Vom Privileg, sich opfern zu dürfen (und weitere seltsame Geschichten des "disposable male")

Die hier besprochenen Filme Elysium und Gravity haben mindestens eine interessante Gemeinsamkeit: In beiden Filmen opfert sich ein männlicher Held, das eine Mal für das Überleben einer Frau (Gravity), das andere Mal für eine geliebte Frau und deren Tochter, aber der Einfachheit halber auch gleich für alle anderen (Elysium). In den Diskussionen der Kommentarstränge war dieses Motiv des männlichen Opfers immer wieder Thema, verbunden mit einer vorsichtigen Hoffnung:
„Aber vielleicht wirkt ja das Gift der Aufklaerung beim naechsten Mal, beim naechsten Film, wo sich ein Mann opfert (ich bin zuversichtlich, dass es noch ein paar geben wird), vielleicht erinnert man sich dann, und faengt an zu zweifeln.“ (Oliver K.)
Dabei waren sich die Kommentatoren über die Bedeutung des Opfers keineswegs einig. Luc macht im Bezug auf Gravity deutlich, das Selbst-Opfer des Mannes bedeute hier keineswegs, dass er von der Frau als verfügbar (disposable male) betrachtet werde: Bullocks Stone werde nicht „als eine Figur porträtiert, die Clooneys Figur als Verfügungsmasse sieht“. Dass ein Mensch sich freien Stückes in einer Extremsituation für das Überleben eines oder mehrerer anderer opfere, sei durchaus anerkennenswert – fraglich sei jedoch die Einschätzung dieses Opfers:
„Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass das nicht mehr sofort als bewundernswert, als durchweg positiv wahrgenommen wird?“
 Problematisch sei nicht die Opferbereitschaft von Männern wie den dargestellten, sondern die Tatsache,
„dass männliche Opferbereitschaft ausgenutzt wird, mittlerweile sogar institutionell per Gleichstellungsbüros und Frauenquoten.“

Das ist ganz im Einklang mit Darstellungen des Autors, der den Begriff „disposable male“ überhaupt bekannt gemacht hat. Warren Farrell fragt in seinem grundlegenden Text The Myth of Male Power, was wir denn eigentlich tun könnten, solange es noch keine Gleichberechtigung der Geschlechter gäbe, das männliche Opfer immer noch als selbstverständlich betrachtet werde und beispielsweise die Zahl getöteter männlicher Soldaten weiterhin um Vielfaches höher sei als die weiblicher? Seine Antwort: „We can express our appreciation.“ (The Myth of Male Power, S. 162)

In anderen Kommentaren wurde das Problem des männlichen Opfers allerdings anders beschrieben.

Sind schöne Grabsteine eigentlich ein Privileg? „Der schönste Grabstein, das größte Ehrenmal nützen mir nichts, wenn ich darunter liege“, schreibt Bombe 20 in einer Antwort auf Luc. Er finde die Vorstellung wenig erfreulich,
„Männer würden sich auch weiterhin mit Freude für Frauen opfern, wenn sie dafür nur gelegentlich ein wenig Anerkennung erhalten würden.“

Er formuliert Skepsis gegenüber einer Gruppe, bei der die Bereitschaft, sich für andere zu opfern, „als konstituierendes Merkmal dieser Gruppe gesehen wird“, und erinnert an die Verachtung, die Männern begegnete, die zu diesem Opfer nicht bereit waren.

Ein berühmtes historisches Beispiel dafür waren die „White Feathers“, die auch englische Frauen – und gerade Feministinnen – im ersten Weltkrieg Männern überreichten, die nicht auf das Schlachtfeld gezogen waren: als Zeichen ihrer Verachtung für die ihnen unterstellte Feigheit. Überraschend allerdings ist, dass auch heute, etwa hundert Jahre später, das männliche Opfer weiterhin als selbstverständlich erscheint. Nicht nur können Filme mit dem Motiv dieses Opfers noch immer ohne weitere Erklärungen spielen, auch in politischen Bewertungen männlichen Leids wird männliche Opferbereitschaft offenkundig als selbstverständlich angenommen:

Noch immer sind Soldaten, die im Kampf getötet werden, mit gigantischer Mehrheit männlich, vorwiegend männliche Leiderfahrungen wie Obdachlosigkeit werden eher mit Verachtung als Mitleid betrachtet, Frauen und Männern gemeinsame Leiderfahrungen wie Gewalt in Partnerschaften hingegen völlig unterschiedlich bewertet – die der Frauen mit großer Sorge, Empörung und Hilfsbereitschaft, die der Männer mit Spott und Desinteresse. Reaktionäre Autoren wie Hinrich Rosenbrock können, unterstützt von einflussreichen Institutionen wie der grünen Partei, mit der Fiktion einer „männlichen Opferideologie“ hausieren gehen, und so den Versuch denunzieren, auch männliches Leid und männliche Opfer ernsthaft zum Thema der Politik zu machen.

Wie ist diese Erstarrung möglich – warum ist das männliche Opfer nicht längst ein ebenso großer Skandal wie das weibliche?

Dass einst männliche Opferbereitschaft funktional war, hat ja schon Farrell in seinem Text plausibel beschreiben. In Zeiten der Ressourcenknappheit oder der Bedrohung durch äußere Feinde sei es im Interesse der Gruppe sinnvoll gewesen, diejenigen zu schützen, die ihren Fortbestand sichern konnten.

Die Männer hätten gleichsam als lebender Schutzwall funktioniert, Ressourcen bereitgestellt oder Bedrohungen abgewehrt, um zumindest einen kleinen sicheren Lebensraum für Frauen und Kinder zu bewahren. Mit vertauschten Geschlechterrollen hätte das weniger funktioniert: Auch wenige überlebende Männer können schließlich mit mehreren Frauen Kinder haben, aber wenn sich viele Frauen geopfert hätten, dann hätte die Reproduktionsfähigkeit der Gruppe auf dem Spiel gestanden.

Heute allerdings haben sich die Bedingungen radikal geändert. Die Ressourcen sind so reichhaltig, dass sie für alle genügen, und äußere Bedrohungen existieren angesichts einer jahrzehntelangen europäischen Epoche des Friedens nicht mehr. Zudem haben technische Entwicklungen die Hausarbeit so weit ökonomisiert, dass die Tätigkeit der Hausfrau heute nicht mehr notgedrungen ein Fulltime-Job sein muss, so dass Frauen in immer größerer Zahl als Konkurrentinnen und Kolleginnen von Männern auf dem Arbeitsmarkt in Erscheinung traten – und sich selbst entsprechend präsentieren.

„Unter solchen Voraussetzungen muß es ihnen [den Männern] doch zwangsläufig absurd vorkommen, nun andererseits zurückstehen zu sollen für diejenigen, von denen sie doch ganz genau wissen, daß sie ihnen (mindestens) ebenbürtig sind und auch ohne Hilfe alles schaffen, das sie erreichen wollen.“ (Bombe 20)
Die Ideologie des männlichen Opfers und des „disposable male“ (was übrigens vorsichtig mit „verfügbarer Mann“, aber auch deutlicher mit „Wegwerf-Mann“ übersetzt werden kann) konnte angesichts dieser mächtigen und durchdringenden Veränderungen nur mit großen politischen Anstrengungen aufrechterhalten werden – die ihrerseits auf die Angst vieler Menschen, Männern wie Frauen, vor solchen Veränderungen bauen konnten.
Jim Knopf und Lukas in der Geschlechterpolitik Nötig wäre, so beschreibt es Elmar Diederichs, eine Analyse, die zeige, dass der Feminismus „die Geschlechterrollen falsch beschrieben hat“ und dass er „die wahren traditionellen Geschlechterrollen tatsächlich fortsetzt“. Tatsächlich hat eine feministisch inspirierte Geschlechterpolitik wesentlich zu der beschriebenen dysfunktionalen Erstarrung beigetragen. Crumar weist in einem Kommentar auf die Ironie hin, dass
„Genderisten (…) genau die Stereotype und Klischees (bedienen), die sie vorgeblich bekämpfen, bzw. auflösen wollen.“
Wie können Strukturen, die einmal funktional waren und die nun dysfunktional geworden sind, dennoch bewahrt werden? Crumar macht auf den fundamentalen Unterschied zwischen sozialen Klassen und einem Verständnis von „Geschlecht“ als Klasse aufmerksam. Wer etwa auf die mangelnde Repräsentanz von Arbeiterkindern in höheren Bereichen des Bildungssystems hinweist, der könne mit diesem Hinweis auf den sozioökonomischen Hintergrund zugleich eine plausible Erklärung des weitreichenden Ausschlusses formulieren. Der Hinweis auf die Geschlechtszugehörigkeit eines Menschen erkläre jedoch viel weniger:
„Eine Frau eines traditionellen Managers hat ordinär nichts gemein mit der Frau an der Kasse des Supermarkts; deren Kinder haben komplett verschiedene Ausgangsvoraussetzungen. Genau diese Unterstellung ist jedoch die BASIS einer Position, die GLEICHSTELLUNG der Geschlechter fordert und NICHT Gleichberechtigung.
So verwandelt sich pures (biologisches!) Dasein als Frau in einen Anspruchs- oder Eigentumstitel. Der Unterschied ist, dass die REALE und KONKRETE Benachteiligung auf der Grundlage einer sozioökonomischen Position nun etwas ganz anderem Platz machen muss. Nämlich einer generalisiertem Unterstellung der Diskriminierung auf der Grundlage des Geschlechts.“

Damit aber, dass nun Frauen gleichsam als unterdrückte Klasse konstruiert würden, werde eine beständige Wiedergutmachung für die erfahren Unterdrückung notwendig: Es gehe um „Gleichstellung als Kompensation erlittener Repression und nicht Gleichberechtigung.“

Kurz: Die Idee einer umfassenden Männerherrschaft ist gleichsam der Transmissionsriemen, mit dem dysfunktional gewordene Schutz- und Versorgungsansprüche von Frauen wieder und wieder in die Gegenwart gezogen werden können. Damit aber produziert eine feministisch inspirierte Politik beständig eben die Ungleichheit der Geschlechter, als deren dringend benötigtes Korrektiv sie sich zugleich in Szene setzt.

In Michael Endes Jim Knopf-Geschichten bauen Jim und Lukas ein Perpetumobil: Sie spannen einen Magneten vor ihre Lokomotive Emma, der Magnet zieht die Lokomotive und wird durch sie zugleich nach vorn geschoben, so dass er sie immer weiter ziehen kann – Emma bewegt sich potenziell endlos vorwärts. Ähnlich funktioniert feministische Politik: Die mit moralisierender Dringlichkeit vorgetragene Erwartung, dass die Geschlechter „gleichgestellt“ werden müssten, dient als Magnet, um einen Apparat in Betrieb zu setzen, der seinerseits beständig die benötigte Ungleichheit aufrechterhält.

Natürlich funktioniert ein perpetuum mobile in der Politik ebenso wenig wie in der Physik – für beides ist eine beständige, aber kaschierte Investition von außen notwendig. Etabliert werden kann dieses System nur deshalb, weil die männlichen Leistungen, die für seinen Betrieb notwendig sind, entweder geleugnet oder abgewertet werden. Während Weiblichkeit weiterhin offen oder unterschwellig mit Mütterlichkeit, Mitmenschlichkeit und Fürsorge assoziiert wird, erscheint Männlichkeit als entfremdet, inhuman und an Herrschaft orientiert.

Es liegt nahe, dass Männer sich entziehen und ihren Beitrag zu solchen Strukturen verweigern, in den „Streik“ treten. Das betrifft besonders einen Kern heutiger Geschlechterpolitik, das verbissene Festhalten an der massiven rechtlichen Bevorzugung der Mütter gegenüber den Vätern. In der rabiaten und irrationalen Trennung von Sorgerecht und Unterhaltspflicht, die zudem routiniert ungleich zwischen den Geschlechtern verteilt werden, sind Männer beständig mit der Möglichkeit konfrontiert, für eben die Bedingungen arbeiten und sorgen zu müssen, die sie zugleich radikal ausschließen und unter denen sie wie ihre Kinder leiden.

Eben solche Strukturen, in denen Arbeitern das Resultat ihrer eigenen Arbeit als Fremdes und Feindliches gegenübertritt, belegt Marx übrigens mit dem Begriff der Entfremdung“ – nur dass die hier thematisierte Entfremdung eben gerade nicht typisch männlich ist, sondern Resultat politischer Entscheidungen, die männliche Verfügbarkeit organisieren.
Hat Frau Ortgies eigentlich zur Vergewaltigung aufgerufen? Auf die Möglichkeit eines männlichen Rückzugs aus solchen entfremdenden Strukturen reagieren einige Frauen scharf. Ein erstaunliches Beispiel lieferte schon 2005 die Moderatorin von frauTV im WDR Fernsehen, Lisa Ortgies, die Frauen offen empfahl, die Pille wegzulassen, wenn ihr Partner nicht freiwillig Vater werden wollte. Auf Kritik antwortete sie als Gast in der Harald Schmidt Show damit, dass sie ihre Position noch einmal nachdrücklich betonte. Frauen sollten Männer ruhig in ihr Glück schubsen – wenn nur ein Kind dabei entstehe.

Ich habe, als ich dieses Interview sah (es ist mittlerweile bei Youtube aus Urheberrechtsgründen nicht mehr einsehbar), überlegt, warum eigentlich keiner der Beteiligten auf die Idee kam zu fragen, ob Ortgies hier nicht eigentlich eine Vergewaltigung empfiehlt. Natürlich: Das deutsche Gesetz spricht zwar unter anderem von der „Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist“, aber diese Vorgabe müsste äußerst weit interpretiert werden, um auf Ortgies‘ Empfehlung zu passen. Nach dem Gesetz zumindest hat Ortgies nicht zu Vergewaltigungen aufgerufen.

Zudem ist bei ihr der Mann ja zum Geschlechtsverkehr bereit und wird keineswegs mit Gewaltmitteln dazu gezwungen. Hier allerdings ist die Situation nur scheinbar klar – zu DEM Geschlechtsverkehr, den Ortgies empfiehlt, ist der Mann schließlich ausdrücklich nicht bereit. In dieser Hinsicht ist die Situation vergleichbar mit der zweier Menschen, die zwar miteinander schlafen wollen, von denen einer aber eine bestimmte sexuelle Spielart ausdrücklich ablehnt, der andere jedoch eben diese Spielart gegen den Willen des Partners erzwingt.

Dass zudem die Frau den Mann nicht im Interesse eigener Lust betrügt, sondern um ein Kind entstehen zu lassen, macht die Situation eher gravierender als harmloser. Ein Kind zu bekommen ist, wie immer ein Mensch damit umgeht, schließlich eine radikale Erfahrung, die tief in sein Leben eingreift. Ihn gegen seinen erklärten Willen in diese Situation zu bringen, ist ganz gewiss ein Gewaltakt.

Es wird auch deutlich, dass die Verfügbarkeit des Mannes zugleich auch das Kind verfügbar macht: Es ist Ortgies ja gleichgültig, dass die Existenz des Kindes auf einem Betrug gegründet wird, ebenso wie es keine Rolle spielt, dass es einem Vater geboren wird, der das Kind nicht wollte. Zum disposable male gehört das disposable child.

Tatsächlich verzichtet Ortgies‘ Vorschlag nicht einmal auf die Androhung von Gewalt, nur dass diese Gewalt delegiert wird: Es geht ihr bei der erzwungenen Vaterschaft ja offenkundig nicht um einen liebenden Vater, wohl aber um einen Versorger für Mutter und Kind – und eben diese Versorgungsleistung wird sehr wohl mit staatlichen Repressionsdrohungen erzwungen, völlig unabhängig davon, ob der Mann Vater werden wollte oder nicht.

Nach weiten feministischen Definitionen, die alle nicht vollständig konsensuelle Sexualität oder körperliche Annäherung als Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung fassen, müsste Ortgies‘ Äußerung ohnehin als Vergewaltigungs-Aufforderung verstanden werden. In meinen Augen belegt das eher die Unbrauchbarkeit dieser Definitionen, gleichwohl ist es bezeichnend, mit welchem Desinteresse ihre Äußerungen von Feministinnen wahrgenommen wurden. Hätte ein bekannter Moderator Vergleichbares geäußert und etwa öffentlich und wiederholt davon fantasiert, dass eine Frau in sexueller Hinsicht ab und zu in ihr Glück geschubst werden müsse, dann wären diese Äußerungen mit Sicherheit und mit guten Gründen als Skandal wahrgenommen worden.

So ist denn Ortgies‘ Gerede zwar keine Ermunterung zur Vergewaltigung, weil dieses Verständnis die strafrechtliche Definition willkürlich ausweiten würde, aber trotzdem gleich in doppelter Hinsicht sexistisch: Die Moderatorin macht nicht nur deutlich, dass eine Frau die Verfügbarkeit des Mannes als Samenspender und Versorger, wenn nötig, gern auch gegen seinen erklärten Willen herstellen könne – sie geht zudem davon aus, dass niemand auch nur auf die Idee kommen wird, diese Äußerung als Aufforderung zur Gewalt zu interpretieren. Entscheidend ist bei ihr nicht, was Menschen anderen Menschen tun – sondern ob diese Menschen Frauen oder Männer sind.

Es passt, dass Ortgies heute stellvertretende Vorsitzende der Lobby-Gruppe proQuote ist. Der von ihr vertretene Feminismus, der mit Männerherrschaftsphantasien weibliche Versorgungsansprüche und männliche Verfügbarkeit reproduziert, hat sich moralisch, intellektuell und politisch so weit diskreditiert, dass er in offenen Diskussionen nicht mehr bestehen und nur noch über die Verankerung in institutionellen Machtpositionen gehalten werden kann.

Es ist ein Feminismus, der beständig sehnsüchtig in die Vergangenheit blickt und standhaft behauptet, dort liege die bessere Zukunft, in welche die gesamte Gesellschaft geführt werden müsste.

Wer diese bestehende Gesellschaft als Patriarchat imaginiert, der geht davon aus, dass jede Änderung männliche Privilegien angreifen, „den“ Frauen aber nützen müsse. Ein absurder Schluss aus dieser Haltung ist, dass jede politische Entscheidung, die für irgendeine noch so kleine Gruppe von Frauen mit Nachteilen verbunden ist, als reaktionär und repressiv dargestellt werden kann – selbst eine Gleichberechtigung von Müttern und Vätern im Sorgerecht wäre damit ein Schritt rückwärts, weil sie weibliche Privilegien angreift (die es, davon unbenommen, definitionsgemäß ohnehin und selbstverständlich gar nicht geben kann).

Wesentlich plausibler ist Farrells Beschreibung einer modernisierten Gesellschaft, in der Geschlechterverhältnisse dysfunktional geworden sind, die einmal funktional waren. Sowohl für Frauen wie für Männer sind die damit einhergehenden Veränderungen mit Schwierigkeiten verbunden, aber für beide bieten sie auch große Chancen. Bombe 20 drückt das in einem Kommentar so aus:

„(Mir) ist jeder Mann, der nicht für eine ihm eingeimpfte Ideologie oder den Gewinn eines anderen als Kanonenfutter verheizt wird, lieber als einer, dessen großes Opfer mit einer Statue oder einem Gedenktag geehrt wird. Und jede Frau, die sich selbst helfen kann, lieber als eine, die jeden Tag Blumen auf das Grab ihres Retters legt.“

Literatur, soweit nicht verlinkt:
Warren Farrell: The Myth of Male Power,  New York 1993

  1. die Überschrift des artikels sollte man abändern

    „Vom Privileg, sich opfern zu dürfen (und weitere seltsame Geschichten des „disposable male“)“

    wo gibt es denn ein dürfen für männer also die wahlfreiheit??

    es müsste heißen
    Vom Privileg, sich opfern zu MÜSSEN (und weitere seltsame Geschichten des „disposable male“)

    Antwort

  2. Ich verstehe das „dürfen“ bittter-ironisch und dann passt es…. [KlausT]

    Antwort

  3. Natürlich ist dieser Aufruf von Frau Ortgies kein Aufruf zu irgendeiner Form der Vergewaltigung, auch unter einem noch so weit gefassten Begriff. Es ist aber ein Aufruf zum Betrug, wenn dieses vorsätzlich geschieht. Dieses wird jedoch nicht von unserer Gesellschaft als solches gesehen, denn einem gefühlslosen männlichen Wesen, das eigentlich dieses Glück Kind (mit jahrelagem Abhähnigkeiten zur Mutter und Unterhatlsverpflichtungen) nicht möchte, ist halt selbst Schuld. Die Frau, durch das Kind, wird hier doch eher zum Opfer. Erst zum Opfer des Mannes, der, emotionslos wie Männer sind, kein Kind möchte, und dann zum Opfer der Gesellschaft, für die sie sich durch das Kind aufopfert um diese zu verjüngen… Diese arme heilige Frau…

    Es gab in Frankreich in den letzten 3 Jahren zwei herausragende Gerichtsentscheidungen. Eine davon war ein muslemisches Paar, die beide jungfräulich in die Ehe gehen wollten. In der Hochzeitsnacht stellte der Partner fest, Frau nicht Jungfrau, worauf hin er die Ehe anulieren lassen wollte. Es gab sogar ein Gericht das hier mitgespielt hat. Wochenlange Diskussionen, der Staatsanwalt, obwohl nicht in einem Zivilprozess beteiligt, legte Berufung ein… Es kann ja auch nicht sein, das bei dem Mann ein Vertragsbestandteil nicht ohne weiteres überprüfbar ist, bei der Frau aber schon… Ende vom Lied, endlich sprach das Berufungsgericht wieder Recht, die Ehe kann nicht anuliert werden, sondern sie muss geschieden werden, dann ggf. mit Unterhalt, Zugewinnausgleich und hast Du nicht gesehen… Nicht der Mann war hier Opfer von der Frau, sondern die Frau Opfer dieses Machos, der als religiöser Mensch selbst unberührt war und eine unberührte Partnerin haben wollte. Es ist evtl. dumm dies zu verlangen, aber auch in Frankreich gillt Religionsfreiheit. Nein, Opfer war die Frau, obwohl sie der Anulation durch ihre Pflichtanwältin zustimmen ließ…

    Ein anderer Fall ist der, bei dem das Berufungsgericht einer Frau Schadensersatz zugesprochen hat, weil ihr Mann seit Jahren den Geschlechtsverkehr nicht mehr ausgeübt hat. Natürlich gab es in dieser Konstellation keinen Aufschrei, wie auch, Männer sind ja eigentlich immer geil und das er sich irgendwo anders Befriediegung geholt hat, ist ja eigentlich eine Tatsache, die nicht bewiesen werden muss. Selbst wenn, sobald ein Mann nein sagt, bedeutet das nein, genau so wie bei einer Frau. Dies muss auch von einer sexuell aktiven Ehefrau (als die sie sich darstellte) so zu erwarten sein. Doch nein, ein Gericht stellt sich hin und sagt, lässt Du Dich in der Ehe nicht vergewaltigen, dann kannst Du zu Schadensersatz herangezogen werden. Die Frau, die nach 10 Jahren ohne Sex die Scheidung einreichte ist natürlich ein Opfer, der Mann der Lustlosigkeit und Übermüdung angab somit ein Täter… Irgendwie scheint Frau zu blöd zu sein nach 1 bis 2 Jahren ohne Sex zu merken dass man nur noch wegen der Kinder zusammen ist…

    Gruss
    Kai

    Antwort

  4. Vor wenigen Tagen habe ich den Akteuren der Initiative 'gleichstellung jetzt' meine Sicht der Dinge dargelegt und folgende Antwort (Auszug) erhalten:

    „Zum Thema Lebenserwartung bzw. Übersterblichkeit von Männern: Bei diesem Thema ist vor allem die Frage, wer die Akteure für eine Thematisierung/Skandalisierung sind. Da hier eine Geschlechterdifferenz vorliegt, schieben viele Männer diese Aufagbe der Gleichstellungspolitik und ihren Akteur_innen zu. Wenn diese Aufgabe dort aber nicht wie erhofft angenommen wird, haben sie ihre Schuldigen gefunden, können sich als Opfer einer „feministisch dominierten“ Gleichstellungspolitik fühlen und fertig ist die Entschuldigung fürs eigene Nichts-Tun.“

    Jochen Geppert (Institut für gleichstellungsorientierte Prozesse und Strategien – GPS)

    Entschuldigung fürs eigene Nichts-Tun… Übersterblichkeit von Männern ist definitiv nicht das Thema von Gleichstellungspolitik und ihren Akteur_innen. Warum auch?
    So schauen sie aus, die 'gleichstellungsorientierten Prozesse und Strategien' im Hinblick auf Männer. Prozesse, deren institutionelle Zertifizierung natürlich hochnot wichtig und deshalb ausreichend mit finanziellen Mitteln auszustatten sind. Deshalb 'Gleichstellung jetzt' gleich jetzt unterzeichnen.
    Sarkasmus beiseite. Es ist hoffnungslos der immer gleichen Borniertheit und Doppelmoral den Spiegel vorzuhalten, da offenbar ohne jede Wirkung. Das Reflektionsvermögen dieser Leute gleicht dem der Kaderschranzen des DDR-Politbüros. Und genauso werden sie HOFFENTLICH auch bald enden.

    Antwort

  5. Ein Link zum Urteil bzgl. des Schadenersatzes waere gut. Und gibt es auch Diskussionen dazu? Ist ja z.B. denkbar, dass es in Frankreich auch aehnliche Faelle mit Schadenersatz fuer Maenner gibt?

    Antwort

  6. Gibt es eigentlich eine schoene Internetseite zur hohen Maennersterblichkeit? Dass waere doch mal eine wichtige Sache. Statistiken zumindest zu Deutschland, aber natuerlich waeren weltweite Zahlen auch wichtig. Historische Zahlen, wie sich's entwickelt hat. Und Aufschluesselung, wie die Zahlen zustande kommen (hoehere fruehe Sterblichkeit versus geringeres Lebensalter etc.).

    Vielleicht gibt's das ja schon, dann waere ein Link hier schoen. Wenn nicht, dann scheint es mir doch von grosser Wichtigkeit, sowas anzugehen!

    Ich jedenfalls habe in der Schule gelernt, erinnere mich noch (hatte damals schon meine Zweifel), wie das als feststehende Weisheit verkuendet wurde, dass beim Mann da halt ein Fehler in den Chromosomen besteht. Dies ist doch ein eklatantes Beispiel von Ideologie, womit man vielleicht vielen die Augen oeffnen koennte!

    Und z.B. obigen Brief koennte man beantworten: Entweder bestehen die „Benachteiligungen“ von Frauen nicht, da ja die „Bevorzugungen“ der Maenner sehr teuer erkauft sind. Oder man „rechnet nicht auf“, und dann ist offensichtlich hier ein sofortiger grosser Handlungsbedarf, naemlich … Verweis auf jene solide allumfassende Internetseite, wo man auch sehen kann, was alles geschehen muss.

    Antwort

  7. @ Oliver Ein Link zum Spiegel, auch die Welt, der Stern etc. berichteten über den fall, soweit ich gesehen habe: http://www.spiegel.de/panorama/justiz/gerichtsurteil-in-frankreich-schadensersatz-fuer-ehe-ohne-sex-a-784600.html

    @ Kai Ich finde es auch falsch, das von Ortgies empfohlene Verhalten als Vergewaltigung zu sehen, finde es aber nicht absurd, den Gedanken zu überprüfen. Denn es gibt einen Aspekt, der in meinen Augen über einen Betrug hinausgeht: nämlich die in Ortgies' Empfehlung deutlich werdende, absolut selbstverständliche Überzeugung, dass eine Frau auch gegen den erklärten Willen des Mannes ein Recht auf seine Sexualität habe – und wenn er zum Sex nur unter Bedingungen bereit sei, die ihr nicht gefallen, dann hätte sie natürlich das Recht, diese Bedingungen stillschweigend zu unterlaufen. Betrug ist hier ein Mittel zum Zweck, aber nicht alles, was dieses Verhalten ausmacht.

    Danke für die Hinweise auf die französischen Fälle! Insbesondere das Schadensersatzurteil bestätigt ja für Frankreich gerichtlich ein Recht der (Ehe-)Frau auf die männliche Sexualität. Ich weiß allerdings nicht, ob in Frankreich diese „ehelichen Pflichten“ auch umgekehrt gelten und ob es dazu Urteile gibt.

    Ich finde es nachvollziehbar, wenn sich jemand trennt, weil der Partner oder die Partnerin keinen Sex möchte. Aber deshalb Schadensersatz zuzusprechen ist gleich auf vielen Ebenen verrückt: Weil dies ein Recht auf die Sexualität anderer impliziert, und weil es den Menschen, der Schadensersatz bekommt, als unmündiges Kind behandelt, das seine Entscheidungen anders nicht hätte treffen können (was natürlich insbesondere dann irre ist, wenn es explizit um Sex geht).

    Antwort

  8. Es kam ja von ministerieller Seite nicht mal die Bereitschaft zu einem Männergesundheitsbericht, während das Familienministerium seit über 10 Jahren jährlich einen Frauengesundheitsbericht veröffentlicht. Männer sind halt nicht Teil der Familie. Nein, ein Männergesundheitsbericht muss hierzulande privat finanziert werden, was auch geschehen ist:

    „Die Initiative trat 2002 mit einem ersten Brief an das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend heran und regte die Ausschreibung eines ersten deutschen Männergesundheitsberichts an. Dem folgte eine Reihe von Schriftwechseln zwischen dem Initiativkreis und der Politik. Die Resonanz im politischen Bereich war zu diesem Zeitpunkt jedoch überwiegend ablehnend.

    In dieser Haltung spiegelte sich die auch in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit verbreitete Ansicht wider, dass Männer keiner besonderen Aufmerksamkeit bedürften, weil ohnehin fast alles bekannt sei – auch in gesundheitlichen Fragen.“

    http://www.maennergesundheitsbericht.de/rueckblick.html

    Darüber hinaus gibt die Klosterstudie Aufschluss über die Lebenserwartung bei annähernd gleichen Lebensbedingungen. Ergebnis: der Unterschied schrumpft auf 1-2 statt 6 Jahren wie aktuell zu beobachten. Feministische Spötter_I*_nnen sprechen von der 'patriarchalen Dividende' und blocken jegliche Prävention auf breiter Front ab.

    Manndat berichtete im Frühjahr diesen Jahres:

    „Im anschießenden Podiumsgespräch monierte Doris Bardehle von der Stiftung Männergesundheit, dass das Präventionsgesetz in der 2. Fassung gerade im Bundesrat abgelehnt wurde. Die anwesenden Vertreter von Landes- und Kommunalpolitik Baden-Württemberg und Stuttgart bestätigten, dass ihnen die problematische Gesundheitssituation und die dringend notwendigen Maßnahmen durchaus geläufig seien, allein sie verwiesen auf das Problem, dass dieses Thema noch immer ein Minenfeld im politischen Diskurs sei. Sobald das Thema Männer- und Jungenförderung – in welcher Form auch immer – aufs Tapet käme, würde umgehend der feministische Beißreflex der etablierten Frauenförderer einsetzen, mit dem derartige Themen sofort im Keim erstickt würden. Das Fazit des landespolitischen Vertreters: „Sie brauchen es gar nicht erst zu versuchen, Sie haben keine Chance.“

    Ich persönlich halte eine informelle Webpräsenz equal-age-day.de für eine gute Idee, um gebündelt mittels Faktensammlung und Forum auf all jene geschlechterpolitischen Missstände und vorsätzliche Sabotage des feministischen Establishments zu verweisen. Manndat tut dies zwar bereits sehr professionell und im übrigen auch ohne jede staatliche Unterstützung. Jedoch spielt eine Initiative Equal Age den Ball genau dorthin, wo ihn die Mainstreamer_I*_nnen nur schwer wieder weg bekommen, denn GLEICHstellung und zwar topdown ist es doch, was sie angeblich wollen.

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