Warum die Pole Position im Opferwettrennen so wichtig ist (Monatsrückblick November 2013)

„Nach meiner Auffassung ist es die Pflicht der Hochschule und ihrer zuständigen Instanzen, von außen kommende Versuche dogmatischer Einflußnahme auf die Lehre abzuwehren und die Möglichkeiten kritischer Diskussion umfassend zu wahren.“ (S. 73)
So argumentierte zu Beginn der neunziger Jahre der Duisburger Philosophieprofessor Hartmut Kliemt, als er gegen massive Proteste und schließlich erfolgreiche Störversuche ein Seminar über den umstrittenen australischen Moralphilosophen Peter Singer abzuhalten versuchte.

„Es darf weder Herrn Singer noch seinen Gegnern erlaubt werden, sich einer kritischen Diskussion zu entziehen oder eine argumentative Auseinandersetzung zu verhindern.“

Kurz nach Beginn meines Philosophiestudiums in Göttingen habe ich ähnliche Diskussionen über Singer miterlebt. Ich hatte kurz zuvor Zivildienst in einer Einrichtung für geistig Schwerbehinderte gemacht, und mir war die Selbstverständlichkeit suspekt, mit der Singer über das Lebensrecht behinderter Menschen schrieb, überlegte, wann eine Tötung gerechtfertigt sei, und Behinderte nonchalant als „human vegetables“ (wörtlich: menschliches Gemüse, aber auch mit einer Anspielung auf das Vegetieren) bezeichnete. Obwohl Singer nur über Menschen mit schwersten Behinderungen geschrieben hatte, nahmen viele Behinderte eine solche Diskussion natürlich als bedrohlich wahr. 
Trotzdem waren die Störversuche falsch, die Ende der Achtziger und zu Beginn der Neunziger in Deutschland übrigens sehr erfolgreich waren: Seminare über Singer wurden abgesagt oder abgebrochen, Einladungen an ihn zu universitären Vorträgen zurückgenommen. Falsch waren sie, weil sie der universitären Debatte nicht zutrauten, dass sie ihre eigene Problematik – über das Lebensrecht anderer Menschen zu debattieren – nicht ernsthaft zum Thema machen könnte und weil sich unter den Störern niemand Gedanken darüber machte, wo denn eigentlich die Grenzen der Störung freier Rede gezogen würden.

Trotzdem: Im Vergleich zu heute erscheint die Diskussion um Singer in Deutschland regelrecht als Musterbeispiel universitärer Debattenkultur. Es erschienen Sammelbände wie die oben zitierte Dokumentation, im Spiegel oder der Zeit wurde kontrovers über die Position Singers und über die Bedrohung der Wissenschaftsfreiheit durch die Störversuche diskutiert.

Im Namen der Freiheit die Klappe halten Heute hingegen ist die Be- und Verhinderung freier Diskussionen an Universitäten so alltäglich geworden, dass in der überregionalen Presse niemand mehr Notiz davon nimmt. Gerade wurde eine für den 26. November an der TU in Berlin geplante Veranstaltung abgesagt, die von der dortigen Fachschaft in Zusammenarbeit mit der Fakultät Wirtschaft und Management organisiert worden war. Dabei ging es bei dieser Veranstaltung keineswegs um so ein gravierendes und vorbelastetes Thema wie das Lebensrecht Behinderter, sondern schlicht – um die Frauenquote.

Der Asta kritisierte das Konzept, nur Männer zu der Podiumsdiskussion einzuladen http – als ob Männer von der Frauenquote nicht betroffen wären und nichts dazu zu sagen hätten, solange nicht auch Frauen mitreden. Insbesondere die Einladung des emeritierten Bremer Professors Gerhard Amendt wurde als unerträgliche Provokation empfunden.

 
Lassahns Buch „Frau ohne Welt“ wurde vom Asta stark tendenziös skizziert und ohne Belege als „extrem frauenfeindliche Position“ diffamiert, und die Linke Liste berief sich auf die einschlägige Tendenzschrift Rosenbrocks über die „antifeministische Männerrechtsbewegung“, um Lassahn und Amendt als indiskutable Antifeministen hinzustellen. Differenzierungen hielt der hoffnungsvolle akademische Nachwuchs Deutschlands in keinem der Fälle für nötig, ebenso wenig wie die Lektüre der Texte von Amendt oder Lassahn.

Die Fachschaft entschuldigte sich schließlich für die Einladung Amendts in einem unterwürfigen Text bei Facebook,  der Michael Klein auf Science Files an die rituelle „Kritik und Selbstkritik“ zur Unterdrückung abweichender Meinungen im stalinistischen Russland erinnerte.

Nach der Ausladung Amendts sagten noch andere Redner ab, so dass die Veranstaltung platzte. Erik Marquardt von der Grünen Jugend, der ursprünglich als Teilnehmer an der Diskussion geladen war, begründete seinen Widerstand gegen die Veranstaltung auf Facebook damit, dass die Meinungen Amendts und Lasahns „im Wesentlichen überflüssig bis schädlich“ seien und dass er nicht dafür mitverantwortlich sein wolle,

„dass die beiden Männer ihr übermäßiges Geltungsbedürfnis weiter auf dem Rücken der Opfer von Rassismus, Sexismus und häuslicher Gewalt ausleben können.“

Für Marquardts Anspruch, über das Rederecht und die Relevanz von Mitdiskutanten entscheiden zu können, ist hier das Wort „Opfer“ entscheidend. Imhuman ist damit nicht etwa seine demokratiefeindliche Attitüde, sondern die als unerträglich imaginierte Zumutung, die eine freie Rede Lassahns oder Amendts – aus Gründen, die nicht einmal beschreiben werden müssen – für die „Opfer“ von „Rassismus, Sexismus und häuslicher Gewalt“ darstellen würde.

Marquardts Begründung ist ein gutes Beispiel dafür, warum eine Be- und Empfindlichkeitsethik nicht nur widersprüchlich, sondern auch antidemokratisch wird. Schließlich interessiert es hier überhaupt nicht, ob nicht auch durch die Verhinderung freier Rede Sensibilitäten verletzt werden. Wer seinen Anspruch auf moralische Entscheidungen mit der Empfindlichkeit Betroffener begründet, muss grundsätzlich zunächst einmal die Entscheidung treffen, wessen Sensibilitäten der Wahrnehmung wert sind – und wessen Sensibilitäten ignoriert werden können.

Richtige Männer weinen nicht richtig Die Behauptung von Opferpositionen aber war ein Leitmotiv vieler Debatten des vergangenen Monats – Abraxas berichtet auf seinem Blog „Wortschrank“ sogar live von der „Opferolympiade“. Till Krause erzählte im Magazin der Süddeutschen Zeitung  von seinen Erfahrungen als Vater in der Elternzeit.

„Es scheint, als hätten viele Frauen immer noch ein Problem damit, Männer auf einem Gebiet zu akzeptieren, in dem Mütter lange unter sich waren.“

Der Artikel wird häufig zitiert und diskutiert, unter anderem (natürlich) bei Alles Evolution, aber auch feministische Blogs gewinnen ihm etwas ab: Aus feministischer Perspektive kritisieren Robin und Onyx, dass einerseits Veränderungen von Geschlechterrollen eingefordert, andererseits Männer, die in Elternzeit gingen, herablassend behandelt würden. Über die „Tränen der Väter“ schreibt Robin Urban, und Onyx befindet, dass die „Male tears (…) diesmal zu Recht“ vergossen würden (weil es wohl eine männliche Unsitte ist, häufig zu Unrecht zu weinen, oder so).

Dass männliche Tränen sogar von Netzfeministinnen ernst genommen werden, darf so natürlich nicht stehen bleiben: „Antiprodukt“ hält auf ihrem Blog dagegen, und Tofutastisch besteht darauf, dass Frauen gar nicht diskriminieren können, sondern sämtliche Diskriminierung von patriarchalen Strukturen ausginge.

Anatol Stefanowitsch fühlt sich gleich doppelt berufen, Diskussionen über mögliche Benachteiligungen von Männern und Jungen gar nicht erst über die Wahrnehmungsschwelle kommen zu lassen: Er macht deutlich, dass er selbst als Vater Diskriminierungen selbstverständlich nur von „anderen Männern (vor allem Vorgesetzten)“ erlebt habe  – und schreibt dann gleich noch einen Text, der sich gegen die Meinung stellt, für schulische Nachteile von Jungen könnte irgendjemand anders verantwortlich sein als die Jungen selbst.

Auf Twitter gründet sich eine Gruppe, die sich über „Male Tears“ lustig macht – die aber aufgrund ihrer offenkundigen Dämlichkeit ein Rohrkrepierer bleibt. Erzählmirnix macht sich hingegen, deutlich eleganter, über die Probleme lustig, die Feministinnen mit „male tears“ haben.

Gleichwohl ist es erstaunlich, mit welcher verbissenen Lustigkeit von den Teilnehmerinnen (und auch Teilnehmern) der Gruppe darum gekämpft wird, männliche Leiderfahrungen auf gar keinen Fall ernst nehmen zu müssen. Für mich selbst waren Berichte von Männern als Opfern häuslicher Gewalt sehr beeindruckend, die im Monat Oktober auf der amerikanischen Website „A Voice for Men“ erschienen waren, und in einer Diskussion zu einem man tau-Artikel dazu schreibt „LoMi“, dass die „Kultivierung der Verächtlichmachung von Männertränen eine Diskursstrategie“ sei.

 
Was für eine?

Tatsächlich ist es auffällig, dass Männer offener und bereitwilliger über eigene Leiderfahrungen zu sprechen beginnen – und dass das bei Feministinnen häufig auf Widerstand oder Verachtung trifft. Das betrifft auch den Versuch, im Monat November gezielt das „Bewusstsein für Prostata- und Hodenkrebs zu erhöhen“ („Movember“),  oder eine Fotoaktion amerikanischer Männer, die Opfer von Vergewaltigungen wurden.  Warum wird das von vielen, Männern wie Frauen, nicht als Anlass für Mitgefühl, sondern als Startschuss für ein Opferwettrennen verstanden?

Warum die Pole Position im Opferwettrennen so wichtig ist

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ 
Es ist der zweite, erst 1994 ergänzte Satz dieses Grundgesetzartikels, der einen starken Anreiz für eine verbissene Opferkonkurrenz bietet. Wenn der Staat sich nicht nur für gleiche Chancen verantwortlich fühlt, sondern insgesamt ungleiche Lebensbedingungen als Diskriminierung begreift, die staatlicherseits abgeschafft oder ausgeglichen werden müsse – dann verschaffen sich diejenigen einen Vorteil, die sich am erfolgreichsten öffentlich als Opfer allgemeiner Unterdrückungsverhältnisse darstellen können.

Eine der ungünstigen Folgen der Gleichstellungspolitik ist es also, dass es vor allem auf die wirkungsvollste Opfer-Inszenierung ankommt und die Frage, wer tatsächlich unter Benachteiligungen leidet, daneben kaum eine Rolle spielt. Das prägte auch eine der zentralen geschlechterpolitischen Diskussionen des vergangenen Monats: Alice Schwarzer besteht in ihrer Kampagne zur „Abschaffung“ der Prostitution (eigentlich: zur Bestrafung der Freier) darauf, dass Prostituierte Opfer einer Männerherrschaft seien, vergleichbar mit den kindlichen Opfern Pädophiler. Dass viele Prostituierte von Schwarzer keineswegs gerettet werden wollen und sich auch nicht als Opfer sehen, tut die feministische Übermutter wütend als Nebensache ab.

Es passt, dass das Thema der abgesagten TU-Veranstaltung die Frauenquote  war, deren Einführung jetzt im schwarz-roten Koalitionsvertrag beschlossen wurde (ebenfalls bei Alles Evolution  diskutiert, während „achdomina“ auf den naheliegenden, aber leider oft übersehenen Zusammenhang zwischen Frauenförderung und den Unterhosenwichteln von Southpark aufmerksam macht).

Zu den vielen Problemen der Frauenquote gehört die Frage, wer denn eigentlich auswählt, welche Gruppe gefördert werden muss, also als Opfergruppe besonders privilegiert wird: Warum eine Frauenquote, warum nicht auch, z.B., eine Migrantenquote, oder eine Ostdeutschenquote, oder eine Quote für Menschen aus sogenannten „bildungsfernen Schichten“?

Willkürlich ist an der Quotenpolitik auch die Auswahl der quotierten Bereiche: Warum nur besonders privilegierte Positionen, warum nicht auch besonders unangenehme wie z.B. die Müllabfuhr, oder das Heer im Auslandseinsatz? Und warum kommt eigentlich niemand auf die Idee, die deutsche Fußballnationalmannschaft zu quotieren, um zu beweisen, dass ein „diversity“-Team den rein männlichen und langweiligen Teams der anderen Länder ganz gewiss überlegen wäre?

Natürlich fordert das niemand (obwohl ich, ehrlich gesagt, hoffe, dass ich hier niemanden auf dumme Ideen gebracht habe), weil durch die massive Leistungsdifferenz von Spielerinnen und Spielern im Spitzenfußball das Scheitern fast gewiss und der Eingriff in das Leistungsprinzip viel zu offensichtlich wäre.

Allerdings: Ein Eingriff in das Leistungsprinzip, oder – in den Parteien – in demokratische Prozesse ist die Frauenquote auch sonst, so dass sich die Wissenschaftler vom Sciencefiles-Blog und Professor Günter Buchholz in einem offenen Brief an die Bundesregierung energisch gegen solche und andere Behinderungen der „Freiheit und Unabhängigkeit von Wissenschaft“ stellen.

Das überrascht ohnehin: Es sind offenkundig gerade Universitäten, die doch eigentlich Zentren offener kritischer Debatten sein müssten, die sich gleichwohl mit Eingriffen in demokratische Verfahren und in die Freiheit der Rede besonders hervortun. Ein Beispiel dafür aus dem Monat November ist auch Hadmut Danischs Klage gegen die Berliner Humboldt-Universität, die sich weigert, wesentliche Informationen über die Einrichtung von Gender-Studiengängen und die Besetzung von Professorinnenstellen öffentlich zu machen.

Die Quotenpolitik ist, ebenso wie die Politik der systematischen Verhinderung der freien Rede, eigentlich eine elitäre Politik: Anstatt auf korrekte Verfahren der Entscheidungsfindung in Unternehmen oder auf demokratische Debatten zu vertrauen, werden wesentliche Elemente dieser Diskussionen und Entscheidungen immer schon vorweggenommen. Als sei Demokratie zwar irgendwie schön und gut, aber beständig auf Anstandsdamen und –herren angewiesen, die darauf achten, dass sie auch bestimmt keine Dummheiten macht.

Eine elitäre Politik aber wird in aller Regel auch eine Politik der Privilegiensicherung sein – was erklärt, warum sie gerade in besonders privilegierten Umfeldern wie den Universitäten so floriert. In einem allgemeinen Umfeld, in dem ein Großteil der Menschen von der Bedeutung gleicher Chancen und gleicher Rechte überzeugt ist, muss sich eine Politik der Sicherung von Privilegien durch autoritäre staatliche Eingriffe allerdings neu legitimieren.

Eben deshalb ist das Beharren auf der Opferposition so wichtig. Die staatlichen Eingriffe können aus dieser Position heraus als Ausgleich bestehender Ungleichheiten verkauft werden, die Sicherung der eigenen Privilegien erscheint als Beitrag zur allgemeinen Gerechtigkeit.

Es ist ein grundsätzliches Problem der in der Geschlechterpolitik so beliebten Privilegierung der Opferperspektive, dass doch grundsätzlich erst einmal entschieden werden müsste, wer überhaupt das Opfer ist. Wenn das wiederum nur aus der „Opferperspektive“ festgestellt werden kann, schnurrt das ganze Verfahren auf eine simple Aussage zusammen: „Ich muss privilegiert werden.“

Im Monat November gab es viele Beispiele dafür, wie verbissen Menschen daher ihre Pole-Position in der Opferkonkurrenz zu verteidigen bereit sind.

Mir ist ein Kommentar von Oliver K. aus dem Oktober in Erinnerung geblieben, in dem er beschrieb, wie wichtig er das Herstellen „größerer Zusammenhänge“ fände.  Um solche Zusammenhänge herzustellen, gibt es ja mittlerweile einige verschiedene Möglichkeiten. Christian Schmidt hat gerade bei Alles Evolution eine stärkere Vernetzung männerrechtlicher Blogs gefordert  und mit der Einrichtung der Meta-Seite Das böse Patriarchat selbst viel dazu beigetragen.  Das wird umso wichtiger, als gerade in den letzten Wochen mehrere neue männerrechtliche Blogs gegründet wurden.

Elmar Diederichs hat zudem eine sorgfältige und kommentierte Darstellung der „Blogosphäre“ vorgelegt.  Maskulismus für Anfänger hingegen ist zweierlei – einerseits ein Lexikon, andererseits ein guter Ausgangspunkt für weitere Lektüren.  Genderama, nicht nur durch die täglichen Verlinkungen zentraler Knotenpunkt männerrechtlicher Diskussionen, hat also mittlerweile viel Unterstützung bekommen.

Ich dachte, dass eine kleine Monatsrückschau ebenfalls dazu beitragen könnte, größere Zusammenhänge herzustellen und Diskussionen zu vernetzen. Natürlich ist meine Schwerpunktsetzung subjektiv – aber das lässt sich in den Kommentaren ja ergänzen.

Wenn Erwachsene gegen Kinder hetzen – Jungen in der Schule

„Tatsächlich ist Gleichberechtigung an den Schulen Realität, weshalb Mädchen aufgrund ihres Entwicklungsvorsprungs, größeren Fleißes und höherer Lernmotivation im Vorteil sind. Eine gezielte Jungenförderung ist allerdings keine Lösung.“
So lautet im Jahr 2007 die Antwort der Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel auf die Frage, ob wir es uns eigentlich noch leisten können, auf eine gezielte Jungenförderung zu verzichten – angesichts der Tatsache, dass deutlich mehr Jungen als Mädchen die Schule ohne Abschluss, deutlich mehr Mädchen als Jungen die Schule mit dem Abitur verlassen.

Ein Angehöriger des faulen und minderbegabten Geschlechts – was früher die Eselskappe erledigte, erledigen heute Politiker und Wissenschaftler
Warum eine gezielte Jungenförderung keine Lösung sei, verrät Merkel – oder möglicherweise ihr Ghostwriter – nicht. Unverblümt aber formuliert sie eine Vorstellung weiblicher Überlegenheit: Wenn nur die Ausgangsbedingungen zwischen Jungen und Mädchen gleich wären, dann würden Mädchen eben bessere Ergebnisse erzielen. Alles normal, kein Grund zur Sorge.

Fünf Jahre später redet der Grüne Jürgen Trittin ganz wie seine Kanzlerin, als er ihr bei einer Bundestagsrede vorwirft, dafür zu sorgen,

„dass das begabtere Geschlecht weiterhin ein Viertel weniger verdient als wir Männer.“ (1:07)
Als die Linke Kathrin Vogeler verwundert nachfragt (2:25), welch einen Bildungsbegriff Trittin denn der von ihm unterstellten Lern- und Bildungsunwilligkeit der Männer und Jungen zu Grunde lege, antwortet er mit einem Hinweis auf die besseren Abschlüsse von Mädchen.

Auffällig ist bei Merkel wie Trittin, wie unterschiedlich sie Nachteile von Jungen und Mädchen bzw. Frauen interpretieren. Während sie Nachteile für Mädchen und Frauen selbstverständlich auf Diskriminierungen zurückführen, sehen sie für Nachteile von Jungen die Verantwortung allein bei diesen selbst. Kein Grund zum Engreifen.

Jungen sind faul Auch an einem gerade veröffentlichten Text von Anatol Stefanowitsch, auf den ich bei Twitter aufmerksam gemacht wurde, lässt sich das ablesen. Wenn es um Jungen geht, können nun einmal alle mitreden, auch Professoren für englische Sprachwissenschaft, die ansonsten ihre Zeit eher mit der Unterstützung des generischen Femininums verbringen. Stefanowitsch jedenfalls redet seiner Kanzlerin ebenfalls nach dem Mund, wenn er die Vermutung äußert,

„dass die ‚schlechteren‘ Leistungen der Jungen deshalb zustande kommen, weil die Mädchen inzwischen weniger stark daran gehindert werden, Leistungen auf dem für sie normalen Niveau zu erbringen.“ 
Sie werden natürlich immer noch gehindert, nicht dass jemand auf die Idee kommt, Mädchenförderung sei nicht nötig, weil Frauen und Mädchen nicht diskriminiert seien – nur sind sie es eben „weniger stark“ als in den dunklen Zeitaltern vor der zweiten feministischen Welle. Stefanowitsch reagiert mit seinem Text auf ein Spiegel-Interview, in dem der Bildungsforscher Martin Latsch vorsichtig die Möglichkeit erwägt, die schlechteren Leistungen von Jungen seien auf einen „Stereotype threat“ (wörtlich etwa: Stereotypen-Bedrohung) zurückzuführen.
„Ein Mensch hat Angst, ein negatives Vorurteil über ihn durch sein Handeln zu bestätigen. Und bei Jungs, die schlecht abschneiden, ist genau das der Fall, zeigen meine Experimente.“
Natürlich ist das für Stefanowitsch nicht zufriedenstellend, schließlich müsste erst einmal bewiesen werden, dass es solche negativen Stereotypien über Jungen überhaupt gäbe – als ob sein eigener Text nicht einer von vielen möglichen Belegen dafür wäre.

Dass beispielsweise Jungen weniger leistungsbereit seien als Mädchen, habe schlicht zur Folge dass Jungen sich „ein wenig mehr anstrengen müssen. Und das wiederum, hat noch keiner geschadet.“ Der autoritär moralisierende Gestus ist gegenüber einen ganzen Gruppe von Menschen natürlich verfehlt. Es mag ja sinnvoll sein, einem einzelnen Menschen Vorwürfe angesichts einer möglicherweise unzureichend ausgebildeten Leistungsbereitschaft zu machen – wenn aber ganze Großgruppen von Menschen, deren Angehörigen zum weit überwiegenden Teil gar keinen Kontakt zueinander haben, angeblich bestimmte Verhaltensmuster ausbilden, dann ist der moralisierende Vortrag albern deplatziert.

 
Eher müsste – wenn die Grundannahme denn überhaupt stimmt – gefragt werden,
„WARUM Jungen, alle Jungen weniger Interesse und weniger Leistungsbereitschaft haben als Mädchen und WARUM sich das männliche anti-Leistungsgen erst heute und nicht schon im Verlauf der letzten Jahrtausende bemerkbar gemacht hat.“
So das Blog Science Files in einem Kommentar zum Text.
 
Jungen sind privilegiert Natürlich kommt Stefanowitsch so weit nicht. Er begnügt sich mit der Vermutung, dass Jungen entweder „weniger Ehrgeiz besitzen“ oder
„die Erfahrung gemacht haben, mit weniger Leistung ebenso viel zu erreichen wie ein Mädchen mit mehr Leistung“.
Es ist, als würde der Linguistik-Professor hier ein absurdes Gesellschaftsspiel spielen: Interpretieren Sie jeden nur denkbaren Sachverhalt in möglichst wenigen Argumentationsschritten so, dass er als Beleg für eine Diskriminierung von Frauen taugt.
 
Männer sind weitaus häufiger obdachlos als Frauen? Das liegt daran, dass Frauen in gewalttätigen Beziehungen verbleiben, während Männer sich lösen und triumphierend in der Öffentlichkeit ihr Penner-Dasein zelebrieren.
 
Männer werden im Vergleich zu Frauen extrem viel häufiger als Soldaten überall auf der Welt verheizt? Das liegt daran, das ihnen vom Staat die Einübung in klassischen Formen der hegemonialen Männlichkeit ermöglicht wird – und das nicht nur kostenlos, sie werden dafür sogar bezahlt.
 
Jungen haben offenkundig erhebliche schulische Nachteile? Das liegt daran, dass sie es schlicht viel einfacher haben als Mädchen – viel zu einfach.

Natürlich muss es den Professor nicht kümmern, dass das schon sachlich nicht stimmt. Jungen werden tendenziell bei gleichen Leistungen schlechter bewertet und erhalten seltener Gymnasialempfehlungen (auch das listet der Science Files-Text auf, mehr dazu auch hier). Schlechtere Bewertungen und schlechtere Resultate von Jungen sind also nicht unbedingt auf schlechtere Leistungen zurückzuführen.

Doch auch sonst ist für einen Zusammenhang von Klischees und Leistung die Vermutung nicht notwendig, dass, so Stefanowitsch, das Stereotyp „ausreichend weit verbreitet ist, um von Jungen verinnerlicht zu werden.“ Wichtig ist lediglich, dass die Lehrkräfte mit diesem Stereotyp vertraut sind – schon klassische Studien der Schulpädagogik haben einen Zusammenhang zwischen Vormeinungen der Lehrkräfte über Schüler und den Leistungsentwicklungen dieser Schüler gezeigt. Bekannt sind die Studien unter dem Begriff „Pygmalion-Effekt“: Die Lehrer beeinflussen die Schüler nach dem Bilde, das sie von ihnen im Kopf haben, so wie der griechische Bildhauer Pygmalion die von ihm geschaffene Statue mit seinen eigenen Gefühlen lebendig machen konnte.

Die Annahme wiederum, dass Lehrer und Lehrerinnen nicht mit negativen Klischees über Jungen in Berührung gekommen seien, ist ungefähr so plausibel wie die Vermutung, dass Menschen durch einen Regenguss laufen könnten und zufällig nicht nass werden, weil die Tropfen immer gerade an ihnen vorbei fielen.

 
Jungen sind eigentlich keine Kinder Wie mächtig solche Klischees sind, ist auch daran erkennbar, dass sich Erwachsene erstaunlich wenig Mühe geben, die schulische Situation von Jungen probehalber einmal aus deren Perspektive zu betrachten.
 
Aufgrund der frühen Selektion der Kinder, meist nach der vierten Klasse, sind die Entwicklungen der Kinder auf den Grundschulen in aller Regel entscheidend für ihren späteren Bildungsverlauf. Im mehrgliedrigen Schulsystem werden später bestehende Unterschiede eher noch vergrößert als moderiert, die Chance des Abstiegs sind etwa zehn Mal so groß wie die des Aufstiegs.

Die Grundschulkollegien aber bestehen fast ausschließlich aus Frauen. Mädchen können sich in ihrer Geschlechtsidentität also innerhalb des schulischen Rahmens entwickeln, für Jungen hingegen ist es wesentlich eher notwendig, den schulischen Rahmen zu überschreiten und sich von ihm abzugrenzen. Wenn daher Latsch von „den im Sozialverhalten weniger angepassten Jungen“ spricht, dann redet er wohl nicht von einer Naturgegebenheit, sondern von einem Produkt der gegenwärtigen Schule. Die von Latsch ausdrücklich nur als Vermutung, also mit großer Vorsicht geäußerte These, dass Lehrerinnen auf Jungen besonders streng reagieren könnten und darin durch bestehende Klischees sogar bestärkt werden, ist ebenso auf die schulische Konstellation rückführbar.

Was aber an den Äußerungen von Merkel bis Stefanowitsch, die sich durch Texte von Wissenschaftlern wie Thomas Viola Rieske oder Marcel Helbig noch umfangreich ergänzen ließen, besonders auffällt, ist die Kälte, das Desinteresse, die kaum verhohlene Häme, mit der hier erwachsene Menschen über Kinder und Jugendliche reden. Jungen seien faul, so Helbig, weil

„sie es sich leisten können. Als Mann kommt man in der Gesellschaft auch nach oben, wenn man nicht viel tut.“
Das mag Helbigs persönliche Erfahrung als Mitarbeiter Jutta Allmendingers sein, die Erfahrung der meisten Jungen und jungen Männer aber trifft das nicht.

Beunruhigend ist also nicht nur, wie selbstverständlich verschiedene Akteure über die Jahre hinweg die immergleichen Klischees über Jungen wiederholen, als wären sie gerade als Erste auf die umwerfende Idee gekommen, dass Jungen faul wären, weil es die Gesellschaft ihnen zu leicht mache.

Beunruhigend ist vor allem die Gnadenlosigkeit, die im öffentlichen Reden über Jungen zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Erwachsene reden hier nicht über Kinder, sie reden über Paschas im Wartestand, denen es ganz gut täte, ein wenig ausgebremst zu werden – und sie produzieren dabei die Neuauflage einer alten, autoritären Pädagogik der Kinderfeindlichkeit, die mit modischen Geschlechterklischees bekleidet plötzlich wieder vorzeigbar wird.

Zombie-Feminismus, Antisexismus und Demokratie

„Es gibt nur einen Feminismus“, sagt die Grüne Renate Künast.  „Zu keinem Zeitpunkt gab es nur einen Feminismus wie die in Stein gemeißelte Lehrmeinung, sondern seit den Anfängen standen stets mehrere Konzepte nebeneinander“, sagt die grüne Böll-Stiftung. Wer das wiederum für einen Widerspruch hält, kennt sich nur mit dem Thema nicht richtig aus.
Wer sich aber mit dem Thema nicht richtig auskennt, wird möglicherweise schnell verwirrt von den ganz unterschiedlichen Feminismen, die ja doch alle irgendwie zusammengehören oder irgendwie auch nicht – und die auch in den Argumentationen von Männerrechtlern eine große Rolle spielen.

Problematisch ist dann aus männerrechtlicher Perspektive nicht etwa der liberale Feminismus, sondern der Radikalfeminismus, oder, in Kategorien der kritischen amerikanischen Feministin Christina Hoff Sommers, nicht der Equity-Feminismus, sondern der Gender-Feminismus. Es ist lohnend, sich mit diesen Begriffen auseinanderzusetzen – auch wenn das schließlich zu der Vermutung führt, dass sie eigentlich nicht sinnvoll sind.


Radikalfeminismus ist nicht radikal Der Begriff „radikal“ ist in seiner ursprünglichen Bedeutung ausgesprochen sympathisch –

„von Grund aus erfolgend, ganz und gar; vollständig, gründlich“
schreibt der Duden in seiner Definition. Vom lateinischen Wort für „Wurzel“ stammend, kann er beispielweise das Bemühen bezeichnen, Sachverhalte nicht nur oberflächlich, sondern von ihren Wurzeln her zu verstehen. Die klassischen Probleme von liberalen Feministinnen – das vorenthaltende Wahlrecht für Frauen zum Beispiel, oder die Barrieren für den weiblichen Universitätszugang – sind in dieser Perspektive eigentlich bloße Symptome des tieferen, eigentlichen Problems: der umfassenden „Männerherrschaft“, des „Patriarchats“.

Typisch ist dafür eine berühmte Argumentation der Feministin Susan Brownmiller aus ihrem Buch Against Our Will (Gegen unseren Willen) aus dem Jahr 1975 (dazu gab es gerade übrigens eine ausführliche Diskussion bei Alles Evolution). Vergewaltigungen sind für Brownmiller keineswegs bloß einzelne Gewaltakte, die Vergewaltigung sei vielmehr 

„nichts mehr und nichts weniger als ein bewusster Prozess der Einschüchterung, mit dem alle Männer alle Frauen in einem Zustand der Angst halten.“ (is nothing more or less than a conscious process of intimidation by which all men keep all women in a state of fear) 
Die Unterstellung, dass jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger sei, schließt sich ebenso an Brownmiller an wie die heutige Rede von einer „Rape Culture“, die unterstellt, dass unsere gesamte Kultur unterschwellig die Vergewaltigung von Frauen durch Männer fördere.

Auch Alice Schwarzer argumentiert ähnlich wie Brownmiller, wenn sie 1975 in ihrem berühmten Buch Der kleine Unterschied und seine großen Folgen von

„unserer täglichen Vergewaltigung auf allen Ebenen und in den unterschiedlichsten Formen“
schreibt.  Schon ein Jahr zuvor hatte die amerikanische Feministin Andrea Dworkin, in Woman Hating,  darüber geschrieben, dass die „Liebe“ des Mannes zur Frau ihre Zerstörung und Verkrüpplung beinhalte.

Hier werden konkrete Vorwürfe, bestimmbare und belegbare Handlungen durch Metaphern ausgetauscht – anstatt beispielsweise zu überlegen, wie die Strafverfolgung von Vergewaltigern effektiver gestaltet werden könnte, wird die Vergewaltigung schlicht und generell zum Sinnbild von Mann-Frau-Beziehungen erklärt. Frauenfeindliche Gewalt prägt aus dieser Perspektive nicht nur einzelne kriminelle Handlungen, sondern durchzieht die gesamte Gesellschaft.

Der Unterschied zwischen unschuldigen Männern und Vergewaltigern verschwindet ebenso wie der Unterschied zwischen Vergewaltigungsopfern und Frauen, die niemals in dieser Weise Opfer wurden. Dass der Begriff „Opfer“ – von Vergewaltigungen, von häuslicher Gewalt – oft durch den des „Survivor“ ersetzt wird, lässt sogar Erinnerungen an Holocaust-Überlebende anklingen.

Problematisch ist so also nicht mehr ein bestimmter Bereich der Gesellschaft, beispielsweise eine bestimmte Gesetzgebung, sondern die gesamte Gesellschaftsordnung, ja, die gesamte soziale Interaktion. Selbst alltägliche Handlungen wie das Unterbrechen einer Frau im Gespräch oder das leicht breitbeinige Sitzen in einer Bahn kann so als gewalttätiger männlicher Akt interpretiert werden.

Radikalität verkehrt sich hier in ihr Gegenteil: Der Radikalfeminismus ist vielleicht alles Mögliche, aber ganz gewiss nicht radikal. Die komplexen, unüberschaubaren Herrschaftsstrukturen moderner Gesellschaften werden in ein simples Gut-Böse-Muster aufgelöst, bei dem die Rollen unkompliziert anhand der Geschlechtszugehörigkeit von Menschen verteilt werden können. Differenzierungen erscheinen als Täuschungsmanöver, die es nicht mehr möglich machen, die gemeinsame Logik von Gesprächsunterbrechungen und Vergewaltigungen zu erkennen.

Vor allem aber kommt dieses Denken zuverlässig immer genau dort wieder an, wo es gestartet ist: Radikalfeministinnen wie Schwarzer, Brownmiller, Dworkin oder Connell kennen immer schon die Antwort, bevor sie überhaupt die Frage verstanden haben. Während sie vorgeben, in die Tiefe gesellschaftlicher Herrschaftsstrukturen hinab zu tauchen, bleiben Radikalfeministinnen also zuverlässig an der Oberfläche.

 
Wenn Männerrechtler vom Radikalfeminismus sprechen, tun sie ihm daher zu viel Ehre an. Sie akzeptieren unterschwellig den Anspruch, dass diese Form des Denkens „radikal“ sei, an die Wurzel von Problemen rühre, vielleicht mit dem Risiko, zu weit zu gehen – dabei sind Argumentationen wie die, die Schwarzer während des Kachelmann-Prozesses als Kolumnistin der Bild-Zeitung verbreitete, von einer erstaunlich schamresistenten Oberflächlichkeit: Schwarzer war sich immer schon sicher (und dies immer noch, nachdem er längst freigesprochen war), dass Kachelmann ein Täter sei, weil Kachelmann ja schließlich ein Mann ist.
 
Vom sexistischen Antisexismus Auch der Begriff des Gender-Feminismus eignet sich kaum, um zu beschreiben, was eigentlich am Feminismus problematisch ist. Der Begriff „Gender“ benennt ja eigentlich bloß die Geschlechtszugehörigkeit als eine soziale Konstruktion, und das ist grundsätzlich überhaupt nicht anstößig. Dass beispielsweise Frauen im Normalfall eher Kleider und lange Haare tragen als Männer, ist offenkundig keine Naturnotwendigkeit, sondern eine sozialen Konvention. Wer den „Gender-Feminismus“ bekämpft, erweckt schnell den Eindruck, es sei in seinen Augen generell inakzeptabel, Aspekte der Geschlechtszugehörigkeit nicht als biologisch determiniert, sondern als sozial bestimmt zu verstehen.

Problematisch aber wird die Rede vom „Gender“ durch ganz andere Aspekte. Prinzipiell vollzieht Sommers in ihrer Gegenüberstellung von Equity-Feminismus und Gender-Feminismus die Gegenüberstellung von liberalem und radikalem Feminismus nach. Während der Equity-Feminismus auf rechtliche Gleichheit von Frau und Mann konzentriert ist, hat der Gender-Feminismus einen wesentlichen breiteren Anspruch und versucht, die „Konstruiertheit“ der Geschlechterrollen umfassend auch in Alltagshandlungen nachzuweisen.

Das wäre vermutlich sogar sehr interessant, wenn dieser Anspruch nicht in aller Regel mit einem Ressentiment verbunden wäre, das dem des radikalen Feminismus gleicht: nämlich mit der Unterstellung, hinter den „Geschlechterkonstruktionen“ würden sich eigentlich Herrschaftsstrukturen verbergen. Anstatt also nach der Funktion sozialer Konstruktionen zu fragen, danach, welchen Nutzen sie haben, welche Grenzen, ob sie unter veränderten Bedingungen noch funktional sind oder dysfunktional werden – anstatt diesen Konstruktionen also zumindest potenziell einen Wert beizumessen, ist es für Gender-Feministinnen durchaus üblich, in einem auf Permanenz gestellten Entlarvungs-Gestus aufzutreten.

Wie beim Radikalfeminismus gesteht es den politischen Gegner zu viel zu, sie als „Gender-Feministinnen“ zu bezeichnen. Mit dem Gedanken, dass Geschlechtszugehörigkeit nicht nur als biologisches Programm, sondern auch als soziale Konstruktion verstanden werden kann, können schließlich auch Männerrechtler eine Menge anfangen – Warren Farrell oder Christoph Kucklick sind prominente Beispiele dafür. Gender-Feministinnen hingegen haben im Normalfall ein sehr eingeschränktes Verständnis sozialer Konstruktionen, die sie nämlich auf Herrschaftsinteressen reduzieren, welche wiederum durchgehend „männlich“ geprägt seien.

Das Problem an diesen Spielarten des Feminismus ist also weder der – verfehlte – Anspruch, radikal zu sein, noch der – massiv reduzierte – Anspruch, Geschlechter als soziale Konstruktionen zu verstehen. Das Problem ist, dass beide Konzepte sexistisch sind. Ihre Vertreter reduzieren die soziale Wirklichkeit auf Mann-Frau-Gegenüberstellungen, deren offenkundige Simplizität sie dann auch noch ihren Gegnern zur Last legen – es sei die „Männerherrschaft“ oder die „heterosexuelle Matrix“, die Menschen in den unseligen Mann-Frau-Dualismus hineinzwingen würden.

Sexistisch sind beide Konzepte, weil sie umfassend und diffus Männlichkeit mit negativen Eigenschaften – Gewalt, Herrschaft, Krieg, Schmutz, rücksichtlose Geilheit etc. – konnotieren und Weiblichkeit als ein positives Gegenstück aufbauen. 

Als „integralen Antisexismus“ beschreibt dagegen Leszek in vielen Kommentaren bei Alles Evolution seine Position (hier zum Beispiel), als einen Antisexismus mit geschlechterübergreifender Perspektive, der sich gegen geschlechtsbezogene Diskriminierungen aller stelle. Eigentlich ist dieser Begriff eine Tautologie, also doppelt gemoppelt – wenn der Antisexismus nicht integral wäre, sondern sich nur gegen die Diskriminierungen eines Geschlechts richten würde, dann würde er schließlich selbst sexistisch argumentieren.

Das Problem aber ist, das der Begriff „Antisexismus“ ebenso wie der Begriff „Sexismus“ schon besetzt ist – durch das Vorurteil, nur Frauen würden Opfer geschlechtsspezifischer Diskriminierungen werden, und nur Männer seien dabei die eigentlichen Täter. Der vorherrschende Antisexismus ist in diesem Sinne absurd sexistisch. Daher ist es bis auf Weiteres wichtig, die integrale Perspektive zu betonen – wenn es auch ein durchaus ein lohnendes Ziel wäre, zu Bedingungen beizutragen, die diese Betonung unnötig machen.

Ein bekanntes Beispiel für den sexistischen Antisexismus ist die Aufschrei-Kampagne. Der Anschein einer antisexistischen Graswurzel-Bewegung, die sich über Twitter organisiert und bei der viele Frauen ihre Erfahrungen mit alltäglichen Diskriminierungen beitragen, war tatsächlich in mehrfacher Weise gezielt konstruiert. Unter den Tausenden von Tweets war der Anteil derjenigen Kurz-Berichte, die tatsächlich persönliche Erfahrungen zum Thema hatten, sehr gering – gleichwohl wurde in Medienberichten und auch noch in der Verleihung des Grimme Online Award für die Initiatorinnen des Hypes der Eindruck erweckt, hier würden Tausende von Frauen endlich die Möglichkeit finden, sich öffentlich zu äußern.

 
Der Sexismus-Begriff wurde zudem doppelt reduziert, einerseits allein auf Opfer-Erfahrungen von Frauen, andererseits auf sexualisierte Kontexte – mit dem absurden Ergebnis, dass zwar eine verunglückte oder dämliche Anmache einer Frau durch einen Mann als Paradebeispiel für sexistische Strukturen verkauft werden konnte, Berichte von Männern aber, denen willkürlich der Kontakt zu ihren Kindern genommen wurde, in der Aufschrei-Logik nichts mit Sexismus zu tun hatte.
 
Konsequent wurden Männer nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch ausgeblendet – Schilderungen von spezifisch männlichen Erfahrungen der Benachteiligung wurden als Ablenkungsmanöver („Derailing“) denunziert. Der schließlich entstehende Eindruck einer tausendfachen, alltäglichen, spezifisch gegen Frauen gerichteten sexistischen Gewalt war also Resultat gezielter Steuerung. Wozu das alles?
 
Zombie-Feminismus und Demokratie Der Anspruch, das Patriarchat als Ganzes zu entlarven, ist allgemein deutlich weniger überzeugend als die konkrete Kritik an spezifischen Benachteiligungen – der liberale Feminismus hat auch für die meisten Männer nachvollziehbare Ziele, mit dem radikalen Feminismus hingegen können sich wohl auch die meisten Frauen nicht identifizieren.
 
Ähnliches gilt für den Gender-Feminismus: Dass unterschiedliche Erwartungen an Angehörige unterschiedliche Geschlechter nicht allein in der Biologie gründen, sondern sozial eingebunden sind, leuchtet wohl vielen ein. Dass sich in den Konstruktionen aber allüberall Machtinteressen verbergen würden, dass auch die biologische Geschlechtszugehörigkeit eigentlich eine soziale Konstruktion sei, dass diese Konstruktionen beispielsweise durch Gender-Sternchen (Frau*) oder das generische Femininum (vgl. die „Professorinnen“ von Leipzig) umkonstruiert werden könnten, bewegt sich für viele vermutlich in Bereichen politischen Voodoo-Glaubens.

Anstatt aber um Mehrheiten zu werben, ziehen sich Vertreterinnen dieser Spielarten des Feminismus in die Institutionen zurück, in Parteien, Universitäten, Medien, Parlamente – an Orte also, von denen aus politische Ziele auch ohne Mehrheiten der Bevölkerung durchzusetzen sind. Daher war die Aufschrei-Kampagne wohl auch so wichtig, und daher hat sie wohl auch so schnell so enorme Unterstützung aus den etablierten Medien erfahren – mit ihr ließ sich der Eindruck aufbauen, dass Feminismus, der sich als Staatsfeminismus längst in Hierarchiepositionen zurückgezogen hat, eigentlich doch noch eine Graswurzelbewegung sei.

 
Aufschrei steht also gleichsam für einen Zombie-Feminismus, der seine allgemeine Überzeugungskraft längst verspielt hat, der in diesem Sinne tot ist, der aber trotzdem noch durch die Welt wandert.

Es ist dabei durchaus plausibel, dass Konzepte des Gender- und Radikalfeminismus attraktiv sind für Besetzerinnen und Besetzer öffentlicher Posten. Wenn politische Ziele ohne Mehrheiten durchgesetzt werden, dann lässt sich das scheinbar eben damit legitimieren, dass die Mehrheit der Menschen in falschen Verhältnissen verstrickt, in ihren Geschlechterkonstruktionen so gefangen sei, dass nur ein intensiver Impuls aus der Hierarchie Änderungen bewirken könnte.

 
Seltsam ist allerdings, dass sich dabei niemand die Frage stellt, warum Frauen einerseits gegen eine allumfassende Männerherrschaft mit erheblichem Einsatz staatlicher Gewalt geschützt werden müssen – warum aber ausgerechnet die staatlichen Institutionen, die doch zentral für diese Herrschaft sind, sich auf die Seite der unterdrückten Frauen schlagen.
 
Seltsam ist noch ein weiterer Aspekt: Da sich der so herausgebildete Staatsfeminismus auf die Besetzung von Hierarchiepositionen konzentriert, die auf herkömmliche demokratische Weise kaum zu besetzen wären, ist es plausibel, dass Quotenforderungen im Mittelpunkt seiner Politik stehen. Nicht verständlich ist aber, warum es so eine geringe Rolle spielt, dass nur ein winziger Anteil von Frauen – nämlich gut ausgebildete und gut vernetzte, also ohnehin schon privilegierte Frauen – von der Quotenpolitik profitiert.

Es geht angesichts des Staatsfeminismus jedenfalls, genau genommen, längst nicht mehr um Fragen der angemessenen Beschreibung der Geschlechter, sondern um die Frage, ob Politik so noch demokratisch legitimiert ist. Das wird deutlich etwa in der Durchsetzung des „Gender Mainstreaming“, das in den meisten seiner Facetten schlicht eine Fortsetzung der klassischen Frauenförderung ist, das aber auf europäischer Ebene etabliert wird – ohne dass auch nur ein relevanter kleiner Teil der europäischen Bevölkerung erklären könnte, was mit „Gender Mainstreaming“ eigentlich gemeint ist.

Ein wesentlich kleineres, aber atemberaubendes Beispiel hat gerade die rot-grüne Koalition in Rheinland-Pfalz geliefert. Sie hat ein Wahlgesetz verabschiedet, nach dem auf den Wahlscheinen der Kommunalwahlen pro Partei der Anteil der Kandidatinnen ausgewiesen wird – gemeinsam mit dem Hinweis, dass Männer und Frauen gleichberechtigt seien. Damit wird der Eindruck erweckt, dass Parteien mit geringerem Frauenanteil gegen das Gesetz verstoßen würden – und gleichzeitig wird Werbung für SPD und Grüne gemacht, bei denen Dank ihrer Quotenregelungen der Anteil der Kandidatinnen jeweils erheblich höher ist als der Anteil der weiblichen Mitglieder.

Auch wenn die verantwortliche Ministerpräsidentin Maria Luise Anna Dreyer sich als „Feministin“ bezeichnet – hier geht es eigentlich nicht um Feminismus, sondern um demokratiefeindliches Agieren von Regierungsparteien. Dass sie ein Gesetz durch das Parlament drücken, nach dem auf den Wahlscheinen Informationen zum gezielten Nutzen der Regierungsparteien abgedruckt werden müssen – das ist einmalig. Der Sexismus dieser Maßnahme – die Konzentration auf Frauenbelange und das Desinteresse daran, dass der künstlich hohe Anteil an Kandidatinnen keineswegs dem Frauenanteil an der Basisarbeit entspricht – verdeckt ihren undemokratischen Gehalt nur.

Ein anderes beunruhigendes Beispiel bietet nach Berichten von Hadmut Danisch zur Zeit die Berliner Humboldt-Universität, die sich weigert, relevante Informationen zur Etablierung einer Gender-Studienganges und zur Besetzung der relevanten Posten öffentlich zu machen – als ob es nicht auch öffentliche Gelder wären, mit denen die Universität dabei hantiert.

 
So ist der feministisch grundierte Sexismus offenbar vor allem ein Machtinstrument. Demokratische Verfahren werden behindert, wenn Menschen nicht als gleichberechtigt betrachtet werden, und die Spaltung von Menschen in gegnerische Interessengruppen – Männer und Frauen, Väter und Mütter – stabilisiert Herrschaftspositionen ohnehin.

Es ist nur folgerichtig, dass eine demokratische und antisexistische Gegenbewegung sich an der Missachtung der Rechte von Männern und Jungen entzündet. Trotzdem geht es dabei um mehr – denn eine demokratiefeindliche Politik, sei sie nun rassistisch, sexistisch oder anders begründet, schadet schließlich fast allen und nicht nur denjenigen, die direkt durch rechtliche und politische Benachteiligungen betroffen sind.

tl, dr: Männerrechtler sollten sich nicht an verschiedenen Spielarten des Feminismus abarbeiten, sondern eine (integral) antisexistische, demokratische Position formulieren, die deutlich macht, dass viele Spielarten des Feminismus tatsächlich sexistisch sind und dass dieser Sexismus kaum verblümt Herrschaftsinteressen dient.

Wie man aus Jungen Ritter bastelt (und nebenbei Sadismus fördert) – Zur Politik der häuslichen Gewalt

„Wir hatten eine Küche im klassischen Siebziger Jahre Stil, Avocado-Grün. Überall war Blut, auf dem Boden, dem Kühlschrank, dem Telefon, der Ladentheke. Rot auf grün ergibt schwarz. Ich war sieben Jahre alt. Ich sah ihnen zu, wie sie meinen Papa hinten in den Krankenwagen schoben. Die Nachbarn, in Morgenmänteln und Pyjamas, standen um den Wohnblock herum. 

Mein Papa hatte spät in der Nacht noch gearbeitet (um einige Rechnungen nachzutragen) und bei seiner Rückkehr aus Versehen meine Mutter aufgeweckt. Ein Streit folgte und in einem Wutanfall nahm sie eine 25-Kaliber-Pistole aus der Kasse, die er auf der Ladentheke aufgebaut hatte, und schoß auf ihn. Mein älterer Bruder rannte zum Haus der Nachbarn und sorgte dafür, dass sie Hilfe holten.“ (1)

Höhö. Male Tears – ihr wisst schon? >;-) / Favorite drink, you ask? Maletears, on the rocks. / Frisch abgefüllt: White male tears. Twitter-Kommentare zu Leiderfahrungen von Jungen und Männern
Noch irrwitziger als dieser Mordversuch seiner Mutter an seinem Vater, von dem „David“ in der Serie „In His Own Words“ berichtet, ist die Reaktion des Opfers: Weil die Mutter ihn dringend darum bittet, lügt der Vater gegenüber der Polizei und sagt aus, dass sich der Schuss von allein gelöst habe, als ihm die Pistole hingefallen sei. 
„Innerhalb von drei Wochen, nachdem er fast in seinem eigenen Haus verblutet wäre, hatte er keine andere Wahl mehr als das zu tun, was er am besten konnte – zurück zur Arbeit zu gehen. Wir gingen zurück zur Schule, und von uns wurden gute Zeugnisse erwartet.“ (2)
Nicht nur funktioniert der Vater wie von ihm erwartet weiter, dieselbe Erwartung vererbt er auch an die Söhne. Warum aber sollte er „keine andere Wahl” gehabt haben?

Wertloser Vater, wertloser Sohn Schon zuvor hatte die Mutter einmal auf den Vater zu schießen versucht, offenbar wegen einer Ladehemmung aber hatte sich der Schuss nicht gelöst. Der Vater erkundigte sich daraufhin bei einem Anwalt über die Bedingungen, nach einer Scheidung das Recht zur Kindessorge zu erhalten.

 „Damals erhielt ein Mann nur selten die alleinige Sorge zugesprochen, fast so selten wie heute. Die Anwälte sagten ihm alle dasselbe – es wäre eine Verschwendung von Zeit und Geld. Eine Scheidung hätte für ihn bedeutet, seine Kinder zu verlassen. Papa hatte Angst, wir könnten bei einem Stiefvater enden, der Mama und uns gegenüber gewalttätig wäre. Er steckte in einer Zwickmühle, so arbeitete er einfach weiter, härter und härter.“ (3)
Hier vermischen sich realistische Wahrnehmung – das Bewusstsein der verschwindend geringen Chance zur väterlichen Kindessorge – und Vorurteil: Zumindest in der Erinnerung des Sohnes hatte der Vater mehr Angst vor einem möglicherweise gewalttätigen neuen Mann als vor der offen gewalttätigen Frau.

Vom nächtlichen Mordversuch am Vater bleibt offenbar vor allem ein Gefühl der Beschämung – embarrassment – zurück, da alle Nachbarn Zeuge geworden waren. Um der Familie weitere Peinlichkeiten zu vermeiden, ziehen die Eltern in ein alleinstehendes Haus, das der Vater nach den Vorstellungen der Mutter bauen lässt.

Als David acht Jahre alt ist, wird er Zeuge, wie seine Mutter nach jahrelangem Medikamentenmissbrauch stark blutend im Badezimmer zusammenbricht, mit neun Jahren erlebt er ihre ersten Selbstmorddrohungen. Sie schlägt den Vater und macht ihn bei anderen massiv schlecht:

„All diese Jahre hatte Papa es mit Menschen zu tun, die nur das Schlimmste von ihm dachten.” (All those years, Dad had to face people who thought the worst of him.)
Auch die Kinder versucht sie, gegen ihn aufzubringen – ein Verhalten, das erst heute als „Parental Alienation“ bekannt sei.

Schon als Junge entwickelt David Nierensteine und erlebt, wie ihm seine Mutter die Schmerzmittel aufisst. Der Vater nimmt eine Arbeit auf einer Bohrinsel an, bei der er jeweils einen Monat lang von der Familie fort ist – der Zorn der Mutter richtet sich nun gegen die Söhne. Wenn David seinen Vater, dem er ähnlich sieht, zu verteidigen versucht, beschimpft sie ihn, dass er genauso wertlos wie sein beschissener Vater sei. (“You’re as worthless as your fucking Father.”)

Erst als die Söhne 1987 alt genug sind, die Familie zu verlassen und das College zu besuchen, verlässt auch der Vater seine Frau. Im Dezember des Jahres stirbt die Mutter im Alter von 44 Jahren – David hat noch immer die Vermutung, dass sie sich umgebracht hat.

„Während der 25 Jahre ihrer Ehe hatte Papa Millionen von Dollar verdient. Als alles vorüber war, musste er sich Geld für ihre Beerdigung und ihren Grabstein leihen, um endlich seine Frau zur letzten Ruhe betten zu können.“ (4)



Wie man Ritter herstellt „Seinen Mann zu stehen“ – to man up – erwarten in den Erzählungen aus der „In His Own Words“-Reihe auch andere Männer von sich. Beim Lesen wirkt dieses männliche Verhalten allerdings wie eine Schockstarre. Es hat gewiss reale Gründe in der Sorge der Männer, die Kinder zu verlieren oder selbst als Gewalttäter präsentiert zu werden, deutlich ist aber auch die Irrationalität dieses Verhaltens: Männer flüchten sich in eine Arbeit – so wie der Vater Davids, der nach dem Job auf der Bohrinsel als Truckdriver arbeitet –, mit der sie zugleich diejenigen Bedingungen finanzieren und ermöglichen, vor denen sie flüchten müssen.

Wie er eine solche Starre erlernt hat, erzählt ein Mann, der sich „Disconnected“ – „abgekoppelt“ – nennt: „Die Herstellung eines Ritters ohne Furcht und Tadel“ (The making of a knight in shining armor)

„Als ich sechs Jahre alt war, fand ich meine Mutter, wie sie weinend am Küchentisch saß, ihren Kopf in ihren Händen vergraben. Erschrocken fragte ich sie nach dem Grund. Ohne ihren Kopf zu heben sagte sie einfach nur: ‚Weil meine Kinder solche schrecklichen Kinder sind.‘ In diesem Alter, in dem das Wort ‚Mama‘ gleichbedeutend mit dem Wort ‚Gottheit‘ ist, waren solche Worte vernichtend. Ich hatte keine Ahnung, was das Schreckliche war, das ich getan haben musste.“ (5)
Zu diesem Zeitpunkt leben die Eltern des Erzählers schon getrennt und sind in einem jahrelangen Sorgerechtsstreit verstrickt – den sie nach seiner Überzeugung beide nicht aus Interesse an den Kindern führen, sondern weil sie es nicht ertragen hätten, den anderen „gewinnen“ zu sehen („The custody battles went on for years, not because my sister and I were ‚wanted,‘ but because neither parent wanted the other to ‚win.‘”)
 
Die Mutter macht den Vater mit detaillierten Schreckensgeschichten bei den Kindern schlecht, und der Erzähler erinnert sich noch deutlich an viele körperliche Auseinandersetzungen und Schreie, die er bei seiner Mutter und ihrer Familie erlebt hat, wo er nun mit seiner Schwester lebt.
Als der Vater seinen Sohn und seine Tochter eines Tages von dort zu einem verabredeten Umgang abholt, eskaliert die Situation: Die Großmutter bedroht den Vater mit einer Pistole, der neue Freund der Mutter kann ihr die Waffe entreißen, die Kinder stehen entsetzt (der Begriff „terrified“ taucht mehrmals im Text auf) daneben. Kurze Zeit später versucht die Mutter mit den Kindern heimlich fortzuziehen – der Vater aber wird offenbar von einer Lehrerin, der sich der Junge anvertraut hatte, verständigt und fährt hinterher.

Er nimmt den Jungen schließlich mit und lässt die Tochter bei der Mutter. Sein Verhalten wirkt gefühllos, und der Junge hat, beeinflusst durch viele schreckliche Erzählungen der Mutter über den Vater, große Angst vor ihm.

„Ich wurde, im Wortsinne, in sein Auto geschmissen, während ich nach meiner Mutter schrie, der einzigen, von der ich dachte, dass sie mich beschützen würde.“ (I was literally thrown into his car, as I cried for my mother, the only one I thought would protect me.)
Doch auch wenn er den Vater als desinteressiert erlebt, fühlt er sich bald in dessen Haus sicherer als bei seiner Mutter und ihrer Familie – sein Haus sei kein „Heim geworden, aber doch zumindest ein sicherer Ort“ („his house had become ‚home;‘ if not home, at least ‚safe.‘“) Er hat nun Angst davor, wieder bei seiner Mutter leben zu müssen. Sie sichert ihm zu, dass er beim Vater bleiben kann, wenn er möchte – doch als er diesen Wunsch auch tatsächlich äußert, prügelt sie wie besinnungslos auf ihn ein.
„Und während sie über mich klagte, kreischte sie: ‚Wie kannst du nur! Das ist das Gemeinste und Schrecklichste, was du mir je gesagt hast.‘ Ich erwähnte das Thema nie wieder.“ (6)

So lebt er wieder bei seiner Mutter und erlebt durch sie und ihren neuen Partner beständige körperliche Gewalt, und noch schlimmer als er selbst wird dort sein Stiefbruder geprügelt und gedemütigt. Als er alt genug ist, selbst entscheiden zu können, zieht er zu seinem Vater. Dort erlebt er keine körperliche Gewalt, wohl aber emotionale – die er in seinem Text nicht näher beschreibt.

Er geht auf das College, hat aber enorme Angst, seinen Vater mit dessen neuer Frau allein zu lassen, die schon wiederholt Selbstmord- und Morddrohungen geäußert hatte. Nachdem sie deutlich gemacht hat, dass er nicht mehr länger willkommen ist, zieht der Erzähler mit zwanzig Jahren aus:

„Ich musste die Tatsache akzeptieren, dass mein Vater ein Erwachsener war und seine eigenen Entscheidungen getroffen hatte.“ (I had to accept the fact that my father was an adult, and had made his own choices.)
Schließlich erhält er die Nachricht vom Tod des Vaters – ein Liebhaber seiner zweiten Frau hat ihn ermordet.
„Es ist seltsam, wie Misshandlung uns dazu bringen kann, uns verantwortlich für die Misshandler zu fühlen. Es ist ein teuflischer Trick.” (It is funny how abuse can make us feel responsible for the abuser(s). It is a fiendish trick.)
Obwohl also auch das Verhältnis zu seinem Vater massiv gestört war, sei doch die Nachricht von dessen Tod vernichtend gewesen.
 
Besonders wichtig sind hier zwei Aspekte der Geschichte von der Herstellung eines Ritters ohne Furcht und Tadel: Das Kind übernimmt die Verantwortung für eben die Menschen, von denen es misshandelt wird – und diese Verantwortung bleibt ihm noch als Erwachsener. Der gleiche Erzähler berichtet in einem anderen Text, wie er später selbst in einer Beziehung mit einer gewalttätigen Frau gelebt hat. 
Dieser Zusammenhang wird von vielen Erzählern der „In his own words“-Erinnerungen hergestellt. Ein anderer Mann berichtet beispielweise davon, wie seine beständig gewalttätige Mutter nirgendwo auf ernstzunehmenden Widerstand traf, selbst seine Lehrer körperlich attackieren konnte, ohne dass das Folgen für sie gehabt hätte – und wie sie, noch als er neunzehn Jahre alt gewesen sei, mit einem Baseballschläger auf ihn eingeprügelt habe.

Derselbe Mann lebt später mit einer Frau zusammen, die den Großteil des gemeinsamen (und von ihm verdienten) Geldes zwanghaft für ihre Pferde und andere Tiere ausgibt, so dass ihm nicht einmal bei schwerer Krankheit das Geld für Medikamente bleibt.

„Ich sagte zu mir selbst: Gut, steh deinen Mann, die Familie ist pleite, und du kannst ohne Medikamente auskommen.“ (I told myself, fine, I’ll man up since the family is broke and go without medication.)
Als bei ihm Schlafapnoea diagnostiziert wird, prügelt sie auf ihn ein, während er schläft, und schreit ihn an, dass er kein richtiger Mann sein. („You’re not a man! You’re no kind of man!”)

Auch dieser Mann übernimmt die Verantwortung für seine Misshandlerin:

„Jedes Mal, wenn unsere Beziehung in den Seilen hing, retteten wir sie. Mit ‚wir‘ meine ich, dass ich meinen Mund halten musste und sie einfach so akzeptierte, wie sie war.“ (7) 
 

Wie man Sadisten herstellt Diese Übernahme von Verantwortung für misshandelnde Menschen, die in den Texten wiederholt als fragwürdiger Ausweis von „Männlichkeit“ präsentiert wird, ist absurd, hat aber offenbar eine innere Logik. Wer die Verantwortung für eine Situation übernimmt, in der er tatsächlich ratlos und hilflos ist, kann sich gleichwohl die Illusion der Handlungsmacht bewahren. Das aber ist eben die Logik, nach der Menschen ausgerechnet die Zustände aufrechterhalten und tragen, in denen sie gequält werden, mehr noch: Je mehr sie gequält werden, desto verantwortlicher fühlen sie sich offenbar.

Verschärft wird diese Logik noch durch objektive Zwänge, insbesondere die Sorge um die eigenen Kinder. In eben diesen objektiven Zwängen unterscheidet sich wohl auch die häusliche Gewalt, die Männer von Frauen erleben, von derjenigen, die Frauen durch Männer erfahren. Wenn es auch kurzschlüssig ist, die Logik der Ritterherstellung aus den Erzählungen unvermittelt auf die politische Ebene zu übertragen, sind manche Ähnlichkeiten doch auffällig.

Allein die Idee des „Patriarchats“ oder der „Männerherrschaft“ erweckt – gerade weil sie notorisch diffus bleibt – den Eindruck einer umfassenden männlichen Handlungsmacht, die reale Lebenssituationen realer Männer meist auf absurde Weise verfehlt. Während aber Männer insgesamt weiterhin, wie die Männer in den Erzählungen, selbstverständlich den Löwenanteil der Erwerbsarbeit leisten und dabei im Schnitt um einige Jahre eher sterben als die Frauen, wird ihnen eben das in politischen Diskussionen („Gender Pay Gap“) ganz selbstverständlich als Ausweis ihrer „Herrschaft“ zugerechnet.

Besorgniserregend sind insbesondere die Reaktionen auf Männer, die öffentlich zeigen, dass sie unter ihren Lebensumständen leiden – die sich also gleichsam ohne Rüstung und heruntergeklapptes Visier präsentieren. Mit großer, steuergeldbefeuerter institutioneller Unterstützung denunzieren dann beispielweise Wissenschaftler wie Ilse Lenz oder Hinrich Rosenbrock die öffentliche Rede von männlichen Opfern als „Opferideologie“ – als ob es logisch undenkbar wäre, dass auch Männer und nicht allein Frauen geschlechtsspezifisch benachteiligt werden könnten.

Dass diese Position ebenso inhuman wie sachlich unhaltbar ist, merken ihre Protagonisten wohl auch selbst – sie revidieren ihre Position deswegen allerdings nicht, sondern vermeiden lediglich offene Diskussionen und sorgen dafür, dass sie nur vor handverlesenem Publikum sprechen müssen. Ein aktuelles Beispiel ist eine Veranstaltung der grünen, aus Steuermitteln finanzierten Heinrich-Böll-Stiftung mit Rosenbrock, bei der Zuhörer nur nach vorheriger namentlicher Anmeldung zugelassen werden. 

Diese institutionellen Ausgrenzungen männlicher Leiderfahrungen spiegeln sich in Blogs oder bei Twitter in offener Häme. Ein aktuelles Beispiel sind die höhnischen Kommentare von Frauen und auch Männern auf einen Artikel der Süddeutschen Zeitung, in dem ein Mann über die spezifischen Probleme geschrieben hatte, mit denen er als Vater konfrontiert ist. Wieder und wieder, und ohne alle Scham, wird in sozialen Netzwerken offene Freude über „male tears“ – mannliche Tränen – geäußert. Auch Jasna Strick mischt mit, die für ihre Beteiligung am Aufschrei-Hype mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet wurde. Sie kalauert über frisch abgefüllte Tränen weißer Männer oder verkündet: „Männertränen sind mein Gummibärensaft.“

Diese Mischung aus Infantilität („Gummibärensaft“) und unbekümmertem Sadismus, der Freude am Leid anderer, ist das passende Gegenstück zum Ritter, der einerseits in seiner Rüstung – in der er eigentlich erstarrt ist – gegen jede Verletzung gefeit scheint und der zugleich die Verantwortung für andere trägt, ohne zu fragen, ob nicht erwachsene Menschen für ihr Verhalten selbst verantwortlich sein könnten.

Für ein ziviles Verhältnis der Geschlechter sind Ritter und Sadisten offenkundig ungeeignet – und institutionelle Unterstützung für die Herstellung beider, wie beispielweise die Heinrich-Böll-Stiftung sie leistet, ist ebenso offenkundig nicht zu rechtfertigen.

Ich habe alle Zitate aus der „In his own words“-Reihe ins Deutsche übersetzt und die kürzeren Passagen jeweils im Original mitzitiert. Hier sind die längeren Originalpassagen, die ich nicht im Text aufgeführt habe, um den Lesefluss nicht zu stören:

(1) Our kitchen was classic 1970s avocado green. Blood was everywhere, the floors, the refrigerator, the phone, the counters. Red on green makes black. I was 7-years old. I watched them put my Dad in the back of the ambulance. The neighbors, in bathrobes and pajamas, had lined the block.

My dad had worked late that night (trying to catch up on bills) and accidentally woke my Mom upon his return. An argument ensued and in a fit of rage, she took a .25 caliber pistol, from the cash register he had sat on the counter, and shot him. My older brother ran to the neighbors’ house and had them call for help.

(2)Within three weeks, after almost bleeding to death in his own home, he had no choice but to do what he did best, go back to work. We went back to school and were expected to bring home good report cards.

(3) “In those days, a man getting full custody was rare, almost as rare as it is today. The lawyers all told him the same thing — it’s a waste of time and money. Divorce meant leaving his children. Dad was afraid we’d end up in a home with a man who may have been abusive to Mom and us. He was trapped in a “Catch 22,” so, he kept working, harder and harder.”

(4) During their 25 year marriage, Dad made millions of dollars. When all was said and done, he had to borrow money to pay for her funeral and headstone, so he could finally lay his wife to rest.

(5) At the age of 6, I remember finding my mother at the kitchen table crying, her head buried in her hands. Terrified, I asked why. She never lifted her head, but only said to me, “Because my children are such horrible children.” At a time when “Mom” is synonymous with “Deity,” those words were crushing. I had no idea what terrible thing I must have done.

(6)As she wailed on me, she screeched, “How dare you! That is the meanest, most terrible thing anyone has ever said to me.” I did not bring it up again.

(7) Every single time our relationship has been on the ropes, “we” fixed it. And by “we” I mean I had to keep my mouth shut and just accept that’s how she was.

Der Staat als Gewalttäter – Wie staatliche Institutionen bei häuslicher Gewalt mitmischen

Das amerikanische Justizministerium begeht den Monat Oktober als Monat zur Aufklärung über häusliche Gewalt („Domestic Violence Awareness Month“)  – in Zusammenarbeit mit dem „Office on Violence Against Women“. Gegen die damit nahegelegte Konzentration auf männliche Täter und weibliche Opfer hat die amerikanische Psychologin Tara Palmatier, die auf die Beratung von Männern gewalttätiger (Ex-)Partnerinnen spezialisiert ist, einen Monat der Aufklärung häuslicher Gewalt gegen Männer und Jungen initiiert – gemeinsam mit einer Hotline für männliche und weibliche Opfer häuslicher Gewalt und mit der männerrechtlichen Webseite „A Voice for Men“.
An jedem Oktobertag dieses Jahres veröffentlichte sie daher in ihrem eigenen Blog  und bei AVfM einen Bericht eines Mannes, der Gewalt durch eine Partnerin erlebt hat: „In his own words“. Einunddreißig Geschichten von Männern, die Gewalt durch die Partnerin erleben.
Ein Geschichte von einem Mann beispielweise, dem seine Partnerin mit einer Pistole in den Bauch schießt, der sie bei der Polizei deckt und der drei Wochen später schon wieder arbeiten geht, um seine Familie zu ernähren.
 
Eine Geschichte von einem Mann, dessen Frau unzählige Pferde, Ziegen, Hühner, Hunde, Katzen und andere Tiere im Haus und angrenzenden Stall hält, und der es hinnimmt, dass sie dafür die Familie finanziell ruiniert, er sich schwerkrank nicht einmal Medikamente kaufen kann und wiederholt von ihr geschlagen wird. 
 
Eine Geschichte von einem Vater und Lehrer, der schlüssige Beweise dafür liefern kann, dass seine Frau ihn misshandelt hat, für den sein Schulleiter, die stellvertretende Schulleitung, unzählige Kollegen, zwei Eheberater und viele andere aussagen, während bei der Frau erhebliche psychische Störungen diagnostiziert werden – und der trotzdem erleben muss, wie das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder der Mutter zugesprochen wird. 
 
Eine Geschichte von einem Mann, der nach einem zwölfstündigen Arbeitstag bereitwillig die Hausarbeit übernimmt, während die Frau den Tag über durch verschiedene Internet-Partnerbörsen surft. 
 
Eine Geschichte von einem Mann, der von seiner Frau nachts immer wieder wegen nichtiger Gründe aus dem gemeinsamen Haus geworfen wird – auch wenn sie dann die drei Kinder im Alter zwischen einem und vier Jahren dort allein lässt, weil sie selbst trinken geht.

Diese und viele andere Geschichten erscheinen unglaublich. Natürlich geben sie die Realität aus einer bestimmten Perspektive wieder, der eines direkt Betroffenen, und aus anderer Perspektive würden manche Geschichte möglicherweise anders klingen. Gleichwohl gibt es auffällige Ähnlichkeiten zwischen ihnen, die über den Einzelfall hinaus aussagekräftig sind.

Das betrifft insbesondere die Geschichten, in denen Kinder direkt involviert sind.

Mit Verrücktheit gegen Verrücktheit

„Ich habe mich dafür geschämt, dass ich es mir von ihr habe gefallen lassen, wie sie beständig während ihrer Wutausbrüche Schränke, Geschirr und andere Dinge absichtlich zerstörte.“ („I was embarrassed that I would put up with someone who was always breaking cupboards, dishes and other things on purpose during tantrums.“)
Beschämung – embarrassment – ist einer der zentralen Begriffe vieler dieser Geschichten. Nicht diejenigen schämen sich hier, die andere misshandeln, Familien für sinnlose Einkäufe finanziell ruinieren, Kinder verwahrlosen lassen oder quälen und andere mit Schimpfworten malträtieren  – sondern diejenigen, die dieses Verhalten erleben und die kein Mittel dagegen finden.

Das gilt auch für Max, der beschreibt, wie er sich und seine Kinder schließlich habe retten können.  Er erzählt davon, wie seine Frau sich schon zu einer Zeit, als die gemeinsamen Kinder noch sehr jung waren, beständig mit Internet-Bekanntschaften traf, wie sie das gemeinsame Baby einfach auf einem Kinderhochstuhl festschnallte und in seinen vollen Windeln vor den Fernseher setzte oder wie sich das Baby (vielleicht auch sie dem Baby) den Arm brach und es dann über Stunden hinweg mit gebrochenem Arm in seine Krippe legte, darauf wartend, dass Max nach Hause käme und sich um das Kind kümmern würde.

 
Er erzählt davon, wie sie ihn regelmäßig schlug, trat und kratzte, wie ihre Gewalt mehr und mehr eskalierte und die Dinge, die sie nach ihm warf, immer größer wurden.
 
Er erzählt – wie übrigens eine Reihe von Männern in den Berichten – davon, dass seine Ex-Partnerin ihn wiederholt attackierte, als er schlief, und dass er sich beim Einschlafen oft gefragt habe, ob sie wohl in der kommenden Nacht den versteckten Baseballschläger finden würde.

Angesichts solcher Erfahrungen wird die Scham plausibler. Wenn Max von ihnen berichtet, muss er damit rechnen, dass seine Zuhörer entweder am Wahrheitsgehalt seiner Erzählungen zweifeln oder dass sie ihn für verrückt und würdelos erklären, eine solche Situation freiwillig auszuhalten. Wenn es denn stimmt, was er berichtet – warum ging er dann nicht einfach?

„Aber ich hatte Angst davor zu gehen, Angst die Scheidung einzureichen. Auf keine Fall hätte ich meine Kinder allein bei einem solchen Menschen leben lassen.“ („But I was scared to leave, scared to divorce. No way I could abandon my kids to live alone with someone like that.”) 
Dass Männer aus Sorge um die Kinder bei der misshandelnden Frau bleiben, ist regelrecht ein Leitmotiv der von Palmatier herausgegebenen Texte. Es ist zudem ein plausibles Motiv, denn zugleich berichten viele Männer von der Aussichtslosigkeit, nach einer Trennung das Sorgerecht zu erhalten – selbst dann, wenn gewichtiger Gründe für die väterliche und gegen die mütterliche Sorge sprechen.
 
So stecken sie in einem Dilemma fest: Wenn sie bleiben, dann liefern sie ihre Kinder einer Gewaltsituation aus – wenn sie gehen, dann liefern sie ihre Kinder einer Gewaltsituation aus, in der sie ihnen selbst nicht mehr helfen können. Wie also hat „Max“ eine Lösung dafür gefunden?
„Ungefähr um diese Zeit [am Ende der Ehe] bekam ich mein erstes Smartphone mit einer Funktion für Bild- und Tonaufnahmen. Mir wurde klar, dass ich es IMMER dabei haben sollte.“ („Around the same time, I got my first smartphone with video and audio recording features. It occurred to me that I should ALWAYS have it on me.”) 
“ABR – Always Be Recording” (“Nimm alles auf.”) sei das Prinzip gewesen, dass sein und seiner Kinder Leben gerettet habe. Er habe das Smartphone immer dabei gehabt und Sorge getragen, mit ihm unauffällig Aufnahmen machen zu können.
 
Eines Abends hätte seine Frau einen massiven Wutanfall gehabt, geschrien, die Wohnungseinrichtung zerstört und ihn so hart geschlagen, dass das älteste Kind hilfesuchend einen Verwandten angerufen hätte.

Nachdem sie gemerkt habe, dass das Kind sie „verpfiffen“ hatte („ratted [her] out“), sei sie mit einem Schlachtermesser auf das Kind losgegangen, das sich im Badezimmer – dessen Tür sie einzutreten versuchte – versteckt hatte. Sie habe geschrien:

„Komm raus und schau Dir an, was du getan hast! Komm raus und sieh es dir an! Sieh dir an, wozu du mich bringst!” (“Come out here and see what you did! Come out here and watch! Watch what you are making me do!”)
Max habe schließlich die Polizei gerufen, und bei deren Eintreffen hätte die zuvor nicht zu bändigende Frau sich plötzlich ruhig und zivil verhalten. Dieses Mal aber hätte ihr das nicht geholfen, da er alles auf Video aufgenommen hätte und vorzeigen konnte.
„Und meine Kinder und ich, wir sind entkommen.“ („And my children and I, we got away.“)
Offensichtlich bietet hier nur ein fast verrücktes Verhalten – die beständige Bereitschaft zur Aufnahme des alltäglichen Lebens – die Möglichkeit, eine verrückte Situation zu beenden. Max ist sich sicher, dass er seiner Ex-Frau das Messer hätte entreißen können: Er scheute davor zurück, weil er befürchtete, ihr dabei blaue Flecken zuzufügen, die gegen ihn hätten verwendet werden können.
 
Mit dem Kindswohl gegen das Kindeswohl Sein paranoid anmutendes ABR-Prinzip spiegelt so eine radikal ungleiche, unzivile Situation wieder. Er geht – und das nach aller Erfahrung, von denen auch in den anderen Texten der Reihe erzählt wird, zu Recht – davon aus, dass ihm als Vater und selbst den Kindern von anderen nicht geglaubt, dass die Mutter auf jeden Fall geschützt und als das eigentliche Opfer wahrgenommen würde, wenn es nicht unumstößliche Beweise des Gegenteils gäbe. Das ABR-Prinzip ist eine Schlussfolgerung aus der deprimierenden Einsicht, dass angesichts häuslicher Gewalt die Aussagen von Mann und Frau nicht gleichwertig sind, sondern dass der Frau deutlich eher Glauben geschenkt wird.

Diese Ungleichheit der Wahrnehmung wirkt sich nicht allein zu Lasten des Mannes, sondern auch zu Lasten der Kinder aus. Schließlich ist das Interesse Dritter, sich ein unvoreingenommenes Bild der Situation zu verschaffen, erheblich eingeschränkt, wenn sie stillschweigend davon ausgehen, immer schon im Voraus zu wissen, wer Täter und wer Opfer ist. Dass die Situation auf diese Weise kaum geklärt werden kann, belastet natürlich vor allem diejenigen Beteiligten, die in der schwächsten Position sind – die Kinder.

Zudem wird an dem Beispiel auch deutlich, wie sehr die vorurteilsbeladene Wahrnehmung der Frau als Opfer es verhindert, ihr die angemessene Verantwortung für ihr Verhalten zuzuweisen. Wer häusliche Gewalt prinzipiell als männlich beschreibt, nimmt die Mutter kaum als aktiv Handelnde wahr – sie tritt gleichsam an die Stelle des schützenswerten Kindes. Ihr wird signalisiert, dass die eigentlich problematische Gewalt die des Mannes sei, während die Gewalt der Mutter gegen ihre Kinder oder ihren Mann vernachlässigt werden könnte.

Damit aber wird der Mutter eben gerade die Verantwortung nicht zugewiesen, die sie zum Schutz der Kinder tragen müsste. Dass die Mutter in Max‘ Erzählung ihr kleines Kind anschreit, es solle sich anschauen, was es angerichtet habe, ist also nicht nur ein Ausdruck ihrer psychotischen Wut – es ist auch ein Ausdruck der institutionellen Strukturen, auf die sie im Normalfall zählen kann. Diese Strukturen unterstützen so einen für Kinder tief schädlichen, als „Parentifizierung“ bezeichneten Prozess, in dem die Kinder gegenüber ihren eigenen Eltern in die Rolle der Erwachsenen manövriert werden.

Diese kinderfeindlichen institutionellen Strukturen werden ausgerechnet durch den Irrglauben gestützt, dass im Mittelpunkt des Familienrechts das Kindeswohl stünde. Das ist offenkundig falsch: Dem Kindeswohl wäre am besten gedient, wenn die Aussagen der beteiligten Erwachsenen jeweils mit dem gleichen Maß an Vertrauen oder Skepsis begegnet würde und wenn die Aussagen der Kinder ernst genommen und fachkundig interpretiert würden.

Eben das ist nicht der Fall, und das gilt für die USA offenbar wie für Deutschland. Ein von seinem Kind getrennter Vater berichtet beispielweise bei „In his own words“, dass seine dreijährige Tochter sich jedes Mal verzweifelt wehren würde, wenn sie zur Mutter zurück gehen solle, kann aber nichts an der Situation ändern – obwohl es deutliche Hinweise gäbe, dass die Mutter zur Kindessorge nicht geeignet sei.

„Es bringt mich um. Aber ich kann nichts machen.“ („It kills me. But there is nothing I can do.“) 
Ein anderer Vater erlebt, dass der neue Lebenspartner seiner Ex-Frau körperlich – mit Gewalt oder unangemessener Nähe – übergriffig gegenüber seinem Sohn und seiner Tochter wird, dass auch die Mutter den Sohn angreift, kann aber (obwohl der neue Lebenspartner bereits ein Vorstrafenregister hat) nichts an der Situation ändern. Das Verhalten der Mutter, auch ihre Beurteilung ihres neuen Partners, sind offensichtlich über alle Zweifel erhaben.
„Unser Land lebt im finstersten Mittelalter, wenn es um weibliche Täterinnen geht – selbst wenn sie ihre Kinder gefährden und misshandeln.” („our county is in the Dark Ages when it comes to female abusers — even when they’re endangering and abusing their kids.”)
 
Der Staat als Co-Gewalttäter Natürlich kann der Schluss daraus nicht sein, dass nun zur Abwechslung für ein paar Jahrzehnte Männern jedes Wort geglaubt werden müsse – die Erzählungen sind Darstellungen aus bestimmten Perspektiven und keine ungetrübte Wiedergabe der Realität. Auffällig aber ist, und das gilt für Deutschland ebenso wie für die USA, dass institutionelle Strukturen und Vorannahmen es verhindern, dass aus verschiedenen Perspektiven ein verlässliches Gesamtbild entstehen könnte.

Ein Großteil der Berichte stellt beispielweise das Verhalten offensichtlich gestörter Frauen dar. Nun ist es – das weiß ich aus eigener Erfahrung wie aus der anderer – ein gängiger anwaltlicher Rat an Männer in Trennungssituationen oder Sorgerechtsauseinandersetzungen, psychische Schwierigkeiten der Mutter nicht offen zum Thema zu machen. Männern würde dabei unterstellt, der Mutter schaden zu wollen und also ein kooperativer Verhältnis zu verweigern.

Das lässt sich noch allgemeiner fassen. In der Forschung zu Suchtkrankheiten gibt es den Begriff der „Co-Abhängigen“ – Partner von Drogensüchtigen, die ganz auf die Wahrnehmung ihrer Partner fixiert sind, die ihre Partner in deren Sucht tragen, unterstützen und schützen und die nach außen hin ein heiles Bild bewahren. Wenn es um häusliche Gewalt von Frauen geht, verhalten sich staatliche Institutionen – Ämter, Beratungsstellen, aber auch Ministerien und Gesetzgeber – ganz nach einer solchen Logik der Co-Abhängigkeit. Schlimmer noch: Sie zwingen Väter und Kinder in eben dieselbe Logik hinein, weil Väter damit rechnen müssen, bei offener Kritik an der Mutter und klarer Distanzierung von ihr den Kontakt zu den Kindern ganz zu verlieren und selbst als Täter präsentiert zu werden.

Die vielen Studien, die zeigen, dass häusliche Gewalt ebenso von Männern wie von Frauen verübt wird, machen so einen wichtigen Unterschied noch nicht deutlich genug: Während die häusliche Gewalt von Männern zu Recht offen angesprochen und in ihrer Schädlichkeit bloßgestellt wird, wird häusliche Gewalt von Frauen de facto staatlich unterstützt.

Denn dass Männer und Frauen (und auch ältere Kinder) darum wissen, wie sehr Frauen im Zweifelsfall wesentlich eher geglaubt würde als Männern, wie sie Anlaufstellen haben, die sich bewusst der Hilfe für Männer verweigern, und wie gar in staatlichen Kampagnen häusliche Gewalt als Männerdomäne präsentiert wird – das ändert natürlich auch die Dynamik der Gewalt selbst. Es ist durchaus für beide Geschlechter normal, als deren Opfer Strukturen familiärer Gewalt als aussichtslos zu erleben – für Männer aber sind sie, aufgrund der institutionell gesetzten Rahmenbedingungen, oft tatsächlich aussichtslos, solange sie den Kontakt zu ihren Kindern nicht verlieren wollen.

Wenn also eine Politikerin wie die Berliner Senatorin Dilek Kolat  – als ein Beispiel von vielen möglichen – wider besseres Wissen öffentliche Gelder einsetzt, um häusliche Gewalt als männlich und Frauen als Opfer dieser Gewalt zu präsentieren, dann ist dieses Verhalten noch destruktiver, als es schon auf den ersten Blick erscheint. Es geht dabei keineswegs nur darum, Schutz vor Gewalt exklusiv Frauen (und Kindern höchstens mitgemeint, aber auf keinen Fall Männern) zuzugestehen – obwohl das schon schlimm genug wäre.

Denn tatsächlich schützt Kolats sexistische Interpretation häuslicher Gewalt Frauen ja keineswegs. Erin Pizzey, Pionierin der Frauenhausbewegung, machte schnell die Erfahrung, dass sich ein großer Teil der beherbergten Frauen selbst gewalttätig gegenüber den Partnern verhalten hatte und dass die Gewalt oft auch von ihnen ausgegangen war. Offenkundig ist ein großer Teil der Fälle häuslicher Gewalt also Teil einer Dynamik, an der durchaus beide Erwachsenen aktiv beteiligt sind.

 
Der Schutz aller, der Männer, der Frauen und besonders der Kinder, ist daher vernünftig nur zu gewährleisten, wenn das Gewaltpotenzial aller beteiligten Erwachsenen unvoreingenommen thematisiert werden kann.

Die verbissene Interpretation häuslicher Gewalt als männlichem Machtmonopol, wie sie Kolat als eine von vielen mit großem Einsatz öffentlicher Mittel vorlegt, schützt also niemanden, nicht einmal die Frauen und schon gar nicht Männer oder Kinder.

 
Die einzig erkennbare Funktion dieser Interpretation ist nicht der Schutz der Menschen – sondern der staatliche Schutz von Gewalt, soweit sie von Frauen ausgeübt wird.

(wird fortgesetzt)

Sex, Geld und Nähe – und viele Kommentare

Der Artikel Sex, Geld und Nähe, oder: Was haben Feministinnen eigentlich gegen die Prostitution? ist sehr ausführlich kommentiert worden – so dass einige in meinen Augen sehr interessante und wichtige Beiträge leicht übersehen werden können, insbesondere, wenn sie erst in der unteren Hälfte des Kommentarstrangs auftauchen. Zumindest auf einige davon möchte ich hier aufmerksam machen – das strukturiert den langen Thread vielleicht so, dass auch andere Beiträge besser zur Geltung kommen können.
Der Kommentarstrang beginnt, noch leicht aufzufinden, mit Beiträgen von virtual-cd und Matthias, die evolutionspsychologische Aspekte des Themas stark machen und die Frage nach einer „Verschuldung“ (virtual-cd) von Männern gegenüber Frauen stellen.

Es folgen Überlegungen zu der Frage, inwieweit Männerrechtler, gerade in kritischer Absicht, eigentlich feministische Argumentationsmuster nachvollziehen sollten – und wie sich ein linker Maskulismus positionieren kann (hier stellvertretend ein Beitrag von crumar, weil er in meinen Augen viele Aspekte der Diskussion noch einmal bündelt).

„Männerrechtler müssen verstehen, daß Prostitution nur möglich ist, nachdem systematische Verletzungen der sexuellen Würde des Mannes Alltag geworden sind.“  Diesen Punkt macht Elmar Diederichs (jungsundmaedchen) in einem Beitrag und der darauffolgenden Diskussion stark.

Ausgehend von der Frage, inwieweit brachiale Ausdrucksweise eigentlich einen Platz in der Geschlechterdebatte haben sollte, entwickelte sich eine knappe, aber in meinen Augen sehr interessante und wichtige Diskussion darüber, wie stark der Sprachgebrauch in solchen Debatten eigentlich durch den sozialen Status der Beteiligten bestimmt ist – und welches Ziel Diskussionen in einem Blog wie diesem eigentlich verfolgen können.

Schließlich schreibt Thomas aus einer Freierperspektive sehr sachlich und detailliert über seine Motive, zu Prostituierten zu gehen.  Eine sehr klare Position, die einem Freier- (und allgemeiner: Männer-)Bashing wie dem gerade auf Genderama beschriebenen eine differenzierte Perspektive gegenüberstellt.

Natürlich deckt das nicht alle interessanten Kommentare ab – es folgt beispielsweise noch eine kurze Diskussion, die klarstellt, dass es bei der von Schwarzer und anderen begonnenen Kampagne nicht um die „Abschaffung“, auch nicht um das Verbot der Prostitution, sondern allein um die Bestrafung der Freier ginge. Die folgende Frage, welche Möglichkeiten Männer eigentlich hätten, auf das skizzierte Männer-Bashing“ zu reagieren, ist schon ein Ausblick auf weitere Debatten.

Die hier verlinkten Kommentare helfen vielleicht, in der Diskussion nicht den Überblick zu verlieren und lohnende Beiträge nicht zu übersehen.

Sex, Geld und Nähe, oder: Was haben Feministinnen eigentlich gegen die Prostitution?

Er möge
„dieses Thema, das nicht zu den zentralsten Anliegen der Männerrechtsbewegung gehört, nicht überstrapazieren, und auch wohlverdientes Alice-Schwarzer-Bashing ist auf Dauer nur begrenzt unterhaltsam.“
Das schreibt Arne Hoffmann auf Genderama zur Kritik an Schwarzers Appell, die Prostitution „abzuschaffen“. Das ist offensichtlich – die Forderung eines freien Zugangs zu Prostituierten als zentrales Anliegen einer politischen Bewegung zu verankern, würde das Urteil eines amerikanischen Journalisten bestätigen, die Männerrechtsbewegung habe bei weitem die schlechtesten politischen Instinkte aller Bürgerrechtsgruppen, denen er je begegnet sei („the single worst political instincts of any civil rights groups I have ever encountered“).

Dennoch berührt der Appell von Schwarzer und ihren Unterzeichnern (Senta Berger, Margot Käßmann, Wolfgang Niedecken und viele andere) Themen, die sehr wohl zentral für die Männerbewegung sind: die Frage nach der Bedeutung von Sexualität, die allgemeine Unterstellung an Männer, gewalttätig zu sein – und die Tatsache, dass Männer für Frauen bezahlen.

Dabei lassen sich die kritischen Aspekte des Appells recht schnell erledigen.

Rot-grüne Frauenhändler und der Zwang der Freiwilligkeit In einem Artikel zum Thema bringt Schwarzer das Kunststück fertig, einerseits „mindestens“ jeden zweiten Mann, aber eigentlich schlicht so viele Männer wie nur möglich als Freier von Prostituierten hinzustellen und andererseits darauf zu bestehen, dass „eine Welt ohne Prostitution“ denkbar sei. 
 
Das ist offenkundig utopisch – es geht nicht um die Abschaffung, sondern um das Verbot der Prostitution. Natürlich ist davon auszugehen, dass dadurch die Prostitution nicht verschwindet, sondern schlicht aus der Sichtbarkeit verdrängt wird. In Schweden, wo die Prostitution verboten ist und die Freier – nicht aber die Prostituierten – hart bestraft werden können, deuten einige Ergebnisse darauf hin, dass dies die Situation für Prostituierte eher erschwert als verbessert.
„Hinweise darauf, dass sich das Sicherheitsgefühl von Frauen in der Prostitution verschlechtert hat, sowie auf die Verschlechterung der Situation von Migrantinnen werden in Schweden zugunsten eines höheren gesellschaftlichen Ziels ausgeblendet“,
schreibt dazu das deutsche Familien- und Frauenministerium.

„Auch die Abschaffung der Sklaverei galt vor gar nicht so langer Zeit noch als Utopie.“ In diesem Zitat aus dem Appell geraten Schwarzer und ihren Unterzeichnern offenbar moralischen Verurteilung und sachliche Bewertung durcheinander: Dass für sie – im Unterschied zu Prostituierten selbst  – Prostitution moralisch mit der Sklaverei gleichzusetzen ist, bedeutet schließlich noch nicht, dass sie tatsächlich ebenso abgeschafft werden kann. 

„Die Reform des Prostitutionsgesetzes 2002, die angeblich den geschätzt 700.000 Frauen (Mittelwert) in der Prostitution nutzen sollte, trägt die Handschrift der Frauenhändler und ihrer LobbyistInnen.“
Bei Sätzen wie diesen sind Zweifel angebracht, ob Schwarzers Unterzeichner den Text vor ihrer Unterschrift eigentlich zumindest oberflächlich gelesen hatten. Immerhin unterstellen sie hier ohne alle Belege der verantwortlichen rot-grünen Regierung, dass internationale Frauenhändler sie gekauft und sich damit die Möglichkeit verschafft hätten, Gesetze nach ihrem Gutdünken zu formulieren und durch das Parlament zu bringen.

„Das System Prostitution degradiert Frauen zum käuflichen Geschlecht (…).“ Das kann so nur jemand behaupten, der sexuellen Verkehr zwischen Frauen und Männern, ganz gleich welcher Art, als Inbesitznahme der Frau durch den Mann versteht. Ganz im Einklang damit wird eine „Deregulierung von Frauenhandel und Prostitution“ gefordert – als ob Frauenhandel, der weiterhin natürlich verboten ist, durch die rot-grüne Regierung „dereguliert“ worden sei. Die pauschale Bewertung der Prostitution als Kauf der Frau durch den Mann erlaubt es nicht, Unterschiede zwischen freiwilliger Prostitution und Zwangsprostitution wahrzunehmen.

Ob so tatsächlich die Zwangsprostitution verhindert werden kann, ist fragwürdig.

„Meines Erachtens bekämpft man Zwangsprostitution am Besten, indem man Prostitution legalisiert, weil dies den Schwarzmarkt eindämmen, Licht in das Dunkel verbrecherischer mafiöser Strukturen werfen und diesen die Geschäftsgrundlage entziehen würde“,
schreibt Adrian im Blog Gay West
Auch wenn eingeräumt wird, dass die Legalisierung der Prostitution polizeiliche Razzien in Bordellen erschwert hat und so auch die illegale Zwangsprostitution begünstigen könnte, lässt sich dieses Problem klären, ohne die Prostitution insgesamt wieder zu verbieten (dazu z.B. die Frankfurter Rundschau in einem Text zu den Koalitionsverhandlungen). 
 
So schießt die Forderung nach einer „Abschaffung“ der Prostitution in ihren Metaphern und Vergleichen – Schwarzer setzt in einem anderen Text gar Prostituierte mit sexuell missbrauchten Kindern gleich  – und auch in ihren Forderungen deutlich über das sachlich Begründbare hinaus. Der Bezug auf die Zwangsprostitution ist offenbar nötig, weil sonst die Forderung nach einem Verbot der Prostitution kaum begründbar wäre – gleichwohl geht es um die Prostitution insgesamt, nicht um den ohnehin schon illegalen Zwang. 
Was genau aber haben Schwarzer und ihre Unterzeichner eigentlich gegen die Prostitution?

Geld gegen Nähe, oder: Warum man mit der patriarchalen Dividende nicht gut für Sex bezahlen kann  Die Frage wird umso interessanter, als einige Aspekte der Prostitution einer misandrischen Feministin doch eigentlich gut gefallen müssten. Der Mann zahlt hier für die Nähe einer Frau – „Nähe“ nicht verstanden in einem emphatisch-sentimentalen Sinn als Begegnung der Seelen, aber doch als körperliche Nähe. Aus einer männerpolitischen Perspektive ist dieser Aspekt der Prostitution eher abschreckend (und für mich persönlich war das übrigens ein Grund, weshalb ich niemals zu Prostituierten gegangen bin).

Es gibt schließlich keinen vernünftigen Grund, weshalb die Körperlichkeit, die Nähe, die Aufmerksamkeit eines Mannes weniger wert sein sollten als die Körperlichkeit, die Nähe oder die Aufmerksamkeit einer Frau. Wenn ich die Nähe zu einer Frau wünsche und erleben kann, dann ist meine Nähe zu ihr eine völlig ausreichende Gegenleistung – ich sehe keinen Grund, weshalb ihr oder mir darüber hinaus noch weitere Kompensationsansprüche entstehen sollten. Dass Männer für die Nähe von Frauen zu bezahlen haben, ist ein Aspekt der Prostitution, der sie für Männer entwürdigend machen kann – es ist, als ob eine Frau dafür entschädigt werden müsste, dass sie die körperliche Nähe eines Mannes erträgt.

Hier allerdings passt sich die Prostitution offenkundig gut in traditionelle Formen der Beziehungsanbahnung ein. Dass der Mann zunächst einmal zu bezahlen, also beispielsweise bei einem Rendezvous die Frau einzuladen habe, ist eine tradierte Selbstverständlichkeit, der auch heute noch viel Frauen und Männer nachhängen. Erklärbar ist das leicht mit Rückgriff auf evolutionspsychologische Erwägungen: Der Mann müsse demnach, um für eine Frau als Partner in Frage zu kommen, zunächst einmal seine Bereitschaft und Fähigkeit belegen, für die Frau – und mögliche Nachkommen – zu sorgen und seine verfügbaren Mittel nicht allein für sich selbst zu investieren.

Heute jedoch, da ja so klare Zuordnungen des Geschlechterverhaltens längst an Funktionalität verloren haben, bekommt die Erwartung an den Mann, für beide zu zahlen, einen anderen Charakter – zumindest wenn sie über die rein spielerische Inszenierung traditioneller Rollen hinausgeht. Diese Erwartung suggeriert nun, dass Nähe und Aufmerksamkeit des Mannes als Gegenstück zur Nähe und Aufmerksamkeit der Frau nicht ausreichen können, sondern dass der Frau eine weitere Kompensation zustünde.

Warum aber sind Strukturen, in denen der Mann implizit einen geringeren Wert als die Frau hat und dies durch finanziellen Einsatz ausgleichen muss, für misandrische Feministinnen nicht attraktiv?

Das lässt sich gut an einem Text erklären, der zufällig fast zeitgleich mit Schwarzers Appell erschien und der hier schon Thema war. Wenn Antje Schrupp erklärt, wodurch sie ein unfreundlicher Mensch wurde, und zur Begründung von einem Erlebnis als Vierzehnjähige berichtet, dann greift sie damit eigentlich auf ein sehr traditionelles literarisches Muster zurück: auf das der Initiationsgeschichte.

 
Sie erlebt aber gleichsam eine pervertierte Initiation, nicht einen Eintritt in die Welt, sondern einen in das „Patriarchat“. Anders als bei klassischen Schriftstellerinnen wie etwa Jane Austen, die wieder und wieder „a young lady’s entrance into the world“ gestalteten, sind bei Schrupp die Konsequenzen dieses Eintritts negativ, nicht positiv. Sie gewinnt nicht dazu, indem sie sich der Welt und die Welt sich ihr öffnet, sondern sie verliert etwas – als Frau und junges Mädchen sei sie eigentlich schon vollständig, ruhend in sich gewesen, die patriarchale Gewalt habe sie aber gleichsam aus ihrem Schwerpunkt gerissen.

Diese Phantasie einer umfassenden männlichen Herrschaft, die übrigens deutlich narzisstische Züge trägt, prägt auch Schwarzers Appell. Es ist für sie und ihre Unterschreiber uninteressant, mit Prostituierten selbst zu sprechen, so wie auch die Unterschiede der Lebensbedingungen von Zwangsprostituierten oder Luxus-Callgirls, von Frauen auf dem Drogenstrich oder in der Gelegenheitsprostitution sie nichts anzugehen scheinen. Männliche Prostituierte oder weibliche Kundinnen haben im Bild erst recht nichts zu suchen und werden bestenfalls am Rande einmal pflichtschuldig erwähnt. Die Prostitution ist hier schlicht ein Anlass, um noch einmal das alte Lied von der Männerherrschaft anzustimmen.

Eben diese Fiktion einer umfassenden patriarchalen Gewalt aber begründet weibliche Kompensationsansprüche an Männer neu, die eigentlich schon längst zu Gunsten einer gleichberechtigten Geschlechterbeziehung hätten aufgegeben werden müssen. Da Frauen in einer feministisch inspirierten Geschlechterpolitik rundweg als Geschädigte einer diffus bleibenden, aber offenbar unerschütterlichen männlichen Dominanz dargestellt werden, ist auch der Ausgleich, der ihnen demnach zustehe, prinzipiell unendlich groß. Es ist schlicht kein Punkt erkennbar, an dem „das Patriarchat“ und seine Nutznießer (prinzipiell alle Männer) für die Sünde ihrer Dominanz genug bezahlt hätten.

Eben deshalb aber erleben Feministinnen wie Schwarzer die Prostitution wohl als Provokation. Auch hier müssen Männer Frauen dafür finanziell kompensieren, dass sie sich ihnen überhaupt nähern – hier aber ist die Kompensation, so groß sie auch sein mag, prinzipiell begrenzt und Ergebnis von Aushandlungsprozessen, an denen beide Seiten freiwillig beteiligt sind.

Daher ist denn auch für Schwarzer und andere der Gedanke so unerträglich, dass es Frauen gibt, die sich freiwillig prostituieren – sie sind dann nämlich keine hilflosen Opfer männlicher Dominanz, und wenn der Mann den vereinbarten Preis bezahlt hat, dann hat er auch genug geleistet und ist ihr darüber hinaus nichts weiter schuldig. Eben das akzeptieren die Unterstützer eines Prostitutionsverbots nicht – auch und gerade dann, wenn der Mann bezahlt hat, hat er nicht etwa seine Schuldigkeit getan, sondern muss nach ihren Vorstellungen darüber hinaus dafür bestraft werden, dass er sich als Nutznießer der patriarchalen Dividende eine Frau verfügbar gemacht habe.

 

Wer genau ist hier eigentlich pervers? Gleichwohl ist die Prostitution kein ganz normaler Beruf. Würde eine Schülerin im Unterricht erzählen, dass ihr Berufswunsch „Prostituierte“ sei, dann würden Lehrer vermutlich eher irritiert reagieren, als ihr etwa zuzuraten, dass sie dort gewiss viele interessante Leute kennen lernen würde o.ä. Allerdings habe ich als Lehrer auch noch nie einen Jungen erlebt, dessen Berufswunsch die Arbeit bei der Müllabfuhr oder im Straßenbau gewesen wäre. Es ist selbstverständlich, dass junge Männer diese und andere, möglicherweise stark gesundheitsgefährdende Berufe nicht aus Neigung, sondern aus finanzieller Notwendigkeit ergreifen. Warum ist das so viel weniger skandalös als die weibliche Prostitution?
„Mit dem Verbot der Prostitution würde man zur absurden Situation gelangen, dass Sex legal ist, Geld verdienen legal ist, aber die Verbindung zwischen beidem nicht“,
schreibt Adrian in seinem Text. Ganz normale alltägliche Aushandlungsprozesse werden offenbar illegitim, sobald Sexualität im Spiel ist, und alltägliche Sexualität wird illegitim, sobald sie in Aushandlungsprozesse eingebunden wird. Das ist nur mit einem sehr unplausiblen Bild von Sexualität erklärbar.

Einerseits wird Sexualität hier offenbar weiterhin und gegen alle Sexualaufklärung der vergangenen Jahrzehnte als etwas Sündhaftes und Schmutziges erlebt – als etwas, das auch normale geschäftliche Beziehungen beschmutzt, die in anderen Kontexten unzweifelhaft legal wären.

Andererseits kann Sexualität aus ihrer Sündhaftigkeit offenbar erlöst werden – wenn sie als etwas Reines, Unverdorbenes daherkommt, als völlig freie Begegnung der Seelen. Diese Erlösung aber wird ihr natürlich versagt, wenn sie in alltägliche Aushandlungsprozesse eingebunden und bezahlt wird.
 

Auf diese Weise ist der Appell von einem krassen Schwarz-Weiß-Bild der Sexualität geprägt, das zwischen Verdammung und Sakralisierung schwankt und dessen Seiten kaum miteinander vereinbar sind. Ein pragmatischer, nüchterner Umgang der Geschlechter miteinander ist damit kaum möglich. Dies ist umso gravierender, als der Appell beide Seiten der Sexualität ja sauber zwischen den Geschlechtern aufteilt – würde nicht der männlichen Sexualität der schmutzige, der weiblichen aber der reine Teil zugewiesen, dann ließe sich beispielsweise kaum erklären, warum denn die (männlichen) Freier bestraft werden sollen, die (weiblichen) Prostituierten aber nicht.

Schwarzers Unterschreiber haben möglicherweise subjektiv das Motiv, liebevollere, respektvollere Beziehungen zwischen den Geschlechtern zu ermöglichen. Die Unterstützung eines misandrisch begründeten Prostitutionsverbots trägt dazu offenkundig nichts bei. Wesentlich sinnvoller wäre es zu akzeptieren, dass sich keines der Geschlechter an das andere prinzipiell endlos verschuldet hat – und dass auch Liebe, Nähe und Sexualität natürlich Gegenstände alltäglicher ziviler Aushandlungsprozesse sein können, in denen Begriffe wie Fairness und Autonomie wesentlich wichtiger sind als Kontraste von Sünde und Heiligkeit.

Eines der grausamsten und destruktivsten deutschen Gesetze, die ich kenne, etabliert Bedingungen, in denen eine Mutter sich – nicht nur für die Kinder, sondern vor allem für sich selbst – eben gerade dadurch den Anspruch auf umfangreiche Zahlungen durch den Vater erwirbt, dass sie Väter und Kinder willkürlich voneinander trennt und die väterliche Sorge für die Kinder verhindert. Ich kenne viele Väter und Kinder (mich und unser Kind eingeschlossen), die unter solchen Regelungen erheblich leiden.

Dadurch, dass er der Frau nahe gekommen ist und ein Kind mit ihr gezeugt hat, ist ein Mann offenbar in einer Weise kompensationspflichtig geworden, die alle herkömmlichen Fairness-Erwägungen und Überlegungen zum Kindeswohl außer Kraft setzt. Es sind solche Regelungen, die das Prinzip Geld gegen Nähe in Gesetzesform gießen und endgültig in die Perversion treiben.

Wer also tatsächlich liebevollere und respektvollere Beziehungen zwischen den Geschlechtern befördern möchte, hat hier gute, mannigfaltige und lohnende Möglichkeiten, tätig zu werden.