständnislos auf Versuche reagiert, in deisem Film bedeutungsvolle (z.B. politische) Muster nachzuweisen. Dabei finden sich solche Muster ja gerade dort – Filme würden ja nicht unterhalten, wenn sie nicht fröhich an Denkmuster und Klischees andocken würden, die sie in den Köpfen der meisten Zuschauer im Kino (und wohl zurecht) voraussetzen.

  • „Der Film enthält außer den Effekten nichts, was herausragend wäre“ Ich fand die visuelle Erfahrung, gerade in der 3D-Version, tatsächlich sehr eindrucksvoll – hatte aber auch den Eindruck, dass diese eindrucksvolle Erfahrung die eigentlich offenkundigen Schwächen des Films verdeckt.

    Ein amerikansicher Kritiker hat auf Jubelarien zu diesem Film (der bei Rottentomatoes, der wichtigsten Netz-Sammlung englischspachiger Filmkritiken, immerhin bei 97% positiver Kritiken steht, was ein enorm hoher Wert ist) so reagiert:

    „Sehen Sie sich den Film auf jeden Fall an. Aber wenn er allen Ernstes Ihre Idee vom Kino verändert, dann sollten Sie wohl einfach mal mehr Filme schauen.“ („By all means, see it. But if it actually does change your idea of cinema, you might want to see more movies.“, http://www.mountainx.com/movies/review/gravity#.UlhogBBQhnk )

    Auch diese milde Kritik, die den Film einfach nicht in den Himmel lobt, ist bei den von mir gelesenen Kritiken eher die Ausnahme. Hier noch der Rotten Tomatoes-Link:
    http://www.rottentomatoes.com/m/gravity_2013/

  • @ Bademeister Hmmm – diese logisch zwingende Fortsetzung hätte ich eigentlich voraussehen müssen. Die McGyver-Ausrüstung wird vermutlich aus einem Kaugummi, einem Stück Draht sowie einem alten Schallplattenspieler bestehen, den er zufällig dabei hat. Bei dem Spaziergang in den Sonnenuntergang muss man dann aber am Ende aufpassen, die Sache so zu inszenieren, dass sie nicht unglaubwürdig wird.

  • „So dass sie ebenfalls erst aus dieser (nun virtuellen) Beziehung ihre Kraft gewinnt?“ Ja, das stimmt mit den Filmszenen überein. Aber Bedingung ist es eben, den eigenen Todeswunsch zu überwinden – dessen Anlass im Film die Katastrophe und die immer neuen Schwierigkeiten bei der Rettung sind, der aber eigentlich durch den Tod der Tochter motiviert ist. Und diesen Todeswunsch überwindet sie erst, nachdem sie die Tochter „losgelassen“ hat.

    Der Film mit den boxenden Robotern ist übrigens „Real Steel“ mit Hugh Jackman, ich hab ihn zufällig auch gesehen. Zum Helden UND zum verantwortungsvollen Mann wird der Protagonist hier erst durch seinen Sohn – allerdings eben durch die PRÄSENZ des Sohnes und die Notwendigkeit seiner Präsenz als Vater.

  • Mein Szenario für die Fortsetzung befindet sich etwa auf demselben Glaubwürdigkeitsniveau wie Sandras Rettung im Finale – planlos auf ein paar Knöpfe drücken und sicher per Autopilot landen gibt's nicht mal bei Raumschiff Enterprise.

    Aber Heute können echte Frauen eben auch Einparken. Ob Smart oder Sojus macht da keinen Unterschied.

  • „Mein Szenario für die Fortsetzung befindet sich etwa auf demselben Glaubwürdigkeitsniveau wie Sandras Rettung im Finale“ Ja – aber es ist deutlich lustiger. Das Eene-meene-muh-Spiel im Film ist ja nicht einmal ironisch gemeint, ebenso wenig wie die Schlussszene, in der Stone sich aus dem Schlamm erhebt. Die Szene könnte ich mir übrigens gut in einer Persiflage mit Ben Stiller vorstellen – man müsste sonst nicht einmal etwas an ihr ändern, um das Pathos des Films bloßzustellen.

  • Wäre Dir die finale Szene mit Clooney als sich im Kokon drehendes Weltraumbaby im Erdorbit lieber gewesen?

    Bemerkenswert: Die letzten zwei Minuten von 2001 geben mehr Raum zum Spekulieren und Philosophieren als 90 Minuten von Gravity.

    Wer solche Vergleiche tätigt disqualifiziert sich als ernstzunehmender Filmliebhaber. Da gab es noch andere Filme in jüngerer Zeit – wie z.B. „Moon“ oder „The Fountain“ – die eher an die Gravitas von 2001 heranreichen.

    Für mich ist es einfach ein unterhaltsamer und kurzweiliger Katastrophenfilm mit toller Optik und einem guten Soundtrack. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn es um Substanz geht hat Cuarón mit „Children of men“ schon mal deutlich mehr abgeliefert. Letzterer wäre eher einen Eintrag in Filmlexika wert als Gravity.

  • Danke für den Kommentar, und für den Hinweis! Der ist richtig, ich war durcheinander gekommen, weil Stone von der Station aus mit einer russischen Kapsel gestartet ist. „Sowjetisch“ ist natürlich ohnehin Quatsch….

    Ich hab es im Text verbessert.

  • Hallo Schoppe,
    ich kommentiere meines Wissens nach zum ersten Mal bei dir, deshalb darf ich vorab mal herzlich danke sagen für deine Arbeit. Ich verfolge dein Blog recht regelmäßig und lese wirklich sehr gern hier.
    Jetzt zu deiner Gravity-Kritik. Ich halte, das muss ich leider zugeben, die meisten Prämissen Deiner Kritik für falsch und wäre insofern sehr an einer Diskussion interessiert. 😉

    Dass die von Bullock verkörperte Figur unrealistisch ist, geschenkt (schwere innere Konflikte, trotzdem macht die das Nasa-Programm mal schnell in ein paar Monaten und fliegt lässig ins Weltall). Im Übrigen geht es wohl um zwei große Fragen: stellt der Film Bullock als Übermenschen dar? Und: ist die Darstellung der männlichen Figur problematisch?

    Bullok als Übermensch

    Als ich den Film sah fand ich ihn um ehrlich zu sein kein Stück (klischee-)emanzipiert oder gar heroisierend. Zunächst einmal schafft Bullocks Figur alles, was sie tut, nur dank der von Clooney verkörperten Männerfigur. Er bringt sie zurück zum Shuttle, er hat den Rettungsplan, er bringt sie zur ISS, er coacht sie noch während er sich selbst opfert und selbst ihren Einfall, die Bremszündung als Schub zu benutzen, stellt der Film als eine Halluzination dar, in der Clooneys Figur ihr diese Idee eingibt. Demgegenüber wird sie selbst als eher technik-ungeschickt dargestellt („im Simulator habe ich nur Bruchlandungen produziert“ / ene-mene-muh-Herumgedrücke auf der chinesischen Konsole etc.). Zunächst fernab der Frage, was das für die männliche Figur bedeutet, ist die Darstellung Bullocks klar: ohne den Typen hätte sie es mehrfach nicht geschafft.

    Ich sehe das Motiv der Wiedergeburt deshalb auch anders, und ich denke der Film gibt das auch eher her: es ist eine eigentlich simpel gestrickte und in der Kunst schon viele male thematisierte Erzählung eines Menschen, der sich im Feuer der Herausforderung beweist, emotional wächst und als reiferer Mensch in die Zukunft geht.

    Mir ist gerade deshalb auch nicht klar, wie Du zu der Einschätzung gelangst, ihre Figur würde als Übermensch porträtiert. Du schreibst:
    „Eben dadurch wird sie also zum Übermenschen, der schließlich die Erde wieder betreten kann, als sei sie Neuland, zur Eroberung bereit: Sie hat alle Bindungen gekappt und ist nun ein ganz neuer, ganz freier Mensch.“

    Ich denke „gekappt“ führt hier in die Irre, weil das hieße, sie hätte etwas aktiv abgeschnitten. Tatsächlich passiert aber nur etwas mit ihr, und dem zeigt sie sich lediglich gewachsen. Sie wächst an der Erfahrung der dargestellten Extremsituation. Sie hat insbesondere Clooneys Figur nicht hinter sich gelassen, auch nicht metaphorisch: es ist Clooneys Entscheidung, sich zu opfern. Als sie sich am Ende dann langsam aufrichtet und der wiedergewonnenen Schwerkraft ein paar Schritte abtrotzt, ist das für meine Begriffe deshalb eben keine Darstellung eines Übermenschen, sondern nur der bildliche Ausdruck dafür, dass sie im Moment der tatsächlichen Rettung nicht mit PTBS in sich zusammenfällt, sondern ihre innere Reifung andauert, echt war.

  • Die Rolle der männlichen Figuren

    Clooneys Figur opfert sich selbstlos und fast steril lakonisch für Bullock, daran führt kein Weg vorbei. Eine Figur, die sich allen Widrigkeiten gewachsen zeigt während sie im Raumanzug Musik hört und ohne mit der Wimper zu zucken sich selbst opfert, um einen anderen Menschen, hier eine Frau, zu retten.
    Du schreibst:
    „Kowalski ist tatsächlich ein „disposable male“(Warren Farrell), ein beliebig verfügbarer, aber eben auch ein Wegwerf-Mann, der gehen kann und muss, nachdem er seine Schuldigkeit getan hat. Das Klischee des männlichen Opfers für das Wohlergehen der Frau ist dem Film so wichtig, dass er für den Tod des Mannes auch grobe Unwahrscheinlichkeiten in Kauf nimmt.“

    Auch wenn es das im realen Leben in Legionen gibt, dass Männer sich aufopfern und manche Frauen das missbrauchen, trifft es auf den Film in meinen Augen nicht zu, auch nicht metaphorisch. Zunächst sind wir uns denke ich einig, dass das keinesfalls offensichtliche Botschaft des Films ist: weder versucht Clooney zwanghaft, nur und speziell Bullock aus einer Auswahl von anderen zu retten, noch wird Bullock als eine Figur porträtiert, die Clooneys Figur als Verfügungsmasse sieht. Ist stattdessen die Tatsache, dass Clooney sich opfert, bereits Beweis? Er ist sicher ein „disposable male“ in dem Sinne, dass er verfügbar ist (aber aus eigener Entscheidung), und er muss gehen, als seine Schuldigkeit getan ist. Aber er muss gehen, weil die Dramaturgie sonst nicht funktioniert, und zwar unabhängig davon, dass Bullocks Charakter eine Frau ist. Der Film handelt davon, wie ein Mensch eine Extremsituation meistert und daran wächst, und das kann er nur, wenn er auch alleine ist. Dem Film ist nicht das Opferklischee so wichtig, dass er für Clooneys Tod Unwahrscheinlichkeiten in Kauf nimmt. Er nimmt sie in Kauf weil der Plot sonst nicht funktioniert.

    Nun könnte man noch auf die Metaebene gehen. Der Film entscheidet sich jedenfalls dafür, die Hauptperson weiblich und den Helfer männlich zu machen. Das Opferklischee ist zwangsläufig, selbst wenn es gar nicht als Klischee gedacht war?

    Das interessante daran ist für mich: ein Mensch, der sich selbst opfert, um andere zu retten. Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass das nicht mehr sofort als bewundernswert, als durchweg positiv wahrgenommen wird? Und da sind wir natürlich an dem Berührpunkt mit dem eigentlichen Thema dieses Blogs. Es ist die Erfahrung, dass männliche Opferbereitschaft ausgenutzt wird, mittlerweile sogar institutionell per Gleichstellungsbüros und Frauenquoten. Das ist richtig, und frustrierend genug, dass man mit dem Thema gegen eine Wand aus Medienhäusern und politischen Kliquen, aus Ignoranz, Dummheit und Berechnung läuft, will man die teils himmelsschreienden Ungerechtigkeiten auch nur ansprechen. Warum sollte man sich für so ein System noch aufopfern?

    Die Antwort darauf beantwortet für mich gleichzeitig auch die Frage nach dem Opferklischee in Gravity. Es lohnt sich dann, sich zu opfern, wenn das Opfer nicht missbraucht, sondern anerkannt wird. Und so ist es auch im Film: Bullocks Figur wird in meinen Augen als eine Frau porträtiert, die ohne das Opfer des Mannes nicht überlebt hätte, die darum auch weiß, die über sein Opfer keine ambivalenten Gefühle, sondern echte Trauer zeigt, und die dankbar ist.

    Das ist der Knackpunkt und hier würden mich andere Wahrnehmungen von Bullocks Rolle auch sehr interessieren. Das männliche Opfer kann man nur als problematisch empfinden in einer ausnutzend-undankbaren Umgebung – das „disposable male steht und fällt damit, wie der Nutznießer des Opfers (sei es eine Person oder die Gesellschaft) auf den sich Opfernden blickt. Diesen Blick von Bullocks Figur habe ich als – Zyniker würden wohl sagen anachronistische – Dankbarkeit empfunden.

  • Hallo Luc, vielen Dank für Deinen Text!! Es freut mich, dass auf einen Text, den ich hier geschrieben habe, so eine Antwort kommt – und ich stimme da mit Elmars Urteil völlig überein. Ich hatte heute einen sehr langen Tag und bin erst spät heimgekommen – sonst hätt ich schon eher geantwortet.

    Ich stimme Dir zu in der Einschätzung, dass Stone/Bullock das Opfer Kowalksis/Clooneys nicht will und auch nicht erwartet. Als sie dann auf der Raumstation ist, versucht sie sofort, ihn zu erreichen, um zu überprüfen, ob es noch eine Möglichkeit für seine Rettung gibt – aber er antwortet schon nicht mehr. Insofern ist Bullocks Charakter nicht korrupt – sie respektiert ihn als Menschen und erfahreneren Kollegen, sie hält das eigene Leben nicht für wertvoller als seines, und sie nimmt sein Opfer nicht als Selbstverständlichkeit.

    Mir ging es aber auch gar nicht darum, Stone als unsympathische Figur zu beschreiben – sondern eher um eine Logik des Films. Meine Ansatzpunkte dafür waren zwei.

    Einer kommt vielleicht etwas unerwartet: nämlich eine feministische Kritik (von Ruth Klüger, einer amerikanischen Literaturwissenschaftlerin, die in Deutschland vor allem durch ihr Buch „weiter leben“ bekannt geworden ist) an Goethes „Wilhelm Meister“. Klüger kritisiert da, und das fand ich plausibel, dass Wilhelms Entwicklung auch ermöglicht wird durch den Tod vorn Frauengestalten, die seinen Weg für eine Weile begleiten. Ich teile natürlich nicht die feministischer Lesart, dass Männer sich allgemein gewissermaßen über Frauenleichen weiter entwickeln – aber ich bin dadurch aufmerksam geworden auf die Funktion, die der Tod von engen Bezugsfiguren der Hauptfigur in fiktiven Geschichten hat.

    Und in Gravity sind es eben zwei Tode, die unplausibel in der Handlung stehen, der der Tochter und der Kowalskis. „Der Film handelt davon, wie ein Mensch eine Extremsituation meistert und daran wächst, und das kann er nur, wenn er auch alleine ist.“ Das ist Deine Erklärung für diese Tode. Warum aber stirbt Kowalski nicht gleich am Anfang, so dass Stone eben wirklich allein diese Situation meisten müsste? Und was soll die Hintergrundgeschichte der toten Tochter?

    Kowalskis Opfertod könntest Du sicher damit begründen, dass er eben zunächst einmal Stone mit allem Wissen ausstatten musste, das sie für ihr Überleben braucht – und so musste er eben noch ein wenig weiter leben. Für mich aber ist eben gerade diese offenkundige Abhängigkeit Stones von Kowalski ein möglicher Grund dafür, dass ihre Figur am Ende nur deshalb überlebensgroß erscheinen kann, weil er nicht mehr da ist. Das ist nicht ihr Wille – aber sie wird im Film so inszeniert.

    Denn das war der zweite Ansatzpunkt für meine Kritik: Dass Stone ihre ersten Schritte unsicher macht, weil sie die Schwerkarft überwinden muss – das stimmt. Aber sie wird darin tatsächlich riesenhaft inszeniert, und die Kamera liegt tatsächlich vor ihr im Dreck. Das Bild fand ich beeindruckend, aber im Unterschied zu vielen anderen beeindruckenden Bildern des Films auch unangenehm – weil es so offen manipulativ ist in seiner exteremen Heroisierung, erzeugt durch Kamerawinkel und Musikbegleitung. Auf die Idee, dass der Film einen Übermenschen inszeniert, bin ich anhand dieser Szene gekommen.

    Wenn es allein darum geht, einen Menschen bei der Meisterung einer Extremsituation zu zeigen, produziert der Film also, sozusagen, einen heftigen Überschuss, der gar nicht nötig ist – gleich zwei Tote, von denen Stone sich lösen muss; das Leitmotiv des Lösens insgesamt (und ich bin mir sicher, dass ich das nicht in den Film hieneinphantasiere); eine weit überzogen heroische Darstellung am Ende.

  • Und überhaupt: Warum sollte die Meisterung einer Extremsituation, und das Wachsen darin, nicht auch zwei Menschen möglich sein, die das gemeinsam tun? In dieser Hinsicht finde ich, dass meine Interpretation des Films als Inszenierung eines Übermenschen, der sich von Bindungen gelöst hat (und lösen musste, das stimmt) die aufgeworfenen Fragen ziemlich zwanglos beantwortet, ohne auf allzu viele Zusatzannahmen angewiesen zu sein. Ginge es allein um das Wachsen in Extremsituationen, dann müsste man m.E. beispielsweise den Tod der Tochter und die Inszenierung Bullocks am Ende mit amerikanischen Vorlieben für Kitsch o.ä. erklären – was eine Zusatzannahme wäre, die mit der Grundthese gar nichts zu tun hätte.

    Für mich ist es wichtig festzuhalten, dass es den Menschen, der ganz allein stehen kann, nicht gibt – dass wir eben eingebunden sind in unzählige Abhängigkeiten voneinander, von denen wir gewaltig profitieren können, die aber eben auch Größenphantasien im Weg stehen. Für mich ist es ein wichtiger Bestandteil von Zivilität, das zu akzeptieren – und es ärgert mich, dass der Film das in meinen Augen dementiert.

    Einer allgemeinen sachlichen Einschätzung möchte ich auch widersprechen, und vielleicht ist das auch ein Grund, warum wir den Film unterschiedlich gesehen haben. Du schreibst: „Es lohnt sich dann, sich zu opfern, wenn das Opfer nicht missbraucht, sondern anerkannt wird.“ Das sehe ich anders. Das ist sicher die bessere Alternative verglichen mit einem selbstverständlich ausgebeuteten Opfer – aber für mich wäre es ideal, wenn sich überhaupt niemand opfern müsste. Einem solchen Leben fehlte es vielleicht an tragischer Tiefe – aber Tragik ist ja nunmal nicht die einzige Möglichkeit, Tiefe zu erleben.

    Soweit erstmal – ich freu mich auf eine Antwort oder auf weitere Beiträge. 🙂

  • (Das hier wird eine eher allgemeine Antwort, weil ich den Film nicht gesehen habe. Und eine ziemlich zerstückelte, weil Blogspot offenbar nur Kommentare bis 4 kB akzeptiert.)

    Luc,

    ich denke, Du überdefinierst das Konzept von Male Disposability. Meinem Verständnis nach beschreibt MD erstmal vollkommen wertfrei die Disposition von Männern und Frauen, das Leben von Männern dem von FrauenundKindern, aber auch ausreichend hohen materiellen oder ideologischen Werten, unterzuordnen. Und zwar jeweils bezogen sowohl auf das eigene als auch auf fremde Leben.

    (Vorzugsweise natürlich letzteres. Daß ein Alphamann ganze Horden von Betamännern opfert, um eine einzige Frau zu retten, ist doch ein beliebter Stoff für die ganz großen Geschichten. Wobei der unverhohlenste Ausdruck von Male Disposability sich IMHO ausgerechnet in einem deutschen Gesetz findet: §27 III ZDG.)

    Nun könnte man noch auf die Metaebene gehen.

    Da Filme gemacht werden und sich üblicherweise jemand etwas dabei denkt (Hofft der Filmgänger zumindest.), muß man das zwangsläufig tun, wenn man etwas über die Gesellschaft oder die Menschen erfahren will.

    Der Film entscheidet sich jedenfalls dafür, die Hauptperson weiblich und den Helfer männlich zu machen.

    Wäre diese Entscheidung rein willkürlich oder zufällig, müßte es ja größenordnungsmäßig genauso viele Filme geben, in denen sich eine Frau opfert, um einen Mann zu retten. Und Epen, in denen ganze Armeen von Frauen einen einzelnen entführten Mann befreien. Offen gesagt fällt mir da wenig ein…

    Das Opferklischee ist zwangsläufig, selbst wenn es gar nicht als Klischee gedacht war?

    Ich bin mir nicht sicher, ob der Begriff „Klischee“ so passend ist. Aber „zwangsläufig“ könnte passen, denn:
    Der Film mit vertauschten Geschlechtern hätte eine völlig andere Aussage gehabt. Das Opfer der Frau wäre dermaßen tragisch gewesen, daß es alles andere überschattet hätte. Die Welt hätte aufhören müssen, sich zu drehen ob der Dramatik. Der Mann andererseits würde -wenn er nicht gerade überdimensional wichtig für die Weiterexistenz der gesamten Menschheit wäre, und vermutlich selbst dann- als Schlappschwanz wahrgenommen, der weiterlebt und eine Frau für sich sterben läßt – selbst, wenn er überhaupt keinen Einfluß auf ihr Opfer hätte nehmen können. Da ist sie wieder, die Hyperagency.

    ein Mensch, der sich selbst opfert, um andere zu retten. Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass das nicht mehr sofort als bewundernswert, als durchweg positiv wahrgenommen wird?

    In der deutschen Synchro von Highlander antwortet Kurgan auf die Erklärung eines Priesters „Er gab sein Leben für unsere Sünden“ mit „Das war aber nicht sehr klug von ihm“. Kurgan darf so etwas sagen, er ist schließlich der Böse, und natürlich ist der Kontext ein anderer, aber irgendwie hat er doch einen Punkt.

    Ich möchte mal postulieren, wenn ich einer wildfremden Frau meinen Platz im Rettungsboot überlasse und kurz darauf im eiskalten Nordatlantik ertrinke, während sie überlebt, werden meine Freundin, meine Familie und meine Freunde das nicht unbedingt als durchweg positiv wahrnehmen. Und, ganz nebenbei, auch ich vermutlich spätestens in dem Moment nicht mehr, wenn meine Gliedmaßen so unterkühlt sind, daß ich mich nicht mehr an der Oberfläche halten kann, ich verzweifelt nach Luft schnappe, meine Lungen sich aber nur noch mit Salzwasser füllen, bis der Sauerstoffmangel endlich dazu führt, daß ich das Bewußtsein verliere.

  • Wer verlangt, ein Mensch solle sterben, damit ein anderer leben kann, sagt damit doch nichts anderes, als daß letzter einen höheren (wie auch immer ermittelten) Wert habe als ersterer. Das mag man vertreten können, wenn ein Secret-Service-Agent, der diesen Beruf aus Patriotismus gewählt hat, sich in die Flugbahn einer Kugel wirft, die für den Präsidenten bestimmt ist, weil das Land sonst ohne Führung wäre. Oder wenn Spock aus utilitaristischen Erwägungen heraus den Warpreaktor repariert, um die ganze Mannschaft eines Raumschiffes zu retten.
    Aber problematisch wird es doch, wenn normativ erwartet oder zumindest gesellschaftlich suggeriert wird, daß sich grundsätzlich Mitglieder einer durch Geburt bestimmten Gruppe für Mitglieder einer anderen zu opfern hätten und ansonsten verachtet würden.

    Es ist die Erfahrung, dass männliche Opferbereitschaft ausgenutzt wird

    Nach der Havarie der Costa Concordia gab es vor allem im englischsprachigen Raum einige Kritik daran, daß bei deren Evakuierung der Birkenhead-Drill „FrauenundKinder zuerst“ nicht angewandt wurde*. Daß Männer Frauen in Notfällen den Vortritt lassen, wurde also nicht als bewundernswerte Heldentat, sondern schlicht als ihre selbstverständliche Pflicht wahrgenommen. Gut, das wird vor hundert Jahren auch schon so gewesen sein, aber damals waren die gesellschaftlichen Geschlechtssterotype („Rollen“) ja allgemein noch viel strenger.

    Es ist doch eine mittlerweile oft zitierte Ansicht, die Emanzipation der Frauen habe ihnen alle Rechte und viele der Verhaltensoptionen beschert, die vorher Männern vorbehalten gewesen waren, deren Pflichten und Einschränkungen dagegen wären geblieben, wo sie waren. Dazu kam noch, daß alles irgendwie männlich konnotierte in den letzten Jahrzehnten immer stärker negativ besetzt wurde.
    Mit anderen Worten, der Mann, der 1912 an Bord zurückblieb, war sein ganzes Leben zuvor dafür geachtet worden, daß er zu dem Geschlecht gehörte, von dem man (im doppelten Sinne) erwartete, daß es im Ernstfall eben genau dieses größte Opfer bringen würde. Gleichzeitig hatte er gelernt, daß Frauen nunmal schwächer waren als er und gelegentlich seine Hilfe benötigten.

    Heutige Männer (und gerade viele Maskulisten, denke ich) sind dagegen mit anderen Botschaften aufgewachsen. Einerseits mit der (guten), daß Mädchen und Frauen prinzipiell alles können (können), das Jungs und Männer auch können. Andererseits aber auch mit der (schlechten), daß sie qua Geschlecht nicht zu den achtens-, sondern zu den verachtenswerten gehören, zu denen, die als Störer, als Unterdrücker, als Umweltzerstörer, Kriegstreiber, gar genetisch minderwertig betrachtet werden.
    Unter solchen Voraussetzungen muß es ihnen doch zwangsläufig absurd vorkommen, nun andererseits zurückstehen zu sollen für diejenigen, von denen sie doch ganz genau wissen, daß sie ihnen (mindestens) ebenbürtig sind und auch ohne Hilfe alles schaffen, das sie erreichen wollen. Und besonders absurd, daß sie das tun sollen, weil sie doch zum edlen Geschlecht gehörten, das sich besonders durch Ritterlichkeit und Rücksichtnahme auf die Schwachen auszeichnet – das ist nicht gerade das, was sie bisher immer gehört hatten.

    Martin van Crefeld kommt in Das bevorzugte Geschlecht zu dem Schluß, Männer würden sich auch weiterhin mit Freude für Frauen opfern, wenn sie dafür nur gelegentlich ein wenig Anerkennung erhalten würden. Als Maskulist finde ich diese Vorstellung wenig erfreulich – genausowenig wie die, Frauen würden sich gern wieder auf Kinder, Küche und Kirche beschränken, wenn wir das Mutterkreuz wieder einführen.
    Auch wenn es biologische Dispositionen in diese Richtung geben dürfte (und ich denke, Male Disposability ist biologisch zumindest verankert), sollten wir als Gesellschaft nicht langsam soweit sein, Taten unabhängig vom Geschlecht zu achten? (Sorry, dieser Satz war unrealistischer, pathetischer Romantikkitsch, wie ich gleich ausführen werde. Aber man wird ja mal träumen dürfen.)

  • * (Die einzige deutschsprachige Zeitung, in der ich einen entsprechenden Artikel gefunden habe, war übrigens die Junge Freiheit. Die dortige Erklärung ging ungefähr so, daß das die Schuld des bösen Multikulti sei. Feige Fidschis würden halt nur an die Rettung ihrer eigenen Haut denken, während mutige mitteleuropäische Männer sich natürlicherweise selbstverständlich jederzeit für grazile Germaninnen… whatever. Möchte mir nicht mal wieder jemand erzählen, die JF sei ja quasi das maskulistische Hausblatt?)

    Es lohnt sich dann, sich zu opfern, wenn das Opfer nicht missbraucht, sondern anerkannt wird.

    Tut es das? Der schönste Grabstein, das größte Ehrenmal nützen mir nichts, wenn ich darunter liege.

    Ich gehöre zu den Zynikern, die der Ansicht sind, jedes menschliche Verhalten, auch Altruismus und Opferbereitschaft, sei letztlich ausschließlich egoistisch motiviert und der Sinn des Lebens sei die Ausschüttung von Glückshormonen und die Vermeidung von Unlust. Der Unterschied zwischen den Menschen ist nur, welche Taten oder Erlebnisse diese Ausschüttung bewirken.

    Eine andere Motivation für den Mann auf der Titanic, sich keinen der freien Plätze auf dem Rettungsboot zu erkämpfen, war -neben dem Offizier, der mit einer Pistole den Zugang bewachte- wohl auch die Aussicht, dann im Fall seines Überlebens als Feigling, als „kein richtiger Mann“ verachtet zu werden. Einigen Männern, die sich angeblich als Frauen verkleidet hatten, um auf ein Boot zu gelangen, soll es in der Folge ja auch tatsächlich so ergangen sein; Dick Bishop zum Beispiel. (Nebenbei und mal mit den Mitteln der Logik betrachtet: Wenn jemand, der sich nicht für andere opfert, damit den Anspruch verliert, als Mitglied der Gruppe 'Männer' betrachtet zu werden, heißt das doch, daß 'sich für andere opfern' als konstituierendes Merkmal dieser Gruppe gesehen wird.)
    Der mögliche Tod war also gegenüber einem entehrten Weiterleben möglicherweise die weniger erschreckende Alternative.

    Und schließlich glaube ich, daß noch eine weitere Bewegung für die Veränderung der Ansichten verantwortlich ist: Die Aufklärung. Praktisch alle Religionen erzählen doch davon, daß wir nach dem Tod für das, was wir im Leben getan haben, belohnt oder bestraft werden. Ein Ticket in den Himmel oder der Nonstop-Flug ins Nirvana dürften eine gute Motivation für ein gottgefälliges -was eben auch heißt: selbstloses- Leben sein.
    Wenn man dagegen davon ausgeht, daß Sterben nichts anderes bedeutet als das Aussetzen der Gehirnfunktionen, daß danach kein jüngstes Gericht, sondern schlicht das Nichts wartet, braucht es schon einen starken Glauben oder eine starke Hoffnung in etwas anderes, weltlicheres, an dessen Verwirklichung man glaubt, obwohl man sie nicht mehr erleben wird.

    Ich denke, letztlich macht in so einer Situation jeder seine ganz persönliche Wahrscheinlichkeitsrechnung auf, in die eine Menge Faktoren einfließen: Die Wahrscheinlichkeit des Todes, seine Grausamkeit, die Vor- und Nachteile, die aus dem eigenen Tod denen, die man liebt, oder dem, woran man glaubt, entstehen werden, das Selbst- und Fremdbild, das aus dem Tod oder Überleben resultieren würden, etc. Und auch die Gewichtung dieser Kriterien wird für jeden anders sein.
    Und das Ergebnis dieser Abwägung kann dann eben auch sein, daß der eigene mögliche Tod die bessere Alternative ist.

  • Das männliche Opfer kann man nur als problematisch empfinden in einer ausnutzend-undankbaren Umgebung – das „disposable male steht und fällt damit, wie der Nutznießer des Opfers (sei es eine Person oder die Gesellschaft) auf den sich Opfernden blickt.

    Das klingt mir reichlich normativ. Natürlich kann der einzelne bei der oben skizzierten Abwägung für sich zu diesem Ergebnis kommen, und van Crefeld geht wohl davon aus, daß die meisten Männer das täten.
    Aber mir ist jeder Mann, der nicht für eine ihm eingeimpfte Ideologie oder den Gewinn eines anderen als Kanonenfutter verheizt wird, lieber als einer, dessen großes Opfer mit einer Statue oder einem Gedenktag geehrt wird. Und jede Frau, die sich selbst helfen kann, lieber als eine, die jeden Tag Blumen auf das Grab ihres Retters legt.

    (JFTR: Mir ist klar, daß wir Feuerwehrleute, Menschen mit Zivilcourage und leider auch Polizisten und Soldaten brauchen. Und ich habe den größten Respekt vor jedem, der sein Leben für andere riskiert oder gar opfert. Aber das ist etwas, das in einer -sorry- menschlichen Gesellschaft immer freiwillig passieren und nicht durch direkten oder indirekten Druck erzwungen werden sollte.)

    Hm, weiß noch jemand, wie ich angefangen habe?

    Bombe 20

    P.S. Na, das war ja ein super Timing, Schoppe… 😉

  • Hallo Bombe 20,

    schön, wieder was von Dir zu lesen! Unser Timing war wirklich makellos…:-)

    Dass ich auch skeptisch über das männliche Opfer denke, hatte ich ja schon geschrieben. Sehr plausibel ist mir, unter anderem, der Hinweis auf Kurgan, der sich im „Highlander“ zur Unsinnigkeit des Opfers äußert: „‘Das war aber nicht sehr klug von ihm‘. Kurgan darf so etwas sagen, er ist schließlich der Böse, und natürlich ist der Kontext ein anderer, aber irgendwie hat er doch einen Punkt.“

    Der Kontext ist hier allerdings eine Geschichte, in der laut expliziter Regeln am Ende nur einer übrig bleiben darf – Kurgan ist dann eben auchdeswegen der Böse, weil seine Äußerung impliziert, dass er diese eine sei und alle anderen sterben müssten.

    Eben das ist, neben der stärkeren Konzentration auf das Diesseitige im Kontext der Aufklärung, wohl eine der zentralen Gründe, warum der Wert des männlichen Opfers heute nicht mehr so einleuchtend ist wie früher: Wir leben mit Ressourcen, von denen eigentlich ALLE leben könnten.

    Das Opfer mag ja plausibel gewesen sein angesichts von Ressourcenknappheit und sonstigen schweren Bedrohungen (Seuchen, Kriege etc.) – auch das MÄNNLICHE Opfer, da es für eine Gemeinschaft unter Bedingungen der radikalen Knappheit vermutlich sinnvoll war, wenn diejenigen überleben, die das Fortbestehen der Gemeinschaft sichern konnten. Und da im Zweifelsfall ein Mann unschwer mehrere Frauen schwängern kann, aber nur wesentlich schwieriger und zeitaufwändiger eine Frau Mutter der Kinder mehrere Männer wird, war es unter solchen Bedingungen wohl irgendwie rational, wenn die Männer sich für das Weiterleben der Frauen opferten.

    Nur: Solche Bedingungen haben wir ja nun schon längst nicht mehr. Weder ist es einzusehen, warum sich überhaupt jemand opfern sollte (es ist ja genug für alle da), noch ist es gar einzusehen, warum das eigentlich, wenn schon, unbedingt die Männer sein müssten.

    Zumal in der gleichen Zeit – und auch das ist ein Punkt, in dem ich Dir Rec ht gebe – die Hausarbeit ja soweit ökonomisiert wurde, dass sie nicht mehr notwendig als Ganztagesjob angelegt war. Eine solche Vollarbeit, auch mehr als in Achtstundenschichten, war sie mit Sicherheit in Zeiten, in denen Familien viele Kinder hatten (zumal, wenn die Ältesten noch zu jung waren, auf die Jüngsten mit aufzupassen), es keine Waschmaschinen, Geschirrspüler, Fertiggerichte, Wegwerfwindeln, funktionierende Müllentsorgung etc. gab.

  • Nachdem aber niemand mehr Fulltime für die Hausarbeit verantwortlich sein musste und also eigentlich ALLE Erwachsenen gut dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen konnten, traten Frauen eben als Konkurrenten für Männer auf dem Arbeitsmarkt auch wesentlich stärker in Erscheinung – und stellten sich in der öffentlichen Präsentation auch dementsprechend dar.

    „Unter solchen Voraussetzungen muß es ihnen doch zwangsläufig absurd vorkommen, nun andererseits zurückstehen zu sollen für diejenigen, von denen sie doch ganz genau wissen, daß sie ihnen (mindestens) ebenbürtig sind und auch ohne Hilfe alles schaffen, das sie erreichen wollen.“

    Es ist ja auch tatsächlich absurd, wenn ein Mann (was ich z.B. im Laufe meines bisherigen Lebens schon unzählige Male gehört habe) immer wieder erfährt, dass Frauen „rückwärts und auf Stöckelschuhen“, also mit Leichtigkeit und unter schwierigeren Bedingungen, ebenso gut sind wie Männer – der Mann dann aber bitteschön, sobald es tatsächlich schwierig wird, sofort sein Leben für Frauen opfern sollte, die dann plötzlich aus irgendwelchen Gründen doch irgendwie bedürftiger seien als er.

    Wobei dann gern – „Süß und ehrenhaft ist’s, fürs Vaterland zu sterben!“ – kaschiert wird, was es eigentlich bedeutet, sich zu opfern. Auch da stimme ich völlig zu. „Tu es für mich, mein starker, heldenhafter Mann!“ klingt jedenfalls irgendwie motivierender als „Geh mal eben im eiskalten Atlantik krepieren, ich hab gerade keine Lust dazu.“ Insofern hat es vielleicht sogar etwas Gutes (auch @ Luc), dass Frauen Männern die Anerkennung für das Opfer versagen – nur dass eben daraus nicht der Schluss gezogen wird, dass die Bereitschaft des Opferbringens nicht (mehr) plausibel anhand der Geschlechtszugehörigkeit eingefordert werden kann.

  • @Schoppe: „wenn ein Mann immer wieder erfährt, dass Frauen „rückwärts und auf Stöckelschuhen“, also mit Leichtigkeit und unter schwierigeren Bedingungen, ebenso gut sind wie Männer“

    Ich nehme an, dass „erfahren“ hier meint, dass einem dies erzaehlt wurde — waehrend die gelebte Erfahrung (die Realitaet) wohl eher das Gegenteil ist.

    Von persoenlicher Erfahrung ausgehend, schliesse ich mal, dass die meisten Frauen sich als schwaecher einschaetzen, und *gerade deshalb* Quotenregelungen etc. irgendwie gut finden. Dieses Geschwaetz von „fuer die gleiche Position/Anerkennung viel mehr leisten muessen“ gibt es doch nur von den ideologischen Fuehrern des Feminismus, nicht vom Fussvolk.

    Ich erinnere mich an meine Studienzeit (80er), in einem irgendwie feministischen Seminar wurde ein Film gezeigt von irgendsoeiner Frauengespraechsrunde, wo *jede* ohne die geringste Scham von sich behauptete, unter viel groesseren Widerstaenden als „die Maenner“ es doch geschafft zu haben. Und als sie von ihrem „Lebenswerk“ erzaehlten, da sah man, wie sie sich von einer Frauenfoerderung in die naechste gehangelt haben (was in der Tat fuer Maenner nicht moeglich ist). Gerade von den Amis kennt man in der Wissenschaft Unterstuetzungsnetzwerke, aber da ist wenigstens der Trick, immer von den anderen (in der Gruppe) zu sagen, wie toll sie denn sind, waehrend man sich selbst ganz bescheiden gibt. Geradezu kennzeichnend fuer den Feminismus scheint der exzessive Eigenlob. Eigentlich stinkt es zum Himmel, aber die wenigsten bemerken es (so auch bei jenem Dokumentarfilm damals).

    Vielleicht kann man sagen, dass der Feminismus eine psychotische Spaltung ausnuetzt (im feministischen Gesamtweib): gleichzeitig bemitleidenswerten Weibchen *und* Ultra-Macho (besser — eine Karikatur von Machismus, da ja ohne jede Unterfuetterung). Vielleicht kommt man dem Groessenwahn unter den feministischen Ideologen naeher, wenn man ihn als Extremmachismus auffast. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass letztendlich die Sehnsucht nach dem starken Manne dahintersteht (in dessen Abwesenheit nun diese Karikaturen bluehen).

    Lustig auch bei solchen Behauptungen (das gleiche leisten unter viel groesserem Widerstand): wenn da was dran waere, warum kommt dann zufaelligerweise nur „das gleiche“ heraus? Sollte doch ein leichtes sein, zumindest gelegentlich viel besser zu sein? Wohl ist das Problem, dass „ungefaehr gleich“ so wolkig ist, dass kann man immer annehmen, aber „deutlich besser“, da wuerde dann wohl selbst ein Feminist einen Rechtfertigungsdruck verspueren.

    Persoenlich aber habe ich derartiges nicht erlebt. Da sehe/erlebe ich immer jene psychotische Spaltung in Frauen zwischen dem Aussenbild, wie im Film, superstark, und dem Innenbild (ganz schwach, staendig hilfsbeduerftig). Dies kann man ja meines Erachtens auch in allen Filmen sehen (die „starken Frauen“ sind hohl).

    Es ist also kein wirklicher Widerspruch, jene Doppelmoral, sondern wohl eine fundamentale psychologische Wirklichkeit von Frauen (heute, im Westen, zumindest).

    Lucas, was waren denn das fuer Szenen, in denen Du gehoert hast, wie stark die Frauen denn so sind? Ich frage, weil ich derartiges noch nie erlebt habe (wie gesagt, persoenlich). Kommt so etwas vielleicht im, sagen wir, Sozialarbeitermillieu (meine das jetzt allgemein, Lehrer und so, Arbeiter im Sozialen), haeufiger vor? Oder auch geisteswissenschaftlich? Vielleicht kann in einem solchen Umfeld Groessenwahn besser genaehrt werden (in den wirklichen Wissenschaften ist dies viel schwieriger)?

  • @ Oliver K. „Lucas, was waren denn das fuer Szenen, in denen Du gehoert hast, wie stark die Frauen denn so sind?“ Dass Frauen größere Widerstände zu überwinden hätten als Männer, war in vielen Kontexten Gemeingut. Eigentlich habe ich es schon als Schüler auf dem Gymnasium so gehört, von Mitschülerinnen – heute lese ich es als Lehrer immer noch in Schulbüchern.

    Vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften, wo ich studiert und später auch gearbeitet habe, war es selbstverständlich vorausgesetzt: Es gab beispielsweise viele Doktorandinnen in den Literaturwissenschaften, die vergessene Autorinnen in ihrer Promotion wiederentdeckten, ihre Bedeutung herausstellten, klar machten, dass sie allein aufgrund der patriarchalen Struktur des Kanons nicht zu Standardautorinnen gehörten – und die niemals auf die Idee kamen, auch nur probehalber die Frage zu stellen, ob die Autorinnen nicht auch aus ganz anderen Gründen vergessen sein könnten (bzw., ob sie nicht ebenso vergessen worden wären, wenn sie männlich gewesen wären).

    Solche Art der Doktorarbeiten sind regelrecht ein klassischer Standard in der feministisch inspirierten Literaturwissenschaft (neben dem Versuch, „patriarchale“ Standardwerke feministisch neu zu interpretieren).

    Ebenso in den Sozialwissenschaften: Spezifische Schwierigkeiten von Mädchen und Frauen in ihren Lebensläufen sind z.B. hoch und runter erforscht, auch dies ist ein Standardverfahren für wissenschaftliche Abschlussarbeiten und Promotionen – ich hab allerdings nie eine solche Arbeit gesehen, die auch nur probehalber den Vergleich angestellt hätte, ob Jungen und Männer nicht mit typischen equivalenten Schwierigkeiten zu kämpfen hätten.

    Die implizite Botschaft ist nach meinem Eindruck immer die gleiche: Männer hätten eigentlich Angst vor der großen Stärke von Frauen und würden sie daher unterdrücken – was begabte Frauen entweder ins Unglück und die Vergessenheit stürze (tragische Variante) , oder was von Frauen allen Winderständen zum Trotz und zum Beweis des großen weiblichen Potenzials überwunden werde (triumphale Variante).

  • Ich erinnere mich, in meiner Studienzeit derartiges gesehen zu haben. Die Frauen, die sowas gemacht haben, sitzen mit diesen Lebensluegen nun fest, und kommen wohl davon nicht mehr runter. Ich glaube, dieser gewaltige innere Widerspruch, der Anspruch der „Mutter“, Gewaltiges zu leisten, und die Realitaet, die auch in Gebieten wie der Literaturwissenschaft durchbricht, und die permanent Schwaeche zeigt, der zerstoert so manche Frau. Dieser „Anspruch“ der Mutter ist wohl die Leugnung der Schwaeche der Mutter: von Frauen hoere ich immer wieder, wie schwach die Vaeter seien, und wie stark die Muetter.

    Ist vielleicht das Hauptproblem von Frauen, nicht mit ihrer Schwaeche umgehen zu koennen. Immer steht davor die Luege, es sei ja ach so toll. Eben der Penisneid (nicht mit einem Symbol des Mangels ausgestattet zu sein, sondern mit Symbolen der Fuelle).

  • “ Dass Frauen größere Widerstände zu überwinden hätten als Männer, war in vielen Kontexten Gemeingut. Eigentlich habe ich es schon als Schüler auf dem Gymnasium so gehört, von Mitschülerinnen – heute lese ich es als Lehrer immer noch in Schulbüchern. „

    Damit bin ich aufgewachsen. Es war eine immer wieder gehörte Botschaft: Als Frau müsse man besser sein als die Männer, um die gleiche Anerkennung zu bekommen. Sprich: Frauen hätten es generell schwerer und schuld daran seien die Männer, die ihre Privilegien behaupten wollen.

    „Ebenso in den Sozialwissenschaften: Spezifische Schwierigkeiten von Mädchen und Frauen in ihren Lebensläufen sind z.B. hoch und runter erforscht, auch dies ist ein Standardverfahren für wissenschaftliche Abschlussarbeiten und Promotionen – ich hab allerdings nie eine solche Arbeit gesehen, die auch nur probehalber den Vergleich angestellt hätte, ob Jungen und Männer nicht mit typischen equivalenten Schwierigkeiten zu kämpfen hätten.“

    Genau solche Vergleiche fehlen. Insgesamt hat man eh das Gefühl, schon vorher zu wissen, was das Ergebnis dieser Arbeiten sein wird: siehe oben. Und das macht mich misstrauisch. Meine Erfahrung mit Forschung ist eher die, dass man doch regelmäßig überrascht wird und vieles nicht so ist wie vorher angenommen. Aber das scheint in den Gender Studies irgendwie anders zu laufen.

    „von Frauen hoere ich immer wieder, wie schwach die Vaeter seien, und wie stark die Muetter.“
    Das scheint auch ein feststehender Topos zu sein. Väter sind schwach, wenn nicht als Fachleute, dann doch als Menschen (lasterhaft, egoistisch usw.). Es sind die Mütter, die stets mit breitem Kreuz das Leben wahrhaft meistern. In der Tat ist das ein enormer Anspruch, der im Grunde ein Machismo mit anderem Vorzeichen ist, eine Art „Mütter weinen nicht“ – Credo. Für einen Jungen wiederum ist es ungesund, mit solchen Rollenbildern aufzuwachsen, mit dem Gefühl des versagenden Vaters.

  • @ Oliver K. „Dieser „Anspruch“ der Mutter ist wohl die Leugnung der Schwaeche der Mutter“ Es ist dabei interessant, dass gerade Mütter mit beidem gleichzeitig hantieren können, mit Signalen der Schwäche UND der Stärke, ohne dass die Widersprüchlichkeit deutlich wird. Jedenfalls ist das nach meiner Erfahrung sehr stark in Debatten um die Alleinerziehung so – alleinerziehende Mütter werden von offiziellen Repräsentantinnen (etwa vom VAMV) einerseits als schutz- und unterstützungsbedürftig hingestellt, andererseits als starke Frauen präsentiert, die selbstbewusst und zum Wohle der Kinder ihren Weg meistern („Alleinerziehen als Befreiung“).

    Hier fehlt es offenbar an so etwas wie einem Kohärenzdruck…. Das ist erklärlich: Die Fiktion eines umspannenden Patriarchats erlaubt es ja, Frauen beliebig Stärke zuzuschreiben, ohne das je belegen zu müssen – es liegt halt jeweils an den männlichen Machtstrukturen, wenn die weibliche Stärke nicht sichtbar wird.

    Das bedeutet natürlich nicht, dass Frauen nicht stark sein können -aber eine Stärke, die sich beweist und die auch ihre Grenzen kennen lernt, ist eben etwas ganz anderes als eine Stärke, die prinzipiell unendlich ausgesponnen werden kann, aber dafür eben nur als ewiges Potenzial existiert.

  • @ Lomi „Insgesamt hat man eh das Gefühl, schon vorher zu wissen, was das Ergebnis dieser Arbeiten sein wird“ Ja – ich kenne sogar Fälle von Abschlussarbeiten, in denen das Ergebnis schon im Vorfeld regelrecht gefordert wird. Warum das eigentlich noch „Forschung“ heißt und nicht „Die Kunst des Sich-selbst-nach -dem-Mund-Redens“ o.ä., weiß ich eigentlich auch nicht so genau.

    „Für einen Jungen wiederum ist es ungesund, mit solchen Rollenbildern aufzuwachsen, mit dem Gefühl des versagenden Vaters.“ Ja, das glaube ich auch. Wobei diese Situation oft regelrecht inszeniert wird – etwa in degradierenden Kontexten, in denen getrennte Väter überhaupt mal ihre Kinder sehen können.

    Verschärft wird das sicherlich noch dadurch, dass Kinder merken, wie sehr eben auch die demonstrierte Stärke der Mütter in solchen Fällen scheinhaft ist. Die Kinder stehen dann eigentlich ganz ohne Erwachsene da.

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